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Bobby Womack: The bravest man in the Universe

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Über diese Platte ist schon viel geschrieben worden. Meist mehr über Damon Albern als über den Mann, dessen Name den Titel prägt. Die Producer, die Kuratoren der Musik, werden langsam wichtiger als selbst die großen Altstars. Ehrlich gesagt, mir ist völlig egal, wer dieses Album produziert hat. Es ist so oder so gut. Womacks Stimme kann man sicher totproduzieren, aber es erweist sich eben doch als schwer – entsprechend ist der beste Song des Albums wohl »Deep River«, aber der Meister kann auch eine Lana DelRey als Gaststimme ebenso überleben wie die Gorillaz-lastige Produktion, die sich mit sperrigen Drumcomputer-Schichten und pulsierenden Synthbässen etwas tanzbarer zeigt als sonst bei Albern. Fast wünscht man sich angesichts dieser Sounds, dass Massive Attack dieses Album produziert hätten, deren Geist immer mal wieder durchblitzt, die aber sicher die durchdachtere, klanglich elegantere Leistung abgeliefert. Dennoch ist »Bravest Man« eine tighte, verblüffend moderne Mixtur, die nicht in die Falle tappt, Womack in einen retromodernen Funk/Soul-Pool zu tauchen, sondern ihn mit Blues, Techno, Dancehall und Triphop koppelt, die durchaus Humor in dieser Mischung aufweist und die einzig in den Sounds wirklich leider recht oft zu eindimensional bleibt und nur mit »Love is gonna lift you up« und »Jubilee« arge Durchhänger aufweist. Aber, wie gesagt, die Stimme von Womack kriegt man kaum kaputt und so setzt sie sich auf diesem Album meist überzeugend durch, auch wenn in Sachen Produktion die Sonne eigentlich immer aufgeht, wenn weniger mehr ist, Albarns Ego herunterfährt und die Vocals in den Vordergrund dürfen. Dann ist das Album unschlagbar und ein Geschenk.

15. Juli 2012 15:26 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Vacationer: Gone

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Kenneth Vasolis Projekt Vacationer macht auf dem Debüt »Gone« vor allem Spaß – entspannte Gutelaunemusik, sonnenverbrannter Schlafzimmerpop, an dem zwar nichts einzigartig wäre, der aber perfekt in die Jahreszeit passt und der keineswegs so stupid ist, wie sich das hier anhört. »Everyone knows« ist ordentlich 60s-gefärbt und ein smartes Zitat, andere Tracks wie »No Rules« überzeugen durch kleine Komplikationen in der Produktion, die aus »Gone« mehr machen als das nächste Neo-Beach-Boys-Laptronica-Ding. Vasolis smooth-jugendliche Vocals und sein relativ straight heruntergespielter Bass geben der Produktion die Chance, etwa bei »Summer End«, schräge Winkel und Kanten in die musikalische Architektur einzuziehen und eine fast an Mew erinnernde Hinterfotzigkeit zu erreichen. Obenrum also Airplay-tauglich, untendrunter die Wes-Anderson-Twee-Schiene. Keine schlechte Mischung für den Sommer.

23. Juni 2012 11:15 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Metric: Synthetica

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Ich bin diesem Album gegenüber etwas ratlos, so wie auch dem neuen Garbage-Album, mit dem Unterschied, dass Metric eine an sich gute Combo ist. Hat die Band nach Emily Haines Soloausflügen keine Richtung mehr? Irrt man Richtung Charterfolg nach dem Fast-Durchbruch mit dem letzten Album? Routinierter Pop und verschlafene Filler-Tracks plätschern durch dieses Album, da ist kein Hauch Endorphin mehr in der Musik, kein Spaß, die Sache ist so herzlos produziert wie ein FastFood-Menü. Die ganze Platte klingt wie eine Bewerbung bei Coldplay, auf der nächsten StadionTour den Opener spielen zu dürfen, anonymer Massenrockpop. Die gelangweilten Gitarrenriffs und Gary-Glitter-Drums auf »Youth Without Youth« sind reine Selbstkopie und zugleich meilenweit von früherer Qualität entfernt. Daran ändert auch Lou Reed nichts, der auf einem der übelsten Saccharin-Tracks des Albums im Hintergrund (!!!) rumnörgelt. Es gibt einen Song namens »The Void« auf dem Album und der Titel ist Programm. Die gesamte Veröffentlichung bleibt eine seltsame Leerstelle, ein Zustand der durch die unsagbar sinnfreien Synthieblasen «Reflection» 1-11 nur unterstrichen wird. Wenn dieses Album morgen von der Welt verschwände, kein Mensch würde es bemerken.

22. Juni 2012 10:11 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Julia Stone: By the Horns

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Und da war es nur noch eine: Ohne ihren Bruder Angus versucht sich die Australierin Julia Stone jetzt als Solo-Act. Das Ergebnis wirkt ein wenig benommen, tranquil und zugleich etwas aspartam-lastig, die Produktion zu harmlos und selbstgefällig, da ist nichts auf dem Album, was kurz Sturm macht. Warum man auf Solopfaden geht, um dann eigentlich den gleichen post-folk zu machen wie als Duo, ist vielleicht einfach auch nur karrieretechnisch begründet, nicht der Lust auf musikalisches Neuland geschuldet. Keine Frage, »By the Horns« ist ein angenehm vorbeischipperndes Album, dem du genüsslich zusehen kannst, wie es sich durch ruhige Gewässer schiebt, auf der Brücke Stone, die mit stets brüchiger Stimme an eine etwas verkatertere Feist erinnert (but not in a bad way). Höhe- und Tiefpunkt des Albums zugleich ist eine Coverversion von Bloodbuzz Ohio, die jegliche Bosheit aus dem Lied saugt und es auf Adult-Radio-Niveau flachbügelt und irgendwie dennoch beweist, dass dieser Song nicht kaputtzukriegen ist, weil seine Qualitäten selbst durch diese flauschige Produktion noch durchstrahlen. Was man von »Break Apart« nicht sagen kann, einem Song, der unnötigerweise eine Pink-Floyd-Melodie zermetzelt. Ansonsten zeigt Stone Sonntagnachmittagsregenmusik, der es leider an kompositorischer Eigenständigkeit fehlt. Ihre durchaus faszinierende Stimme hätte eigentlich nur bessere Songs und klarere Produktion verdient.

4. Juni 2012 15:02 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Mina Tindle: Taranta

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Nach einer Single und EP kommt die französische Folk-Pop-Alternative-Chanteuse Pauline De Lassus alias Mina Tindle mit ihrem ersten echten Album heraus, einer kleinen zerbrechlichen Skulptur, die ihre Verwandtschaft zu anderen Sängerinnen, nicht zuletzt der frühen Feist oder Camille, nicht zu verbergen sucht. Tindle bewegt sich souverän in diesem Akustikgitarre/Elektronica-Schlafzimmerpop, den zahllose andere, ebenfalls photogene Sängerinnen in den letzten Jahren produziert haben und von denen es so viele gibt, dass man dafür langsam ein eigenes Genre erfinden müsste. Die mal melancholischen, mal radiotauglich-gutgelaunten Songs sind getragen von einer hingehaucht-zirpenden Stimme, die sich nur selten, wie etwa in »Lovely Day«, energetisch zeigt, ansonsten meist streichzart-träumerisch bleibt. Taranta ist eine Low-Fat-Einspielung, Musik zum Milchkaffee oder zum Grüntee – was keineswegs als reine Kritik verstanden sein will, auch wenn es schon auffällt, wenn etwa die unterproduzierte Demo-Fassung von «Plein Nord» auffällig zu den besten Tracks gehört, eben weil sie nicht rundgeschliffen ist und Brüche zulässt, die (wenn auch kalkulierte) Ehrlichkeit zulässt, die diese Art von Singer-Songwriter-Schiene nun einmal braucht.

Tingle taucht in einen gigantischen Pool von Konkurrentinnen ein, einem tatsächlich sehr gesättigten Markt von substituierbaren Gütern und, ganz banal, es fehlt ihr ein Alleinstellungsmerkmal, denn die französische Note geht in der Produktion nahezu unter. Taranta bietet wunderbar weghörbaren europäischen Pop der gehobenen Mittelklasse, nichts, was deine Welt verändert oder was langfristig im Ohr bleibt, nichts, was die Kulissen in deinem Kopf verschiebt, aber sehr sehr nette, handwerklich präzise und mit Charme gemachte Popmusik, an der nichts verkehrt ist (außer vielleicht der Soundauswahl bei To carry many small things und der generellen Produktion, die zu viel und doch einen Hauch zu falsch ist). Groove und Fröhlichkeit dieser Platte überzeugen aber am Ende – immerhin steht der Frühling in der Tür und wir wollen Musik, die zum Wetter passt. Und hier ist sie.

27. April 2012 16:40 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Bernhoft: Solidarity Breaks

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Der Norweger Jarle Bernhoft ist eigentlich am besten, wenn er live auf der Bühne steht und mit sich selbst zusammen spielt, Loops aufeinanderstapelt und einen wunderbaren musikalischen Solipsismus wagt. Mit Band und mit aufwendiger Produktion geht etwas von dieser Magie verloren, weswegen vielleicht die «live edit»-Versionen der Tracks auf diesem Album so viel überzeugender sind als die offiziellen Fassungen. Davon abgesehen überzeugt Bernhoft mit gefälligem Soulpop, dem man die Sehnsucht nach mehr Airplay etwas anmerkt. Aber andererseits – darf man von einem Album nicht einfach nur begeistert sein, weil ein Track «Buzz Aldrin» heißt? Man darf.

20. April 2012 09:02 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Poliça: Give you the Ghost

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Das Jahr ist jung und es ist gefährlich, noch vor April schon ein «Album des Jahres» für sich selbst zu benennen, aber dieses Debüt legt die Latte für andere Platten sehr, sehr hoch. Die Ex-Roma di Luna-Folkpop-Stimme Channy Leaneagh ist nur auf den ersten Blick das markanteste an dem Sound dieses Projektes – ihre Stimme, die auf Liveaufnahmen makellos ist und keinerlei Korrektur bräuchte, ist durch ein an Autotune erinnerndes TC Helicon Voicelive 2-Effektgerät geschickt, und wird so selbst zum dominanten Soloinstrument der Musik, die ansonsten auf Ambiente Synthloops, Bass und vor allem auf zwei wunderbar tight zusammenspielende Drummer setzt. Die Verfremdung der Stimme nimmt ihr die sonst übliche Rolle, bricht die «Lead-Sänger»-Funktion auf, durch Delay und forcierte Modulation werden die Vokals eher zu einem instrumentellen Faktor, der sich nahtlos in die Musik einbettet. Auch die Abwesenheit klassischer Songstrukturen und Hooklines unterstreicht diesen irgendwo zwischen Jazz und frühem Trip-Hop anzusiedelnden Ansatz.

Das Gesamtergebnis bricht stilistisch mit vielen Grenzen, erinnert an Dub, Triphop, Pop, an die frühen Cocteau Twins oder Red Snapper, und doch an nichts davon. Die Tracks sind hypnotisch, sofort eingängig und doch alles andere als einfach. Sie drehen ein musikalisches Konzept auf den Kopf – der Gesang wird zum einlullenden, fast loop-artigen Werkzeug und die Drums gewinnen die Rolle der Druckmacher – wo sonst Gitarren für epische Momente sorgen, sind es hier die Schlagzeugpassagen, die beweisen, wie viel Dynamik sich aus zwei Drumkits dreschen lässt. Das alles klingt aber nie nach einem Gimmick oder einer aufgesetzt «anderen» Idee, sondern homogen, erwachsen, völlig wasserdicht und zugleich so selbstverständlich, als habe es diese Musik immer schon gegeben. «Lay your Cards Out» ist eine Klang gewordene Skulptur, eine kaum in Worte zu fassende Fluidität, wie aus einer anderen Welt und zugleich perfekte Weiterentwicklung von dem, was Elisabeth Fraser und Co vor Dekaden angefangen haben, gepaart mit einer aus dem Jazz stammenden Innerlichkeit, und «Amongster» zeigt die Härte, die hinter dieser hypnotischen Oberfläche schläft. Es ist Musik an der Grenze zur Selbstauflösung, in der nahezu alle Instrumente (mit Ausnahme des Basses) nicht mehr tun, wofür sie eigentlich gedacht sind, die zwischen Chaos und Wiederholung schwankt,

Der Klang ist immer in Bewegung und doch mesmerisierend ruhig, wie eine DNA-Helix, die sich in Zeitlupe um die eigene Achse dreht, von einer atemberaubenden Tiefe und klanglichen Skulptur, am ehesten vergleichbar mit den Best-of-the-Best von Massive Attack in dieser geschmeidigen Sexyness, aber dabei weniger geschliffen, weniger totproduziert, sondern ganz im Gegenteil von einer erfrischenden Direktheit, die gerade auch live absolut überzeugt. Es ist eine Musik, die eine funkelnde, schillernde, vielfarbene Düsternis projiziert, die so tanzbar wie smart ist, die nach dem ersten Hören dein Freund ist und nach dem hundertsten Hören nicht nervt, die atmet und bei der man jetzt schon ahnt, wie dieser Sound auf dem folgenden Album noch zu wachsen in der Lage sein kann, weil hier nichts eng und alles möglich ist. Immer wenn du denkst, an neuer Musik passiert nichts spannendes mehr, kommt eine Platte wie diese um die Ecke und beweist dir das Gegenteil. Bleibt die Hoffnung, dass die Band erfolgreich genug ist, um in Deutschland zu touren – es dürfte live ein absoluter Ohren- und Augenschmaus werden, denn unfassbarerweise ist die Combo auf der Bühne scheinbar noch besser als im Studio.

28. März 2012 18:17 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Enno Bunger: Wir sind vorbei

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Das zweite Album des Trios um das Nordlicht Enno Bunger setzt weiter auf die Trio-Besetzung, baut diese aber durch Bläser und Streicher und Gitarren aus, die vor allem dann zum Einsatz kommen, wenn es eine Extraportion Pathos braucht. Vielleicht liegt es daran, vielleicht am Kettcar-erfahrenen Produzenten Tobias Siebert, dass die Tracks oft einen Hauch «too much» sind, in dem nicht ganz so negativen Sinne, in dem auch die späten Blumfeld oder eben auch die ruhigeren Kettcar-Songs ein wenig zu episch sind und waren. Ich bin nicht sicher, ob die Texte von Bunger das immer wirklich vertragen, die ohnehin durch Wortspiele – und unweigerlich eben durch die deutsche Sprache – lyrisch-poetisch daherkommen und durch die dickere Produktion mitunter bedrohlich in Richtung Kitsch wanken. Man kann sich vorstellen, wie Gisbert zu Knyphausen klänge, wenn die Produktion zu viel will. Du bist nie ganz sicher, ob das noch große Klasse ist, oder schon auf Reinhard-May-Kurs ist, Musik, die nicht mehr weit von der Gefühligkeit von Schlagern entfernt ist. Wenn bei »Leeres Boot« auf einmal in der letzten Minute die Chöre und das große Gefühl kommt, ist das einfach zu viel, das macht das tolle leise Ende und das vergroovte Aussterben der letzten Takte nicht ganz wett.

Gegen diese Tendenz ist das immer wieder die Ruhe, die gottseidank die reduzierte Besetzung bringt, das phantastische Schlagzeug, das jazzige Klavierspiel, der sonor alles beieinander haltende Bass. Die Wahrheit ist, mehr braucht man nicht, mehr kämpft ehrlich gesagt gegen die Stärken der Band und überwältigt den erzählerischen Gesang von Enno Bunger, dessen neutraler Tonfall ebenso wie die Klarheit der Musik hilft, die Wucht der Texte in Bann zu halten. Insofern sind die Tracks, die sich am Riemen reißen, die besten. «Regen» fällt da auf, beileibe kein Text mit schmalen Schultern, und eine Komposition, die jederzeit droht, in Coldplay-Pathos umzukippen, aber die musikalische Kontrolle hält die Balance, die Stimme hebt sich nie, die Kraft ist sauber und gezielt – eben keine Streicher, keine Himmelsposaunen, nur ein Crescendo von Gitarrenlärm – und Bang, das ganze funktioniert auf den Punkt, der Track geht durch Sparsamkeit unter die Haut.

Irgendwo zwischen Singer/Songwriter-Musik, Jazz und Radiopop, zwischen ganz ganz großartig und schon einen Tick zu dick aufgetragen, ist »Wir sind vorbei« eine Frage, die dich auf Achterbahn schickt, mal begeistert, mal fragst du dich, ob du jetzt auch das neue Mia-Album gutfinden würdest oder sogar Grönemeier oder sowas. Es ist eben nicht so sparsam wie Nils Frevert, auch nicht ganz so wasserdicht getextet, nicht so verpeilt-beiläufig wie Knyphausen oder Licht – aber dafür hast du Musik, die eigentlich immer mal wieder großartig im Jazz-Flair steht, atemberaubende Drums hat, gekonnte Harmonien, und einen Sänger, der es nicht drauf anlegt, der nicht angeben muss.

Wie es ist, balanciert die Band souverän über diesen Abgrund. Dem einen wird es zu viel Pathospop sein, dem anderen zu wenig Glätte, zu wenig gerader Pop. Keine Ahnung, aber diese Balance hat ihren Reiz, wenn sie in den Moment passt. Man kann dem Endergebnis nicht absprechen, dass es mitunter zwar peinliche Momente hat, aber doch berührt, mitreißt – anders, aber in dieser Hinsicht ein bisschen wie Kettcar, ein bisschen wie Tomte, und das obwohl Bunger viel talentierter ist als diese beiden Bands. Und so klingt »Die Flucht» enorm nach einem Kettcar-Groove, »Roter Faden« geht auch so als Radio-Single durch, »Ich möchte noch bleiben…« ist gefährlich auf Clueso-Kurs, und so weiter. Und dann scheißt du auf deinen Kopf und die Musik ist eben doch gut, die Songs sauber konstruiert, die Sache macht Spaß und wie der Gesang hier und da eine Zeile dröge vernuschelt, fallen läßt wie alte Bauklötze, das hat dann doch großes Format, großes Versprechen. Du wirst diese Platte lieben oder dich fremdschämen – vielleicht beides zugleich – aber sie ist nicht wirklich langweilig oder schlecht, im Gegenteil. Es ist eine Platte, die ich in letzter Zeit gern und oft höre, deren Details mir mal missfallen und die mir dann im Ganzen sehr gefällt, oder deren Ganzes mir mal nicht liegt, und dann begeistern mich die Details. Vielleicht ist das mit deutscher Musik einfach so – die hat es nicht so einfach, muss mehr schuften, um durchzugehen.

Unterm Strich ist »Wir sind vorbei« ein sehr sehr gutes Album, vielleicht gerade, weil es – wie eben das erste Mia-Album oder das zweite noch teilweise – dieses unsichere Element hat, diese flirrenden Musik-Isotopen, die dich mal annerven, mal begeistern. Es gibt schlechteres, als genau an diesem Punkt zu stehen, auf diesem Seil zu schwanken. Und es ja durchaus so, dass der letzte Track – Präludium – der nicht nur auf Gesang sondern auch auf jeden Schnickschnack verzichtet, beweist, wie grandios diese Combo ist, zusammenkommt, wie wenig Produktion eigentlich nötig wär. Der Song braucht keinen Gesang, aber die anderen Songs auf dem Album bräuchten diese Sparsamkeit in der Aufnahme, diese Reduktion. Auch die Unplugged-Fassung von »Roter Faden« läßt wenig Zweifel daran, dass die Pathos-Maschine eigentli ch gar nicht wirklich so nötig ist, und weniger (wie so oft) mehr ist. Es ist ein wenig wie das Cover – Nebel von Überproduktion lassen in der Ferne eine vielversprechende Landschaft erkennen, aber so ganz sicher bist du bei all dem Rauch eben nicht. (Apropos Cover – bei so wenig Text auf einem für Musiker immer noch zentralen Marketingwerkzeug wie einem CD-Cover, wäre da so etwas wie ordentliches Kerning nicht einfach eine tolle Sache gewesen?)

Aber egal wieviele Streicher und Hörner, Echo und Chöre in Berlin über die ostfriesische Kargheit der Kompositionen gekippt sind – die Qualität darunter bleibt greifbar und begeistert. Man spürt, dass diese Band am Scheideweg ist – entweder bringt dieser Sound Erfolg und die nächste Scheibe wird noch kommerzieller, was recht schlimm wäre (nicht der Erfolg, das Kommerziellere), oder aber die Band kommt zum Purismus, in dem der eigentliche Sound wirklich strahlen kann, und wird dafür vielleicht weniger im Bügelradio laufen, aber ganz große musikalische Höhen erklimmen können. Ich bin gespannt.

26. März 2012 18:29 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Mint Julep: Save your Season

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Hinter einem absolut atemberaubenden Cover verbirgt sich das erste «volle» Album nach zwei EPs von Keith Kenniffs Familien-Projekt Mint Julep. So schwerelos und leicht wie das fast gemäldeartige Plattenmotiv ist auch die Musik, die eine an Tycho erinnernde sonnige Shoegaze-Electronica bietet, dieses vielleicht auch einen Hauch zu unaneckende, zu sanfte Musik, die an schaumgebremste New Order erinnert könnte, die in Synth-Pads ertrinken. Geprägt wird der Sound von der kühlen, oft aus der Distanz von Delay-Effekten zu uns herangespülten Stimme von Hollie Kenniff, die diese träge 80er-Jahre-Laszivität verströmt, gekonnt etwas neben dem Beat hängt und einen Hauch trippyness in die Klangwolken streut, die wohltuend straighter sind als Kenniffs ätherische Goldmund-Klänge. Die Fusion aus Ambient und Indie funktioniert überraschend gut, erinnert an eine verschlafene Version von Metric und ruft sicher auch andere Vorbilder in bester Manier ins Gedächtnis, steht aber auch auf eigenen Füßen in dem weiten Terrain zwischen Pop und Indie sehr selbstbewusst. Der Sound des Albums ist insgesamt ein wenig zu dünn, zu hallig, zu drucklos, was bei den etwas mehr in Richtung Uptempo gehenden Stücken etwas schade ist. Zugleich gibt gerade dieser suppige Sound den Tracks eine Endlosigkeit, eine Verlorenheit und damit eine quasi akustisch in die Aufnahme codierte Melancholie, die etwa einen Track wie «Aviary» sofort zum Klassiker adelt, weil der Song klingt, als würde er aus einer vergangenen Dekade aus einem entfernten Radio herangeweht. «Save your season» ist ein Stück Neo-Cocteau-Twins, ein Designer-Schmuckstück, das ein wenig retro, ein wenig hipster ist und trotzdem wunderbarerweise der allzu berechneten, allzusehr auf verinnerlichte Twens schielenden Reißbrett-Klangwelt entkommt, weil die Platte zu den seltenen Alben gehört, die auch bei schnelleren Tracks nie die Melancholie und Schönheit ablegt.

8. Januar 2012 16:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Kate Bush: 50 Words for Snow

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Prägnanter könnte der Gegensatz zu Stings Selbstinszenierung zum 25. Solo-Jahrestag kaum sein: Kate Bush, die auf immerhin rund 33 Jahre seit der Veröffentlichung von «The Kick Inside» zurückblickt, bringt nach rund sechs Jahren ein neues Studioalbum heraus – dicht nach dem «Director’s Cut» alter Tracks von «Red Shoes» und «Sensual World». Nicht ganz so alt wie ihr britischer Kollege, aber immerhin auch über 50, ist Bush eine Figur, ohne die heutige Singer/Songwriterinnen nicht denkbar scheinen. Ob die offensichtliche Epigonin Tori Amos oder auch Zola Jesus oder Florence Welch… die von Bush vorgelebte Fusion von künstlerischer Freiheit und kommerziellen Erfolg war (und ist) wegweisend für Art-Pop oder Pop-Art oder wasauchimmer. «50 Words for Snow» ist vor diesem Hintergrund ein bemerkenswert bescheidenes zehntes Album in einer langen und langsamen Karriere. Während Catherine Bush auf dem phantastischen Doppelalbum «Aerial» mitunter noch die Freuden des Hausfrauenalltags zu besingen schien, hat sie sich auf «Snow» offenbar der Stille und Introspektion verschrieben. Das Album wirkt kammermusikalisch, still. Phantastisches Piano, die unkaputtbare Stimme von Bush, ein Minimum an Percussion, Sounds, Electronic, Backgrounds – mehr braucht es nicht für ein Album, für das eben Tori Amos wahrscheinlich töten würde. Dem Thema angemessen, ist es ein kühles, distanziertes Album, das man sich erobern muss, so weit abseits von Pop, wie Bush vielleicht niemals zuvor war, so nah am Konzeptalbum wie selbst mit «Aerialist» nicht. Denn tatsächlich dreht sich nahezu jeder Song um Schnee und Kälte, um Yetis und verschneite Seen. Es ist das Album zur Jahreszeit und die vielleicht beste Weihnachtsplatte, die man sich wünschen kann. Wunderbar authentisch und makellos aufgenommen, weht ein seltsamer Wind von Brian Eno-artiger Reduktion durch das Album, eine kühle Traurigkeit, perfekte Kopfhörermusik. Mitunter kann das Schneethema auch etwas anstrengen, etwa wenn Elton John (ausgerechnet) als Gast-Vokalist auftritt oder der grandiose Stephen Fry tatsächlich durch 50 fiktive Worte, die Bush sich für Schnee ausgedacht hat, gezwungen wird, wofür die grandiose Instrumentierung aber mehr als entschädigt bei diesem einzigen etwas kräftigeren Titel des Albums, der ein klein wenig an die früheren Parallelen zwischen Peter Gabriel und Bush erinnert. «Snow» ist ein delikates, und mit Sicherheit hochexzentrisches Album, das du entweder haßt oder liebst. Ich liebe es – es ist ein mutiges, konzentriertes, seltsames, schillerndes kleines Meisterwerk völlig außerhalb des Mainstreams, eine Platte die atmet und pulsiert und die zu keinem Moment wirkt als hätte Bush noch Touren oder Charts nötig oder würde einen Dreck um Plattenlabel oder Erfolg geben – mit anderen Worten, es ist reinste, purste Musik ohne doppelten Boden. Was will man mehr?

24. November 2011 20:22 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Sting 25

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CD, aufwendiges Boxset und kostenlose App, die sich Sting zum 25 Geburtstag seiner Solo-Karrire selbst oder seinem Publikum schenkt ist ein seltsamer Trip in die Vergangenheit. Sting ist seit mindestens einer Dekade ein Künstler geworden, dessen aktuelle Platten man sich kaum noch wirklich anhören kann, zu irrlichternd und oft zu aufgesetzt wirkt die Musik, abgesehen von wenigen Highlights, und es ist zumindest für mich immer schwer vereinbar mit der Energie und Subversion, die ich mit The Police in der ursprünglichen Version verbinde, als die Band New Wave, Punk, Jazz und Dub nahtlos zusammenbrachte und über alle Genres hinweg einen ganz eigenen, bis heute unkopierbaren Sound etablierte.

Gordon Sumner – inzwischen runde 60 Jahre alt – feiert sich natürlich auch selbst hier, das ist der Anlass, mit Boxset-Veröffentlichung, App und anderem gewinnversprechenden Gedöns, sicher gefolgt von einem neuen Album und einer neuen Tour, und das ist auch absolut okay. Und ich muss zugeben, ein wenig zeigt gerade die iPad-App auch kondensiert den musikalischen Weg des Briten, der sich vor allen in den letzten Jahren zunehmend aus dem Pop-Schlamassel und dem Niedergang der Musikbranche geflüchtet hat und mit Klassik-Projekten auftrat, oder mit Autobiographie und einem Lyrics-Band am eigenen Vermächtnis zimmerte, was in dem Alter und nach der Karriere wahrscheinlich verständlich ist, dieses Bauen am eigenen Monument. In den Interviews der App tritt der «Jetzt»-Sting ruhig und gereift auf, selbstironisch und humorvoll, immer noch gutaussehend, aber nicht mehr dieser stets einen hauch zu glatte Mix aus Straßenjunge und Aristokrat, der einem im «Damals»-Sting entgegenkommt, etwa bei den Interviews zu Beginn der Solokarriere.

Und es wird klar, wie bedeutsam «The Dream of the Blue Turtles» musikalisch und biographisch war, ein smartes, selbst für einen Riesenstar wie Sting es damals noch war mutiges Album, das aus heutiger Sicht zwar kaum noch wirklich endlos starke Songs hat (absurderweise primär das Selbst-Cover «Shadows in the Rain», das am wenigsten totproduziert wirkt) und mit «Russians» bereits einen Vorgeschmack gab auf das leicht süßliche Zeug, das Sumner später produzierte («Fields of Gold», «Shape of your heart», usw). Dennoch ist in der Retrospektive die Energie und die Freude, die die Befreiung aus der Triostruktur bedeutet, absolut greifbar und macht dieses Album absurderweise ungeachtet der wirklichen kompositorischen Arbeit zu dem vielleicht spannendsten Sting-Album und «Bring on the Night» zu dem besten Live-Album, einfach, weil die Qualität der Musiker so unfassbar ist und sie nicht nur Miet-Mucker für den großen weißen Helden sind, sondern sich entfalten können. Ich habe Sting auf der letzten Police-Tour und auf der Dream-Tour gesehen und es war live greifbar, wieviel intensiver die erste Solo-Tour für Sting war, selbst wenn er als Vollprofi natürlich in Dortmund die gleichen Publikums-Gags macht wie in Milan oder in London oder sonstwo. Die Spontaneität kam nicht von dem Frontmann, sondern aus den Musikern um ihn herum, Kenny Kirkland, Omar Hakim, die den schwächelnden Balladen Herz und Energie einhauchten.

Es gibt nur noch ein Album, dass diese Energie erreicht, aber introspektiver, leiser ist und das die vielleicht besten Kompositionen von Sumner leistet – »Soul Cages», für Stings Verhältnisse vielleicht am ehesten so etwas wie ein Konzeptalbum, nicht nur eine Ansammlung verschiedener Songs. Die Zusammenarbeit mit Miller und Katché und das vielleicht beste Songwriting seiner Karriere setzen sich selbst gegen die etwas zu glatte Produktion des Albums durch und beweisen, das Sting auch «ruhig» sein kann, ohne zu glatt und kalkuliert zu wirken. Folgealben wie «Twelve Summoners Tales» oder «Mercury Falling» wirken dagegen unfokussiert, und obwohl gerade «Summoners» teilweise wunderbare Rhythmusarbeit und Genrefusionen bietet und unter den kommerzielleren Alben das souveränste ist, hat Sting nie wieder die Authentizität als Songwriter erreicht, die «Soul Cages» verspricht, ist zurückgefallen auf die formellen Spielereien, die schon õthing like the sun» so auszeichneten. Er ist, unterm Strich – obwohl handwerklich sicher ein Könner -, einfach nicht sonderlich ehrlich oder glaubhaft. Es ist fast seltsam, dass ein Sänger mit dieser Stimme nicht mehr Seele in seine Produktionen zu legen vermag, nackter, ehrlicher sein kann. Da wirken neue Experimente wie «Symphonicities», «Winter Tales» und «Songs from the Labyrinth» fast wie der Versuch, durch Genreflucht oder den Bombast eines großen Orchesters von dieser Vakanz in der tatsächlichen Musik abzulenken. Was schade ist, denn die Suche nach Inhalt wie auch die schiere handwerkliche Freude am Komponieren und Singen, an der Live-Performance und der Zusammenarbeit mit anderen Musikern, ist Sting in der Rückschau anzumerken. Vor allen in den vielen dokumentarischen Videos, die deutlich mehr Spaß machen als die Promo-Photos. Weil sie etwa körpersprachlich offenlegen, wie unwohl Sting sich mit den Black Eyed Peas fühlt und wie wenig er – seinen Worten zum Trotz – den jungen Rappern abgewinnen kann. Oder wie wenig die umgekehrt mit seiner britischen Arroganz anfangen können. Und weil die Clips aber auch sichtbar machen, wie sehr Sting im gemeinsamen Spiel mit seiner eigenen musikalischen «Familie» verloren gehen kann, so dass ihn nicht einmal ein umfallender Kontrabass oder eine durch das Schloss, in dem die Proben zu Blue Turtles liefen, schlurfende Rentnergang aus dem Konzept bringen können.

Und so wird diese multimediale Show – obwohl sie dies sicher nicht will – nicht so sehr zum Abbild einer erfolgreichen Musikerlaufbahn, sondern auch zur Kurvendiskussion eines Lebens als Profimusiker, der mit Police klein anfing, sich kühl kalkulierend auf dem Höhepunkt des globalen Ruhms zur eigenen Marke ausbaut und auf Solopfade begibt, eine Weltkarriere hinlegt und irgendwann den Punkt hat, wo es ihn spürbar langweilt, als Produkt in der Post-MTV-Welt zu funktionieren und alljährlich eine mehr oder minder ähnliche Jukebox-Platte zu produzieren, um sein mit ihm alterndes Publikum zu bespielen und noch eine Welttournee zu rechtfertigen… der aber eben auch lange genug im Geschäft ist um zu wissen, dass die Branche brutal ist und es am Ende auch um Geld, Charts, volle oder eben leere Säle geht. Sting braucht sich nur zu Andy Summers und Steward Copeland umzusehen, um zu wissen, wie flüchtig Ruhm sein kann.

Letzten Endes darf man eben nie vergessen, das es bei Musikern nie allein um «heute» geht. Dass die Simple Minds heute nahezu unerträglich sind, macht «Cacophony», «Empires» und «Sons» nicht minder zu exzellenten Alben, dass Cure eine Art Selbstparodie geworden sind mit den Jahren, macht das Duo «Faith/Pornography» nicht weniger phantastisch und Robert Smith nicht minder zu einem wichtigen Musiker. Und erst vor kurzen habe ich angesichts der frisch veröffentlichten U2-Deluxe-Alben entdeckt, wie gut sich gerade die unfassbaren naiven, unfertigen Steve-Lillywhite-Stücke anhören, obwohl oder gerade weil sie so unfassbar mies produziert sind, wie phantastisch dieses Unfertige, Rohe bei Edges Gitarrenspiel ist. Bei Sting ist es ähnlich: Man möchte bei jedem neuen Album ein wenig fremdschämen (ist aber dennoch neugierig genug, um es sich zumindest anzuhören, guilty pleasure halt), aber man darf nicht vergessen – und diese Quarter-of-a-Century-Rückschau ruft das ins Gedächtnis -, dass der Mann hier und da und vor allem nun mal leider früher stellare, wichtige Songs geschrieben hat. Lieder, die große Klasse und große Klassiker sind, und wie schwer muss es sein, damit zu leben, dass man vor vielleicht 30 oder 20 Jahren den kreativen Apex hatte und seitdem öffentlich aber eben auch in den stillen Stunden damit leben muss, nurmehr das eigene Erbe zu verwalten. Dieses Spiel mitzuspielen, sich dabei nicht völlig zu verlieren, den Kopf über Wasser zu halten und vielleicht nicht mehr wirklich gut, aber eben auch nicht völlig mies zu werden oder ganz das Handtuch zu werfen, ist vielleicht allein schon eine bemerkenswerte Leistung angesichts der Haifisch-Branche, in der Sting arbeitet. Insofern Glückwunsch zum Geburtstag zum Jubiläum … und ich warte weiter auf ein großes Alterswerk, das nicht mehr in stilistische Spielereien und Grenemasups flieht, sondern tief und ehrlich ist und mich aufrichtig zum Weinen bringt. Auf die nächsten 25 Jahre, Mr. Sumner. Und darauf, dass die Queen endlich den «Sir»-Title rausrückt, verdammt.

22. November 2011 19:40 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Grant Morrison: The early years

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Es ist vielleicht gar nicht unbedingt im besten Sinne die Krönung des Nerdtums, wenn man anfängt, tatsächlich Bücher über Comics zu lesen. Und zwar nicht Chip Kidds wunderbare Photobände, in denen er seine eigene Sammlerleidenschaft und damit eben das «Best of Geek Toys» ausstellt, die Shazam Püppchen und die Batmobiles… sondern ein ganz bilderloses und nicht schnell durchgeblättertes Buch, das beim Thema Comic paradoxerweise mehr Worte als Bilder auffährt, als würde es damit nicht sozusagen gegen die eigentliche Zielgruppe des Mediums anarbeiten. Timothy Callahans Buch über die frühen Werke von Grant Morrison – von Zenith bis hin zu seiner Revision der bizarren Heldentruppe Doom Patrol – bietet aber dennoch ebenso viel extrovertierte Geekness wie Kidds Paraphernalia-Orgien. Denn man kann Callahans Text-Exegesen eigentlich kaum verstehen, ohne die jeweiligen Comics oder Graphic Novels zuvor gelesen zu haben, andererseits langweilt aber gerade dann oft die langatmige pure Nacherzählungen der Handlung. Wo es knappe Annotations oder sportive Interpretationen täten, die man jeweils online zu vielen Morrison-Werken ja finden kann, wiederholt der Autor im Stile einer klassischen Deutscharbeit immer wieder auch die Geschehnisse, die er aber eigentlich als gegeben voraussetzen dürfte. Das füllt zwar Seiten, und dient sicher als Gedächtnisstütze, langweilt aber alsbald ungemein. Dessen ungeachtet arbeitet Callahan – wenn eben vielleicht einen Hauch zu unsportiv – wunderbar die verbindenden Motive und Strukturen, Ansätze und Antriebe des schottischen Ausnahmeautors Morrison heraus, der neben seiner Nemesis Alan Moore und vielleicht noch Neil Gaimans Frühwerk zu der kleinen Handvoll von Comic-Schreibern gehören dürfte, die einer literarischen Betrachtung überhaupt wert sind. Vor allem die Analyse von Morrisons ultra-metatextueller Durchbruch-Serie «Animal Man» aus den späten 80er Jahren faßt bis heute greifbare Tendenzen des Autors zusammen – und man hat trotz der ausgedehnten Ausgabe-für-Ausgabe-Durchleuchtung immer noch das Gefühl, Callahan würde der Sache nicht ganz auf den Grund gehen, Echos und Details übersehen, weil Morrisons Schreiben ein kultureller Zitatenstadl ist, ein Spiegelkabinett, in dem man immer etwas übersehen kann. Callahan ist sehr darauf bedacht, die literarische Ernsthaftigkeit des Comic-Autors zu beweisen (und damit en passant auch das eigene Buch zu rechtfertigen) und übersieht dabei etwas den unbändigen Spaß in Morrisons Texten, den quirligen Mix aus Hochkultur und Trasheinflüssen, der Morrison so auszeichnet. Callahan findet die New-Wave-Songzitate ebenso wie die Einflüsse von «albernen» Silver-Age-Comics und Ravepartys oder Acidtrips durchaus, seine Interpretation wirkt aber insgesamt einen Hauch zu ernsthaft für das Ausgangsmedium, reitet einen Tick zu sehr auf dem Offensichtlichen herum, will zu angestrengt beweisen, dass Comics eine Sache für »Grown-Ups« sind – während Morrison sich oft genug durch gekonnte Lücken, Bluffs und kindliche Sprünge genau diesem Zuviel an Ernsthaftkeit immer entzieht, immer eine Selbstironie und Distanz wahrt.

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Dada for the win: Doom Patrol

Es mag an der Phase liegen, über die Timothy Callahan hier schreibt – die frühen Vertigo-Arbeiten Morrisons, in denen der Schotte sich selbst noch im Markt der 80er und 90er Jahre beweisen musste, um überhaupt Jobs zu bekommen, und sich erst langsam freischwimmen konnte. So wirkt der Anfang von «Animal Man» und (aus meiner Sicht) die gesamte «Doom Patrol» seltsam bedeutungsschwanger und aufgesetzt, ein wildes Gebräu aus Einflüssen aller Art und einer «look how smart I am»-Haltung, während die späteren Ansätze in Animal Man eigentlich einen schon viel reiferen Morrison zeigen, der seinem inneren roten Faden – was ist «real» in Fiktion – mit einer Präzision folgt, die manche spätere und formal bessere Arbeiten in dieser emotionalen Reinheit fast nicht mehr aufweisen.

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Animal Man – was passiert, wenn narrative Figuren entdecken, dass sie nicht echt sind…?

In Animal Man entdeckt der B-Superheld Buddy Baker, eine eher unwichtige Figur, die ursprünglich aus den 60ern stammt und nominell die Fähigkeiten von Tieren übernehmen kann, dass er eine rein fiktionale Figur ist und blickt dabei nicht nur von der gedruckten Seite den Lesern – also uns – ins Gesicht («I can see you»), sondern begegnet sogar seinem Autoren, Morrison selbst. Ideen, die später immer und immer wieder in Morrisons Geschichten auftauchen – in kommerziellen Megaprojekten wie «Final Crisis» ebenso wie in den ultrakomplexen «Invisibles» – sind hier in ihrer einfachsten und deshalb vielleicht ehrlichsten Form bereits zu finden… während «Doom Patrol» und «Arkham Asylum» , obwohl auf den ersten Blick erwachsener (auch aufgrund des viel weniger an klassischen Comics orientierten Artworks) dagegen fast wie Camouflage-Übungen wirken.

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Psychedelic Acid Trip ins Irrenhaus – Arkham Asylum

Dennoch gibt Callahans Buch den Blick frei auf einen jungen Autoren, der sich smart den amerikanischen Marktbedingungen anpasst, aber bei der ersten Gelegenheit seinem inneren Kompass folgt und der zu den erschreckend wenigen Autoren im Mainstream-Comic-Bereich gehört, die eigene Faszination, Themen und Motive in ihre Arbeiten einbetten, egal, ob sie auf Angestelltenbasis Superhelden-Abenteuer verfassen oder ihre ganz eigenen Figuren erfinden. Morrison hat in dem von Callahan abgedeckten Zeitraum noch nicht seinen Status als Popstar gefestigt, der für große «Franchises» schreibt und mit Rockbands befreundet ist, aber so wie in den frühen Kurzgeschichten von Philip K. Dick im Grunde bereits alle zentralen Themen verpuppt sind, so bietet auch der frühe Morrison vielleicht sogar klarer und weniger verklausuliert die Motive, die den Autor bis heute auszeichnen und die vor allem auch in kommerziellen Arbeiten wie JLA, X-Men oder aktuell Batman für eine Doppelbödigkeit und Dreidimensionalität suchen, die in diesem Genre ihresgleichen sucht. Grant Morrison beweist, das auch in einem vermeintlichen Trash-Medium wie Comics, eine eigene schriftstellerische Stimme und Sinnsuche Bestand haben kann und man es nicht beim Aufkochen von fünf Dekaden alten Ideen belassen muss, dass man nicht für eine vermeintliche Zielgruppe das Niveau niedrig halten muss. Insofern ist Morrison die Ausnahme von der Regel, so wie Chandler es war, so wie Dick es war, so vielleicht es im puppigeren Bereich der Comics vielleicht sonst nur der deutlich erfolglosere und heute weitab vom Mainstream operierende Alan Moore es für einen kurzen Moment war – allesamt Autoren, die ein belächeltes Genre shanghait und revolutioniert haben. Callahans Auseinandersetzung mit deFrühwerk von Morrison ist in vieler Hinsicht also auch eine Gebrauchsanleitung, mit welchen Strategien der Mainstream mit einer guten Portion Glück unterwandert werden kann und zugleich eine Skizze von Morrisons Leben in den frühen 90ern – eine Skizze, die Grant Morrison später selbst in seiner Autobiographie «Supergods» zu einer seltsamen Fusion aus Gesamtbetrachtung der Comic-Historie und Lebenslauf verdichtet… was sich ja nur anbietet bei einem Autor, der wie kein anderer von Anfang an die Grenze zwischen Fiktion und Realität aufgebrochen hat.

1. November 2011 07:45 Uhr. Kategorie Buch. Tag , , . Keine Antwort.

Katzenjammer live Zeche Bochum

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Es ist für mich immer wieder überraschend, wie unberechenbar voll oder leer Konzerte sind. bei Bands, wo ich mit ausverkauftem Haus rechne, ist man unter sich, bei anderen Acts ist die Bude überraschend gerammelt voll – so auch hier bei Katzenjammer, in einer recht ausverkauft wirkenden Zeche, in der sich ein Publikum tummelt, das ich so gemischtesten gesehen habe. Vielleicht ist dieser Mix der Grund, warum das Publikum zwar frenetisch applaudiert, mitsingt und offenbar bester Laune ist, aber im Grunde kein bisschen tanzt oder mosht, obwohl ich das durchaus schon bei Bands erlebt habe, wo die Musik weniger zum gegenseitigen anrempeln einlud als hier. Vielleicht liegt es auch daran, dass man so von den Treiben auf der Bühne hypnotisiert ist, dass man nicht durchs Tanzen wertvolle Sekunden aus dem Blick verlieren will, denn das norwegische Quartett liefert eine Art «Reise nach Jerusalem mit Instrumenten» ab, wodurch nahezu jede der Musikerinnen jedes Instrument einmal spielt, nur Anne Marit Bergheim bleibt dem Schlagzeug fern, das meist dann doch von Solveig Heilo bedient wird, die sich charmanterweise dabei jedes mal die hochhackigen Stiefel an- und ausziehen muss und die am Schlagzeug meist nebenbei mindestens noch in zweites Instrument mit bedient, sei es Glockenspiel, Akkordeon oder Trompete. Bei so viel Multi-Instrumentalismus wird trotz Musikstudiums natürlich nicht jedes Instrument mit der gleichen Virtuosität bespielt, aber das tut dem Soundmix der Katzenjammer Kids keinen Abbruch, im Gegenteil, das Unperfekte, dafür aber umso energischere passt perfekt in den musikalischen Reisekoffer der Band. Denn das Spektrum kann im Konzertverauf durchaus mehr beeindrucken als das ja ohnehin schon überzeugende 2008er Debüt «Pop» vermuten lässt. Neuere Tracks wie God’s Great Dust Storm und Lay Marlene zeigen die Combo jenseits der reinen Gutelaunemusik als herausragende Sängerinnen, die mit den geringste Mitteln Gänsehautstimmung erzeugen können oder Swamprock-Stimmung herbeizaubern können, um im nächsten Moment Country oder Balkangrooves heraufzubeschwören.

