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Long Time no see: Demon Seed

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«Rosemarie’s Baby» trifft «I Robot» – diese 1977er Verfilmung eines B-Schockers des Vielschreibers Dean R. Koontz ist alles in allem ein ausgesprochen seltsamer, unwirklicher Film. Streckenweise unfreiwillig komisch, streckenweise psychedelisch, streckenweise body-horror um Dekaden vorweggenommen. Der Londoner Regisseur Donald Cammell ist eine exzellente Wahl für diese exzentrische Mischung, immerhin hatte er zehn Jahre zuvor in seinem bis dahin einzigen Film («Performance») schon einen eher surrealen Kult-Pop-Krimi produziert. Unter seiner Führung wird der plumpe Horrorstoff zu einem gleichzeitig grandios schlechten und schlicht grandiosen Kammerspiel zwischen Julie Christie, Fritz Weaver und Robert Vaughn als Stimme des Computers Proteus IV, der in einer etwas oedipalen Wendung als eigentlich für den militärisch-wirtschaftlichen Komplex unterirdisch konstruiertes Superhirn gegen seinen Schöpfer Dr. Alex Harris auf und schwängert (!) dessen Frau Susan, um selbst – Pinocchio würde es garantiert verstehen – menschliches Dasein erleben und Sterblichkeit begreifen zu können. Ganz à la Frankensteins Braut will Dr. Harris das natürlich nicht unbedingt zulassen, weswegen Proteus sich praktischerweise in das Labor seines Schöpfers hackt und vom dortigen Terminal aus nicht nur zu einer monströsen Metallplatten-Skulptur mutiert, sondern auch noch die gesamte Haustechnik übernimmt und Susan spontan im Keller vergewaltigt, da sie sich trotz bester Argumente Proteus’ freiwillig so gar nicht für eine Mensch-Maschine-Symbiose begeistern kann. Gespickt mit entsetzlichen aber liebevollen Trickeffekten, die teilweise so atemberaubend dreist bei Kubrick gestohlen sind (bietet sich bei einem Film über eine boshafte Künstliche Intelligenz ja auch an), das man ganz hingerissen ausrufen will: «So schlecht und so gut!» Denn trotz oder vielleicht sogar gerade wegen einem Hang zu britischer Skurrilität, seltsamen Wendungen in der ohnehin eher wirschen Handlung, trotz sowohl steifer wie auch hysterischer Darsteller, trotz der genial nebelmaschinenverhangenen Trick ist dem Film in jedem Moment eine ganz eigene Leidenschaft anzumerken, eine besondere Intensität. Und die sorgt tatsächlich für einen unwirklich-alptraumhaften Horror, der sich eben gerade wegen der irrationalen Handlung einstellt. Die Verve, mit der Cammell seinen Zug von der eigentlichen Science-gone-wrong-Schiene entgleisen lässt, verunsichert für den Rest des Films, weil man diesem Film jederzeit jede noch so abstruse Wendung zutraut… und in dieser Erwartung auch selten enttäuscht wird. «Demon Seed» ist seltsamerweise ein Film, der viel will, an den eigenen Ambitionen furios scheitert und gerade deshalb, in seinem Scheitern überhaupt erst gut wird. Ein besserer Film wäre wahrscheinlich insgesamt einfach ein anderer Film, mit plausibler Handlung, einer glaubhaften Motivation für Proteus, mit weniger dreisten Zitaten – wahrscheinlich hätte es den Film dann einfach nie gegeben. Ein nur noch marginal schlechterer Film hingegen wäre als platter Horrorschocker längst vergessen in der Schublade von Filmen, die selbst Corman noch zu peinlich wären. Aber so? Irgendwo zwischen Ballard und Hammer-Studios? So ist «Demon Seed» beunruhigend, verwirrend, bis zum letzten Moment durch und durch anders. Wir finden oft genug Filme gut, weil sie auf amüsante Art «trash», «camp» oder einfach eben genial schlecht sind, aber ein Film, der nur funktionieren kann in dem, was er eigentlich erreichen will, weil er es eben nicht erreicht? Atemberaubend selten! Im Grunde ist «Demon Seed» in seinem Scheitern ein gelungenes Stück Kunst.

21. Dezember 2012 09:16 Uhr. Kategorie Film. Tag , . Keine Antwort.

When Kirby loved Armstrong

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Kleiner Mash-Up aus FF# 98.

6. September 2012 07:18 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

Als die Werbung noch Copy hatte

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sehr viel Copy. Passt aber hier zum Produkt. Dennoch eigentlich schön zu sehen, wie textlastig Werbung einmal war, während heute selbst Info-Publikationen auf minimale Powerpoint-Spiegelstrich-Texte reduziert sind, weil jeder Absender annimmt, niemand lese mehr… wahrscheinlich aber nur, weil kein Mensch nun diese Art von reduzierten Stummeltexten lesen will, die wie ein Hammer immer wieder stumpf auf eine Wand schlagen. Dagegen wirkt die Copy von alter Werbung zwar natürlich albern und verlogen, ist rein handwerklich aber oft perfekt geschrieben und macht tatsächlich Spaß beim Lesen, verführt in einer klassischen Dreistigkeit, die man heute fast nicht mehr findet.

07:03 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

Moonblob

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5. September 2012 17:00 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

The stars my destination…

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Mondspielzeug für Kinder…

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… und für Erwachsene

11:02 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

It’s nuclear!

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Irgendwie war Werbung ja auch schöner, als sie noch völlig unverschämt lügen durfte. Ich süßte gern, was an diesem U-Boot nuklear war und wie die «nuklearen» Raketen und Torpedos aussahen, die es abschießen konnte. Und woraus das «test material» der Konstruktion ist. Von Reisen zum Grunde des Ozeans und in Piratengewässer ganz zu schweigen. Was für Zeiten, als Werbung noch auf so wunderbare Weise nicht hinterfotzig verlogen war und Zuckerwasser als EnergyDrink zu verkaufen versucht, sondern ganz offenbar phantasievoll-versponnen unfassbaren Kinderspielzeug-Trash als großes Abenteuer zu verpacken verstand. Die Enttäuschung beim Auspacken ist nicht geringer, aber die Werbung an sich macht mehr Spaß. Eine Kunst, die heute bestenfalls noch die Texter von Manufactum beherrschen ;-).

