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Wolfgang Büscher: Hartland

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Der Trip des Zeit- und Spiegel-ournalisten Wolfgang Büscher durch die Vereinigten Staaten von Amerika beginnt mit einer fast surrealen krypto-faschistischen Begegnung mit der amerkanischen Homeland-Security-Paranoia an einem kanadischen Grenzübergang, die aus einem Tarantino-Film stammen könnte in der Mischung aus absurder Komik und unterschwelliger Gefahr – und das Flair dieser Art stacheliger Feindseligkeit gegen alles Unbekannte, aber auch untereinander scheint zum übergreifenden Thema von Wolfgang Büschers Fußwanderung durch die USA zu werden. Der xenophobe Kampf gegen der europäischen Einwanderer die Indianer, die stets wiederholten Warnungen an Büscher, dieses oder jenes Bundesland oder eine bestimmte Stadt zu meiden, die religiöse Militia von Waco, die grundlegende Stimmung von Misstrauen gegen alles und jeden – all das zieht sich immer wieder durch «Hartland».

«Hartland» ist nach einer Stadt benannt, in der Büscher zu Beginn seiner Reise übernachtet, eine alte verlassene Goldgräberstadt, aber vom Anklang des Heartland bis zum Unterton von Schmerz und Härte, umfasst dieser Titel die amerikanische Entwicklung – «Die beiden Enden der amerikanischen Parabel», wie Bücher selbst schreibt. Und es ist ein hartes Land, durch das er reist. Melancholisch, oft fast poetisch begegnet der Reisende dem Niedergang der amerikanischen Eingeborenen, reist an Toten Vögeln an Reservatsstraßenrändern vorbei, besucht die «Fortunabunker», in denen Indianer eine hundertfache Schar alter weißer Glücksspieler beaufsichtigen, während rundherum das Land wie ausgestorben, leer, leergesaugt, wirkt.

Die grenzenlose Subjektivität
Büscher ist ein Glücksfall als Dokumentator seiner eigenen Reise, der mal emotional überwältigt und fast lyrisch wird, mal sparsam und nüchtern wirkt – ein schriftstellerisches Mixtape, das (auch wenn das Buch möglicherweise gar nicht live on the Road geschrieben sein mag) sehr glaubhaft die Lichtwechsel der Reise widerspiegelt, die Stimmungen des Autors, aber auch die Wechsel in Land und Leuten, denen er begegnet. Dabei bleibt Büscher oft abstrakt, fast skizzenhaft, lässt sich nie auf ein «nur» beschreibendes Niveau herab, ist immer weit von einem National-Geographic-Stil entfernt, betont unjournalistisch für einen Journalisten. Denn dieser touristische Sound wäre auch falsch – es geht ja vielmehr darum, nicht das Unbekannte neutral zu dokumentieren, sondern ganz im Gegenteil, das Bekannte (oder vermeintlich Bekannte) durch ein subjektives Eintauchen zu dekonstruieren und neu zu sehen. Immer wieder konfrontiert Büscher sich selbst und uns Leser mit medialen Vorbildern – die ja unverhinderbaren Eindrücke aus Filmen, Musikfetzen im Radio, aber auch den Schriften Maximilian Prinz zu Wieds aus dem 19. Jahrhundert über dessen Besuche im Indianergebiet oder aus historischen Fragmenten der Lebensgeschichte des Indianers Black Elk und anderen Büchern. Dieser Fremd- und Selbstbespiegelung des amerikanischen Mythos setzt Büscher eine oft fast naive, bewusste Neugier entgegen, gefasst in einer Sprache, die bildhaft, oft fast halluzinogen wirkt, die (ob man das nun mag oder nicht) einen Dreck auf Neutralität und Realität gibt und auf grenzenlose Subjektivität setzt.

Die Reise ins Ich
«Hartland» ist ein Reiseroman der nicht aus Goethes etwas pietistischer Schule des reisenden Wohlstandes entspringt, sondern in Buchform geronnener Geist einer neu-europäischen Backpacker-Kultur, die es mit aller Gewalt hinaus aus der Sicherheitszone des Kristallpalastes drängt, hin nach Asien und Russland, in das Direkte, gerade so, dass man sicher ist, aber eben auch einen Hauch Abenteuer haben kann, den es daheim im Land der Vollkaskoversicherungen so nicht mehr geben kann. Es ist ein bewundernswerter, aber eben doch dekadenter Mix aus Moderne-Ennui und globaler Neugier, der sich eben auch in diesem Trip niederschlägt, der die USA erfolgreich als ebenso unbekannt und wild wie Kambodscha oder Afrika erkennt, das Vorbild unserer westlichen Zivilisation im Prozess des zeitlupenartigen Zerbröselns, der Fragmentierung zeigt, die so langsam stattfindet, dass nur jemand, der aus dem europäischen Nachbau amerikanischer Kulturangebote bemerkt, wie weit sich das virtuelle Vorbild (seit hier ja immer noch nachempfunden leben) und die Realität in situ auseinandergelebt haben.

Büscher liefert so einen interessanten Bruch zu der eigenen Narration, die Amerika über den eigenen Mythos liefert, aber keinen wirklichen Gegenentwurf, bewundernswert unneutral hängt er eingefroren zwischen der mythischen Anziehungskraft der Legende und Historie des Landes, und der Wirklichkeit eines entsiegelten und überfüllten, zu armen und zu reichen Landes, das in der eigenen Zentrifugalkraft auseinander zu sprengen scheint, das trotz so vieler freundlicher Individuen kollektiv und anonym so seltsam bedrohlich wirkt.

Etwa in der Mitte des Buches überkommt mich eine Neugier, die ich beim Lesen sonst so gut wie nicht kenne – wer ist eigentlich dieser Autor? Was treibt einen Mann, der alles andere als ein junger Weltenbummler ist, Jahrgang 1951, der einen soliden Job hat, Kinder, was treibt den in Niemandsland in Russland oder Amerika? Welches spezielle Reporter-Gen muss es geben, welche Mischng aus Neuier, Thrillseeking, blindem Vertrauen, Mut und Selbstsuche, die dich in dem Alter dazu bringt, nicht einen netten Tag mit deiner Familie zu verbringen, sondern auf irgendeinem Highway in wildfremde Autos zu steigen, in leeren Häusern zu schlafen, diese seltsame Konfrontation zu suchen? Für einen Moment springt mich an, wie genial es wäre, wenn Büschers Buch ein kompletter Fake sei, eine Helge-Schneider-Farce, schliesslich weht ja ohnehin kurz der Geist von Karl May durch den Text… aber wahrscheinlich macht ein preisgekrönter Zeit-Reporter so etwas nicht. Auch nicht, weil das Buch immer wieder einen autobiographischen Touch bekommt, wenn sich Büscher etwa auf seine arme, aber eben nicht armselige Kindheit zurückbesinnt und Parallelen zwischen dem fast staatsfeindlichen Individualismus in den USA und jener Prä-Wohlfahrtsstaat-BRD zieht. Oder wenn er seine Kindheit herauf beschwört, wie er vom Attentat auf Kennedy hört und später Moon River im Radio läuft.

Der Flickenteppich
«Hartland» durchweht, je weiter das Buch voran schreitet, eine Melancholie und eine Art sanfter Trauer, die vielleicht aus der Konfrontation dieser Jugendträume der Sechziger mit der Realität von heute resultieren, vielleicht auch nur die einzig sinnvolle Reaktion auf ein müde den Niedergang erwartendes, wütendes und resigniertes Empire von Gestern, die Trauer, die du fühlst wenn du nach Jahren ein Photo eines früheren Hollywood-Stars siehst, an dem die Dekaden spurenreich vorbeizogen. Es ist ein Niedergang, den Büscher in fiebernden metaphorischen Szenen photographiert – eine Cowboyhochzeit im Orkan, der ungebrochene Verfolgungswahn von Waco, immer wieder kleine Begegnungen in Cafés und Autos, Streiflichter von Leben, die Stoff für Romane hergäben. Unterstrichen wird dies von dem Eindruck, dass «Hartland» keinerlei herkömmliche Handlung anbietet, die Reise Büschers kein Ziel hat, sogar mit ihrem Fortschritt immer zielloser wirkt, immer mehr von Pausen und Zögern durchrissen ist, erzählerisch stockt und mehr die Unsicherheit des Schreibenden/Reisenden aufzeigt als eine Entwicklung hin zu einem bündigen Eindruck der USA. Das macht die Lektüre gegen Ende des Buches mitunter etwas schwer, weil du dich als Leser in dem Pittoresken der Einzelszenen auch verlieren kannst und die Orientierungslosigkeit Büschers in der Linearform des Buches irritierend wirkt, aber es zeichnet die Narration auch aus, macht das Buch frei von der sonst so naheliegenden eurozentrischen Arroganz vieler Journalisten gegenüber den USA. Büscher ist nicht selbstsicher, nicht mit einem vorgefassten Ergebnis unterwegs – und diese Ambivalenz durchzieht auch den Text, sorgt in dem Rückblick des gealterten Cowboys Beto sogar für so etwas wie Wehmut, Sehnsucht nach der Zeit in der der Western-Mythos noch lebendig war, der selbst in Texas nur noch in der Erinnerung lebt.

Und so driftet Büscher von der kanadischen Grenze bis Down South zur mexikanischen Grenze und scheint am Ende selbst überrascht, wie wenig ihm zugestoßen ist, wie wenig sich die permanenten Warnungen unterwegs sich nicht bewahrheitet haben und wieviel Hilfsbereitschaft ihm in den verschiedensten Formen begegnet ist, dass unter der Schale des «harten Landes» also vielleicht doch ein weicher Kern steckt. In den Seiten von Hartland jedenfalls steckt eine große Erzählung in kleinen Episoden, eine bescheidene und ehrliche Auseinandersetzung mit einem Land, zu dem wir Deutschen kaum eine neutrale, offene Haltung entwickeln können, und zugleich ein Roman, der die gewitzte Naivität wie man sie etwa auch aus Texten von Klaus Fiehe kennt, zu einer makellosen Waffe geschliffen hat, der Wissen im Nichtwissen, Tiefe im Ungesagten, in den Pausen bietet. Am Ende ist es ein Reiseroman, der zunehmend wortkarg wird, immer weniger zu sagen versucht, immer mehr die vielleicht ursprünglichen Ziele aus den Augen verliert und gerade dadurch, im Treibenlassen, hoch lesenswert wird.