Das alles geschieht mit einer wirbelwindigen Freude an der Arbeit und einer so gekonnten Animation des Publikums, das man fast Angst hat, auf ein zweites Konzert zu gehen, denn so gut wie beim ersten Mal, wo alles noch echt und gestellt und spontan wirkt, ist es dann ja nie mehr wieder. Was die Sache aber über alle Maßen glaubhaft macht ist das jedes Mitglied der Katzenjammercombo von Anfang bis Ende ein breites Grinsen im Gesicht batike tatsächlich spürbar gern auf der Bühne steht, was man ja beileibe nicht über jede Band sagen kann, die sich oft genug nur noch von Gig schleppen und ihr Publikum insgeheim oder offen verachten. Es ist vor allem diese Freude, die die herausragende musikalische Arbeit durchdringt und überstrahlt und ehrlich macht – das hier, so will es scheinen, ist Popmusik in diesem magischen Moment vor dem Ausverkauf, bevor es nur noch um Singles und Charts und Interviews geht und bevor die bleierne Müdigkeit der Tour sich über alles legt, bevor man in der Enge eines Nightliners entdeckt, dass man sich eigentlich nicht riechen kann. Das hier ist der magische Moment einer jungen Band in einem fremden Land vor einem vollen Haus und der Glaube daran, dass man mit der eigenen Musik andere Köpfe in Brand stecken kann. Das hier ist also das, was wir sehen und erleben wollen, wenn wir zu einem Live-Konzert sehen

Bemerkenswert ist dabei vor allem auch der unfassbare Klang der Band. Ich kenne Bands, die – egal wie groß oder klein die Venues sind, in denen sie auftreten – nahezu verlässlich beschissen klingen und das über Jahre hinweg und ich kenne Bands, deren Sound gerade mal so «serviceable» ist, aber wenig mehr, in denen der Soundman während des Konzerts nicht stattzufinden scheint. Nicht so hier. Schon nach wenigen Klängen des Warm-Up-Act Unni Wilhelmsen, die zum grossen Finale noch einmal mit auf die Bühne kam, ist klar, dass der Tonmann weiß, was er tut und die einzelne Dame auf der Bühne mit geschickten Delay- und Halleffekten perfekt «gross» klingen lässt. Und auch in dem wilden Klanggewusel von Katzenjammer, in einer Flut von analogen Instrumenten, einem permanenten Wechsel von Sounds, verliert der Sound nie den Überblick, alles bleibt transparent und klar, Effekte kommen perfekt auf den Punkt und die Einzelleistungen summieren sich zu einem enorm kraftvollen Klang, den man so nur live fühlen und hören kann und den man auf keiner Aufnahme der Welt einfangen kann, wo jeder Basston dich trifft und vier Stimmen zu einer werden.

Ein interessanter Aspekt der Überalterungsgesellschaft ist das im Publikum teilweise Leute stehen, die deutlich über 50 oder 60 sind (und es auch ein paar Kinder gibt). Ich denke, das wird seltsamerweise normaler werden. Die Leute, die in den 70ern Postrock oder Punk gehört haben oder in den 80ern Wave und Goth steigen ja nicht alle auf Robbie Williams und WDR2 um, sondern werden auch heute noch Alternative hören und entsprechend zu Konzerten gehen. Ich sehe das in letzter Zeit immer öfter und es ist ein spannender Trend, weil gesellschaftlich ja eigentlich kam ausgetestet ist, was es bedeutet, wenn Rockkultur «alt» wird. Hier, zu dieser Musik, die sich auf alte Wurzeln berufen kann und die zugleich so naiv-jung-frisch klingt, passt genau dieser Brückenschlag perfekt, es ist die Musik zu der ältere Damen ihre goldarmbandbehängten Arme in die Luft werfen nach etwas Wein und zu der Kids herumhüpfen, Musik die keine LED-Wand und keine Lasershow braucht und die vielleicht gerade als Kontrast zu der gleichzeitig in Düsseldorf laufenden Riesenproduktion, die ja eher gänzlich ohne musikalischen Inhalt auskommt, daran erinnert, worum es bei der ganzen «Live»-Sache eigentlich geht… um Menschen, die zusammenkommen um zu feiern.  

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16. Mai 2011 18:37 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Fenech Soler: Fenech Soler

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Nachdem man auf dem neunten Kitsuné-Sampler ja bereits einen Vorgeschmack auf die britischen Elektropopper von Fenech Soler bekam, ist diesen Monat ihr Debut erschienen (getrübt von der Krebsdiagnose des Leadsängers), das die Erwartungen, die das zittrig groovende «Stop and Stare» geweckt hat, mehr als erfüllt. Die Band um Ross und Ben Duffy fusioniert scheinbar mühelos den dancefloor-orientierten Sound von Bands à la Friendly Fire mit einer spiegelglatten, mit einer dicken 80s-Emailleschichte überzogenen Poplackierung. Das Album geht entspannt gegen den Trend der introspektiven Nabelschau und setzt – wenn man die etwas kaffige Herkunft der Jungs bedenkt vielleicht nicht überraschend – auf Party, fast jeder Track geht so weit nach vorn wie man es kann, ohne die Verzerrer aufzudrehen. Stampfende Drums, pumpende Funk-Elektrobässe und flirrende Synthpads machen aus «Lies» die Sorte Musik, die The Human League heute eigentlich machen sollten, und «Golden Sun» steht mit einem Bein unverschämt grinsenden sogar im Soundgerüst von 90s-Boybands. Ben Duffy kriegt einen androgynen Kopfgesang ebenso mühelos hin wie die von zahllosen 80s-Popacts bekannten soften Gesangs-Lines, um im nächsten Moment deutlich mehr nach Indie zu klingen – und genau so eindeutig und doch vielseitig springt die Musik, die ihn begleitet durch die Möglichkeiten der Popgeschichte, ohne jemals undefiniert zu wirken. Die Sounds sind durchgehend etwas retro, mitunter fast billig, die Programmierung ist straight, aber nicht primitiv, das Quartett setzt auf synkopische Bassgrooves, die die darüber flirrenden Synthgebilde erden – und am Ende steht eine Musik, die manchmal nur knapp davon entfernt ist, an alte Britney-Spears-Tracks zu erinnern oder an mittelfrühe Heaven 17, die durchaus auch in den Strukturen und vor allem den Sounds eine gewisse Selbstähnlichkeit haben mag – die aber eben auch verdammt in die Füße geht. Wenn ein Album nahezu durchgehend, Track für Track, auf meiner Running-Musikliste landet, wird klar, dass Fenech Soler sich auf ihrem Debut einfach nahezu keinen Durchhänger geleistet haben – und das alle Songs sich in einem Tempolimit bewegen, dass zum motivierten Laufen perfekt ist (und damit eigentlich auch für die Clubs). Jeder Track hat Anthem-Qualität, schraubt sich wie eine alte Doppeldecker-Maschine mit einem auf Ketamin gedopten Howard Hughes am Steuerknüppel nach oben, in die Wolken, in die Sonne, und nimmt dich mit – Fenech Soler mögen keinen Tiefgang produzieren, aber ihnen ist ein fast pervers optimistisches Album gelungen. Jeder Track – was daran liegt, dass sie sich auch nie sonderlich unterscheiden – ist auf «Hit» programmiert, ohne sich jemals anzubiedern, Fenech gelingt diese Pose, halb zu dir hingeneigt, halb lässig an der Bar lehnend, die nur britische Acts (oder sehr britisch wirkende Bands) in dieser Form liefern können, diese mühelose Coolness, die Pop ausmacht. In dieser Hinsicht ist das Albumcover nahezu perfekt – der Glitterkonfetti, die etwas Gaydisco-artige Partylaune, und darin dieses komisch komplex wirkende, leicht rätselhafte Artefakt – das bringt die Musik sauber auf den Punkt. Denn unter der perfekt produzierten Dancefloor-Power, unter den High-Energy-Stacks, unter den Cowbells und zuckenden Bassgewittern, steckt durchaus mehr, denn die Architektur der Songs hat eine irgendwie kristalline Qualität, ist klar und einfach, aber eben doch beim mehrfachen Durchhören smart und jenseits von einfachem Autotunes-Radio-Pop. Ob FS noch wirklich «Indie» sind – ohnehin seltsam, dass dieser Begriff heute nicht mehr für die Labelbindung steht, sondern eine Art Musikclusterbezeichnung geworden ist – darf man bezweifeln, aber es ist die Sorte smarte, elegante, nonchalante, charismatische und sexy Pop, von der es ruhig mehr geben dürfte.

Wer sich sich einen Vorgeschmack auf die Northamptonshirer anhören will, kann sich übrigens vorab vier Songs des Albums sind nun kostenlos als «White Versions EP» downloaden: http://www.fenechsoler.co.uk/downloads/whiteversions.htm

21. März 2011 09:13 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Duran Duran: All you need is Now

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Und noch einmal 80s-Retro. Während der Titel des neuen Albums von Duran Duran «All you need is Now» nahelegt, dass die Band um Simon LeBon hier eben nicht nostalgisch in die Vergangenheit blickt, ist das Album in Wirklichkeit natürlich durchaus ein Rückblick in bessere Tage der Band.

Ich muss sagen, dass ich in den 80ern alles andere als ein Fan von DuranDuran war – mir waren die Herren zu Popper-haft, zu glatt, zu schick. Mit der Zeit und der Altersmilde kann ich inzwischen den ersten drei Duran-Duran-Alben (also bis «Seven and The Ragged Tiger») eine Menge abgewinnen. Die Fusion aus britischem Pop, etwas NewWave und kühlem Funk hat rückblickend einen Sound ergeben, der so prägnant wie bisher unkopierbar ist. Nach «Tiger» haben Duran Duran ihren Karrierehöhepunkt erreicht (finanziell, nicht kreativ), ihre Karrierekrise und sind, freundlich gesagt, unwichtig geworden.

Auf ihrem dreizehnten Album haben sich die beiden Taylor-Brüder (ohne Andy), Nick Rhodes und Le Bon nach drei Jahren Pause den Retro-Soundmeister Mark Ronson als Produzenten gesichert, der sich ja seit einiger Zeit als der Duran Duran-Fan schlechthin generiert. Und so klingt das Ergebnis dann auch. «All you need is Now» ist eine so schamlose wie gelungene Reise zurück an die Wurzeln der Bands und Ronson gelingt es über weite Strecken tatsächlich, die Idee der frühen DuranDuran zu greifen und in modernen Klang zu wickeln. Nichts klingt wirklich nur einfach Retro, die Band lässt klugerweise die Finger von 80s-Synthsounds und murkeligen Drums, aber die Melodien, Harmonien und Arrangements sind so dicht an «Rio», wie man nur kommen konnte nach fast drei Dekaden. LeBons Stimme ist pathetischer, dicker aufgetragen als früher, aber ansonsten scheint kaum Zeit vergangen zu sein, «All You Need» wie das Album, das «Notorious» hätte werden können. Die straighten Beats, die pulsierenden Synthlines, die sich hochschraubende Stimme von LeBon und die immer einen Tick zu polierten und glatten, aber eben sehr typischen Powerrefrains – alles da, alles wie früher und paradoxerweise eben deshalb absolut auf der Höhe der Zeit. Ronson gelingt der Trick, ohne den Nasenring der Nostalgie zu arbeiten, indem er an die Wurzeln des Sounds der Band zurückgeht, aber diesen nicht kopiert, sondern poliert. Völlig wider Erwarten entsteht so ein Pop-Album, das streckenweise phantastischen Pop produziert, shiny und etwas oberflächlich, irgendwie steril und plasticelastic – aber genau dieses Plyester-Feeling ist ja die Essenz von Duran. Ernsthaftigkeit und Erwachsensein, das alles ist verschwunden und die Band scheint einen Heidenspaß an einer Art zweitem Teenie-Dasein als Schickimicki-Lifestyler zu haben, die eine Musik irgendwo zwischen schnellen Autos, Koks und zu langen Nächten am Strand produzieren. Jeder Track is voll von Energie und zu großen Gesten, Pathos und Shiteater-Grinsen – und Ronson gelingt die Fusion von Alt und Neu, indem er den Mix um unerwartete Elemente erweitert: «Blame The Machine» ist ein klassischer Duran-Track, der durch die an We Have Band erinnernde androgyne Gesangseinlage von TV-Moderatorin Nina Hossein eine frische Note gewinnt, während der sexy Blondie-Rap von Scissor-Schwester Ana Matronic auf dem ähnlich auf Hit gebügelten «Safe (in the Heat of the Moment)» dafür sorgt, dass der Song zugleich old-school und doch unerwartet klingt. Die Kunst ist die Einheit von Erwarteten und Unterwarteten, der Bruch, die kleinen Kanten und Schrägheiten, die dem Album das Berechnende, am Reißbrett konstruierte nehmen – was sicher eine Illusion sein muss, denn mehr Reißbrett, mehr gezieltes Entwerfen als bei Ronson ist ja kaum denkbar.

Es ist nicht einfach, als Designer (und Ronson ist, wie Danger Mouse, in erster Linie ein Sounddesigner) etwas zugleich ehrlich und authentisch wieder an die eigenen Essenz zurückzuführen und dabei auf die Höhe der Zeit zu bringen. Ronson hat hier den ideosynkratischen Markenkern der Band herausgearbeitet, alle Modernismen herausgekegelt und dann dezent poliert, bis eine Band, die ein Schatten ihrer Selbst, ein Witz, war, auf einmal ein hochsolides Alterswerk in den Händen hält, das jung klingt, in seiner Zeitlosigkeit irgendwo zwischen Indie und Pop tänzelt, eine schöne egale Haltung hat und genau deshalb Chartpotential hat.

16. Februar 2011 20:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

My Bee’s Garden: Hunt The Sleeper

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Ja, es ist natürlich diese Sorte «niedliche» Pop-Musik, die die 22jährige Melody Prochet hier gemeinsam mit Alex Concato produziert, die sofort an die luftigen und mitunter leicht infantilen Klänge von Airoder Múm erinnert, eine Art durch pinken Weichspüler gezogener Cocteau-Twins-Sound, verhallt, aber eben nicht düster, sondern psychedelisch-träumerisch, mit angehaucht-kindlich-hohen Gesangslinien, die immer eben auch ein bisschen an Stereolab erinnern. Läßt man die Tatsache beiseite, dass hier nicht viel neues produziert wird, ist dieser Hello-Kitty-Pop aber so naiv-schön wie man das von gutem französischem Pop vermuten darf, federleicht, ätherisch, mit Prochets altersloser Stimme, die übergangslos zwischen Nymphe, Sirene und einer eben doch erwachsenen Ruhe wechseln kann. Die Musik von My Bee’s Garden ist angenehm zurückhaltend produziert, hingetupft und sanft, mit sanften Drums, wolkigen Synths und Gitarren, deren lächelnde Naivität mitunter an die mittlere Phase der Neuen Deutsche Welle erinnert, an Rheingold oder an Joachim Witt. «Hunt the Sleeper» wird die Welt nicht verändern, ist aber andererseits die Sorte Musik, wo es nicht wehtut, wenn man drei vier Platten zu viel davon hat.

18:35 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Laura Lopéz Castro und Don Phillipe: Optativo

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Noch einen Hauch mehr Ruhe fordern Laura López Castro und Freundeskreisler Philippe Kayser auf ihrem dritten Album ein – wie immer mit einem Sound, dem man seine Herkunft nicht mehr anhört, Weltmusik aus dem Wohnzimmer. Trotz langer Gastmusiker-Liste (u.a. Hauschka) und zahlreicher akustischer Störungen, die sich fast erst über Kopfhörer entfalten, dominiert die Stimme der spanischen Sängerin das Album, kontrapunktiert von sparsamer Gitarrenarbeit, daran ändert auch ein Minimum an Rhythmus und Percussion nichts. Optativo ist ein sehr pures Album und nach den Vorgängern ist das auch keine Überraschung. Das surrealistische Feeling, das verschneite Tag-am-Meer-Coverphoto und die Retro-Typographie andeuten, scheint manchmal durch, wenn die Musik zum bitteren Soundtrack nicht gedrehter Filme wird, und generell klingt das Album offener, freier, durchaus auch sperriger als etwa «Mi Libro Abierto». Die Musik schafft zwar immer noch den kommerziell cleveren Spagat zwischen der Lehrer-Weltmusik-Teetrinker-Crowd und einer moderneren, urbanen Cillout-Wellness-Zielgruppe, aber sie ist nicht mehr so «wohltuend» wie früher, nicht mehr so zum «Abschalten» geeignet – und das ist eine gute Sache. Optativo ist im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten einen Hauch anstrengender, einen Hauch trauriger, weniger affirmativ, gereifter und erwachsener. Es gibt deutlich mehr Brüche, mehr Irritationen, mehr Zitate («Sin Miedo»), coolere musikalische Posen und Gesten, mehr Augenzwinkern – und das tut dem Album sehr gut. Es wirkt manchmal fast so, als würden Castro und Kayser ihren eigenen Sound ironisch (auf)brechen und dekonstruieren und die Möglichkeit, die Platte auf zwei komplett verschiedene Arten hören zu können, macht Spaß.

14. Februar 2011 08:20 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Tricky: Mixed Race

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Jedes neue Album von Tricky wird von der Presse als «jetzt ist er aber wirklich wieder gut» gefeiert, da geht es dem Londoner in etwa wie Prince. Wobei wir doch alle wissen, dass er nie wieder so gut sein wird wie auf den ersten beiden Alben. Trotzdem ist «Mixed Race» eine sehr gelungene Platte, die positiver und vielseitiger klingt, weniger introspektiv und moody als die letzten paar Signale aus Trickys Höhle. In der Wundertüte sind tatsächlich einfach nervige und seltsame Tracks, wie etwa «Come to me» oder der schluffige Dancehall «Murder Weapon», Anklänge früherer Grandezza («Ghetto Stars») und durchaus ganz neue Klänge wie «Time to Dance» oder «Bristol to London». Ein Teil des Albums klingt richtungslos, als würde Tricky jeden nur denkbaren Groove aus seiner Plattensammlung durchgehen – etwas Hiphop, etwas Dancefloor, einen Hauch Triphop und seltsame Jazz-Blues-Classics… was ja vielleicht zu einem Album passt, das «Mixed» im Titel trägt. Der Sound ist insgesamt klarer, heller, sehr unmittelbar, wenig verhallt, die Guestvocals holen Tricky aus dem Solipsismus, der sonst oft mal durch seine Alben weht. Trotzdem ist es seltsam, wenn ein Track plötzlich wie eine armselige Kanye-West-Variante klingt oder wenn wirklich miese Raps auf einer Tricky-Plate erscheinen. Also: «wirklich wieder gut» ist das auf keinen Fall, andererseits ist es auch spannend, wenn ein Act, der so lange dabei ist, sich nicht einfach nur immer wieder selbst wiederholt, sondern so beherzt neue Dinge probiert, dass unweigerlich auch mal Müll dabei sein muss. Ich muss leider zugeben, dass ich den düsteren, verhangenen Poeten Tricky mehr mochte als den «Hey, ich hab da noch einen total coolen Track auf meinem iPod, den MUSST du dir anhören» Typen, der hier durchblitzt. Mixed Race will zu viel und erreicht dabei irgendwie zu wenig.

08:05 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Von Spar: Foreigner

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Bei von Spar ist einfach jedes Album eine Überraschung. War ihr Debüt frischer und relevanter Indie-Disco-Pop-Punk, haben sich die Kölner nach dem Weggang von Thomas Mahmoud fast unzugänglich auf die Reise ins Ich gemacht und ein Album herausgebracht, das Klaus Schulze gut als Alterswerk zu Gesicht gestanden hätte. Und «Foreigner» zeigt wieder eine Verwandlung, eine erneute Umstrukturierung der Band und vielleicht das endgültige Wachstum zum «Projekt». War «Von Spar» ein Experiment in klanglicher Geduld, eine Zeitlupenaufnahme, eine Studie in Bernstein, macht Foreigner wieder deutlich mehr Spaß. Natürlich, das Album ist eine unverhohlene Verneigung vor der frühen deutschen Elektro- und Krautrockszene, es klingt wie ein «Best of» von Winfried Trenklers «Rock In» oder «Schwingungen». Aber neben Tangerine Dream, Grosskopf, Can, Grobschnitt, Schulze, Göttsching schimmern auch Pink Floyd und Jarre durch – überhaupt scheint «Foreigner» auf durchaus wohltuende Art eine Fusion modernen Postrocks und alter elektronischer Musik zu sein… und einer Band aus Köln steht das ja auch bestens zu Gesicht.

Dabei ist «Foreigner» trotz aller sofortigen Vertrautheit alles andere als Recycling und Wiederaufkochen bereits gehörter Musikfragmente. Natürlich ist die erste Reaktion, nach der generellen Verblüffung, nach Vorbildern und Bezugspunkten zu suchen, diesen Drumsound wiederzuerkennen, jenen Arpeggiator. Aber in Wirklichkeit mixen Sebastian Blume, Jan Philipp Janzen, Christopher Marquez und Phillip Tielsch so munter so verschiedene Einflüsse zusammen, dass das Endergebnis eher eine Art Bogen, eine Cinemascope-Gesamtschau elektronischer Musik wird. Einflüsse von Rock, Techno, Kraut, konkreter Musik, 80s Quietschiepop – was du willst, du wirst es finden, wunderbar produziert und programmiert, liebevolle Soundfrickelei und keine Sekunde langweilig. «Foreigner» ist die Sorte Album, die man gedacht hatte, nicht mehr zu hören. Es ist keine elektronische Musik, die sich dem Zeitgeist nett macht, es ist aber auch keine Vangelis-artige Wellness-Scheiße, keine elektronischen Billigsoundwolken, es ist nicht Laptronica, kein Schlafzimmerpop – es ist völlig seriöse, ernsthafte Suche nach Musik, in vollem Wissen um die Wurzeln und ohne klares Ziel, Hauptsache die Reise macht Spaß. Und die macht eine Menge Spaß, trotz der Düsternis, die das Album durchnebelt.

Von Spar dürften mit diesem dritten Album die ausnahmslos beste deutsche Band sein. Mit dem Debüt haben sie ein Genre übertroffen, ein neues geschaffen und dieses auch gleich wieder als Scherbenhaufen für alle Epigonen und Wannabes zerstört, mit dem Zweiten haben sie eine Ernsthaftigkeit und Innerlichkeit gefunden, die man eher aus Skandinavien erwartet hätte und jetzt produzieren sie ein staatenloses, zeitenloses Album, das zugleich unfassbar klar verortet klingt, das sofort vertraut ist, dich sofort eingefangen hat, und doch smart genug ist, um mit jedem Track wieder zu überraschen. Das Album ist, ohne jede Frage, ein Monolith, eine Platte, die man immer und immer wieder hören kann, ein Ding für immer, eine große Liebe, mit der du Autofahren oder Spazierengehen wirst, damit einschlafen oder dich in langen Dialogen damit unterhalten wirst. «Foreigner» ist eins der absolut besten Alben des letzten Jahres – und man kann nur hoffen, dass die nächste Platte eben wieder ganz anders wird.

19. Januar 2011 12:22 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Eine Antwort.

Martina Topley Bird: Some Place Simple

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Martina Topley Bird ist eine der besten Stimmen der letzten zwei Dekaden, mit ihrer glasig-sandigen Stimme nicht umsonst regelmäßiger Gast bei Tricky, Massive Attack und anderen Bands, aber ihre Soloprojekte scheinen nie richtig Fuß zu fassen. Was vielleicht daran liegt, dass Sie – ob aus Experimentierlust oder Orientierungslosigkeit – auf nahezu jedem Album ihren Sound weitestgehend ändert. War «The Blue God» von 2008 eine eher konturlose Pop-Einspielung, die die Sängerin in eine zu glatte Überproduktion einwickelte, ist «Some Place Simple» das genaue Gegenteil. Dem Namen gerecht werdend, liefert das Album minimalistische Fassungen bestehender Songs und eine Handvoll neuer Kompositionen. Das Album wirkt wie eine Vorbereitung auf eine Unplugged-Tour, diese Sorte Singer-Songwriter-Platte, die uns nur Stimme und ein absolutes Minimum an Instrumentierung liefert. Dabei ist MTB nicht so radikal wie etwa Lou Rhodes – an ihrem schlichten Ort lässt die Musikerin durchaus Schlagzeug, E-Gitarre und einige Keyboard-Sounds zu -, aber dennoch ist es spannend, «Sandpaper Kisses» so reduziert und unterproduziert zu hören. Es ist fast unwirklich, dass die Sängerin nach dem moderaten Charts-Erfolg des letzten Albums nun zu Tönen greift, die das Pop-Publikum eventuell vergraulen dürften, aber das Ergebnis ist mehr als hörenswert und Zeugnis ihrer Suche nach einer eigenen Identität. Bei aller Reduktion sind die 15 Tracks des Albums abwechslungsreich und niemals langweilig, die eher schlecht wirkende Produktion unterstreicht eher die Intimität des Albums. Man darf sich fragen, warum eine Musikerin auf ihrem dritten Soloalbum das Bedürfnis hat, weite Teile der beiden vorhergegangen Alben neu einzuspielen (zumal die Quixotic-Tracks eigentlich hervorragend sind), vielleicht fühlte sich Topley Bird unter der reichen Produktion vergraben. Warum auch immer, sie schmiergelt ihre Songs mal sanft mal brutal aufs nötigste Minimum herab, legt Muskeln und Knochen frei und zeigt fragile Kompositionen, die auch nach teilweise acht Jahren frisch wirken. Bemerkenswert ist, wie sehr die drastischen Unterschiede zwischen dem Debut Quixotic und dem von DangerMouse überproduziertem Blue God in diesen Versionen verschwinden – obwohl die beiden Alben kaum unterschiedlicher sein könnten, wirken die Songs hier wie aus einem Guß. Überhaupt ist dies das erste Album von MTB, das einen durchgehenden, einen homogenen «Sound» hat. Wo sie sich früher auszustrecken scheint, mal einen Trip-Hop-, mal einen Pop-Song produziert, die ganze Palette ihres Könnens und ihrer musikalischen Interessen auszutesten scheint, wirkt «Some Place Simple» klar und luzide, reduziert, verortet. Auf ihrem dritten Album, so scheint die Botschaft, weiß MTB, was sie will, sucht nicht mehr nach Zielgruppen, hat ihre alten Songs für sich zurückerobert und klarer, lyrischer gemacht. «Some Place Simple» klingt wie eine Rückbesinnung auf die eigenen Qualitäten gegen den Burn Out der Musikindustrie: Weniger, aber besser. Das Photo auf dem Plattencover scheint gegenüber dem Motiv von «The Blue God» ein Versprechen zu sein, dass die Musikerin sich selbst gibt. Wo auf dem Album von 2008 eine Art Diva im Lichternebel der großen Stadt posiert, eine photogeshoppte James-Bond-Retro-Göttin, präsentiert sich MTB auf dem neuen Cover mit einem spontan wirkenden Photo aus einer Studiosession – etwas angeblitzt, nicht in die Kamera schauend, bei sich – eher ein Facebook-Photo als ein glamouröses Albumcover einer Pop-Sängerin. Topley Bird, so die Botschaft, scheint die Masken abgelegt zu haben, nicht mehr Ziehkind von Tricky und Co zu sein, aber auch nicht die Grande Dame, die die Plattenfirma aus ihr machen wollte, sondern nur noch Sängerin und Musikerin. Eine gute Basis für das nächste Album, auf das Tracks wie das fröhliche «All Day» und das atmosphärische «Orchids» einen herausragenden Vorgeschmack geben.

4. Januar 2011 11:15 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Uffie: Sex Dreams and Denim Jeans

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Als Freundin des Edbanger-DJs Feadz war Uffie vor ein paar Jahren Teil des ganzen Elektro-Hypes um Justice und Mr. Oizo, zu dem ihre androgyn-gelangweilt-überspannte Sexualität nur zu perfekt passen wollte zum Soundtrack einer vom Rock auf den Dancefloor übertragenen Sex-and-Drugs-Attitude. Dann ist Uffie irgendwie ziemlich abgetaucht und ein LA-Girlie namens Kesha hat den Autotune-Gesang von Uffie mit Kirmesklingeltechno gekoppelt und sich zum Chartstar aufgeschwungen. Dumm gelaufen – zumindest sofern Karriere und Geld die wichtigsten Faktoren sind. Wobei Uffie das Leben eines Popstars ohnehin lebt, auch ohne jemals wirklich einer gewesen zu sein, vielleicht spielt es dann auch irgendwie keine Rolle, ob die auf Platz Eins in den Charts bist.

Das Album selbst ist alles andere als der Versuch, der Nachahmerin den Hitparaden-Thron streitig zu machen, im Gegenteil. Sex Dreams and Denim Jeans wirkt entspannt, fast verpeilt, enthält neben dem Klassiker «Pop The Glock» eine Vielzahl verschiedener Ansätze, die mal straighter in Richtung des von Uffie vertrauten naiven Kinder-Hiphop gehen («Add SUV»), mal in Richtung nervöse New-Wave-Hommage gehen («Hong Kong Garden») und sich ansonsten in dem so abgesteckten Feld zwischen Dancefloor und Indie munter von Idee zu Idee hangeln, so dass sogar mal ein mit Schrammelgitarren durchsetzte gerade Popnummer geht («Sex Dreams and Denim Jeans»). Auch wenn hier und da mal eine Justice-Snaredrum durchblitzt – die Tracks wirken weniger druckvoll und energetisch als man es von EdBanger gewöhnt wäre (mit Ausnahme von «MCs can kiss»), die Beats sind meist gerader, altmodischer, weniger dekonstruiert. Ähnlich wie Robyn in ihrern besseren Momenten gelingt Uffie ein urban-gelangweilt-androgyner Gesang irgendwo zwischen normalen Vocals und Sprechgesang, eine Art Anne Clark auf Valium. Hört man die durch Autotune verfremdete Stimme von Uffie, verkörpert die Sängerin, die keine ist, eine Art Sehnsucht nach digitaler Perfektion, mit der es kein echter Mensch mehr aufnehmen kann – Uffie ist die Stimme der Androiden und Replikanten, ein hedonistisches Echo aus der Zukunft. Und ihr Musik ist der Soundtrack zum verquartzten Aftershow-Frühstück in elegant-unaufgeräumten Wohnzimmern, die unaufdringliche Backgroundmusik, Post-Pop-Post-Soul-Chillout- Muzak, eine Art Pop-Art der Popmusik, eine gekonnte Auseinandersetzung mit den Methoden, die momentan die Charts beherrschen, die aber in dieser Produktion von Feadz, Oizo, Mirwais and SebastiAn zu völlig anderen Ergebnissen führen. Wo Sampling von 70er und 80er Songfetzen, analoge Drumsounds und entkörperlichter Gesang sonst zu Hits führen, mündet dieses Album in einer phantastischen Trägheit, die es immer einen Hauch vom reinen Chartspop entfernt hält – es ist lasziv, müde, too drunk to fuck. Der Versuch, diese bei «Pop the Glock» erfolgreiche Mixtur über ein ganzes Album zu ziehen, gelingt natürlich nicht immer, vielleicht bräuchte es aber auch eigentlich gar kein «echtes» Album von Uffie, sondern immer nur mal wieder ein oder zwei Songs bei MySpace. Denn am Ende ist der Reiz an Uffie, dass Sie das quintessentielle Teenie-Mädchen ist, das mit der Haarbürste in der Hand und billigen My-First-Sony-Effekten zu ihren Lieblingsliedern trällert und vorm Spiegel hüpft bevor sie am Samstag in die große Stadt geht.

10:20 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Kele: The Boxer

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Wie schon so oft betont, ist ist es nur all zu oft so, dass das Soloalbum eines Band-Frontmanns enttäuscht. Nachdem sich Bloc Party auf den letzten beiden Alben anscheinend entsetzlich anstrengen mussten, um die diversen Vorlieben und Geschmäcker, die auf dem ersten Album noch zu so einer grandiosen Melange zusammenfanden, hat sich Sänger Kele ein Soloalbum gegönnt, das seinen Hang zu Dancefloor weiter ausbaut. Dabei ist tatsächlich ein Track herausgekommen, der trotz aller billigen Kirmes-Sounds und Technomätzchen von vor fünf Jahren ausgezeichnet funktioniert. «Tenderoni» blubbert und wubbert, stampft und mahlt, hat eine abstrus einfache Hookline und präsentiert sich als kongenialer Jogging-Soundtrack, scheint auch einfach gar nicht mehr zu wollen. Stumpfer Beat, simpler Bass und jede Menge Adrenalin ergeben einen schmerzfreien Gute-Laune-Song, dem man wenig übel nehmen kann.

Leider funktioniert das kein ganzes Album lang. Trotz des großartigem «Pugilist at Rest»-Artwort des Covers ist der Rest von «The Boxer» leider eine Art Worst-Of der letzten Bloc-Party-Alben. Dürre Sounds, Kele als Ein-Mann-Chor, Mid-Tempo-Tracks mit großen Gesten, die kein Mensch glaubt, gepflegte Langeweile. «Yesterdays Gone» ist etwa so spannend wie die 40ste Wiederholung von «Last Christmas» und im Grunde wird es nicht viel besser. Kele wehleidet sich durch Songs, die darunter leiden, dass keiner ihnen mal deutlich in den Hintern tritt. Es gibt scher ein paar ganz gute Momente, etwa bei «The Other Side» oder «Walk Tall», aber das bleiben Ausnahmen. Der Abstieg von Bloc Party von einer Meilensteinband zu einem Hit-and-Miss-Projekt wird hier greifbar, das Soloalbum mutiert zum Schuldgeständnis in Form von belanglosen Bubblepop-Dancenummern, die eine Dannii Minogue sogar größtenteils besser hingekriegt hätte.

29. Dezember 2010 19:12 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Chemical Brothers: Further

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Ohne große Gäste und mit bescheidenerer Geste sollte dieses Album ausfallen, mehr Dust Brothers-Feeling, weniger das Cinemascope-Soundfeeling, das man auf den letzten Alben von Tom Rowlands und Ed Simons kannte, dafür aber mit einem künstlerischen Gesamtkonzept durch die beiden Videoartists Adam Smith und Marcus Lyall ausgestattet. Nun, das Videomaterial hilft einem nicht durch das Hören des Albums, also muss die Musik für sich bestehen, und das tut sie nur mit etwas Widerwillen. Es mag sein, dass die hypnotisch wirkenden Loops, mit denen die Brothers hier arbeiten, perfekt zu den Bildwelten von Smith und Lyall passen, als reines Audioalbum entfaltet sich mitunter einfach auch mal etwas Langeweile. In den guten Momenten ist «Further» ein atemberaubendes Album, das ein durchgehendes musikalisches Konzept verfolgt und geschlossener wirkt als vieles, was die beiden in den letzten Jahren hervorgebracht haben, klarer, reduzierter. Jenseits üblicher Genredefinitionen entwickeln die Chemical Brothers hier ihren typischen Sound aus, schaffen ein elektronisches Crescendo nach dem nächsten, lassen die Tracks zusammenbrechen und liefern mit «Escape Velocity» sicher einen ihrer besten Tracks ab, eine wunderbare Klangarchitektur, die Klaus Schulze und Tangerine Dream schreiend und kreischend ins 21. Jahrhundert zerrt. Wie immer bei den Brothers kann auch mal gepflegte Langeweile aufkommen, wenn die Pattern einen Hauch zu lange vor sich herschwurbeln oder die Beats zu bombastisch sind, das Tempo aber zu lahm ausfällt, die Sounds zu glatt ausfallen, das Duo zu sehr durch verschiedene Klangwelten hopst. Alles in allem aber ist «Further» der Fortschritt in der Rückkehr, eine Rückbesinnung nach vorn. Anstatt auf große Namen zu setzen, singt Rowlands die meisten Tracks selbst, der Sound klingt hingegen fast wie eine Retrospektive durch das eigene Gesamtwerk, eine rund 50-minütige Reise durch das eigene Oevre, ein geschlossenes Set, das keinen klassischen Hit mehr produziert, sondern wie eine makellose DJing-Session daherkommt, wie eine Miniatur-Disco-Oper. Eingängig ist dabei im Grunde kein Track mehr, fast sperrig wehrt sich das Album gegen die Einvernahme durch den Hörer, der sich auf die technopsychedelischen Cyberstrukturen der Musik einzulassen hat, in denen Rowlands und Simons immer wieder mit endlos langgezogenen Steigerungen die Geduld strapazieren. Das Statement scheint klar: Weg mit der Orientierung an den Charts und am Pop, raus aus dem System, zurück in die Nacht. Das gelingt nicht immer so maßlos überzeugend wie bei «Escape Velocity», aber durchgehend genug, um «Further» zu einem flächendeckend magischen Album zu machen.

18:15 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 3 Antworten.

Maxence Cyrin: novö piano

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Der französische Pianist und DJ Maxcence Cyrin bringt auf «novö piano» seine beiden Leidenschaften zusammen und interpretiert Pop- und Dancetracks als Klavierstücke. Wie auf dem Debut geht er dabei schmucklos vor, ohne zusätzliche Instrumente oder Schnickschnack – von etwas Hall abgesehen – und präsentiert die Kompositionen von Bands wie Justice, Daft Punk oder MGMT in einer oft kaum wiedererkennbaren Version. Was von Pop übrigbleibt, wenn man ihn in klassisches Minimalgewand kleidet, ist jedoch keine echte klasische Musik – zu einfach, zu banal sind die Harmonien und Arrangements im Pop, zu sehr lebt Dance Musik von Effekten, Klängen und Mehrspuraufnahme. Wo Sakamoto mt Riot in Lagos einen (eigenen) Dancefloor-Klassiker durchaus schlau dekonstruiert und zu einer phantastischen Pianomontage neu zusammensetzt, wirken Cyrins Nummern, ist die erste Freude an der Idee erst einmal abgeklungen, seltsam naiv und unbeleckt, so ein bisschen nach Klavierstunde eines progressiveren Klavierlehrers, der auf Pop statt auf Beethoven setzt. Zumal Cyrin nicht so talentiert ist, eine wirklich hinreissende Interpretation zu liefern – zwar sind seine Arrangements beileibe nicht langweilend, aber wirklich kongenial arbeitet er nicht – mehr als solides Handwerk will da kaum aus den Boxen kommen. Und so ist es durchaus reizvoll, oft sogar wunderbar gelungen, wenn Maxcence sich durch diverse Indiepop-Variationen spielt, wie etwa bei No Cars Go von Arcade Fire, und sozusagen einen durchschnittlichen Discoabend aus dem Jahr 2008 zur Kammermusik verklärt, aber irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass man mit ein wenig Mühe auf Youtube zig ambitionierte Hobbyklimperer finden würde, die genau so gut ihre Lieblingssongs (und Cyrins Auswahl verlässt nie dieses Streichelzooniveau der radiotauglichen Kenn-ich-doch-Tracks) auf dem Wohnzimmerklavier nachzuspielen versuchen, vielleicht nicht ganz so gekonnt, aber das macht die Idee nach dem zweiten dritten Hören kaum weniger banal. War Tori Amos «Smells Like Teen Spirit» noch eine kongeniale, phantastische Umsetzung des Nirvana-Klassikers, wird hier aus «Lithium» insofern ein zahnloser Bettvorleger-Tiger mit Schlaftabletten-Temperament. Und während mir ja denkbar egal ist, was etwa mit einer Beyoncé-Nummer gemacht wird, oder während Daft Punk den klassischen Remix durchaus gut wegpacken, tut nichts mehr weh, als wenn jemand die Wut und Energie aus gutem Rock’n'Roll lässt und es auf Chill-Out-Niveau herabdomestiziert, um im Windschatten größerer Könner in sicheren Hafen zu segeln.

8. Dezember 2010 00:55 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Prince: 20Ten

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Prince ist so einer dieser Fälle. Er hat sie alle überlebt – sogar seinen früheren großen Antipoden Michael Jackson -, aber um welchen Preis? Aus einem Musiker, der an Energie und Genialität kaum zu bremsen war, der ein virtuoser Instrumentalist und herausragender Arrangeur war, der einen feuchten Dreck auf Publikumserwartungen gegeben hat, scheint ein ratlos Suchender geworden zu sein, der nach zig Häutungen und exzentrischen Imagewechseln selbst bei den Zeugen Jehovas keine Antworten gefunden zu haben scheint. Prince Rogers Nelson bleibt ein Geheimnis, das zugleich nach Öffentlichkeit hungert, bleibt ein Kontrollfreak, der sich erfolgreich gegen seine Ausbeutung durch die Plattenindustrie gewehrt hat, aber seit dem Selbstvertrieb auch seltsam unwichtig wirkt, weil die Warner-Hype-Maschine ihn nicht mehr empordrückt.

«His old stuff was better» ist das schlimmste Urteil, mit dem man Künstlern kommen kann, und oft leider auch das wahrste. Es ist insofern vielleicht bezeichnend, dass Prince auf 20Ten – einem gratis als Zeitungs- und Zeitschriftenbeilage vertriebenen Album, das insofern fast eher Promotionmaterial zu sein scheint – bei der Suche nach seinem Sound wieder zurück an die Wurzeln gegangen ist und verdächtig nach «Prince/Dirty Mind/COntrovery/1999»-Zeiten klingt. Inwieweit das selbstironisch oder todernst gemeint ist, darf man sich bei Songtiteln wie «Everybody Loves Me» schon fragen. Klar ist jedenfalls, dass 20TEN eine seltsam fröhliche, für moderne Ohren seltsam einfach gestrickte Platte ist, die für Prince-Verhältnisse fast wohltuend unterproduziert ist. Es scheint fast, als habe auch Herr Nelson festgestellt, dass sein Material in den letzten, ähm, Dekaden, maßlos überproduziert und «bloated» war und sich nach seiner Jugend zurückgesehnt. Aber wie das so ist – you never can go back home again. 20TEN fehlt natürlich die saubeutelige, verschwitzte Funkyness der ersten Prince-Alben und gerade die grandiosen HIts von 1999, Princes erstem großen Durchbruch. Es ist toll, die alten Drumsounds wiederzuhören, die keiner so cool einzusetzen weiß wie Prince, und weiß Gott, 20TEN ist immer noch besser als vieles andere, was Prince in den letzten Dekaden verbrochen hat (mit der seltsamen Ausnahme von N.E.W.S, einem so seltsamen Ansatz, dass er irgendwie schon wieder toll war, weil er nach vorne ging). Es ist nicht allzuviel verkehrt daran, trockene Drums und funkige Gitarren zusammenzubringen, keine Frage. Aber dennoch ist es traurig, wenn jemand mit dem Talent von Prince, der sich eine Zeit lang von Album zu Album dramatisch neu zu erfinden wußte, so schmerzfrei in die eigenen Vergangenheit zurückreist und seinem jüngerem Alter Ego nicht mehr viel Neues zu sagen hat.

20TEN ist der Versuch, eine verlorene Unschuld zurückzugewinnen, aber die Zeiten haben sich geändert. Was in den 80s noch akzeptabel war, klingt heute wenig sportiv, und vor allem ist Prince nicht mehr der Sexy Lover, dem man die Anzüglichkeiten von Songs wie «Lady Cab Driver» sofort abnahm. 1999 war ein grandioses Album mit Höhen und Tiefen, Flügen und Abstürzen, aber es war wenig kalkuliert, es war eine (damals) seltsame neue Art von Funkmusik, die minimal und maximal zugleich war. 20TEN (und es ist sicher kein Zufall, dass Prince sich hier wieder auf eine Jahreszahl bezieht), ist anders als 1999 kein Blick in die Zukunft zu einer Art Futurefunk, sondern ein Blick in den Rückspiegel. Dass bei mit Tracks wie «Begging Endlessly» oder «Sticky Like Glue» durchaus gute Musik herauskommt wirkt umso trauriger angesichts des Eindrucks, hier eine Art verwässerte Fahrstuhl-Musik-Version des Originals in den Händen zu haben, einen retroaktiv entmannten Prince, der Funk ohne Eier und Soul ohne Seele produziert.

6. Dezember 2010 16:15 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Unkle: Where Did the Night Fall?

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Es ist natürlich etwas müßig, bei jeder der seltenen Unkle-Veröffentlichungen darauf hinzuweisen, dass hier die irrlichternde Energie von Psyence Fiction nicht wieder erreicht wurde – James Lavelles Projekt ist ohne DJ Shadow inzwischen einfach eine solide Sache geworden, mit relativ berechenbarem Sound, der groovy und tight und etwas triphoppy daherkommt, den Gang meist im mittleren Tempo, immer etwas cinemascopig. Gespickt mit Gastauftritten (allerdings etwas weniger prominent als sonst bei Unkle) schwingt das Album psychedelisch irgendwo an der Grenze von elektronischer und akustischer Musik und scheint sich einen Dreck um Trends zu kümmern – das fünfte Album klingt nicht selten wie Never Never Land von Anfang des Jahrzehnts, erreicht aber auch eine Qualität, wie man sie vielleicht eher bei ProgRockern wie Porcupine Tree erwarten würde, allerdings ohne den letzten Schliff Härte, mehr an Smoothness als an Kontrasten interessiert. Es ist ein sehr elegantes, mitunter vielleicht einen Hauch konturloses Ergebnis.

Wenn man so will, ist »Where Did The Night Fall» ein Designprodukt, konzeptionell zusammengestellt, mit einem handverlesenen Team von Freelancer-Söldnern zusammengesetzt, jede Note, jeder Effekt, jede Stimmung mit sorgfältiger Präzision umgesetzt. Und wie das bei Design so ist, manchmal wirkt das Ergebnis einen Hauch zu berechenbar, zu clean, zu «designed» eben. Es gibt bei Unkle keinen Raum für den Zufall, glücklich oder fatal, alles hat einen dezenten Hautgout von Reißbrett-Musik. Wenn da bei «Follow me down» etwas Björk-Feeling aufkommt, dann ist das eben keine spontane Sache, sondern genau so und nicht anders gewollt. Jeder Ton, jede Abschweifung klingt architektonisch konstruiert. Es ist aber die Stärke von Lavelle, diesem Perfektionismus nicht den Spaß an der Sache zum Opfer werden zu lassen – «Where Did The Night Fall» klingt für Unkle-Verhältnisse ungewöhnlich tight, fast live-tauglich, und upbeat, wenn auch «fröhlich» sicher noch weit entfernt wäre. Aber greifbar ist dennoch, dass der Studioprofi und Soundtüftler anscheinend Lust auf den Dreck, die Spontaneität einer Live-Besetzung hat, auf Momente, die nicht im Computer (de)konstruiert sind. Und dieser Hunger nach dem Unplanbaren tut dem Album gut, auch wenn man einem herausragenden Song – wie ihn fast jede bisherige Unkle-Veröffentlichung hatte – etwas vergeblich sucht. Experimentell, oft ausschweifend, aber bei aller Trippigkeit immer konzentriert und lässig-gekonnt. So zeigt das fünfte Album Unkle gereift, vom Studiohobby-Projekt zu einer Quasi-Band, mit einem Sound, der wie bei vielen «reifen» Bands dann eben auch ein wenig kantenloser ist, entspannter. Man merkt, dass Lavelle sich selbst nichts mehr beweisen muss – und auf dieser Basis kann man natürlich recht solide ein feines Stück Popmusik drechseln.