10:20 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

Krups

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1. September 2012 11:51 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Keine Antwort.

Station to Station

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12. August 2012 21:54 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

Swinging in Endless Orbits…

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11. August 2012 22:44 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

People get killed sometimes

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8. August 2012 07:09 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . Keine Antwort.

Oscillate wildly

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7. August 2012 07:06 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . Keine Antwort.

Ready ready

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6. August 2012 07:03 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . Keine Antwort.

Montserrat

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«The Montserrat Typeface» ist ein Kickstarter-Projekt von Julieta Ulanovsky, die mit einem Set von bis zu 9 Schriften die Alltagstypographie ihres Stadtteils Monserrat in Buenos Aires retten will, mit allen formalen Fehlern und trotzdem digital – und vor allem als Open Source Font. Was man bisher sehen kann, ist sehr vielversprechend und mehr als sympathisch ist die Idee ohnehin – kein Wunder also, dass Julieta längst deutlich über dem zu erzielenden Mindestbudget von 5000 $ ist. Was ja nicht heißt, dass ihr trotzdem nicht ein paar Euro beisteuern könnt ;-).

18. November 2011 22:02 Uhr. Kategorie Design. Tag , , . Keine Antwort.

Andreas Fuhrimann

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Apropos Tycho; Aus Hansens ISO50-Blog kommt dieser Link zu einer atemberaubenden Sammlung von Photos alten 60er- und 70er-Jahre-Produktdesigns von Andreas Fuhrimann, einem hervorragendem Schweizer Architekten. Nicht neu, aber immer noch atemberaubend… Es ist nach wie vor spannend, wie sehr der ja doch sehr verlogene Werkstoff Plastik in seinen Jugendtagen mutiger und schöner war als heute, wo er fast die Welt an sich gerissen hat. In den frühen Plastik-Designs steckt der Geschmack von Aufbruch, von Auflehnung gegen eine Welt aus Holz, Glas, Leder und Metall (nach der wir uns heute zu Recht zurücksehnen) und ein Optimismus und Farbenfreude, die an die frühe Moog-Zeit erinnert und insofern bei aller Eleganz und allem Pop immer auch eine Spur Punkigkeit aufweist, ein Verbrennen alter Brücken und ein Aufbruchsgeist. Daraus kann unendlicher Kitsch werden, oder – in den richtigen Händen – Klassiker, die sich über ihren billigen Werkstoff erheben und auch in Jahrzehnten, jenseits aller Moden und Retrowellen, gut aussehen werden.

17. November 2011 11:36 Uhr. Kategorie Design. Tag , , , . Keine Antwort.

The Shape of Speed

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Quasi als Memo für mich selbst, aber auch ansonsten spannend: Carmen Infantinos Methode, die Geschwindigkeit des «Roten Blitzes» Flash beim Laufen darzustellen, als quasi-stroboskopische Ansammlung von Nachbildern, die uns wissen lassen, dass Flash zu schnell für das menschliche Auge läuft, als fleischgewordener Film ein Nachfllickern, eine Vibrationsspur hinterlässt. Physikalisch, wie so vieles bei Silver-Age-uperhelden der reine Unsinn, wobei die ganze Idee hinter einem Mann, der offenbar frei von Reibungshitze und Luftdruck mit Überschallgeschwindigkeit laufen kann, ohne dabei zu ersticken, erdrückt zu werden oder doch mindestens ein Heer von Fliegen zwischen den Zähnen hängen zu haben, ist der Flash trotzdem eine Metapher für das Zeitalter seiner Erschaffung, für Tempo und den unbändigen amerikanischen Vorwärtsdrang der 50er/60er Jahre, für Weltraumträume und die Ästhetik der Sixties, die aus jedem Auto gleich eine erektile Pseudorakete machte. Eins der besten Kostümdesigns, das jemals ein Superheld trug, in dieser schlichten, design-affinen Art, in der DC die neuen Helden der 60er schuf (Infantino den Flash, Gil Kane Green Lantern), schlank, fluide, ohne jedes unnötige Extra – was für Superman das Cape und Batman die Maske ist für den Flash der visuelle Slipstream, die Speedlines, die fester Teil seiner visuellen Identität und somit seines Kostüms sind. Bis heute inspirierend und bei aller Kopie unerreicht in Eleganz und Langlebigkeit – ein Superheld, als sei er von Hans Gugelot entworfen worden.

24. Oktober 2011 16:26 Uhr. Kategorie Design, Stuff. Tag , , . Keine Antwort.

Toyetic Design

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Auch wenn «Toyetic» eigentlich etwas anderes bedeutet – die Möglichkeit, aus einem Medienangebot, etwa einem Film, Merchandise wie Spielzeug usw. abzuleiten – so gibt es auch mehr und mehr Design, dass im Grunde nichts anderes tut – Alltagsgegenstände und -median einen Spielzeug-artigen Charakter einhauchen und damit die Emotionen einer Gesellschaft triggert, die sich weigert, erwachsen zu werden bis ins hohe Alter. Diese orangen Panasonic-Kopfhörer sind ein meisterhaftes Beispiel für diesen Trend.

19. Juni 2011 16:51 Uhr. Kategorie Technik. Tag . 5 Antworten.

Happy Birthday

15. Februar 2011 23:04 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

No Retro

«Es ist ein Ausdruck des Scheiterns, dass die Generationen, die heute als verantwortlich gelten, es wagen, die Vergangenheit wie eine Trickkiste zu behandeln, aus der sie mal dieses, mal jenes herausziehen.»

Christoph Ingenhoven, Spiegel 25/10

21. Juni 2010 20:55 Uhr. Kategorie Design. Tag , , . Keine Antwort.

On the Sleeve…

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Klar, jeder weiß, das Albumcover – als es sie noch gab – der große Abenteuerspielplatz für Grafik Designer waren? Aber reine Industrie-Sleeves, die reine Schutzhülle ums Vinyl? Anscheinend schon, wie dieses Blog mit teilweise wunderbar sparsamen Retro-Designs zeigt: Record Envelope.

