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Track your life

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Einer der spannendsten Aspekte an der Äther-Revolution ist die von (ich glaube) Bruce Sterling vor langer Zeit vorausgesagte Ära der miteinander «plaudernden» Geräte. Der Parasitenmarkt rund um (derzeit vor allem) Apple und Android, die via WLAN, Bluetooth oder noch ganz altbacken per Kabel mit dem zentralen Gerät verbunden sind und Daten austauschen, wächst rapide. Dieser Trend unterstreicht, wie sehr sich Smartdevices als die von Apple vor fast zwei Dekaden mit dem Newton noch als peinlicher praecox angekündigter «personal assistant» etablieren. Unsere Musik, unsere Photos, unsere Lieblingslokale, unser Tagebuch, unsere Kommunikation mit Freunden – auf mitunter erschreckende Art und Weise zeichnen wir unser gesamtes Leben mit einem Verbund von kleinen technischen Geräten ab. Wir sind dabei naiv genug, uns nicht all zu sehr zu fragen, was all die Firmen machen, die unsere Daten freundlicherweise in der Datenwolke für uns aufbewahren und wie sicher die ganze Sache ist – obwohl genau diese Frage in Zukunft wahrscheinlich so wichtig sein wird wie in den 80ern die friedliche und militärische Nutzung von Nuklearmaterial. Es ist heute nicht mehr ganz unsinnig, dass wir in ein oder zwei Generationen nach dem Tod einen «Cutter» brauchen, wie in Omar Naims Film »The Final Cut« von 2004, bei dem zur Trauerfeier als Rememory eine vom Cutter gezielt editierte Fassung des von einem eingepflanzten Mikrochips aufgezeichneten Lebens des Verstorbenen gezeigt wird. Und machen wir uns nichts vor – von hässlichen Google Glasses zu einem Implantat ist wahrscheinlich nur noch ein kleiner Schritt, den vielleicht zuerst diejenigen tun werden, für die das Body-Morphing heute schon durch Piercing oder Tattoos zur Alltagskultur gehört.

Ein kleiner, aber signifikanter Trend hierbei ist das Body-Monitoring. Nach elektrischen Waagen, Blutdruck- oder Blutzuckermessgeräten und Apps, die den Schlaf «messen» sollen, kommt jetzt eine erste, noch eher belustigende erste Welle von Fitness-Trackern. Neben dem bereits wieder aufgrund baulicher Mängel eingestellten »Up« von Jawbone und dem im August erscheinenden, aber in der US-Kritik bereits sehr schlecht angekommenen »Fuelband« von Nike überzeugt hier vor allem das »Fitbit Ultra«.

Das etwa USB-große Gerät wird an Gürtel oder Hosenbund befestigt und fällt damit deutlich weniger auf als bisherige Armband-Lösungen. Der Sensor funktioniert im Grunde wie die damit scheinbar wieder en vogue seienden Pedometer aus den 80ern, er misst einfach die Schrittzahl und die relative Höhe, so dass auch (sehr vage) erklommene Stockwerke angegeben werden. Mit dem dünnen Klettband kann der Clip auch nachts am passiveren Arm getragen werden und trackt dann Bewegungen im Schlaf und tut dies zumindest verlässlicher als vergleichbare Apps, die mit dem iPhone-eigeneren, weniger empfindlichen Sensor arbeiten. Via USB an den Rechner angeschlossen ist die Basisstation des Sticks, die nicht nur zum Laden des mehrere Tage ohne Laden funktionierenden Akkus dient, sondern auch wireless alle 15 Minuten Daten über das im Fitness-Geräte Bereich oft übliche ANT empfängt, sobald der Stick sich einige Meter in Nähe der Station befindet. Die Daten werden auf einer an nike+ erinnernden Site und auf einer enorm unbefriedigenden App dargestellt, außerdem kann sie – wie bei Withings und anderen Anbietern – von manchen Apps von der Site importiert werden. Aber auch direkt am Gerät wird die Aktivität angezeigt – der Stick zeigt mit einem dezenten OLED nicht nur aktuelle Uhrzeit, sondern auch Schritte, zurückgelegte Kilometer, verbrannte Kalorien, Stockwerke und eine Art motivierende »Blume«, die je nach aktueller Aktivität mal kürzer und mal höher wächst. Was er seltsamerweise nicht zeigt, ist der Akkustand. Das Gerät meldet sich zwar, wenn der Akku bedrohlich leer ist, aber dennoch erscheint diese Info sollte eigentlich zumindest so wichtig sein wie eine diffuse Fitness-Blume (die man in den Optionen übrigens deaktivieren kann). Das samtmatte Finish des Gerätes ist angenehm und die Außenhülle wirkt robust genug für sportliche Aktivitäten. Etwas besorgniserregend ist, dass ausgerechnet ein als Clip angelegtes Gerät die Naht exakt in der Mitte hat, die man ja permanent aufbiegt – das sieht etwas nach Sollbruchstelle aus.

Was sich mit dem Fitbit Ultra und vor allem bei Nike mit dem fuelband abzeichnet, ist die Transformation von Sport in den digitalen Lifestyle. Bereits diese oft noch prototypenhaft naiven Geräte sind schon so ausgelegt, dass man über soziale Netzwerke seine Leistungen austauschen und vergleichen kann – das Leben als permanenter Wettbewerb. Diese »Gamification of Life« ist ein sich seit etwa zwei Jahren sehr stark abzeichnender Trend, bei dem foursquare es beispielsweise geschafft hat, das Menschen sogar schon beim Betreten des Supermarkt meinen, diesen »besitzen« zu müssen, um dort nach Möglichkeit Bürgermeister zu werden. Was noch etwas in den Kinderschuhen steckt, hat weitreichende Folgen: Die mit digitalen Spielen groß gewordene Generation ist bereit, das gesamte Leben als Spiel-Metapher zu begreifen, sofern eine begleitende Software ihr das nahelegt. Restaurantsuche, Jogging, Schlaf – alles Elemente eines Spiels namens Leben. Die aufkommende Welle von »augmented reality»-Apps und die zunehmende Verletzbarkeit solcher Datenströme dürfte diesem Trend weiteren Aufschub geben, zumal wir sicher sein dürften, dass die Industrie sich darauf stürzen wird. Ich wundere mich heute schon, warum Supermarktketten nicht Gowalla und foursquare aktiv für Kundenbindungsaktionen nutzen, warum Arbeitgeber nicht Apps gezielt für die Mitarbeiter entwickeln, um Unternehmensziele spielerisch und im Wettbewerb der Angestellten untereinander zu erreichen – der Angestellte des Monats kriegt so eine ganz andere Dimension. Oder warum Krankenkassen fitbit und fuelband nicht an ihre Mitglieder verteilen, um diese dann online «tranken» zu können. Oder warum der Hersteller eines Smartdrinks nicht eine Social App entwickelt, in der man Gewinner ist, wenn man möglichst viel konsumiert und man Videos hochladen kann, wie man Produkt X isst oder trinkt. Man muss nicht allzu zynisch veranlagt sein, um zu sehen, dass in der schönen neuen Welt der Smartphones Entwicklungen auf uns warten, die aus heutiger Sicht vielleicht noch so bizarr klingen wie vor vielleicht 10 Jahren die Vorstellung, dass ein Talkshowgast permanent auf seinem Handy herumtippt.