4. Dezember 2010 17:22 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

ChkChkChk: Uebel und Gefährlich Hamburg

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Es ist winterlich kalt in Hamburg und das Ambiente des Uebel & Gefährlich ist auch nicht gerade tropisch-warm, sondern wirkt eher einem dystopischen Gefängnisfilm entsprungen – und vielleicht ist das der Grund, warum die New Yorker bei diesem Gig seltsam verkühlt wirken, vielleicht liegt es auch an den teils tragisch bedingten Umbesetzungen der letzten beiden Jahre, die sicherlich eine Auswirkung auf den Sound von ChkChkChk haben dürften. So oder so, gemessen am Kölner Konzert von 2007 wirkt die Band verhalten, es ist fast symbolisch, dass Nic Offer Shirt und Hose anbehält, und auch ansonsten scheint er eher das Partyanimal zu spielen als es wirklich zu sein. Er flirtet ein bißchen mit einem bauchfreien Groupie in der ersten Reihe, der er einige Tanzschitte zeigt, er posiert wie der junge Jagger, er springt über die Bühne, er macht die Publikums-Anheizer-Sprüche, aber es wirkt etwas routiniert, unecht. Was vielleicht verständlich ist, wenn man sich den Tourplan der Band ansieht, die nahezu pausenlos auf wirschem Kurs durch Europa tourt – wer bei dem Programm und mit so wenigen Offdays noch aufrichtig spontan auf der Bühne ist und nicht bloß «funktioniert» muss übermenschliche Energiereserven haben. Entsprechend fehlt es an den ekstatischen Momenten, denen die Energie aus allen Poren strahlt – diese explosiven Steigerungen, in denen die Band ursprünglich mit unfassbarer Geduld das letzte Prozent Kraft aus ihren ProgressiveFunk-Nummern melkt.

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Aber auch mit 75% haben die !!! genug Power, um die frierenden Hamburger auf die Tanzbeine zu bringen und den dreiviertelvollen Raum ins Schwitzen zu bringen. Wer es nicht besser kennt, dürfte trotzdem mehr als zufrieden den Saal verlassen – die einzig wirklich maue Nummer war die letzte Zugabe, die schon eine gewisse Kehraus-Qualität hatte, ansonsten ist jeder Track Uptempo, trocken und minimalistisch nach vorn geprügelt, belebt von den psychedelischen Gitarren von Mario Andreoni, die zu den bemerkenswertesten Features dieses Konzertes gehörten. Andreoni schraubt sich mit Delay und Effekten zu einer phänomenalen Funk-Schrammelei hoch, die mal an New Order, mal an Niles Rogers erinnert und in den besten Momenten den Sound mühelos dominiert.
Es mag daran liegen, dass vor dem Konzert eigentlich nahtlos die Talking Heads liefen – aber tatsächlich fällt bei dem Konzert auf, wie sehr sich !!! Elemente des Sounds von David Byrne & Co aufgreifen und sich zu eigen machen. Wo die Talking Heads aber unterküht und intellektuell daherkommen, abstrakt und nicht selten kopflastig, fusionieren !!! das zackige Bassgerüst der Heads, die schwirrenden Gitarren und den fast körperlosen Gesang zu einer Art Indie-Funk, der mitunter wenig Bandbreite bietet, selbstähnlich bleibt, aber deutlich mehr für die Tanzfläche geeignet ist. Daran, dass draußen der Schnee rieselt, denkt in diesen zwei Stunden jedenfalls keiner, auch wenn der Schweiß nicht so von der Decke tropft wie man es von Chks bisher kannte.

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2. Dezember 2010 11:39 Uhr. Kategorie Live. Tag , . Keine Antwort.

Melissa auf der Maur: Köln Kulturkirche Live

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Es gibt so etwas wie zu cleanen Rock. Zu professionell, zu gekonnt, zu geschliffen, zu cerebral und zuwenig gelebt. Und es gibt Rock, der trotz aller Fehler und Shortcomings aufrecht steht, mit diesem Schmuddelkind-Grinsen, der nicht funktionieren sollte und doch bestens geht. Es ist selten, an einem Abend beide Spielarten so Rücken an Rücken zu erleben, aber das Konzert von Melissa auf der Maur und Heroes&Zeroes in der Kölner Kulturkirche verläuft genau entlang der Demarkationslinie zwischen Zombierock und gelebter Musik. Es ist weniger ein Konzert als vielmehr eine Studie zweier verschiedener Arten, Musik live zu produzieren.

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Denn die in ihrer Heimat erfolgreiche Vorband Heroes&Zeroes, die in der Kulturkirche vor halbvollem Haus spielte, wußte sich die hallige Akustik der Kirche zunutze zu machen und brillierte mit einer unfassbaren Klangfront, die man den drei Männern kaum zutrauen würde, selbst wenn jeder der Musiker zusätzlich zu Gitarre, Bass oder Schlagzeug einen alten Synth vor sich aufgebaut hatte. Mit dem Albumsound kaum kongruent, produzierten die Osloer einen gewaltigen, göttlichen Krach irgendwo zwischen Indie und Rock und Metal, einen dichtgewebten Noiseteppich, in dem du oft genug nicht sagen kannst, wo der Bass anfängt und die Gitarre aufhört, wo Hans Jørgen Undelstvedt seine Stimme elektronisch mit einer Art Kaos-Pad durch Filter und Delays jagt oder wo andere Effekte den Sound dominieren. Das Ergebnis ist eine Musik irgendwo zwischen The Cure und Red Sparrowes, die die Band mit großer Freude – vorweg Lars Løberg Tofte am Bass und Drummer Arne Kjelsrud Mathisen – in den Raum pumpt und dabei spürbar selbst einen Heidenspaß hat. Kein Wunder also, dass ich mir nach dem Gig noch eine CD (Dead Media, yay!) der Band kaufte. Unprätentiös, direkt, erdig, laut und wunderbar noisy – natürlich kann keine CD diese Qualitäten einfangen, das Album ist viel leichter und konsumierbarer, aber dennoch: Was für ein Konzert, was für eine Energie und Leidenschaft. Großartig.

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Und was für ein Gegensatz zum Hauptact des Abends, der Ex-Hole/Ex-Smashing-Pumpkins-Bassistin Melissa auf der Maur. Deren allzugewollte Überinszenierung beginnt bereits mit einem Film, der vor dem eigentlichen Konzert läuft, dramatische Musik vom Band, die abrupt abbricht und einen seltsamen Gegensatz abgibt zu den vier Gestalten, die auf die Bühne kommen, auf der Maur mit einem Glas Rotwein in der Hand. Die Jungs in der Band tragen schwarze Einheitskluft, mit einem M markeirt, Corporate Clothing, vielleicht eine ironische Brechung der Tatsache, dass hier scheinbar drei angemietete Musiker der Chefin zuarbeiten, vielleicht auch nur der Versuch, das (in der Tat ausgezeichnete) Branding von MadM, das ohnehin die Bühne dominiert, weiter durchzuziehen. Der Effekt ist nur leider, dass Auf der Maur tatsächlich ein wenig wie ein kalkuliertes Produkt wirkt, eine Art multimediale Gesamtinszenierung, die einfach einen Hauch zu gewollt, zu durchdacht, zu gekünstelt ist. Dieser Eindruck zieht sich durch – die Band spielt einen Hauch zu sauber, zu Mucker-mäßig, zu glatt, in einem etwas an AC/DC-Bluesrock auf Stereoiden erinnernden Sound, und der etwas unkontrollierbare Sound der Umgebung tut diesem allzu cleanen Rock nicht gut. Außer dem Drummer wirken die Musiker ein wenig gelangweilt, vielleicht verständlich, wenn man nicht nur eine Tour durch zig Länder in Europa auf dem Buckel hat, sondern dazu noch in einer nicht ausverkauften durchaus recht kleinen Location spielt. Auf der Maur selbst scheint es nicht anders zu gehen, es gibt Momente, wo sie sich spürbar sammeln muss, um etwas Show zu machen, in sich geht, um irgendwoher die affektierten Showgesten und die einstudierten Rockposen hervorzuzaubern, mit denen sie sich durch den Abend rettet. Am deutlichsten wird dies bei ihren «Duett» mit Glen Danzig, das als Halbplayback läuft. Das Publikum reagiert trotz an sich guter Stimmung plötzlich ein wenig irritiert, als die Band unvermittelt die Bühne verlässt, MadM eine längere, leicht konfuse (der Rotwein wirkt) Ansprache hält und dann von Band (bzw aus dem Rechner) der komplette Song läuft, mit diesem etwas schlechterem Sound, den Aufnahmen über eine Live-PA oft haben, während Auf der Maur dazu singt und mit den Armen in der Luft gestikuliert, als sei sie auf einem Videoset oder im Zwischenfall der 80er Jahre und würde durch den Nebel wabern. Es ist also alles ein wenig zu viel, zu gewollt, zu aufgesetzt, zu sehr L.A. Es treffen hier fast zwei Modelle von Musik aufeinander. Da ist einerseits das Modell von Rockmusik als Inszenierung für das Publikum, von erlernten Posen und musikvideo-kompatiblen Gesten, eine Musik nicht für sich selbst, sondern für das Publikum, für den Erfolg, Musik, die geliebt und konsumiert werden will und dafür alles tut, was getan werden muss. Es ist Brand-Rock, mit Logos, Hyperstlisierung, mit Fransen am Bühnenoutfit, die jede Geste überbetonen, mit der gewollten Coolness, die so uncool wirkt. Auf der anderen Seite das Trio aus Oslo, das durch das Publikum mitunter fast gestört wirkt – der Sänger singt mit geschlossenen Augen, die Blickkontakte finden mehr in der Band als zwischen Band und Zuschauern statt, der Sänger wendet sich, wenn er an seinem Effektgerätepark steht, sogar fast mit dem Rücken zum Publikum, die Drums stehen am Bühnenrand, den anderen Bandmitgliedern zugewandt. Es gibt wenig Ansagen, es gibt keine großen Gesten, es ist jederzeit klar, dass es um die Musik geht, nicht um die Verpackung von Musik, um die eigene Erfahrung des Musik-Machens, nicht um das Abliefern eines fertigen vorgeplanten Produktes, das man als eine Art Jukebox Abend um Abend abzuliefern hat und zu dessen Produktion man sich eine Handvoll Leiharbeiter hinzuzieht.

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Es ist fast charmant, wenn an einem einzigen Abend zwei so grundlegende Modelle von Musikperformance aufeinanderprallen mit so unterschiedlichen Ergebnissen und du als Zuschauer begreifst, das diese Modelle nicht nur für dich selbst als Rezipient eine Rolle spielen, sondern vielleicht auch für die Performer auf der Bühne. Denn die Frage. ob es für Heroes&Zeroes ein guter Abend war, hängt für diese Art von Band vielleicht gar nicht so sehr davon ab, wie voll es war oder wieviel T-Shirts man nach dem Gig verkauft hat, sondern vom eigenen Spiel, von der Frage ob der Bass im dritten Lied gut war oder davon, wie gut das Solo am Ende abging. Für MadM ist das Publikum die einzige wirkliche Größe geworden – ein guter Gig hat nichts mit der eigenen Musik zu tun, sondern mit der Venue-Größe, der Reaktion der Gäste, dem Marketing-Impact des Ganzen. Wer sich ernsthaft auf eine Live-Bühne stellt und zu einem Halbplayback singt, bei dem ist klar, dass es eben nicht mehr um das eigene Machen von Musik live genau in dem authentischen Moment geht, sondern nur um die möglichst saubere serienartige Reproduktion eines vor Monaten im Studio entstandenen Werkes. Die Qualitätsfrage entscheidet sich bestenfalls an der Auflösung von Spontaneität, also daran, wie präzise man dem Studio-Vorbild nahegekommen ist, wie wenig man Modifikationen, Erweiterungen, Änderungen in der gemeinsamen Bühnenimprovisation erarbeitet hat. Heroes hingegen haben ihr Studiomaterial bis an die Grenze der Unkenntlichkeit entstellt, auf den Raum reagiert, aufeinander, und haben eine noisige, aber schwingungsvolle Improvisation der eigenen Musik, einen fast jazzig-lässigen Umgang mit dem eigenen Material, bewiesen. Auch wenn ich natürlich auch eher wegen MadM anwesend war, deren aktuelles Album ja tatsächlich auch großartig ist, ist die Vorband insofern in jeder Hinsicht der Gewinner des Abends, sind von der Bühne in meinen Plattenfundus gewandert, während ich ein Auf der Maur-Konzert wahrscheinlich nicht wieder besuchen würde, einfach, weil mit bloßen Händen greifbar ist, wie sehr sie das, was sie da auf der Bühne machen muss, selbst anödet. Wieso sollte es mich dann mehr interessieren?

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29. November 2010 20:34 Uhr. Kategorie Live. Tag , . Keine Antwort.

Robyn: Body Talk I & II

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Robin Carlsson ist international erst seit etwa fünf Jahren richtig bekannt, in ihrer Heimat kann sie aber auf runde fünfzehn Jahre Pop-Erfahrung zurückblicken, nicht schlecht für jemand, der gerade 30 ist. Es ist also nicht unbedingt so vermessen, in diesem Jahr insgesamt drei (kleinere) Alben herausbringen zu wollen, wie es auf den ersten Blick wirkt. Es scheint eine zeitgemäßere Art, irgendeine Form zwischen Single/EP und Longplayer zu finden und eine Art Vorstufe zum kontinuierlichen Output jenseits von «Alben» online anzukündigen, bei der Künstler sich aus der klassischen Vermarktungsstrategie der Labels befreien und so publizieren, wie es zu ihrem persönlichen Workflow passt. Soweit so gut, nur wissen wir spätestens seit Prince, dass der befreite Künstler nicht unbedingt bessere Ergebnisse bringt als der von den Labels so arg geknechtete – es ist ja keineswegs so, dass Herr Nelson heute bestechendere Musik macht als zu Warner-Zeiten.

Robyn etabliert sich mit den ersten beiden Teilen der Body-Talk-Trilogie als eine Art Euro-Version von Rhianna, Lady Gaga und seltsamerweise Missy Elliot – irgendwie kühler als die oversexed androids aus Übersee, blonder und trotzdem nahbarer, naiver und zugleich weniger Dummchen. Von den potentiellen Madonna-Epigonen wirkt sie zwar auch durchkalkuliert und substituierbar, aber irgendwie etwas kratzbürstiger und schräger – was vielleicht daran liegt, dass sie ihr ganz eigenes Gewächs ist und ihren eigenen Weg zur Karriere sucht. Der führt anscheinend einseits durch die Indie-Disco, in die es sie einst mit «Cobrastyle» verschlagen hat, andererseits aber durch gnadenlos süßliches radiokompatibles Popgedöhns, einen so furchtbar ironiefreien Mainstream, das man unwillkürlich mehrfach die Platte hört, um nachzuprüfen, ob grandios selbstzerfressende Songs wie «Don’t f***ing tell me what to do» und 80er-Schmonzetten à la «Dancing on my own» oder «Cry when you get older» wirklich auf der gleichen Platte sind. Ich muss zugeben, mich kickt Robyn mehr, wenn sie nicht versucht, zu singen – sondern ihren kruden, ungekonnten Rap abliefert, der zwar nicht ganz den ruppigen Looser-Charme von Uffie entfaltet, aber dennoch so wunderbar liebenswert unbeholfen reinkommt, dass man sofort höflich die Türaufhalten will. Die eher gesungenen Nummern wirken unfassbar kalkuliert – Bubblegumpop-Fahrstuhl-Synthiepopsongs, die windkanalgeföhnt aus den Boxen kommen und so synthetisch klingen, als habe George Orwell sie für die Wäschersfrauen genau so geplant. Und diese Musik zum Werbeclip ist anders als auf dem ersten Album in der Überzahl, vor allem beim pt.1 der Trilogie. Der erste Teil hinterlässt einen unfassbar seichten, ungreifbaren Nachgeschmack, ist eine öde Fata Morgana in einer nicht weniger spannenden Wüste.

pt. 2 wartet mit den etwas spannenderen Songs auf – «Include Me Out», «Criminal Intent» und «We dance to the Beat» und auch die Kooperationen «U should know better» und das glatte Dancefloor-Baby «Bad Gal» sorgen wenigstens für etwas Abwechslung und Bandbreite, sind nicht so gnadenlos für Airplay geschmiergelt und passen besser zu dem «tough fembot»-Image, dass Robyn sich verpasst hat. Der zweite Teil wirkt erwachsener, etwas wuchtiger, immer noch leichtgewichtig, aber weniger ultrascheinheilignaiv. Lediglich «In My Eyes» sollten Diabetiker weiträumig umfahren – mehr Saccharin kann man kaum in einen Song packen.

Die Balance zwischen dem wide-eyed-everybody’s-darling-Popqueen-Ding und dem etwas bitchigeren Ansatz macht den Reiz von Robyn aus, das Flirren zwischen Hausmütterchen-Retortenpop und Electroindie. Während «Body Talk pt. 2» zwar auch nicht die Qualität von «Robyn» erreicht, ist «pt. 1» wirklich beängstigend. Der erste Teil ist nicht mal nur kommerziell oder glatt, im Sinne von eben Rhianna oder Katy Perry und Konsorten, er ist dabei auch noch schlecht gemacht, öde und oberflächlich produziert. Es ist fast traurig, zu erleben, wie eine Künstlerin, die sich eigentlich so freigeschwommen haben müsste, so zurück in den Schaum sinkt und darin unterzugehen droht. Bleibt zu hoffen, dass Robyn mit dem dritten Teil der Trilogie die Nacht wiederentdeckt und wieder böse sein mag. Denn seien wir ehrlich, diese konturenlose, die schlimmsten Klischees der späten 80er und frühen 90er aufkochende Muzak, die ja bestenfalls vermeintlich die Ironie und flirrende Selbstreferentialität der Pet Shop Boys oder New Orders hinbekommt, ohne je deren Innovationskraft zu besitzen, muss doch mal langsam auch wieder verschwinden dürfen … oder zu etwas besserem führen.

15. November 2010 20:03 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

We Have Band: WHB

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Der ruhige Anfang des Debutalbums des Londoner Pop-Trios mit dem seltsamen Namen ist sicher als Irreführung zu verstehen, idenn schon mit dem zweiten Track «Buffet» geht die Sonne auf, schält sich aus hypnotischen Bassnoten ein langsamer, aber ekstatischer Sound heraus, der klingt, als habe Mogwai die Elektronik für sich entdeckt. Song 3, «Divisive», schließlich führt uns zu dem vertrauten We Hsve Band-Sound, erinnert an ihre fulminante Fassung von West End Girls und bringt uns den irgendwie monotonen, irgendwie lebendigen Discopopindie, für den WHB bekannt sind, eine seltsame Mischung aus Talking Heads, Hot Chip, frühen Depeche Mode und TV on the Radio. Die NuWave-Songs von dem Ehepaar Thomas und Dede WP und Darren Bancroft sind strukturell meist einfach gestrickt, meist ist nach dreißig Sekunden überraschungsfrei klar, in welche Richtung die Reise geht, und die Reise geht meist stramm geradeaus. Unter dem androgynen Gesang perlen wunderbare Sequencer und nervöse Drumbeats, dezente Samples und ein bisschen Gitarre und Bass, um den Sound zu erden. Man merkt der Produktion schnell an, dass sie mit Gareth Jones einen der ganz großen Reglerdreher an Bord hat, der den Londonern einen knochentrockenen, unverspielten, kristallklaren Sound verordnet, der unter der Oberfläche exzellent mit perkussiven Grooves arbeitet. Natürlich produzieren WHB diese Sorte smarte selbstreflektierte 80s-Elektro-NuShoegaze-Hipster-Disco, natürlich wird eben gerade bei den ernster gemeinten Tracks klar, dass die Bands nicht ganz den Tiefgang fürs «Ernste» hat – aber ein Track wie «Honeytrap» macht deswegen keine Sekunde weniger Spaß und ist nicht weniger zum Tanzen oder Joggen geeignet und gehört mit seinen einpeitschenden fast mechanischen Vocals am Ende definitiv zu den Highlights des Albums, smooth und dennoch die richtige Dosis Kratzigkeit. In den besten Momenten kommen We Have Band ihren Vorbildern nahe, kriegen diese Prise androgynen Sex-Appeal mit Indieflair zusammen, erinnern an die Anfänge der Pet Shop Boys, an mittelfrühe New Order, dieser Mix aus roher «Fuck-let’s-do-it»-Haltung und ungeschliffenem Talent, das aus schiefen Tönen und monotonen Beats etwas eigenes zimmern kann. In ihren schlechtesten Momenten treiben die Songs allerdings etwas ziellos vor sich hin, sobald die Band vom Gaspedal geht. WHB bringen die richtige Musik für die Party, keine Frage, aber ob unter der All-Nighter-Fassade noch mehr Substanz lauert, ob die Band mehr kann als einer festen Formel folgen, wird wohl eher das nächste Album zeigen.

22. Oktober 2010 10:52 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

Sophie Hunger: 1983

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Émilie Jeanne-Sophie Welti Hunger bringt ihre dritte CD auf den Markt – feinst von Stéphane Briat produziert -, und die Schweizer SInger-Songwriter-Kultur zeigt damit erneut der deutschen Szene, wie es gemacht wird. International und zugleich sehr lokal klingt das Album, große Geste und große Intimität nahtlos beieinander, Kunst und Kommerz fast bruchlos in einer WG Tür an Tür einquartiert. In Schweizer Grenzenlosigkeit zwischen Deutsch, Englisch, Französisch und Schwyzerdütsch wechselnd und ebenso flink die Genres anprobierend, flirrt «1983» zwischen trockenem Almost-Triphop, makellosem Pop, Jazz, und intensiven Kammermusik-Songs, die sie mit ihrer nie ganz sicher, immer gegen die eigenen Grenzen ankämpfenden Stimme und minimaler Instrumentierung stemmt. 1983 wirkt weniger introvertiert als «Monday’s Ghost», weniger abgeklärt, sogar wütend – und ist trotzdem in der Schweiz auf Platz Eins der Charts geschossen. Da darf man gern neidisch werden, wenn Erfolg und Qualität so nahtlos zusammengehen und man schlucken muss, dass es niemand von diesem Format in Deutschland gäbe, der sich in den Umsatzzahlen so durchsetzen könnte, und dabei doch so sperrig, trotzköpfig bleibt. Denn 1983 mag beim ersten Hören ein wenig zu glatt, zu jazzy produziert erscheinen, und es ist vielleicht auch so, dass Hunger ein bisschen mehr Dreck gebrauchen könnte, die Platte entpuppt sich aber mit jedem weiteren Hören als Treibsand, in dem du als Zuhörer ganz makellos-international versinken darfst. «1983» ist schlicht, ist perfektionistisch, ist angenehm, aber nicht pflegeleicht, ist samtig, aber nicht samtpfotig. Mitunter wird man das Gefühl nicht los, dass Hunger ihre Sache und sich etwas zu ernst nimmt, zu unbedingt «Kunst» produzieren will, zu sehr an ihrer Botschaft hängt und dann ist da wieder dieser Moment, wo man das auch ganz okay finden kann, solange nicht jeder Musiker so drauf kommt. Wobei aber auch nicht jeder Musiker 15 Tracks in 45 Minuten quetschen kann, nicht jede Sängerin hierzulande (außer vielleicht Katherina Franck) so entschlossen musikalisches Mimikri betreibt. Am Ende bleibt eine Platte, die Spaß macht, zwischen den Stühlen kommt, vielleicht nicht immer ankommt, aber auf jeden Fall ordentlich herumreist und losgeht, die Mut hat und die vor allem berauschend gut klingt, die du dir immer und immer wieder anhören wirst, weil sie gerade nicht eingängig genug ist, um mit der Zeit wachsen zu können.

18. Oktober 2010 18:20 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 2 Antworten.

Caribou: Swim

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Es liegt vielleicht am kreisrunden Album-Artwork, dass mich «Swim» so sehr an Hot Chip erinnert. Vielleicht liegt es auch an Dan Snaiths nasal-nonchalantem Gesang, den der Kanadier so relaxt über seine kleinen hypnotischen, schichtweise anwachsenden Popsongs legt. Und tatsächlich ist «Swim» leider das Hot-Chip-Album, das ich mir in diesem Jahr gewünscht hätte, womit ich wahrscheinlich Hot Chip ebenso wie Snaith Unrecht tue, aber sei’s drum. Wo «One Life Stand» eher ein Rückschritt für Alexis Taylor und Co war, ist Caribou ein grandioses Post-Pop-Pop-Album gelungen, das tänzerisch über die Genregrenzen elektronischer Musik springt, Electronica-Nerdsounds in absolut tanzbare Nummern einbaut, diese Tracks erbarmungslos zusammenbrechen lässt, großartig simple Sequencerlines und wunderbare Melodien anschleppt und dabei – anders als Hot Chip – scheinbar nie wirklich ins reine Zitat abrutscht, sondern immer eine ganz eigene Stimme behält. Snaith erreicht dabei diese seltsame unnahbare Qualität von wunderbar zeitgemäßer, glatter Produktion und schiefen Tönen, eingestreuten Samples, seltsamen Störfeuern, zu großen Hallräumen usw…, die sein Album davor bewahren, den Zuhörer zu langweilen. So legt Snaith hier – mehr noch als bei «Andorra« – ein atemberaubendes Album hin, das Synthiepop-Konzepte emphatisch umarmt und zugleich hinterrücks ersticht. Die Aufnahmen sind einerseits recht «slick», teilweise fast an der Grenze zur echten Glattheit, andererseits haben fast alle zugleich ein surrealistisches, kippeliges Element, eine Verlorenheit oder Einsamkeit. Auch wenn mal einzelne Songs wie «Leave House» sehr klar auf die Tanzfläche schielen, ist Caribou hier eine sehr bemerkenswerte Balance gelungen, die Hot Chip einmal für sich gebucht und irgendwie inzwischen verloren haben. Wie Swaith auf «Jamilia» die Balance zwischen großem Gefühl und großer Leere hält, ist einzigartig.

Seltsamerweise entpuppt sich «Swim» so als eine Art Soundtrack oder Konzeptalbum, das trotz der einzelnen kurzen Tracks, die für sich genommen auch allein bestehen, doch klangliche Brücken, Sounds, Melodien, Sequencer-Motive zwischen den Stücken austauscht und als Ganzes deutlich mehr beeindruckt als in den Einzelteilen. Caribou gelingt eine Art Krautpop, komplex, verpeilt, gefühlig, detuned-melancholisch, funkyjazzygroovy, irgendwo zwischen Memphis, London und Berlin zuhause und doch unverortbar, eine neue Weltmusik, komplett aus der Retorte. Dabei mesmerisiert die Platte genauso wie der zu lange Blick auf das Covermotiv, begeistert mit völlig unerwarteten Synthklängen, stampft und pumpt mit Beats wie aus einer nächtlichen Fabrikhalle, und erzeugt auf ganz eigene Art eine musikalische Poesie, die man nur noch selten findet im Grenzbereich des Pop.

13. Oktober 2010 17:32 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

New Young Pony Club: The Optimist

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Und hier ist wieder eins von diesen «zweiten» Alben. Die so furchtbar in die Hose gehen können. Oder die zeigen können, wie der Schmetterling aus dem Kokon schlüpft und aus der Vielzahl von Ansätzen des Debuts etwas mit schärferen Konturen wird. Im Fall des Londoner Duos/Quartetts New Young Pony Club, deren Debut «Fantastic Playground» nun wirklich ein greller Wirbelwind verschiedenster Einflüsse und Ideen war, durfte man mehr als gespannt sein, was es wird – Flop oder Pop. Es ist Pop geworden, grandioser, perfekter Pop voller Anspielungen undZitate wie der Erstling, aber ungleich fokussierter, ernster, größer.

Die Einflüsse aus den Achtzigern sind natürlich unüberhörbar, fast permanent erinnert hier eine Basslinie an New Order/Joy Division, kommen wirre Drums und ein leicht gegen den Beat versetzter 4/4-Bass so wunderbar zusammen wie bei den frühen Trisomie 21, hallt eine vernichtende Bassdrum wie zu Cures «Pornography»-Zeiten, erinnern Snare Sounds an «Faith», sind Keyboard-Sounds so dünn und cheesy wie bei alten Roland und Yamaha-Synths. Das bemerkenswerteste Instrument, alles in allem, ist der von Andy Spence selbst eingespielte Bass – der immer wieder an Peter Hook erinnert oder an Simon Gallup und der teilweise doppelt und dreifach überlagert in den Songs auftaucht. Der Bass bringt die Stücke zum Grooven, bringt Seele und Funk in die ansonsten etwas sterile Komposition, belebt die Arrangements spürbar.

Und so werden die ersten drei Songs des Albums, «Lost a Girl», «Chaos» und vor allem «The Optimist» zu absoluten Hits – vor allem der Titelsong des Albums ist von wunderbaren Störungen und Details durchzogen, eine perfekte Popnummer, die sich zugleich selbst dekonstruiert und dabei streckenweise wirklich wunderbar an die frühe Naivität der ersten T21-Einspielungen erinnert, eine New-Wave-Naivität und Einfachkeit, die es schafft, über die reine Kopie hinauszugehen und etwas von der Unschuld dieser Mixtur aus Punk und früher elektronischer Musik zurückzugewinnen. Auch «Stone» gelingt, auf ganz andere Art, eine Aufschichtung von Störmomenten, von Loops und flirrenden Synthsequenzen, die einen zarten Hauch von Dub in den Track injizieren.

Das Album ist nicht durchgehend brillant – einige Nummern sind einfach etwas zu simpel und zu dreckig rausgehauen und es fehlt ihnen etwas an Doppelbödigkeit -, aber es macht auf jeden Fall durchgehend Spaß. «Dolls» hat sicher nicht die Kraft der ersten Nummern des Albums, wirkt skizzenhafter, aber geht natürlich trotzdem massiv nach vorn. Obwohl es auch durchaus liebeskranke Songs gibt («Before The Light») und Tabitha Bulmers Stimme immer etwas off klingt, immer etwas schief und allein an der Bar steht, während schon das Licht angeht, ist «The Optimist» passend zum Titel ein kontrastreiches, bemerkenswertes fröhliches Album geworden. Die Mannschaft um Bulmer probiert sich zwar nicht mehr so irrwitzig alle Richtunge aus wie auf «Playground», gelangt dafür aber umso entschiedener zu einem makellosen (aber nicht langweiligen) Popkonzept, in dem Disco, 80s, UK-Charts und Indie sich fröhlich an den Händen haltend um die letzten Stühle auf der überfüllten Geburtstagsparty streiten. Den Ponys gelingt so die Quadratur des Kreises, ein zweites Album das die Essenz des Debuts vertieft und behält – und zugleich in eine völlig andere Richtung geht. Wenn doch nur jeder neuen Fave-Band aus Großbritannien dieser Sprung so souverän gelänge.

11. Oktober 2010 08:04 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Bobo in White Wooden Houses: Transparent

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Was für ein Comeback! Und das obwohl sie natürlich nie weg war: Christiane Hebold hat sich sich nach der Auflösung der regulären Besetzung von «Bobo in White Wooden Houses» ausprobiert wie kaum eine andere deutsche Sängerin. Elektronisch, mit Orchester, reduzierte Singer-Songwriter-Nummern, Volkslied, zudem als Gastvokalistin für fast jede vorstellbare Richtung von Rammstein bis Ulrike Haage… man kann Bobolina nicht nachsagen, dass sie das Experiment fürchtet. Und im Grunde ist auch «Transparent» keine Reunion – nur Lexa Schäfer ist wieder fest dabei, Andrew McGuiness spielt nur bei einem Track -, aber durchaus eine Rückkehr zu den bandorientierten, im weitesten Sinne rockigen Klängen der Alben von 1992/93. «Transparent» kann dabei nicht die phantastische Naivität und Energie des Deburalbums einfangen (das konnte bereits die zweite Platte nicht mehr), und ist hier und da etwas für ein angeblich live in einem alten Kino eingespieltes Album etwas überproduziert, hat aber ein phantastisches Ass im Ärmel: Jan Stolterfoht alias Jan Pelao alias Mars Williams, der nicht nur als Studiogitarrist für diverseste Projekte von Miss Platnum, Milla Jovovich und Boundzound bis Yvonne Catterfield gearbeitet hat, sondern auch als Produzent tätig ist und der seine Vorliebe für psychedelische Vintage-Sounds auf «Transparent» sehr weiträumig ausleben darf. In vieler Hinsicht, je öfter man das Album hört, ist «Transparent» Stolterfohts Album, als Composer, Produzent und als fast allgegenwärtige musikalische Präsenz – so sehr, dass man nach einer Weile die Sequenzen fast mehr mag, in denen der eigentliche Star der Show Bobo nicht singt und Jan seine ausgedehnten, wunderbar unzeitgemäßen Soli raushaut, ebenso wie die filigrane Arbeit, mit denen er den Gesang untermalt, ummantelt, einschmiegt. Das Ergebnis ist ein psychedelischer Retropop, der stark an die 90er erinnert, an frühe Selig, an Nationalgalerie, an Grunge natürlich, aber auch weiter zurückreicht in die sechziger Jahre, mit kristallklaren Sounds, wunderbaren Raumklängen, schwirrenden, pfeifenden, klirrenden und dröhnenden Gitarren, die ein grandioses und wichtiges Gegengewicht zu Hebolds feenhaften, oft körperlosen Gesang schaffen. Wo Elektronik, Orchester und ruhige Zupfgitarre immer einen Tick zu clean war (so schön Glow und Cosmic Ceiling auch waren), immer die gläserne Qualität von Bobos Stimme einen Hauch zu sehr unterstrich, ist der Dreck, den Stolterfoht mitbringt, genau das Gegengewicht, dass nötig, ist, damit es «klick» macht und sich die Balance zweier grundsätzlich verschiedener Richtungen perfekt einpendelt. War Mental Radio ein vielleicht zu introvertiertes Album, zu eindeutig an Hebolds Gesang ausgerichtet, weiche Sounds um weiche Stimme, so klingt mit der neuen Besetzung der Mix einfach stimmiger, die Musik kann zwar auch mal runterfahren und zerbrechliche Stimmungen produzieren («So called pride»), drückt aber ansonsten meist aufs Gaspedal. Schon der erste Track «Run» gibt die Grundstimmung vor – schnell, flirrend, der Gesang durch diverse Effekte verfremdet, blubbernd, unterwasserig, durch den Stereoraum flirrend, gekoppelt mit druckvollen Drums und einem singenden Bass, der all dem eine Art Rückgrat verleiht. «Run» und auch «Courage» sind wie gemacht für Auskopplungen, nach vorn gehend, tanzbar, selbst wenn Courage etwas unter dem monotonen Drumbeat leidet, der den schönen Harmoniefolgen und phantastischen Gitarrensounds nicht gerecht wird, aber schon der Sechsminüter «Keep Movin’ on» definiert dann den Sound, der sich im weiteren Verlauf als der tatsächliche neue Klang von Bobo herauskristallisiert: Durchaus ruhiger, aber kraftvoll, viel Delay, viel Aufbau, Gitarre und Gesang als fast gleichberechtigte Partner, die mitunter die Drumsounds etwas zu weit in den Hintergrund spielen. Nachdem die Pflichtsingle abgefrühstückt ist, so scheint es, entfaltet das Album eine eigene Kraft, hat Raum für Experimente wie das 42-Sekunden-Exzerpt «Trance Song». Zwar bleiben Bobo in White Wooden Houses fast immer im Rahmen von radiokompatiblen drei bis vier Minuten, liefern hier aber vom perfekten glasklaren Pop über härtere Nummern bis zu experimentellen Ansätzen («Exhale») eine musikalische Bandbreite, der man anhört, dass die Zusammenarbeit an dem Album wahrscheinlich ordentlich Spaß gemacht hat.Tatsächlich ist Transparent so rund, dass man sich und Hebold wünschen würde, eine Weile bei dieser Besetzung zu bleiben, um zu sehen, was sich daraus entwickelt, ob man über Radiopop hinauskommt und den vorhandenen Mut zum Experiment, zu Unterwasser-Sounds, zu weniger Präsenz der Vocals, mehr ausbauen kann, mehr nach Band klingt als nach Projekt. Bei Hebolds Hang zum Experiment und Stolterfohts Arbeit in diversesten Projekten mag das nicht ganz wahrscheinlich sein, aber die musikalische Chemie zwischen den beiden stimmt und Hebold tut der weniger ernste, weniger verkopfte Ansatz scheinbar gut – der Gesang klingt leichtfüßig, die Texte wirken müheloser und es entsteht eine seltsame Überlagerung zwischen der jüngeren, naiveren Bobo von vor 20 Jahren, die die weißen Holzhäuser brennen sah, und einer gereiften Komponistin und Sängerin, die ihr Leben und ihre Erfahrungen in diese Unschuld einbringen kann, ihr den nötigen Bruch, den leichten Blues gibt. Da ist in der Musik noch eine Ahnung davon, was es für einen Musiker bedeutet, nach all den Zickzackreisen zurückzukehren an den Anfang, der Hauch der Angst vor kreativem Versagen, einer Rundreise zurück zum Ausgangspunkt, und da ist eben auch zu spüren, wie diese Angst sich in der Produktion aufzulösen scheint und zu Energie umwandelt. So gelingt «Transparent» die Balance zwischen kommerziellem, durchaus hochgradig radiotauglichem Pop und eben doch einem persönlichen Statement auf Hebolds eigener musikalischer Reise – die neue Besetzung streckt sich in alle Richtungen und hat dennoch einen hochgradig erkennbaren, kohärenten Sound, der zwar nie das Rad neu erfindet, aber sehr sehr soliden und gut hörbaren Mix aus Rock, Pop und Folk auf einem reich verzierten Psychedeliateppich abgibt, der mit unter einer Stunde Spielzeit perfekt so abgepasst ist, dass das Album niemals langweilt.

4. Oktober 2010 12:16 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Melissa auf der Maur: Out of our Minds

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Sechs Jahre nach ihrem beeindruckenden Debüt bringt die Ex-Hole und Ex-Smashing-Pumpkins Bassfrau ein neues Album auf den Markt, das mit gleich vier hochkarätigen Produzenten, multimedialem Film- und Comic-Schnickschnack und namhaften Gästen förmlich in klassischer Westküsten-Manier larger than life hätte ausfallen können oder vielleicht sogar müssen. Seltsamerweise, vergisst man die Superlative, merkt man dem Album selbst nichts davon an, ganz im Gegenteil – die Platte wirkt wie eine der besten straighten Rockplatten der letzten Monate. Auf der Maur knüpft scheinbar mühelos an die Energie ihres Erstlings an, greift sogar fast 1:1 den Riff von «Lightning is my Girl» auf und entwickelt sich doch weiter. Nachdem das Album fast unhörbar, mit einer Art unruhigem Herzschlag-Beat bei «The Hunt» eröffnet wird, einer Instrumental-Nummer, die sich in nur drei Minuten in höchste Höhen aufschwingt, zeigt der namensgebende Track des Albums, das MADM den perfekten Shuffle-Pop mit etwas angehärteten Gitarren durchaus noch draufhat. Und so geht das Schlag auf Schlag – «Isis Speaks» zählt zu den besten Tracks des Albums, mit einem glasklaren, nervös die 1 wechselnden Drumbeat, druckvollen Gitarren, halsbrecherischen Ups and Downs, eine sechsminütige Miniaturoper, mit dem ganzen Melodrama, das dazugehört. «Follow the Map» klingt ein wenig nach Kaki Kings Junior-Album – seltsamerweise -, eine entspannte Indie-Nummer mit grandiosem Refrain. «Father’s Grave», das Duett mit Glenn Danzig, klingt großartig nach dem Garagesound à la Jack White, mit einem grandios stampfenden Bass. Und so geht das weiter – jeder Track ist bis ins letzte durchkomponiert, melodramatisch, vertrackt, perfekt gespielt und dennoch nie so sperrig, dass man als Zuhörer keinen Zugang mehr hat. Auf der Maur zieht alle Rock-Register von sanften Tönen bis zu einer fast an Paramore erinnernder Mixtur aus Pop und Metal. AM ehrlichsten darf man wohl sagen, dass MADM im Bereich der Prog-Rocks angekommen ist und hier ein Konzeptalbum rund um – seltsamerweise – die Wikingerwelt vorlegt, dass nicht nur verschiedene Geisteszustände austarieren will, sondern auch das eigene Rockmusik-Genre so prügelt, dass dabei interessante Beulen entstehen. Es ist selten, dass ein Album zugleich an U2, Interpol, Porcupine Tree, White Stripes und viele andere erinnert, ohne auch nur jemals nach einer dieser Bands zu klingen – es scheint vielmehr so, als wären all diese Einflüsse in Ideen, nicht in konkrete Töne eingeflossen. Das Ergebnis ist ein Album, das die Genres Rock und Pop fusioniert und zugleich transzendiert, das hörbar und tanzbar ist, ohne blöd zu sein, das smart ist, ohne klugscheißen zu müssen. Mitunter kippt ihr das Album zu sehr ins Melodrama, zu sehr ins verkopfte und ohne Zweifel gibt es Momente, in denen die Platte auch mal etwas krampfig eklektisch klingen will, und ab und zu wird auch deutlich, dass Auf der Maur eben auch ein bisschen im Westküsten-Hardrock der 90er verhaftet ist (ganz zu schweigen von dem musikalischen Größenwahn eines Billy Corgan, der hier, in anderer Form, durchaus auch greifbar ist) Aber als Comeback nach sechs Jahren ist bemerkenswert, dass dieses Album so vertrackt, so psychedelisch, so straight und alles in allem so gut ist, dass man durchaus begreift, wie hart und verbissen MADM an diesem Projekt gearbeitet hat und wie viel Ideen sie investiert hat. Allein diese monomanische Energie, die jeder Song ausstrahlt, macht «Out of Our Minds» herausragend.

21. September 2010 20:20 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Jónsi: Go

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Es ist bei jeder erfolgreichen Band nur eine Frage der Zeit, bis unweigerlich meist der Sänger ein Soloalbum rausbringt. Egal, ob es eher finanzielle Anreize sind oder der kreative Wunsch, ohne Gruppen-Kompromisse oder in einem neuen Kontext arbeiten zu können, die die Bandleader auf Solopfade treiben, meist sind die Ergebnisse eher enttäuschend. Sei es, weil die Band ohnehin mitunter schon ziemlich so klingt wie das Soloprojekt oder sie es, weil die interne Reibung und Kommunikation überhaupt erst das ist, was das musikalische Produkt am Ende so einzigartig macht – den meisten Soloexkursen fehlt irgendeine wichtige Zutat, eine Art von Magie, die die Band hatte. Dieses Album ist tatsächlich eine der wenigen Ausnahmen. Auf Go gelingt es dem Frontmann von Sigur Rós, dem ja immanent von ihm mitgeprägten Grundsound der Band weiterhin gewachsen zu sein und doch eine dezidiert eigene Note einzubringen. Man wäre wahrscheinlich nicht überrascht gewesen, wenn Go ein reines Pianoalbum geworden wäre oder 75 Minuten nackter Gitarren-Whitenoise, beides würde das Spektrum der Musik von Jón Þór Birgisson und seinen Mitstreitern hergeben, beides wäre konsequent gewesen – und ebenso richtig ist dieses Album, das überraschend leicht, poppig und offen daherkommt, den optimistischeren Klang des letzten Rós-Albums weiterträgt, die stärkere perkussive Note, die Tendenz, auch mal außerhalb des rein Isländischen zu singen, die Öffnung, die Schwerelosigkeit bei aller Vertracktheit. Während ein Track wie «Hengilás» oder «Grow Till Tall» absolut problemlos auch auf jede SR-Veröffentlichung passen würde, und auch der sich auftürmende Wall of Sound, der Streicher Bläser, Glockenspiel, Percussion und endlose andere Instrumente übereinanderstapelt wirkt vertraut. Neu ist aber der stark nach vorn gehende Beat, die Bündigkeit der Stücke, die Disziplin, sich nicht in endlosen Gitarrenorgien zu verlieren, der zumindest streckenweise Verzicht auf die große Geste und den großen Pathos. Vereinfacht gesagt machen Sigur Herbstmusik und dieses Soloalbum klingt nach Frühling, nach Auftauen, nach Wachstum – Jónsis Spiritualität wirkt weniger märtyrerhaft, weniger schmerzverzerrt. Auf Songs wie «Around Us», «Go Do», «Sinking Friendships» oder «Tornado» geht es sogar regelrecht druckvoll zu, bei denen Jónsis Falsett zum Teil hummelhaft energiegeladen-optimistisch durch psychdelische Klanglandschaften springt, während man den klassischeren Arrangements immer wieder anhört, dass Produzent Peter Katis eben auch bei The National Erfahrungen gesammelt hat, wenn es darum geht, große Gefühle zu erzeugen («Kolniður»). Mitunter wirken die Arrangements von Nico Muhly vielleicht einen Hauch zu empathisch, zu wuchtig, zu viel, aber gerade diese Attacke auf die Ohren lässt die minimalistischeren, ruhigeren Stücke umso besser zur Geltung kommen. Dass Birgisson sich auf dem Cover-Artwork scheinbar LSD-bunte Engelsflügel anlegen lässt und und uns als mythische Figur kann kaum davon ablenken, dass dies das tatsächlichste weltlichste Album aus der Feder des Sigur Rós-Frontmanns ist, weit weniger rätselhaft und vernebelt als bisher, heller und einfacher. Dabei ist es zugleich die konsequente Weiterentwicklung von Trends des letzten Rós-Albums, was der Band vielleicht auch selbst Spielraum gibt, sich auf dem nächsten Album (wieder) neu zu erfinden, zu redefinieren, weil Birgisson einen Evolutionsschritt für sich selbst bereits weiter abgeschlossen hat. In das ohnehin durch viele Abschweifungen und Projekte gezeichnete Oevre von Sigur Rós passt insofern – fast analog zum Modell von Porcupine Tree – diese Exkursion von Jónsi nahtlos ins Ganze und hat dennoch genug eigene Nuancen, um den Status als Soloalbum zu rechtfertigen… more of the same, but different.

15. September 2010 07:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

Ingrid Chavez: a flutter and some words

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Die einstige Muse, Lebensgefährtin und Co-Vokalistin von David Syvlvian, die unter anderem Heartbeat ihre enigmatische Stimme lieh, hat sich unfassbar Zeit mit ihrem Soloalbum gelassen. Seit ihrem 1992er Album, das noch gemeinsam mit Prince entstand, hat sie zwar einige Tracks aufgenommen, unter anderem gemeinsam mit Sylvian diese aber nie wirklich veröffentlicht. Insofern ist «a flutter and some words» eine große Sache für die Spoken-Word-Künstlerin, die sozusagen zwei Dekaden zu spät mit ihrem ersten gänzlich eigenem Debut antritt. Dass man dem Album die Spuren von David Sylvian noch anhört (der wohl auch beim Mixdown und der Songreihenfolge assistierte), ist die fast größte Überraschung – die introvertierten und klugen Songs aus der Feder von Lorenzo Scopelliti tanzen auf dem dünnen Eis zwischen den Ufern von Pop und Jazz, und Chavez unterkühlte, aber nie kalte Stimme verhindert unweigerlich jedes Abrutschen ins Beliebige oder gar Kitschige (das man bei dem Artwork auf ihrer Site ja durchaus erwarten dürfte). Die sparsame, natürliche Instrumentierung dominiert das Album, nur unterbrochen von der unweigerlichen Single «By the water» und dem schleppenden, an Tom Waits erinnernden Beat bei Tightrope – die Intimität der Einspielung und die Weite, die Offenheit der Klangstrukturen verleiht dem Album eine fast poetische, cinematographische Qualität. Ruhig, meditativ und durch und durch bescheiden ist «a flutter» ein seltsames Phänomen – das Debut einer gereiften Künstlerin mit jahrzehntelanger Erfahrung. So, als würde ein Autor sein erstes «echtes» Buch veröffentlichen, nachdem er zwanzig Jahre immer wieder erfolgreich geschrieben, aber niemals ernsthaft publiziert hätte, wirkt Chavez hier fast altersweise und gesetzt, von Sturm und Drang keine Spur, jede Phrase, jeder Ton sitzt, jede Geste ist bedacht und gekonnt, jeder Atemzug ist kalkuliert, hypnotisch. So entsteht Song um Song eine Art Poesiealbum, ein Gedichtband, dem man anhört, dass der Autorin relativ egal sein kann, ob sich kommerzieller Erfolg einstellt oder nicht.