13. Mai 2010 15:11 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Polaroid: Mission Impossible?

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Von ehemaligen Mitarbeitern betrieben, bietet das Impossible Project, oft in streng limitierten Editionen, Kameras und spezielle Filme direkt im Online-Shop an, die den Genuss des Analogen in den Mittelpunkt stellen und den stets etwas unsicheren und seltsamen Polaroidfilm nicht als Verwackelbild-Kompromiss aus den 70ern, sondern als Kunstgenerator sehen – dafür sprechen nicht zuletzt die vielen Filme im Type100-Format, die eher für Rückenteile (und natürlich die Holgaroid) konzipiert sind und sich an Profis wenden. Aber auch für Retro-Nerds, die Filme für ihre SX-70 suchen, ist reichlich kreatives Filmmaterial (zu selbstverständlich horrenden Preisen) vorhanden. Die Tatsache, dass anscheinend der halbe Shop derzeit «Out of Stock» ist, mag da ja einiges an Hoffnung machen, dass der etwas hippere und deutlich besser gestaltete Ansatz funktionieren dürfte. Ich drücke die Daumen!

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29. März 2010 16:43 Uhr. Kategorie Design, Technik. Tag , . 2 Antworten.

Decke

15. Januar 2010 20:17 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . Keine Antwort.

iPod 1950

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Sehr süß.

Via Macenstein

16. Oktober 2009 16:30 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

Tacho

17. August 2009 08:51 Uhr. Kategorie Photos. Tag , . Eine Antwort.

Achim Böhmer & Sara Hausmann: Retrodesign

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Nachdem im Fontblog bereits ausgiebig und kontrovers über Achim Böhners und Sara Hausmanns Retrodesign diskutiert wurde, und das Buch in der Form von dem sicher nicht zu leichtfertiger Kritik neigendem Markus Zehentbauer recht kritisch beleuchtet wurde, habe ich ganz besonders über ein Rezensionsexemplar aus dem Hermann-Schmidt-Verlag gefreut, um mir selbst ein Bild machen zu können. Das folgende ist – wie immer bei mir – kein «echter» offizieller Review, sondern die Sachen, die mir beim Durchlesen und -blättern durch den Kopf gingen, spontan und wie immer unredigiert.

01: Preis-Leistung
Wer 89 € für ein Buch dieses Umfangs, dieser Verarbeitungs- und Veredelungsqualität und nicht zuletzt der Recherche, die darin steckt, für überteuert hält, dem fehlt vielleicht ein Einblick in normale Verlagskalkulation oder er/sie ist schon von der Wirtschaftskrise mental erfasst– denn wenn man das Buch in der Hand hat, kann kein Zweifel an dem Preis aufkommen. Retrodesign ist vielleicht nicht ein Buch, dass sich jeder kaufen will und wird, weil es ein spezielles Thema dekliniert, aber wer sich für diesen Themenbereich interessiert – ob als Student, Dozent oder Profi -, kann wenig Zweifel daran haben, dass dieser Überblick eine Menge Zeit und Liebe gekostet hat und jeden Pfennig wert ist. Allein die Organisation der verwendeten Bilder in druckreifer Auflösung und mit den nötigen Abdruckrechten muss eine enorme Zeit gekostet haben – anders als bei den meisten anderen Designbüchern kann man ja hier nicht mal eben einen lustigen Mail-Aufruf an Büros und Agenturen starten, sondern muss gezielt nach Material fahnden, die Rechteinhaber aufspüren, eventuelle Lizenzen und VGBildkunst-Kosten tragen. Insofern ist allein – und das ist ja nur ein Teil dieses Buches – die Bilderflut schon den Preis wert. Anders als große Verlage wie etwa Taschen kann Schmidt sich (wahrscheinlich) nicht komplett durch Querfinanzierungen behelfen und muss insofern einen realistischen Preis für ein Buch wie dieses nehmen (zumal man vorher ja nie weiß, welches Buch ein Bestseller wird… wäre sofort klar, dass Retrodesign sich grandios verkauft, könnte man es wahrscheinlich sogar tatsächlich preiswerter kalkulieren, but you never know), und die Veredelung (die durchaus nicht so unnötig pompös ist, wie im Fontblog behauptet, sondern durchaus stimmig – erinnert mich übrigens ganz entfernt aber durchaus positiv an Beate Blaschczoks «Genesis»-Bibel und will vielleicht eben ein wenig eine «Style-Bibel» sein, insofern passt der Look schon) ist in Sachen Preis sicher nicht der ausschlaggebende Faktor, macht das Buch aber im Regal deutlich stabiler als ein Paperback und auch sehr viel schöner… und das darf bei Design doch bitte ruhig ein Faktor sein. Nicht zuletzt dürfte es den Machern auch mehr Spaß bereiten, ein «schönes» Buch zu machen als ein «sparsames». Man kann Sara und Achim absolut nicht verdenken, einfach auch ein bibliophiles Buch machen zu wollen, im Gegenteil – es würde uns allen doch auch so gehen :-D. Und den Spaß an der Sache, am Retrodesign ebenso wie an der Möglichkeit, ein großes Buch zu diesem Thema auch ordentlich zu gestalten, spürt man dem Buch an vielen Stellen an.

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Edel in rotem Kunstleder und mit schwarzem Schnitt: Die Retro-Bibel.

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Aufwendige Package: Das Cover stellt das Ordnungssystem des Buches vor und besticht mit zahlreichen Finessen.