Es ist aber so, dass die Idee des »Wettbewerbs« aus der neoliberalen Ökonomie Einzug in den Alltag gefunden hat. Hochgezüchtete Sport-Events und Casting-Shows haben die Idee, dass es nur einen Sieger und viele Verlierer gibt, in den Alltag transportiert, selbst Grundschülerinnen haben heute schon die Mentalität hinter «Germany’s Next Topmodel» inhaliert und sind auf lebenslangen Wettbewerb um die knappe Ressource Aufmerksamkeit programmiert. In den Schulen wird ohnehin bereits die Performance, die (Selbst-)Präsentation zunehmend wichtiger, auch weil diese Fähigkeit im Berufsleben immer entscheidender wird, die Kunst des Eigenmarketings. Als Teenager hast du das heute schon früh verstanden, wenn Wohl und Wehe nicht mehr von der Schuhmarke abhängt wie früher, sondern von der Anzahl deiner Follower bei Facebook oder Twitter oder dein Klout-Index. Die Idee von Big Brother, dass ein maximaler öffentlicher Striptease zu einer Art von Proto-Prominenz führen kann, ist heute im Feuilleton angekommen und hat etwa Charlotte Roche zur Bestseller-Autorin gemacht. In diese Wirklichkeit passt es seltsam hinein, dass jeder Aspekt des Lebens dokumentiert und geteilt wird, als Teilnahme an einer Art digitaler Teilhabe an einer zweiten Wirklichkeit, die das Leben als Statistik aus Bildern, Tönen, Werten gefiltert aufbereitet. Wie oft warst du ausgehen? Wie viele Bücher, Filme, Platten hast du konsumiert? Bist du ein Sesselhocker oder aktiv? Ernährst du dich gesund oder eher nicht?

Dahinter steckt zweierlei – zum einen eine fast dystopisch anmutende Idee einer Wirklichkeit, in der nicht mehr der Big Brother uns aushorcht, sondern wir mit größter Freiwilligkeit die letzten Details unseres Lebens veröffentlichen und damit der Industrie zur Profilierung abtreten, eine Realität von Selbstdarstellern, die (wie ich) vielleicht (wahrscheinlich) irrigerweise annehmen, jeder ihrer Gedanken und Handlungen sei es nun unbedingt wert, geteilt zu werden. Wir sind ohne Zweifel nicht auf dem Weg in diese Wirklichkeit, sondern längst dort angekommen und das binnen nur einer Dekade. Auf der anderen Seite entstehen hier Schnittstellen zwischen analoger Wirklichkeit und digitaler Welt, die eine Entgrenzung bedingen. Der Computer wird durch diese Entwicklung ein fast biologischer Teil unseres Seins und unserer Wahrnehmung von Wirklichkeit, so nahtlos und schnell, dass die Osmose in unseren psychosozialen Alltag fast unwahrnehmbar ist. Auch wenn in der Diskussion die Beschleunigung des Lebens durch Smartphones und Social Media kontrovers diskutiert wird, in Wirklichkeit greifen sowohl Schwarzmaler als auch Technophile zu kurz.

Und genau deshalb sind kleine unscheinbar-freundlich-bunte Blobjects wie der fitbit-Stick so phantastisch. In ihnen schleicht sich eine Revolution mit aufreizendem Augenaufschlag und wunderbarer Selbstverständlichkeit in unser Dasein. Mit der WLAN-Waage, dem iPhone-Blutdruckmessgerät, der Video-Cam in der Brille zeichnen wir unser gesamtes Leben lückenlos auf und die Datenmenge wird schon bald jeder bessere Cloudserver auch wirklich hosten können. Photo und Video werden nicht mehr dem Festhalten des vermeintlich Besonderen dienen, sondern dokumentarischen Charakter haben. Wir alle werden Dokumentarfilme, Regisseure, Darsteller in der Soap des eigenen Lebens. Wir alle, auch das, inszenieren uns, stellen uns zur Schau. Dazu passt vielleicht, dass immer mehr Menschen gleichzeitig zunehmend leiden an der Differenz zwischen dem, was man nach außen präsentieren zu müssen meint und dem, was innerlich gefühlt wird. Die Frage ist also, ob die technologische Form von Gedankenübertragung in Echtzeit, die uns digitale Medien erlauben, zu einer verlogeneren Gesellschaft führt, in der jeder meint, eine Fiktion leben zu müssen, also einer Form von Gegeneinander, in der jeder jeden im Wettbewerb toppen muss… oder sie zu einer wirklich transparenteren, offeneren Diskurschance führt, einem Miteinander. Anders gefragt: Benutzt man den fitbit, um mit gegangenen Kilometern anzugeben oder will man nur die Wirklichkeit messen und teilen?

Kleines Update 08/12: Nach knapp zwei Monaten ist das Display des Fitbit Ultra defekt, erst zur Hälfte, dann komplett dunkel. Momente, in denen man froh ist, bei Amazon gekauft und unkompliziert gegen ein Neugerät umtauschen zu können. Ansonsten übrigens bisher eine sehr angenehme Erfahrung, den fitbit zu benutzen. Auch wenn er nicht wirklich supergenau ist, ist es nicht uninteressant zu sehen, wie sich Aktivitäten am Tag verteilen usw.

27. Juni 2012 09:49 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , , , , . Keine Antwort.

Slanted 17: Cartoon / Comic

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Wie ich bereits mehrfach schrieb, ist das eigentlich spannende an der Slanted nicht mehr (nur) so sehr der Inhalt, als vielmehr die Evolution des Blattes als solches, als visuelles Experiment. Innerhalb des groben Rahmens eines typographischen Magazines hat das Magazin so viele fröhliche Änderungen durchlaufen wie kaum eine andere Publikation – vom reinen Blog zum schwarzweiß-Magazin im aufgebohrten Copyprint, zum richtig gedruckten und «echt» vertriebenen Magazin – und mit der 17. Ausgabe haben sich Format und Layout wieder geändert. Größer ist es geworden, wahrscheinlich, um in der Flut nahezu gleicher A4-Formate herauszuragen, dicker ist es geworden und das Layout hat sich auch geändert, wirkt gestraffter. Geblieben ist die Vorstellung zahlreicher Fonts eingebettet in ein Layoutabenteuer, die klare Trennung von Bildspielplatz und lesbaren (und stets lesenswerten) Texten, die aus meiner Sicht ja der eigentliche Schatz des Magazins sind. Von deutschen Handlettering über Manga-Fonts und ein Interview mit dem Schrift/Comicgrenzgänger Alesso Leonardo bis hin zu der bei diesem Thema wahrscheinlich nicht fehlen dürfenden, aber irgendwie nicht sonderlich erwähnenswerten Comic Sans. Es gibt auch ein paar aus der Reihe tanzende Texte, wie etwa Julia Kahls Interview mit Matthew Carter, die das Monothema-Heft etwas auflockern, dafür fehlt mir als US-Comic-Fan dieser nicht unwichtige Teil der Comicgeschichte absolut, auch wenn ein paar Marvel-Ikonen im Bildteil zitiert werden und einige Soundwords genutzt werden, um die Fonts vorzustellen… wobei eben gerade diese Reduzierung von Comic auf «Peng! Bumm! Klatsch!» immer etwas schmerzhaft ist. Bei Typographie und Comic wären einige US-Handletterer wie Chris Eliopoulus, Künstler wie Eisner und Steranko, aber sicher auch ein Interview mit Rian Hughes spannend gewesen. So wie eigentlich (vielleicht verständlicherweise) jede kulturhistorische Betrachtung von Comics als Medium etwas fehlt – aber vielleicht ist das auch nicht der richtige Ort dafür. Dennoch schade – auch wenn er im Sterben liegt und ich eigentlich gut finde, europäische und asiatische Comics gegenüber dem US-Spandex-Genre zu betonen, gerade in Sachen Typographie gibt der Markt der US-Comics einiges her.