11. Dezember 2011 13:57 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

Gian Domenico Borasio: Über das Sterben

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Das kleine Buch des Münchener Palliativmediziners Borasio bildet einen seltsamen Kontrapunkt zu den Auszügen der Schallplattenserie »Distar – Die Stimme des Arztes« aus den fünziger bis siebziger Jahren, die ich frisch als Hörspiel des Bayrischen Rundfunks im Zusammenschnitt von Kalle Laar gehört habe. Wo bei Laars Zusammenschnitt die Ärzte sich noch wahlweise als reine Handwerker oder tatsächlich als Halbgötter in Weiß präsentieren, die oft hart an der Grenze zur Eugenik argumentieren, oft aber auch heute noch zutreffende, sehr übergreifende Analysen anbieten, präsentiert sich Borasio bescheidener, vielleicht weil sein Feld nicht viel Anlaß dazu gibt, sich selbst als Herr über Leben und Tod zu erleben, sondern dort beginnt, wo der normale medizinische Ansatz an seine Grenzen kommt.

Gleich vorweg nimmt der Arzt dem Leser die Hoffnung, so zu sterben wie er es sich vielleicht wünscht – während die meisten Leute statistisch bevorzug plötzlich und schnell sterben würden (etwa durch eine Herzattacke), ist die Realität so, dass nur 2% aller Todesfälle so verlaufen, die meisten Todesarten, etwa durch Krebs oder Demenz weisen einen Verlauf von einem bis zehn Jahren auf, mit zunehmender Pflegebedürftigkeit der Sterbenden und gerade im Falle der Demenzkranken mit steigender Tendenz.

Borasio plädiert – vor seinem Hintergrund selbstverständlich – für einen Ausbau einer stationären aber vor allem auch ambulanten palliativen Pflege, wobei vor allem letztere derzeit kaum gegeben ist, wie der Autor selbst an der Rolle des Hausarztes verdeutlicht, der hier eine zentrale Bedeutung haben könnte (und sollte), der aber in den meisten Fällen für 18 € pro Visite wenig Anreiz haben wird, sich auf dieses anstrengende und offenbar schlecht entlohnte Terrain zu begeben. Im Laufe seines Buches hakt Borasio die verschiedenen Bedürfnisse von und Möglichkeiten für Patienten und Angehörige ab, von simplen Dingen wie Atemnot bis zu der Frage, wie seelsorgerische und spirituelle Aspekte bis hin zur Nachberatung nach dem Tod für die Familie organisiert sind bzw. sein könnten. Ob Schmerzmittelgabe nach WHO-Schema, künstliche Flüssigkeits- und Nahrungsgabe oder induziertes Koma – allein, weil »Über das Sterben« Antworten auf die meisten offenen Fragen hat und Optionen abwägt, ist das Buch für Angehörige wie für jeden, der sich selbst mit der Frage nach der Gestaltung seines Lebensendes befasst, eine mehr als lesenswerte und sehr allgemeinverständliche Lektüre, kurz und prägnant, klar gegliedert und trotz der emotionalen Wucht des Themas weder zu pathetisch noch zu kalt, sondern durchaus, wenn man so will, gut lesbar, warmherzig, humorvoll und mit Hoffnung geschrieben.

Darüber hinaus zeichnet sich hier natürlich ein unverzichtbarer Wandel im medizinischen Denken ab, den einzelne Ärzte längst in ihrem Alltag leben, viele Ärzte laut Borasio aber nach eigenem Bekunden nicht beherrschen und sogar vermissen – die Entwicklung hin zu einem kommunikationsfähigen, für den Patienten offenen Mediziner, der sich nicht hinter einem Wall von Fachtermini versteckt und nicht unilateral «erläutert», sondern empathisch auf den kranken oder sogar sterbenden Menschen zugehen kann. Ich stelle mir das für Ärzte, egal ob im Studium oder mit jahrelanger Erfahrung als Ober- und Chefarzt, enorm schwer vor. Die kühle, von Codes, Chiffres und Wort-Camouflage geprägte Fassade, das Vertrauen auf Technologie, Chirurgie und Pharmazie, die klare Hierarchisierung von Spitälern und nicht zuletzt auch der in den letzten Dekaden exponentiell steigende Druck, wirtschaftlich «sinnvoll» (also gewinnorientiert) zu arbeiten, machen den Patienten vom Subjekt zum Objekt, zu einer nie wirklich endenden Flut von zu lösenden Problemen, schließlich auch zu einer Aktenlage, die Ärzte abarbeiten und verwalten wie Anwälte und Richter ihre Fälle, mit der gleichen Effizienz und Abstraktion. Es ist schwer – für Patienten wie für Ärzte – von diesem über Jahrzehnte erlernten Modus auf eine seelsorgerische, sozialarbeiterische gar psychologische Arbeit umzuschalten, die im Krankenhausalltag bestenfalls den Schwestern und Sozialteams mehr schlecht als recht überlassen wird. Es gibt dennoch gute Gründe, warum in einer alternden Gesellschaft ein neuer Typus von Arzt-Patient-Kommunikation entstehen müsste, und Borasio plädiert in diesem Sinne für eine Schulung von Ärzten im Sinne von palliativer Pflegekompetenz, die eine Voraussetzung für die einfachsten medizinischen Erfolge in der Behandlung, aber eben auch für ein souveränes Sterben sein kann.

Was keineswegs unausgesprochen hinter »Über das Sterben« steht, ist der gesellschaftliche Wandel. Borasio selbst nennt die aktuelle Re-Urbanisierung, die Demographie, den Unterschied zwischen größeren Familien auf dem Lande und Single-Haushalten in der Stadt, die bittere Wahrheit, dass familiäre Pflege meist bei den Töchtern hängen bleibt und kommt indirekt zu dem Fazit, dass, wer sich ein humanes Sterben im Kreise der Familie wünscht, idealerweise auf dem Land leben sollte, Kontakte zu Nachbarn pflegen und vor allem reichlich Kinder, idealerweise Töchter, in die Welt setzen sollte. Da dies aber genau nicht mehr der Fall ist und wir mit der geschlechterübergreifenden Straffung der Arbeitswelt, der dichteren Taktung von Arbeit (so man welche hat), dem Aufweichen der Grenze zwischen »Privat« und »Beruf« und der Anonymität in den wachsenden Großstädten uns eher von diesen Bedingungen weg-entwickeln, stellt das Buch zu Recht auch die Frage, wie wir gesellschaftlich und professionell ein »sanftes« Sterben organisieren wollen, wenn es sozusagen nicht mehr ganz normal-familiär gewährleistet sein kann. Borasio kratzt damit am Tabu des Sterbens und der Trauer in der Hyperdrive-Gesellschaft und nicht zuletzt auch an der Thematik der aktiven und passiven Sterbehilfe und des assistierten Suizids, wobei sich der Arzt recht deutlich gegen die in den Beneluxländern praktizierte Tötungslegalisierung ausspricht und für einen assistierten Suizid, womit er deutlich von der offiziellen Haltung der Ärztekammer abweicht, die gerade erst die letzten Interpretationslücken geschlossen hat und die Sterbehilfe nahezu verbietet. Was angesichts von Borasios Argumentation, das etwa in Oregon – wo die assistierte Sterbehilfe legal ist – nur 2% der Patienten, die Suizidmittel erhielten, diese auch nutzten, es also scheinbar vielmehr um das Gefühl geht, selbst als Patient kontrolliert entscheiden zu können, wann es Zeit ist, auszusteigen.

Gegen Ende des Buches, das in seiner leichten Sprunghaftigkeit manchmal wirkt, als sei es aus verschiedenen Vorträgen destilliert, widmet Borasio sich der seinem Gebiet als universitäre Einrichtung, die derzeit zum Spielball Interessen von Anästhesie und Onkologie dasteht und seiner Meinung nach um Eigenständigkeit kämpfen muss und der hausärztlichen Arbeit nähersteht als einer pharmazeutischen Vergabestelle. Was plausibel erscheint, da es in der »palliative care« sicher mehr um psychosoziale Momente geht als nur um die Verabreichung von Morphin und da – vor allem langfristig – nicht nur Krebspatienten bereut werden, sondern auch ALS- oder Demenzkranke, Kinder und viele andere Sterbende. Die Zeit, so traurig es ist, und die gesellschaftliche Entwicklung, spielt dieser professionalisierten Substitution einer post-industriell untergegangenen familiären Betreuung von Sterbenden in die Hände.

Und so ist »Über das Sterben« keineswegs nur ein Leitfaden oder ein Ratgeber, sondern natürlich eine Verteidigung von Gian Domenico Borasios eigenem Arbeits- und Forschungsgebiet und ein Plädoyer für mehr Beachtung (und Mittel) für den palliativen Pflegebereich. Borasio legt dabei sehr viel Wert auf die reflektive Bedeutung des Sterbens für das Leben der Kranken, aber auch für die Ärzte und Pfleger selbst, und induziert so, dass wir auch gesamtgesellschaftlich vielleicht den Tod nicht so sehr tabuisieren sollten, sondern als wichtigen und normalen Teil des Lebens begreifen, als Gegenstück und Vollendung der Geburt. Und obwohl Borasios Buch aufgrund der Kürze an vielen Themen nur kratzt, obwohl es vor allzu tiefen philosophischen und sozialen Betrachtungen an sich wohltuend zurückschreckt, schafft das dünne Buch einen hervorragenden Bogen zwischen pragmatischer Anleitung, mentaler Vorbereitung und einer Art aus der Praxis entwickelte spiritueller Grundhaltung, der nicht nur eine kurzweilige, weil oft rastlose Lektüre gewährt, sondern einen bewusst auch für Nicht-Mediziner gedachten Einstieg in ein komplexes und umstrittenes Thema leistet. Mag sein, dass Mediziner sich trefflich über den Inhalt des Buches streiten können – aber das einzige, was man also aus Sicht des Laien an »Über das Sterben« kritisieren kann, ist das entsetzliche Cover… der Inhalt ist für jeden lesenswert und zeigt zugleich auf, wie weit der Weg noch ist, den die Medizin vor sich hat von den wissenschaftlichen Halbgöttern in Weiß der Distar-Serie zu psychologisch und soziologisch geschulten Lebensbegleitern.