02. Das Buch
Das Buch, man merkt es schnell beim Lesen, versucht den Spagat zwischen «Schau»-Buch/Inspirationsquelle und Sachbuch, bis hin zur Gestaltung ist es insofern unweigerlich recht ähnlich mit anderen Büchern aus dem Schmidt-Verlag, die Lust und Lernen verbinden, etwa Strichpunkts fff-Buch oder auch Kribbeln im Kopf. Diese Schnittkante zwischen Information und Entertainment ist dünn und man scheitert schnell auf einem der beiden Gebiete, die kaum ein Autor gleichermaßen fundiert und elegant bespielen kann (mit Ausnahme des großartigen The Art of Thinking Sideways). Was durchaus keine Schande ist, manchmal ist der Versuch das eigentlich Wichtige und Retrodesign scheitert ja keineswegs. Ein trockenes wissenschaftliches Buch über appropriatives Design wäre einerseits zudem sicher ebenso langweilig wie andererseits eine reine Bildsammlungsflut – dafür reicht oft auch ffffound.com. Retrodesign besticht durch eine wahre Sammelwut von Arbeitsbeispielen quer durch alle Epochen, die ohne jeden Zweifel den Zweck des Schaubuches absolut erfüllen – es gibt reichlich zu gucken und viel zu entdecken. Glaubhaft, vielleicht nach einer Weile etwas vorhersehbar, wenn man das Konzept einmal erfasst hat, belegen die Autoren, dass Design appropriativ arbeitet, d.h. neue Gestaltungen oft Remixe alter Ideen sind. Mit feiner Akribie sind durch alle wichtigen Stilepochen Beispiele aufgeführt, die dem heutigenDesign Rückgriffe in die Vergangenheit nachweisen. Diese Detektivarbeit klappt natürlich mal eher besser, mal eher schlechter – mitunter bringen die Autoren in der Jetztzeit einfach auch ganz eindeutig als Zitat gemeinte Arbeiten als Beleg, aber dass Zitat-Design, dessen eigentlicher Sinn ja nun einmal eben genau die Rückbezüglichkeit ist, eben auch unweigerlich «Retro» sein muss, ist eigentlich eher tautologische Beweisführung.

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Böhmer und Hausmann gelingen dabei immer wieder schöne «Swipe-File»-Beispiele, und insgesamt ist diese Strecke, die ja mehr zeigen und überwältigend beweisen als erklären will, durchaus sehenswert, auch wenn sich beim Lesen irgendwann beim ein oder anderem vielleicht ein Hauch von Fleißübung einstellen mag.  Seite um Seite belegen die Autoren, dass ganz postmodern nahezu jede wichtige Stilepoche heute in Architektur, Design, Illustration und Alltag widergespiegelt und aufgegriffen ist. Obwohl wichtige Beispiele fehlen – beispielsweise vermisse ich Peter Saville komplett, nicht nur ein wichtiger Designer per se, sondern vor allem zu Beginn seiner Laufbahn wirklich der Großmeister des Stil-Klaus (und zugleich jemand, der heute ironischerweise selbst permanent zitiert wird, nicht mehr als Rückgriff auf Savilles Quellen (Tschichold, Expressionismus usw), sondern meist als 80s-Zitat) – ist der Effekt oft frappierend gelungen, wenn etwa Renaissance-Architekturelemente auf modernen Plattencovern wieder auftauchen oder fernöstliche Majolika-Porzellanmalerei 2006 eine Absolut-Anzeige zu inspirieren scheint. Es ist ein wahrer Bildersturm, und es schadet der Theoriebildung nur geringfügig, wenn die Autoren von Achta-Design einige Male ihre eigenen Arbeiten featuren. Was bei fff noch okay war – der Mix aus Theoriewerk und einer kleinen Prise Eigenwerbung -, weil Strichpunkt ja ganz einfach in Deutschland sehr sehenswerte und insofern bei aller Bescheidenheit zeigenswerte Geschäftsberichte macht, hinkt hier etwas, weil es ja gerade darum geht, neutrale Beispiele für einen selbst behaupteten Trend zu finden… da eignen sich eigene Arbeiten eigentlich weniger, zumal gerade das eigene Beispiel im Klassizismus auch nicht so wirklich funktionieren will und eigentlich keine volle Doppelseite rechtfertig. Nichts gegen Self-Promotion, das gehört bei dieser Art von Büchern irgendwie einfach dazu, aber es unterminiert genau hier einfach die Ausgangsposition des Buches ein wenig, wenn das einzige Beispiel, das man anführt, von einem selbst kommt. Wobei man ganz klar sagen muss, dass die Autoren sich mit eigenen Arbeiten weitestgehend vorbildlich zurückhalten, das Einschmuggeln eigener Projekte habe ich schon viel schlimmer gesehen. In einem Buch, dass den theoretischen Anspruch aber etwas höher hängt – kunsthistorisch ja viel höher als etwa fff  – fällt es eben doch etwas auf, wenn die Beispiele nicht 100% «neutral» sind. Der Freude an der Sammelleidenschaft und der visuell überzeugenden Präsentation der Similaritäten über Jahrhunderte hinweg tut das aber keinerlei Abbruch.

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Das Buch wird von einer schön gegliederten Übersichtsseite eröffnet und bietet in einer Art Intro/Preview, das im Grunde das folgende weitestgehend zusammenfasst und zugleich gut einleitet. Was ist Retrodesign, was ist Redesign, was ist Revival – all diese Begriffe, die durch den Design-Äther schwirren werden hier kurz (und mitunter, wahrscheinlich aus Platzgründen, etwas unkritisch) definiert, so dass man gut gerüstet in den Hauptteil des Buches geht.

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Ordnung muss sein: Das Buch gliedert Retrodesign klar nach «Epochen» mithilfe verschiedener Icons für jede Einflussperiode, die auf den einzelnen Beispielseiten wieder auftauchen und die Navigation erleichtern. Bei der Flut von Zeitströmen können die Icons aber nie so klar und eindeutig sein, so dass doch nocheinmal daneben steht, welche Periode behandelt wird (was, zugegeben, die Icons etwas redundant macht ;-)).

Das Buch ist zudem immer wieder durch mitunter vielleicht etwas fragwürdig gestaltete Zitatseiten gebrochen (jeder weiß, ich bin kein Freund sinnloser floraler Dekoration, aber  beim Thema Retrodesign kann es ja nicht ohne gehen, dennoch hätte ich mir hier vielleicht etwas weniger eigenes Design gewünscht, als vielleicht eher noch mehr passendes Material anderer Quellen – bei diesem Thema hätte die eigene Gestaltung noch einen Hauch zurückhaltender ausfallen dürfen…. kein Manko, aber ein spontaner Eindruck, den ich persönlich hatte. Aber siehe oben: Spaß an der Gestaltung :-D)

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Zitatseite: Seltsamerweise taucht diese Art von Seite nur einmal auf, dabei wären mehr Stellungnahmen von Designern zum Thema Retro sicher spannend gewesen.

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Typographie: Vielleicht etwas zu sehr auf Klischees reduziert ein visueller Überblick darüber, welche Schrift zu welchem Stilcluster passt.

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Talent borrows, Genius steals: Retrodesign wartet mit einer wahren Flut von Beispielen für «entliehenes» Design auf.