14. September 2010 16:03 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Kaki King: Junior

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Es ist inzwischen ja fast der Normalfall, dass es da draußen irgendwo einen großartigen Act schon seit Jahren gibt und man nie von ihm gehört hat. So wie man oft einen Autor erst beim dritten Buch entdeckt, eine Serie erst bei der fünften Folge oder in der dritten Staffel, einen Maler, wenn er schon fast tot ist, eine Comicserie erst ein Jahr nach ihrem Debüt und so weiter. Dieses späte «Entdecken» gehört eigentlich zu den größten Freuden, weil man das bestehende bisherige Werk in einem großen Rutsch komplett genießen kann.

Kaki King war für mich Anfang 2010 so ein Fall. Trotz des eher an 90er Retrodesign erinnernden schlechten Covers ist «Junior» eine musikalische Offenbarung, hinter der sich vor allem der viel umfassendere Schatz der vier vorhergegangenen Alben der New Yorker Gitarristin, die sich in ihren Releases langsam und glaubhaft von einer umwerfenden Akustik-Gitarren-Virtuosin mit einer ganz eigenen und wunderbaren Tapping-Technik zu einer Vollblutmusikerin entwickelt, deren aktuelles Album das spürbare Ende einer langen und spannenden Reise ist. Nach den introvertierten Sologitarrenstücken auf Everybody Loves you und Legs to make us longer hat sich King ja bereits auf Until we Felt Red und vor allem auf Dreaming of Revenge mit einer minimalistischen Bandstruktur präsentiert und eine einzigartige explorative Suche nach der eigenen musikalischen Identität offenbart. Auf Junior aber hat die gerade 30jährige Ausnahmemusikerin eine überraschende Wendung hingelegt – weg von den unfassbaren perkussiven Slap-Klängen, weg von der reinen Saiten-Virtuosität, hin zu modernem Indie-Songwriting und einem Album, auf dem sie als Musikerin, nicht als Solistin brilliert. Eine lupenreine Indie-Einspielung mit einem seltsamen Spy-Theme, eine Art Konzeptalbum, das streckenweise nach einer filigraneren Melissa auf der Maur klingt, auf dem sich King mehr als zuvor auf den Trompeter Dan Brantigan, der hier Bass und andere Synth-Instrumente beisteuert und den phantastischen Schlagzeuger Jordan Perlson verlässt. Das Ergebnis ist eine Platte, die sich deutlich mehr nach Liveeinspielung anfühlt, teilweise geradezu unterproduziert im Verhältnis zu den Vorgängern und die King in ungewohnter Breite als Sängerin agieren lässt. Auch wenn sie sich noch hinter endlosen Hallwänden zu verbergen versucht, gelingt dieser Neustart herausragend – King bringt sich aus der Sackgasse des Gitarrentalents in die Einflugschneise für eine Pop/Alternative-Karriere à la Teagan and Sara … und beweist zugleich ihr kompositorisches Händchen für Songs mit klassischen Hooklines und Refrains, ohne für eine Sekunde ihre Herkunft von der Gitarre zu verleugnen. Malcolm Burn, der erfahren in einem «erdigen» Sound ist und unter anderem schon regelmäßig Daniel Lanois co-produziert hat (und das letzte KK-Album), nimmt die Stimme mitunter etwas zurück, schafft aber trotzdem einen geräumigen, ehrlichen Klangteppich, der nach New Yorker Kellerkonzerten klingt und nicht mehr verspricht, als das Trio live halten kann. Songs wie der 7/4-Kracher Falling Day oder The Betrayer zeigen eine Musikerin, die druckvolle Powersongs kann, während ihr das Konzept des Albums genug Cinemascope-Spielraum gibt, um auch hypnotischere Songs unterzubringen (Everything has an End, even Sadness) oder Experimente wie My Nerves that commited suicide. In den Tracks kann man viele Anklänge und Inspirationen entdecken – von Sonic Youth über PJ Harvey bis hin zu The Cure -, aber durch ihr einzigartiges Gitarrenspiel und den sirenenhaften Gesang bleibt Kaki King ganz klar eine Liga für sich. Junior ist insofern hoffentlich nur der Auftakt für eine ganz große weitere Karriere.

8. September 2010 12:42 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

Delphic: Acolyte

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Delphic bieten auf ihrem Debut Acolyte eine seltsame Mischung von Musik, die irgendwo zwischen Dancefloor und Indiepop zuhause ist, zwischen den Chemical Brothers und Bloc Party, Hot Chip und Klaxxons, New Order und Echo&The Bunnymen, gut durchgerührte Pop-Hymnen in der Hoffnung auf einen Chartserfolg, Das wenig nach Manchester klingende Quartett aus Manchester. Das Ergebnis ist ein trotz der exzellenten Produktion und der fast zahllosen musikalischen Schichten, die die Band auftürmt, bisweilen etwas blutarmer Sound, der einen Hauch zu kantenlos, einen Hauch zu «metropolitan» ist, etwas hilflos zwischen Druck und Entspannung schlingert. Unter den vielen Bands, die ähnlichen Dancerock anbieten, gelingt es Delphic dennoch, einen mitunter hypnotischen Pop zu produzieren, der vor allen in den Instrumentalphasen Spaß macht, wenn sich die Tracks zu turmhohen Klanggebilden hochschrauben und deutlich machen, wie gut Delphic sein könnten, wenn sie weniger nach den Charts schielen würden. Aber selbst dann sind Songs wie die Opener Clarion Call und Doubt definitiv niemals schlechte Popmusik, auch wenn man als Zuhörer vielleicht bei all dem inszenierten Wall of Sound so etwas wie eine echte innere Haltung vermisst oder zumindest eine authentische Coolness. Trotzdem: Pop darf synthetisch sein und Pop darf synthetisieren, und die Leichtigkeit, mit der Delphic ihren Cocktail mixen und in Red Light einen samtigen Ohrschmeichler hinlegen, oder in Halcyon mitten in schwebenden Soundwolken auf einmal die Drums loslegen lassen, das hat schon was. Delphic haben mit ihrem Debut sicher nicht die hochgezüchteten Erwartungen erfüllt, die 2009 auf ihre Schultern gelastet wurden, aber eine völlige Enttäuschung ist das Album beileibe auch nicht – es ist lupenreiner britischer Zitatepop, ohne sichtbare Nähte und Kanten produziert, wunderbares Handwerk, so federleicht wie kalkulierend und damit vielleicht eben auch quintessentiell für die Popmusik der letzten Jahre.

7. September 2010 16:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Goldfrapp: Head First

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Alison Goldfrapp und Will Gregory sind auch so ein Duo, das mit dem Untergang von TripHop die Orientierung verloren hat. Während Felt Mountain eine durchaus spannende Ergänzung der Trip-Hop-Schwergewichte wie Lamb, Tricky, Portishead oder Massive Attack bot, ist im Grunde ab Black Cherry spürbar, dass Goldfrapp eine Art innerer Kompass fehlt. Zwischen strenger Maschinenmusik, leichtem Kylie-Pop und fast akustischen Anklängen suchen die beiden nach einer Art Identität und das vielleicht beste, was man über Goldfrapp sagen kann, ist dass sie Mut zum Experiment und damit auch zum Fehlschlag haben. Richtig überzeugen konnte mich nach Felt Mountain kein Album mehr – anstelle des Experimentes sehe ich hier eher die Suche nach einer Nische, die sowohl kommerziell als auch bei den Kritikern funktioniert, und die die Band einfach nicht findet. zwischen Dancefloorpop und Couchlounge-Soundtrack fehlt mir die DNA der Musik – unvorstellbar bei einer so kleinen Besetzung eigentlich -, die Wurzel von der ausgehend die Reise ihre Orientierung hat. Radiohead und viele andere Bands beweisen, dass man sich extrem verändern kann – hin zu extremen Soundexperienten und auch wieder zurück zu den Anfängen kommend. Bei Goldfrapp wirkt diese Suche allerdings eher wie ein zielloses Umherirren, das immer einen Hauch zu nah an bestehenden Trends ist, immer einen Hauch zu sehr hinterherhechelt, um wirklich authentisch zu wirken – man wird das Gefühl nicht los, Alison und Will würden einfach nur auf Züge aufspringen, deren Rücklichter man bereits vom Bahnhof aus sehen kann.

Headfirst ist dabei leider keine Ausnahme, sondern der bisher aggressiveste Vertreter dieses Trendhopping. Goldfrapp springen hier recht gnadenlos auf den 80s-Trend auf, den Little Boots oder La Roux bereits vorher als Wiedergänger von Olivia Newton-John und anderen Achtziger-Sirenen ausgeschlachtet hatten. Vom kitschigen Look des Covers bis zu den sülzigen Synthie-Flächen, Faltermeyer-esquen Drums und den naiven Gesangslines, ergehen sich Goldfrapp hier in einem Zitatepop, der zwar angenehm vorbeiplätschert, wenn man das Album so hört, von dem aber kein einziger Track bemerkenswert ist – selbst die bei Moroder abgekupferte Single Rocket perlt so sanft und kantenlos-androgyn aus den Boxen, dass man den Track unmittelbar nach dem Hören vergessen hat. Musik, die bestenfalls zur Begleitung eines Sidney-Rome-Aerobic-Videos geeignet wäre und die keine Sekunde mehr leistet, als bestehende 80s-Klischees naiv aufzuarbeiten, bestenfalls bei dem Schlußtrack Voicething passiert für einige Minuten etwas, was dem Album kurz vor dem Ende einige Minuten Spannung gibt, immer noch süßlich-klebrig bleibt, aber wenigstens nicht mehr völlig gnadenlos auf die Charts zugerichtet ist. Hier ist wenigstens ein Track, den man hassen oder lieben kann, der aber zumindest einen Hauch von Nicht-Glattheit aufweist – egal, ob man ihn als gelungenes Experiment à la Depeche-Mode-B-Sides der frühen 80er mag oder als faules Enya-Derivat abordnet.

Head First ist für sich genommen ein frühlingshaft-sommerliches Gute-Laune-Album, leider ohne jede Art von Song, der wirklich bei dir bleibt, die Songs flutschen förmlich durchs Gehirn, Goldfrapp schaffen hier nicht einen Klassiker. Die Frage ist aber: Wenn eine Band jeden Trend mitzunehmen versucht, was bleibt am Ende die von dieser Band, außer einer Art eine Geldmaschine, mit der die Protagonisten ihr Einkommen zu sichern versuchen? Die Ironie an der Sache ist, dass Goldfrapp deutlich länger dabei ist und musikalisch deutlich mehr zu sagen hätte als die Lily Allens dieser Welt, und umso weniger leuchtet ein, warum sie ein Album produzieren, dass wie der meiste Neo-Abba-Zitatepop-Trash der letzten Jahre klingt, zumal doch spätestens seit Madonnas Ausflügen in diese Gefilde klar sein dürfte, dass hier künstlerisch nichts mehr abzugrasen ist. Wenn eine Band, die seit einer Dekade am Markt ist, auf dem neuesten Album weniger zu sagen hat als ein ja ebenfalls seichter Fempop-Newcomer wie Robyn, ist das schon etwas traurig.

6. September 2010 11:13 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Lou Rhodes: One Good Thing

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Back to the Basics – Lou Rhodes inzwischen drittes Soloalbum fühlt sich in vielerlei Hinsicht wie eine Rückkehr an. Nicht nur zu Andy Barlow, ihrem alten Lamb-Partner, der hier nahezu unsichtbar als Co-Produzent mitwirkt, sondern auch zu dem reduzierten Klang ihres ersten Albums, zu einer fast völlig von Gitarre und Stimme getragenen Produktion, die nur durch dezente Streicher gesättigt ist. Rhodes entwickelt in der essentiellen Reduktion eine melancholische Kraft, die auch die sehr persönlichen Texte widerspiegeln, die sich mit Abschied, Tod, Einsamkeit und anderen, für Rhodes fast ungewöhnlich dunklen Themen auseinandersetzen, die weniger esoterisch, weniger lyrisch wirken als sonst, sondern direkter, weniger durchdacht – auch wenn Rhodes eben nicht Rhodes wäre, wenn nicht Optimismus und eine fast etwas naiv wirkende Selbsthilfe-Ebene in die Texte einfließen würde. Das war schon bei Lamb so (Bonfire, Little Things) und ist auch hier so (One Good Thing…) und schafft auch ein gesundes Gegengewicht, verleiht dem Album ein Gefühl davon, dass Rhodes hier in der Musik und den Texten ihre eigenen Probleme in den Griff zu kriegen versucht. Musikalisch ist das Erblühen von «Bloom», das mitunter ja fast wieder nach einer Band zu klingen versuchte, wieder einer reinen Singer-Songwriter-Einsamkeit gewichen. Das ist teilweise natürlich grandios, weil Rhodes hier fast eine an Joni Mitchell erinnernde Intensität erreicht, eine Nahaufnahme von Stimme und Seele, die persönlicher und minimalistischer nur denkbar wäre, wenn auch noch die gelegentliche minimalistischen Pulsbeats und Streicher verschwinden würde, die ein bisschen kammermusikalische Ummalung und Tiefe geben. Dieser Fokus auf Rhodes gibt dem Album eine Nacktheit, eine Intensität, die auch in Zeiten von flutartig erscheinenden Neo-Folk-Album selten ist. Die sogar etwas zu viel ist, mitunter. Man spürt, dass Rhodes jeder Abstand zu sich selbst, jede Selbstironie, abhand gekommen ist – One Good Thing nimmt sich selbst einen Hauch zu ernst, und muss leider ohne die musikalischen Kontrapunkte auskommen, die Lamb immer so einzigartig gemacht hat – wo Rhodes tiefe Ernsthaftigkeit und Über-Selbstreflexion auf Barlows humorige Klangkonstruktionen und überbordende Kreativität und Lebensfreude prallten. Rhodes überzeugt als Solo-Künstlerin absolut, aber mit dem dritten Album wird klar, dass ihre weitere Karriere Gefahr läuft, in der ehrlichen Einfachheit zu stagnieren. Was insofern schade wäre, als dass Rhodes als Komponistin und Instrumentalistin einen sehr beschränkten Horizont hat, den sie abwandert. Ihre Songs, selbst ihre Zupftechnik, das klingt alles sehr gleich und kann schon über ein Album kaum Spannung aufbauen, geschweige denn über drei. Und so klingt ein Lied ziemlich wie das andere, tatsächlich so gleich, dass man das Album stundenlang auf Repeat hören kann, ohne überhaupt zu bemerken, dass es sich wiederholt, weil man ohnehin einen durchgehenden Klangteppich sehr gleich strukturierter Songs hört, die sich in Textur und Stimmung kaum ändern. Und auch als Vokalistin hat es sich Rhodes in einer bestimmten Art von Stimmlage und Phrasierung bequem gemacht, diesem halsig hingehauchten Timbre und der immer gleichen Art, Strophen zu setzen. Und dieser Baukasten, so grandios er sein mag, endet immer in der gleichen Architektur, man mag das Stil nennen und mögen, man mag das auf Dauer aber auch so empfinden, dass man keine neuen Songs braucht, die unverwechselbar wie die vor drei Jahren klingen. Rhodes schreibt ein musikalisches Tagebuch – und vielleicht lenkt die kompositorische Iteration immer gleicher Harmonien und Läufe ja auch den Blick mehr auf die Texte -, aber dafür wieder fehlt es den Texten an der letzten inneren Tragik, der Größe, der Würde, die ich dann erwarte, wenn sie nicht mehr Beiwerk sind, sondern nackt im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Lou Rhodes ist eine grandiose Künstlerin, One Good Thing ein absolut kaufenswertes Album, und sie heute mit dem Ausnahmeprojekt Lamb zu vergleichen wäre sicher unfair. Aber es fällt auf, wie sehr Lamb von Neuerfindung, von innerer Unruhe, von der kreativen Spannung zwischen zwei Protagonisten gelebt hat, wie sehr Reibung, Eitelkeiten, Streit und Harmonie, Wechsel und individuelle Suchprozesse, die nicht zusammenzukommen scheinen, am Ende eben ein mehr als überzeugendes Gesamtbild ergeben, eine Gestalt, die eine einzelne Person nicht produzieren kann. Es ist die Krankheit zahlloser Soloalben von Künstlern, die entnervt den ständigen Abstimmungsprozessen und Reibungen ihrer Bands zu entkommen versuchen, um dann am Ende, bei sich selbst angekommen und auf sich selbst zurückgeworfen, irgendwie langweilig zu sein, ohne dass man genau festnageln könnte, was wie wo warum eigentlich fehlt, zumal es so homöopathisch wenig ist. Aber es fehlt eben etwas.

10. August 2010 08:54 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . 4 Antworten.

Gorillaz: Plastic Beach

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Es ist nach wie vor verblüffend, wie Damon Albarn dem traurigen Schicksal des Solo-Künstlers, der aus der Supergroup hervorgeht, bisher entkommt. Ob The Good, the Bad & the Queen, ob ein vergleichsweise gelungenes Blur-Reunion-Konzert oder die Monkey-Oper, der Mann entkommt der Ennui des Superstars ohne Ziel durch sehr verschiedene Projekte und das weitgehend frei von schrecklichen Fehltritten. Und hat, ganz nebenbei, mit Gorillaz die vielleicht erste wirklich erfolgreiche «virtuelle» Band gegründet, die es ihm erlaubt, hinter eine Art Kabuki-Maske abzutauchen, in Form von Jamie Hewletts grandiosen Comicfiguren, die zugleich als Band funktionieren und das ganze System modernen Popbusiness zugleich persiflieren, kommentieren, trotz allem Charterfolgs als Anti-Band, als Statement gegen die Industrie nutzbar sind, zumal Albarn und Hewlett risikofrei an den Figuren die Höhen und Tiefen von Pop- und Rockkarrieren exemplarisch aufarbeiten können. Die Gorillaz ergeben so ein seltsames Vexierbild, eine Unschärfe, die sie vergleichsweise unangreifbar macht – und das darf man sich für einen in die Jahre gekommenen Popmusiker wahrscheinlich als unfassbare künstlerische Befreiung vorstellen, wenn nicht sogar als den ultimativen Luxus, Und so zeigt das dritte Studioalbum von Albarn und Hewlett eine neue Metamorphose der Band, die keine ist: Ein seltsames Crossover über Kontinente und Musikgrenzen hinweg, eine Fusion von Rock, Dance, Hiphop, R’n'B, Weltmusik und sogar Klassikelementen, die sicher nicht ganz neu ist, aber selten so entspannt und cineastisch aufgezogen wurde. Durch Drogenneben und Wellen hinweg fliegen wir in Orchestral Intro auf die aus Müll konstruierte Plastikinsel der Band zu, um in einer Art zweiter Einleitung von einem relaxten, vielleicht zu relaxten Bademeister namens Snoop Dogg am Strand begrüßt zu werden, während White Flag arabische Orchestersounds und Oriental Beats mit HipHop-Riffs der britischen Rapper Bashy und Kano vermengt. Auf Teufel komm raus shanghaien die Gorillaz die Genres, verschleppen sie in düstere Gewölbe und zwingen sie, unaussprechliche Zwittergeburten hervorzubringen auf ihrer Insel des Dr. Moreau. Jeder Track ist dabei so überraschend und neuartig wie zugleich in seiner zurückgelehnten Nonchalance und makellosen Produktion auch etwas langweilig, etwas zu verquartzt. Man hört förmlich das Gekicher spielfreudiger Kinder am Mischpult, wenn im Gorilla-Labor Zutaten, die sich so gar nicht vertragen und hochexplosiv aufeinander reagieren könnten, maßvoll verrührt oder brutal geschüttelt werden. Sirrende Casio-Billigsynthsounds, feiste West-Coast-Drumbeats, Kinderchöre und Grime, Indievocals von unter anderem Mark. E. Smith (Glitter Freeze, eben mit passendem, wenn auch total abstrahierten Gary-Glitter-Groove) und große Soul-Vokalisten wie Bobby Womack (Stylo).

Wäre Plastic Beach ein Cocktail – und der Name würde ja durchaus passen -, würde er nach everythingeverythingeverything schmecken und dich nach drei Minuten so derart betrunken machen, dass du so abgehalftert entspannt auf dem Hocker sitzt, wie die Musik des Albums es erfordert, gegen das noch die exaltiertesten Rap-Alben bieder wirken. Einer «echten» Band könnte man auch eine Art Beliebigkeit vorwerfen, wenn so scheinbar wahllos ins Plattenregal der eigenen Vorlieben gegriffen wird, wenn so offensichtlich der eigenen Coolness gehuldigt wird – bei einer fiktionalen Band ist diese surreale Mischung aus Präzision und Ungreifbarkeit, dieser Mix aus Fata Morgana und wärmegeleiteter Präzisionsrakete, als Idee goldrichtig, dieses Amalgam aus Allem.

Plastic Beach fährt mehr Gäste auf als ein Massive-Attack-Album und gerät so zu einer Art Anthologie, zu einem collageartigen Kommentar, aus Vogelperspektive, zur Musik, zu ihrer Geschichte, und zum Stand der Dinge, abgerundet und eingerahmt von oft fast ans fahrtstuhlmuzakartig grenzende Halbinstrumentals oder Songs, die von Albarn selbst getragen sind. Immer wenn du denkst, du hast dieses Album verstanden, kommt eine neue Wendung um die Ecke, die nicht immer Sinn macht, nicht immer 100% überzeugt, aber immer da ist und stupsnasig danach verlangt, ernst genommen zu werden – und die Sounds, die Drums, die kleinen Details sind so gekonnt, so pokerface-trocken auf den Tisch geknallt, dass du nie die Chance bekommst, der Stupsnase eins draufzugeben, weil sie wirklich ernst genommen werden muss. Plastic Beach macht den großen Bogen von The Fall zu M.I.A., von den Clash zu Mos Def, von 3/4 zu Balkanbeat, von 80s Cheapsynths zu knochentrockenen Kopfnicker-Bässen, es ist alles da, es ist alles an der richtigen Stelle, es ist fast wie ein geschlossenes, wasserdichtes Objekt ohne Nähte, ohne sichtbare Kanten, ohne Schweißstellen. Und als solches ist es Designer-Pop, eben einen Hauch zu selbstreferentiell, zu smart, zu gewollt, zu gekonnt, zu gepost, zu sehr drauf bedacht, an der Bar eine gute Figur abzugeben und den Blick viel zu oft im Spiegel. Plastic Beach ist ein Album, das cool sein will und natürlich genau deshalb vielleicht nicht cool ist. Aber selbst dieses Posertum, selbst die zu gewollte Coolness, den eben wieder uncoolen Snoop Dog and Mikro zu holen, ergibt ein so vielschichtiges Spiegelkabinett, dass alles rund wirkt und funktioniert auf einem Album, das sich Recycling und Konsumerismus zum Thema gemacht hat und dich immer wieder vor die Spiegelwände laufen lässt, aus denen es konstruiert ist, die einerseits glatt und makellos wirken, und trotzdem böse Wahrheiten zu verkünden behaupten.

Albarn bringt uns aus dem Bergwerk der Popgeschichte ein Album, das in seiner Kompatkheit und Ausgeufertheit an die großen Beatles-Alben heranlangt, das welt- und weitläufig ist, widersprüchlich und eindeutig, große Geste und feinste Details vereint, das zugleich maßloser postmoderner Popkitsch und überzeugendes, ganz großes Meisterwerk sein kann.

8. August 2010 18:22 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Die Sterne: 24/7

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Aus der Ferne des nachtschwarzen Covers blinkt dir unscharf wie Neonreklame der Bandname entgegen, aus etwas wie einer Neonskyline oder dem trüben LED-Licht eines Mischpultes. Es scheint, als wollte das Cover die Unschärfe der Band vorwegnehmen, ebenso wie das zackige 24/7-rundumdieUhr-versprechen der Dienstleistungsgesellschaft, deren Muzakbeats die Sterne sich hier aneignen. Nach vier Jahren Pause ist vom Livesound der Band zwischen Deutschrock und -funkindiesouldpsychedelia wenig geblieben, die Songs sind (wie bei so vielen Bands in letzter Zeit) elektronisch, klingen nach Laptop und klingen oft so, als hätten Leute Sounds ausgesucht aus zu großem Angebot mit zu wenig Sicherheit, welche Klänge denn nun wirklich «Disco» sind und welche nur zweitklassig. Trotz der nicht immer ganz treffsicheren Soundauswahl gelingt das seltsame kulturelle Crossover zwischen Hamburger Schule und Dancefloor überraschend gut. Zwar sind die Tracks nie wirklich discotauglich, zu glatt und zu brav und eben doch zu songorientiert, aber als Erweiterung des Sterne-Klangkosmos ist 24/7 überaus gelungen.

Denn das Durchfeiern, die Lichter, die Drogen, der Noise, die Stroboskopen, die postindustrielle Servicegesellschaft, zuviel Fernsehen und Computer, Tag und Nacht ohne Übergang, das Treiben im Alltag sind ein thematische Fäden, die das Netz des Albums aufspannen. «Ich geh in die Disco, ich will da wohnen», singt Spilker in Wohin zur Hölle mit den Depressionen, dem Song mit dem dezenten The-Clash-Drumfill. Und so wie hier ist 24/7 beileibe kein Album für die dezente Andeutung oder ein mühevolles Aufarbeiten von kryptischen Textbotschaften. In-your-face wie immer haut der Frontmann Texte raus, die das Lebensgefühl der digitalen Boheme beschreiben, das Teilsein und das Wüten gegen die Verwertungsmaschine, die Müdigkeit, die kleine Flucht, den eigenen Hedonismus und die Orientierungslosigkeit in der ganzen Feierei. Die Texte können smart sein, ohne peinlich zu werden, aber sind auch weitab der Lyrikbemühungen, die viele andere deutsche Bands angestrengt versuchen. Die Sterne können (und wollen wahrscheinlich) das Niveau der Texte der Goldenen Zitronen nie ganz erreichen, aber die Fusion von nichtsagend-elektrischgroovender Musik, die oft viel zu softneosoulig aus den Boxen quillt, und Spilkers widerborstigen Texten, macht durchweg Spaß, schafft eine doppelbödige breitgrinsende Boshaftigkeit zwischen der Zuckerwatteverpackung und dem Giftkern darin. Da die Sterne immer mit ihrer Musik experimentiert haben und nie durchweg «die» Gitarrenband waren, ist der Wechsel von Gitarren zu Filtern und Oszillatoren glaubhaft und auch wenn das Ergebnis keinen Höhepunkt elektronischer Musik darstellt, ist es ein durchweg gutes Album im Katalog dieser Band, mit an sich sehr typischen und wiedererkennbarem Songwriting (die Bassläufe der Sterne waren doch immer schon discotauglich, oder?), dass sozusagen nur ein anderes Finish bekommen hat, funky und glitzernd, und eben am Ende durchaus auch oft ein klassisches Sterne-Album (Wie ein Schwein, Himmel).

Der Trick des Albums aber ist, einen fast beiläufigen Sound zu entwickeln, wie gemacht für die gebückte Attitude, die Spilker in Convenience Shop aufgreift, Musik von einer verlogenen Sanftheit und Freundlichkeit, mit breiten Flächen und sphärischen Appregiators und entspannten Bässen, die wie gemacht scheint für die Fahrstühle der Gesellschaft, über die die Texte sich mokieren und als deren Opfer/Täter sich Spilker zugleich erkennt. Es ist eine seltsame, bewundernswerte Fusion von Klang und Text zu einem Ganzen, die über die Frage, ob die Musik «gut» ist, hinausgeht, der lapidar dahinfließende Elektrofunk ist vor allem unglaublich angemessen. «Blasse Gesichter, sie können nicht tanzen, sie müssen den ganzen Tag funktionieren…» und dazu dieser Angestelltendiscofunk – das ist (ob beabsichtigt oder nicht) ein Klanggewand als ironischer Kommentar zu den Texten. So entfaltet sich 24/7 zu einem überzeugenden Gesamtkonzept, zu einem Hörspiel. Dass es vielleicht eitel ist, wie sich Frank Spilker in seiner Discokugel am Ende immer nur selbst spiegelt, dass die Texte mitunter den gleichen Nährwert haben wie Hipster-Großstadtblogs, dass sie oft unentschieden zwischen selbstverliebter Affirmation und Rebellenpose irrlichtern – alles wahr, alles egal, alles eben richtig so.

4. August 2010 14:53 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Peter Gabriel: Scratch my back

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Es sind die kleinen Unterschiede. Während Sting sich derzeit selbst ein orchestrales Monumental-Denkmal setzt und dabei alte, bessere Tage aufzukochen versucht und sein «Standing» als ernsthafter Musiker nun mit dem dritten eher klassischen Album in Reihe vergeblich zu unterstreichen versucht, verbeugt sich der Großmeister Peter Gabriel mit einem wunderbar zurückhalten Album vor großen Zeitgenossen und vielversprechendem Nachwuchs. Wie angenehm, das eigene Werk nicht in Sülze zu verpacken, sondern großen Helden wie Neil Young, David Bowie, Lou Reed aber auch vergleichsweise «alternative» Acts wie Radiohead, Arcade Fire, Regina Spector, de Magnetic Fields oder Elbow einen neuen, ungewohnten Rahmen zu geben. Dass Gabriel dabei nicht auf die mit klassischen Instrumenten stets drohend Zuckerguß-Suppe setzt, nicht auf die große Geste, sondern auf einen fast minimalistischen Klangkontext, weist ihn erneut als geschmacks- und treffsicher aus, meilenweit entfernt von den ergrauten Alterswerk-Klassikkitsch-Kooperationen anderer Rockmusiker. So ruhig und kontemplativ wie das Cover-Motiv ist auch das Cover-Album geworden, minimalistisch instrumentiert, auf die unverwechselbare sonore Stimme des britischen Ausnahmemusikers setzend.

Und es wäre natürlich auch kein echtes Peter-Gabriel-Projekt, wenn es nicht auch auf seinem (nur) achten Studioalbum nicht eine Art Konzept gäbe – hier ist es eine Art Song-Austausch, die in die reale Welt übergetauschte Welt von Musik-Torrents, bei dem die von Gabriel gecoverten Künstler sich wiederum Songs von ihm vornehmen sollen, die dann auf einem späteren Album erscheinen sollen. Die Idee des Zwillingsalbums ist zumindest bei dem ersten der beiden Brüder ausgenommen gut gelungen – die von John Metcalfe (Durutti Column, was vielleicht den Indie-Einschlag der Auswahl erklärt) arrangierte und von Bob Ezrin im legendären Air Lyndhurst Studio produzierte Einspielung zeigt, dass es sich immer noch lohnt, auf ein neues Album von Gabriel zu warten. Keine Spur von der komplexen Überproduktion, mit der er bei Up brillierte, sondern eher die karg-wilde Innerlichkeit, die 2002 vielleicht «The Drop» bereits vorwegnahm.

Der Kunstgriff von Scratch my back ist, dass das Album zugleich enormen Pathos, enorme Ruhe hat – und doch zugleich eine fast nicht bündelbare Energie, einen ständig aufziehenden, aber nie ausbrechenden Sturm, das Gefühl selbst in den ruhigsten Tönen, dass unter der stillen Wasseroberfläche wilde Strömungen fließen, die alles andere als harmlos sind. The Boy in the Bubble, im Original ein fröhlich wippender Gumboot-inspirierte-Song, kriegt hier die düster leuchtende Atmosphäre, die der Song seit jeher verdient und die dem Text eine ganz andere Dimension entlockt (wie übrigens auch bei Heroes – es ist interessant, wie die ausgebremste, depressive Stimmung den Kontext eines Textes völlig verändern, kippen kann und dem positivsten Text eine bittere Ironie entlockt). My Body is a Cage von dem Neon-Bible-Album von Arcade Fire ist schon im Original ein staubiger Gospel, hier aber eine theatralische Inszenierung, eine Reise in die Tiefe des seelischen Marianengrabens, wenn Gabriel etwa in der Mitte seiner Fassung alle Sicherungen herausdreht und ein Orchester entfesselt, dass an A Day in the Life von den Beatles erinnert, eine sich emporschraubende Kakophonie, die schließlich in schwärzester Stille mündet. Manche Tracke, wie Listening Wind von den Talking Heads, bleiben nahezu erkennbar, andere, wie Street Spirit, sind eigentlich im Original schon bedächtig und ruhig, werden in Gabriels Version aber durch scheinbar minimale Eingriffe völlig verändert. Gabriel covert nicht, er macht sich Lieder zu eigen, er dekonstruiert, remontiert, ändert Logiken und Harmonien, bis am Ende Fassungen entstehen, die originär Peter Gabriel sein könnten, denen man ihren Ursprung kaum mehr anerkennt. Gabriel gelingt ein bewundernswertes Mimikri, das nicht das Subjekt verwandelt, sondern die Umwelt – er taucht in die Musik an und anstatt sich selbst zu verwandeln, verwandelt er das Ursprungsmaterial so grundsätzlich wie es selten bei Coverversionen vorzufinden ist – und bleibt dabei doch stets respektvoll auf Distanz, interessiert, ironisch, ganz dabei und doch bei sich.

Es ist fast undenkbar, dass endlich ein Popmusiker die Brücke zur Klassik schlägt und dabei all die Geschmacklosigkeiten, die Klischees, die Übertreibungen, beiseite lässt und sich mit seiner Stimme souverän in das Orchester einfügt, ohne sich jemals dominieren zu lassen. Scratch My Back zeigt Gabriel immer noch als Innovator, immer noch als Perfektionist, der vom elektronischen Progpopper zum grandiosen Altmeister jenseits aller Kategorien gewachsen ist, zu einem der eigensten und eigenartigsten Musiker, die wir haben und der sich selten so von seiner introspektiven und dunklen Seite zeigt wie hier. Es ist eine weite Reise von den wirschen Cabaret-Klängen von Excuse me, den Numanesquen Klängen von Games Without Frontiers oder dem affirmativen Pop von Sledgehammer zu der kraftvollen dunklen Energie, die dieses Album mit fast jedem Track ausstrahlt. Wo andere Musiker nach 40jähriger Karriere in Selbstzitat und Unbedeutsamkeit verfallen und sich mit Alben abgeben, die nur noch als Ausrede für die nächste Stadiontour dienen (bestenfalls), liefert der große englische Exzentriker hier einen Meilenstein ab, der eine neue Ader seiner Musik so pur wie selten zuvor bloßlegt und preisgibt.

29. Juli 2010 17:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 3 Antworten.

Miike Snow: Miike Snow

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Die drei Mitglieder der schwedisch-amerikanischen Band Miike Snow haben eine bunte Pop-Laufbahn hinter sich, die man dem Debutalbum des Trios deutlich anhört, immerhin sind Christian Karlsson und Pontus Winnberg Top-Produzenten, die unter anderem Britney Spears mit Toxic den einzig erträglichen Song überhaupt beschert haben. Und obwohl das Album spürbar gekonnt-kalkuliertes Hitmaterial birgt, wirkt es weniger berechnend, als man befürchten mag. Zwar sind Animal und Black&Blue sicher zu Recht Hitmaterial, aber selbst diese beiden Songs haben keine übermäßige Kylie-Minogue-Glattheit, sondern gefallen durch kleine Brechnungen, stolpernde Beats oder schwirrende Appregiatorläufe und fast naives Schlagzeug, so souverän an der Grenze zwischen Popmusik und Alternative, dass man nie ganz weiß, ob es kühle Berechnung oder Zufall ist, weil die Tracks zugleich unsicher und suchend wirken in ihren Arrangements, melodisch aber todsicher suchtgefährdende Hooks liefern. Über dem gesamten Album liegt eine entwaffnende Naivität, die dem Debut ein schwereloses Sommerflair verleihen, hinter der Unschuldsvermutung schlummert aber eine Produktion, dies es faustdick hinter den Ohren hat, etwa wenn ein treibender Analogbass in Plastic Jungle Gary-Glitter-Grooves zitiert, um im nächsten Moment in Filterorgien zu glitchen. So gelingt es Miike Snow, Leichtigkeit mit einer gewissen vertrackten Schwermut zu fusionieren und ebenso mühelos verschiedenste Einflüsse von Disco über Reggae bis Britpop in ein homogenes Klanggewand zu kleiden. Was etwas unter dieser Vielfalt leidet, ist die Klarheit der Gefühle – die Platte ist gut zu hören, wunderbar ehrlich produziert, berührt aber nur selten wirklich den Hörer, mit der möglichen Ausnahme von Sans Solei, vielleicht auch, weil einfach alles einen Hauch zu mühelos, zu gekonnt, zu smart ist und uns am Ende vielleicht eher die kargen, armseligeren Tracks ans Herz wachsen. Als Beispiel dafür, wie vielseitig und lebendig tanzbarer Pop auch in Zeiten von Lady Gaga noch sein kann, ist Miike Snow aber so oder so ein Beispiel, dass Hoffnung macht.

13:03 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Phenomenal Handclap Band

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Das New Yorker Künstlerkollektiv um die DJs Daniel Collás und Sean Marquand scheint dem bizarren Zweck zu dienen, die Plattensammlung der beiden Köpfe dreidimensional dund live in den Raum zu stellen. Vom krautrockigen Intro The Journey to Serra da Estrela bis zum psychedelischen Bonus Track Pretty Mask, liefert Handclap einen basslastigen Acid Funk Trip durch die 60s-80s, mal akustischer, mal elektrischer, mal wabernd-verkifft, mal kopfnickend-opulent bis an die Phillysound-Grenze, um dann plötzlich in die flirrenden Klänge und geraden 4/4s früher Disconummern einzusteigen. Der Revival-Sound ist dabei solide gespielt und abwechslungsreich genug, um ordentlich Spaß zu machen – ohne jeweils an die verschiedenen Vorbilder heranzukommen – nur leider macht der uninspirierte Gesang, der in keinem Song wirklich jemals «Soul» besitzt, das Ganze meist kaputt.

Drastisch wird dies deutlich bei der vorab veröffentlichten Single 15 to 20, gesungen von Lady Tigra, die der ansonsten durchaus ähnlich gestrickten Nummer schlagartig eine ganz andere Aura verleiht und den Track deutlich an frühe Blondie-Songs ankoppelt mit ihrem hypnotisch wiederholten Phrasen. Die Vocals bringen den Song zum Strahlen, während beim nachfolgenden Song der Gesang die musikalisch weder bessere noch schlechtere Komposition zerstört, die nöhlend-langweilig hinsurrende einschläfert statt einpeitscht. Bizarrerweise entwickelt so eine an sich schöne beginnende Hommage wie You’ll Disappear eine fast schwebende Qualität, weil auf dem ansonsten eher straighten Song ein androgyner Sirenengesang fast eher ein Air-Feeling verbreitet und alsbald auch Langeweile aufkommt. Die meisten Tracks brechen etwa ab der Mitte zusammen, weil ein Basslauf und Drums und eine gute Gitarrenhook eben noch keinen ganzen Song machen. So ist es hauptsächlich eine gewisse Gleichförmigkeit (im Soul nicht ungewöhnlich) der Songs untereinander aber auch in sich selbst, hauptsächlich aber der lahme Gesang, der das Album, das an sich sehr viel Spaß machen könnte, in der B-Note auf die hinteren Ränge stellt. Das Delfonics-oldschoolige Baby ist einen Hauch besser, leidet aber auch an der gleichen Malaise – zu langweilig, zu wenig überzeugende Vocals.

Das Debut der New Yorker Soundmaschine ist durchaus mehr als hörenswert und live dürfte die achtköpfige Besetzung sicher Spaß auf die Bühne bringen, tanzbar ist die Musik allemal, und vielleicht sollte man es auch gar nicht höher hängen… schade ist nur wirklich, dass der schlafzimmrig-uninspirierte Gesang den Fun-Factor spürbar nach unten drückt.

19. Juli 2010 07:48 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Massive Attack: Heligoland

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Massive Attack ist die Sorte Band, die sich von einer losen Gruppe Kumpel, die nur Spaß haben wollen und über ein paar Lieblingstracks singen (oder singen lassen) zu einer einer todernsten Sache gemausert hat, die im Zweifelsfall auch nur mal nur noch von einem Teil des Kollektivs produziert wird. Die Distanz zwischen dem ursprünglichen musikalischen Können und dem Anspruch an jedes neues Album der Band könnte kaum größer sein. Kein Wunder also, wenn bei Heligoland , dem fünften offiziellen Studioalbum der TripHop-Mitbegründer aus Bristol stolze sieben Jahre gebraucht hat und einerseits nach dem vorhergehenden Fast-DelNaja-Soloalbum auch Daddy G (Grant Marshall) wieder an Bord holt, andererseits die vielleicht umfassendste Kollaboration ist, die die an Zusammenarbeiten mit anderen Künstlern ja nicht wirklich sparsame Band jemals abgeliefert hat. Die Liste der Gastmusiker und -vokalisten ist so lang wie beeindrucken, mit TripHop-Größen wie der Ex-Tricky-Sängerin Martina-Topley-Bird, dem regelmäßigen Massive-Gast Horace Andy, aber auch illustren anderen Namen wie Damon Albarn (Blur, Gorillaz), Ryuichi Sakamoto (als Remixer), Guy Garvey (Elbow) und Tunde Adebimpe (TV on the Radio), die anscheinend nur eine kleine Auswahl aus den Superstars sind, die sich bei DelNaja die Klinke in die Tür gaben in den vergangenen Jahren.

Das Ergebnis ist ein Album, das einerseits poppiger und offener klingt als das extrem düstere und introspektive 100th Window, das aber keinen Deut weniger intensiv oder grandios produziert ist. Tracks wie Babel, von Topley-Bird gewohnt lasziv hingeworfen, oder Paradise Circus, mit Hope Sandoval an den Vocals (fast ebenso sleepy wie MTB, aber etwas souliger), gehören mit zum besten, was Massive Attack abgeliefert haben, groovend, druckvoll, meisterhaft auf den Punkt – eine seltsame Fusion aus den düsteren Soundbänken der letzten beiden Alben und einem offeneren elektronischeren Sound der ersten beiden Alben. Tanzbarer, soweit man dieses Wort bei Massive in den Mund nehmen mag. Beileibe keine Musik für den fröhlichen Morgen, aber auch nicht mehr der suizidal langsam feindselig treibende Basswummer von Mezzanine und Window. Die Platte ist souliger, beschwingter, bissiger. und dabei so abgefedert, dass man sich fragt, wieso das alles so lange gebraucht hat. Nichts wirkt verkopft oder überproduziert, die Tracks haben mitunter eine skizzenhafte Leichtigkeit, die täuschen mag und Ergebnis harter Arbeit ist, aber denen man die sieben vergangenen Jahre (wenn man Danny the Dog nicht mitzählt) kaum anmerkt, und die den alten tanzbaren Groove von DaddyG mit der Indie-Düsternis von 3D koppelt. Das wie eine postnukleare Polka daherschleppende Splitting the Atom erinnert fast an Karmakoma und die ganz ganz frühen Massive, während Flat of the Blade eine psychedelisch schwirrende Nummer von solcher Traurigkeit ist, dass es dir das Herz zerfetzt.

Dabei ist Heligoland beileibe kein «leichtes» Album, sondern ein in intensivsten Bässen und schleppenden Beats, seltsamen Halleffekten und elektronischen Blubbern und Bleepen grandios tiefes Album, gegen das etwa Blue Lines seltsam naiv und unschuldig wirkt und Protection zu übertrieben und theatralisch gegenüber dem unglaublich auf den Punkt gebrachten, routinierten, abgeklärten Heligoland. Das Album hat einen Hauch von Spätwerk, musikalisch einerseits reicher als je zuvor (wie die orchestrale Einlade bei Girl I Love You belegt), andererseits laid back und im besten Sinne des Wortes cool. Die Band muss sich niemandem mehr beweisen und hat sich offenbar mit Freunden einfach ein Album geschenkt, dass die besten Aspekte aller bisherigen Arbeiten fusioniert und dadurch ein neues Level erreicht. Kaum eine Band im Bereich der elektronischen Musik hat die Tiefe, Flexibilität, Ausdrucksbreite und Bedeutung von Massive Attack erreicht, und das nach über 20 Jahren Bandgeschichte absolut zu Recht – so wie Radiohead sich von der Gitarrencombo zu einem ganz anderen Biest entwickelt haben, ist auch aus der der lockeren Groovecombo längst eine Art Konzeptprojekt geworden, das frei von jedem Anspruch, noch den Zeitgeist prägen zu müssen, zum ganz großen Headtrips in der Lage ist.

16. Juli 2010 14:49 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Hot Chip: One Life Stand

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Ähnlich wie bei anderen Hipster-Bands, die die Grenze zwischen Popironie und Ernsthaftigkeit, Zitat und Innovation längst im Kunstnebel haben verschwinden lassen, bleibt es schwierig, ein Album von Hot Chip noch neutral zu betrachten, ohne die Verweise und Andeutungen, die Alexis Taylor und seine Mitstreiter konzeptionell in jedes neue Produkt einfließen lassen, im Kopf zu haben.