7. Dezember 2011 08:57 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

Grant Morrison: The early years

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Es ist vielleicht gar nicht unbedingt im besten Sinne die Krönung des Nerdtums, wenn man anfängt, tatsächlich Bücher über Comics zu lesen. Und zwar nicht Chip Kidds wunderbare Photobände, in denen er seine eigene Sammlerleidenschaft und damit eben das «Best of Geek Toys» ausstellt, die Shazam Püppchen und die Batmobiles… sondern ein ganz bilderloses und nicht schnell durchgeblättertes Buch, das beim Thema Comic paradoxerweise mehr Worte als Bilder auffährt, als würde es damit nicht sozusagen gegen die eigentliche Zielgruppe des Mediums anarbeiten. Timothy Callahans Buch über die frühen Werke von Grant Morrison – von Zenith bis hin zu seiner Revision der bizarren Heldentruppe Doom Patrol – bietet aber dennoch ebenso viel extrovertierte Geekness wie Kidds Paraphernalia-Orgien. Denn man kann Callahans Text-Exegesen eigentlich kaum verstehen, ohne die jeweiligen Comics oder Graphic Novels zuvor gelesen zu haben, andererseits langweilt aber gerade dann oft die langatmige pure Nacherzählungen der Handlung. Wo es knappe Annotations oder sportive Interpretationen täten, die man jeweils online zu vielen Morrison-Werken ja finden kann, wiederholt der Autor im Stile einer klassischen Deutscharbeit immer wieder auch die Geschehnisse, die er aber eigentlich als gegeben voraussetzen dürfte. Das füllt zwar Seiten, und dient sicher als Gedächtnisstütze, langweilt aber alsbald ungemein. Dessen ungeachtet arbeitet Callahan – wenn eben vielleicht einen Hauch zu unsportiv – wunderbar die verbindenden Motive und Strukturen, Ansätze und Antriebe des schottischen Ausnahmeautors Morrison heraus, der neben seiner Nemesis Alan Moore und vielleicht noch Neil Gaimans Frühwerk zu der kleinen Handvoll von Comic-Schreibern gehören dürfte, die einer literarischen Betrachtung überhaupt wert sind. Vor allem die Analyse von Morrisons ultra-metatextueller Durchbruch-Serie «Animal Man» aus den späten 80er Jahren faßt bis heute greifbare Tendenzen des Autors zusammen – und man hat trotz der ausgedehnten Ausgabe-für-Ausgabe-Durchleuchtung immer noch das Gefühl, Callahan würde der Sache nicht ganz auf den Grund gehen, Echos und Details übersehen, weil Morrisons Schreiben ein kultureller Zitatenstadl ist, ein Spiegelkabinett, in dem man immer etwas übersehen kann. Callahan ist sehr darauf bedacht, die literarische Ernsthaftigkeit des Comic-Autors zu beweisen (und damit en passant auch das eigene Buch zu rechtfertigen) und übersieht dabei etwas den unbändigen Spaß in Morrisons Texten, den quirligen Mix aus Hochkultur und Trasheinflüssen, der Morrison so auszeichnet. Callahan findet die New-Wave-Songzitate ebenso wie die Einflüsse von «albernen» Silver-Age-Comics und Ravepartys oder Acidtrips durchaus, seine Interpretation wirkt aber insgesamt einen Hauch zu ernsthaft für das Ausgangsmedium, reitet einen Tick zu sehr auf dem Offensichtlichen herum, will zu angestrengt beweisen, dass Comics eine Sache für »Grown-Ups« sind – während Morrison sich oft genug durch gekonnte Lücken, Bluffs und kindliche Sprünge genau diesem Zuviel an Ernsthaftkeit immer entzieht, immer eine Selbstironie und Distanz wahrt.

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Dada for the win: Doom Patrol

Es mag an der Phase liegen, über die Timothy Callahan hier schreibt – die frühen Vertigo-Arbeiten Morrisons, in denen der Schotte sich selbst noch im Markt der 80er und 90er Jahre beweisen musste, um überhaupt Jobs zu bekommen, und sich erst langsam freischwimmen konnte. So wirkt der Anfang von «Animal Man» und (aus meiner Sicht) die gesamte «Doom Patrol» seltsam bedeutungsschwanger und aufgesetzt, ein wildes Gebräu aus Einflüssen aller Art und einer «look how smart I am»-Haltung, während die späteren Ansätze in Animal Man eigentlich einen schon viel reiferen Morrison zeigen, der seinem inneren roten Faden – was ist «real» in Fiktion – mit einer Präzision folgt, die manche spätere und formal bessere Arbeiten in dieser emotionalen Reinheit fast nicht mehr aufweisen.

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Animal Man – was passiert, wenn narrative Figuren entdecken, dass sie nicht echt sind…?

In Animal Man entdeckt der B-Superheld Buddy Baker, eine eher unwichtige Figur, die ursprünglich aus den 60ern stammt und nominell die Fähigkeiten von Tieren übernehmen kann, dass er eine rein fiktionale Figur ist und blickt dabei nicht nur von der gedruckten Seite den Lesern – also uns – ins Gesicht («I can see you»), sondern begegnet sogar seinem Autoren, Morrison selbst. Ideen, die später immer und immer wieder in Morrisons Geschichten auftauchen – in kommerziellen Megaprojekten wie «Final Crisis» ebenso wie in den ultrakomplexen «Invisibles» – sind hier in ihrer einfachsten und deshalb vielleicht ehrlichsten Form bereits zu finden… während «Doom Patrol» und «Arkham Asylum» , obwohl auf den ersten Blick erwachsener (auch aufgrund des viel weniger an klassischen Comics orientierten Artworks) dagegen fast wie Camouflage-Übungen wirken.

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Psychedelic Acid Trip ins Irrenhaus – Arkham Asylum

Dennoch gibt Callahans Buch den Blick frei auf einen jungen Autoren, der sich smart den amerikanischen Marktbedingungen anpasst, aber bei der ersten Gelegenheit seinem inneren Kompass folgt und der zu den erschreckend wenigen Autoren im Mainstream-Comic-Bereich gehört, die eigene Faszination, Themen und Motive in ihre Arbeiten einbetten, egal, ob sie auf Angestelltenbasis Superhelden-Abenteuer verfassen oder ihre ganz eigenen Figuren erfinden. Morrison hat in dem von Callahan abgedeckten Zeitraum noch nicht seinen Status als Popstar gefestigt, der für große «Franchises» schreibt und mit Rockbands befreundet ist, aber so wie in den frühen Kurzgeschichten von Philip K. Dick im Grunde bereits alle zentralen Themen verpuppt sind, so bietet auch der frühe Morrison vielleicht sogar klarer und weniger verklausuliert die Motive, die den Autor bis heute auszeichnen und die vor allem auch in kommerziellen Arbeiten wie JLA, X-Men oder aktuell Batman für eine Doppelbödigkeit und Dreidimensionalität suchen, die in diesem Genre ihresgleichen sucht. Grant Morrison beweist, das auch in einem vermeintlichen Trash-Medium wie Comics, eine eigene schriftstellerische Stimme und Sinnsuche Bestand haben kann und man es nicht beim Aufkochen von fünf Dekaden alten Ideen belassen muss, dass man nicht für eine vermeintliche Zielgruppe das Niveau niedrig halten muss. Insofern ist Morrison die Ausnahme von der Regel, so wie Chandler es war, so wie Dick es war, so vielleicht es im puppigeren Bereich der Comics vielleicht sonst nur der deutlich erfolglosere und heute weitab vom Mainstream operierende Alan Moore es für einen kurzen Moment war – allesamt Autoren, die ein belächeltes Genre shanghait und revolutioniert haben. Callahans Auseinandersetzung mit deFrühwerk von Morrison ist in vieler Hinsicht also auch eine Gebrauchsanleitung, mit welchen Strategien der Mainstream mit einer guten Portion Glück unterwandert werden kann und zugleich eine Skizze von Morrisons Leben in den frühen 90ern – eine Skizze, die Grant Morrison später selbst in seiner Autobiographie «Supergods» zu einer seltsamen Fusion aus Gesamtbetrachtung der Comic-Historie und Lebenslauf verdichtet… was sich ja nur anbietet bei einem Autor, der wie kein anderer von Anfang an die Grenze zwischen Fiktion und Realität aufgebrochen hat.

1. November 2011 07:45 Uhr. Kategorie Buch. Tag , , . Keine Antwort.

Fritz J. Raddatz: Tagebücher 1982-2001

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Auf dem Rücken des 900 Seiten schwellenden Tagebuchbandes von Fritz J. Raddatz kündigt ausgerechnet Frank Schirrmacher das Buch als den «großen Gesellschaftsroman der Bundesrepublik» an. Und obwohl Raddatz Notizen in seinem Tagebuch sicherlich eine spannende Periode kultureller Erlebnisse im Niedergang des 20. Jahrhunderts abbilden, so entsteht natürlich in Wirklichkeit zu keinem Moment ein Roman, entsteht keine Erzählung schon gar keine «große». Das ist nicht der erste sich zu reinem Hype ergreifende Cover-Blurb, der den Umsatz ankurbeln soll, aber man fragt sich unwillkürlich ob Raddatz sich von solchem Kirmesgeschrei geschmeichelt fühlen mag oder sich zu Recht verarscht fühlen darf – ein Tagebuch ist ein Tagebuch und diese Tautologie, eigentlich diesen Genre-Unterschied darf man ruhig beherzigen. Raddatz Tagebücher sind nicht Der «Mann ohne Eigenschaften», aber das wären Musils Tagebücher eben auch nicht. Raddatz Erzählungen sind als Romane erschienen – dies ist kein Roman und er dreht sich auch nicht wirklich um Gesellschaft, schon gar nicht um die große Gesellschaft, wenn auch mitunter um die gehobene. Es geht vielmehr um den Raddatzschen Mikrokosmos, bestehend aus den Künstlern, Autoren, Freunden und vor allem Feinden, die ihm als Zeit-Feuilletonchef, Autoren und Mensch so über den Weg laufen. Das hier immer wieder über Jahre hinweg die gleichen Namen erscheinen, darf niemanden wundern, ebenso wenig die Tatsache, dass Themen wie Tschernobyl, AIDS oder Irakkrieg nur eine Art Randnotiz abgeben, individueller Selbstzweifel, ein Nicht-in-die-Welt-passen und eine Art permanenter Schwanzlängenvergleich mit seinem künstlerischem Umfeld aber enormen Raum bekommen und nahezu erschreckend gleichförmig über diesen großen Zeitraum immer sogar in ähnlichem Wortlaut wiederkehren, gerade so, wie die Zungeja auch immer wieder an den schmerzenden Zahn findet. Und das darf auch so sein, denn es geht eben nicht um Gesellschaft, oder gar um Wirklichkeit, sondern um Raddatzsches Innenleben.