Im Schlußteil wird im Kapitel Retro Style ein kurzer informativer Trip durch die verschiedenen Einflußcharakteristika geboten. Reich bebildert mit Beispielen aus Layout, Kunst, Objektkunst/-design, Typographie und Architektur der vorgestellten Periode, ordnen die Autoren von dekonstruktiv bis organisch verschiedene designhistorische Perioden von der Renaissance bis zum Dekonstruktivismus und versuchen so eine Art einfache Matrix von Stilelementen und -möglichkeiten zu bilden. Dieser Teil bildet vielleicht mehr als der mitunter etwas zu groß bebilderter Mittelteil des Buches ein wirkliches Herzstück von Retrodesign und ich hätte mir gerade hier mehr gewünscht – mehr Bilder, mehr Theorie, mehr Quellen, mehr Tiefgang. In der gegebenen Kürze liefern Hausmann und Böhmer eine sehr solide, gerade für Studenten als Einstieg geeignete Synopse verschiedener Design-Epochen, eine Art Parforce-Ritt durch die Gestaltungsgeschichte, interessanterweise rückwärts gefasst von der (De-)Konstruktion zur eher organischen Formensprache der Vergangenheit. Obwohl rund 150 stark, kann hier natürlich kein kunsthistorisch umfassender Abriss geleistet werden – muss auch gar nicht. Wenn dieses Kapitel es schafft, die Leser auf eine bestimmte Epoche neugierig zu machen, oder neue Verbindungen zu entdecken, dann reicht das ganz einfach an dieser Stelle. Tiefer gehende (und oft dann eben weniger ansprechend gestaltete oder geschriebene) Literatur gibt es ja – und auf diese wird im Anhang auch verwiesen.

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Natürlich wird man hier immer Löcher finden oder Oberflächlichkeiten, je nachdem, in welcher Epoche man sich bewegt (im Dekonstruktivismus fehlen mir beispielsweise hier  wichtige Namen und Strömungen wie etwa Morphosis oder vor allem die Cranbrook Academy aber auch Hard Werken usw. Aber wie gesagt: jeder hat seine Steckenpferdepoche und wer sich hier mehr interessiert, kann ja Poynors Design Without Boundaries lesen :-D.) Der Überblick ist klar gegliedert, flüssig zu lesen und als Einstiegsreferenz wiederum ein beachtliches Stück liebevollster Sammelarbeit. Im Retro Review werden die Epochen dann – doppelt genäht hält besser – nicht als Überblick dargestellt, sondern etwas vertieft. Zusammengenommen kann man bei einem Buch dieser Art, dieses Preises eigentlich kaum mehr verlangen – für 90 Euro ist das insgesamt ein sehr umfassender, sehr liebevoll gemachter Blick über die Design/Kunst/Schriftgeschichte der neueren Vergangenheit.

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Überblick: Retro Style und Retro Review vertiefen und gliedern die Stileinflüsse.

03. Retro = Zukunft?
Die erste Doppelseite des Buches stellt dem Werk ein «Retrodesign ist Zukunft» voran. Einige Seiten später folgt «Retrodesign ist Styling». Nun mag es an der persönlichen Definition des Wortes liegen – Styling bedeutet für mich ausnahmslos inhaltsfreies, rein oberflächliches Gestalten ohne Tiefendenken – aber so ganz kriege ich diese Thesen nicht zusammen. Wobei ich mich mit der zweiten, treffenderweise nach meiner eigenen negativen Definition von Styling, sehr anfreunden kann, mit der ersten so gar nicht. Denn ja, Retrodesign ist Styling, oberflächlich, oft das Verwenden historischer Halbwertsverfallreste, Recycling, oft ohne jedes Verständnis für die hinter den kopierten Elementen liegenden Bedeutungen. Wer Helvetica verwendet, weil sie «cool» aussieht oder Blümchenranken, weil sie «emotional» sind, betreibt natürlich kein Design, sondern eben «nur» Styling und reagiert damit eher oberflächlich (sprich: laienhaft) auf sozusagen herumliegende visuelle Stimuli. Retrodesign ist insofern erschreckend oft vor allem gedankenloser Kitsch, Nostalgie am Nasenring, Zitatenstadl.

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Je weiter zurückliegend, ergo verklärter die zitierte Phase ist, umso gräßlicher und dümmer oft das Zitat. Während ich im Aufgreifen von Elementen der Postmoderne und des Dekonstruktivismus wenig reines «Retro» entdecke, sondern eine (dia)logische Weiterentwicklung von Trends der letzten Dekade (so wie die 90s ja auch Entwicklungen der 80s weitergeführt bzw. gekontert haben), so ist das Zitat von Elementen aus den (meist) Amerikanischen 50s oder des Rokoko inhaltlich meist nicht fundiert, sondern (oft) reines Oberflächen-Design. Das als «Zukunft» zu bezeichnen, die reine Rückwendung, den Kitsch, das permanente Zitat, das sich bestenfalls durch Mix/Match oder eine deutliche Prise Ironie und gewollter Coolness aufwertet, ist eher traurig. Es ist eher bezeichnend für die Tristesse des immer noch andauernden fin de siècle, dass wir kollektiv in einer Falle stecken, in der der Blick nach vorn so unmöglich zu sein scheint, dass man nur in der Kiste der Vergangenheit kramen kann. Wie ein verlassener Liebhaber, der sich seufzend alte Photos der Verflossenen ansieht, anstatt rauszugehen und sich frisch zu verlieben – und genauso pathetisch ist auf Dauer betrachtet auch das anhaltende Retrodesign. Ist es gefällig? Sicher – der Mini, der Beetle, der Fiat 500, der Einfluss von Braun bei Apple, der Britpop 3.0… zahllose andere Kulturobjekte, keine Frage: Retrodesign ist Emotion. Retrodesign ist zum guten Teil sicher Teil der Gegenwart – Konsumimpuls durch emotionalisiertes Design, Stimulanz von Kindheitsfragmenten und kollektivem Unbewussten.

