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The Avengers

Joss Whedon hat diesen Erfolg sicherlich verdient. Nachdem nahezu jede seiner Serien verschandelt oder abgesetzt und diverse Drehbücher oder Filmprojekte nicht realisiert wurden, hat der Autor und Regisseur – der mit Buffy ohne Frage einen postmodernen Trash-Mythos geschaffen hat und der mit »Astonishing X-Men« zudem früh sein Talent für Widescreen-Superhelden-Teams bewies – sicherlich die Chance eines Films mit großem Budget verdient. Tatsächlich wird die Entscheidung, »The Avengers« von einem zwar in Nerdkreisen sicher namhaften, aber im Kino nahezu unbekannten Regisseur umsetzen zu lassen, Marvel relativ leicht gefallen sein: Eine Kombination aus gleich vier etablierten Franchise-Charakteren wäre so oder so ein Blockbuster geworden, selbst völlig auf Autopilot. Zumal die Art von Unterhaltung ohnehin von einer riesigen Maschinerie aus Produzenten und Assistenten realisiert wird und jeder Regisseur sehr klaren Studio-Vorgaben folgen muss.

So auch Whedeon, der zwar ein eigenes Drehbuch gegen das bereits vorhandene Material durchsetzen konnte, aber vom Studio eine klare Struktur der »Highlights« des Films vorgegeben bekam. Kaum nötig – er dürfte gewusst haben, dass es zum guten Ton der klassischen Marvel-Mythologie gehört, dass sich die Helden erst einmal unter dem Vorwand eines Missverständnisses gegenseitig bekämpfen, um die ewige Frage der Fans »Wer ist stärker…?« zu beantworten. Und dass ein Meta-Film, der quasi die vier Filmserien »Iron Man«, »Thor«, »Captain America« und »Hulk« zum Vorspiel erklärt, am Ende eine orgiastische Effektschlacht liefern muss, liegt wohl ebenfalls auf der Hand.

Was 1963 in den Comics für Stan Lee und Jack Kirby eine nahe liegende Idee war – was einzeln erfolgreich ist, kann als »Supergroup«» nur erfolgreicher sein -, ist im Film etwas komplizierter, vor allem aber teurer. Zu erwarten, dass es bei »The Avengers« um irgendetwas anderes als den Summer-Hit schlechthin ginge, wäre ein Denkfehler – it’s all about the explosions, baby. Kein Wunder also, dass Whedon in diesem Film nahezu unsichtbar wird und unter einer Art Roland-Emmerich-Camouflage verschwindet. Seine eigentliche Stärken kann er hier im Gegensatz zu einer Serienstruktur sozusagen infrastrukturell kaum ausspielen. Was von ihm bleibt, ist ein gutes Ohr für Dialoge und sein Flair für emotionale Achterbahn.

Die Kunst von »The Avengers« ist, dass Whedon das an sich unvereinbare Design von so unterschiedlichen Ansätzen wie »Thor« und »Iron Man« überhaupt auf respektable Art und Weise auf einen gemeinsamen Bildschirm kriegt. Das Indiana-Jones-Flair von Captain America gegen die neongrüne CGI-Orgie des Gamma-Hulks, aber auch der Fantasy-Pathos von Thor gegenüber dem Mensch-im-Panzer-Zynismus von Tony Stark – Whedon gibt den individuellen Charakter der einzelnen Filmserien nicht auf, nutzt die ästhetischen Brüche sogar, um die Inkompatibilität der Charaktere zu betonen. Wir müssen nicht erklärt bekommen, dass Steve Rogers und Tony Stark aus verschiedenen Welten kommen, wir können es sehen. Die zusätzlichen Figuren, die Whedon in diesen Cocktail mischt – Hawkeye, Black Widow, Nick Fury, Maria Hill – schaffen einen homogenen Rahmen zwischen diesen extremen Charakteren und betonen in ihrer relativen Glaubhaftigkeit zusätzlich die schiere Unmöglichkeit der anderen vier Figuren.