Das, an sich, aber eben unzweifelhaft eine spannende Lektüre abgibt. Rasiermesserscharf, ehrlich, zynisch und humorvoll zugleich, analysiert er die Eitelkeiten seines Umfeldes, die Schwächen und Fehler, und enthüllt dem Leser so eine ganz seltsam intime Sicht auf die intellektuelle High Society deutscher Kunst aus zwei Dekaden. Wie eine seltsame Art Anti-Boulevard-Klatschformat spiegelt sich in Raddatz eine Kulturlandschaft, der es anscheinend wenig um das Machen geht, mehr um den Erfolg, die Titel, die Ausstellungen, das Geld. Es ist ein seltsamer Schattenkapitalismus der Kunst, der sich hier entfaltet, ein Versailles mit Intrigen, Mißgunst, Neid und einer wunderbar atemberaubenden Verlogenheit, derer der Autor selbst sich zwar geniert, aber ebenso bedient.

Zugleich ist interessant wie sehr sich Raddatz an seinen Peers misst. Was er anderen Autoren, etwa Hans Mayer, vorwirft, die eitle Egozentrik der Künstlerseele, die immer nur über eigene Erfolge plappern kann, bemerkt er an sich selbst scheinbar kaum, wenn er über Rückschlägen gekränkt ist oder literarische Anerkennung aufsaugt, wenn er seitenweise darauf verweist, dass eben er doch jenen oder diesen gefördert und entdeckt hat und dass er doch jenes oder dieses bewegt hat (stets ohne Dank natürlich) oder wenn er sich etwas kühn selbst neben Grass, Böll und Konsorten als «Stimme seiner Generation» verortet. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der Raddatz auf den stets so wahrgenommenen Mangel an Manieren, Wissen, Mobiliarsqualität, Gastfreundlichkeit, selbst noch die offenbar lieblose Weinwahl seiner Umwelt einprügelt und die Härte, mit der vernichtende Urteile fällt, bildet einen seltsamen Gegensatz zu der sanften Selbstliebe und der permanenten Frage, warum er nicht als wunderbarer Mensch akzeptiert wird. Vielleicht, weil die Umwelt eben doch nicht so blöde ist, die kalte Verachtung, die aus Raddatz Worten emporsteigt, zu riechen und zu erwidern.
Schaut man in die Seele eines solchen Egozentrikers, der aber zugleich ein kluger und durchaus stets auch gebender Mensch zu sein scheint, ahnt man bald, dass die drastische Abwertung nahezu jeder Person in seinem Umfeld die kaum verklausulierte eigene Unsicherheit mit zum Ausdruck bringt, Schutzmechanismus ist, man andere eben noch einen Hauch mieser finden darf als sich selbst. Es ist ein Mechanismus, den die meisten Menschen irgendwann nach der Pubertät ablegen.

Und dieser Mechanismus macht die Tagebücher schwer verdaulich, man schaut fast täglich in den Abgrund der Raddatzschen Unzufriedenheit und möchte den Mann bereits nach den ersten zweihundert Seite aus einer Zeitmaschine zaubern, durchschütteln und ihn bitten, sich zu entspannen, glücklicher, offener zu sein, den Misanthropen einzumotten. Denn in den Momenten, in denen in den Einträgen Glück und Zufriedenheit durchblitzen (und zugegeben, wer führt schon ein Tagebuch über die kleinen guten Momente? Tagebücher sind ja doch eher Orte der Selbstzerfleischung), zeigt sich ein grandioser Beobachter mit einen unfassbaren Auge für kleinste Sinnhaftigkeiten und Symbole, der mit wenigen Kohlestrichen eine Landschaft, eine Situation, einen Menschen erfassen kann. Es ist dieses Talent, trotz aller Redundanzen auf den 906 Seiten, die das Buch lesenswert macht – der Einblick, wenn auch gefiltert, in die Seele eines Egozentrikers, eines paradoxen Menschen, der im Mittelpunkt steht und sich doch ausgeschlossen zu fühlen scheint.

Insofern sind die Raddatzschen Tagebücher eben kein Gesellschaftsroman, sondern Charakterstudie eines Kulturschaffenden, der mit sich hadert, ständig Existenzangst zu haben scheint und selbst in relativer Abgesichertheit noch unter monetärem Vertigo zu leiden scheint. Es ist eine Langzeitstudie des Kreativen zwischen Selbstvermarktung und Selbsthass, in der sich wahrscheinlich viele andere Autoren, Musiker und Künstler wiederfinden werden. Und zugleich ist es ein oft unschöner Einblick in einen subjektiven Ekel vor der Mediengesellschaft, den Raddatz fast ausnahmslos angesichts seiner Umwelt verspürt. Ob Gräfin Dönhoff, Schmidt, Augstein, ob Brasch oder Hochhuth, sie alle kriegen ihr Fett weg, wenn Raddatz sich über die Zeit-Redaktion, die Frankfurter Buchmesse oder die Autorenwelt im allgemeinen ausläßt. Selbst Balzac wird gebeckmessert, was umso bizarrer wirkt, als das Raddatz sich furchtbar aufregt, wenn andere Lordsiegelbewahrer die Giftspritze auspacken, wie etwa Peter Zadek.
Es ist ein wunderbares, oft auch anstrengendes, mitunter nervendes, gottlob immer wieder eben auch sehr lohnendes Gebirge, durch das man dem Reiseführer Raddatz hier folgt und es ist vielleicht Symbol seiner seltsamen Mischung aus Eitelkeit, Größenwahn und eben doch Ehrlichkeit (und Mut zu oft aus heutiger Sicht etwas naiv wirkenden homoerotischen Altherrenphantasien) und tatsächlicher Größe, das dieses Buch noch zu Lebzeiten erscheint, viel Freunde macht man sich mit solcher Offenheit wahrscheinlich nicht.

Es ist kein großer Gesellschaftsroman, der hier entstanden ist – und die Entscheidung des Autoren oder des Rowohlt-Verlages, nur die Tagebücher zu veröffentlichen, die irgendwie aber dazu gehörenden anderen Essays in der Zeit und andere, spezielle Tagebücher nicht zu publizieren (was dann aber endgültig im Umfang eine Bibel ergeben hätte) macht das Werk ganz im Gegenteil eher etwas löchrig, weil immer wieder Kontexte und Inhalte fehlen, die man sich zusammensuchen muss (was man oft nicht unmittelbar kann). Aber es ist trotz des Volumens und der eher mäßigen Typographie ein wunderbares kleines und oft intimes Buch, das einen starken Sog entwickelt, das man oft nicht «wegen», sondern «trotz» liest und doch nicht aus der Hand legen mag. Und das allein ist schon eine große Leistung für diese Tagebücher eines offenbar bewegten und bewegenden Lebens.

15. April 2011 19:36 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

Thomas Oberender: Leben auf Probe

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Es ist eigentlich ein Zufall,dass ich für das Bochumer Schauspielhaus ausgerechnet in einer Zeit gearbeitet habe, als ein kleines, vielleicht sogar verschworenes Team zumindest versucht hat, die Regeln eines urbanen Theaters etwas zu verschieben und eine Balance zwischen feuilletonistischer Anerkennung und vollem Haus zu finden. Eine Balance, die sich wie natürlich aus den beiden Chefdramaturgen des Hauses ergab, die nicht immer ohne Konflikte, aber in der Art, wie sie sich ergänzten aus meiner Sicht bis heute einzigartig in ihrer Chemie waren, hier der großartige Instinktmensch mit einem unfassbaren Gespür für Theater als Erlebnismaschine, dort der neugierige, suchende und insofern fast unbewusst vieles anders machende Neuankömmling. Einer der beiden, der mit Matthias Hartmann und Klaus Missbach zunächst auch nach Zürich wechselte und inzwischen in Salzburg als Schauspieldirektor die Festspiele mit leitet, hat sich nun einen literarischen Rückblick auf seine Arbeit als Dramaturg gegönnt, auf die Transformation von Text zu Theater und nicht zuletzt auf die Persönlichkeiten von Darstellern und Regisseuren, denen er begegnete.

Thomas Oberenders «Leben auf Probe» ist insofern nicht zuletzt ein Schlüsselroman und es fällt einem beim Lesen nicht schwer, den beschriebenen Charakteren Gesichter und Namen zuzuordnen. Mitunter stört dieser voyeuristische Aspekt fast, lenkt ab vom archetypischen Element in Oberenders Vignetten. Denn der Autor verzichtet nicht auf Namen, um seine Subjekte zu schonen, die sich in den luziden und oft durchaus auch scharfkantigen Beobachtungen selbst sicher problemlos gezeichnet finden werden, sondern weil er induktiv vorgehend wie in seinen Romanen auch hinter den Protagonisten und ihren Symptomen das große Ganze sucht, ohne wirklich hzu wissen,wonach der da tastet, einfach irgendwie neugierig. Und der so ganz en passant über Schreiben, Rollen, Macht, Theater und Gesellschaft nachdenkt, ohne dabei je die Form kleiner und kleinster Beobachtungen und Deutungen zu verlieren, wie ein Maler Szenen und Situationen einfriert und durchleuchtet, in Schweigen, Gesten, Worten eintaucht. Liebevoll und auch mal gehässig, mitunter deutlich ermüdet und frustriert vom Machtspiel am Theaterhof, immer ein wenig fremdelnd mit dem Betrieb, in den er zumindest zu Beginn ja als Außenseiter kommt, als Durchreisender.