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Das ist aber tatsächlich schon alles, was mir einfällt angesichts eines Heftes, das sich wieder einmal erfolgreich neu erfunden hat, das zum Entdecken und Spielen einlädt und auch in der 17. Ausgabe die Balance zwischen Spaß und Seriosität immer wieder wunderbar kippelig hält – die Stärke des Heftes ist einfach, dass es keinerlei Botschaft, keine Inhalte, keine Funktion hat, sondern einfach nur ist. Auf dieser Basis, die sich so spürbar von den meisten anderen Zeitschriften mit mehr Sendungsbewußtsein abhebt, oder die eine Zielgruppe bearbeiten wollen/müssen, oder die «journalistisch» sein wollen/müssen, entsteht eine bunte Mischung aus High-End-Schülerzeitung und Fanmagazine, die mich vom Spaßfaktor an Clownfisch und andere Portfolio- oder Uni-Magazine erinnert, aber zugleich fokussierter ist. Abgesehen davon, dass es eine phantastische Mischung aus Spielwiese, Aquise- und Netzwerktool für Magma ist, ist es unterm Strich einfach eine der lesenswertesten Publikationen im Typobereich, paradoxerweise eben, weil die Slanted so ein bisschen wunderbar ziellos ist und du sie weniger wie eine ernsthafte Zeitschrift liest, sondern mehr wie ein Videogame durchwanderst, Dinge entdeckst, Geheimnisse dekodierst, Aufgaben löst und auch mal einfach Sachen überspringst. Man darf nicht drüber nachdenken, wenn andere Bereiche so wunderbar explorativ über sich selbst berichten würden und das nahezu filterlose Tumblr-Scrapbook zum journalistischen Werkzeug erheben würden.

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10. April 2012 12:09 Uhr. Kategorie Design. Tag , , , , , . 3 Antworten.

Interfaces

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Eine der größten Revolutionen in der Kommunikation mit Computern ist neben der Rolle, die Computer im Alltag zunehmend fast beiläufig und wie selbstverständlich spielen, dass wir nicht mehr mit den gewohnten Interface-Schnittstellen arbeiten, die dem Menschen die Logik einer von der Schreibmaschine abgeleiteten Interaktion aufzwingen, sondern die digitalen Schnittstellen so rapide und grundlegend den menschlichen Sinnen und Werkzeugen entgegen kommen, dass eine Unterscheidung zwischen »analog« und »digital« zunehmend obsolet wirkt. Berührung, Stimme, handschriftliche Zeichen oder sogar Blicke – obwohl die meisten Technologien oft noch rudimentär wirken, hat sich bereits durch diese Ansätze der Umgang mit, vor allem aber das Denken über Software-Interaktionen grundlegend geändert.

Hand
Vor nicht einer Dekade noch komplett in den Kinderschuhen, ist die Steuerung von Software durch Berührung(en) heute längst zu einem Quasi-Standard geworden. Musste man bis vor einigen Jahren noch mit einem Stift auf einer Art Plastikbildschirm herumtippen, Soseins moderne kapazitative Glasdisplays in der Lage, Bewegungen und multiple Berührungspunkte zu deuten, durch Gyroskop und Accelorometer sogar eine Art Anschlagstärke zu ermitteln (etwa bei Garageband). Samsung hat diese Technolgie gerade erst auf der CES 2012 auf Fenstergröße übertragen. Obwohl erst wenige Jahre verfügbar, hat dieser Ansatz zusammen mit fast rahmenlosen, leichten, tragbaren Devices zu einem kompletten Umdenken über Interfaces geführt. Ein Programm ist nicht mehr ein über die Maus-Tastatur-Metapher gesteuerte abstrakte Lösung in einem Monitor, ein Programm simuliert heute das, was es als Lösung anbietet und wird so als Programm unsichtbar. Ein Taschenrechner sieht aus und bedient sich wie ein Taschenrechner, ein Notizbuch sieht aus wie ein echtes Büchlein, beim virtuellen eBook lassen sich die Seiten umblättern als wären sie fast echt, ein DJ-Mischpulte bietet Plattenteller und Mischpultregler und so weiter. Es gibt zwar noch Menüs, aber auch diese wirken eher wie eine Übergangslösung, ansonsten: keine Tastaturkürzel, keine rechten oder doppelten Mausklicks – sondern eine möglichst approximative Simulation, die optisch aber auch von der Bedienung her daran gemessen werden kann, wie »echt« sich die Bedienung anfühlt.

Apple wurde – auch von mir – für die etwas kitschigen Nutzer-Interfaces von iCal und Co. gescholten, aber tatsächlich ist diese Annäherung an das Echte nur konsequent bzw. der sinnvolle erste Schritt zu »Simulacra-Softwares«. Das iPad kann bereits jedes Kleinkind bedienen, weil das unmittelbare Bedienen durch Drücken, Ziehen und andere Gesten mit den dazugehörigen Effekten der Lernfähigkeit der menschlichen Natur entspricht, Cause-and-Effect kennen wir ja auch aus der realen Welt. Angeblich fangen ja die ersten an Tabletts gewöhnten Kleinkinder bereits an, enttäuscht zu reagieren, wen sich echte Bücher eben nicht auf einen Tap hin öffnen oder reale Gegenstände nicht wie virtuelle auf Berührung reagieren und eine Animation starten. Dabei ist das Herumtasten auf einer kalten Glasscheibe sicher nur ein erster Schritt zu berührungssensitiver Kontrolle von Software-Interfaces. So wie es über kurz oder lang unweigerlich 3D-Displays geben wird (und ansatzweise ja bereits gibt), werden wir auch Bildschirme haben, die auf Berührung mit einer Art von Widerstand Feedback geben können und die unterscheiden können zwischen verschiedenen Abständen zum Display (Hover) bzw. auch direkt auf die Stärke des Anschlags. Die jetzt sehr eindimensionale Touch-Fähigkeit wird sich also nach und nach erweitern, bis die Displays nicht nur visuell einen realen Gegenstand simulieren können (und dies mit hochauflösenden Displays zunehmend an der Grenze, an der das menschliche Auge zwischen »echt« und »unecht« nicht mehr unterscheiden kann, d.h. keine Pixelbausteine mehr sichtbar sind), sondern auch haptisch. Nutzen wir einen virtuellen Taschenrechner, wird er nicht nur aussehen und klingen wie »real«, sondern auch die dimensionale Tiefe (3D) haben und sich anfühlen als würden wir auf einem echten Gegenstand Zahlen eingeben, nicht auf der bloßen planen Display-Simulation des Gegenstandes. Die Tasten werden spürbar nachgeben und einen Druckpunkt haben, sie können eventuell durch virtuellen Schweiss und Dreck »rubbelig« werden, sie können sich nach Gummi oder Hartplastik anfühlen. Es wird ein längerer Weg über zahlreiche Zwischenstufen sein, bis man wirklich sensorisch überzeugende Simulationen erzeugen kann, aber es wird sehr wahrscheinlich kommen – wodurch automatisch Abnutzung zu einer Frage der Programmierung wird.

Schon jetzt ist es so, dass ein iPad, iPhone oder Android als »opportunistische« Devices an sich nahezu unsichtbar werden und in einer Art Camouflage alles tut, um sich selbst unsichtbar zu machen und uns zu überzeugen, dass wir einen Photoapparat, ein Buch, eine Klaviatur usw. vor uns haben. Es ist evolutionär nur logisch, dass die Geräte diese Camouflage perfektionieren werden, denn am Markt werden die Anbieter erfolgreich sein, die mit immer neuen Features noch »realistischer« werden. Sowohl Apple als auch Microsoft (mit Windows 8) bauen bereits jetzt auch bei klassischen Desktop-Geräten die Touch-Metapher aus, was bei diesen zunächst hölzern und befremdlich wirkt. Was auf dem Pad sinnfällig ist, wirkt über ein Touchpad nach wie vor zu umständlich – dieser Umstand ist ein Symptom für den Übergang vom »klassischen« Computerparadigma, an dessen spezifische Interface-Metahern wir uns gewöhnt haben, hin zu einem neuen Paradigma, dass die Vorstellung dessen, wie wir mit Computern interagieren, neu definieren wird.