Der Schlafzimmerproduktions-Zitatepop auf One Life Stand ist diesmal aber so aufdringlich wie der wortspielerische Titel und das passend dazu verhältnismäßig überdeutlich «it’s deconstructivism, dumbass!»-Coverartwork, das an die bedeutungsschwangeren Covergestaltungen von Storm Thorgerson ebenso erinnert wie an Peter Savilles elegant-künstlerische Reduktion bei New Order. Überhaupt: New Order. One Life Stand, so leid es mir tut, klingt verdammt nach den schlechteren New-Order-Einspielungen, Technique etwa, und ist nach dem wunderbar vielseitig-entspannten Made in the Dark ist das zuwenig. War der Vorgänger an der Schnittstelle zwischen zu glattem Pop und wunderbarem Eigenbrötlertum und verschrobenem Elektrokraut, hat sich das neue Album sehr eindeutig für den Pop entschieden. Der Zitatenstadl macht nicht einmal vor Autotune-Cher-Gesangseffekten halt, die Beats sind tanzbarer, die Breaks seltener. Die Lieder wirken kantenloser – und sind zum Teil dennoch nicht wirklich einprägsam. Große Popmusik, auch wenn sie qua Definition ja immer affirmativ zu sein hat, kann trotzdem kaleidoskopisch, vielschichtig oder auch karg und hart sein. Dieser Pop aber irrt zwischen den 80er und 90er Sounds von verschiedensten Bands, du erkennst hier einen Depeche-Sound, dort einen Heaven-17-Gesangsfetzen, plötzlich ein Splitter von Donna Sommer und Giorgio Moroder… dennoch wirkt alles sehr viel mehr aus einem Guss als bisher (und das ist nicht wirklich als Kompliment gemeint), denn die glattgestrichene Oberfläche lässt auch eine bei Hot Chip bisher ungewohnte Langeweile aufkommen. Der Gesang ist zu androgyn, zu gelangweilt, die Synth-Sounds zu stupide und vertraut, selbst die Lyrics wirken plötzlich chartstauglich hausfrauenkompatibel. Das exzentrische, überspannte Element der Komposition und Produktion scheint verschwunden – ein Song wie Brothers ist etwa nur noch einschläfernd. In der Synthiesoulmusic-Wüste dürfen auch Balladen mit vollem Kitsch-Faktor inzwischen ihren Platz haben (Slush).

Trotz einiger ja durchaus versöhnlich dahinperlender Tracks wie Thieves in the Night oder Take It In… es fehlt der Platte an Ehrlichkeit, an Verletzlichkeit, in ihrem Schutzmantel aus Ironie und perfekter Produktion ist sie langweilig, sogar langweiliger als die Pet Shop Boys. Es mag Leute geben, die diese Art von sicherer und zugleich vermeintlich «cooler» Musik mögen, die Art wie jede tatsächliche Stellungnahme vermieden ist, wie alles sandgestrahlt glatt und amtlich ist – aber für eine Band ist diese Form von selbstreferentieller Sicherheit ein denkbar schlechter Ausgangspunkt, denn sie schläfert ein, Band wie Zuhörer.

3. Juli 2010 14:32 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Get Well Soon: Vexations

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Das – abgesehen von dem schrecklichen Rahmeneffekt – gelungene Artwork von Vexations erinnert bewusst oder unbewusst an Peter Gabriel, vielleicht auch an Pink Floyd und damit sicher an große Vorbilder der Art von klugem Pop, die Konstantin Gropper schon auf seinem Debut souverän vorlegte. Vexations ist eine Art Konzeptalbum, in dem Gropper Seneca, Nietzsche, Marx zitiert, philosophisch aufgeladen, überproduziert, überbordend, mit genialischer Geste – insofern vielleicht weniger ein Album und mehr eine Theaterproduktion. Der Überfrachtung des Albums mit angelesenen Ideen, das Namedropping – man mag das für eine Geste fast teenagerhafter Intelligenzia-Pose halten, das schicksalsschwangere, das durchaus auch etwas eitle, gewollt-kluge, das ebenso wie die Thom-Yorke-Anflüge im Gesang und in den Kompositionen mitunter auch einen Hauch unsympathisch wirken können. Es ist Groppers Verdienst, dass er all diese Faktoren in Zaum hält und unter Kontrolle hat und – so unmöglich das scheinen mag – zu einem glaubhaften Ganzen vermengt. Was du anderen Musikern als eitles Emo-Gepose und eifernde Klugscheißerei übelnimmst, frisst du ihm aus der Hand, weil dieses Album, dass so ganz anders entstanden ist als Rest Now… und dennoch so konsequent an den Erstling anschließt, dich als Zuhörer sehr souverän in den inneren Kosmos des Autoren bringt, der hier zugleich völlig allein und isoliert wirkt und zugleich wie ein manischer Dirigent, der ein riesiges Orchester lenkt, Auteur und Diktator zugleich. Das Gropper sich in einem Titel auf Werner Herzog bezieht, ist sicherlich kein Zufall, sondern Ehrerbietung.

Mehr als je zuvor errichtet Gropper Klangburgen, die zwar erkennbare Vorbilder haben, deren Baumeister er aber ganz alleine ist, und in deren Verließen er sich scheinbar im Dunklen wohlzufühlen scheint. Obwohl stilistisch nahtlos an Rest Now… angeknüpft, ist Vexations noch introvertierter und düsterer, epischer und dramatischer als der Vorgänger, neoromantisch, barock, theatralisch und unironisch bis zum geht-nicht-mehr. Das Album posiert bis zur Dandyhaftigkeit als «erwachsen und tief» und wäre man böse, man könnte der Platte eine gewisse Manieriertheit nicht absprechen – Gropper gelingt aber die nicht ganz einfache Balance, dieses Poseurtum glaubhaft und mitunter tatsächlich ergreifend, zugreifend zu inszenieren. Die Stücke sind millimetergenau arrangiert, jeder Ton auf der Goldwaage, vieles erinnert an die manische Gelöstheit später TalkTalk-Alben, vieles ist am Rande eines Soundkosmos, der nur noch Gropper allein zu eigen ist, ein kleiner Singer/Songwriter-Spiralnebel, den kein anderer vorher betreten hat. Karg und langsam wie eine Landschaft, pathetisch wie eine New-Orleans-Beerdigung, tiefschwarz und doch polkagepunktet, ist das Album trotz der zahlreichen Gastmusiker, trotz Bläser und Streicher noch solipsistischer geworden, eine Festung der Einsamkeit. Die Deluxe-Version wartet mit Filmmusiken und Auftragsarbeiten auf, darunter eine kongeniale Coverversion von David Bowies I’m Deranged und Romy Schneiders La Chanson d’Hélène.   

Wie Brian Sweeney Fitzgerald zieht Gropper hier sein Boot über den Berg und die Schwere der Last ist jedem Track anzuhören. Das Ergebnis ist den Schweiß aber mehr als wert – Vexations ist eines der vielleicht letzten Alben, die noch komplett als eben «Album» gedacht sind, nicht als Auskopplungswüste, als Roman, nicht als Essaysammlung. Vexations ist eine Meditation, die man nicht immer mögen und deren Ergebnisse man nicht immer teilen mag, die aber als Solitär herausragend funktioniert.

10. Juni 2010 23:28 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Kasabian: West Ryder Pauper Lunatic Asylum

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Das dritte Album von Kasabian kündigt bereits mit den ersten Tönen an, dass sich einiges geändert hat und man sich doch treu geblieben ist– der Gitarrenriff klingt gnadenlos nach Primal Scream, der Track an sich nach einer Triphop-beeinflußten besseren Gallagher-Nummer. Keine Frage, Kasabian sind immer noch Oasis für Leute, die Oasis nicht mögen. West Ryder Pauper Lunatic Asylum ist eine Art Konzeptalbum über ein (tatsächlich exitierendes) psychatrisches Obdachlosenasyl, und so sind die Tracks immer wieder durch Soundtrack-artige Einlagen gestört, die zu den spannenderen Elementen des Albums gehören, dass – Konzept hin oder her – vor allen aus guten Popnummern besteht, die man gnadenlos auskoppeln könnte. Where did all the Love go, Underdog, Fast Fuse sind die Hauptkandidaten, aber nahezu jeder Song hat etwas treibendes, selbst eher ambitionierte Nummern wie das sperrigsparsame Swarfiga, das wie Vlad the Impaler einen Trip in elektronische Dancegrooves macht, während andere Arrangements wie etwa West Ryder Silver Bullet etwas in Richtung Country und Folf driften. Wenn man so will, versuchen Kasabian – erfolgreich – Soundtrack-Einflüsse in ihre Musik einzusaugen, hier ein wenig Dust Brothers, dort ein bisschen Ennio Morricone, man sieht Serge Pizzorno und Tom Meighan förmlich vorm Fernseher sitzen, seltsame Filme schauen und komponieren. Musikalisch fließen dabei ordentlich 60s-Inspirationen mit ein, und alles in allem dürften auch ein paar Drogen im Spiel gewesen sein – das Ergebnis ist auf doppelte Art Retro, eine Mischung aus Screamadelica-60s und eben 90s, und doch eine ganz eigene Sache, sicher das spannendste, was Kasabian bis dato abgeliefert haben. Obwohl immer noch straighte Rockmusik, tänzelt das Quartett hier fast auf dem gleichen schmalen Grat, auf dem Radiohead mit OK Computer waren (wenn auch nicht ganz so grandios und zeitlos wie Radiohead), ein Nachgeschmack des Vertrauten und ein Vorgeschmack von etwas gänzlich Neuem. Kasabian hätten sich für immer auf ihrem Me-too-Status als Gallagher-Epigonen ausruhen können, zeigen hier aber entspannt (und durchaus immer noch Mainstream-kompatibel), dass das dritte Album auch dafür da sein kann, seine eigene Nische zu finden. Andere Bands versinken hier in Langeweile und «ihrem» Sound, aber Kasabian schaffen das Kunststück, sich neu zu erfinden und ein Art Zitate-Anthologie-Album zu schaffen (was durchaus zu der Konzeptidee des Albums passt), ohne bei allem Pop-Eklektizismus dabei wirklich allzu anders zu wirken oder ihre Herkunft zu verleugnen. Die Stärke des Albums ist die Zusammenschau der Songs, von denen einzeln keiner wirklich herausragend ist, aber die Art und Weise, wie sich die verschiedenen Stile aneinander reiben, bringt die Platte eben doch zum Glänzen.

12. Mai 2010 11:16 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Ryuichi Sakamoto: Playing the Piano

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Daran, dass Sakamoto einer der ganz großen Musiker und Komponisten unserer Zeit ist, steht längst außer Frage – ob Yellow Magic Orchestra oder seine Zusammenarbeiten mit zahlreichen internationalen Stars, ob remixed, mit Orchester oder wie hier in der minimalsten aller denkbaren Formen nur am Klavier… das japanische Multitalent überzeugt fast immer. Auf Playing the Piano interpretiert Sakamoto eigene Werke (Hauptsächlich Soundtracks, , irgendwo zwischen jazziger Lässigkeit und klassischem, fast romantischem Timbre, das in der leisen, aber hochpräzisen Aufnahme perfekt eingefangen ist. So reduziert wie das Cover, allerdings weniger kantig, eher beiläufig, fast schluffig, nie versucht, sich als Pianogröße zu profilieren (die Sakamoto einfach auch nicht wäre) wirkt die Einspielung, die eine «Greatest Hits»-Collection der ganz anderen Art zeigt. Eher wirkt es, als würde Sakamoto für sich, privat, einige seiner Favorites durchspielen, zwischen Klimpern und Analyse, zwischen Warmup-Fingerübung und Meditation. Es ist spannend, vor allem im Vergleich, wie Ryuichi Sakamoto aus seinen Arrangements die Luft herauslässt, den orchestralen Gestus oder elektrische Exoskelett ablegen kann, und doch durch und durch klare Kompositionen wiedererkennbar bleiben. Dabei erweist sich die Aufnahme als seltsam doppelbödig: Beiläufig aus den Boxen perlend wirkt die Musik fast wie Tafelwasser – unauffällig, unaufdringlich, ein bisschen fad vielleicht, konsumiert und fast wieder vergessen. Mit mehr Konzentration aber, zumal unter Kopfhörern, entwickeln die sparsamen, meditativen Tracks ein Eigenleben, das begeistert. Wobei ohne Frage das grandiose Riot in Lagos der essentielle Track dieses Albums ist, eine mehrspurig aufgenommene, mitreissende Dekonstruktion dieses fast drei Dekaden alten grandiosen elektronischen Songs, der hier filigran und zum Weinen schön wiedergeboren wird. Allein diese eine Nummer wäre den Kauf des Albums wert und neben der schieren Größe dieser Nummer wirken die anderen Songs leider fast ein wenig brav und herkömmlich, was aber eher für Riot spricht und weniger gegen das Album als Ganzes, das durchweg eine reine Freude ist.

5. Mai 2010 21:52 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

David Bowie: A Reality Tour

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Keine Frage: David Bowie ist durch sein Lebenswerk – eigentlich sogar schon nur durch die drei in Berlin entstandenden Platten Low, Lodger und Heroes –im Grunde völlig unangreifbar geworden, und sämtliche musikalischen Fehltritte sind im Grunde als dauerhafte, ruhelose Suche dieses Mannes zu deuten. Das Live-Album zur Reality-Tour, im Grunde ein Re-Release des 2004 bereits auf DVD gezeigten Tourmaterials – zeigt Bowie als postmodernen Stadionrocker, der sich nach seinem letzten rebellischen Aufbegehren gegen ein Dasein als menschliche Jukebox mit dem phantastischen 1st Outside-Album und der dazugehörigen, auf jegliches Hitmaterial verzichtenden Tour, nun scheinbar damit abgefunden hat, seine mannigfaltigen Konzepte und Positionen, Häutungen und Facetten relativ wahllos nebeneinander herunterzurocken. Und so steht hier fast so etwas wie eine Art Synopse des Schaffens von Bowie an, Höheflüge wie Rohrkrepierer, und in der lauten, glattgeschliffenen Livefassung darf man sich dann nicht wundern, wenn so verschiedene Tracks wie die von Bowie dereinst selbst so abgelehnten 80s-Koks-Kommerznummern Under Pressure, China Girl, aber auch Klassiker wie Life on Mars und auch das Trent-Reznor-inspirierte Hello Spaceboy nahtlos nebeneinander stehen, und auch in dem Jukebox-Rock-Feeling des Livesets nebeneinander völlig ahistorisch zu funktionieren scheinen. Rausgelöst aus den Konzepten früher Alben, rausgelöst aus dem ratlosen Popabsturz der 80er, rausgelöst aus dem phönixhaften Comeback Ende der 90er und dem vielleicht etwas zu smarten Selbstzitat, das Bowie seitdem mit jedem neuen Album (wie er selbst zugibt) produziert, wirken die Tracks allerdings etwas kraftlos, den wie so viele der wirklich stellaren Musiker war Bowie nie seine «Hits». Bowie war nie «Changes» oder «Fame» oder auch nur «Let’s Dance», ebensowenig wie The Police «Every Breath You Take» sind. Insofern ist es vielleicht ein wenig schade, wenn Bowie zur Human Jukebox mutiert und mit routinierten Sessionmusikern die ihn größtenteils schon seit den 90s begleiten (darunter Sterling Campbell und Gail Ann Dorsey), seriös seiner Arbeit nachgeht und die Nostalgie seines Publikums so solide bedient, wie es die Stones oder AC/DC scheinbar schmerzfrei bereits seit Dekaden tun. Von Bowie hätte man vielleicht mehr Sperrigkeit, mehr Abneigung gegen das reine Funktionieren als Popstar erwartet, aber vielleicht ist es auch legitim, wenn ein Star am Ende seines Wegs auch einfach mal Applaus und schnelles Geld sucht. Das Live-Album bietet insofern etwas schweinerockende und laute Fassungen einer als Best-of-zu betrachtenden Hitsammlung von Bowie, in der die wirklichen Hits natürlich fehlen, die Lieder für die man Bowie lieben gelernt hat. Und dennoch ist es natürlich großartig, auf Reality Tour jemanden wie Bowie vital und kraftvoll live zu hören und alte Songs in neuen Fassungen zu hören – und andere Bands mit ähnlich langer Geschichte haben ihre eigene Historie sicher noch mehr, noch entschlossener ausverkauft als ausgerechnet David Bowie. Mehr Respekt hatte ich vor Bowie allerdings tatsächlich Mitte der Neunziger, als er der Indieszene noch einmal zeigte, wie der Hase läuft und ein kluges, sperriges Album rausbrachte und die entsprechende Live-Attitude dazu bewies, die quasi seine ganze eigene Geschichte über Bord warf und einen kompletten Neuanfang darstellte. Wer weiß, vielleicht hat Bowie auch nur seinen Frieden gemacht mit sich selbst und seiner Patchwork-Karriere, mit den verschiedenen Identitäten und der rastlosen Suche nach musikalischem Ausdruck. Aber so ganz wird man eben das Gefühl nicht ganz los, Bowie und jemand wie Robbie Williams könnten auch gut ein Bier zusammen trinken. Und vielleicht ist Bowies Legende inzwischen sogar so groß, dass auch das irgendwie vertretbar wäre.

09:09 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Tori Amos: Abnormally Attracted to Sin

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Während Tori Amos aktuelles Album Midwinter Graces (ebenso wie das Winter-Album von Sting) nahezu unhörbar ist, war ihr voriges, immerhin zehntes Studioalbum eine kleine Oase nach einer Phase musikalischer Stagnation. Wie die Vorgänger auch dies ein konzeptionelles Album (wie der Titel nahelegt halt zum Thema Sünde und ergänzt durch Kurzfilme – einfach nur eine gute Platte machen ist anscheinend zu wenig), liefert Amos wieder so viele Songs ab – 18 an der Zahl (17 ohne den Bonus Track) -, dass man sich unweigerlich fragt, ob weniger nicht einfach mehr wäre. Lieber vier gute Songs als 18 halbgare Nummern. Was auch kompositorisch gilt – wo Tori früher nur mit Stimme und Gesang allein überzeugen konnte (wie etwa bei Cloud on my Tongue), wird heute mit Kanonen auf die Spatzen geschossen was das Zeug hält. Immerhin bietet Abnormally Attracted to Sin eine – angekündigte – Neuerung: Tori hat sich vom Klavier ab- und dem Synthesizer zugewandt. Und so beginnt das Album mit einem elektronischen Drumbeat und wummerndem Bass, nur minimal mit Pianoakkorden verziert. Auch wenn Sie dieses Experiment nicht sauber durchhält – Welcome to England und Strong Black Vine sind bereits wieder bandorientierter – so klingt das Album im Ergebnis doch etwas frischer, etwas neuer als die letzten Tori-Platten. Poppiger, unbeschwerter, in mancher Hinsicht ein Schritt vor/zurück zum ersten Album. Während etwa aber The Beekeper ein so kantenloses Album war, dass man es sich kaum anhören konnte, zeigt Amos auf Sin ein breiteres Repertoire, das Album wirkt wie ein Verharren zwischen der «alten» Tori Amos (durchaus großartig auf Mary Jane) und einer neuen Inkarnation. Das Ergebnis ist ein hochgradig durchwachsenes Album, das einige tatsächlich spannende Songs liefert, wie etwa den lasziven Titeltrack – und andererseits auch viele viele Nummern, die man am besten sofort vergessen möchte. Es scheint, als wolle Amos hier alle Facetten ihres Songwritings vorzeigen – die Klaviernummer, den Popsong, die Synthesizer-Schiene und so weiter – und wahrend solche Mätzchen vielleicht noch halbwegs zu dem MPD-Experiment von The Doll Posse passen mochten, wirkt es hier einfach nur unentschieden, gerade bei einer Persönlichkeit, die so sehr «Künstlerin» sein möchte, tut dieser Bauchladen-Ansatz für jeden etwas passendes dabei haben zu wollen, eher weh. Was für Robbie Williams funktionieren mag, geht bei Tori Amos eben empfindlich nach hinten los. Wenn es düsterer und intensiver wird, wie etwa bei Lady in Blue, kann Amos durchaus noch überzeugen, aber nach dem eher amorphen Vorgänger zeigt dieses Album eine Musikerin auf der Suche nach sich selbst – bleibt zu hoffen, dass sie sich bald wieder findet. Denn tatsächlich finden sich in der quantitativen Masse von Abnormally Attracted to Sin auch einige wirkliche Perlen, mit Songwriting, das so gut, wenn nicht besser ist als Tori in ihrer besten Phase – aber diese guten Nummern gehen in der schieren Masse von Durchschnitt einfach unter. Ein Album mit nur acht Tracks, die aber durchgehend besser gewesen wären, hätte bei mir einen besseren Gesamteindruck hinterlassen.

28. April 2010 09:15 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Florence and the Machine: Lungs

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Allmählich wird schmerzhaft deutlich, dass ich mit den Alben hier schwer der Zeit hinterher hänge und aufholen muss, und dass obwohl ich nicht-aktuelle Alben schon alle weglasse. Seufz. Lungs jedenfalls ist von Mitte des letzten Jahres und gehört zu den großen Entdeckungen von 2009, wurde im Grunde schon vor dem Release (wie in den UK üblich) mit einem Wahnsinns-Hype bedeckt. Und wird den Vorschusslorbeeren mehr als gerecht. Das ungeschliffene Kiss with a Fist war die erfolgreiche Auskopplung, aber der Rest des Albums wirkt deutlich weniger White-Stripes-inspiriert, vielschichtiger, abwechslungsreicher, eine Mischung aus Kate Bush, Toyah Wilcox der frühen Siouxie und Joanna Newsom, gekreuzt mit wilden Drumbeats und einer mal märchenhaften, mal treibenden flirrenden Südstaaten-Surrealität, die unmittelbar aus der Welt von Stephen King Büchern oder True Blood zu kommen scheint und meilenweit entfernt ist von den Retroelektrosounds, mit denen uns die meisten britischen Sängerinnen dieser Tage kommen, ganz im Gegenteil – obwohl alle Tracks von Florence Welchs nasalem Gesang eindeutig zusammengehalten sind, ist die musikalische Bandbreite durchaus greifbar. So ist Cosmic Love eine wuchtige, etwas an Hounds of Love erinnernde, Orgie aus Harfentönen und Voodoodrums (die auf Blinding und zahlreichen anderen Tracks ebenfalls dominant sind), während My Boy builds Coffins, Rabbit Heart oder auch die etwas aus dem Albumrahmen fallende Coverversion von You got the Love eher herkömmlicher sauberer Pop ist, und etwa der Drumming Song eine Fusion beider Richtungen aufzeigt. Wenn es so etwas wie GarageFolkSoul gibt, liefert Florence hier genau dieses Feeling ab – jeder Track wirkt irgendwie dreckig und ein bisschen punky, ist aber zugleich in einer an das Goth-Genre erinnernden Geste operettenhaft überinszeniert, so dass man unwillkürlich auch an den frühen Marc Almond und seine Mambas denken muss. Böse gesagt ist Lungs der Versuch, aus der undurchdringlichen Skurrilität von Newsoms Ys ein Pop-Album zu melken – weniger böse ist, dass dieser Ansatz absolut gelingt. Lungs ist durch den stets etwas gleichförmigen und zu oft exaltierten Gesang (mitunter kennt Welch nur zwei Ausdrucksweisen: Laut und Lauter) mitunter etwas anstrengend, aber insgesamt ist versinkt man nach einer Weile in der hypnotischen, sirenenhaften Intensität der Stimme, der Texte und der Musik, die zusammen eine düstere Oper ergeben, deren Intensität nicht einmal durch die oft greifbare Überproduktion gemildert wird (das Intro von Girl with One Eye und viele der Demos der Deluxe-Version machen deutlich, dass Florence Gesang auch mit weniger opulenter Produktion strahlen kann). Lungs ist ambitioniert, fast angestrengt überambitioniert, und während der Hörens ist die spannendste Frage oft die, wie gut Florence Welch erst sein könnte, wenn sie sich einmal entspannen würde.

26. April 2010 07:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Zeche Bochum Kaki King live

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Ganz ehrlich: Dieses Konzert hätte das zehnfache an Publikum verdient. Ich gebe zu, obwohl ich sogar einen Track von ihr auf einem Cure-Tributealbum hatte (der zwar schön ist, aber kaum zeigt, was sie tatsächlich kann) ich habe Kaki King bisher auch nicht gekannt, bei PlanB auf EinsLive entdeckt, ein Album gekauft und sofort den gesamten Back-Katalog. Katherine Elisabeth King ist nichts anderes als großartig, jedes Album ein spürbarer Evolutionsschritt. Und in der Zeche Bochum spielt sie vor gefühlten 100 Leuten. Auch kein Wunder, wenn der Gig nur übersparsam angekündigt wird, Das spricht für schlechtes Marketing der Plattenfirma, leider. Denn neben etwas fetterer Backline und besseren Sound wären hier einfach 900 Leute mehr perfekt gewesen. Denn musikalisch bieten King und ihre zwei Mitstreiter, Jordan Perlson am Schlagzeug und Dan Brantigan an EVI und Trompete, allerfeinste Qualität. Jeder der drei Musiker ist alleine einen Konzertbesuch wert, und da Perlson und Brantigan genügend Raum bekommen, um zu zeigen, was sie können, verlieren sie sich nie im Schatten der Über-Gitarristin King. Programmatisch fällt beim Konzert die Entwicklung vom Akustikgitarren-Wunderkind zur Indie-Songwriterin live durch einen harten Bruch auf, bei dem die Band von der Bühne verschwindet und King absolut surreale Dinge mit ihren Saiten veranstaltet, die den wahrscheinlich im Publikum anwesenden Gitarrenfreaks die Tränen in die Augen treiben dürften, etwa bei Playing Pink With Noise mit einem unglaublichen Mix aus Obertönen, perkussiven Sounds, und einer Zupfarbeit die beim Hören auf einem Album schon beängstigend ist, live gesehen aber einfach atemberaubend wirkt, ebenso wie ihre Arbeit an der Steelguitar. Bei der einzigen Zugabe zeigt King dann auch nochmal zusammen mit einem Loop-Sampler, dass sie eigentlich auch gut alleine 120 Minuten unterhaltsam sein könnte, springt mittendrin, während die Loops noch laufen, von der Bühne, hüpft durchs spärliche aber dafür ehrlich begeisterte Publikum und konstruiert Schicht um Schicht einen ganzen Song. Umso feiner, dass die Band mit ihrer Fingerfertigkeit mithalten kann und gerade den Songs von den letzten Alben den perfekten Schliff gibt. Es fehlt im Fundament etwas an Bass, obwohl Brantigan berauschend zeigt, wie gut sich ein Saiteninstrument mit einem digitalen Blasinstrument ersetzen lässt, obwohl der Drummer sogar bei einem Song via Pads den Bass mitspielt – aber irgendwie merkt man ab und zu, dass es in den tiefen Frequenzen an Energie fehlt, zumal ein Basser Brantigan mehr Raum geben würde, frei in den hohen Lagen zu spielen, wo er absolut brilliert, wenn er die Chance bekommt, seine Synth-Solos zeigen den erfahrenen Jazzer als gleichauf mit der Gitarrengöttin King, und wenn er zur realen Trompete greift, geht die Sonne auf. Perlson spielt ein hochdramatisches Schlagzeug, das trotz der relativ schlechten Raumakustik des recht leeren Saales begeistern kann – von leisesten Zwischentönen bis zum ganz großen Kino liefert er dynamische Bandbreite, rhythmische Eleganz und bewahrt bei aller Energie, die er an dem Silver-Sparkle-artigen Yamaha-Kit entfaltet stets eine nerdige Ruhe und Eleganz, die er nicht einmal verliert, wenn er sich in dubbigen, an Stewart Copeland erinnernden Reggae-Grooves oder psychedelischen Monstersoli verliert. Mitunter spielen die Drums ein wenig zu wirsch für die Songs, so dass die ohnehin fragile Bandkonstruktion noch dünner wirkt, aber alles in allem hält Perlson mit solider Fußarbeit die musikalischen Netze, die Brantigan und King in die Luft wirbeln, phantastisch geerdet.

Wie auf dem Junior-Album wirkt der Gesang etwas zu verhallt, zu weit weg, aber das passt vielleicht ideal zu einer Person, die auf der Bühne davon erzählt, dass sie sich nicht traut, auf eine eMail von Melissa auf der Maur zu antworten und die auch ansonsten so wirkt, als würden sie die üblichen Popstar-Klischees eher langweilen… auch wenn der pinke WahWah auf der Bühne ein phantastischer Hello-Kitty-Moment ist, wenn King in einer Art und Weise auf ihrem Effektgeräten herumstampft, dass es mich im besten Sinne an Ute Rettler (unsere alte Gitarristin bei These Foolish Things) erinnert. Gerade die Junior-Tracks zeigen das Potential von King nicht nur als Instrumentalistin der Extraklasse, sondern auch als Songwriterin und Sängerin, die hier ganz wunderbar irgendwo zwischen Lush und Shoegaze-Sounds luftwandelt und schnelle, aber perfekt entspannte Songs präsentiert. Man kann nur hoffen, dass King und ihre Band in anderen Locations ihrer recht umfassenden Tour entweder kleinere Bühnen oder deutlich mehr Publikum haben – idealerweise letzteres, verdient wäre es allemal.

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5. April 2010 10:00 Uhr. Kategorie Live. Tag . 2 Antworten.

Katia Labèque: Shape of my Heart

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Nahezu zeitgleich mit der Satie-Sammlung veröffentlicht die eine Hälfte des Labèque-Duos ein Solo-Album, das einen bemerkenswert anderen Charakter aufweist. Katia Labèque präsentiert die Pianistin Seite an Seite mit Stars wie Sting, Chick Koreau oder Herbie Hancock, wobei die beiden Songs mit Sting sicher den Umsatz ankurbeln dürften, aber eindeutig zu den schwächsten Tracks der Einspielung gehören. Shape of my Heart verträgt sich ganz gut mit einer Pianofassung, und zeigt gegenüber der Fassung von Ten Summoners Tales einen gereifteren und direkteren Gesang, wobei Sting einfach zu oft zu stark versucht, besonders «klassisch» und somit leider vor allem besonders theatralisch zu singen, was seine ansonsten großartige Stimme einfach nicht wirklich hergibt und was letzten Endes entsprechend leider nur etwas affektiert wirkt, wo es doch persönlich und intim klingen sollte. Labèques flirrendes Klavierspiel kann von der Profanität der Komposition, die sie hier interpretiert kaum ablenken, die Harmonien sind für ein klassisches Instrument selbst in einem sehr gebrochenen und freien Arrangement zu naheliegend, zu simpel, zu schmierig. Stings Vampirmoritat Moon over Bourbon Street ist noch schlechter geraten und ertrinkt fast in Selbstwichtigkeit, nimmt sich viel zu ernst. Umso wohltuender fällt der Rest des Albums aus, wo Labèque entspannt mit Korea und Hancock herumjazzt, wobei der Hörer eine schöne Gratwanderung zwischen Katias präzisem Spiel und dem deutlich freieren Stil der beiden Jazzgiganten genießen darf, vor allem bei der zur Zeitlupe gefrorenen Fassung von My Funny Valentine. Zwei klassische Stücke von Chopin und Satie machen das Album als eine Art Trojanisches Pferd erkennbar, einen Anthologie, auf der Labèque mit Pop-Crossover anlockt, um dann den Hörer mit verschiedensten Seiten ihrer Arbeit zu konfrontieren – unter anderem auch mit einer Einspielung ihrer eigenen Band, die eine erst gegen Ende wirklich wiedererkennbare Fassung des Tracks Exit Music von Radiohead abliefert. Weitere Coverversionen, unter anderem von John Lennon, und weitere Kooperationen, unter anderem mit David Chalmin und Gonsalo Rubalcaba, runden das Album zu einer eklektizistischen Sammlung ab, die man einerseits sicher zurecht als kühl kalkulierte Marketing-Crossover-Strategie betrachten darf, die hier konsequent neben ihrem Klassik-Publikum auch ein Jazz- und Pop-Publikum abgreifen will, die andererseits aber in ihrer genresprengenden Vielseitigkeit und im Mut zur Interpretation auch zeigt, dass Klassik sich ebenso wie Jazz oder HipHop für Einflüsse öffnen kann und nicht unter einer historisierend-sterilen Käseglocke stattfinden muss, sondern ruhig auch mal andere Luft schnuppern und sich verjüngen kann. Womit Shape of my Heart – sicher auch ganz im Sinne der Labelchefin Katia Labéque – vielleicht eben als eine Art Einstiegsdroge betrachtet werden darf.

2. April 2010 14:36 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Miss Platnum: The Sweetest Hangover

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Ruth Maria Renner legt als Miss Platnum ihr drittes Album vor, im Breitwand-Sound produziert von der The-Krauts-Crew von Peter Fox, und verlässt die eindeutige Balkan-Beat-Schiene von «Chefa», um einerseits Charts-kompatibler, andererseits individueller zu werden. Größtenteils von stampfenden Beats, flirrender Percussion, Bläsern. Orchester und Renners energetischem Gesang vorangetrieben, löst sich Platnum ein wenig von der absterbenden Ethnowelle und präsentiert sich als Big-Beat-Diva, die auf der Auskopplung «She’s Moved In» auch ganz ohne Polka-Feeling bewährt und stattdessen deutlich elektronischer und härter klingt. Im Kontext dessen, was sich in Deutschland im Airplay und bei einer jungen Zielgruppe bewähren muss, leisten Monk, Illvibe und Platnum einen gelungenen EthnoElectro-Balanceakt, der aus der Masse deutscher Pop-Produktionen nicht immer, aber oft genug überzeugend heraussticht. Mal gefühlig mit Soul-Feeling, mal als schiere Partymusik angelegt fusioniert Renner die verschiedensten Stile, ohne jemals gänzlich kalkulierend dabei zu wirken, tobt, jodelt, kreischt und wispert sich durch die Songs, die so überbordend sind wie es Osteuropa-Musik-Klischees eben zulassen. Wieviel härter und mutiger das im Original klingen kann, wie viel weiter rumänischer und ungarischer Pop sein kann, steht außer Frage – aber für eine (leicht verwässerte) deutsche HipHopSoulEthno-Melange, die Bläsergruppen, wirbelnde Derwischbeats und große Gefühle zurück in die deutschen Hitparaden bringen will, ist The Sweetest Hangover eine gut gelungene Melange und Einstiegsdroge in die Weltmusik.

27. März 2010 12:11 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Little Boots: Hands

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Zu Little Boots braucht man kaum noch etwas sagen, die Ex-Dead-Disco-Stimme Victoria Hesketh war nun wirklich das Phänomen des letzten Jahres, erst bei Youtube, dann mit ihrem Debutalbum auch in den Charts. Ähnlich wie Imogen Heap ist Hesketh ein Online-Erfolg und ähnlich wie Heap produziert sie einen zuckerwatteleichten Elektropop, der scheinbar mühelos zwischen Kylie Minogue und Indie-Disco balanciert. Nur: Was bei Imogen Heap nach wie vor Spaß macht und fein austariert ist, wirkt bei Little Boots gründlich misslungen.

Wer den etwas härteren Sound von Dead Disco mochte, wird um das verlorene Potential des exzellenten Trios trauern, denn trotz einiger erstklassiger Stücke ist Hands oft hart an der Grenze zur Weichspülermusik. Es ist fast etwas beängstigend, dass die von Youtube bereits bekannte Version von Meddle mit Tenori-On und Piano, in ihrer ganzen Schlichtheit, zu den schönsten Tracks des Albums gehört. Der Rest wirkt überproduziert, übergeschliffen, kantenlos, Teflonmusik eben. Für wirklich große Popmusik ist das Album einfach etwas zu synthetisch und süßstoffig, der Gesang zu weich, die Tracks zu smooth, einen Song wie Tune Into My Heart hätten auch StockAitkenWatermann nicht schlechter hingekriegt. Das Phil Oakey von Human League auf dem zuckerwatteklebrigen Symmetry singt, schafft endgültig den Bezug zu einer Phase von soften Synthpop in den 80s und 90s, den Little Boots augenzwinkernd erneuern zu wollen scheint. Lediglich die Auskopplungen Meddle und New In Town verbreiten so etwas wie Energie – der Rest ist zwar als Metapop vom Coverdesign bis zur Selbstinszenierung durchaus zu verstehen, macht aber dennoch weniger Spaß als so manche andere Pop-Produkte ähnlicher Bauart, wie etwa Robyn oder La Roux, deren Modell hier einfach noch einen Tick näher an den Mainstream herangetragen wird. Hands hätte nach allen Vorzeichen wirklich großartig werden können, ist am Ende aber weniger brillanter Pop als vielmehr oft hart an der Grenze zur Ibiza-Disco-Muzak, ein Erfolg à la Lady Gaga dürfte also absolut vorprogrammiert sein.

26. März 2010 21:54 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Memory Tapes: Seek Magic

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Obwohl Seek Magic Dayve Hawks erstes volles Soloalbum ist, hat der aus New Jersey kommende Musiker schon in reichlich Projekten unter ständig wechselnden Namen Erfahrung gesammelt – und das hört man dem seltsamen Psychofolkelektronik -Mix des Debüts auch mehr als an. Da zitiert er in Bicycle nach einem mehr als abwechslungsreichen Track gegen Ende in fast in einer hingeworfenen Geste großartige New-Order-Hooks, die sich zu einem fulminanten Ende formen. Dass der Song in seinen fünf Minuten gleich mehrfach die Form wechselt und wie ein Chameleon in immer neue Farbstimmungen übergeht, fällt vor lauter Freude über die gelungene Popnummer kaum auf. Überhaupt ist das permanente Morphing der Songs ein Markenzeichen des Albums, das fast unstet wirkt, den Gesang in weiten Hallräumen versteckt und dafür Drums und Bass trocken nach vorne schiebt, die in immer neuen Iterationen die Thematik der Arrangements ändern, sich umschichten, unruhig neue Formationen annehmen und den Tracks etwas von einem hyperaktiven Homerecorder verleihen, der sich nicht auf eine finale Form einigen konnte und seine eigenen Songs sozusagen schon remixt, während sie noch entstehen.

Dabei überschüttet Hawks seine Zuhörer förmlich mit weiten, psychedelischen Klängen, naiven Folksong-Melodien und tanzbaren Rhythmen. Das Ergebnis ist eine seltsam verschrobene Schlafzimmer-Produktion voller kleiner Überraschungen, wie etwa dem fast vier Minuten langen hochverdrogten Pink Stones oder der seltsamen Rock-Dekonstruktion Plain Material, in dem die Logik normaler Produktionen auf den Kopf gedreht scheint und das nahtlos von zuckrigem Pop zu seltsamen Rockriffs und zurück flirrt, und oft meilenweit vom Hörer entfernt scheint, nebulös, ungreifbar wirkt, eine Popwolke, in der Hi-Hats klarer sind als Vocals, deren Texte mehr wie ein entferntes Instrument wirken, unwichtig in der Melange von Klängen und Eindrücken, nur eine weitere Zutat, nur ein Hauch von Idee.

So wirkt Seek Magic weitestgehend hochgradig fröhlich, aber auf eine entfernte, distanzierte Art, erinnert hier an dieses, dort an jenes, zitiert, verfremdet, entlehnt, ohne je greifbar zu sein. Am ehesten ließe sich diese Platte passend zum Cover-Artwork sicher als holographisch bezeichnen, als Fata Morgana, als eine Art musikalischer Zuckerwatte, die doch absolut sättigend ist, bei der man als Hörer kaum sagen kann, ob diese Platte nun traurig oder fröhlich machen soll oder will. Es ist, in vieler Hinsicht, Musik gewordene Unentschiedenheit, Unsicherheit – und dabei doch so treffsicher wie wenig andere elektronische Pop-Produktionen der letzten Zeit.

19:40 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Eine Antwort.

Tegan and Sara: Sainthood

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Die kanadischen Zwillinge traumwandeln seit Jahren zwischen Pop und Alternative, so auch auf dem sechsten Longplayer, dem man durch die erneute Unterstützung von Howard Redekopp und Chris Walla (von Death Cab for Cutie) eine beschwingtere, mainstreamtauglichere Note gegeben hat. Mit Hell und Alligator sind sogar zwei hochgradig radiotaugliche Auskopplungen, wobei insbesondere Hell die etwas kraftvollere Grundrichtung des Albums unterstreicht, das einen straighten Band-Charakter aufweist, über dessen strammes Bass-Schlagzeug-Gerüst, poppigen Gitarren und gelegentlichen Analogsynthesizer-Sounds die Quinn-Schwestern ihren gewohnten energetisch-nasalen Gesang legen. Die Zeiten des ätherisch-fragilen sind bei Tegan and Sara schon seit längerem vorbei, aber das flott-sportive Sainthood lässt endgültig wenig Zweifel daran, dass das Duo die großen Hallen füllen will und kann. Dabei ist das Album insgesamt rockiger, heavier geworden, klingt mehr nach einer guten 90ies Girlie-Alternativeband – ein Sound, der durch andere Bands ähnlicher Bauart inzwischen ja auch durchaus mehr als Mainstream-kompatibel geworden ist. Dabei gelingt den Schwestern der Kunstgriff, gleichzeitig lupenreinen Gitarrenpop zu produzieren und diesen simultan zu dekonstruieren, und in seine Einzelteile zerlegt gegen sich zu wenden. Über den Tracks schwebt bei aller Tanzbarkeit immer eine an Roxy Music erinnernde gewollte Lässigkeit, eine betonte, fast schwüle Kälte, die gemeinsam mit den intensiven Texten weit über das normale Frauenpop-Ding hinausreicht. Der seltsame Gesamteffekt ist, dass Tegan and Sara einerseits zugänglicher, sogar tanzbarer geworden sind und gleichzeitig andererseits sperriger, dorniger, strenger, härter, künstlerischer, reifer, mutiger. Sainthood vereint alles, was man vor allen an den beiden letzten Alben der Quinns gut finden durfte und konzentriert es zu einem Album ohne Durchhänger, ohne Fett, das auch in zehn Jahren noch exzellent hörbar sein dürfte. Und mich würde nicht wundern, wenn nach dieser Energieexplosion das nächste Lebenszeichen der beiden eine ganz andere Orientierung haben dürfte…

23. März 2010 16:22 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

Imogen Heap: Ellipse

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Auf ihrem dritten Album erfindet sich Imogen Heap auch nach fast vier Jahren ohne Album sicherlich nicht neu, Laptop-tronica, Vokalschichttorte und diese seltsame, Mischung aus Saccharinsüße und Uhrwerk, die immer an Pee Wee Hermans Frühstücksmaschine erinnert, nicht zuletzt, weil durch Heaps musikalische Mechanismen auch immer ein Hauch Danny Elfman schimmert. Die komplexen Computerbeats und Over-Autotuned-Vocals können kaum verbergen, dass hinter der hochglänzend polierten und absolut grandios produzierten Fassade im Grunde eine fast folkige Singer-Songwriterin alter Schule lauert, die einen ganz eigenen Mix aus Sprechgesang und Chorarbeit etabliert hat. So ätherisch und surreal und zugleich irgendwie sympathisch wie das Coverbild ist tatsächlich die ganze Platte, die voller eleganter leichter Sounds und ansteckender Ideen steckt. Die emotionale Intensität und Klarheit von Hide&Seek sucht man hier vergebens (auch wenn der Anfang von Wait it Out den großen Hit vom Speak for Yourself-Album zitiert) , aber für Überraschungen wie das minimalistische Instrumental «The Fire»ist man dafür um so dankbarer. Ellipse ist eine Platte, die ein wenig nach Mainstream klingt, und voller potentieller Radio-Hits steckt (wie etwa Canvas, Tidal oder Trains) diesem aber irgendwie zugleich auch misstraut und fern sein möchte, und so selbst die geradlinigen Songs mit Breaks, perkussiven Zaubereien und ungewöhnlichen Gesangsriff vollsteckt, bis sie zu kleinen Schmuckstücken werden – einzige Ausnahme ist Swoon, der fast irritierend straight ist. Songs wie Half Life (ein bißchen Tori Amos gefällig?) oder Little Bird sind auf eine sperrige Art ruhiger, weniger verspielt,  2-1 tänzelt in Richtung Massive Attack/Björk. Das Ergebnis ist eine abwechslungsreiche, aber doch homogene Produktion, die sich manchmal nicht richtig entscheiden kann, ob sie die weichgespülte Starbucks-Schiene fahren will oder eben doch eher kantig und karg sein möchte. Die inhärente Komplexität bewahrt Ellipse vor Pop-Beliebigkeit, aber gerade die «normaleren» Songs zeigen ansatzweise, wie dünn das Eis ist, auf dem Heap sich bewegt. Mit etwas Pech ist Heap ihr letztes wirklich gutes Album – die Zeit wird zeigen, ob sie langfristig auf faden Retortenpop zurückfallen, oder exzentrisch bleiben wird und ihren eigenen Clockwork-Style weiterentwickelt. Alles in allem ist Ellipse aber ein Album, dass zu den derzeit wirklich besseren Erscheinungen weiblicher Popmusik zählt und ein absolut würdiger Nachfolger zu Speak for yourself.

15. Februar 2010 10:33 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Bird: Girl And A Cello

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Das Konzept ist so simpel wie charmant und wird vom Cover (und dem Albumtitel) auf den Punkt gebracht – alles, was du an Klängen aus einem Cello und einem Sampler holen kannst, plus der elfische Gesang von Janice Price, die schon auf Just Jacks Overtones zu hören war. Während ihr Debut The Insides eher relativ normalen Girlie-Folkpop lieferte, macht der etwas an Camille erinnernde Minimalismus von Girl and a Cello die Musik von Bird weniger beliebig, einprägsamer. Es mag trotzdem bezeichnend sein, dass der vielleicht griffigste Song des Albums Some Boys eine Coverversion des Smiths-Klassikers Some Girls Are Bigger Than Others ist.

Dennoch: Bird liefert charmanten, unaufdringlichen Coffeehouse-Pop, smart produziert, der durchaus nicht immer nur oberflächlich und happygolucky bleibt, und aus dem Ein-Instrument-Gag eine ganze Menge Groove herausholt. Das als Rhythmussektion gesamplete und verfremdete und via Multitrack zur Band mutierte Cello erweist sich dabei als völlig popkompatibel und Janice Prices etwas an Feist & Co erinnernder Gesang, der auf dem ersten Album noch relativ kantenlosen Pop hergab, gewinnt durch den seltsam klassisch-jazzigen Kontrapunkt eine ganz eigene Note. Ähnlich wie bei Camille ist durchaus auch spannend, wie aus der Reduktion auf das Instrument Stimme und Cello eine ganze Vielfalt an Klängen entdeckt wird, macht es auch hier Spaß, zu hören, wie etwa ein Drumbeat aus Versatzstücken von Klopfen und Reiben auf dem Bogen und dem Klangkörper besteht, wie aus weniger eben mehr ist. Vielleicht ist es gerade in der Zeit massiv überproduzierter Tracks und schier endloser Produktionsmöglichkeiten in jedem PC eigentlich ganz spannend, dass immer mehr Musik aus konzeptioneller Selbstbegrenzung entsteht, sei es durch eine stilistische Rahmengebung (Neofolk usw), oder sei es durch eine quasi technologische Begrenzung auf ein bestimmtes Fragment der theoretisch möglichen Flut an Instrumenten. Girl and a Cello zeigt so stellvertretend den holographischen Aspekt von Musik auf, den wir auch von Camille und Björks Medulla, aber auch seit langem von Al Jarreau und Bobby McFerrin oder ganz generell aus dem Jazz und der Klassik kennen – für die Idee eines Liedes reicht eine einzige Scherbe, ein einziges Instrument, im Zweifel sogar nur eine Stimme, oft ist ein fast nur skizzierter Song mit einem Hauch von Musik emotional bemerkenswerter als mit 60köpfigem Orchester arrangiert, weil er die Phantasie des Zuhörers miteinbezieht. Zwar ist Girl and a Cello keineswegs minimalistisch und unterproduziert, sondern neigt eher zu einer Imogen-Heap-artigen Verschachtelung von Phrasierungen, Samples und Tönen, aber auch hier verdichtet sich die stilistische Konzentration zu einem kleinen, feinen Popalbum.