Es ist dieser Status der noch nicht ganz betriebsblinden Neugier, die seltene Sicht des Neugierigen, der hinter die Kulissen blicken darf, die Oberenders Buch so einzigartig macht. Es liefert eine Mixtur aus tiefstem Eingesunkensein in die Theaterwelt, und bewahrt zugleich doch eine ironisch-faszinierte, fast anthropologische Distanz. Der Schreiber, der eben nicht nur Dramaturg ist, kommt nicht aus seiner Haut, bleibt Jäger, bleibt Späher. Und oft blitzt diese kalte Härte durch, dieser analytische Blick, den ein Autor seinen Figuren widmet, wenn er sie seziert, mit dem Oberender, in aufs Gramm abgewogenen Worten, seine Mitmenschen durchleuchtet. Seine auch im Buch offenbar werdende Liebe zu Duane Hansons gefrorenen Alltagsmenschen, seine quecksilbrige Mathematik der Hermeneutik, die sich in seiner Vorliebe für Steve Reichs kristalline Klangstrukturen widerspiegelt – all das prägt in jedem Detail das Buch. Oberender verzögert die Zeit, friert ein, pinnt die Menschen unter sein Mikroskop, lädt jeden Gestus subkontextuell auf, so, dass sich wahrscheinlich viele der im Buch beschriebenen Kollegen und Mitarbeiter fragen dürfen, ob sie jemals einen echten normalen Moment mit Oberender hatten, oder ob sie immer nur Schmetterling im Einweckglas des Forschers waren, der jedes Zucken und Flattern notiert.

Subtil und smart beschreibt Oberender aber nicht nur die Eigenarten des Probenalltags und den Habitus seiner Protagonisten, vielmehr schält er sukzessive heraus, warum Texte auf der Bühne zum Leben erwachen, versucht den Prozess abzubilden, in dem das Paradox Theater funktioniert, schreibt sich über Umwege, über Bande spielend, an ein angreifbares Phänomen heran, wie ein Anthropologe, der fasziniert die Rituale eines Eingeborenenstammes notiert, wie der Intellektuelle unter lauter Bauchmenschen, der einen wie selbstverständlich laufenden Vorgang analysiert und feststellt, dass die Teile keine Summe ergeben. Dabei entsteht fast nebenbei, skizzenhaft, eine komplexe Theorie des modernen Theaters, die sich aus der Alltagshandlung ableitet, aus der eigenen Suche. Wenn Oberender klug zwischen Theater-als-Museum und Theater-als-Kulturhaus, zwischen Archivfunktion und sozialer Plattform unterscheidet, kann man sich als Leser nur all zu gut vorstellen, wie der Autor im dunklen Raum der Probe über Nachttheater und Tagtheater nachdenkt, in einer seltsamen Selbstreflexion und Symbiose von Tun, Nachdenken und Wieder/Anderstun.

So wird «Leben auf Probe» auch zu einem Tagebuch, einer Reise durch Oberenders Faszination für bestimmte Autoren, die die Texte chronologisch spezifischen Stücken zuordnen, einer Fahrt durch seine Euphorien und sein Ermüden an der Egomanie des (selbst)ausbeuterischen Betriebs. So mutiert das Buch nicht zuletzt zu einem dieser phantastischen Zwitterwesen, entpuppt sich als Schlüsselroman, Tagebuch, Sachbuch, Essay und Roadmovie im Stillstand, eine Reise, die den Erzähler ohne Bewegung voranbringt, als Betrachter, als Teilnehmer, als Opfer, als Täter. Es ist die Geschichte einer Entführung, bei der ein Autor verschleppt und in dunklen Räumen gefangen ist, unter Fremden, deren Sprache er nur teilweise beherrscht, von denen er unverhofft umschmeichelt oder angebrüllt wird, denen er misstrauen muss und in die er sich doch zusehends verliebt, klarer Fall von Stockholm-Syndrom.

Und so ist Thomas Oberender bis heute am Theater, längst nicht mehr der großäugige Novize, sondern ein durch Intrigen, durch falsche Versprechen, durch den täglichen Zirkus abgehärteter Mitspieler, einer, der die Seiten gewechselt hat und längst selbst andere entführt, wo er selbst früher der Entführte war, der Autoren ins Theater verschleppt, weil er weiß, dass es eben auch um die Texte geht, nicht nur um die Darsteller, dass das eine ohne das andere nichts ist. Einer, der längst Intendant seines eigenen Hauses sein müsste und dürfte, und sei es nur, um zu sehen, was er anders machen würde, was er von seinem eigenen Weg mitgenommen hat, ob das Theater ihn mehr verändert hat oder er das Theater.

Bis es so weit ist, dass Oberender nicht nur in Salzburg, sondern auf mehrere Jahre in einem Stadttheater sein Labor aufbauen, haben wir eines der besten und persönlichsten, intimsten Bücher über die Faszination Schauspiel, spannend wie ein Chandler, luzide wie ein Cracauer… und mit 155 Seiten so kurz, dass man sich wünscht, Oberenders Beobachtungen und Botschaften aus der Gefangenschaft würden einfach endlos weitergehen, wären Blog, nicht Buch.

28. September 2010 12:28 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

Danny Goldberg: Bumping into Geniuses

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Wenn Danny Goldberg von der Musikbranche schreibt, schaut man einem Insider über die Schulter, der weiß, wovon er redet, immerhin hat Goldberg unter anderem für Led Zeppelin, Springsteen und Nirvana gearbeitet. Sei es als Talentmanager, PR-Profi, Plattenlabelchef, Journalist oder Filmemacher, Goldberg sollte aus dem Rocknroll-Geschäft einiges zu berichten haben. Das tut er in Bumping into Geniuses leider aber kaum. Bei Led Zep und Nirvana kann man einen schleierhaften Blick auf die Tragödien und Zickenkriege hinter der Rockfassade erhaschen, ansonsten bleibt Goldberg allzu oft in einer Art biographischer Selbstvermarktung haften, die das Buch seitenweise einfach langweilig macht. Dabei kommt Goldberg durchweg als ein nice guy rüber, der so bescheiden und sympathisch, wie er sich hier schreibt, angesichts seiner Karriere wohl kaum sein kann, und Bumping ist durchweg eine leichte, unterhaltsame Lesekost, in die der ehemalige Billboard-Autor gekonnt eigene Spannungsbögen einzubauen vermag. Fast unbemerkt bildet er über seine eigene Karriere die Entwicklung der Rockmusik zu einer stärker und stärker von PR und Marketing gesteuerten Finanzmaschine um, bei der es allen Beteiligten, Labels, Presse und eben vor allem auch den Künstlern selbst primär um Erfolg und Anerkennung geht und wie selbst große Acts sich verbiegen, um radiotauglich zu werden oder die Presse glücklich zu machen. Goldberg gelingt das Kunststück, die zynische Verwertungsstrategie der Branche irgendwie spielerisch und leicht aussehen zu lassen, selbst wenn er dabei etwas unbeholfen auf die Leichen am Straßenrand aufmerksam macht – die massiven internen Streitereien bei LedZep oder Cobains Selbstmord etwa, die auf die Schattenseite eines Business, das auf hohem Leistungsdruck und einer fast perfiden Mischung aus Selbstausbeutung, Individualität, Kreativitätsdruck und brutalen Anpassungsmechanismen basiert. Es ist wunderbar böse, wenn Goldberg ganz nett und locker darüber schreibt, dass sich selbst ein «integerer» Musiker wie Springsteen von einem Album zum anderen balladiger entwickelt, um mehr Airplay zu bekommen. Insofern mutiert Goldbergs Blick auf die Rockmusik-Industrie zu einem vielleicht unfreiwilligen Blick unter die Motorhaube einer Branche, die sich rebellisch und cool gibt, aber alles andere ist und die in weiten Bereichen nicht weniger als menschenverachtend tickt.

Wer eine «früher war alles besser»-Denke im Bezug auf die Rockmusik pflegt, wird hier brutal eines besseren belehrt, wenn Goldberg seinen an großen Namen reichen Zug durch die Rockgeschichte macht und von Dylan bis Warren Zevon die permanente Produkterneuerung, die ständige individuelle Suche nach einer Aussage, in einen trockenen Kontext von Public Relations, Presse und Geld rückt. Wer sich auch nur oberflächlich mit modernem Musikbusiness auskennt, weiß, dass hier von Glamour wenig die Rede sein kann und es ein durchaus verdammt trauriger Job sein kann, vor allem, wenn man nicht Stadien füllt, sondern irgendwo im Mittelmaß herumkrebst. Man kann hier sehr schnell sehr viel Geld machen, aber auch sehr schnell sehr hart untergehen. Goldberg berichtet von diesen Prozessen als Insider mit einer Art amerikanischer Fröhlichkeit, die oft im krassen, mitunter bizarren Gegensatz zu dem steht, worüber er da eigentlich schreibt, und diese Schere macht das Buch an sich interessant, der unsichtbare Subtext, das ungesagte, die Abgründe unter Goldbergs fröhlichen Berichten. Sichtbar wird eine Welt, wo sich selbst kleinste Acts dem Gesetz des kleinsten gemeinsamen Nenners unterordnen und selbst die großen Stars gehetzt und unglücklich wirken. In der sehr oberflächlichen und oft gehetzt wirkenden Selbsterzählung seiner Karriere, in der Goldberg die großen Stars wie Staffagen auftreten lässt, wird – sicher ungewollt – deutlich, wie sehr die Musikindustrie eben tatsächlich eine Industrie ist, die mit einer hochvolatilen Ware handelt, die die Egos der Stars übertrieben pflegen muss, und die zugleich aber auch absolut oberflächlich, gnadenlos brutal und zynisch werden kann, weil sie weiß, das in der Verwertungskette immer ein anderer Anwärter steht, der nur darauf wartet, die Maschine zu füttern. Es ist fast ein Wunder – und dieses Wunder bekommt das Buch nur ansatzweise zu greifen – das immer wieder trotzdem Produkte entstehen, die über Dekaden hinweg zahllose Musikfans berühren.

6. April 2010 12:20 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

Naomi Klein: The Shock Doctrine

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Naomi Kleins The Shock Doctrine klingt vielleicht nicht ganz unschuldig nach Alvin Tofflers Future Shock. Tofflers in den 70er Jahren formulierte Theorie eines hyperbeschleunigten gesellschaftlichen soziotechologischen Wandels, der die Menschen überfordert, wird von Klein zwar nicht explizit aufgegriffen, aber als gezielte Technik zur Erreichung politischer und wirtschaftlicher Ziele neu interpretiert.