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Aber Retrodesign ist eben nicht Zukunft. Jedenfalls hoffentlich nicht. Es sei denn, die Zukunft IST die Vergangenheit. Es wäre traurig, sich so bereitwillig dem neoliberalen Ende der Geschichte, dem Ruf nach preiswerterem und dozilerem Immerwiederaufkochen von Vergangenheit hinzugeben, die Hoffnung fallen zu lassen, dass es etwas originär Neues – beziehungsweise eine evolutionäre Fortschreibung der (Kunst-)Geschichte -  geben könnte. Es ist als Grundhaltung eine Müdigkeit, die falsch ist für jedes Handwerk. Es ist nicht zuletzt der Wunsch bestehender Systeme, sich sozusagen selbst memetisch-kulturell als «unveränderbar», als (r)evolutionsresistent zu definieren… wenn Design und Kunst nur noch aus Rückgriff bestehen, wenn keine Visionen für Morgen oder Utopien für andere Gesellschaftsformen mehr bestehen, dann ist politisch auch die «Gefahr» für einen politischen und sozialen Paradigmenwechsel eben gering – insofern, überspitzt gesagt, ist Retrodesign eben auch die hübsch bestickte Kuscheldecke eines reaktionär-konservativen Wellness-Kapitalismus. Was man nicht denken kann, was Kunst und Kultur als Entwurf (als Design also) gar nicht erst vordenken, das kann man auch gesellschaftlich nicht umsetzen. Insofern ist Retrodesign durchaus so kritisch zu betrachten wie die in Orwells 1984 aufgezeigte Restriktion sprachlicher Codes durch «Neusprech». Design sollte nicht Tiefkühlkost sein, die aus Fertigbestandteilen aufgewärmt wird… im Gegenteil, Design sollte der brennende Hunger auf Morgen sein. Ob im kleinen, etwa beim Auftritt eines Unternehmens oder im großen, gesamtgesellschaftlichen Kontext: Gutes Design ist Wandel, Veränderung, Restrukturierung, Optimierung, Infragstellung des Status Quo. Was wir also brauchen – als Designer aber auch als Gesellschaft – ist natürlich der Wille zu Wandel und Aufbruch. Gerade Designer als Agents of Change, als Wegbereiter und Boten des positiven Wandels, sollten sich nicht rückwärts definieren. Retro darf Design nur insofern sein, dass wir auf den Schultern der Designgeschichte stehen – und bewusst der Möglichkeiten, die sich hier bieten – nach vorn sehen. Da sind die Architekten durchaus weiter als wir – die zitatenlastige, wenig moderne  Reimagination des Adlon-Hotels in Berlin wurde nicht ohne Grund ebenso angegriffen wie der billige Ansatz, den Schlossplatz in Berlin einfach historistisch zu rekonstruieren.

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Derartige – im Kern ja eigentlich ahistorische, weil Geschichte nicht als fortlaufenden und thermodynamisch einmaligen Prozess verstehende – Geschichtsverkleisterung sieht die Branche zu Recht als anachronistisch und altbacken an – Architektur will zeitgenössisch sein, modern, mit dem Gesicht der Zukunft zugewandt, auch wenn der Wind da etwas rauher ist. Stilzitate ja, aber eben weitergedacht, umgewandelt und als Element einer an sich stets fortschreitenden ästhetischen, experimentell und mitunter gern auch avantgardistischen Profession. Aus der Vergangenheit lernen, aber für die Zukunft gestalten. Wir Designer dürfen uns das ruhig abschauen – die Leidenschaft für hypermoderne Technik und Materialitäten, den bei Architekten bereits eher angekommenen Umweltgedanken (wo ist der LEED-Standard für das Grafikdesign?), das städtebaulich-strategische Denken, den Wunsch nach urbaner Transformierung, den Schimmer von Futurismus. Retro ist in der Architektur keine Tugend und kann es auch für Grafikdesign eigentlich auch nicht sein. Retro funktioniert als kurzfristiger Push-Button der Kindheitserinnerungen, der emotionalen Fragmente – und somit am besten in der Werbung (zugegeben, die Trennung zwischen Design und Werbung wird immer dünner). Wer Prilblumen lustig als grafisches Element zitiert – und vergisst, wie die Rollenverteilung der Geschlechter in der ursprünglichen Prilblumen-Zeit aussah, oder warum die tristen Küchen mit bunten Stickern etwas Individualität brauchten – dringt nicht in die potentielle Tiefe von Design, sondern bleibt an der illustratorischen Oberfläche, bei reinen visuellen Effekten. Das ist bedrückend wenig für eine Branche, die sich «Kommunikation» (und nicht «Grafik») an ihre Türen schreibt, oder?

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Insofern ist der jugendliche Optimismus, den die Autoren mit Retrodesign verbinden – aber dies ist natürlich nur meine persönliche Meinung – nicht in dieser Form angebracht und reduziert Design auf das Zitat, den Remix, das Mash-Up kultureller Fragmente. Tatsächlich lese ich Retrodesign eher als Warnung, nicht andere kunsthistorische Epochen zu klonen, sondern selbst eine eigene klare, frische und zeitsymptomatische Semantik in Kunst, Architektur, Objekt- und Mediendesign hervorzubringen.

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Und was will man mehr als von einem Buch – auch wenn die Autoren es vielleicht gar nicht primär beabsichtigen – als die Sinnlosigkeit und den Stillstand von Design über Jahrhunderte und Dekaden hinweg eben Seite um Seite gezeigt zu bekommen: Beispiele für ein Designverständnis, dass nichts anderes tut als alten Wein in neue Schläuche zu füllen? Retrodesign ist es allein schon wert, gelesen zu werden, um mit eben Retrodesign als gestalterischer Strategie bitte ein für alle Mal aufzuhören.