Denn Whedons Charaktere um die großen vier Legenden herum wirken geerdeter, bescheidener und damit zugänglicher. Hill und Fury agieren als die angenervten Eltern dieser dysfunktionalen Zwangsfamilie, Clint Barton ist der zickige Bruder, Romanoff die coole Schwester und Agent Coulson ist der Onkel, der immer zu streng wirkt, im dritten Akt aber zeigt, dass sein Herz natürlich am rechten Fleck ist. In den besten Momenten, in denen die Balance zwischen einer Art massenkompatibler Fassung Whedonesquer Screwball-Dialoge und einer für Action-Film gewagten Langatmigkeit eingermaßen gelingt, ist »The Avengers« fast ein Wes-Anderson-Film. Die Settings sind nicht weniger bizarr als die von »Darjeeling Limited« oder »Life Aquatic« und die konkrete Handlung wie bei Anderson auch nur ein Vorwand für absurde Charaktermomente. Ein kunterbunter Haufen kaputter Typen, die nicht richtig in die Welt gebaut sind, aber gottähnliche Fähigkeiten haben – das sind nicht nur die Helden selbst, sondern auch ein Gegenspieler, der sozusagen ein rebellierender Verwandter ist, eben der übliche Familienzwist. Was bei Anderson sorgsam kuratierte Szenenbilder von surrealer Schönheit sind, ist bei Whedon eben die amerikanischere, grellbunte Pop-Art-Oper, in der nahtlos die SF-Ritterrüstung von Iron Man und die Wagner-Opernwelt nordischer Götter nebeneinanderstehen und zusammen auf Überbleibsel aus der Men-In-Black-Trickeffektkiste treffen. Irritierenderweise bleiben die sich anbietenden psychologischen Gegensätze der Figuren dabei nahezu ungenutzt, die Kultur-Clash vollzieht sich an der Wasseroberfläche, fast auf Designebene. Die erzählerische Chance, dass hier eine ungestüme tatsächliche Gottheit, ein überpatriotischer Kontrollfreak, ein fast naturgewaltiges »Id« und ein in Alkohol eingelegter Zyniker im gleichen Raum sind, nutzt Whedon psychologisch eher wenig, vielleicht aus Zeitgründen. Vielleicht ist man inzwischen auch nur von Brian Bendis Comic-Fassung der »Rächer« verwöhnt, die nahezu überpsychologisierend die Heldenaspekte zur Seite schiebt und eine Art Reality-TV aus dem Beisammensein verschiedenster Mythenfiguren gewinnt.

Der Regisseur, der seinen ersten, über drei Stunden langen Filmschnitt selbst beherzt kürzte, setzt statt dessen mehr auf solide Actionkost, die allerdings unterm Strich nach Retortennahrung schmeckt: Ungereimtheiten in der Handlung, ein Ende, für das die Bezeichnung »Deus ex machina« noch sehr geschmeichelt wäre, ein Cliffhanger, den wohl nur sehr eingeweihte Old-School-Comic-Nerds verstehen dürften und eine Effektorgie, die zwar beeindruckt, aber nun auch nicht so anders wirkt als all die anderen Michael-Bay-Filme dieser Welt, in denen New York mal wieder in Schutt und Asche gelegt wird. Es scheint in der endlosen CGI-Wiederheraufbeschwörung von 9/11 keinen Neuigkeitswert mehr zu geben, nur noch eine Eskalationsspirale der Vernichtung, der Pfahl muss immer härter ins Fleisch der Zuschauer gerammt werden, um den wohligen Schauer der Erinnerung auszulösen. Ansonsten hat man die Aliens, die Feuerwände, die fliegenden Autos, die Explosionen allesamt so (und zum Teil eben genau so) bereits vorher zu oft gesehen, um auf die sterile Vernichtungswut nicht mit einer Art von Langeweile zu reagieren. Die permanente Xenophobie des amerikanischen Actionkinos, das sich seit den 50er Jahren so beängstigend beständig gegen Terroristen und Invasoren verteidigt, ermüdet eben.