Klein entpuppt sich dabei als eine Art schreibender Michael Moore, sie schreibt polemisch und mit furioser Wut, sammelt akribisch Daten und setzt aus diesen ein medienwirksam erschreckendes Gesamtbild zusammen – und wendet so als Autorin bewusst oder unbewusst die gleiche Schocktherapie an, die sie dem neoliberalen Wirtschaftsvertretern vorhält. Geschickt (und etwas sensationalistisch, weil inhaltlich nicht ganz haltbar) verbindet sie zwei narrative Stränge – die Entwicklung von Elektroschock, Isolationstechniken und anderen «psychologischen» Methoden als Techniken der Informationsbeschaffung bzw. Willensbrechung von Geheimdiensten einerseits, andererseits die moderne Globalisierungswelle im Zeichen eines von Milton Friedman und seinen Studenten geprägten Monetarismus. Auf großartige erzählerische Art und Weise und mit Dutzenden von Belegen verknüpft sie das an der Universität von Chicago entwickelte ultraliberale Wirtschaftsmodell mit den Terrorregimes in Südamerika, mit CIA-Foltermethoden, mit den Umbrüchen in Russland und Polen, mit China und erzählt so eine Gesamttheorie der globalökonomischen Entwicklung der letzten 30 Jahren als Kombination von amerikanischem Jingoism plus einer Wirtschaftstheorie, die die gesamte Welt als Labor betrachten kann. Die Ergebnisse dieser Mischung – selbst wenn man an manchen Stellen des Buches diese Mixtur etwas marktschreierisch empfindet und Klein mitunter etwas in den Bereich der Verschwörungstheorie kippt – ist im höchsten Maße fesselnd und erschreckend, spannend wie ein Krimi und mindest ebenso blutig. Auf Kleins Leinwand verschwimmen vom Pinochet-Regime bis zum Irak Krieg alle Kriege, Diktaturen und selbst Naturkatastrophen zu einem Werkzeug der «Friedmanites», die über die Kontrolle der Weltbank und anderer amerikanischer Einrichtungen nach und nach eine bestimmte Geschmacksrichtung kapitalistischen Denkens weltweit durchsetzen und aus der Schumpeterschen «Kreativen Zerstörung» eine gezielte Methode zur Erreichung politischer, vor allem aber großwirtschaftlicher Interessen entwickelten. Friedman, und im weiteren Verlauf des Buches Jefferey Sachs, können mit Unterstützung einer neuen Welle von Politiker wie Thatcher, Reagan, Jeltzin und im Zuge von einer dominosteinartig losgetretenen Veränderungswelle in der Welt soziale Ausnahmezustände und die dadurch resultierende Verwirrung, das politische Vakuum, nutzen, um ihre marktliberalen Modelle in der Praxis zu testen – mit oft verheerenden Folgen für die Bevölkerung – und an dieser Stelle kommt für Klein die ökonomische Schocktherapie und die herkömmliche Foltertechnik wieder zusammen, weil die protestierenden Bürger mundtot gemacht werden müssen.

Obwohl Klein oft zu überdramatisierenden Mitteln greift – die entsprechend häufig kritisiert wurden – und oft allzu offensichtlich eine Art linke Verschwörungstheorie von «Big Money», CIA und den Vereinigten Staaten heraufbeschwört, die insgesamt ein wenig zu vertraut, zu bekannt, zu abgegriffen klingt, gelingt ihr ein überzeugendes und hochspannendes Buch zur Zeit, das an vielen Stellen wahrscheinlich sogar zu eng denkt, zu wenig in die Verstrickung von Geld und Politik einsteigt – vielleicht auch, weil diese Vernetzung komplizierter und feingewebter ist als Kleins grobe Theorie erlaubt. Dennoch ist The Shock Doctrine ein wichtiges, ehrlich empörtes und wütendes Buch, das durchaus emotional und insofenr bewegend Wirtschaft nicht als abstrakte Theorie, sondern als angewandte Politik, als Machtkampf spürbar macht. Keynes und Friedman sind bei Klein keine Denkschulen, sondern konkurrierende geopolitische Meme, und in Kleins Buch wird der Siegeszug der «Free Market»-Anhänger zu einem sinistren Durchmarsch dunkler Neocon-Kräfte – etwa so als habe Dan Brown Marx’  Kapital neu umgeschrieben. Shock Doctrine beschreibt, wie ein modernes Feudalsystem von Oligarchien aus Politik und Wirtschaft weltumspannend entsteht, das auf Schocksysteme fast wartet – und diese teilweise auch gezielt herbeiführt -, um die eigene Position auszubauen und eine ungerechte Verteilung von globalen Wohlhaben zementiert. Es ist ein Buch, das mit dem Mythos, der Kapitalismus brauche Demokratie, aufräumt und nur zu deutlich macht, dassein ungebremster «freier» Markt unfrei wird und nahezu unweigerlich in totalitären Polizeistaaten mündet, in denen streikende Arbeiter, protestierende Studenten und unliebsame Journalisten einfach verschwinden. Der von Klein aufgezeichnete Desaster-Dreiklang – natürliche Schockzustände durch Katastrophen, künstliche politisch oder wirtschaftlich herbeigeführte Ausnahmezustände und schließlich der Schock von Polizeiknüppel und Wasserwerfern -, die oft kompromisslose politische Durchsetzung wirtschaftlicher Zielvorgaben. die zu enge parasitäre Symbiose von Wirtschaft und System (bei der nicht mehr ganz klar ist, wer eigentlich das Wirtstier ist), in der jede Form sinnvoller Kontrolle und Steuerung unmöglich wird… all das wirkt vor der Folie des zweiten Irak-Krieges aber auch der aktuellen Finanzkrise nahezu prophetisch.

Dabei ist die Erkenntnis vom bösen Kapitalismus natürlich so neu nicht, Klein kann sich da mit Rosa Luxemburg die Hand geben, sondern eher eine Reinterpretation, eine Modernisierung und zugleich eine mitunter fast persönlich wütend wirkende Abrechnung mit Friedman.Man nimmt Klein dabei jederzeit die glaubhafte Empörung ab, auch wenn man immer wieder beim Lesen denken muss, dass die Welt beileibe nicht so simpel und schwarzweiß ist, wie Klein sie skizziert und auch keineswegs so steuerbar. Dass aber – und auch lange vor Milton Friedman und seinen Chicago Boys, auch lange bevor es den Begriff «Kapitalismus» gab – seit Menschengedenken immer wieder Profiteure Krieg und Leid zu ihrem eigenen Vorteil nutzen oder auslösen, ist keineswegs neu. Was Klein beschreibt, sind lediglich die modernen Mechanismen einer Welt, die schon immer ungleich war – und es wahrscheinlich leider immer bleiben wird – in der die 10% der Mächtigen mit den 90% der Machtlosen paradoxerweise machen können, was sie wollen, weil jede noch so undenkbare und bizarre Handlung offenbar ohne Konsequenzen bleibt. Niemand hat Thatcher für Falkland vor Gericht gestellt, und auch für Bush, Rumsfeld et al wird der Irak-Krieg 2.0, der unverbrämt wie nie ein großer moderner Krieg seit Jahrzehnten zuvorderst dem nackten Gewinnstreben diente, keinerlei böses Nachspiel haben – trotz mangelnder Kriegsgründe, trotz Terrorlage, trotz dreckiger Bomben, trotz Folter. Man muss kaum erwähnen, dass auch die Finanzspekulanten, die mit ihrem Spiel die Volkswirtschaften tief in die roten Zahlen getrieben haben, keine Sekunde befürchten müssen, als gesamtes, als System, abgestraft zu werden. Ganz im Gegenteil ist im Kontext von Kleins Theorie natürlich auch die Finanzkrise nur ein «Schock», den sich neoliberale Kräfte langfristig zu Nutze machen können. Ob richtig oder falsch – Klein leistet sich den Luxus einer Überzeugung, und das ist selten genug geworden.

Was Klein also beschreibt – und auch nur holographisch, in Form von Splittern und Teilaspekten – ist die Organisation der modernen Welt unter den Aspekten von Gier und Habsucht. Ich bin nicht sicher, ob ich ihr darin folgen will, dieser Organisation eine Art gezielten Gesamtwillen, eine Art Kabale der Neokonservativen, innewohnend zu sehen… oder ob es nicht doch nur so ist, dass der Kapitalismus an sich eine Art amorphe Gesamtgestalt für den Egoismus jedes einzelnen ist, die Summe der Teile vieler kleiner einzelner Fälle von sinnloser Raffgier und Machmissbrauch, die sich wie ein Tangram zu einer sinnvoll erscheinenden Gesamtfigur zusammenlegen lassen. Wo Klein eine weltumspannende Intrige sieht, die es aufzudecken und zu bekämpfen gilt, sehe ich einen Ausdruck menschlicher Natur, eine Kumulation und Großschreibung ganz alltäglicher menschlicher Unzulänglichkeiten. Es hat seinen Grund, dass wir von Ägypten über Rom über das Dritte Reich und Stalin bis heute in deutlich diffuserer Form in Systemen leben, die einen kleinen reichen Kern selbsternannter Anführer haben und einen großen Mantel von Angeführten. Es mag eben seinen Grund haben, dass wir Millionen von Arbeitslosen haben – und weltweit eine unerträgliche und unnötige Not- und andererseits der im Wirtschaftssystem stets postulierte Mangel als Basis von Verteilungsungerechtigkeiten kaum noch haltbar ist, da wir lokal im Überschuss als in einem Mangelsystemleben und auch global längst gerechte Umverteilungsmodelle denkbar wären… und eben dennoch nichts passiert. Anders gesagt ist der Kapitalismus wahrscheinlich einfach nur die (post)moderne Ausführung einer Art von gesellschaftlicher Gliederung, die relativ stabil die Jahrhunderte überdauert, die eventuell nie verschwinden wird und die vielleicht, wenn auch auf eine durchaus zynische Art, ihre Berechtigung hat.