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Zugleich macht das Buch aber auch klar, dass es zum einen für einen Designer nicht schaden kann, einen zumindest kursorischen kunsthistorischen Überblick zu haben – den genau Retrodesign auch sehr gut vermittelt. Gut gegliedert vermag das Buch dem vielleicht ziellosen Herumzitieren gerade vieler Studenten ein Wissensfundament zu verleihen, Bewusstsein zu schaffen für die Grenzen und Möglichkeiten des Zitatenstadls. Mit dieser kritischen Haltung im Hintergrund, auch das vermittelt das Buch, kann der Stilmix und das Zitat, natürlich auch gezielt eingesetzt werden und – vom Kitsch zum provokativen Angriff auf die Bastion ewiger Werte gewendet – kommunikative Speerspitze sein oder auch einfach auch nur mal Spaß machen – es ist sicher nicht die Zukunft des Designs, aber eben auch nicht der Untergang des Abendlandes, sondern eines der vielen, vielen Mittel zum Zweck, einer der vielen Pfeile im Köcher des Designers. Es ist ein assoziativer, spielerischer Umgang mit kulturellen Prefabs, die in fähiger Hand ja durchaus zu überzeugenden neuen Lösungen zusammensetzbar sind – und zugleich arbeitet jeder Mensch natürlich unweigerlich mit der Fülle seiner Erinnerungen und Eindrücke, also muss und darf unweigerlich die Vergangenheit und ihre Ausdrucksformen in die Arbeit von Design einfließen.

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Wie vielfältig die Möglichkeiten sind, daran lässt Retrodesign keinen Zweifel aufkommen und gibt zugleich Inspiration, vielleicht mehr als stets die gleichen stockphoto-artigen Ranken und Blumen und 50s-Assoziationen zu benutzen und nach anderen Inputs zu suchen. Wobei ich zugeben muss, dass ich das mit Mitte 20 auch anders gesehen habe, die Kritik am Recycling-Design kommt mit dem Alter und der Langeweile am Wiedergekäuten, der reinen Oberfläche. Den beiden Autoren ihre Begeisterung für «Styling» vorzuwerfen ist insofern vielleicht deplaciert – sie haben die Ennui mit Oberflächendesign vielleicht einfach noch vor sich und können sich noch für den «Style» mehr begeistern als für die Substanz, das schicke »Wie ist es gemacht)» wichtiger finden als das trockenere «Was soll es sagen?»… was ja bis zu einem gewissen Grade eben auch in Ordnung ist, man durchläuft ja unweigerlich Phasen im Leben eines Gestalters. Dass ich selbst mit 40 Substanz und Aussage, Klarheit und Effizienz suche und mir eigentlich erscheint, dass die visuelle Umsetzung sich dann fast zwangsläufig aus einer überlegten strategischen Betrachung der Aufgabe ergeben wird, muss und darf und sollte nicht unbedingt das Denken von 20jährigen Jungdesignern prägen, die natürlich bitte Sturm und Drang machen sollten, ansonsten hätte es Cranbrook und damit später eben den im Buch oft zitierten David Carson nicht gegeben.

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Zugleich ist auch klar, auch den Autoren selbst, so scheint mir, dass hier nur ein Teilbereich schaffenden Designs beleuchtet wird – die Aufgabe eines Buches mit dem Titel Retrodesign kann und soll ja nun mal nicht sein, Design jenseits des Zitates vorzustellen. Es ist sozusagen ein Design-Genre-Buch, wie auch Western, SF oder Horror und Belletristik nur Genre der Literatur darstellen. Die Schlussfolgerung, dass alles Design unweigerlich Retro sein kann/darf/sollte, wäre insofern sicherlich falsch und sicher auch nicht von den Autoren beabsichtigt. Im Gegenteil, Retrodesign lässt keinen Zweifel daran, dass es vor allem darum geht, die Wandelbarkeit, den Reichtum der Ausdrucksmöglichkeiten schöpferischer Arbeit zwischen Kunst und Dienstleistung zu feiern.

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04. Fazit
Von einem Buch – selbst aus dem Hermann-Schmidt-Verlag – darf man keine Wunder verlangen. Insofern ist Retrodesign natürlich unweigerlich nicht in der Lage, eine Jahrhunderte überspannende kulturelle Entwicklung wirklich detailliert auszuleuchten. Anlass zur Kritik wird es also immer an einigen Stellen geben können, weil der Mut zur Lücke unweigerlich eingebaut sein muss – ansonsten kann man ein solches Buch kaum angehen und muss in stocksteifer Respektstarre vor der historischen Wucht verharren. Obgleich ich persönlich das Design des Buches etwas unausgewogen finde – die rein sachlichen Seiten mag ich sehr, aber die eher gestalterischen Doppelseiten weniger, manches ist schon an der Grenze zum reinen Selbstzweck – ist es eine bisher so nicht dagewesene Querschau bisheriger Stileinflüsse und ihrer Protagonisten, mit einer bewundernswerten Sammlung herausragenden Materials. Als jemand, der selbst im Bereich Typographie einen historischen Abriss vom Art Deco bis in die 90er als Vortrag verfasst hat, weiß ich, wie schwer an exzellentes Bildmaterial zu kommen ist, und allein hierfür gebührt den beiden Autoren unbedingter Applaus.

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An einer final überzeugenden einheitlichen Ordnung und vertiefenden kritischen Haltung zu «Retro» mangelt es hier unweigerlich, aber das ist die logische Konsequenz eines Buches, das sicher weniger dem wissenschaftlichen Diskurs als vielmehr der Inspiration und Übersicht dienen will, dass zu Recht den Spaß an der Sache über die Substanz stellt. Dass die Autoren selbst sich für Retrodesign begeistern, kann und sollte man ihnen nun wirklich nicht vorwerfen wollen – wer das Stilzitat ablehnt, würde wohl kaum so viel Zeit in ein so liebevoll kuratiertes Buch stecken wollen.

Letztlich ist das Buch trotz einiger Kritikpunkte in den Details für unter hundert Euro einfach prachtvoll gemacht, liebevoll zusammengestellt, geschrieben und gestaltet – ganz deutlich sichtbar das Ergebnis harter und begeisterter Arbeit, gut zu lesen, wunderschön anzuschauen und insofern ein Buch, dass man, wenn man sich mit Design beschäftigt und nicht völlig frei von Zitatanflügen arbeitet, zu diesem Preis eben absolut selbstverständlich in sein Regal stellen darf und muss. Es ist ein schönes Manifest, das Debatten anregen dürfte, gerade weil es Design etwas unkritisch als rückblickende Tätigkeit betrachtet.

Aber wie sagen Karin und Bertram Schmidt-Friderichs in ihrem Verleger-Vorwort so schön: «Rückblicke sind nötig, um vorausschauen zu können.» Insofern darf und kann man hoffen, dass ein Kompendium wie Retrodesign den Blick frei macht für die Möglichkeiten, Zukunft zu gestalten.