So wird »Avengers« Whedons vielleicht erfolgreichster Film sein (und hoffentlich der verdiente Durchbruch in Hollywoods A-Liga), ist aber zugleich seine vielleicht schwächste Leistung bisher. Nur selten blitzen die Stärken des Regisseurs durch, über weite Strecken wird der Film zum Selbstläufer, zur Leistungsschau moderner 3D-Technologie. Bei einigen Szenen mit Scarlett Johannson kann Whedon sein Buffy-Fu zum Einsatz bringen und Robert Downey Jr. belebt diesen Film ebenso wie den ersten »Iron Man«-Film natürlich durch seinen nonchalanten Mix aus Langeweile und Ironie, aber der Rest ist zu ernst, zu kalkuliert, zu träge, zu »Transformers«. Man spürt dem Film in jedem Moment an, dass er kein Kino ist, sondern ein Investorenmodell. Überraschenderweise bleibt es Whedon verwehrt, ein eigenes Flair in den Film zu bringen – obwohl doch gerade der Erfolg von Christopher Nolans »Dark Knight«-Trilogie aufzeigt, dass eine wuchtige Regieästhetik dem kommerziellen Erfolg sogar beflügeln kann. Aber der wahre Regisseur und Drehbuchautor aller Marvel-Filme scheint ein unsichtbares Regiment von Produzenten und Beratern um Kevin Feige zu sein, der signierende Regisseur, ob nun Woo, Branagh oder Whedon, bleibt nur ein »happy cog«, ein glückliches Rad in der Maschinerie, wie Zeichner John Byrne seinen Job einst mit Blick auf die Produktion von Marvel-Comics bezeichnete. Zu dieser Corporate-Authorship-Haltung passt leider, dass im Abspann zwar Stan Lee genannt wird (der auch den üblichen kurzen Gastauftritt absolviert), jedoch nicht Jack Kirby, obwohl der legendäre Zeichner für die ikonische visuelle Gestaltung der meisten Figuren dieses Film verantwortlich zeichnet. So wie DC nach Jahrzehnten immer noch den Erben der Superman-Erfinder Siegel und Shuster keinen fairen Anteil zukommen lässt, verschanzt sich auch Marvel hinter moralisch unhaltbaren Work-for-Hire-Klauseln und enteignet so die Familie jenes Mannes, ohne den es dieses gesamte Comic-Imperium einfach in toto nicht gäbe, ohne den all die Anwälte und Manager, die den Kirbys das Geld vorenthalten, keinen Job hätten, weil es ohne Kirby Marvel-Comics schlichtweg nicht gäbe. Urheberrecht ist anders.

Das ist die bitterste Dissonanz einer simplen Moralgeschichte um eine bunt zusammengewürfelte Heldenfamilie – das diese Geschichte in sich selbst amoralisch ist. Der Absender, der hier das »pro bono contra malum« in eine fluorescentgrellen Buddy-Movie verwandelt, ist selbst der Schurke im Spiel, im gleichen öde Mahlwerk der Geldmaschinerie, die im 19. Jahrhundert die Arbeiterrotten im Takt der Fließbänder einpeitschen ließ, die einerseits gegen Raubkopie und für Copyright eintritt und andererseits den ursprünglichen Schöpfer der angeblich so schätzenswerten Ideen längst klammheimlich entrechtet hat. Captain America, Hulk, Thor und Iron Man – alle vier stammen aus der Feder von Jack Kirby, alle vier machen Marvel/Disney Millionen, die Familie von Kirby aber geht leer aus. Es ist traurig, dass die ja ausreichend einfache Moral der Marvel-Superhelden anscheinend zu keinem Moment auf die Macher selbst abfärbt.

12. Juni 2012 18:37 Uhr. Kategorie Film. Tag , , .
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