10. Januar 2010 19:37 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

The Maccabees: Wall of Arms

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Das zweite Maccabees-Album gefällt wie der Erstling mit zackigem Britpop-Riffs, treibenden Grooves irgendwo zwischen den üblichen Verdächtigen Foals, Maximo Park und Bloc Party, flirrenden Drums, gekrönt von Orlando Weeks nörgelndem Gesang. Produziert von Arcade-Fire-Macher Markus Dravs gelingt der Band einer der besten Songs von 2009, das wütend-verzweifelte No Kind Words, das schon zu Anfang kaum zügelbaren Druck besitzt, den die Drums immer wieder in Zaum zu halten versuchen, bis der Song schließlich fast monoton stumpf nach vorn geht und sich in pure Energie verwandelt. So kurz und auf den Punkt muss Popmusik sein. Die Auskopplung Can You Give it wirkt dagegen zahnlos und brav, aber Tracks wie Young Lions oder Kiss and Resolve schaffen eine schöne Balance zwischen krachendem Tempo und einer fast paradox entspannten Folk-Harmonik. Die fünf Herren aus Brighton produzieren insgesamt sehr saubere Music to be drunk to, während Orlando mit Neo-Morrissey-equen Texten und mal introspektiv-nuschelndem Genöhle, mal mit hymnischen Chorals dem fröhlich düsteren Mix der Musik seinen eigenen Stempel aufdrückt. Alles in allem sind die Tracks des Albums ein wenig selbstähnlich, trotz oder vielleicht gerade wegen der teilweise komplexen Arrangements, deren wildes Geschrammel dem Album oft die nötige Ruhe nimmt, so dass man am Ende bei Bag of Bones fast entspannt ausatmen will, weil endlich etwas weniger passiert. Wall of Arms ist in erster Linie ein Wall of Sound, ein oft angestrengter und anstrengender HierHierHier-Dschungel von Instrumenten und Ideen, durch den nur ein mehrfaches Hören des Albums hilft, wobei die Platte zunehmend angenehm wird und an Tiefe gewinnt. Wall of Arms ist sicher kein großes, aber ein wirklich gelungenes zweites Album, mit dem die Maccabees zumindest beweisen, dass mehr in ihnen steckt als fröhlicher Indiepop.

10. Dezember 2009 08:10 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . 4 Antworten.

Dave Matthews Band: Big Whiskey and…

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Auf seinem siebten Studioalbum präsentiert sich Dave Matthews trotz der langen Pause als bewährter Handwerker, der solide und weitestgehend überraschungsfreie seine Arbeit verrichtet. Über den präzisen und verspielten Synkopen von Beauford und Lessard können Matthews und Zweitgitarrist Tim Reynolds entspannt schwingen, während vor allem (der verstorbene) LeRoi Moore softe Saxophon-Highlights legt. Insgesamt breitet das Album – ohne dabei jemals den typischen Matthews-Sound zu verlassen – ein relativ breites und erwachsenes musikalisches Spektrum aus, in dem die Band mal rockiger, mal balladig, aber immer mit faszinierendem spielerischen Können dabei ist und sich makellos durch die komplexen Arrangements arbeitet. Mit Ausnahme des rund einminütigen Intros Grux ist das Big Whiskey die Sorte makelloser, sympathischer, stets hörbarer, aber irgendwie vielleicht auch kantenloser Musik, die man von von Dave Matthews und seinen Mitstreitern gewöhnt ist. Persönlich ist für mich jedes Album eigentlich nur eine Ausrede, um Carter Beauford bei seiner phantastischen Arbeit am Schlagzeug zuzuhören – und so dürfte es vielen Hörern ergeben. Bis zu einem gewissen Grade ist Matthews Musik für Musiker, die sich an den individuellen Fertigkeiten der virtuosen Bandmitglieder erfreuen können. Dennoch geht der Mix als ganzes mit seinen aus Country, Folk, Pop, Rock, Funk, Jazz und zig anderen Medien zusammenzitierten Stilelementen, deutlich über die Summe dieser Teile hinaus. Das ändert wenig daran, dass man eigentlich mit einem Album von Matthews hinkommt und neue Releases offenbar wenig neues zu sagen haben – aber hier wirkt die Produktion eben noch einen Hauch dichter, makelloser, geschliffener… und die auch wenn ein Song wie Squirm eben schon ein wenig an Don’t drink the Water erinnert, ist die Energie und die Präzision des Bond-Movie-tauglichen Arrangements auf jeden Fall den Eintrittspreis wert, und gleiches gilt für Shake Me Like a Monkey. Wer den Dave-Matthews-Sound mag kriegt hier nach dem schwächeren Vorgänger ein fast essentielles Album mit durchgehend starken Songs, wer sich an Dave Matthews sattgehört hat, sollte die Finger von Big Whiskey lassen… Matthews mag mit der remixten Bandbesetzung viele Schrauben neugestellt haben, aber in toto klingt die DMB eigentlich wie immer, was vielleicht das beste Abschiedsgeschenk an LeRoi Moore ist.

6. Dezember 2009 13:42 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Phoenix: Wolfgang Amadeus Phoenix

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Mit dem herrlichen pop-art-igen Cover und Titel Wolfgang Amadeus Phoenix ist das vierte echte Album der Franzosen eine Reise in die Zukunft und die Vergangenheit. Es klingt mehr als die letzten beiden Alben nach dem United-Debut und weist doch in eine klarere Richtung als alle Alben zuvor. während Phoenix sich bisher fast manisch ausprobiert haben, ihre Produktionsbedingungen und Kompositionsmethoden stark veränderten, wirkt Wolfgang Amadeus unglaublich in sich ruhend. Es ist schwer, den Sound von Phoenix zu fassen – diese seltsam organische und doch artifizielle Mischung aus synthetischem Pop und anderen Einflüssen: Folk, New Wave, Rock, Funk, Fahrstuhlmusik, dazu der seltsam an Beachboys oder The High Lamas erinnernde androgyne Gesang von Thomas Mars, der selbst in seinen ernstesten Momenten nie das lakonisch-ironische zu verlieren scheint. Dennoch ist der Sound sofort wiedererkennbar und einzigartig, und selten so gekonnt gefasst, so scharf und klar und doch vielseitig wie hier. Alles an diesem Album wirkt interessiert, offen, neugierig, über-ambitioniert, euphorisch – und nach Ausflügen in eine eher deutsch-berlinerische Stimmung ist hier (und auch das ist schwer in Worte zu fassen) fast überdeutlich wieder Frankreich zu spüren, was nicht nur die Farbgebung des Albumcovers betrifft, sondern auch die schiere Energie der Songs. Lizstomania sprüht als gut aufgelegter Synthfolk-Opener förmlich Funken und gibt den Beat für das Album vor –   mit Ausnahme der Soundtrack-artigen beiden Love is like a Sunset-Episoden geht wirklich jeder Track nach vorn, die Zeiten ruhigerer Töne sind anscheinend vorbei. Die perlende Energie von United ist hier wieder da – und auch die seltsamen Klangfusionen – doch zugleich wirkt die Vision des Albums klarer, weniger verspielt, so als habe der ursprüngliche Sound der Versailler Band sich mit dem Mathrock aus Großbritannien gepaart. Das Ergebnis – fugenfreier Discogitarrenpop -  ist eine neue Form von französischem New Wave, die auf dem Album mitunter zwar noch etwas steril und zu perfekt, zu luftdicht produziert wirkt, live mit etwas mehr Dreck aber sicher ziemlich grandios wirken dürfte. Wolfgang Amadeus ist ein Feuerwerk, eine künstlerische und kunstvolle Geste voller Energie, Musik als Skulptur zum Anhören und zum drumherumtanzendürfen. Vieles an diesem Album wirkt, als hätte das Quartett zu viel getrunken und zu lange seltsame Filme gesehen oder nachts durch Paris streifend in Museen herumgelungert – die Platte ist überdreht, hell, architektonisch, bombastisch, selbstverliebt, unbescheiden und fast mehr Designobjekt als alles andere. Mitten im Album der seltsame Bruch, nur um zu zeigen, dass man auch anders kann, die Makellosigkeit des Soundwände, und die über alle Tracks die ans Selbstzitat grenzende saubere Handschrift von Phoenix – man darf dieses Album auch einfach nur bestaunen und braucht fast etwas Zeit, um den Respekt abzulegen und die Musik wieder als Musik zu nehmen, nicht als hochpolierte Hyperkunst, in der selbst die Trashigkeit von Countdown noch kalkuliert und wohl abgemessen ist. Nach dem Berliner Trip in den Gitarrenfolk-Kosmos sind Phoenix am Ende ihrer Rundreise angekommen und können von jetzt an entweder für immer bei diesem Sound bleiben – oder bei dem nächsten Album wieder etwas völlig neues und anderes machen (was ihnen absolut zuzutrauen wäre). Im Moment ist allerdings schwer vorstellbar, diese Platte noch zu überbieten.

16. September 2009 07:35 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Tori Amos: Legs and Boots Montreal

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Man kann über Tori Amos denken, was man will, aber extravagant ist die Dame. Während ihre Studioalben in letzter Zeit etwas orientierungslos wirken und sich in seltsamen erzählerischen Experimenten verlieren, beweist Amos mit diesem Live-Experiment zu ihrer 2007er American Doll Posse-Show, wie schön man als (arrivierter) Musiker mit Formaten spielen kann, wenn man sich erlauben kann nicht nur kommerziell zu denken. Die Bootleg-Idee vergangener Zeiten auf das digitale Zeitalter übertragend, hat Amos bereits wenige Stunden nach ihren Shows in Kanada und den Vereinigten Staaten, exzellente Liveaufnahmen als MP3 verfügbar gemacht. Die gesammelten Alben sind – mit verschiedenen Coverzeichnungen, die die verschiedene von Tori miterdachten semi-mythologischen Figuren der American Doll Posse darstellen – unter anderem bei iTunes verfügbar. Da jede der Figuren das Konzert mit anderen Songs eröffnet, ist dabei durchaus auf den verschiedenen Alben für Abwechslung gesorgt, so dass die Idee multipler Liveaufnahmen auch für Leute Sinn macht, die nicht Konzerterinnerungen wollen oder Amos-Sammelfanatiker sind. Die Band um Tori Amos – Dan Phelps an der Gitarre, Jon Evans am Bass und der stets grandiose Matt Chamberlain an den Drums – zeigt sich mehr als spielfreudig und setzt die neuen wie die alten Songs punktgenau um. Wie schon auf dem Live-Teil von Venus and Back, strahlen manche Songs live wie neu poliert im Vergleich zu den alten, oft zu sterilen Produktionen, wirken weniger statisch, sondern werden von den drei herausragenden Livemusikern jazz-poppig aufgeladen und zur Perfektion geschliffen. Mitunter fällt live auf, im schlichteren Arrangement und ohne die Möglichkeiten von Studioproduktion, dass Amos kompositorisch relativ gleichförmig arbeitet und auch als Sängerin bei allen Atemtechnik-Tricks und Stimmsalto-Gimmicks doch stets recht selbstähnlich singt und insofern zwischen den rund 23  Tracks gern auch mal etwas Gemächlichkeit aufkommt. Dennoch erinnert Legs&Boots daran, warum Tori Amos eine Ausnahmekünstlerin ist, die einer Björk in Sachen Stimme, Exzentrizität und Kreativität kaum nachsteht – vor allem, wenn sie so wie hier die Balance zwischen ihren eher intimen Nummern und größeren, lauteren Arrangements so gelungen hinkriegt.

25. August 2009 09:47 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Suzanne Vega: Beauty and Crime

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Suzannes Vegas achtes Studioalbum hat fast sechs Jahre gebraucht, um zu entstehen. Eine lange, offenbar von persönlichen Umbrüchen geprägte Zeit, die man dem Album einerseits deutlich anhört, die sich in Klarheit und Zielstrebigkeit auszudrücken scheint, die andererseits spurlos an Vega vorbeigegangen zu sein scheint, deren Stimme und Songwriting unverändert wirken. Mit einem an Wild Thing erinnernden Riff eröffnet das Album für Vegas Verhältnisse recht Uptempo mit dem rückblickenden Zephyr&I, und der Opener setzt den durchaus poppigen Takt für den Rest des Albums, das mit Band und Streichern etwas dicker produziert klingt als Songs in Red and Gray von 2001, das Vega mehr zu ihren Anfängen zurückführte. Beauty & Crime wirkt dagegen poppiger, offener, optimistischer. Vega hat über die Jahre bewiesen, dass ihr musikalischer Kosmos relativ eng begrenzt ist, ist stets ihren Singer/Songwriter-Wurzeln treu geblieben und dieses Album ist keine Ausnahme – die Songs klingen bereits beim ersten Hören vertraut, weil man Vegas Harmoniefolgen und Gesangsphrasierungen einfach kennt – und es ist fast verblüffend, wie unverändert jung ihre Stimme klingen kann. Für eine zwanzig Jahre überspannende Karriere fast überraschend, im Guten wie im Schlechten, dass sich ein Künstler so wenig experimentell weiterentwickelt, sondern klar innerhalb bestimmter Parameter operiert. Die Produktion umgarnt ihre simplen Gitarrenmelodien mal etwas poppig, mal entspannt jazzy (Pornographer’s Dream), mal balladig (Anniversary) und mal sehr pur (Obvious question, Edith Wharton’s Figurines). Beauty&Crime reiht sich nahtlos in die Kette relativ selbstähnlicher, aber jeweils immer wunderbarer Alben von Vega ein,ohne bemerkenswerte Ecken und Kanten, ohne Lieder, die man sofort und für immer im Ohr hat, aber durch die Bank absolut hörenswert, sauber produziert und mit einer der schönsten Stimmen der Popbranche, die hier nah und unverfälscht zeigt, dass sie scheinbar alterslos und ganz selbstverständlich hohe Qualität halten kann, ihre Geschichten und kleinen Beobachtung immer noch perfekt erzählen kann. Vega legt hier ein seltsam kuscheliges Album vor, das vertraut klingt, aber nicht langweilig oder völlig berechenbar, das ein wenig kantenlos wirkt, aber keineswegs routiniert rausgehauen, ein Album, das seltsam nach einer in der Mitte angekommenen Suzanne Vega klingt, nicht ganz pur auf Gitarre reduziert, aber auch nicht so hochgeschliffen produziert wie Nine Objects of Desire. Jedes Album von Vega ist Teil eines Gesamtkanons, in dem bestimmte Elemente, Melodien, Brüche und Motive immer wieder auftauchen – und was ich bei vielen anderen Musikern langweilig oder ideenlos fände, macht bei Vega enorm Sinn, da von alten Songs wie Freeze Tag bis zu neuen Sahcen wie Bound die Musik nur Begleitung der halb gesungenen, halb gesprochenen Texte ist. Vega ist eine der wenigen Ausnahmen von Musikern, von denen ich das mehr oder minder immer nur minimal variierte Lied immer und immer wieder hören kann.

21. August 2009 07:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Metric: Fantasies

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Perfekte, radiotaugliche Popmusik ist offensichtlich das Ziel von Metric auf dem vierten Studioalbum nach dem Soloerfolg von Emily Haines, und dieses Ziel erreicht die Band mit erschreckender Zielsicherheit. Weniger krachig als zuvor, glatter ber nicht konturlos glatt produziert, zugeschnitten auf die Stärken der Sängerin bringt das Album mit Help I’m Alive einen der besten Strophenaufbau des letzten Jahres (auch wenn der Refrain leider nicht mit der Gewalt der Strophe mithalten kann), und auch ansonsten eine schnell in die Füße gehende Mischung aus Elektronik und Gitarren (Satellite Mind), der es zwar am letzten Druck fehlt, die aber durch den mal naiven, mal lasziv-androgynen Gesang von Haines immer hervorragend geprägt ist. Die charmanten Analogsounds verleihen den Songs Wärme und Tiefe (Twilight Galaxy) und unterstreicht zugleich den leichten New-Wave-Touch des Albums. Wie so viele Bands verlieren Metric von Album zu Album mehr von ihrer ursprünglichen rohen, ungeschliffenen Authentizität und werden mehr und mehr zu einem Design-Produkt, das Stück um Stück optimistische Uptempo-Songs herausperlt. Einerseits ist es ein bisschen traurig, die Band so forciert in Richtung kantenlosen Pop marschieren zu sehen, andererseits ist Fantasies einfach ein niedliches Album, bei dem mich meist nur die Gitarren etwas nerven, die Platte hätte eigentlich einen Hauch besser mit Sundays-Artigen synkopischen Delay-Gitarrenspinnweben geklungen statt den etwas stumpfen Stadionrock-Riffs, die uns James Shaw auf die Ohren drückt. Alles in allem sind Metric mit diesem Album auf dem Weg zum Top-Ten-Act, und man hat fast Angst, dass das nächste Album dann endgültig nach Cardigans oder Texas oder anderen Poprockgirlbands klingen kann. Wie es ist, zeigt Fantasies aber eine Band am Tipping Point zwischen Indiebefindlichkeit und gefälliger Popmusik – und es gibt nun wirklich schlimmeres, als genau an dieser so diffizilen Bruchstelle ein fast durchgehend schönes Album vorzulegen.

20. August 2009 10:12 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Röyksopp: Junior

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Svein Berge und Torbjørn Brundtland sind im Pop angekommen, endgültig. Ihr drittes Studio-Albumknüpft an den Welterfolg von What Else is There an und lässt frühere Downbeat-Eskapaden, vertrackte Beats und verträumte Synths hinter sich. Hört man Meldody A.M., gibt bestenfalls Poor Leno eine vage Ahnung auf den hyperpolierten Sound von Röyksopp 2008, einem Mainstream-Album, auf das die Pet Shop Boys stolz gewesen wären und das Air hoffentlich nie in dieser Klarheit produzieren. Junior ist – durchaus im besten Sinne -  ein smartes, gut produziertes, flirrend-glitzerndes Discokugel-Monster, bei dem Berge und Brundtland sich von den angesagtesten Stimmen der Branche – Robyn, Lykke Li und Karin Dreijer-Andersson – unterstützen lassen und zugleich mit Anneli Drecker wahrscheinlich eine neue Stimme weltweit bekannt machen dürften. Es ist ein Album voller potentieller Auskopplungen, voller Hits, die nur auf Remixing warten, mit deutlich mehr Upbeat als jemals zuvor. Tracks wie Tricky Tricky klingen so gar nicht mehr nach den «alten» Röyksopp – aber durchaus nicht zum Nachteil der Band. Es ist selten, dass eine Combo so erfolgreich aus der alten Wäsche tritt und sich komplett neu erfindet, und dennoch irgendwie bei sich bleibt. Die Entwicklung auf Junior ist nur folgerichtung und durchaus passend zu dem, was nach The Understanding für die Band passiert: Raus aus dem Wohnzimmer, rauf auf die Bühne, rein in die Dancehalls. Röyksopp schütteln den Märchenstaub ab und werden von der introvertieren Frickelband zum schnellen skandinavischen Pop-Export, gnadenlos auf  weltweiten kommerziellen Erfolg programmiert. Dass die Musik dabei oft so zusammengeholpert wirkt wie das Albumcover, dass in all dem Geblubber und Geblase oft keine wirkliche Musik entsteht, sondern nur eine Melange dessen, was halt gerade in den Discos funktioniert, dass kantenloser Kommerz keine langfristige Zukunftsoption ist, dass Tracks wie You don’t have a Clue schon mehr als jenseits der Schmerzgrenze liegen, scheint dabei keine Rolle zu spielen. Junior ist ein perfektes Popalbum, aufgeblasen, bombastisch, massenkompatibel, zu eilig für ruhige Momente wie etwa Silvercruiser.Vielleicht spiegelt dieses Album einfach also nur den Umbruch im Leben von Musikern wieder, die plötzlich zu lange in zu lauten Discos rumhängen, feststellen, dass ihre Tracks live nicht so recht funktionieren und mehr Pep brauchen, die zu lange in Tourbussen rumsitzen und zwischen Langeweile und Hyperaktivität gefangen sind, denen allees zu glitzy, zu oberflächlich und zu aufgesetzt erscheint. Denn genauso ist Junior, ein Album wie ein Kommentar zum Leben als Popstar – grell und unecht und immer mit einem feinen Drogennebel überzogen, gezeichnet von Klängen, die aufblitzen wie Fische unter Wasser und schon wieder wegtauchen, von unterbewussten Bässen,von flirrenden Pads, von sirrenden Melodien, und eben auch von so viel Hall, der alles auf Distanz hält und weichspült. Es ist ein Album aus dem Nebel, aus dem Rausch, aus der Tiefe. Es ist das Torkeln nachts um halb fünf durch neonbeleuchtete Straßen. Junior ist zugleich das nahtlosperfekte Massenwarenregalprodukt für die Massen und der Meta-Kommentar zu eben diesem Dasein als Produkt in der Popindustrie. Die in der oft in Richtung Kylie/Madonna abdriftenden Discopopsuppe aufblitzenden kleinen Geniegriffe legen nahe, dass die durch und durch synthetische Popblase, die das Duo aufspannt, einen ironischen Unterboden haben könnte, dass Pop hier zum Selbstzitat wird und sich so entlarven will, dass man eben absichtlich ein Album produziert hat, mit dem man ich als Produzenten der nächsten Madonna-CD empfiehlt. Röyksopp nehmen hier ihren Weichspülersound, dessen Kantenlosigkeit sich schon immer für Werbefilmchen empfahl und treiben das Spiel auf die Spitze – entweder um endgültig zum Kommerzakt aufzusteigen, oder als Form von satirischer Sebstbespiegelung. Für eine Antwort auf diese Frage, die man sich zwischen Faszination und Sorge stellt, wird man wohl das nächste Album abwarten müssen.

20. Juni 2009 10:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 3 Antworten.

U2: No Line on the Horizon / Live from Paris

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U2 sind eine der wenigen Bands, die seit der Gründung 1976, in unveränderter Besetzung, mit relativ gleichem Sound und mit seit langer Zeit sehr durchgehendem Erfolg dabei sind, vielleicht der letzte echte Dinosaurier der Spätsiebziger, sicher der allerletzte, der noch Stadions füllt. Ein solcher Status ist für eine Band ein tödlicher Cocktail, Experimente werden von den Oldschool-Fans abgelehnt, aber U2s Klangwelt lädt auch nicht zu Stillstand ein, die Songs sind kompositorisch einfach zu selbstähnlich. So ist es kein Wunder, dass U2 in den achtziger und neunziger Jahren ihren Sound mit Hilfe von Produzenten wie Brian Eno und Daniel Lanois konsequent ausgebaut haben, mal vorsichtig nach Peter-Gabriel-Elementen griffen, mal nach Gospelsounds, mal nach Bombast, mal nach Elektronik, um schließlich mit dem Passenger-Projekt an dem Punkt angelangt zu sein, wo die Band selbst glaube, so anders zu klingen, dass ein Album nicht mehr unter dem eigenen Bandnamen erscheinen kann. So weit gerannt, wie sie nur konnten, stand U2 seitdem seltsam im Limbo und bereits das letzte Album, das vor bereits vier Jahren erschienene How to dismantle an Atomic Bomb, klang insofern ein wenig so, als hätten sich Bono, Edge, Larry und Adam eingeschlossen und alte Platten gehört, klang etwas nostalgisch.

Fünf Jahre später zeigt sich U2 auf No Line on the Horizon als Band im Limbo. Wie David Bowie hat sie die experimentelle Phase abgeschlossen und begnügt sich nun damit, zu existieren. Man ist versucht zu raten, wie welcher Song in das Tourneeprogramm der Band zwischen alte Songs passen wird, die Tracks sind alle sehr stadion-tauglich, und verzweifelt dabei, weil jedes Lied vage nach einem alten U2-Song zu klingen scheint. No Line on the Horizon ist ein Best-of-Album mit neuen Songs, die oft gefährlich an eigenen Coverversionen entlang schliddern, was zum einen irgendwie schön nostalgisch ist, man ist sofort in den Tracks drin, weil sie wenig mehr tun, als Erinnerungen an andere Nummern auszulösen, aber zum anderen natürlich irgendwie wenig. Das Album ist makellos produziert, vielleicht ein wenig zu makellos für die Musik, die U2 eigentlich machen. Viele Tracks erinnern vage an Joshua-Tree/Rattle&Hum-Zeiten. Wo Atomic Bomb eher auf Boy und War zurückgriff, wird jetzt die epische Phase der Band aufgewärmt, das Lanois-Feeling in Moment of Surrender ist so stark, dass man sogar fast glaubt, eine vergessene B-Seite zu hören. Der Unterschied ist, dass Bono heute betont auf mitsingbare (mitgröhlbare) Refrains achtet, die – wie bei Unknown Caller – eher anstrengend sind, die Chorus-Lines wirken wie vorprogrammiert, wie überhaupt dem Album irgendwie ein greifbares Herz fehlt. No Line ist ein perfektes Popalbum, das aber seltsam unehrlich, wenig intim und aufrichtig wirkt, keinen Raum für Fehler hat, in jeder Hinsicht auf Nummer Sicher geht und insofern eigentlich gar nicht existieren müsste. Es ist, als schreibe ein berühmter Autor auf Autopilot ein neues Buch, das nur aus Versatzstücken alter Romane besteht, alten Dialogzeilen, alten Plotwendungen und dem stets gleichen Denouement. Anders gesagt: No Line on the Horizon wird mit jedem erneuten Hören einen Tick langweiliger.

U2 sind also auch nach fünf Jahren Pause immer noch da – vielleicht  nur verständlicherweise  – wo andere Megabrand-Bands wie die Stones oder Depeche Mode seit langem sind: Musik ist Arbeit und Plattform für andere Dinge. Neue Alben sind – absurderweise gerade bei Bands, die die finanzielle Sicherheit hätten, mit jedem Album mutiger zu werden – nur Schaltmomente der eigenen Verwertungskette von Album, Promo, Tour, Sponsoren, Nachverwertung. Entsprechend wir, wie bei allen großen Marken, wie bei BMW aber auch bei McDonalds, das Produkt nur noch minimal variiert, gerade genug für ein wenig Aufmerksamkeit, aber im Kern ist kein Raum mehr für Innovation. Musik als Produkt ist Musik in Bernstein gegossen.

Auffallend und gravierend wird der Unterschied erst, wenn man sich alte U2-Songs anhört, wie etwa das exklusiv bei iTunes erhältliche Live from-Paris, 2008 erschienen, auf dem das legendäre Konzert von U2 im Hippodrome de Vincennes 1987 festgehalten ist. Was auf No Line Selbstimitat ist, ist hier noch unverfälschtes Original. 1987 war ein zentrales Jahr für U2, der Umbruch von dem härteren Sound alter Songs, die Fortsetzung der neuen Richtung von Unforgettable Fire, der große Durchbruch mit Where the Streets have no Name und With or Withour You, der Wechsel vom Indieact zur Megaband. An genau diesem Bruchpunkt festgehalten, mit den Klassikern im Gepäck, die man noch von von Under a Blood Red Sky live kennt, aber eben auch mit den fragileren neuen Nummern, wirken U2 professionell und bühnenerfahren und dennoch aufgekratzt, von dem eigenen Erfolg berauscht. Die Band bereist die Welt und erlebt viele der auf Rattle and Hum festgehaltenen großen Momente, verändert sich, bereist Amerika mit 110 Gigs, treten mit Sinatra auf, werden groß. Mitten drin die Europatour, tagelang ausverkaufte Hallen, Arenen, eine Band, die routiniert, aber noch nicht stumpf ist.

Es ist immer unfair, ein U2-Livealbum mit einem Studioalbum zu vergleichen, die Band ist live unendlich energetischer als im Studio, aber dennoch macht der direkte Vergleich unschön deutlich, wie sehr in den letzten zwei Dekaden die Luft aus der Band verschwunden ist. Trotz der massiven Tour wirkt die Band kein bisschen müde, eher aufgekratzt und wuchtet ein im Rückblick nur als wirkliches Best-of zu bezeichnendes Konzert heraus, in dem aber (vielleicht weil der Backkatalog noch nicht so erdrückend groß ist wie heute) noch Raum ist für kleine ruhige Momente wie MLK oder October, für plötzliche Coverversionen und für eine energiegeladene Version von Exit, für Lieder jenseits der reinen Hitlisten also. Noch weit entfernt vom Selbstzitat präsentieren U2 mit den einfachen Mitteln ihrer drei Musiker und ihrer begrenzten Ausdrucksmöglichkeiten eine Klangwelt, die ehrlich und frisch wirkt, und Bono als Frontmann ist noch weit weit entfernt von der Parodie, wirkt in seinem Pathos noch glaubhafter, nicht ganz albern. U2 ist noch nicht völlig zum Bestandteil in einer Kette von perfekten Midiclocks geworden, die allabendlich für verlässliche Shows sorgen, die Durchhänger ebenso ausschließen wie Höheflüge, sondern einfach die Animatronics, wie ein Musical halbautomatischer Puppen immer und immer wieder funktionieren. Wo die Band heute externen Stimulus braucht – exotische Aufnahmeorte, Experimente mit Rick Rubin, um am Ende doch nach Dublin/London und zu Brian Eno und Daniel Lanois zurückzufinden – ist sie auf Live from Paris noch vor Energie berstend auf der Bühne, hellwach. es gibt wenig erschreckenderes, als die beiden Alben relativ direkt nacheinander zuhören, No Line wirkt wie ein schwaches Echo, wie alte Kicker, die nochmal auf den Platz gehen, um ein legendäres Match nachzuspielen, aber einfach nicht mehr so schnell, nicht mehr so strahlend sind wie früher.

Man kann einer Band nicht vorwerfen, wenn sie «ihren» Sound gefunden hat und dabei bleibt, oder wenn sie Musik nicht mehr aus Leidenschaft betreibt, sondern weil das eben irgendwie das ist, was man tut, was man ist. Bands wie die Beatles oder Police haben den Absprung geschafft, bevor sie in diesen Kreislauf gekommen sind, die länger überlebenden Formationen haben diesen Luxus einfach nicht. Und U2 sind sicher noch um einiges besser gealtert als etwa andere Acts der gleichen Altersklasse, wie die Simple Minds, Cure oder Depeche Mode. Aber ein etwas schaler Nachgeschmack bleibt bei dem neuen Album, weil eine Band, die sich lange Jahre von Album zu Album weiter entwickelt hat, auf einmal so zufrieden mit dem eigenen Sound ist., dass sie stehenbleibt. No Line on the Horizon bedeutet eben vielleicht für U2 auch, dass es nichts mehr zu entdecken, nichts mehr zu erobern gibt, dass es keine Zukunft mehr gibt.

19. Juni 2009 09:06 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Wendy and Lisa: White Flags of Winter Chimneys

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Wer hätte das gedacht? Fast eine Dekade nach dem letztenAlbum von Wendy Melvoin und Lisa Coleman erscheint mit White Flags of Winter Chimneys ein neues Lebenszeichen, das fast nahtlos an Girld Bros anschließt. Die beiden Musikerinnen, die meiner Meinung nach zutiefst verantwortlich für den frühen, weniger funklastigen und experimentelleren Sound von Prince bis circa Cherry Moon waren, sind inzwischen hauptsächlich als Soundtrack-Produzentinnen tätig (u.a. Heroes Season 1), und das hört man dem neuen Album wohltuend an. Die Tracks sind balladenlastig, langsam, dicht, malerisch und ähnlich buntverschwommen wie das Coverartwork suggeriert. Sweet Suite etwa ist in jeder Hinsicht cinematographisch, ein fast 9 Minuten langer musikalischer Film, der sich mit düsteren Akkorden und typischen Lisa-Harmoniefolgen, die an Tracks von Eroica  erinnern als idealer Schlusspunkt des Albums anbietet, zumal er die Motive des ersten Tracks Balloon 1:1 aufgreift und einfach nur aus dem eher upliftig spirit des Openers eine Art Nocturne gewinnt. Insgesamt bleibt das Album ruhig, mature, selbst ein scheinbar schnellere Track wie Invisible bleibt unaufgeregtes Singer/Songwriter-Handwerk. Schillernd und zugleich zurückhaltend produziert ist White Flags kein aufregendes oder neues Album, sondern eher eine Art distillierter Essenz der Arbeit von Melvoin und Coleman, kleine psychedelische Aquarelle, die die gewohnte dichte Gitarren und Keyboardarbeit der beiden mit dicht verwobenen Gesangsstrukturen und nahtloser Produktion verbindet. Das Duo hat nach der Trennung inzwischen scheinbar zu neuen festen Beziehungen gefunden und präsentiert sich gefestigt, musikalisch wie persönlich, mit diesem Album als eine Größe in der Popwelt. Die Songs navigieren feingliedrig zwischen Melodrama, Psychedelia, Rock und Pop, sind nie einfach eingängig und wirken eher erst nach mehrfachem Hören, wirkentrotz mitunter bombastischer Produktion immer fast ätherisch und selbst eher flache Rocknummern wie Salt&Cherries (MC5) zeigt, was dieses Album ausmacht: Es ist eine Quintessenz durch die Karriere von Wendy und Lisa, fasst den typischen Sound des Duos griffig zusammen und entwickelt ihn aber zugleich weiter, obwohl jeder Track zurückgreift auf die kompositorische Erfahrung von zwei Dekaden,klingen die Lieder selten altbacken – und das, obwohl sie keineswegs modern sein wollen. Zusammen betrachtet ist das Album in dem leichten Oszillieren, dem Up und Down der Songs, wunderbar zusammengestellt, ein sehr tightes, geschlossenes Werk, das dem Werkkatalog der beidem Musikerinnen nicht viel überraschend Neues hinzufügt, die aber zehn Jahre nach dem letzten semi-offiziellen Album gleichzeitig gewachsen und in sich ruhend zeigt. Was will man mehr? Vielleicht ein paar Prince-Alben, die diese Qualität hätten.

5. Juni 2009 07:24 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Whitest Boy Alive: Rules

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Nachdem ich das erste Album über den grünen Klee gelobt habe, ist die zweite Scheibe eher eine durchwachsene Freude. Schon das Cover-Artwork macht klar, dass Erlend Oyes Projekt hier bei den Wurzeln bleibt – minimales Low-Tech-Soundgerüst aus Gitarre, Bass, Schlagzeug, diesmal deutlich verstärkt von den schon live sehr präsenten Daniel Nentwig an den Keyboards. Wo Dreams aber eher in die Richtung der frühen Cure ging, eine Richtung die man in ihrer Reduktion und recht klaren Hommage auch zu Recht nicht mehr als ein Album lang verfolgen kann, wirkt Rules wie eine Art sanfte Umorientierung, wirkt funkiger, erinnert mehr an eine Art minimalistischen George Benson, hat mehr 70s-Flair. Die Tracks wirken weniger gerade, sind synkopischer angelegt, grooven bei aller Reduktion mehr. Und da Sebastian Maschat und  Marcin Öz ja ohnehin schon eine stets recht tanzbare Drum/Bass-Combo hingelegt haben, gelingt das über weite Teile des Albums auch eigentlich. Courage ist durchaus ein Track, der Spaß macht. Ein kleines Problem, nicht zuletzt der kleinen Besetzung geschuldet, ist allerdings, dass die Musiker zum einen spielerisch nicht das breite Talent von 70s-Musikern besitzen und Oye einfach kein George Benson ist und an den stets gleichen Gitarrenriffs klebt – so dass nie wirklich ein relaxter West-Coast-Laid-Back-Groove entsteht, sondern das ganze eben doch stets nach sehr deutscher Arbeit klingt. Die Idee, eine Art live produziertes Dance-Album zu machen, scheitert auf Album-Länge betrachtet an Tracks, die zu ähnlich klingen, die wenig dynamischen Umfang bieten, und trotz schöner Momente letzten Endes doch immer hart am Rande des etwas belanglosen Dahinplätscherns bleiben. Rules verliert – obwohl auf den ersten Blick frappierend gleich klingend – gegenüber Dreams ein wenig an Unschuld und an Niedlichkeit, Tapsigkeit, und dieser fast nicht fühlbare Verlust macht das zweite Album deutlich schwächer. Nicht nur, weil sich die Tracks auf Rules noch stärker zu wiederholen scheinen, noch gleichförmiger wirken als auf dem Vorläufer, sondern vor allem, weil es Tanzmusik ist für Leute, die ihren Hintern nicht bewegen wollen. Formal werden Blues und Funk, Jazzelemente und Grooveläufe zitiert, aber in Wirklichkeit bleibt die Musik stets unter Zimmertemperatur, kopflastig, eine Art studentische Analyse von Dance, aseptisch. Wo selbst der bravste 70s-Funk à la Deodato überbordend und grell ist, bleibt bei The Whitest Boy Alive alles eben sehr monochrom, sehr loungy, leise Musik, zu der man nicht tanzt, sondern leise über Probleme redet, natürlich bei Milchkaffee statt Cocktails. Dazu kommt, das Erlends ebenfalls sehr einfarbiger, atonaler Gesang, der sehr schnell auch einlullend wirkt, perfekt zu dem Cure-Clone passte, aber so gar nicht zu funkigeren Stevie-Wonder-Beats – und die Mischung dem sensiblen Selbstbespiegelungsgesang der Hipstergeneration und einer reduktionistischen Herangehensweise an Funkmusik wirkt unterm Strich eher unfreiwillig fußlahm. Schon Dreams war oft an der Konsensmusik, aber Rules ist endgültigdie Musik, die sich der/die Neon-Leser(in) mit dem generationstypisch angeknacksten Selbstvertrauen beim Fertigmachen für die Disco anhört. Es ist ein Album, über das man eigentlich nicht streiten kann, weil es nett und schmalschultrig daherkommt, schüchtern und sympathisch, etwas unbeholfen in der Ecke tanzend, aber meist in der Ecke sitzend. Obwohl einzelne Songs durchaus tolle Momente haben, obwohl die Produktion weitgehend fettfrei daherkommt, obwohl man an der Sanftheit des Gesangs und der abgeklärten Instrumentierung unweigerlich seine Freude haben muss und die Liebe der Band zu spüren ist…  ist Rules – vor allem am Stück gehört – leider eher langweilig, zu geschmeidig, zu seidig. Perfiderweise hatte Dreams noch Ecken und Kanten, die die Tracks greifbar machten, aber die spürbar gereifte Band des zweiten Albums bietet trotz des Liveflairs der Aufnahmen wenig, woran man sich als Zuhörer festhalten kann, das Album wirkt rund und zugleich rundgelutscht. Zugleich zeigt es, dass die Band an der Grenze ihrer Möglichkeiten in einem vielleicht zu engen Gerüst operiert – vergleicht man den Sound eben mit frühen Cure oder sogar frühen Police, wird klar, dass auch minimale Besetzung und simple Produktion mehr Abenteuer, mehr Epos, mehr Emotion zulässt, als es auf diesem zu abgeklärten, zu smoothen Album der Fall ist. Am Ende fehlt es Rules einfach an dem, was die Musik, die die Band zu spielen vorgibt, ausmacht: Lust.

2. Juni 2009 06:41 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Anna Ternheim: Leaving on a Mayday

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Das «Leaving» im Titel ist wörtlich zu verstehen – die schwedische Sängerin Anna Ternheim hat dieses Album in New York aufgenommen und läßt nicht nur ihre skandinavische Heimat hinter sich, sondern auch ein Stück ihres alten Sounds. Mit der großen Stadt kommt auch ein größerer Sound auf, der bereits ihr letztes Album prägte. Seltsamerweise erinnere ich mich an Interviews, in denen Ternheim an diesem melodramatischen kommerziellen Strings-and-Drums-Teppich für ihre Lieder Kritik äußerte und zudem einige Tracks bewusst abgespeckt mit Gitarre und Klavier anbot… wieso dann auf dem nächsten Album noch einen Schritt weitergehen und eben streckenweise völlig auf die Gitarre verzichten? Von den Jazz-/Folkanklängen ihrer alten Alben ist nicht mehr viel übrig, die Musikkulisse erinnert – zum Guten wie zum schlechten – an Marc Almond, da wird gegeigt und getrommelt, was das Zeug hält und das nicht immer zum Vorteil der Komposition. Erst im vierten Stück gewinnt das Piano langsam die Oberhand wieder, obwohl auch hier eine fast hektische Grundstimmung herrscht.

Erst ab No I don’t remember scheint es eine Art B-Seite des Albums zu geben, einen deutlichen Bruch, in dem die Gitarre zurückkehren darf, immer noch von Streichern, Keyboards und (etwas dezenteren) Drums begleitet. Summer Rain bringt einen Ruhepunkt in das Album, ohne den Zuckerguß der Überproduktion und das erste Mal hat man das Gefühl, die Stimme der Sängerin wieder hören zu können, das erste Stück, das authentisch klingt. Auch Losing you, Off the Road (mit etwas so grundsympathischen wie Spielfehlern auf der Gitarrenspur!)  und das finale und massiv nach dem ersten Album klingenden Black Sunday Afternoon klingen einen Hauch Band-orientierter, nicht so sehr für Orchester gemacht. Es ist , als wolle die Sängerin bewusst auch ihr altes Publikum mitnehmen, niemanden vergraulen. Hey schaut, ich bin immer noch das Mädchen, das zur Zupfgitarre singt.

Anna Ternheim bleibt der bipolaren Stimmung ihrer Musik treu, die sich schon auf dem zweiten Album andeutete – ihre düsteren Songs packt sie mal in eine kleine Besetzung, mal in das große Exoskelett eines deutlich bombastischeren Sounds. Das hat ein bisschen etwas von «für jeden etwas dabei», was meist bedeutet, dass für niemanden wirklich etwas dabei ist – die Musik wirkt nicht (wie etwa bei Björks ja auch nur auf Strings und synthetische Drums reduzierten Homogenic-Album oder wie bei den frühen Portishead, die auch größtenteils aus Beats’n'Strings bestanden) entschieden und eindeutig, obwohl sie es bei dieser ungewohnten Besetzung ja durchaus sein könnte, sondern eher abgeschliffen und brav. Keines der Lieder – und hier unterscheidet sich Leaving on a Mayday dramatisch von den beiden Vorgängeralbem – bleibt bei aller Qualität im Kopf hängen, trotz aller Mühen und der opulenten Kraft von Schlagzeug und Streicherkaskaden bleibt die Angelegenheit etwas farblos. Was tanzbar sein soll, geht in zu eindimensionalen Arrangements unter, was Gefühle wecken soll, erstickt im Zuckerguss. Kaum einer der Songs auf diesem Album hat die Blümchentapete-Behandlung verdient, die ihm Björn Yttling hier zuungute kommen lässt. Es gibt auf Youtube eine Vocals-only-Version von Summer Rain, die drastisch deutlich macht, das dieser eh zu den besseren Songs des Albums sein auch in einem innovativeren Arrangement großartig hätte sein können, indem man einfach die Produktion drum herum wegnimmt, was sicher nicht im Sinne des Erfinders ist…

Die Stimme, am Ende, reisst es natürlich heraus. Ternheims mal kindlich-naive, mal rauchig-laszive Stimme, die die strukturell stets etwas gleichen Songs zusammenhält, veredelt, rettet, verzaubert, erzählt, nöhlt, wispert und kann sich auch in den lauten Stücken halbwegs durchsetzen. Es ist verständlich, dass Ternheim ihre stets etwas selbstidentischen Kompositionen durch Änderungen der Produktion, der Einbettung, zu erweitern und variieren versucht – und der Versuch ist ehrenwert und richtig. Generell ist es natürlich gut, dass Anna Ternheim sich bisher mit jedem Album einen Hauch anders präsentiert. Die sehr deutliche Zweiteilung auf Leaving on a Mayday, das offensichtliche Gefangensein zwischen zwei Klangwelten, ist jedoch eher erschreckend. Man mag das als Abwechslungsreichtum empfinden – und es ist sicher besser als bei nur einer der beiden Welten zu verharren -, aber insgesamt wäre man nicht überrascht, wenn das vierte Album auf einmal elektronischer klingen würde. Ternheim sucht «ihren» Sound und allein diese Suche ist es natürlich wert, Sympathie für die Sängerin und ihren dritten Longplayer zu empfinden, zumal die Platte in ihrer oft seltsamen Produktion sicher auch nicht völlig an den Mainstream angepasst ist. Schade ist es einzig und allein um das größere Potential, das unter der unentschiedenen Produktion verborgen bleibt. Auch bei Irrwegen ist Ternheims Wunsch, nicht einfach nur ein weiteres Gitarren-Mädchenmusik-Ding zu sein, greifbar und richtig. Insofern bleibt zu hoffen, dass sie beim vierten Album nicht auf dem Melodrama-Sound der letzten beiden Alben hängen bleibt, sondern weiter ihren Weg sucht.

13. Mai 2009 07:44 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Robyn: Robyn

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Robyn ist das, was du «guilty pleasure» nennen darfst. Obwohl du zumindest befürchten darfst, dass Robyn vielleicht im Grunde eine Trittbrettfahrerin ist (immerhin hat sie in den 90ern eher glattgebügelten Pop produziert, andererseits war sie da fast noch ein Teen) und – wenn sich mit ihrem aktuellen Sound kein Erfolg einstellen würde – sofort irgend etwas anderes machen würde, vertraust du ihr und ihrem Konichiwa-Plattenlabel irgendwie trotzdem. Obwohl ihr Sound nicht gerade sonderlich neu oder provokat ist, bohren sich Track wie Cobrastyle mit ihrer stupiden 1-Pattern-Sequenzerlogik in deinen Kopf. Obwohl die Tracks auf «Robyn»nicht gerade homogen sind, und von einer seltsamen skandinavisch-kalten Fassung von GwenStefani/Missy-Elliot-Feeling (Konichiwa Bitches) über seltsam Prince-artige Tracks (Should have Known) bis zu chartskompatiblen Mainstream heruntergehen (With every Heartbeat), ist das vierte Album der Schwedin nach über fast vier Jahren (das Album erschien 2005 in Schweden) immer noch überraschend frischer Pop, der sich besser gehalten hat als so manches ambitioniertere Album. Das liegt vor allem an der Rotzigkeit, mit der Robyn die Platte produziert hat, die immer ein wenig roh und unfertig wirkt, eine seltsame Melange der Britney-Spears-Einflüsse der vorherigen Robyn-Alben, mit einem Schuss HipHop und etwas Electroclash. Die Melange, die natürlich hochkommerziell an vor zwei Jahren in den Clubs drehende Trends anknüpft, entpuppt sich nach mehrfachen Hören als Popalbum, das gerade genug Ecken und Kanten hat, um nicht seifig zu wirken. Die aggressiven pseudotaffen Text, die etwas mißlungene und gerade deshalb großartig parodistisch gelungene Art-Pop-Pose des Covers und des Gesamtstylings des Albums, die wirklich liebenswert-miserablen Raps, der unterkühlte Antisex der Stimme – das ist Pop, wie er sein muss. Ein wenig zu pompös, ein wenig zu zitatenlastig, ein wenig zu Mix-and-Match, aber auf eine seltsame Art eben doch perfekt in der Balance. Zu cool, zu posernd st die Scheibe und trotzdem so niedlich, dass du sie mit nach Hause nehmen und mit Hooklines aus der Dose füttern willst. Robyn entpuppt sich als seltsames Wunschkind von Robert Görl und Kylie Minogue, ihre vierte CD seltsamerweise als ein Hybid aus einer Art Debutalbum, dass sich anfühlt wie ein Best-of-Album, vielseitig, schillernd, oberflächlich, tief und vor allem ein Riesenspass – und viel mehr als die grinsende Fröhlichkeit und All-Night-Long-Attitude, mit der Robyn sich hier präsentiert, braucht es vielleicht auch nicht, um das Album zu lieben.