Stimme
Apples »Siri«-Stimmerkennung und -kontrolle ist von Google nicht ohne Grund als revolutionäre Veränderung im Umgang mit Computern (und eben Suchmaschinen) beworben worden. Wo Kommunikation mit dem Computern in den Grenzen der Software (und abgesehen von Abstürzen) bisher weitestgehend sicher und eindeutig war – zieht mit Siri die Fallibilität, das Missverständnis, die Doppeldeutigkeit, eben eine Art »Fuzzyness« ein, die erstmals zu einer Art von Dialog führt, bei der der Computer sogar via verbaler Feedbackschleifen rückfragen kann (und muss!), was der Nutzer denn da eigentlich gemeint haben könnte. Siri ist deshalb natürlich noch – obwohl bereits verblüffend leistungsstark, vor allem in der englischsprachigen Version – eine Art Spielerei, die mehr zu Fehlschlägen und Umwegen als zu einer echten Effizienzsteigerung führt. Es ist nach wie vor ärgerlich, wenn beim Diktat Siri nicht reagiert und man ganze Sätze verliert oder wenn eine einfache SMS vier verschiedene Befehle und Anläufe braucht, bis sie stimmt.

Aber bereits heute gibt es Situationen und Kontexte, in denen Spracheingabe natürlicher und schneller wirkt als der Touchscreen, zumal Siri ohne den Start dezidierter Programme läuft, sondern sich an den User-Bedürfnissen orientiert und die Programme dann selbst auswählt und startet – im Vordergrund steht also was der User will, nicht welches Werkzeug dazu verwendet werden muss. Ich starte also nicht den Browser, um etwas zu suchen, sondern die Software »entscheidet« dies selbst. Diese Art von AI, konsequent zu Ende gedacht, dürfte die Art, wie wir mit Maschinen interagieren, umwälzen und sozusagen renaturalisieren. Nicht nur in dem Sinne, dass wir ganz im Stile von SF-Filmen demnächst Maschinen per Zuruf steuern, sondern weil diese Steuerung wieder analoger (oder zumindest doch simuliert-analoger) wird. Während in den letzten drei bis vier Dekaden wie nie zuvor die visuellen Sinne in den Vordergrund gestellt wurden und wir uns sozusagen evolutionär an diese Verknappung angepasst haben, also Seh-Wesen geworden sind, darf nun der auditive Kanal wieder zum Zuge kommen. Noch ist Siri in der Benutzung dabei eindimensional. Nutze ich die Sprach-Software, wird der visuelle Kanal förmlich abgeschaltet, ich kann nicht auf der visuellen Eingabeebene simultan andere Dinge tun, also etwa einen Text diktieren und gleichzeitig im Web surfen per Touch oder Software per Touch und Stimme kontrollieren, also etwa in Photoshop mit einem Pen oder auf dem Display direkt arbeiten und dabei per Stimmbefehl Werkzeuge auswählen oder Bildeffekte anwenden (»20% mehr Kontrast«). Es ist immer entweder Stummfilm oder Hörspiel. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass ein stimmbasiertes und dialogorientiertes Interface einen Paradigmenwechsel darstellt, den die Kids, die Siri mit dummen Fragen auszutricksen versuchen (und dabei der Anthropomorphisierung ihrer Hardware auf den Leim gehen, also bereits Interaktionen starten, die sie per Maus/Tastatur niemals so in Betracht ziehen würden), gar nicht verstehen bzw. hinterfragen und der genau deshalb so grandios unsichtbar und sanft stattfindet – ähnlich wie es ja klug war, uns das Cloning als Technologie in Form eines harmlosen Schafes zu präsentieren.

Wir werden erst in einigen Jahren wahrnehmen, wie zentral dieser Shift war. Mit der Stimmkontrolle fällt prinzipiell die Hardware als Interface-Element weg. Es muss nichts mehr »bedient« werden, es gibt keine Tasten zu drücken, keine Zeiger zu bewegen – die Interaktion mit Maschinen wird bei ausgereifter Spracherkennung möglich, ohne ein Werkzeug dafür bedienen und erlernen zu müssen. Der Mensch nähert sich nicht mehr dem Rechner an, sondern umgekehrt.


Schrift
Auf der gleichen Ebene liegt die Entwicklung der Schrifterkennung, die sogar technisch ähnlich gelagert ist, weil hier schnelle Webanbindung und OCR auf leistungsfähigen Servern die ehedem hohen Hardware-Anforderungen für lokale Rechner deutlich gesenkt haben. Ein mobiler Prozessor könnte keine vernünftige Stimm- oder Schriftdechiffrierung leisten, ein kraftvoller Server und ein schnelles Internet aber sehr wohl – die Rechenpower wird einfach ausgelagert. Seit Dekaden ist die eigentlich ja als technische Notlösung zu denkenden QWERTZ-Tastatur der Standard bei der Texteingabe. Ursprünglich entwickelt, um durch eine eben möglichst ungewohnte nicht-alphabetische Tastaturanordung das Schreiben so zu verlangsamen, dass die anfälligen frühen Mechaniken nicht blockieren konnten, haben wir uns so sehr an dieses Layout gewöhnt, dass wir damit aufgrund der Übung oft spürbar schneller und anstrengungsloser schreiben als mit der Hand, so sehr, dass die Handschrift langsam auszusterben droht.

Dennoch kommt die manuelle Eingabe von Schrift und Zeichnungen in den letzten Jahren in eine Art Renaissance – Techniken wie der Livescribe Echo Smartpen oder der Wacom Inkling machen es möglich, unterwegs zu schreiben oder skizzieren, ganz altmodisch auf Papier, und später mit digitalen Daten weiterzuarbeiten. Ob die audiovisuelle «Pencast»-Verknüpfung des Livescribe, der mit einer Kamera auf speziellem Papier die Handschrift aufnimmt und zugleich Ton aufnehmen kann und insofern z.B. für Notizen bei Meetings nahezu ideal ist oder die sich eher an Künstler wendende (und noch nicht ganz ausgereifte) Inkling-Idee eines «Funk»-Stiftes… beide Ansätze können noch nicht hundertprozentig überzeugen. Der Echo-Pen ist klobig und das Schreiben mit der Kugelschreibermine relativ unergonomisch anstrengend, der Inkling zwar kleiner, aber weniger leistungsstark und zudem (noch) relativ unzuverlässig. Dennoch ist es natürlich phantastisch, handschriftliche Notizen, plus einer Aufzeichnung des tatsächlich zeitgleich Gesagten einfach digitalisieren zu können und dabei die Handschrift noch mit einer soliden Trefferquote in MyScript in «getippte» Schrift umwandeln zu können.