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Retrodesign:Stylelab gibt es unter anderem bei Amazon, im Shop des Verlages, und idealerweise direkt beim kleinen Buchhändler eures Vertrauens. Think local :-D

4. Juli 2009 16:22 Uhr. Kategorie Buch, Design. Tag , . 9 Antworten.

The Space Invasion that kind of never really happened at all

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Irgendwie wäre es auf der TypoBerlin 09 wahrscheinlich Overkill gewesen, einen Pecha-Kucha-Vortrag zu halten, Podiumsdiskussionen zu halten, mit netten Leuten zu reden (wo man immer zu wenig schafft…), zu twittern, bloggen und photographieren UND auch noch ein Spiel zu machen. Zumal wir nach 12 Stunden  Fahrt und dem schlimmsten Hotel überhaupt auch alle angeschlagen durch Berlin gingen (ich habe jedenfalls danach, wahrscheinlich auch schon währenddessen ordentlich Nebenhöhlenvereiterung gehabt :-D). Leider, aber wahrscheinlich korrekterweise haben wir dieses Jahr also weder Wortketten gebildet noch arme Menschen mit Etch-a-Sketch-Spielzeugen gefoltert. Das Spiel oben war das eigentlich geplante, es sollten Buttons, eventuell ein zwei T-Shirts und ein Flashgame werden. Irgendwie wäre es schon nett gewesen, ein Space-Invaders-Game mit Figuren designes by Chip Kidd, Maro Lombardo und Joshua Davieszu haben, außerdem ist es immer schön, zuzusehen, wie kompliziert solche scheinbar einfachen Aufgaben dann werden können :-D. Vielleicht gut, dass ich (wir alle) nicht auch noch mit zig Zetteln herumgewuselt sind… auf der anderen Seite, mit dem Spiel hätte ich Florian und Henning bei dem Essen weniger vollgetextet, weil ich da ja ideal hätte Space-Monster malen lassen können. («Essen? Ah, überbewertet, pack das mal beiseite und fang an zu malen, loslos…»)

Wenn also jemand von euch Lust hat, seinen eigenen Space-Invader zu bauen, nur zu…

*******
Ha, Nina hat tatsächlich mit der Matrix einen Alien gebaut – und was für einen: Voilá Crabby:

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2. Juni 2009 05:42 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Eine Antwort.

House of Mystery

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House Industries gehören mit ihrem pop-artigen, oft auf Comics und den Werbelook der 60s zurückgehenden Vernacular Style verdient seit Jahren zu den Stars der Designszene und haben den feuchten Traum jedes Schriftschaffenden längst erreicht: den Crossover in die Popkultur. Anstatt nur digitale Fonts zu zupfen, geben Sie Konzerte, verkaufen Möbel und Mode (und nicht nur bedruckte T-Shirts), die dann wiederum von Popstars getragen wird, sie entpuppen sich als Meister der Selbstvermarktung und finden immer neue Wege, Spaß, Kreativität und soliden amerikanischen Sinn fürs Geschäft zu verzahnen.

Einen für deutsche Verhältnisse fast unvorstellbaren Zwischenstopp auf den Weg in den Designolymp haben die Herren Roat und Cruz inzwischen mit der Gestaltung des aktuellen WIRED-Covers erreicht. Das komplett von Alias/Fringe/Lost-Kopf und Star-Trek-Regisseur JJ Abrams als Wunderkind der Stunde und Obernerd zusammengestellte Heft kommt im Look einer Sixties-Werbung, wie man sie vielleicht auf dem Rücken eselsohriger Marvel-Comics finden konnte und erinnert sofort an X-Ray-Specs und geheime Tricks, um am Strand mit Muskeln aufwarten zu können, ein Stil, den auch Chip Kidd immer wieder gern zitiert, an den mich dieses Cover vor allem auch wegen des gelben Backgrounds sehr erinnert. Es ist verblüffend, nach all den Jahren – US-Retro ist ja nun wirklich kein neues Ding – wie gut dieser Pastiche-Look funktioniert, wenn er sauber gemacht ist… und hier ist er sehr sauber gemacht.

Vor allem aber ist es phantastisch, dass ein derart führendes Magazin – wieviel Magazine werden schon bei den Simpsons veräppelt? – sich so umfassend von einem Designteam umstricken lässt, inklusive neuem Titellogo und der Verwendung von House-Schriften im Innenteil. Man stelle sich vor, der Stern ließe Fons Hickmann völlig freie Hand an einem Cover oder die Neon würde sich von Hort komplett durch die Mangel ziehen lassen. Die positive Verzahnung von Design und Popkultur, von Konsum und Gestaltungsspaß, das «Angekommen-sein» im Mainstream ist in den USA sehr viel weiter als hier, vielleicht weil die USA durch die massive Werbekultur der Nachkriegsjahre und den aus dieser Zeit stammenden Designapproach, der ja inzwischen fast den Charakter einer Kunstepoche genießt, eine ganz andere, fröhlichere, unbeschwertere Einstellung zu bestimmten Aspekten von Design haben, während wir Deutschen es ja eher eine kühle, verkopfte Otl-Aicher/Dieter-Rams-Denke haben, die rationaler ist und sich deshalb nie so tief in der kollektiven Seele eines ganzen Volkes verankern konnte, weil wir aus Angst vor Kitsch und Heimeligkeit (die es in der Dekade nach WWII ja auch im teilweise allergruseligsten auch hier gab) eher auf ein emotionsfreies, abgehobenes, intellektuelles Design gesetzt haben. Absolut verständlich – und mit grandiosen Ergebnissen – aber manchmal frage ich mich, wie hoch der Preis für diese «High road» heute ist, da gut gemachtes Design in Deutschland nie Teil des Alltags geworden ist. Auch wenn die frühen Factor Design oft einen Bezug zu einer Werbesprache der Sechziger Jahre fanden, und dieser Look unglaublich oft kopiert wurde, fehlt uns absolut jeder Bezug zu einer naiven, fröhlichen aber dennoch eindeutig durchgestalteten Design-Sprache, wie sie die Amerikaner haben – oder?

22. April 2009 07:09 Uhr. Kategorie Design. Tag , . Keine Antwort.

Viewmaster Love

Photo: Spullenmannen

28. Februar 2008 09:55 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.


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