15. April 2009 08:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . 2 Antworten.

Franz Ferdinand: Tonight

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Mehr Disco, haben die schottischen Art-Britpopper um Alex Kapranos anscheinend gedacht – und um jeden Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieses Ansatzes beiseite zu fegen, haben Franz Ferdinand ihrem dritten Studioalbum nach vier Jahren Pause gleich ein Dub-Remix-Bonusalbum beigelegt, auf die eigentlichen Tracks bis zur Unkenntlichkeit dekonstruiert werden und das im Grunde mitunter spannender daherkommt als das Mutterschiff Tonight, das sich eben in reguläreren Song-Gewässern bewegt. Denn trotz der Selbstsicherheit, mit der Franz Ferdinand ihren Gitarrensound ausbremsen, langsamer werden, konzentrierter, auf Synths und Drumcomputer zugreifen, bleibt Tonight absolut ein Franz Ferdinand-Album. Tanzbar, smart, ein bisschen unsicher wie der Typ an der Bar, der versucht, cool zu posen und doch nervös wirkt. Es wirkt mitunter, als sei über eine Art Ferdinand-in-Zeitlupe-Sound ein Tortenguss aus dicken Retro-Synths gelegt worden, der echte Richtungswechsel, als der Tonight angekündigt war, ist das nicht, der Moshbeat ist immer noch in den Stücken – gottseidank, eigentlich. Die zackigen Highspeed-New-Wave-Beats von You could have it so much better und Franz Ferdinand sind durch ein Downer-Bad gegangen, runtergebremst, Zeitlupe, raus aus den Londoner Clubs von 1979, rein in die New Yorker Studio-54-Discos der 80s, mehr Gel in den Haaren, mehr Glam, mehr Blondie, mehr Talking Heads, mehr Roxy Music. Die Synths von Songs wie Twilight Omens oder Live Alone sprechen Bände. Kapranos sieht auf dem Weegee-artigen Cover ja nicht ohne Grund ein bisschen wie Bryan Ferry. Bei alledem geht das enorme Talent der Herren aus Glasgow für Hooklines nie verloren, es ist nur verfeinert. Ulysses dürfte insofern die Band endgültig in den Mainstream heben und auf zukünftigen Best-Of-Alben ebenso vertreten sein wie No Girls. Tatsächlich wirken nahezu alle tracks auskoppelbar, wenn auch mal an der Grenze der Belanglosigkeit (Send him away). Mit studentischer Gründlichkeit wird der Dancefloor der frühen bis mittleren 80er analysiert und neu mit dem eigentlichen Sound von Franz Ferdinand amalgiert. Das Ergebnis ist eine Musik, die tatsächlich frisch und etwas anders klingt, und sich doch treu geblieben ist – eine Hürde, an der viele Bands scheitern, die entweder ihrem eigentlichen Sound nie ganz entwachsen oder sich in Experimenten verlieren und den magischen Funken verlieren. Von beidem kann hier keine Rede sein, die Souveränität und zeitgleiche Spielfreude, Direktheit ist immer greifbar. Tonight wirkt fast wie ein Konzeptalbum, der Soundtrack der urbanen Jugend, die sich mit Musik für die Nacht aufputscht, tanzt, zu viele miese Drogen und gepantschte Biere trinkt, bis zuletzt mit den Armen in der Luft Party macht (Can’t Stop Feeling und das wie ein Drogenrausch verebbende TB606-Ende von Lucid Dreams), bis die Musik abgedreht wird und man einsam und betrunken durch die flüsterndmagische Nacht heimgeht (Dream Again) um am Ende verkatert beim Come-Down am nächsten Nachmittag Johnny Cash zu hören (Katherine Kiss Me).  Die eigentliche Leistung des Albums ist aber, dass es darunter eine seltsame Trockenheit hat, eine Oberflächkeit, ein (hoffentlich) ironisches Posertum, eine aufgeschminkte Attitude, die Suggestion von Drogen und Sex und durchgemachte Nächten, aber ebenso offensichtlich inszeniert wirkt wie das Albumcover, ein hämischer Selbsthass, der die Teenieindiepophymnen durchwebt. Dieser Mix aus pulsierender Energie und Frustration, zwischen dem ausgeputschten Sextrieb und Leere, zwischen Discobeats und verhallter Gitarre, zwischen Egotismus und Selbstverachtung, bringt ultimativ das Pop-Lebensgefühl einer hedonistischen und zugleich allein gelassenen MySpace-Hipster-Generation auf den Punkt. Eine Müdigkeit, ein Abfinden damit, dass man den eigenen Sound nicht ändern kann, nur noch Einflüsse neu re-arrangiert wie Möbel in einer zu großen Loft, Zitate in einem Hypertext, der alles zulässt und nichts ermöglicht. Unter der Lebensfreude des Albums gähnt eine entsetzliche Leere, und ich möchte zumindest hoffen, mit Absicht – es würde die Platte vom reinen Popalbum zum Statement veredeln. Das allein, ob beabsichtigt oder nicht, ist eine Leistung, die nicht jedem Album gelingt. Es ist, als fände unterhalb der eigentlichen Tracks, noch eine zweite Story statt, die bitter und zynisch die scheinbare Lebensfreude der Songs kommentiert. Mag aber sein, dass ich mir das nur einbilde oder Franz Ferdinand zu viel Absicht unterstelle – vielleicht ist Tonight auch einfach nur ein Album voller Dancefloor-Knaller mit zwei drei ruhigen Nummern und fertig.

Die Bonus-Disk Blood remixt die Tracks von Tonight zu drogenumnebelten African-Beat-Dub-Versionen mit einem ordentlichen Touch Glitch oder mal einem Schuss New Order/Joy Division (The vaguest of feelings, einem der vielleicht besten Zitat-Tracks beider Scheiben), die einen ordentlichen Tick soundtrackiger und moderner wirken als das eigentliche Album. Blood wirkt weniger wie ein Zusatz oder Nachgedanke, sondern wie das eigentliche Experiment, bei dem die Fragmente von Kapranos Gesang oder die maueren Remixe (wie Feeling Kind of Anxious oder  Katherine Hit Me) oft fast störend wirken. Wenn Tonight der Soundtrack einer Nacht ist – so wie das Buch, nach dem der Track Ulysses benannt ist einen Tag umspannt – ist Blood der nebelige Second Dancefloor, wo die härtere Musik läuft und die härteren Leute rumhängen.Ehrlich gesagt, auch wenn Blood ganz offenbar eine Beigabe zu sein scheint, wäre es vielleicht schöner gewesen, Blood als das Hauptalbum zu veröffentlichen und Tonight als Bonus.Wo Tonight nur die Einsicht dokumentiert, dass FF ihren eigenen Sound nicht ändern, nicht entwickeln, nur modifizieren und ironisch brechen können, zeigt Blood das genaue Gegenteil – hier wird das Retrozitat aufgebrochen, mit anderen Einflüssen durchmixt und wirkt tatsächlich recht modern und weit weg von den Leuten, die wahrscheinlich bei No You Girls fröhlich mithüpfen und sich bei dem Dubhallnebel von Feel the Envy seltsam fühlen würden. Tonight ist die lebensmüde, wunderbar hochglänzende Dandypose der Band, Blood zeigt aber den dringenden flirrenden 5-a.m.-Wunsch, mehr zu sein, als man eigentlich ist, aus dem eigenen Kokon zu entkommen, sich selbst zu überwinden. Mehr davon, bitte.

3. April 2009 05:57 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Friendly Fires: Friendly Fires

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Die drei Briten von Friendly Fires verdienen den Hype der letzten Monate etwas mehr als die White Lines. Das erste Album nach drei EPs wartet nicht nur mit zwei großartigen Disco-Hits – Paris und Jump in the Pool – auf, sondern überzeugt auch als Longplayer mit einer fast klassischen Mischung aus elektronischen und «echten» Instrumenten. Das erinnert an zahlreiche Vorbilder, nicht zuletzt an schaumgebremste ChkChkChk, an Late of the pier, natürlich LCD Soundsystem oder etwas rockigere Hot Chip, ist aber so liebevoll und energetisch umgesetzt, dass sich hier alle Vergleiche schnell in der Partylaune vergessen. Einer Band, die sich angeblich bei Section 25 ihren Namen geklaut hat, kann man sowieso nichts haben. Die Tracks sind, hört man mit Kopfhörern tiefer hinein, so nervös überproduziert als kämen sie von TV on the Radio, aus lauten Boxen bleibt ein so treibender Groove, dass sie trotzdem treibend und tanzbar sind. Songs wie In the Hospital zeigen eine klare Prince-Affinität und lehren Franz Ferdinand zugleich, wie ein NeoDisco-Groove richtig entspannt geht. Nahezu jeder Track des Albums ist auf Tanzbarkeit TÜV-geprüft und zeigt zugleich eine musikalische Bandbreite, da blitzt mal ein stumpfer Larry-Mullen-Bass auf, mal ein bretternder Gary-Glitter-Shuffle, aber stets eingebettet in einen komplexen und doch fast steril sauber produzierten eigenen Sound, über den Ed MacFarlane mal in in britischer kühler splendid isolation seine Texte legt, mal fast im hysterischen Falsetto zur Sache geht (On Board). Friendly Fires schnüren einen knochentrockenen Smasher an den anderen und dürften live für reichlich Freude sorgen, der gesamte Erstling ist auf gut Laune getrimmt, gerade so, als wollte die Band allein mit ihrem Album einen ganzen Abend Indiedisco bestreiten. Jeder Track ist tanzbar, jeder Track zitiert clever Einflüsse von Techno bis Soul bis Electro, ist abwechslungsreich und trotzdem mit fast monomanischer Energie auf die Beine gezielt – so sehr, dass es faktisch keinen Anspieltipp geben kann, jeder Song hat Singlequalität. Das gibt dem Album absurderweise fast eine ermüdende Qualität, eine Art Best-Of-Malaise – jeder der 11 Songs hat perfekte Hooklines, ist gnadenlos auf Hochglanz poliert, funky, stylish, fast zu makellos. So viel Perfektion geht oft auf Kosten echter Emotion und wer Tiefgang und Introspektion sucht, ist hier sicher grundverkehrt – Friendly Fires ist nicht die Morning-After-Platte, sondern Musik für 5 a.m., für zuviel Alkohol und verklebte Shirts. Und in dieser Rubrik gehört die Platte zu den smartesten Produktionen der letzten Monate.

31. März 2009 07:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Lykke Li: Youth Novels

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Immer noch bei den Alben aus 2008, gotta be faster… Das Debutalbum der Schwedin Lykke Li ist völlig zu Recht einer der großen Erfolge des letzten Jahres geworden, und nicht ganz ohne Grund ist sie auch auf dem neuen Royksopp-Album vertreten, neben den beiden anderen Star-Vokalistinnen Robyn und Karin Dreijer Andersson. Li fällt in das inzwischen unübersichtlich groß gewordene Feld von etwas ätherischem NuFolk-Sängerinnen, die mit simplen akustischen und elektronischen Sounds und einen oft eher fragilen Gesang auffallen. Früher waren Sängerinnen wie Stine Nordenham fast die Ausnahme, heute kannst du jede Woche drei Alben dieser Sorte kaufen. Youth Novels gehört in dieser Sparte aber zum einen Dank der spannenden Produktion (Peter von Peter Björn & John), zum anderen weil die Musik sich zwar sicher in der von Feist&Co (ein Vergleich, der sich aufdrängt, wenn man einen Track Let it Fall nennt…) geprägten Ecke verorten lässt, aber durchaus ordentlich eigenständig ist. Die Tracks des Albums sind hoch unterschiedlich, vom zirpendblubbernden Melodies&Desires zum stampfenden I’m Good I’m Gone, aber dennoch im Arrangement ausreichend gestrafft, um aus einem Guß zu wirken. Li Lykke Timotej Zachrisson hat diese typische unschuldige, helle skandinavische Gesangsstimme, der man sich schwer entziehen kann, egal ob sie nun von Anna Ternheim oder Kristín Anna Valtysdóttir kommt – was einerseits Falle ist, weil es einige Tracks eben doch sehr verwechselbar mit anderen Acts macht, zum anderen aber auch das Album zusammenhält, während die Musik sich im Hintergrund an Ballade (Tonight, My Love), dezentem Dancefloor (Complaint Department, Breaking it up) oder Folkblueselementen (Window Blues) versucht. Obwohl die Platte generell schon sehr eindeutig in die melancholische Richtung geht und obwohl sie sehr eindeutig an andere Sängerinnen erinnert – intensivst etwa auch an die schwedische Kollegin Sarah Assbring von El Perro des Mar – ist sie ausdrucksstark und experimentell genug, um nicht berechenbar oder langweilig oder völlig introspektiv im Sumpf der Bauchnabelbetrachtung unterzugehen und vielseitiger als manche andere Sängerinnen ähnlicher Bauart. Lykke Li fehlt zwar die Laszivität von Robyn oder die psychotische Energie einer Karin Dreijer Andersson, ihre eher niedliche Kleinmädchenstimme ist weniger markant, weniger individuell, so dass der Hype um Youth Novels nicht völlig gerechtfertigt ist – aber es ist allemal ein Album, dass seinen Preis wert ist, zumal die Deluxe Version drei Remixe mit in den Ring wirft.

29. März 2009 08:47 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Martina Topley Bird: Quixotic & The Blue God

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Martina Topley Bird kennt man vor allem als Ex-Partnerin von Tricky, die mit ihrer immer einen Hauch müde-lasziver Stimme seinen schleppenden Beats  den rettenden Touch Sex-Appeal verliehen hat. Inzwischen von Tricky getrennt, geht MTB seit 1998 eigene Wege und hat 2003 ihr Solo-Debüt Quixotic veröffentlicht, auf dem u.a. noch ein Duet mit Tricky zu hören ist, der die Platte auch mitproduziert hat und Martina damals beispielsweise auf seinem Back-to-Mine-Album promotete. The Blue God ist nach fast fünf Jahren Pause ihr zweites Album. Eigentlich wollte ich nur kurz das neue Album vorstellen, aber nach mehrfachem Hören wird dann doch klar, dass ich eigentlich mehr zu der alten Scheibe zu sagen hätte, und meine Kritik an The Blue God mehr Sinn macht, wenn man auch über Quixotic redet. Denn Quixotic ist leider das bessere der beide Alben, abwechslungsreich, tief, wunderbar produziert, vom Nina-Simone-artigen Intro über die eher straighten Pop-Nummern über Balladen bis zu Tracks, die in ihrem düsteren Glamour zurückerinnern an Massive Attack. Es gab keinen Zweifel, dass Quixotic als Portfolio-Album gedacht war und die Bandbreite von Topley Bird zeigen sollte,ganz bewusst die verschiedenen Facetten präsentieren wollte, und dabei zugleich eine Ahnung gibt von einer Musikerin, die nach einer Richtung sucht und genau in diesem Moment des Umherschauens und Suchens nach dem eigenen Stil eben am Interessantesten ist. Quixotic ist vom Cover bis zum letzten Song eine ungemein professionelle, aber eben doch trotz einiger sehr bewusst rock-poppig gemachter Songs eine glaubhafte Platte, die wie eine Brücke zwischen ihrer Vergangenheit (Songs wie Lyla klingen noch extrem nach Tricky) mit einer offenen Zukunft. Das Album ist fast sang- und klanglos als kommerzieller Fehlschlag untergegangen.

Fast fünf Jahre später erscheint jetzt mit The Blue God das zweite Album, produziert von DJ Danger Mouse, der spätestens seit Gnarls Barkley und seiner Kooperation mit Beck selbst ein Superstar ist. Martina Topley Bird zeigt sich hier verändert, die Suche nach einem eigenen Stil scheint zumindest vorübergehend zu einem zeitlosen Folkpop geführt zu haben, zu erdiger wirkenden Sounds, der weniger überproduziert klingt als Quixotic, mehr nach echter Band. Relativ schlichte Arrangements um Gitarre, Bass, Drums (und Drummachines) dominieren die Songs, auch wenn der Opener Phoenix und Something to Say noch in eine andere Richtung deutet. April Grove und DaDaDaDa erinnern fast an die ganz frühen Cardigans, Baby Blue klingt nach den Fifties und Sixties, Valentine hat einen schleppenden Südstaaten-Blues. Alles sehr poliert produziert, für die Musik oft vielleicht sogar einen Hauch zu klar, aber nie so kantenlos, dass es seelenlos wird. The Blue God wirkt auf den ersten Blick deutlich konsistenter als Quixotic und präsentiert MTB als Singer-Songwriterin alter Schule, und genau hier liegt das Problem – die Platte klingt ein wenig wie Hunderte von anderen Alben von vergleichbaren Sängerinnen, die zur Gitarre oder schmaler Poprock-Besetzung in kleinen Clubs singen. Der Sprung von MTB zu Heather Nova, so erschreckend das klingen mag, ist nicht mehr sehr weit, ausgehend von dem Podest, das The Blue God darstellt. Es ist vielleicht bezeichnend, dass einer der besten Tracks des Albums, Yesterday, den größten Rückbezug zu den experimentelleren Songs von Quixotic darstellt, mit einem Minimum an Gesang und einer deutlich elektronischeren, verspielten Produktion, die zeigt, was The Blue God hätte sein können. Dem Rest des Albums, so sauber es produziert ist, fehlt oft ein Hauch von Besonderheit – die meisten Stücke wirken irgendwie schon einmal gehört, seltsam übervertraut, zu sehr nach Radiokompatibilität, nach Singleauskopplung, nach Mainstream. So gelingt MTB zwar glaubhaft, aus der flachen atonalen depressiven Triphop-Klangwelt von Tricky zu entfliehen und ihren eigenen Sound zu entwickeln, und das Ergebnis ist eine Showcase-Platte, die nach wie vor die vielen spannenden Seiten dieser Sängerin zeigt – und eben auch eine fröhlichere Upbeat-Seite, die fast naive Songs absolut charmant herausperlt. Aber gegenüber Quixotic wirkt The Blue God zugleich auch oft seltsam glatt, flach, etwas kantenlos, Sonntagmorgenmusik, zu nah dran an Natalie Imbruglia und Co, was der unglaublichen Stimme von MTB nicht wirklich gut steht, ihre seltsame Mischung aus kindlicher Unschuld und Nightclub-Abgebrühtheit ist hier einfach in ein zu glatt kalkuliertes, zu freundliches Korsett eingebettet. So seltsam es klingt, ist das zweite Album ein Rückschritt gegenüber dem ersten. The Blue God ist – für sich selbst genommen – ein wunderbares Album, mit einem seltsamen Mix aus Elektronik, Rock, Soul und Folk, der sicher auch auf der Bühne hervorragend funktioniert. Aber schon das Coverartwork macht klar, wo es hier hingeht – MTB als Popdiva, schillernd und sexy… und das ist ein weiter Schritt weg von der Frau, die verloren, barfüssig vor einem Nicht-Ort steht, den Kopf gesenkt, ikonisch.

Vielleicht ist es nur die frühe Prägung durch die Kollaboration mit Tricky, die diesen Sound für mich so unpassend macht. Quixotic ist das seltsamerweise durchwachsenere, Album, das ungeschliffenere, offenere, mit mehr Höhen und Tiefen durchsetzte Experiment – und insofern in vieler Hinsicht einfach mitreißendere Ergebnis. So oder so, nach fast fünf Jahren Pause ist man einfach absolut dankbar für jedes Lebenszeichen von Martina Topley Bird – und hofft auf das dritte Album.

10. März 2009 09:09 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Madita: Too

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Edita Malovčić (alias Madita) zweites Album – etwas wortspielig too betitelt und mit einem wahrscheinlich sogar wirklich zufällig brutal an Santogold erinnerndem Cover – ist nicht so weit entfernt von ihrem Debut, wie der eigene Pressetext vermuten lies. Wieder von ihrem Freund dZihan smooth produziert, bietet das Album einen gelungenen soften Blend aus Elektronik, Songwriting und Jazzeinflüssen, perfekte Popmusik, die einen Hauch breiter angelegt ist als auf dem Erstling, mich insgesamt aber leider weniger begeistert – man kann eben nur einmal vom ersten Eindruck im Sturm erobert werden, wie es Ceylon es geschafft hat :-D. Too ist eine meisterhaft glatte Produktion, deren synthetischer Funkjazzsoul ohne die sich biegende, schnurrende, windende, wunderbar nöhlende Stimme von Madita vielleicht ehrlich gesagt ein wenig zu kantenlos wirken würde, etwas zu gewollt durch die Genre geht. Noch am ehesten bei Monotony vom ersten Album ankoppelnd, greift too mal eben hier einen Tango oder etwas Bigbandflair ab (Deep Down, Too und You),liefert die unvermeidliche Ballade (Karma, A Walk), stampfend straighte Nummern (Because, Better Brother), oder schrappt auch mal nur knapp an Sophie Ellis Baxtor-Niveau-Konsensdancefloor vorbei (Five). Ganz offensichtlich als Showcase für die Sängerin und ihre tatsächlich vielen Facetten angelegt, fehlt dem Album so das Verspielte, Offene des Debuts. Die Platte wirkt deutlich kalkulierter,deutlich versessener darauf, Madita ins Radio und auf die großen Bühnen zu kriegen und als Diva zu positionieren. Man sieht sie förmlich mit Bläsern und Streichern auf großer Bühne stehen, zumal das Album insgesamt deutlich stärker in die jazzige Ecke driftet als der Vorläufer.  Live dürfte die Sache übrigens wahrscheinlich deutlich mehr Groove und Swing haben als auf der Platte – und die groovt schon erdammt ordentlich, bremst sich aber ab und an durch die zu saubere Produktion, die wenig Raum für Solisten lässt, selbst aus. Madita, nicht umsonst auch Schauspielerin, probiert mit kindlichem Charme die verschiedensten Kostüe an, scheint sich aber im schimmernden Paillettenkleid am wohlsten zu fühlen. Vlado Dzihan sorgt als detailversessener Couturier für einen atemberaubend perfekten Sitz dieses Kleides, jeder Track hat das Zeug zur Auskopplung und überschreitet zugleich Genregrenzen, ohne jemals nicht purer, klarer Pop zu sein.

Dennoch, vielleicht ist too mir zu ambitioniert, nicht so wundervoll relaxt wie Madita, zu konzentriert darauf, Madita (verdient) zum Superstar zu machen, es wirkt etwas besessen, wenn das zweite Album wie ein best aus zehn Jahren Schaffensperiode klingt. Das ganze Ding ist zu bemüht, zu konsens, zu glatt, zu sehr ohne Widersprüche, Kanten. Gerettet, geadelt durch die grandiose Stimmarbeit von Madita – die nun allerdings leider eben keine Jazzdiva ist, sondern eher eine exzellente Popsängerin irgendwo in dem ja nicht kleinen Feld zwischen Björk, Roisin Murphy, Emiliana Torrini und Nelly Furtado -, versucht das Album lobenswerterweise, die Sängerin nicht als normales Pop-Produkt zu verpacken und macht dann paradoxerweise eben genau das – too schrappt verdächtig an Kuschelmusik für die Über-Vierzigjährigen, kommt mit zuviel Schlagobers daher. Einerseits hat sich Madita so vom radiokompatiblen Sound etwas freigeschwommen, einerseits ist es eine makellose, wunderbar selbstverliebte, grandios eingespielte Produktion. Andererseits fehlt ein wenig von der Unschuld des Debuts, von der Offenheit, von der katzenhaften Verspieltheit, vom greifbaren Spaß – too klingt deutlich mehr nach harter Arbeit hinter den chilligen Tracks. Wer das erste Album mag, wird den Nachfolger auf jeden Fall auch lieben und hoffen, dass Madita auf ihrem dritten Album mit etwas weniger Erfolgsdruck wieder mit mehr Freude am Experiment andere Facetten an sich selbst entdeckt und tiefer in ihrem musikalischen Kleiderschrank wühlt.

3. März 2009 10:18 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Santogold

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Santi White alias Santogold, die sich inzwischen aus rechtlichen Gründen Santigold nennt, hat mit ihrem 2008er Debut einenmehr als beachtlichen Erstling hingelegt, der mit L.E.S. Artistes,  ja bereits einen ordentlichen Dancefloor-Opener hinlegt, aber bei näherem Hinhören in so viele verschiedene Richtungen geht, als ginge es darum, einen Preis für erfolgreiches Genre-Jumping zu kassieren. Santi klingt mal nach M.I.A. (Creator), mal deutlich straighter und rockiger (You’ll find a way, Say Aha) und mal fast nach den softeren, poppigeren Pixies (Lights Out, I’m a Lady) – und immer wieder mischt sich aktueller Electrosound mit 80s-Anklängen (Die Vocals bei My Superman klingen schon sehr nach Siouxie Sioux) Ob Strategie zur breitest möglichen Zielgruppenansprache (something for everybody) oder tatsächlich weit gefächerte Interessen – die meisten Tracks überzeugen gerade wegen der Sprunghaftigkeit, Santogold klingt nach Jukebox, was meist eher nach hinten losgeht und zur Beliebigkeit mutiert, hier aber zu 90% tatsächlich gelingt. Selbst seltsam dubbige Nummern wie Unstoppable gelingen dank einer kruden Mischung aus kantigen 80er-Analogsynthklängen und Dancehall/HipHop-Anklängen, die von einem MTV aus 2015 zu uns gebeamt zu werden scheinen. Unter der Führung von Spank Rock wird Shove It schließlich tatsächlich zu einem seltsam postmodernen Reggae-Zitat, während Anne an Mid-80s-New-Wave-Pop erinnert. In all dem Tanzen zwischen den Genregrenzen vermisst man vielleicht einen Song, der einem ehrlich zu Herzen gehen will, der eine Stellung beziehen will, ist aber zugleich zu geflasht von der Fingerfertigkeit, in der Santi White und ihre Produzentenarmada ein wirklich postmodernes Pop-Album abgeliefert haben. Was in schwächeren Händen zu einem flauen Showcase der Vielseitigkeit degeneriert wäre, beweist sich als extrem liebevoll und doch aufrichtig-roh produziertes Mixtape, das aus jeder Stilrichtung das beste herausprügelt und Santi als MC brillieren lässt. Santis bizarrer Mix aus HipHop, Dub und NewWave-Soundelementen zeigt, dass sich aus dem offenen Mix von Genres immer noch spannende Musik melken lässt – spannender oft als der innerhalb der oft wie Käseglocken über den jeweiligen Scenes liegenden Genreregeln selbst. Wie andere Acts auch ist hier der museale Fetisch der Popkultur greifbar, in dem historische Musikbewegungen wie Austellungs(versatz)stücke beliebig kombinierbar sind, ohne Rücksicht auf Entwicklung und Geschichte dieser Genre – aber die Rotzigkeit, mit der Santogold als gewollt urban klingender Melting Pot des Eklektizismus fungiert, dich durch den frühen Abend durch die Nacht bis zumnächsten Morgen bringen kann, ist glaubhaft und gibt die Hoffnung dass ein zweites Album klarer zeigen wird, wohin die Sängerin sich entwickeln kann, ob die sie nur ein Zitatenschatz bleibt, oder wirklich neues zu sagen hat.

1. März 2009 18:38 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Cranes: Cranes

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Nachdem das britische Duo Jim und Alison Shaw, das in den Neunzigern mit einer ganzen Serie von EPs und Longplayern von sich hören machte,  lange Zeit von der Bildfläche verschwunden schien, überrascht es jetzt mit einem neuen Album, das aber leider eben wenig überrascht. Während die Cranes vor allem auf den ersten EPs von fast experimenteller Vielfalt – stets zusammengehalten von Alisons kinderhafter Stimme – lebten, erinnert das neue Album im Grundtonus sehr an Future Songs, die lange Pause seit Particles and Waves ist fast unmerkbar. Die Stücke sind vielleicht noch einen Hauch introvertierter geworden, bereits der erste Track Diorama, der wie ein Überbleibsel aus der elektronischen E-Musik der sechziger Jahre anmutet, stimmt darauf ein, kontrapunktiert von dem dann fast bandartig eingespielten und von einer lauten Akustikgitarre dominierten Worlds. Es scheint, als wollten die Cranes eine Art Best of anbieten, mit Songs, die an Future Songs gemahnen und anderen Tracks, deren Arrangements weiter an die Anfänge der Band zurückreichen – aber der Versuch ändert wenig daran, dass die Songs auf Cranes eine gewisse Selbstähnlichkeit haben – Grooves, Harmonien, Gesang – die das Album zugleich hypnotisch fesselnd machen, aber eben auch keinen einzelnen Track wirklich herausragen lassen. Wo andere Alben der Cranes bei aller halluzinogenen Qualität immer auch Dynamik und Leben hatten, wirkt Cranes eher durchgehend meditativ, die perfekte Musik zum Einschlafen, keine Disharmonie, keine Kakophonie, die dich aus dem Schlummer reißen will.Ob mit Band arrangiert oder nach Laptronica klingend, die Tracks schweben im vertraut dumpfen klerikalen Hall, in pulsierenden Echowolken, hinter denen wie Sonnenstrahlen der stets leicht lispelnde Gesang von Alison, gerne auch im Dubover-Chor mit sich selbst, aufblitzt. Störend sind dabei eigentlich nur die oft wirklich Lagerfeuer-simplen Gitarren-Akkorde, die sich zu stumpf vorwärtsschrammeln und denen es an der Eleganz der Keyboards einfach mangelt.

Cranes ist ein verblüffend unambitioniertes Comeback, Essenz einer Band, die sich auf ihrem Weg gefunden hat und nicht mehr viel nach links oder rechts die Abhänge hinab zu schauen scheint, sondern entspannt nach vorne geht. Dass ein (vielleicht der beste ) Track des Albums Sleepwalking heißt, ist dabei fast programmatisch. Man mag die oft fast nach schnell hingeworfenen Songskizzen klingende Platte furchtbar langweilig finden oder bezaubernd meditativ, reduziert einfach oder uninspiriert – und vielleicht sogar je nach Laune beides zugleich. Die bezaubende Naivität der frühen Cranes und das düster-triphoppige Cinemascope von Future Songs kriegt die neue Scheibe nicht hin, klingt zugleich aber klarer, konzentrierter, im besten Sinne unmoderner als etwa Loved oder Forever, die stets versuchten, sich an Trendsounds der 90s anzudocken. Das neue Album ist eine Sammlung von Notturnos, monochromatische Reisen in die  verregnete Welt der Shaw-Geschwister, die vielleicht nie so klar wußten, wohin ihre Reise geht, wie auf diesem Album.

15. Februar 2009 10:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 4 Antworten.

Nneka: No longer at ease

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Nneka Egbunas zweites, 2008 erschienenes Album No Longer at Ease, ist ein perfektes Beispiel dafür, was deutscher Pop jenseits der Viva-Zielgruppe leisten kann, ohne geich chartsfremd zu werden. Die Hamburger Songwriterin hüpft auf dem elegant produzierten Album durch sämtliche Stilschubladen, ohne jemals beliebig zu werden oder einen eigenen Sound zu verlieren. HipHop, Dub, TripHop, Soul, Ragga und zahllose andere Elemente breiten einen eleganten Teppich für die Stimme der Sängerin aus, die sich urban und dreckig à la M.I.A. zeigen kann, aber auch jazzige Töne stemmt – aber immer mit einer Schaufel Dreck in der Stimme, mit einer Echtheit, die der zu der Chuzpe passt, als deutscher Act ausgerechnet Dub zu machen. Mitunter schwirrt das Album zu sehr, ist unentschieden, will Pop liefern, aber auch eine harte Kante zeigen, will Tricky sein und Lauryn Hill, aber über weite Strecken gelingt der Mix, das Ergebnis ist nicht Gemischtwarenhandlung, sondern eine Reise durch ein eklektizistisches musikalisches Denken, eine Art Mix-Tape, das trotzdem einen klaren eigenen Geschmack zeigt. Hier probiert sich jemand aus und weiß doch, wohin die Reise geht.

Heartbeat, die Auskopplung, ist die aus dem Album herausragende Nummer, nicht, weil sie besser wäre, sondern weil sie aus dem sonst eher ruhigen Slowbeat-Gerüst heraus völlig nach vorne geht, hektisch, fast wie ein alter Moloko-Song, eine meiner Lieblingsnummern im letzten Jahr – vielseitig, elegant, zittrig, unfertig und insofern perfekt. Der Rest des Albums ist – fast leider – smoother geworden, ruhiger, nicht so wütend und insofern paradoxerweise mainstream-kompatibler als die Auskopplung. Das streckenweise an Portishead gemahnende Deadly Combination lässt noch einmal ahnen, wie gut Nneka auch außerhalb der vielleicht zu passenden African-Music-Schiene funktionieren würde, mit härteren Klängen, die weniger zum Patrice-Publikum passen würden. Hier zeigt eine Sängerin ihre musikalische Schuhsammlung, von straightem Pop bis zu harten elektronischen Klängen, von tanzwütigen Africanbeat bis zu träge scheppenden Dubsounds – und überzeugt in jeder ihrer vielen Rollen. Diese vielen Facetten bedingen, dass nicht jeder Song sofort für jeden Zuhörer zünden mag, machen aber glaubhaft, dass Nneka keine Lust hat sich in irgendwelche Schubladen stecken zu lassen – und dieser (meist) klischeefreie Genremix ebenso wie die viel weniger «deutsch» klingende Produktion des zweiten Albums tun No Longer at Ease insgesamt gut und verhindern jede Form von Langeweile.

1. Februar 2009 10:41 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Bloc Party: Intimacy

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Es ist und bleibt schwer für die Londoner, wie für so viele Bands, aus dem Schatten ihres Debutalbums Silent Alarm zu treten. Alarm ist die Sorte Album, die bei allen Schwächen, mit einer so präzisen Frischheit und lässigem Abwechslungsreichtum überzeugte, dass man es monatelang durchhören konnte – ähnlich wie zuletzt vielleicht Antidote von The Foals. Das zweite Album, A Weekend in the City, war mit wunderbaren Momenten durchsetzt, aber leider auch mit echten Fehlzündern in der zweiten Hälfte, konnte an den Erstling ebenso wenig anknüpfen wie die neue CD, Intimacy.

Das Album öffnet kraftvoll mit einem bei den Chemical Brothers entliehenen Drumbeat und Bloc-Party-typischen kreischenden Gitarren und dem deutlichen Ansatz, anderen Gesang als den stets etwas gleichen Keke-Sound bieten zu wollen – statt dessen ist es ein seltsamer Multitrack-Rap in einem Song der auf jeden echten Refrain verzichtet und erst im Breakdown abrupt überhaupt erst nach Bloc Party klingt. Ares ist ein vielversprechender Auftakt, hyperproduziert und trotzdem kratzig, hypnotisch und genau die richtige Dosis von anstrengend. Die Auskopplung Mercury, die direkt daran anknüpft, geht in die gleiche Richtung, die Vocals durch Sampling und Pitching gejagt, der Song mehr von Synths und Samples getrieben als von Bandinstrumenten – wie der Opener eine seltsame Tanznummer, die völlig anders klingt als Bloc Party und doch alle besten Eigenschaften des DarkDisco-Sounds der Band in eine Richtung treibt. Wer beim Bass des Refrains von Mercury nicht mitgehen kann, ist wahrscheinlich tot.Der dritte Track macht dann klar, dass Bloc Party etwas unter dem leiden, was ich das U2-Dilemma nennen würde. Man spürt, ein Teil der Band möchte sich experimentell weiterentwickeln, mit den Möglichkeiten des Studios frickeln und spielen und tanzbare Sounds machen, ein anderer Teil der Band möchte dem ursprünglichen Sound treu bleiben und einfach Rockmusik machen, ehrlich bleiben… das Ergebnis ist Halo, eine Nummer die 1:1 so klingt, als wäre sie von einer alten EP der Band, ein wirklich großartiger Track, der nur absolut nichts mit den beiden Songs davor zu tun hat. Das Mix-and-Match-Feeling wird komplettiert durch Biko, den nächsten Song, der eben so klingt, wie Bloc-Party-Balladen so klingen.  Und so geht es durch das gesamte Album weiter: zackige NeoNew-Wave-Songs, sphärisch-frickelige Balladen, tanzbare Electroclash-inspirierte Nummern.

Bloc Party scheinen sich das Konzept von einzelnen MP3-Downloads zu Herzen genommen zu haben und einfach keinen Longplayer mehr produziert zu haben, sondern eine Art Sammelbecken für drei oder vier Aspekte der Bands, die verschiedene Zielgruppen ansprechen oder interne musikalische Bedürfnisse der Musiker befriedigen. Nehmt, was euch gefällt und vergesst den Rest, ist die Message, mehr noch als auf Weekend in the City hat man so großartige Nummern neben absolut vergessenswerten Songs angesammelt. Mit diesem Jukebox-Konzept kann man förmlich greifen, wie die Band sich intern in verschiedene Richtungen entwickelt, bis zu dem Punkt, dass man gerade bei den elektronisch angehauchten Tracks die Vorbilder und Zitate fast greifen kann, als wäre es ein Trip durch die Plattensammlung eines DJ. Anstatt also, wie auf Silent Alarm, die verschiedenen Geschmäcker zusammenzubringen und zu fusionieren, was nun einmal der Sinn einer Band ist, stehen die Neigungen ohne Berühungspunkte nebeneinander und so gibt es eben auch wirklich schwache Füller wie Signs oder Zepherus, die schon von der Instrumentierung her nicht mehr nach einer vierköpfigen Indieband klingen, sondern nach einem Soloprojekt. Songs wie One Month Off oder Trojan Horse stehen etwas in der Mitte, versuchen an den Bloc-Party-Sound anzuknüpfen, wirken aber seltsam überproduziert. Eine seltsame Brücke bildet Better Than Heaven, in der die Richtungen zusammenschmelzen und es einen seltsamen Bruch zwischen Powerballade und einem furiosen Ende gibt, das noch am ehesten nach Bloc Party klingt. Ansonsten haben sich viele der grandiosesten Eigenschaften der Band – die fast strukturlos wirkenden, sich zu Monstern auftürmenden Songs, die wunderbare Tightness der Arrangements, die eigenartigen Drums und die Radiohead-inspirierten Gitarren – nahezu aufgelöst.

Es ist faszinierend, bei wie vielen Bands das Debut zugleich die Essenz der Band einfängt – allen vorweg The Smiths. Auch bei Bloc Party muss man sagen, dass die Band sich mit jedem Album weiter entfernt von ihrem Herzen. Es gibt Bands, wie etwa Radiohead, bei denen solche Sprunghaftigkeit zu großartiger musikalischer Evolution führt, wo eine Band sich binnen einer Handvoll Album  öffentliche neu erfindet, eine Suche auslebt, an der das Publikum teilhaben darf. Es wäre schön, wenn man von Bloc das gleiche sagen dürfte – aber das Gefühl ist eher, einer Band zuzuschauen, die zwischen dem Wunsch nach Radiokompatibilität einerseits, Krachern für das LiveSet andererseits und internen musikalischen Vorlieben aufgerieben wird und zusehend die Konsistenz verliert, drei Bands in einer wird. Dazu kommt eine oberflächliche, zu glatte Produktion, der man anhört, dass die Band wie Kinder erstmals den Computer und Sampler entdeckt und etwas zu wenig abgebrüht und zu wenig vorsichtig an diese Tools herangeht, so dass die Produktion in ihrer teuren, überproduzierten Perfektion eben oft den LoFi-Charme der zitierten Vorbilder verliert – und das Ergebnis ist ein Album, das sicher vier fünf echte Perlen hat, ansonsten aber eher orientierungslos wirkt.

Die Crux ist, das ausgerechnet ein Album mit dem Titel Intimacy alles andere als intim wirkt, sondern nur oberflächlich gemacht scheint, keinerlei ehrliche Haltung mehr hat, sondern eben alles andere bietet als Nähe und Direktheit, sondern verblüffend oft kalte synthetische Pop-Synthezoid-Musik anbietet. Zumindest zu einem Drittel ist das Album auf dem Weg zur Fahrstuhlmusik, zu Musik, die am Rechner für eine bestimmte Zielgruppe gebaut ist. Keineswegs sollte Bloc Party für immer im Käfig der Sounds von Silent Alarm gefangen bleiben, sondern sich ausdehnen und entwickeln und reifen – aber Intimacy ist hierfür kein echter Beleg, es ist mehr eine Art kalorienarmer und kohlensäurefreie Apfel-Zitronen-Birnen-Schorle als ordentlich gemachter Wodka. Während TV on the Radio begnadet zeigen, wohin musikalischer Eklektizismus führen kann, machen Bloc Party die Gegenrechnung auf – die einzelnen Elemente kommen nie zusammen, sondern stehen verwirrt und einsam nebeneinander wie falsche Gäste auf einer miesen Party.

24. Januar 2009 09:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Ting Tings: We Started Nothing

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Das Debutalbum von Drummer Jules de Martino und Sängerin/Gitarristin Katie White erinnert bereits vom Cover her an Blondie. Zeitgemäß übertragen wirken die Ting Tings ebenso wie das NewWave-Pop-Crossover, dass in den Siebzigern Deborah Harry und Chris Stein in New York lostraten. Spätestens seit dem EM-Erfolg des White-Stripes- Seven Nation Army und Bands wie den YeahYeahYeahs dürfte klar sein, das Musik, die nahezu minimalistisch an die Basics von Drums/Guitar/Bass zurückkehrt, absolut charts-tauglich sein kann. Während Jack & Meg White aber zu verstrahlt sind, um wirklich den großen Durchbruch zu wollen und die YeahYeahYeahs zu sperrig für den Mainstream, scheinen die Ting Tings klar auf den Chartserfolg programmiert. Great DJ, That’s not my Name und der iPod-Werbejingle Shut Up and Let me Go sind absolut radiotauglich und sitzen so präzise an der Schnittstelle von Indie, Hipstertum und Mainstream, wie eben auch Blondies Denis (oder später vor allem Heart of Glass) den New Wave für die breite Masse aufkochten. Man kann nur hoffen, dass uns ein Call me-Gegenstück im weiteren Verlauf der Bandkarriere erspart bleiben möge.

Aber auch wenn man bei Shut up and let me go unfreiwillig an Rapture denken muss: Wo Blondie einen fast überbordenden Wall of Sound fuhren, wirken die TingTings sehr aufgeräumt, rauher, direkter, weniger überproduziert, zumal Katie Whites Stimme nicht die honigweiche Qualtät von Debbie Harry hat, sondern eher eine moderne Kühle und Kratzbürstigkeit an den Tisch bringt. Simple, gerade Beats, zackige Gitarren und eine GoGo-Straightness verleihen der Musik eine direkte, fast naive Fröhlichkeit. Songs wie Traffic Light oder Be the One, die sich etwas von diesem Konzept entfernen, zeigen dann auch schnell die musikalischen Grenzen der Band auf – jenseits des Neo-Brit-Wave trägt das Konzept der Ting Tings nicht wirklich, die Musik wirkt dann schnell weich und beliebig. Insgesamt spielt das Album verschiedenste Stile durch, nicht immer überzeugend, aber immer gutgelaunt und nie wirklich langweilig, was bei den reduzierten Möglichkeiten der Band zu vermuten gewesen wäre. The Ting Tings bringen die Rohheit der White Stripes und der YeahYeahYeahs durch einen Gang-of-Four-Fröhlichkeitsfilter in die Charts – und das kann so schlecht nicht sein. Das man mit Bass, Gitarre und Schlagzeug natürlich sehr viel mehr machen könnte – man denke an den dichten Sound, den The Police aus der gleichen Besetzung melkten – ist wohl wahr, aber bei der durchgehend guten Laune, die We Started Nothing verbreitet, irgendwie auch vernachlässigbar. Natürlich sind die Ting Tings ein Reißbrettprodukt – ein Mix aus Indie-Edginess und stoischem Garage-Rock-Minimalismus, ein paar hippe Analogsounds, ein bisschen Girlpower, ein bisschen 80s-Nostalgia und vor allem jede Menge Tanzbarkeit.  Insofern keine Platte, die man haben muss, aber sicher eine, die man haben kann, weil sie ein nettes Stück Pop ist. Zumal ich recht sicher bin, dass sich niemand für das zweite Album interessieren wird.

2. August 2008 10:28 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Infadels: Universe In Reverse

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Das Londoner Quintett um Sänger Bnann legt das stets schwierige zweite Album vor – und scheitert am eigenen Erfolg. Wo die erste Platte einen schönen tanzbaren Mix aus Gitarre und Spätachtziger Rave-Sounds hatte, recht simples aber beherztes Songwriting mit einer guten Ladung Dreck aus den Boxen rotzte und live auch absolut überzeugte, wirkt die zweite Plate seltsam überproduziert und zugleich lahm. Die blubbernden Roland-Acid-Sounds sind mehr Klavier und bombastischer Produktion gewichen, die Songs wirken geradliniger, mehr Stadionrock als Dark Disco.

Es ist eine kritische Sache für eine Band, ihren Sound weiterzuentwickeln – zu wenig und die Fans werfen dir Stagnation vor, zu viel und du vergraulst sie direkt. Aber es gibt Entwicklingssprünge, die respektierst du als Zuhörer, weil die Band sich offenbar entfaltet und weiterentwickelt – sie fordern viel von dir und verschrecken vielleicht sogar, aber zugleich ist klar, dass hier eine Neudefinition, eine Spektrumserweiterung stattfindet und du mitgehen kannst. Universe in Reverse ist das genaue Gegenteil. Das erschreckende an diesem Album ist, dass es die typische zweite Produktion ist, auf der das Management und/oder die Band einfach einen Hit wollen. Das Ergebnis ist straighter Indierock ohne Ecken und Kanten, Mitsing-Refrains und Frankenstein-Melodien, die man irgendwie irgendwo alle schon mal gehört hat. Nicht selten erinnert diese Melange aus Rockpop und Bnanns ja durchaus markanter Stimme dann frappierend an einen härteren Robbie Williams – beileibe nicht die Sorte Assoziation, die man haben will, wenn man eine Indie-CD einlegt. Was vorher nach engen heißen Clubs klang, ist jetzt für die große Bühne, den großen Pathos umgestrickt – und dabei erreicht nicht ein einziger Song auch nur näherungsweise das Niveau des Debuts, wobei Code 1 noch am nähesten dran ist. Schon das Debut war kein großes Abum, aber immerhin die Sorte Platte, die du ganz durchhören kannst und die mit Love Like Semtex und Jagger67 zwei großartig tanzbare Songs vereint.