Auch hier noch befindet sich die Technik in einer Art Gestationsphase, der man aber bereits anmerkt, welches Potential freigelegt werden kann, wenn ein normaler Schreibakt auf Papier (bzw. auf einem Display, das Papier emuliert) die Tastatur verdrängt. Ein Beispiel für dieses Potential ist die OCR-Engine des Online-Archivs Evernote, das nicht nur die verschiedensten Eingabemedien «schluckt», sondern vor allem auch in jeder Art von Bild, egal ob Photo oder PDF mit handschriftlichen Notizen, nach lesbarem Text sucht und diesen für die Volltextsuche bereitsstellt, also die Welt in Photos «ausliest». Diese serverseitige state-of-the-art-OCR erkennt in Sekunden selbst Worte zuverlässig, die ich selbst kaum noch entziffern kann. Zwar gibt Evernote (unverständlicherweise) bei Handschrift die Ergebnisse nicht als Text aus, sondern nutzt sie wirklich nur für eine Suchfunktion… aber wie gut auch die unlesbarste Schrift hier verlässlich gedeutet wird, zeigt, wie weit die Technik hier ist und wie sehr die Grenzen zwischen Spracheingabe, Tastatur und Stifteingabe hinfällig werden. Wie auch immer wir Informationen eingeben werden – die Devices werden lernen, uns zu verstehen.


Bio-Interfaces
Haptik, Stimme und Schrift sollten bereits genügen, um in den kommenden Jahren die Morphologie der Mensch-Maschine-Kommunikation völlig umzuwälzen. Die Möglichkeiten der kommenden Dekade dürften bereits halten, was SF-Filme noch vor 20 Jahren versprachen, von der Realität des Spielberg-Thrillers «Minority Report» sind wir nicht mehr weit entfernt, zumindest nicht in Sachen Interface-Technologie (Fliegende Autos und Jetpacks lassen nach wie vor auf sich warten.) Bereits jetzt deutet sich aber auch ein weiterer, tiefschürfender Umbruch an, der den gesamten menschlichen Körper zum Interface deklariert. Sanfte Vorläufer sind Waagen und Blutdruck- oder Glucosemessgeräte, die Biodaten an Software übermitteln, Kameras, die mit einem Lächeln ausgelöst werden oder die Gesichter von Freunden automatisch erkennen und für den Autofocus nutzen oder auch Gadgets wie das Jawbone Up, das (wenn auch noch unfassbar primitiv) Bewegungssignale ermitteln und an das iPhone übertragen kann. Auch DSLR-Kameras können ja heute bereits analysieren, wohin wir durch den Sucher blicken und auf das, was unser Auge ansieht, automatisch scharfstellen.

Unsere Vitalzeichen, wie lange wir schlafen, unsere Stimmungen und Ernährung werden über kurz oder lang zunächst nur im Sinne reiner Datensammlung, mittelfristig aber auch als Steuerparameter direkt von Softwares genutzt werden. Dies wahrscheinlich zunächst im spezialisierten Bereich – etwa von Pflegerobotik oder Überwachungssystemen in Krankenhäusern -, sehr bald aber auch im privaten Segment… schon jetzt verkaufen sich Apps und Gagdgets für das Self-Monitoring ausgezeichnet. Was man sich zunächst so einfach denken kann wie Kochbuch-Applikationen, die auf anderenorts gesetzte Diätwerte und -ziele reagieren oder ein iTunes, das auf Stimmungen oder beim Jogging auf das Pulstempo reagiert, öffnet zwei neue Perspektiven… die Nutzung des gesamten Körpers als Interface und die Nutzung des Gehirns im Speziellen. Das Body-Interface kann natürlich bedeuten, dass Software aktiv auf größere Bewegungen, Gesten, Vitalwerte, aber auch auf Geo-Daten und Zeitdaten reagiert (so wie jetzt ja schon Reminder-Softwares aktiv auf GPS-Daten anspringen und uns im Supermarkt die Einkaufsliste zeigen). Der physische Körper und sein Umfeld werden so zu Eingabe-Matritzen der Software. Was der Mensch wo und wann macht, wird zum kybernetischen Steuerimpuls.

Der andere Aspekt, die direkte Schnittstelle ins Gehirn, klingt aus heutiger Sicht nach SF, selbst wenn in der neuronalen Steuerung von Implantaten und Prothesen in den letzten Jahren ebenso sprunghafte Fortschritte gemacht werden wie in der «Geodäsie» der Gehirnfunktionen. Die Idee, direkt aus neuronalen Strömen heraus Software zu steuern bzw. von dieser auch unmittelbar, unter Umgehung anderer Sinnesorgane, Eindrücke vermittelt zu kriegen, mag heute noch abenteuerlich klingen. Aber das, was wir heute Smartphone nennen, war bis vor 50 Jahren auch noch auf Serien wie StarTrek begrenzt (»Navigator«) und dabei deutlich kruder und begrenzter als die heutige Realität, die jedermann frei zugänglich ist. Umgekehrt waren in den 60er Jahren Körpermoddings, die heute für jeden Teenager zum Alltag gehören, undenkbar. Wer hätte zu Zeiten von Truman oder selbst Kennedy geglaubt, in welchem Maße Piercings, Tattoos und anderen Selbstverstümmelungsstrategien reguläre, ja fast langweilige Modephänmene werden würden – wer hätte zu Zeiten von »Mad Men« voraussehen wollen, dass es heute einen Boom zur elektrische Zigarette geben würde? Will man da heute wirklich noch ernsthaft bezweifeln, dass Google Translation irgendwann so effektiv sein wird, dass wir uns in Echtzeit grob in fremden Sprachen werden unterhalten können – per Spracherkennung, serverbasierter Übersetzung und Sprachausgabe? Marshall McLuhans 1969er Vision einer telepathischen Welt, in der – über das hochraffinierte Werkzeug Computer, das alle anderen kruderen Werkzeuge überschreibt – ein «universales Verständnis» möglich wird, ist zum Greifen nahe.


Der siebte Sinn
Das Interessante an all diesen Entwicklungen ist, dass sie sich dem Menschen zuneigen. Anstatt uns seltsame krude Werkzeuge aufzuzwingen, nähert sich Maschine und Software immer mehr unseren ureigentlichen Kommunikationswerkzeugen an. Tastatur und Maus weichen Gestik, Handschrift, Stimme und Auge, die Lernkurve für die »Steuerung« von Software wird immer flacher, ähnelt immer mehr biologischen Prozessen. Die Maschinen werden biomorph. Man darf diese Entwicklung durchaus kritisch sehen, vor allem wenn sie primär gewinnorientiert und ohne ethische Kontrolle abläuft, wird sie aber kaum mehr zurückdrehen können. Der Computer – und noch viel mehr der Äther des Web – sind Büchsen der Pandora, die nur vielleicht ein verheerender Krieg oder eine andere Katastrophe kurzfristig wieder verschließen würde. Positiv gesehen aber fallen hierdurch technologische Krücken weg, die wir seit Gutenberg benutzen, um umständlich eine Brücke zwischen Massenkommunikation und individuellen Ausdruckspotentialen zu schlagen.

Phoneme, Alphabet, Druck, selbst Schallplatte und Video sind nur Faustkeile… und je fortschrittlicher die biomorphen Interfaces werden, um so einfacher und unkomplizierter wird unsere Kommunikation untereinander und mit Maschinen werden. Der Clou dabei ist, dass das Medium sich dabei auflöst. Der Rechner als große Konvergenzmaschine, der sämtliche medialen Ausdrucksformen binär zerhäckselt und völlig neu zusammenstückeln kann, dem es denkbar egal ist, ob er nun Musik oder Bilder, Schrift oder Töne in 0 und 1 auflöst, wird in den kommenden Jahren selbst unsichtbar werden. Bereits das iPad bricht mit der Metapher des »Computers«, ja des technischen Gerätes schlechthin. Abgesehen von einem in Zukunft wahrscheinlich zusätzlich verschwindenden Minimum an Knöpfen ist es als technisches Utensil nicht zu erkennen – die Eigenbedienung ist ein Minimum, das gerät verwandelt sich durch die Software in was immer auf dem Bildschirm an sich gezeigt wird… wobei das Wort «Bildschirm» schon fast in die Irre führt, wenn das ganze Gerät nur noch ein Screen ist.