Aber dieser etwas abstrakte Aspekt hat natürlich wenig mit der Entrüstung und Wut zu tun, die The Shock Doctrine beim Lesen auslöst – und das ist durchaus gut. Es ist in Zeiten einer«Linken» in der Gesellschaft, die in Funktionärstum oder Selbstzerfleischung gefangen ist, wohltuend zu lesen, wieviel Klarheit und Kraft zum einen ein klares (wenn auch eben mitunter bedenklich klares) Feindbild und eine positive Gegenvision in den Händen einer geschickten Autorin entfalten können. Während es bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein nahezu einen Kampf von systemischen Ideen gab und Demokratie, Kommunismus, Faschismus sowie Kapitalismus in seiner fastnoch-Manchester-Ausprägung um die Köpfe und Herzen der Menschen kämpften, gibt es heute keine offizielle Alternative mehr zu dem inzwischen global etablierten ökonomischen Marktsystem, das an sich auch kaum noch als «echter» Kapitalismus zu bezeichnen ist – und das durchaus, was Klein ausblendet, neben Elend auch viel Wohlstand gebracht hat, wenn vielleicht auch nur in bestimmten Regionen der Welt. In den kommenden Jahrzehnten wird sich zeigen müssen, ob ein System wirklich zivilisatorisch zielführend ist, dass das Wohlergehen des Einzelnen so eindeutig vor die Interessen der Vielen stellt, das auf Wachstum und nicht auf Saturation abzielt, das aber vor allem insofern systemisch blind ist, als dass es nur in ökonomischen Begriffen denken kann und entsprechend alles in diesem Paradigma betrachtet – Bildung, Gesundheit, die Qualität von Leben und Tod. Man merkt dem modernen Kapitalismus einen Hauch von fin de siècle an, ein letztes Abräumen des Buffets, die Reparaturversuche an einer längst defekten Maschine. Zugleich ist der Kapitalismus aber auch nicht abzuschreiben – er ist wie Jazz, er kann mit allem. Demokratie, Diktatur, links, rechts – Hauptsache es gibt einen Gewinn zu machen. Insofern ist nicht zu unterschätzen, dass eine Autorin an der Selbstverständlichkeit, der Axiomität dieses Systems kratzt und die Frage nach den Kosten stellt – und zugleich klar und verständlich, weit entfernt von großen Systemwechsel-Allüren, ein Gegenmodell entwirft, das eine fairere und direktere, nivelliertere Gesellschaft mit einem erstarkten (Wohlfahrts-)Staat skizziert (und natürlich entsprechend grob auf Keynes basiert). Die Leistung von Klein liegt in der Synthese verschiedenster Puzzleteile zu einem (subjektiven) Gesamtbild, in der Wut und Empörung und der schieren Energie, die die Autorin ausstrahlt. Das ihr dabei Neokonservative, Marktliberale, Großunternehmen und Politiker zu einer undifferenzierten Suppe verkochen, dass sie nicht selten historische Ereignisse gezielt auswählt um ihre Theorie zu stützen (und andere Ereignisse ausblendet), dass sie an keiner Stelle psychologisch ordentlich auf die Grundlagen der Schocktherapie oder wirtschaftswissenschaftlich auf Friedmans Theorien eingeht, sondern stets sehr oberflächlich bleibt, tun dieser Energie an sich keinen Schaden – wohl aber der Botschaft des Buches, das eben spannend und fesselnd und ergreifend ist, aber auch oberflächlich und einseitig. Das Naomi Klein aber Wirtschaftstheorie und Machtpolitik spannend wie einen Krimi verbindet und damit beweist, dass Politik keineswegs langweilig und schaumgebremst sein muss, sondern ordentlich brennen kann, ist der große Verdienst des Buches.

4. Oktober 2009 07:32 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Eine Antwort.

Über den Umgang mit E-Mails

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So gut geölt kann ein Verlag sein – in einem kurzen Telefonat macht Karin Schmidt-Friderichs einen Scherz darüber, dass ich bei meinen langen Mails vielleicht den E-Mail-Knigge von Scholz&Friends gebrauchen könnte, und anstatt es dabei zu belassen, kommt das Buch von KSFs rechter Hand Jutta Schober einige Tage später tatsächlich auf meinen Schreibtisch. Das ist beneidenswert gut organisiert und vor allem wirklich charmant mitgedacht – ich habe mich sehr gefreut. Und nutze die Chance, mich zu revanchieren, indem ich das Buch zumindest kurz – nicht so lang wie Retrodesign – vorstelle:

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In Über den Umgang mit E-Mails stellt die Werbeagentur Scholz&Friends anscheinend vor allem erst einmal für interne Zwecke grundlegende Regeln für den elektronischen Postverkehr auf. Das erklärt wahrscheinlich auch die erste Regel, nach der nicht gesendete Mails gleich die besten sind – schließlich kostet elektronische Kommunikation (Mail, ICQ, Twitter) von Mitarbeitern ja auch wertvolle Zeit. Aber ob primär firmeninterner Leitfaden oder nicht, das von FAZ-Karikaturist Alfred Schüssler absolut wunderbar illustrierte kleine Brevier gibt zehn klare Regeln für die gepflegte E-Mail-Korrespondenz vor, die alte Briefkultur und Höflichkeit in die Neuzeit retten sollen und wollen.

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Ob das immer treffend ist, und ob Emoticons nicht eben doch in einem modernen Kommunikationskanal genutzt werden dürfen und können, muss jeder Leser für sich entscheiden. Sicher inspirierend ist aber vor allem die Anregung, sich als Firma Gedanken über einen bündigen virtuellen Außenauftritt auch in Form von E-Mail-Nachrichten zu machen und diesen so liebevoll und verführerisch – und damit eben auch allgemein gültig – zu bebildern.  Das in Berlin produzierte Buch ist ein schönes bibliophiles Objekt, insofern auch ein treffendes Geschenk,das man fast selbst nicht weggeben mag.

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Wer mitschenken will: Das Buch gibt es natürlich bei Amazon oder direkt beim Verlag. Oder natürlich binnen 24 Stunden beim Buchhändler eures Vertrauens vor Ort…

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9. Juli 2009 14:14 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Slavoj Žižek: Violence

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Nacdem Daniel van der Velden mir Žižek empfohlen hatte – von dem ich nur die DVD The Perverts Guide to Cinema kannte – habe ich mir drei Bücher bestellt, bei deren oberflächlichen Durchblättern schon deutlich wird, dass Žižek sich in einem sehr engen theoretischen Gerüst bewegt, eine Art poststrukturalistischer Melange aus Lacans psychoanalytischen Ansätzen, mit Kant, Hegel, Marx und einigen anderen für den soziophilosophischen Bereich, eine Plattform, von der aus er nahezu jedes soziale Phänomen betrachten kann, sei es Popkultur oder der israelisch-palästinensische Konflikt. Geschickterweise fängt das wie ein Musikstück in Sätze unterteilte Buch recht niedrigschwellig an, um sich im Laufe des Buches wie ein derwisch von Thema zu Thema zu hangeln, oft hart an dem Punkt, wo man sich fragt, wie dieses Buch jemals Kohärenz gewinnen soll, und wird dabei zunehmend theoretischer, wenn auch nie so tief wie in For they know what they do. Žižek ist einer der vielen Theoretiker, die sich an Lacan abarbeiten, aber kaum jemand ist so bemüht wie er, ihn nahezu universell anzuwenden, wie eine Art psychoanalytisches Schweizermesser. Dass man hier oft an die renzen des Blödsinns kommt, kennen wir von dem Missbrauch Freudschen Kanons bei der Analyse gesellschaftlicher (und eben nicht individueller) Phänomenologien. Ich bin nicht sicher, ob irgend eine Theorie dieser Nutzung wirklich lückenlos gerecht werden könnte, und so knirscht es auch hier öfters, wenn Žižek zu große assoziative Bogen spannt und die klaffenden Lücken in seiner Argumtentation mit schierer erzählerischer Finesse zuspachtelt.

Die Stärke Žižek ist, dass er kaum je trocken schreibt. Ähnlich wie McLuhan oder Sloterdijk – den Žižek in Violence heftig kritisiert -, vermag Žižek eine lesbare Mischung aus Theorie und Praxis zu präsentieren, und in Violence gelingt ihm dies kunstvoll. Ausgehend von der simplen These, dass es neben der subjektiv wahrnehmbaren Gewalt auch eine strukturelle, objektive Gewalt gibt, die sich in der Ökonomie, Politik,  Sprache, den Normen und Kodierungen gesellschaftlicher Realität niederschlägt. Bereits in dieser Behauptung steckt ein zentrales Leitmotiv des Buchs – nothing is as it seems. Žižek arbeitet fast ausschließlich nach der Methode, kontra-intuitiv davon auszugehen, dass eine allgemein als richtig angenommene These unweigerlich falsch ist und sich dahinter mehr verbirgt. Gewalt ist ergo eben nicht ein Terroranschlag oder Bürgerunruhen, sondern diese bilden nur symptomatischen Charakter für die tatsächliche «normale» Gewalt, vor deren Fond die Symptome sich abzeichnen. Paradoxien dieser Bauart finden sich im gesamten Buch, was durchaus auch den Spaß an Žižek ausmacht – wie ein Detektiv findet er Symptome und Spuren, auf deren Basis er oft gewagt konstruierte Thesen baut, die dem gesunden Menschenverstand einerseits völlig widersprechen, andererseits absolut einleuchtend wirken. Wie in einem Lynch-Film baut Žižek so eine Konter-Realität, und der Gestus des Vorhang-Beiseiteziehens in eine andere, tiefere Realität hinter der Realität, zeichnet seine Arbeit aus. Ob er sich mit der Idee von Nachbarschaft und dem Anderen befasst, mit globalisiertem Kapitalismus oder mit Filmen – stets gewinnt man bei Žižek den Eindruck, einer zweiten, unsichtbaren Schicht gewahr geworden zu sein, die etwas absurd genau das Gegenteil dessen ist, was die erste Schicht zu sein schien. Schon Steve Jobs und Bill Gates als «liberale Kommunisten» zu bezeichnen oder Stalins Umgang mit den russischen Intellektuellen als angemessen zu bezeichnen macht die Taktik hier klar – Žižeks Rhetorik wirbelt dem Leser den vertrauten Boden unter den Füßen weg und macht ihn zum einzig verlässlichen Reiseleiter bei diesem Trip in die Un-Welt. Žižek stellt die unmöglichsten, gewagtesten Thesen auf, die man sich denken kann, um diese dann elegant und plausibel zu untermauern. Oft gerät ihm das in der Jonglage von Realem, Symbolik und Imagination dann zum reinen intellektuellen Kartentrick, zur Masche, zum Show-Off, aber oft fungiert Žižek so zumindest als Agent der Unsicherheit, der die Fugen aus dem Beton ungeschriebener gesellschaftlicher Regeln schlägt und sagt: «Yeah? Really??». as ganze wirkt dadurch sehr politisch unkorrekt, der skandalös, und auch wenn diese Technik nicht immer wirklich treffend funktioniert, so etwa am Ende des Buches, das auf die sich aufdrängende Frage «Was tun gegen Gewalt» ein lakonisches «Nichts» antwortet, wo man als Leser schon sehr vermutet, dass Žižek einfach auch verdammt gerne unberechenbar und anti sein möchte, einfach um unberechenbar und anti zu sein. Dennoch ist die permanente umkehrung des teleologischen Denkens natürlich eine sinnvolle Übung, die symbolische Verfremdung der Welt nutzen, um das Gewohnte und Alltägliche, überhaupt erst wieder denkbar zu machen. In diesem Sinne ist Žižek einer der wenigen Autoren, der klug genug ist, alles in Frage zu stellen, sogar sich selbst, in einer oft seltsamen Mischung aus absoluter Überzeugung und einer subtilen Ironie, die klar macht, dass er jederzeit ebenso vehement und mit eben so fundierten Argumenten auch das absolute Gegenteil verfechten könnte. Der permanente Provokateur und grandiose Erzähler Žižek ist von der neuen Linken  massiv vereinnahmt worden – und eindeutig ist aus seinem Werk, von den Jacobinern über Stalin bis zur Kritik am postideologischen Kapitalismus – eine seltsame Hassliebe zum Kapitalismus zu greifen. Fasziniert vom Erfolg des Systems, und offenbar völlig eingebettet in die ja nun mal kapitalistisch geprägte Kulturwelt des Westens, die er in ungezählten Buch-, Film- und sogar Comiczitaten nutzt, beschreibt Žižek den globalisierten «demokratischen» Kapitalismus als Idee am Ende ihrer Kraft, mit durchschlagender neurotischer Wirkung in die Gesellschaft. Hier zaubert er wenig überraschend Ernesto Laclau aus dem Hut, und ergründet in einem fast gordischen Argumentationsknoten die Zusammenhänge zwischen Partikularforderungen einzelner Gruppen und der Lösung grundlegender Probleme – es ergibt sich hier ein spannender Metabolismus zwischen dem Einzelnen, dem Anderen und der Summe von Gesellschaft, der lesenswert ist. Auch sein fein ziselierter, komplexer Umgang mit Antisemitismus und Holocaust, im höchsten Maße politisch unkorrekt, ist vor dem Hintergrund des aktuellen Konflikts im Gazastreifen, sowie der amerikanischen wie deutschen Reaktionen dazu, sehr apropos.