Während also der Erstling dem Britpop 3.0 ewas halbwegs neues mit auf den Weg gab, diese seltsame Mischung aus Elektro und Indiepop, ist Universe in Reverse die Sorte Platte, die beim ersten Hören ein Kopfschütteln kriegt und die man auch so bald wirklich nicht wieder herauskramen wird, weil sie unehrlich wirkt und mehr auf Kommerz, Open-Air- und Radiotauglichkeit ausgerichtet als auf die natürliche musikalische Weiterentwicklung einer Band. Das Ergebnis ist einfacher Haudrauf-Prolorock für Menschen, die auch Fury in The Slaughterhouse gut finden dürften. Schade drum.

27. Juli 2008 10:56 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Camille: Music Hole

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Camille Dalmais ist keine Frau für Stillstand. Schon der Übergang von dem eher gewöhnlichen Album Le sac des filles zum grandiosen Le fil at bewiesen, dass sie für überraschende Sprünge zu haben ist. Nach dem Live-au-Trianon-Album hat sie sich für ihr drittes Studioalbum entsprechend entschieden, hauptsächlich auf Englisch zu singen, einerseits auf dem leicht inzestösen französischen Pop-Markt eine Art Selbstmordversuch, andererseits natürlich die Chance, international eine größere Bühne zu betreten. Im Grunde bleibt Camille hier dem Rezept von Le fil treu – nahezu alle Geräusche des Albums sind à la Herbert Matthew selbstgemacht und modifiziert. Music Hole breitet dieses Ansatz aber aus, bringt mehr perkussive Töne ein und es dürfen auch echte Instrumente mitmischen. Ein wildes Patchwork von Piano, Beatbox, Körperpercussion, gutturalen Bassstimmen, und über all dem schwebt Camille Dalmais Stimme in immer neuen Iterationen und Facetten – was zuvor noch bescheiden produziert klang, wird hier mit viel Budget und Unterstützung in Cinemascope produziert. Eine eventuelle musikalische Stagnation, die man bei dem sehr engen konzeptionellen Korsett des Vorgängeralbums hätte befürchten dürfen, bleibt aber nicht nur durch das bloße «mehr» an Produktion ausgeschlossen, ebenso durch die Tatsache, dass Camille mit zwar ähnlichen Mitteln eine gänzlich andere Musik inszeniert. Sie streift weiter als zuvor durch musikalische Felder, Gospel, Jazz, Pop, Soul und macht sich die Harmonien und Riffs dieser Bereiche humorvoll zu eigen, ohne ihren eigenen Sound zu opfern. Music Hole ist nicht nur sprachlich ein Wechsel, sondern auch eine Abwendung vom Chanson-Stil, hin zu internationaleren Sounds, durch die Camille mit der großen Geste einer Operndiva lustwandelt. Manchmal kippt das Ganze etwas ins zu Witzige, wenn Camille knurrt und miaut oder mit Wasser allzu aufdringlich Percussion gemacht wird. Der Spaß, den die Beteiligten an der Produktion hatten, wird so sicher greifbar, lenkt aber manchmal von den eigentlich Songs ab.

Seltsamerweise bleibt Le fil trotz der aufwendigeren Zutaten bei Music Hole das gelungenere Album, einfach, weil es melodisch und von der Produktion her simpler, aber unvergleichbar magischer ist, die Songs an sich besser im Kopf bleiben, minimalistischer sind. An diese Avant-Pop-Magie reicht der Nachfolger nicht heran, vielleicht kriegt man so etwas auch nur ein einziges Mal hin und es wiederholen zu wollen wäre auch eher falsch. Dennoch und eben darum ist Music Hole die Sorte Album, die man sich von Musikern wünscht – es bleibt einer bestimmten Richtung, einem Sound treu, aber es dokumentiert glaubhaft eine Weiterentwicklung, eine Neugier, einen Spieltrieb, einen Sinn für Humor und Exotik. Ironisch, experimentell, verspielt, großartig produziert und trotzdem eingängig hörbar.

24. Juli 2008 08:59 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Tori Amos: American Doll Posse

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Es ist ein bisschen traurig, Tori Amos dabei zuzusehen, wie sie kleiner wird. Selbst die Idee des Covers zu American Doll Posse scheint von Strange Little Girls übernommen zu sein – und die wiederum von Cindy Sherman. Nach Scarletts Walk und The Beekeeper ist das neunte Studioalbum von Amos immerhin wieder etwas bemerkenswerter, aber keineswegs der Neubeginn, als den es Amos selbst ankündigt. Ganz im Gegenteil, die Platte klingt ungewöhnlich glatt und kommerziell, angenehm weghörbar, aber seltsam belanglos – das macht auch die nahezu unirdische Spieldauer von 80 Minuten nicht wett. Das hinter dem Album ein schwer Neil-Gaiman-schwangeres arg kopflastiges «Konzept» steckt, in dem Amos fünf verschiedene Frauencharaktere in Anlehnung an die griechische Mythologie verkörpert, ist aus dem Sound der Platte selbst nicht wirklich abzuleiten. Es gibt schon Tracks, die allein durch ihre Abwegigkeit Freude machen – wie etwa das skizzenhaft-hysterische Fat Slut oder die unfreiwillig komische Rocknummer Teenage Hustling – aber es ist leider eigentlich alles in allem nur zu einfach, mit jedem Song ein déja vu zu erleben. So seltsam es klingt, American Doll Posse wirkt wie eine retrospektive, wie ein Best of – allerdings mit neuen Songs, die sich fluide durch die Geschichte der Musikerin schlängeln.

Dessen ungeachtet zeigt sich Amos nach der Dürre der letzten beiden Alben wieder spielfreudig und experimenteller, springt zwischen den typisch kammermusikruhigen Klaviernummern und lustvoll durcharrangierten Bandnummern her, die geradezu nach einer Live-Umsetzung schreien und die oft eine seltsam bombastische Rock-Pose zelebrieren, die an Queen erinnert. Vielleicht will Tori hier zu viel, will ihre eigene Juke-Box sein, zeigt zu viele Facetten auf einmal. In der Flut von 23 Songs sind viele gute, aber wenig sehr gute Tracks dabei, und am Ende kann man sich des Eindrucks nicht verwehren, dass Tori Amos nichts neues mehr zu sagen hat und – wie so viele viele Acts, die auf ähnlich lange Karrieren zurücklicken – in aller Entspannung zu «ihrem» Sound gefunden hat. Das kann man einer Künstlerin kaum vorwerfen – aber vielleicht ist die Zeit gekommen, wo man dann eben eigentlich auch keine neuen Alben von Tori mehr braucht, weil man ebenso gut wenn nicht sogar besser auf die alten Sachen zurückgreifen kann.

5. Juli 2008 16:07 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Death Cab For Cutie: Narrow Stairs

Death Cab for Cutie haben sich über die Jahre von der Indie-Band zum Mainstream-Act in erschreckender Coldplay-Nähe gespielt. Solche Vereinnahmungen lösen in jeder besseren Band unweigerlich den Wunsch nach Ausbruch aus. Die den Vocals von Ben Gibbard harmonierende eher elegisch-melancholische Musik, die Plans komplett dominierte, ist auf Narrow Stairs entsprechend eher rockigen Live-Sounds gewichen. Der Opener Bixby Canyon Bridge macht klar wo es hingeht: Auf den gewohnt ruhigen Einstieg folgen verzerrte Bässen, cymballastige Drums und ein Gitarrencrescendo, das die Softie-Dans von Death Cab deutlich verstören dürfte. Von der sonnenuntergangsleuchtenden Trauer der Band ist hier wenig geblieben, man fühlt sich eher an Radiohead erinnert, auch wenn der zweite Track – die Auskopplung I will possess your heart – dann doch im soliden Fahrwasser dessen bleibt, was im Radio laufen kann und der vielleicht schwächste Track des Albums ist. Aber insgesamt ist Gitarrist und Producer Chris Walla eine seltsam erdige Platte, eine sehr amerikanische Platte, gelungen, die ungewohnt unproduziert klingt, sehr direkt, oft etwas düster oder seltsam und insofern sehr gelungen. Gibbard und seine Band klingen sehr relaxt und springen fast durch sämtliche Indie-Guitar-Sounds der letzten Dekaden, auf eine verspielte Art, in der fröhliche Pixies-Artige Gitarren mit eher düsteren Texten kombiniert werden oder ausgedehnte experimentelle Soundstrecken die Möglichkeiten der Band ausreizen. Waren Death Cab auf Plans in Gefahr, in der Falle ihres eigenen Sounds höängen zu bleiben, scheinen sie sich auf Narrow Stairs sehr bewusst austesten zu wollen, ein Experiment, das gelingt, weil die Vocals und die sehr prägnanten Harmonien, die alle Songs von Death Cab seit den ersten Tagen durchziehen, einfach noch da sind und die usik bei allem Experiment eben doch ganz eindeutig immer noch Death Cab ist. Ich liebe es, wenn eine Band ihre Flügel spreizt, und wegfliegt vom kommerziellen Erfolg (ein Klassiker in der Popbranche seit den Beatles), und obwohl die Platte nicht der harte Bruch ist, den man sich vielleicht erhofft haben mag nach den ersten Interviews und Andeutungen aus dem Studio, ist sie unbedingt eine gelungene Erweiterung des Weidegebiets von Death Cab for Cutie, das eigentlich ab dem zweiten Album abgegrast zu sein schien. Es ist beachtlich, wenn eine Band sich auf ihrem sechsten Album nicht auflöst, sondern neu erfindet, nicht in REM-artiger Selbstwiederholung verharrt, sondern zumindest versucht. zu neuen Ufern zu paddeln. Narrow Stairs wirkt folk-rockiger, eben amerikanischer, und wirft der fröhlichen Besinnlichkeit der Death-Cab-Songs eine Schaufel Dreck zu, die den Songs eine neue Ehrlichkeit verleiht. Einerseits seit 1999 unverändert in der Grundmischung von Fröhlichkeit und Pessimismus, wirken Death Cab selbstbewusster, breitschultriger. Der überwiegende Teil des Albums bleibt dann doch allzu soft weghörbare Musik für die Neon-Generation, von der sehr wenig hängenbleibt, so dass der Versuch, vom eigenen Sound wegzukommen, am Ende eben vielleicht doch scheitert, Narrow Stairs der Versuch eines Ausbruchs ist, den die Band aber selbst vereitelt, weil sie zu sehr in ihren eigenen Möglichkeiten gefangen ist, eben nicht mehr kann als immer schon konnte. Aus meiner Sicht hat die Band ihre besten Songs in der Unschuld der ersten beiden Alben gemacht – und den allerbesten als B-Side versteckt-, und auch der etwas etwas härtere Sound von Narow Stairs wird natürlich nichts mehr daran ändern, das Gibbard, Walla und Co längst zu Konsensband geworden sind, aber es ist gut zu hören, dass die Band den Weg zur Stadionband nicht geht, ohne sich zumindest etwas gegen den eigenen Erfolg und die Beliebigkeit zu sträuben.

18. Juni 2008 09:27 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Police: LTU Arena, Düsseldorf

Wenn ein Veranstalter darauf hinweist, früh zu kommen, wenn man in den Innenbereich will, sollte ich das in Zukunft beherzigen. Als ich etwa 30 Minuten vor Konzertbeginn in der mit 50.000 Besuchern nicht wirklich ausverkauften, aber subjektiv schon zu vollen LTU-Arena ankam, war etwa in der Mitte des Innenraums eine Barriere aufgezogen und Zutritt jenseits des Blocks gabs nur mit den legendären Armbändchen. Nicht das erstemal, dass bei Großkonzerten diese Taktik gefahren wird – und ich hasse es jedesmal. Im vorderen Bereich der Halle war es dadurch deutlich zu leer und die Leute in den ersten Reihen nicht die besten Fans, sondern notorische Zufrühkommer. Insofern kein Konzert zum Mitfeiern, sondern eins, wo man nominell im Rahmen des Möglichen in der ersten Reihe steht (es sei denn, man will sich an drei Security-Leuten vorbeifighten), aber trotzdem gefühlte drei Kilometer weg vom Bühnengeschehen ist. Ganz zu schweigen vom Sound. Warum Leute diese Großkonzerte besuchen, wrd mir ewig ein Rätsel bleiben, geschweige denn, warum Bands sich einen Sound antun, bei dem bereits in der Mitte der Halle nur noch ein verhallter Brei überbleibt, aus dem ab und zu eine Bassdrum und eine Hihat herausragt, die Gitarre fast untergeht, der Bass erahnbar ist und einzig die völlig verhallte Stimme von Sting klar heraussticht. Ich kenn miese Bootlegs mit besserem Sound. Nichts dagegen, dass solche Stadion-Gigs für die Band eine Kapitalmaximierung sind – ein Konzert mit 50.000 Besuchern mal ca. 100 Euro sind besser als 10 Gigs mit 3000 Leuten für 50 Euro. Aber als Besucher hat die Sache mit Live-Erlebnis wenig zu tun, vor allem, wenn man Police bisher in kleineren Venues erlebt hat (Gruga, Dortmunder Westfalenhalle).

Generell ist es so, dass die drei Mann von Police in der gigantischen Halle etwas verloren wirken – da rettet auch die bei solchen Großkonzerten übliche LED-Technologie, Lichtorgie und Videowand nichts. Die Musiker gehen in der gigantischen und etwas beliebig wirkenden Lichtorgel unter, und können sich, um von den Kameras auch bloß gut aufgenommen zu werden, auch nur noch sehr eingeschränkt bewegen. Während rüher bei Police ein permanentes Jogging und Springen angesagt war, wurde dieser Gig mehr stur an einer Stelle stehend heruntergespielt – was natürlich auch mit dem Alter der Protagonisten zu tun haben kann. Zudem kommen der Sound von Police und Stadion etwa so gut zusammen wie Autokino und Achterbahn – das filigrane Gefrickel von Andy Summers und Stewart Copeland verliert sich in der Hallsuppe des Raumes und die Band reagiert darauf, indem sie scheinbar bratiger und geradliniger spielt – Copeland brettert teilweise einfach nur noch auf den Becken herum und spielt deutlich reduzierter, um sich nicht im Soundbrei ganz zu verlieren.

Das Publikum macht mir etwas Angst. Mag sein, dass ich auf zu viele kleine Konzerte gehen, wo ich der Old Man bin, aber es ist … weird, neben Leuten zu stehen, die sich BEGEISTERT vom letzten Fury in the Slaughterhouse oder Reamon-Konzert erzählen. Ich meine, wer geht denn da bitte hin??? Wenn du das fünftmal solche Kommentare von Leuten neben dir hörst, bekommst du die ersten Zweifel am Publikum. Police, das war mal DubNewWavePunk, aber hier knutschen die Pärchen bei den unvermeidlichen Hits herum und neben dir (in der 60. Reihe wohlgemerkt) flippen Leute am Crowdbreaker aus, die rein optisch ansonsten in irgendeiner Steuerbehörde Formulare ausfüllen. Das ist, kurz gesat, gruselig, aber das Publikum ist mit der Band gealtert, arriviert, bürgerlich, pummelig. Das sind die Leute, die auf Ü30 und Ü40-Parties gehen und immer wieder gern With or without you von U2 hören wollen, oder eben (seufz) Every Breath you Take.  Leute, die 90 Euro über haben, um ihre Jugend nochmal aufflackern zu sehen. Leute wie ich also, nur, dass ich hier hochgradig fehl am Platze bin. Das Publikum feiert natürlich (berechenbarerweise) die genau falschen Songs. Bei Demolition Man oder Hole in my Life gibts verwirrte Blicke, bei Roxanne und So Lonely wird natürlich ausgeflippt, da lassen Uschi und Horst die Sau raus. Vielleicht haben Police es verdient, als ihre eigene Coverband auftreten zu müssen und vor diesen Leuten spielen zu müssen, aber wenn du genau hinsiehst und -hörst, merkst du, wie sehr es der Band an den Nerven spielt, im Rentenalter immer noch die gleichen Sachen spielen zu müssen. Da werden die großen Hits gerade am Ende des Konzertes geliefert, aber eben wirklich geliefert. Die Band versucht teilweise dekonstruktiv an die Sachen heranzugehen und verliert sich zu meiner großen Freude ausgerechnet bei meiner persönlichen Hassnummer Roxanne in einer großartigen Jamsession, die nichts mehr mit dem Track an sich zu tun hat, um dann – und da merkst du, es geht vom Fun zurück zur Arbeit – noch einmal den Refrain rauszuklotzen, damit die Leute mitgröhlen können.

Was schade ist, denn die freieren Teile, in denen die Band etwas vor sich hin frickeln kann, sind grandios. Police zeigen streckenweise, wie sehr sich die musiker mit dem Alter gewandelt haben. Es ist die gleichen Musik wie Mitte der 80er, als die Band sich auf dem Zenith des internationalen Erfolgs auflöste, aber gespielt nach einer persönlichen Evolution, die vor allem bei Sting und Andy spürbar ist. Andy hat nach zwei Dekaden als eher esoterischer Jazz-Gitarrist ein Können erreicht, das dem seiner Police-Zeit weit voraus ist. Live bekommt er weiten Raum für Soli und entwirft Klangwelten, die hypnotische Eleganz haben. Als der Älteste der Band macht er rein optisch keine gute Figur, aber spielerisch hört man zwanzig Jahre Übung, Training, Entwicklung in jeder Note, auch wenn er sich mal verspielt. Experimenteller und spiritueller denn je ist der ohnehin immer schon markante Gitarrensound von Police und das ist eine unfassbare Bereicherung. Sting selbst hat ebenfalls eine Karriere hinter sich, die ihn einen weiten Weg vom nasal klingenden Shouter von Outlandos D’Amour gebracht hat, hin zu einem eher im kratzig.tiefen Bereich brillierenden Vokalisten, der zwar nur noch kommerziellen Mist produziert, aber dennoch eine der markantesten Stimmen der Branche besitzt. Und so klingt dieses Konzert ungewöhnlich, weil Sting nahezu jeden Track relaxter, bluesiger singt als früher, anders phrasiert, andere Betonungen setzt, Strophen schleift und Refrains reduziert. Sein Gesang erinnert eher an die Police-Coverversionen, die er bei MTV Unplugged gesungen hat, es ist Police 1980 gesungen von Sting 2008. Und das bringt die Musik in einen komplett neuen Kontext. Zusammen mit der scheinbaren Rücksichtnahme auf Stewart Copeland, der gegen Ende des Gigs zunehmend greifbare Probleme hat, seinen jugendlichen Drive an den Drums aufrechtzuerhalten (der aber trotzdem eine stellare Performance hinlegt, unfassbar, wie gut Stewart immer noch ist), sind die Tracks insgesamt etwas langsamer geworden, ruhiger. Obwohl die Band auch ordentlich auf die Pauke haut, sind die besten Momente immer jene, in denen sie die Tracks weitgehend verändern, filtern, remixen. Du merkst manchmal, wie das Publikum einen Track am Anfang kaum erkennt (Voices Inside My Head/When the World ist running down – grandios gemacht) und auch in den Songs selbst liefern Police immer wieder großartige Breakdowns, in denen sie fast frei improvisieren und zeigen, wie gut diese Band sein kann, wenn sie sich für einen aus dem Korsett der Greates-Hits-Machine befreit. Gerade am Anfang des Gigs leisten sich The Police den Luxus, auch mal Semi-Hits zu spielen (Driven to tears, Invisible Sun, wo übrigens ein unsagbar kitschiger Video lief mit bettelnden Kinderaugen, surreal schlecht) und diese Freiheit tut dem Konzert gut, es sind ausnahmslos die Offbeat-Songs, die wunderbar reinterpretiert und ausgebaut sind, während die Crowdpleaser relativ rausgerotzt wirken. Wenn die band aber aufspielt und sich in der Musik verliert, entstehen unsagbar gute Momente, deren psychedelische musikalische Energiezeitlos und beachtenswert ist. The Police sind live immer noch eine Größe für sich.

Trotz oder gerade wegen des fortgeschrittenen Alters liefern Police hier wirklich ein Konzert ab, das einen Neuigkeitswert hat. Wo andere Bands, die nochmal aus der Rente kommen, um sich den Ruhestand mit einer letzten Welttournee zu finanzieren eher musikalisch mieser wirken als zuvor, zeigen Police einen tatsächliche Fortentwicklung des vertrauten Materials, die ich so nicht erwartet habe und die das Konzert trotz der vielen Stadion-Rock-Probleme absolut erlebenswert machen. Es ist ein bisschen morbide, eine abgehalfterte Band, die durch ein solches Comeback immer Gefahr läuft, den eigenen Mythos zu zerstören, zu sehen – aber Police reißen das Steuer wirklich herum und liefern einen Gig, der zugleich nahtlos an die Glory Years anschließt und dochklar die Entwicklung der Bandmitglieder in der Zwischenzeit – vor allem eben Stings geändertes gesangliches Spektrum – respektiert.

Einen surrealen Moment gibt es dann allerdings am Ende, als die Band bei Next to You eine Art Collage von Photos und Videoschnipseln vergangener Zeiten zeigt. Vor der Folie dieser Bilder von jungen Typen um die 20/30, die noch nicht wussten, dass sie am Anfang einer der größten Karrieren der Popgeschichte und einem unweigerlich dazugehörenden Trip in die Entfremdung von sich selbst standen, haben die drei Männer auf der Bühne etwas rührend vergängliches, etwas trauriges. Wenn das Publikum nach dem Konzert auf dem Weg nach draußen sanft sagt :«Alt sind ‘se geworden», dann meint es im Grunde sich selbst. The Police stehen gegen den Zahn der Zeit auf der Bühne, spielen gegen die eigene Unwichtigkeit an, wollen sich wie alte Cowboys noch einmal beweisen. Sting, graubärtig und sonnengegerbt sieht nicht umsonst aus wie ein altgewordener Seemann, der noch einmal auf Walfang gehen will, und stellt nicht umsonst im engen Netzshirt seinen unverändert großartigen Body aus, dokumentiert seine Vitalität, schreit mit reibeiserner Stimme gegen das absehbare Karriere-Ende an. Hier fackelt eine Band das letzte Feuerwerk ab, feiert eine letzte Auferstehung, und man fragt sich vor allem, wie es für Stewart und Andy, die neben The Police eigentlich nie viel in ihrem Leben gepackt gekriegt haben (während Sting den Ruhm zumindest in eine achtbare, wenn auch künstlerisch zunehmend insignifikante Solokarriere ummünzen konnte), sein muss, wenn das einzige große Ding in deinem Leben diese sechs Jahre Police sind – bis hin zum hohen Alter, wenn du einen Schatten dieses Ruhms nochmal mühsam reanimierst – wenn man also 80% seines Lebens als Has-been verbringt und von der glimmenden Restwärme eines kurzen Novamomentes existiert. Wie schon Copelands Everyone stares-Film bleibt ein seltsamer Nachgeschmack, bei dem das Leben als Popstar eines der traurigsten ist, dass man sich denken kann – vor allem, wenn es vorbei ist.

9. Juni 2008 13:11 Uhr. Kategorie Live. Tag . 3 Antworten.

Jennifer Rostock: Hundertmeister, Rostock

Es gibt auf  den ersten Blick eigentlich reichlich Gründe, Jennifer Rostock nicht zu mögen. Dass die Band schon ab dem ersten Album Major-Deal-Act ist und sich entsprechend vermarktet, entsprechend ein wenig zusammengecastet wirkt – die übliche Frontfrau mit den üblichen, in diesen Fall dezent wie Ramones-Lookalikes rumlaufenden Jungs an den Instrumenten. Der permanente Vergleich mit Ideal. Und so weiter. Was man eben an den ganzen neuen deutschen Acts, die mit reichlich Geld hochgepusht werden sollen, alles nicht mögen kann.

Auf der Bühne zeigen Jennifer Rostock dann aber, das mehr an Ihnen dran ist als bloß Germany’s Next Chartwonder zu sein. Wo Bands wie Juli und Silbermond eher konsenstauglich auftreten, pushen JR ihr all zu glatt produziertes erstes Album an die Grenze zum Punk.  Jennifer Weist geht in ihrer Rolle als Nina Hagens Wiedergängerin spürbar auf, kiekst, kreischt, punkt das Publikum an und stellt erst mal klar, das ihre Mumu manchmal aus dem Schlüpfer zu gucken versucht, also Vorsicht in der ersten Reihe. Die Band mischt die 90er-Kitsch-Keyboard-Rolandsounds und die analogen Sequencerklänge von Joe, die im Hundermeister soundtechnisch irgendwie untergehende Gitarre von Alex, der rein optisch sympathischerweise noch am wenigsten in das ansonsten derb Hauptstadt-Szene-Myspace-Konzept der Band passt, die geraden Rockbasslines von Christoph zu einem soliden Block, den vor allem das bemerkenswert auf den Punkt kommende, brachiale, groovende und druckvolle Schlagzeug von Baku zusammenhält – das Ergebnis ist erstaunlich ordentlich hörbare Mucke. Die 45 Minuten Set kommen WHAMWHAMWHAM rausgeschossen und man merkt, dass die Band alles tut, um bloß nicht zu kantenlos rüberzukommen und fast wütend gegen die eigenen Juli/Silbermond/Mia-Schublade anzockt. Dass vor der professionell in die Zugabe gepackten Single «Kopf oder Zahl» erst mal aufs Derbste Devo’s Mongoloid rausgerotzt wird zeigt, ebenso wie Joe’s 90s-Trashpop-Keyboardeinlagen, dass die Band eigentlich mehr sein will und mehr sein kann als nur ein Act, den Warner bei Stefan Raab platziert. Versoffener, dreckiger, punkiger, sexier und insofern richtig gut. Gut denkbar, dass aus dem Warner-brauchen-eine-deutsche-Band-im-Portfolio-Act im nachhinein noch eine echte, eine richtig gute Band wird, die mehr will als nur in die Charts. Auf der Bühne kommt das jedenfalls so rüber, und das obwohl die Band offensichtlich an dem nicht so ganz derbe mitgehenden Publikum in Duisburg leidet und obwohl eben das Publikum etwas strange ist – zum einen die zu erwarteten Myspace-Kids mit ihren Emo-Outfits, zum anderen aber auch Typen, bei denen man echt Angst hat, die sind echt nur wegen Jennifers Mumu gekommen und zählen schon die Tage, bis die Dame sich im Playboy auszieht. Aber keine BAnd kann was für ihre Fans, oder? Und bei dem Druck in der Musik und der gnadenlosen Rampensau-Schiene von Jenny sollte die Combo bei den Festivals diesen Sommer den etablierten Acts ordentlich das Wasser abgraben, mein Lieber.

Hier ein paar super Live-Photos von Carsten Deckert:


Testspielen für Bands-vs-Fans, wobei Whiskey eindeutig die Nase vorn hat.









8. Juni 2008 18:51 Uhr. Kategorie Live. Tag . 7 Antworten.

Lou Rhodes: Bloom

Die erste Minute macht klar, dass Rhodes hier etwas anders auftritt als bei Beloved One, ihrem Debut-Soloalbum. Nach einem kurzen Auftakt in ihrem typischen Stakkato-Gitarrenspiel kommt breit und wuchtig die Band ins Spiel. Ende der Bescheidenheit, Ende der minimalistischen Introspektion – Rhodes bleibt ihrem Sound treu, aber traut sich wieder, episch zu klingen. the rain ist akustischer angelegt als Lamb-Stücke und hat kompositorisch klar ihre eigene, aus dem Meer von Singer/Songwriterinnen herausragende Note, aber ist auch eindeutig nicht mehr so unterproduziert wie die Tracks der ersten CD. Insofern erinnert Bloom an die besten Suzanne-Vega-Alben, die klar VegasStimme und Gitarre in den Mittelpunkt stellen, ohne zuviel Brimborium, die aber zugleich doch mehr bieten als reines New-Folk-Ambiete. Man hlört noch, woe der Song einmal herkam, als er in irgendeinem Hotelzimmer geschrieben wurde, aber man kriegt auch etwas mehr als nur Brot und Wasser – und seien es wie bei Never Loved a Man (Like You) nur minimales Glockenspiel, String Quartett und etwas Percussion. All We Are schwingt sich fast – aber nur fast - zu Lamb-artigem Bombast auf. Lou Rhodes markante Stimme entfaltet ihre magische Kraft auf jedem Song und zieht dich schnell unter die warme Decke, um dir ihre seltsam melancholischen Geschichten zu erzählen. Dabei wird Rhodes nie so kalt und hoffnungslos und metallisch wie etwa Beth Gibbons auf dem neuen Portishead-Album, sondern durchtränkt jeden Song mit einer spirituellen, hoffnungsfrohen Grundstimmung. Rhodes Gefühlsbeben sind dialektisch, Licht und Schatten ziehen wie Wolken vorbei.

Die aufwendigere Produktion ist ein große Geschenk, denn das zweite Album offenbart etwas, was bei Lamb niemals groß aufgefallen ist: Rhodes ist eine relativ einseitige Komponisten. Ihr Gitarrenspiel und ihr Gesang sind großartig, aber nicht wirklich abwechslungsreich. Jeder Song ist für sich genommen ein Gewinn, aber als Album rauschen die Tracks auch etwas vorbei. Die stets gleiche Zupfgitarre, die stets gleichen Harmonien und Phrasen, die gleichen Wendungen zum Refrain hin – so großartig Rhodes sich auf den Punkt bringt, so sehr vermisst man auch etwas Abwechslung, die Songstruktur schlafwandelt immer am Abgrund der Beliebigkeit. Bei Lamb – mit Andy Barlow als Gegengewicht – war Rhodes zum Konflikt, zum Diskurs gezwungen und die elektronischen und perkussiven Elemente von Barlow haben jedes Lamb-Album immer frisch gehalten, auch wenn auf den beiden letzten Alben Rhodes Handschrift deutlich klarer wurde. Auch wenn Rhodes immer noch weitgehend auf elektronische Instrumente verzichtet, tut der geöffnete Sound – und die Zusammenarbeit mit Stephen Junior und Emre Ramazanoglu - dem gesamten Projekt wirklich gut, bringt Dynamik und Abwechslung ins Spiel, und man merkt, dass man ein weiteres Album nur mit Gitarre und Gesang wahrscheinlich auch einfach nicht gebraucht hätte.

Bis jetzt legt Rhodes eine atemberaubende Solokarriere hin – konsequent in der Rückbesinnung auf traditionelle Instrumente und ihren schmerzhaft schönen Gesang, aber zugleich suchend und abwechslungsreich, neugierig. Man darf also gespannt auf diedritte Scheibe sein…

9. Mai 2008 09:34 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Get Well Soon Live FZW Dortmund


Es ist die Krux des kleinen Saales und des großen Klangs – Konstantin Groppers Get Well Soon zelebrieren auf ihrem Debutalbum einen dichten Wall of Sound, den man sich ohnehin nur schwer 1:1 auf der Bühne vorstellen kann, geschweige denn auf einer so kleinen wie der des absolut vollgepackten FZW. Wo Rock und Punk durchaus erdig und pur wirken, ist die schwerelose melancholische Musik der jungen Band einfach zu sehr geerdet, aus dem Orbit von Hall und Überproduktion auf die kalte Erde herabgezogen. Der Sound ist sehr schwierig, Teile der Instrumente dominieren die Halle schon von Bühne aus  – allem vorweg die Drums und die Bläser – während andere Instrumente sich kaum durchsetzen können, wie etwa die Keyboards oder der Bass. Das Soundgerüst ist eher das einer schlechten Schülerband – und das entzaubert gewaltig. Aus elegischen, sphärischen Soundkonstruktionen werden so sich etwas bleiern hinschleppende Songs, die nie wirklich nach vorn kommen, aber auch nie wirklich erhebend, hypnotisch wirken. Die Band gibt sich redlich Mühe, die meisten Musiker spielen relativ brav aber engagiert ihre Parts herunter, einzig der Drummer versucht sich an mutigen Fills und Breaks – die mal wunderbar gelingen, mal aber auch einfach nur die Songs zerstören und mitunter etwas aufgesetzt, einfach overplayed wirken.

Get Well Soon spielen die Tracks des Albums relativ 1:1, sogar in der Reihenfolge der Platte, herunter, ohne großen Freiraum für Improvisation oder Spiel, was angesichts der kompositorischen Dichte der Stücke verständlich ist, aber auch schade wirkt – ein mittlerer Block von unbekannten Stücken, von denen Gropper sagt, sie kämen aus seiner Mottenkiste, wirkt druckvoller und mehr für Live ausgesucht als die Stücke von Rest now Weary Head… , die nun nicht unbedingt zum Tanzen einladen, sondern eher zum hinhören. Entsprechend ruhig ist das Publikum, das eher versonnen hin und herswingt und sich der Musik hingibt, die im Verlauf der Konzertes an Souveränität und Kraft gewinnt und sich zwischendurch zu wunderbaren Höhen aufschwingt, die in ihrer Breite an Sigur Ros erinnern.

Irgendwie bleibt es ein Konzert, das nie richtig abhebt und stellar wird, das aber auch nie mies ist – die Musiker wirken, als hätten sie auch auf der Bühne mit Soundproblemen und schlechtem Monitoring zu kämpfen und ackern sich insofern etwas unentspannt durch die Tracklist. Insgesamt die Sorte Konzert, bei der man sich wünscht, dass die Combo etwas mehr Erfahrung miteinander sammelt und somit souveräner im Spiel wird – und vor allem ganz einfach den Sound und das Licht, den die Musik verdient. Und ich denke, dann können Konzerte von Get Well Soon aber mal so ganz, ganz großartig werden. Und dann kann man sagen, wie geil es war, die schon gehört haben,. als sie noch in kleinen Clubs gespielt haben und wie sehr man sich diese Zeiten zurückwünscht :-D.


12. April 2008 19:48 Uhr. Kategorie Live. Tag . 3 Antworten.

Polarkreis 18 Konzerthaus Dortmund

Benedikt Stampas Konzept, die heiligen Hallen eines klassischen Konzertsaals auch für (Unplugged-)Popkonzerte zu öffnen und interessante deutsche Acts nach Dortmund zu holen, ist oft durchwachsen, im Idealfall aber hochspannend. Bei einer Band wie den Dresdener Indie-Quintett Polarkreis 18, deren Sound generell nicht ganz so weit weg ist von Sigur Ros oder Radiohead, wenn auch lange nicht so vertrackt/verkopft, funktioniert es bestens. Die Combo um Felix Räuber tritt mit obskuren Instrumenten bewaffnet – darunter eine batteriebetriebene E-Gitarre, eine Bohrmaschine, Xylophone, Kinderpiano, aber auch Flügel, Ziehharmonika und ein grandioses Ludwig Silver Sparkle Drumkit – in den gigantischen Hallraum des großen Saales und macht sich die hallige Akustik zu eigen. Wo andere Bands in der Weite des allzu ruhigen, allzu hohen Raums scheitern, kommt die helle Kopfstimme des Sängers erst richtig zur Geltung. Präzise und mit Spielfreude haut die Band ihre sphärischen Songs in reduzierterer Version in den Saal, und Christian Grochaus dynamisches, feinfühliges und bei aller Ruhe stets großartig, mal leicht jazzig angehauchtes, mal wuchtigrockiges Schlagzeugspiel sorgt tatsächlich dafür, dass die Sache nicht vor die Wand fährt. Das Kit klingt schon von der Bühne perfekt, mit einer wunderbar kickenden Bassdrum, kristallklaren Becken und einer wunderbar schleppenden Snare – very oldschool. Räuber beginnt das Konzert bereits fast mit einem Höhepunkt, allein am Klavier, und ab diesen Moment gibt es keinen einzigen Durchhänger, bis zum Ende der zwei Zugaben und (zu kurzen) 90 Minuten Konzert. Mit viel Spaß, brillianten Einlagen, smarten Ansagen und einer bescheidenen, aber smarten Lichtkonzeption fightet sich Polarkreis durch den Raum, der – ehrlich gesagt – einfach keine Partystimmung aufkommen lassen will, egal wie sehr die Band auf der Bühne tanzt. Trotzdem ist der Applaus begeistert, Standing Ovations, und mehr als verdient.

30. März 2008 19:24 Uhr. Kategorie Live. Tag . 7 Antworten.

Hot Chip: Made In The Dark

Wie immer ist das erste, was bei Hot Chip auffällt, das Cover, ein planetoides Labyrinth das in Kupfermetallic auf türkisen Untergrund gedruckt und geprägt ist. Eyecatching und tatsächlich passend zu dieser Platte, die seltsam, vielschichtig, befremdlich ist wie ein fremder Planet, der auf einmal im Erdordbit erschienen ist. Wer nach The Warning eine weitere perfekte Pop-Platte erwartet hat, wird sich überrascht finden. Made In The Dark kann zwar mit Ready for the Floor durchaus auch Happygolucky-Pop vorweisen, ist aber insgesamt deutlich vielschichtiger und experimenteller geworden. Shake A Fist veräppelt den French-Electro-Studioexzess, Bendable Poseable ist wunderbar weird und überhaupt toben sich die fünf Jungs um Alexis Taylor und Joe Goddard in allen Richtungen aus, teilweise mit deutlich mehr Live-Flair, sogar mal mit dezentem Verzerrer auf der Gitarre, aber auch mit mehr Introspektion. Es scheint, als wären Hot Chip jetzt da, wo die Beatles bei Revolver waren – ohne die beiden Bands wirklich gleichsetzen zu wollen -, weg vom Pop, hin zu neuen Ufern, überraschend, glitzernd, gefährlich. Da wirds dann mitunter auch mal seicht – We’re Looking for a lot of love - und natürlich überwiegt trotz Balladen wie dem Titeltrack der Anteil an fröhlich nach vorn startenden Nummern, aber Made In The Dark lässt sich beileibe nicht mehr so kantenlos weghören wie der Vorgänger. Insgesamt immer noch steril – diesen Touch wird britische elektronische Musik nie ganz los – erinnert Hot Chip mitunter mehr an Heaven 17, die durch eine Art kunterbunten Fisher-Price-Plastik-Fleischwolf gedreht wurden, als einem lieb sein könnte. Manches erinnert an LCD Soundsystem, manches in der Quirligkeit an They Might Be Giants, und das sind beides durchaus ja keine schlechten Adressen, wenn man schon Vergleiche anstellen will. Viele Stücke, die anfangs in Richtung A zu gehen scheinen, entwickeln im Verlauf ein seltsames Eigenleben, so als wären Hot Chip von der eigenen Berechenbarkeit gelangweilt – das Ergebnis ist ein Album, das nie wirklich langatmig wird und zugleich glanzpolierter Oberflächen-Pop auf der Höhe der Zeit ist, aber eben doch auch ein eigenständiges künstlerisches Statement, das eine aktive Auseinandersetzung einfordert.

27. Februar 2008 10:43 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Get Well Soon: Rest Now, Weary Head, You’ll Get Well Soon!

Was will man zu diesem Album noch sagen? Es ist das meistgehypte deutsche Album des jungen 2008 und das zu Recht. Jeder betont, dass es ast unglaublich, dass solche Musik ausgerechnet aus Deutschland kommt – und das zu Recht. Jeder ist verblüfft, dass Konstantin Gropper quasi aus dem Nichts binnen vier Jahren ein atemberaubendes, vielschichtiges, sanftes, gefühliges, unverschämtes Meisterwerk produziert hat, das sich problemlos an Acts wie Radiohead, Broken Social Scene oder Beirut, IAMX, Calexico oder Nick Cave und Arcade Fire messen kann, ohne jemals nach Kopie zu klingen? Und dem ist wenig hinzuzufügen. Abgesehen von einem der übelsten unnötigen Polygonlasso-Freisteller, mit dem Gropper sich selbst in sein (eigenes!) Artwork hineingefrickelt hat, ist nichts an diesem Album schlecht. Nichts. Es ist geradezu eine Frechheit, wie absolut unglaublich dicht, atmosphärisch und opulent diese Platte ist, wie weltschmerzig, wie durchflutet von fast Morriseyschem Pathos Konstantin Gropper sein Debut produziert (ohne dabei allerdings auch nur näherungsweise wie Moz zu jaulen, auch wenn die ausufernden Songtitel schon in die Richtung weisen). Das Schreckliche an Get Well Soon ist: Jeder Millimeter des Hype, jeder Fetzen Propaganda ist absolut berechtigt. Jeder Song des Albums ist gut, wird bei wiederholtem Hören nur besser und auch wenn es zutiefst melancholische, melodramatische Musik ist, wird es niemals oberflächlich kitschig oder verlogen, egal wie sehr Gropper die Geigen und Chöre hervorholt. Schwermütig und leichtfüssig zugleich – und so klischeebesetzt das klingt, so schwer ist es wirklich, damit davonzukommen – überbordend, überladen, überfrachtet. So ein Album dürfte keine Sekunde funktionieren, dieser komische Südstaatentwang, der morbide Kitsch, der noch jenseits von Philip Boa dahergenuschelte Gesang (der übrigens von den Guestvocals hervorragend gekontert ist, unter anderem von der ja stets umwerfenden Maike Rosa Vogel («let go»), die hoffentlich bald mal ihr eigenes Album rausbringt, please). Und es klappt trotzdem. Nicht nur überzeugend, sondern überragend. Es gibt selbst international nur wenige Bands, die diesen Standard so elegant hinlegen. Das erschreckende ist tatsächlich die Erkenntnis, das so eine Platte, wie man sie aus den Vereinigten Staaten oder Großbritannien ja durchaus vergleichbar kennt, wirklich und wahrhaft in dieser Form nicht zuvor in Deutschland gedacht und gemacht wurde. Es ist der Soundtrack der Globalisierung, eine Musik die völlig unverortbar ist, keinen geographischen Standpunkt mehr hat außer dem, den der Musiker in sich trägt. In dieser Form musikalischen Mimikrys zumindest gleicht Get Well Soon Beirut erschreckend, beide Bands zitieren musikalische Chiffre, die andere Wurzeln als die eigenen nahelegen. Verdammt dumm, schon im Januar das Gefühl haben zu müssen, dass so eine Platte schwer zu toppen sein wird. Get well soon ist völlig eigen und eben daher vielleicht auch Konsensmusik und wird sich in atemberaubendem Tempo vom Breakthrough zum Bestseller entwickeln. Völlig verdient, denn jede Sekunde des Albums verströmt die Liebe und das Herzblut von Gropper, Get Well Soon verdienen jeden Erfolg, den sie nur bekommen können.

29. Januar 2008 17:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . 3 Antworten.

Gonzales: Solo Piano

Diese 2004 in Paris von dem Exil-Kanadier Jason Beck alias Gonzales nach seinem Umzug von Berlin nach Paris (und von Kitty Yo zu Universal) aufgenommene Platte ist ein seltsames Stück. Nicht nur weit weg von dem gewohnten Sound von «Chilly Gonzales». Nachdem er mit seltsamen Hiphop-Crossover, Remixes, Produzent und als Multiinstrumentalist bei verschiedenen Projekten mitwirkte, ist Solo Piano eine Studie in Sachen Minimalismus. Aus einem normalen Klavier eingespielt, nicht Flügel, mit einer eher bescheidenen analogen Aufnahmequalität, wirkt das Album wie eine bewusste Kehrtwende weg vom elektronischen Sound. Mit dieser Mischung ist er nicht ohne Grund in diesem Jahr sowohl solo als auch mit Freund Mocky einer der vielen mehr als hörenswerten Gäste beim Donaufestival.

Solo Piano dürfte die Geister scheiden. Nicht nur wegen des mulligen, sehr warmen Klangs, dem es an Obertönen und Klarheit fehlt – auch weil die Musik ebenso warm und einlullend ist. Gonzales hat wenig Scheu, auf diesem Album oberflächlich etwas süßlich-belanglos zwischen Satie, Keith Jarret, Yanni Tiersen und vielleicht auch noch Richard Claydermann zu irrlichtern. Die Kompositionen sind niemals wirklich bissig, immer eher naiv, und das Tastenspiel hat eine langsame, suchende Qualität, die Lichtjahre hinter der Virtuosität anderer Pianisten zurückliegt. Auf der anderen Seite haben die Stücke eine beiläufige Ruhe, eine Introvertiertheit, einen naiven Charme, der glaubhaft ist. Wie bei Piano-CDs so oft und so oft unvermeidlich, ist die Platte etwas an der Grenze zur Entspannungsmusik, Rotweinsound, dieses traurigschöne melancholische Ding, das so schnell ins süßliche kippen kann. Aber die lo-fi-Aufnahme und die offenbare Suche nach Klängen, die Gonzales betreibt, machen die Sache glaubhaft, ebenso die augenzwinkernden Titel, deren leiser, urbaner Humor sich in die Songs schummelt. Es ist Gonzales gelungen, tatsächlich eine Platte zu machen, die Heimweh und zugleich einen Hauch Pariser Nachtflair einfängt, einen Soundtrack ohne Film zu machen.

Die Stücke klingen zackig durchgeplant, kleine Miniaturen, Stilleben. Grenzwandelnd zwischen jazzigen und klassischen Anschlägen, oft mit fast kleinkindartigen Melodiebögen, oft nur noch einen Hauch vom Kitsch, vom Allzuharmlosen entfernt. Die Kompositionen sind so irreführend leicht und eingängig, dass man sie allzuschnell unterschätzen kann, allzu schnell in den Amélie-Topf werfen würde. Dabei ist es nur eine neue Form der Bescheidenheit, die hier Regiment führt. Von «Gonzales über alles», wie Chilly sein Debut nannte, ist hier nicht mehr viel zu spüren. Solo Piano folgt stockenden Akkorden und perlenden Melodien, durch ein Flair von Herbstwind und Stummfilm-Grauschleier, durch Rotwein in der Nacht und Kaffee und Toast zum Frühstück. Die Sorte Musik, die dich dazu bringt, über die wichtigen Dinge reden zu wollen oder einfach zu schweigen und zuzuhören.  Es ist eine unerhört intime Platte, deren Bittersweetness man sich nach einigem Hören einfach ergeben muss, die wenig von Jarrets intellektueller Schärfe aufweist, sondern eher wie persönlich für dich kurz eingespielt klingt, die eine unerhörte Ehrlichkeit hat, wie ein Liebesbrief von Jason Beck an dich.  Jedes Stück ist ein, wie das Inlay-Poster nahelegt, kleiner Schattenriss eines größeren Songs, eine minimale Skizze, ein Blueprint, in dem alles wichtige gesagt und angelegt ist. Solo Piano ist eine bescheidene, Genregrenzen überschreitende Aufnahme, die man unbedingt haben sollte.

28. März 2007 07:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . 3 Antworten.


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