Die Frage, inwieweit Computer und Web noch als solche wahrnehmbar sind, wenn es nicht einmal mehr den Bildschirm gibt, sondern osmotische oder sogar direkte neuronale Verbindungen für selbsttätige Steuerungsmechanismen sorgen, die intuitiv, instinktiv genutzt werden können, stellt sich kaum: Was heute noch «externe» Medien sind, würde tatsächlich zur symbiotischen Sinneserweiterung, zu einem siebten, achten, neunten Sinn. Wohin sich das entwickelt sieht man schon heute, wenn Leute bei Gesprächen Fakten kurz googlen, mitten in einem Film mit IMDB nach Trivia suchen oder oft zwar durchaus in der echten Welt anwesend, aber simultan auch in Facebook oder Twitter oder Instagram aktiv sind. Diese Form von Multitasking wird ein Standard werden, eine Art Layer, das sich über die normale Kommunikation legt und durch den Wegfall klassischer Interface-Hardware quasi unsichtbar wird, die Form eines internen Monologs annehmen kann.

Wir sind bereits heute permanent online – in Zukunft kann das aber ein Teil der tatsächlichen Wahrnehmung von Welt sein, was heute grobmotorisch als Augmented Reality vermarktet wird. Konsequent zu Ende gedacht, wäre ein derartige nahtlose Verbindung mit Hard- und Software eine Erweiterung unserer mentalen Möglichkeiten, für die wir Menschen sozusagen Anlauf und Training brauchen, weil unser Gehirn sich den Möglichkeiten wird anpassen müssen (so wie es ja bereits jetzt langsam notgedrungen neue Selegierungsstrategien gegen den Zerstreuungsmechanismus einer vernetzten Welt entwickelt, wobei uns wieder Software gegen die Gefahren anderer Software zur Seite springt…). Diese Sinneserweiterung wird auf eine Art begrenzte elektronische Telepathie hinauslaufen – du wirst ohne Bildschirm, ohne Tastatur, ohne »Gerät« in irgendeinem Sinne wissen, ob es Freunden eine halbe Welt entfernt gerade gut oder schlecht geht. Und es läuft auf eine sanfte Allwissenheit hinaus – weil der Wissensschatz des Webs nicht mehr per Suchmaschine erarbeitet werden muss, sondern ebenso neural einfach »da« ist wie andere Informationen und Erinnerungen ja auch. (Spannend und erschreckend wird die Frage, wie Werbung dann wohl funktioniert…)

Obwohl ich nicht sicher bin, inwieweit unsere Generation solche biotechnologischen Verschmelzungen noch miterleben wird, zeichnen sich solche Lösungen logisch ab. Zum einen werden Prozessoren, wenn sie weiter hohe Leistungssprünge bringen wollen, irgendwann biologisch funktionieren müssen, zum anderen stellen Interfaces wie Displays und Tastaturen die größte Hürde für den Verkleinerungstrend von Elektronik dar. Die Prozessoren und Speicher selbst sind längst winzig – nur der Mensch braucht eine gewissen Bildschirmgröße und seinem Körper entsprechend große Eingabewerkzeuge, um mit dem Rechner in Dialog treten zu können. Die Vorstellung, dass Hersteller früher oder später den gordischen Knoten durchschlagen und weitestgehend auf Hardware verzichten werden, ist also naheliegend. Die Vorstellung davon, wie diese Art von direkter Wahrnehmung von softwarebasierten Angeboten als «Sinn» sich anfühlen mag, wie es sein könnte, wenn Informationen, aber auch Spiele, Musik, Filme usw. direkt als «Schicht» über unserer normalen Wahrnehmung liegen oder mit dieser unzertrennbar verwoben sind, kann man sich bestenfalls als psychedelischen Trip vorstellen. Ich habe kaum Zweifel daran, dass wir uns als Menschen an diese induzierten zusätzlichen Sinne gewöhnen werden – wie wir uns an andere mediale Dinge auch gewöhnt haben, die zwei drei Generationen vorher die Menschen in den Wahnsinn getrieben hätte. Die physische Härte moderner Metal- oder Drum’n’Bass-Musik, die extrem schnellen Schnitte in Musikvideos, die surreale Unwirklichkeit von 3D-Filmen, die Absurdität der meisten Werbefilme, die generelle Schnelligkeit der Zivilisation heute – all das dürfte einen Besucher aus den 1920er Jahren zur Verzweiflung bringen, ist für uns aber Alltag. Wer weiß also, woran sich unsere Nachfahren anpassen werden können?

Unsere Generation wird den langen – und sicher spannenden – Weg machen weg von Computern als «externe» Arbeitsgeräte hin zu alltäglichen Begleitern. Aus schrankwandgroßen besseren Taschenrechnern sind in nicht einmal 50 Jahren taschenrechnergroße exzellente Multifunktionsgeräte geworden, die die meisten bisherigen Medienangebote nahtlos in sich vereinen. Geräte, deren Evolution und (Markt-)Überleben davon abhängt, sich für ihre Nutzer unersetzbar zu machen. Unsere Generation wird entscheidend miterleben, wie dieses Eindringen von Web und Software in den Alltag unser Verhalten und unseren Umgang miteinander entscheidend verändern muss. Unser Denken über Copyright, Verhaltenskodexe, wirtschaftliche Modelle, Beziehungsideale, Berufswege, Mode, Kunst, Freundschaft, Kommunikation, Wahrheit – nichts wird dieser so unscheinbar anfangenden Revolution gewachsen sein. Wir stecken mittendrin und haben die Möglichkeit (und wahrscheinlich die Pflicht), in irgendeiner Form diese Entwicklung mit zu formen… zwischen Hypermarken, die den Markt dominieren und einer Politik, die reflexartig solchen Großunternehmen zuzuarbeiten gewohnt ist, ohne die man allerdings auch die Annehmlichkeiten moderner Technik nicht hätte, so dass nie ganz klar ist, ob man Google, Apple und Co nun lieben oder verfluchen sollte. Der Weg zu den neuen Interfaces wird voller wunderbarer Paradoxien und Irrläufer sein.
Freuen wir uns drauf.

19. Januar 2012 17:46 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , , , , , . Eine Antwort.

How News are made…

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In den stets lesenswerten Blog von Newspaper-Designpapst Mario Garcia (den man hierzulande u.a. für seine seinerzeit umstrittenes Zeit-Redesign kennt) findet sich ein Link zu einem Text der (Online-) Journalistin und Designerin Lauren Rabaino von der Seattle Times. Der Text befasst sich mit Twitter als News-Quelle, der enormen Redundanz von timeline-artigen Berichten und versucht einige Antworten auf die Probleme zu geben, die diese Art von Nachrichtenerzeugung mit sich bringt, die am Ende in der Idee einer Art News-Wiki mündet und einem Crossover aus verschiedenen Formen von Online- und Offline-Berichterstattung.

Garcia bring es auf den Punkt: «We have said repeatedly that the printed newspaper has lost the time advantage to the digital media.» Wann immer ich in letzter Zeit lokale Tageszeitungen gesehen habe, war ich überrascht, wie «alt» mir die meisten überregionalen und globalen Nachrichten erschienen. Ich kannte sie meist schon aus Tweeds, RSS und Online-Nachrichtenportalen. Gegen diese Medien ist selbst das Fernsehen, der alte Gegner der Printmedien, träge. Die Stärke von Print liegt aber, wenig überraschend, nach wie vor in den regionalen Nachrichten, die online nicht richtig stattfinden und in der Reflektion – dem Essay, dem Interview, der Langzeitberichterstattung und so weiter. Also in Dingen, die die Wochenzeitungen vorleben und die der Echtzeitigkeit enthoben sind, eher allgemein bekanntes noch einmal aufarbeiten, einordnen, differenzieren. Was mir die Hoffnung gibt, dass mehr Zeitungen aus reinem Überlebenswillen wieder zu essayistischen, feuilletonistischen Formen zurückfinden und die Grenzen zwischen «Literatur» und «Journalismus» wieder aufweichen und sich dadurch tatsächlich entschleunigen als Reaktion auf die High-Speed-Online-Medien.