Žižek ist sicher nicht ohne Grund umstritten. Ich sehe förmlich die Phalanx der Theoretiker, die seine permanenten Witze, Paradoxien und Bezüge auf Popkultur unseriös finden werden – ganz zu schweigen von seiner oft ohne Zweifel wissenschaftlich völlig unseriösen Argumentationstaktik. Žižek ist ein Wüterich, ein Getriebener, der offenbar impulsiv, wie rasend, seine Texte herausrattert, oft ins schwafeln gerät, frei flottierend durch Theorien, Bezüge und Themen tanzt, gerne mal komplett den Faden verliert, um zuletzt über Umwege dann aber doch irgendwie ans Ziel zu kommen. Naheliegend, dass mir dieser Stil aber exzellent gefällt. Žižeks Pop-Psychosoziophilosophie macht Spaß, bei allen offenen Fragen, die seine Texte aufwerfen, als reine intellektuelle Achterbahnfahrt – die aber trotzdem ernsthaft ist. Wie Batmans Joker sind Žižeks Paradoxien mehr als reine Zen-Übungen, nur oberflächlich konisch – hinter seinen Texten steckt gesellschaftlicher Sprengstoff, im besten Sinne – Žižek ist einer der wenigen Autoren, der zwar fest in der westlichen Kultur verankert ist, diese aber trotzdem ganzheitlich in Frage zu stellen wagt. Dass er am Ende des Buches trotz eines Verweises auf Robespierre und Stalin die Antwort schuldig bleibt, wie eine andere gesellschaftliche Realität aussehen könnte, macht Violence nur überzeugender – nicht umsonst spricht Žižek von »six sideways glances» im Untertitel. Manchmal lässt sich etwas eben nur aus den Augenwinkeln richtig betrachten, weil es sich bei geradem Blick aufzulösen scheint.

11. Januar 2009 14:44 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Eine Antwort.

John Barclay: Talks About Money

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Abgesehen davon, dass es apropos ist, wenn ein Autor namens Barclay (gemeinsam mit Linda van Deursen)  ein Buch über Geld macht, ist Talks about Money  vor allem ein lesenswert verspieltes Dokument der Ratlosigkeit unserer Branche in Sachen Geld. Die Interviews, die Barclay mit etablierten Designern aber auch Newcomern und Freelancern führt, zeigen auf, wie wenig Anfänger aber auch Profis eigentlich wirklich von Preisgestaltung wissen und wie unterschiedlich die Strategien der Kommunikation von Gestaltungskosten am Markt sind. Aus Kundensicht eigentlich ein Horror, diese völlig verschiedenen Ansätze, eine doch relativ gleiche Leistung zu beziffern. Den kurzen und kurzweiligen Inhalt verpacken die beiden Autoren sehr charmant in Sprechblasen, die das Buch zu einem der schlecht gestaltetsten Bücher über Design machen dürften :-D.

Am Ende des Buches weiß man eigentlich selbst nicht viel mehr über die Art, wie man abrechnen sollte, über den idealen Stundensatz oder die goldene Strategie, Klienten den Wert von Design zu verkaufen, aber man hat eine Ahnung, dass man nicht allein ist mit den Problemen, die man im Alltag hat zwischen Kunden, die am liebsten eine Webpage für 150 Euro haben möchten, und Kollegen, die für ein paar Zeilen Text und zwei Musterseiten fünfstellige Beträge verlangen. Was man mitnimmt ist das Gefühl, dass die Lizenz-Tarif-Ansätze im Stile von BDG und AGD auch für die meisten Kollegen im Buch nicht funktionieren und Stundensatz plus ein gesundes Augenmaß dafür, was die Klienten zahlen können, noch am ehesten machbar sind. Du lernst, dass Stundensätze wild zwischen 75 und 300 Euro fluktuieren, und verstehst, dass wir vielleicht wirklich eine Art Architekten- oder Ärztekammer bräuchten, die diese Unsicherheit von oben herab zumindest etwas mildert.

Geld ist für Designbüros ein seltsames Thema. Die großen Studios, bei denen vor allem die «nette» Gestaltungsseite und die eher unfreundliche Kalkulation personell völlig getrennt sind, können horrende Stundensätze und -mengen durchsetzen, die kleinen Freelancer beuten sich oft selbst gnadenlos aus (was dann eben oft bedeutet, dass die großen Studios die Jobs an die selbstausbeutenden Freelancer abgeben und sich die Differenzsumme einstreichen, so dass der Kunde eigentlich auch direkt zum Studenten X hätte gehen können, der das eigentliche Logo entworfen hat :-D). Auch beim Kunden fehlt ein Gespür für die richtige Dimension – trotz sich an Endverbraucher wendender und insofern gegenüber den AGD-Preislisten zumindest halbwegs realistischer Preislisten wie Rotstift -, die gleichen Leute, die mit dem riesigen BMW vorfahren, wollen für ihre Gestaltung, die doch eigentlich zentrales Kommunikations- und Erfolgswerkzeug ist, nur Peanuts ausgeben und entwickeln ausgerechnet in diesem sensiblen Bereich eine ruinöse Geiz-ist-Geil-Mentalität. Klare, pragmatische Regeln wären also eigentlich für beide Seiten eine wichtige Entwicklung. (Und bitte ohne Lizenz-Gedöhns, niemand versteht das. Wenn man einen Rechner entwickeln muss, der regionale und zeitliche Faktoren multipliziert, wird es unkommunikabel . . . und ich weiß selbst, dass ich vor Photographen zurückschrecke, die neben dem Tagessatz auch noch Lizenzen wollen, nicht, weil ich es aus Prinzip nicht mag, sondern weil es ganz schnell und ganz kräftig alle Budgets sprengen kann und unflexibel ist. Ich verstehe, wieso die Lizenzen eine gute Einrichtung sind, aber in der Praxis sind sie oft abstruser Käse und jeder weiß das.)

Die Frage, die Studenten am häufigsten stellen, wenn sie anfangen, nebenbei kleinere Jobs zu machen, ist: Was kann ich dafür nehmen? Das Kalkulation und BWL nicht im Designstudium so integriert ist, das man praktisch nach dem Abschluss weiß, wie die Business-Seite des Grafik Designs aussieht, ist sehr schade. Talks about Money schließt diese Lücke nicht, macht aber auf sehr spaßige Weise zumindest klar, dass man mit seinen improvisierten Strategien nicht allein ist, im Gegenteil.

hd schellnack

21. Dezember 2008 09:09 Uhr. Kategorie Buch, Design. Tag , . 3 Antworten.

2 Kilo Of Kesselskramer

hd schellnack

Ein Buch, das ich verliehen hatte, nie wieder bekam (das ist ne lange Liste inzwischen), dann lange nicht kriegen konnte und jetzt endlich wieder habe, ist das legendäre Ziegelstein-Buch der Amsterdamer Agentur Kesselskramer (nicht von der Site verwirren lassen, reloaden und Spaß haben :-D), das exemplarisch zeigt, wie weit vorn die Niederländer (die inzwischen auch in London tätig sind) sind, nicht nur in Sachen  Design, sondern auch bei ganz normaler kommerzieller Werbung, etwa für Mobiltelefonie-Anbieter. Es ist weniger das (durchaus exzellente und oft bewusst trashige) Design von Kessselskramer, sondern vielmehr die immer vorbildlich anderen Ideen, mit denen sie ihre Klienten beglücken – und diese unglaublichweise irgendwie an scheinbar extrem mutigen Marketingentscheidern vorbeikriegen.

Bei Fake im letzten Jahr fragte Gesine Grotrian- Steinweg die versammelten Studenten, ob sie KK kennen, und niemand kannte es. Nichts schlimmes, man kann ja echt nicht jeden kennen. Aber dies ist eure Chance, diese Wissenslücke  zu schließen – es lohnt sich. Oh, und bestellt das hier und jenes hier doch gleich mit :-D.

hd schellnack
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20. Dezember 2008 16:01 Uhr. Kategorie Design. Tag . 5 Antworten.


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