28. November 2011 03:44 Uhr. Kategorie Design, Online. Tag , . 6 Antworten.

Modell von 1939

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1. November 2011 01:11 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Eine Antwort.

Dead Media

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31. Oktober 2011 23:36 Uhr. Kategorie Photos. Tag , , . Keine Antwort.

Track Me

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TRACK ME ist ein Diplomprojekt von Carolin Lintl, die ich bereits 2008 im Rahmen der Veranstaltung Spektakel an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste kennen gelernt habe, und die mir später bei der Recherche zu einem Form-Artikel über Peter Brugger Typo-Workshop «Rasterfahndung» mit ihrem Faedel-Font wieder als sehr spannende Design-Studentin über den Weg lief. Jetzt arbeitet Caro an ihrer Abschlussarbeit – und die wirkt ebenfalls alles andere als alltäglich.

Über ihr Projekt schreibt sie selbst:



Wann und wo immer in den öffentlichen Debatten von der Informationsgesellschaft die Rede ist, geht es um Vernetzung, Wissensspeicherung und um den Einfluss neuer Technologien auf das Privatleben jedes Einzelnen.

Die digitale Revolution ist in vollem Gange. Handys werden zu kleinen digitalen Alleskönnern und machen uns überall und jederzeit erreichbar, vernetzen uns mit
dem Rest der Welt und dokumentieren nebenbei unseren Alltag. Jeder kann selbst Videos, Fotos und Texte produzieren und anderen zugänglich machen, was die Fülle
an täglichen auf uns einprasselnder Informationen noch anwachsen lässt. In einer Menge aus kommentierenden, produzierenden und konsumierenden Nutzern
einer größer werdenden Netzgemeinschaft wird Aufmerksamkeit die neue Währung und zum kostbarsten Gut.
 Auch wenn ein reger und nützlicher Informations- und Gedankenaustausch stattfinden kann, ist es eine Herausforderung über das bloße Senden, Empfangen und Archivieren hinaus,in der Masse aus Nachrichten die einzelnen Botschaften wirklich zu Verstehen und sich damit ausreichend aufmerksam auseinanderzusetzen. Viele befürchten deshalb einen zunehmenden Verlust von inhaltlicher Qualität zu Gunsten einer Quantität, eine Reduzierung auf Oberflächlichkeiten und den Verlust realer, zwischenmenschlicher Kommunikationskompetenz.

In Zukunft wird es weniger darum gehen, neue Technologien zu finden, die das Produzieren von Inhalten noch leichter, schneller und kostengünstiger machen, sondern es müssen vielmehr Wege gefunden werden, angemessen auf diese Entwicklungen und ihre Folgen zu reagieren. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Kommunikationsverhalten und ein bewussterer Umgang mit den dazugehörigen neuen Technologien.

Dazu entsteht im Rahmen meiner Abschlussarbeit eine experimenteller Internetblog.

Eine Eigenart dieses Weblogs besteht darin, dass alle Beiträge, meist gestaltete Beiträge und Texte bekannter Medientheoretiker und Kommunikationswissenschaftler, einem Verfallsdatum unterliegen. Die Laufzeit bemisst sich am Interesse der Leser, d.h Beiträge, die über längere Zeit keine Aufmerksamkeit in Form von Klicks erhalten haben, verschwinden nach und nach. 
Wird so aus einer Masse an Informationen scheinbar relevantes Material, von der Mehrheit der Besucher aussortiert oder konserviert?

Die ständige Veränderungen und die Flexibilität der Oberfläche spiegelt das Wesen des Internets wieder aber fordert den Besucher sich den Inhalt zu erarbeiten, bzw. bewusst damit zu befassen Er kann die Seite nach und nach entdecken und sich aktiv in Form von Kommentaren, Leselinks oder durch Weiterempfehlen durch «selbstgebastelten» digitalen Postkarten mit der Seite auseinandersetzten. Er nimmt aber auch durch passives Beobachten am Prozess des Erhaltens oder der Selektion Teil.

Der Verlauf des Projekts wird, nach einer ersten Beobachtungsphase, in der versucht wird die Aufmerksamkeit der Netzuser auf das Projekt zu lenken, in einem zweitem Teil des Blogs online dokumentiert und damit ist auch nach dem völligem Verlust der Inhalte das Ergebnis Projekts für wiederkehrende Besucher nachvollziehbar.

Die Site zur Abschlussarbeit präsentiert sich ein wenig verstrahlt als charmant-ungelenke Multimedia-Site, die mit pixeligen Bildern, winzigen Scrollfenstern und dem grandiosen Flair eines 80er-Jahre-Betriebssystems auf harten Partydrogen. Das Design ist angenehm retro, etwas antidesign-sperrig, erinnert irgendwie auch auch an Telespiel-Ästhetik und ist dennoch strikt und streng gehalten – man hat stets das Gefühl, das hinter dem wuseligen Feeling der Site eine gestalterische Absicht steckt.

Auf dem iPad funktioniert das Ganze leider nicht – iOS kommt mit den integrierten Scroll-Fenstern und einigen Script-Details nicht klar, aber am Rechner ist die Site einen Besuch und einige Zeit wert, um die Texte und Inhalte und Links zu entdecken, mit denen Carolin Lintl aufwartet – und die Überraschungen zu erleben, etwa wenn man irgendwo klickt und auf einmal blau blinkender GIF-Horror den halben Bildschirm erobert. «Track Me» macht Spaß und zieht das, was im Print seit einigen Jahren an «sperrigem» Design passiert (wie etwa die aktuelle Spex-Optik) recht konsequent ins Netz – und zwar nicht als Zitat der Print-Ästhetik, sondern in das andere Medium übersetzt, mit schönen Referenzen an die Untiefen schlechten Webdesigns, die hier Teil eines sehr gelungenen Ansatzes werden. Das Ergebnis ist eine spielerische Website, die zum explorativen Spiel einlädt, die sich nicht dem derzeitigen Trend zum einfachen Info-Häppchen beugt und die zur Auseinandersetzung mit Komplexität auffordert, also auch etwas Entdeckergeist braucht. Unter dem phantastisch kruden BTX-Q*bert-Design hat das Konzept Ecken und Kanten, Fehler und Macken – und erinnert genau deshalb wohltuend an die Arbeiten von Metahaven, in dem Sinne, dass die Site ihr eigenes Medium Internett mit den Mitteln eben dieses Mediums selbst in Frage zu stellen versucht und an dessen Grenzen treiben will.

Also los – TrackMe besuchen, ansehen, herumstöbern, lesen, kommentieren und ab und zu reinsehen, wie sich die Sache entwickelt. Ich jedenfalls bin gespannt drauf.

22. Juni 2011 05:45 Uhr. Kategorie Design. Tag , , . Keine Antwort.

Adobe goes iPad

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Ganz generell ist man ja schon fast dankbar, dass Adobe das iPad überhaupt zur Kenntnis nimmt. Jenseits einer eher mauen Photoshop-Express-Version, deren Funktionsumfang nur durch das «Gratis»-Preisetikett zu rechtfertigen ist, scheint der Zwist zwischen Adobe und Apple so tief zu gehen, dass Adobe hier anscheinend einen ganzen Markt verpennt, in dem andere Firmen mit Bildbearbeitung, Filtern und auch den ersten Vektor-Zeichentools durchaus Fuß fassen. Zwei Jahre nach dem Release des iPad gibt es nichts ernsthaftes in Sachen Creative Suite, was auf dem iPad funktioniert – obwohl ich es für durchaus denkbar halte, via Dropbox eine App mit Indesign so zu verzahnen, dass man zumindest Texte und leichte Grafikkorrekturen machen könnte.

Als ersten Schritt in Richtung Apple kommen nun drei Apps von Adobe, die eigentlich ebenso gut auch eine App hätten sein können, dürfen und vielleicht müssen, mit denen man nun ein bisschen Fingermalen darf, Farben anmischen kann und eine Art rudimentäre Fernbedienung für die Werkzeugleiste. Die ersten beiden bringen mir ehrlich gesagt relativ wenig – zumal das Malen mit bloßen Fingern auf dem iPad vielleicht bei David Hockney zu guten Ergebnissen führt, bei mir ist der Finger als Werkzeug nur bei kühlen klimatischen Bedingungen ein geeignetes Mal- und Schreibwerkzeug, wobei das ja mit dem Stift umgehbar ist… nur kann ich dann auch direkt mit dem deutlich überlegenen Intuos direkt in PS arbeiten.

Was «Nav» angeht, so ist inzwischen der Wow-Effekt der Kommunikation zwischen einer Desktop-Applikation und einer iOS-App via WLAN relativ verflogen in Zeiten, wo ich über 3G von jedem beliebigen Ort per Screens meinen ganzen Rechner fernbedienen kann. Das User Interface ist grässlich, die Funktionalität erinnert an eine Amateur-AIR-App. Und was es tatsächlich bringt, abgesehen von einem rasant leergesaugten Akku, ist minimal, weil ein Switch zwischen Werkzeugen oder das Öffnen von Bildern zumindest bei mir schneller und natürlicher über die Tastatur stattfindet – oder zur Not auch per Maus, die man ja eh in der Hand hat und auch in der Hand haben muss, weil «Nav» wirklich nur den Wechsel zwischen Tools erlaubt, nicht aber ihren touchscreenbasieren Einsatz (à la Wacom Cintiq). Der Zusatznutzen von «Nav» eröffnet sich mir insofern eher nicht.

Und hier zeigt sich ein Wandel, den es seit einiger Zeit spürbar gibt, den aber der App Store sehr greifbar und konkret macht – das Ende der großen Software-Anbieter. Ungeachtet der Logistik-Stärken, die eben das Internet als Vertriebsweg zunehmend unwichtig macht, ungeachtet der gefüllten Kriegskassen für Zukäufe von bestehenden Firmen… Microsoft, Adobe und Konsorten schwächeln angesichts eines ätherisierten Verständnisses von Software, das so völlig anders ist als noch vor zehn Jahren. Apple ist die eine noch bestehende Ausnahme, weil sie durch eine glückliche Fügung so viele Standbeine haben, dass die Software halt mitlaufen kann beziehungsweise von den Spielbeinen beflügelt wird, etwa durch die Präsenz im Appstore, und weil die Firma mit Produkten wie Garageband oder Pages/Keynote relativ schnell auf das ja eben eigene Produkt iPad reagieren konnte, während es immer noch kein «Office 2011» für iPad gibt, außer indirekt eben von Drittanbietern. Wobei man sich nichts vormachen darf – nahezu alle Software-Launches der letzten Zeit von Apple hatten Probleme, die auf die Firmengröße rückführbar sind.

Aber generell hat das Web – und die Appstores – die Vorteile großer Softwareanbieter weggewischt, egalisiert. DVD-Brennwerke, Packagedesign – alles egal. Mit einer passablen Website, etwas Eigen-PR via Twitter und den üblichen Gadget-Blogs, Mundpropaganda und gutem Support kann eine gute Software von einer winzigen Firma über Nacht zum Erfolg werden und Standards setzen (und genau so schnell durch die nächstbessere Lösung obsolet gemacht werden). Die Applikationen, die ich auf dem iPad, aber eben auch auf dem Desktop-Rechner zunehmend verwende, stammen von kleineren Anbietern, oft Ein-Mann-Firmen. Das ist ein großer Umbruch in der Entstehung und im Vertrieb von Programmen, der mir derzeit auch unumkehrbar scheint. Und er macht Sinn, wenn man sich die Preise ansieht. Adobe und Microsoft nutzen eine – vor allem bei MS schwindende – Monopolstellung, um überzogene Preise durchzusetzen, und verpassen dabei, wahrzunehmen, wie sehr ihr Monopol wankt. Längst wirkt die Creative Suite so überfrachtet, unnötig kompliziert und schlecht zusammenpassend (während an anderer Stelle wieder an bestimmten Features durchaus eher fehlen), dass es eigentlich nur eine Frage der Zeit ist, bis bessere Alternativen emergieren, so wie Indesign Quark ersetzt hat. Die Entscheidung, iPad-Publishing mit einem hohen Preis als Online-Modell zu realisieren, wird sich hier langfristig als großer Fehler erweisen, ebenso die schlechte Content/Form-Verzahnung bei Indesign. Adobe reagiert nur langsam und schlecht auf Veränderungen im Webdesign und hat Dreamweaver und Flash förmlich verkommen lassen und schlägt selbst aus der Tatsache, mit PDF und SWF zwei grandiose Formate in der Hand zu haben, kein großes Kapital mehr, was an ein Wunder grenzt. Microsoft hat es in zehn Jahren nicht geschafft, aus dem Dauerbrenner Powerpoint auch nur näherungsweise ein vernünftiges Präsentationswerkzeug zu machen, es fühlt sich immer noch an wie Textverarbeitung 1990.

Auf der anderen Seite bieten namenlose Firmen smarte, sehr gut programmierte Tools an, die verblüffend liebevoll gemacht sind und im Alltag exzellente Arbeit leisten. Von welchem Ende der Welt diese Programme dann kommen, ist fast egal, und es ist fast egal, ob es iOS oder OSX-Programme sind, zumal diese künstliche Trennung in den kommenden Jahren sicherlich zunehmend verschwinden wird. All diese kleinen und großen Programme – Reeder, Writings, Byword, FocusWriter, Drops, Forklift, Omniplan und -focus, ComicZeal, iThoughts, TotalFinder, Alarms, GrandTotal, Frizzix, Saldomat, CopyPaster, iOutbank, Screens und und und – stammen von kleinen Firmen und selbst Größen wie Dropbox oder Evernote fühlen sich «klein» an gegen Microsoft und kommen eben mit wachsender Größe an bestimmte Grenzen. Denn gerade bei den kleinen Apps wird klar, wie schnell und reaktiv Updates sein können. Wenn etwa ein Zevrix-Plug-In wie LinkOptimizer ein wichtiges Feature vermissen lässt, reicht eine freundliche Frage und das nächste Update zwei Tage später kann’s. Es ist ein fast surreales Erlebnis in Sachen Service, wie freundlich und offen kleine Firmen für Anregungen sind – und wie klar sie aber auch wissen, was für sie nicht machbar oder gut wäre. Es ist ein extrem faires Modell – und zugleich übrigens der beste Schutz gegen Raubkopie. Von anonymen Großfirmen überteuerte Software «klauen» ist ja vielleicht eine Sache – aber bei kleinen Machern ist schnell klar, dass nur über Verkauf und faires Miteinander eine Pflege und ein Fortbestehen des Programms gegeben ist. Es entsteht so eine vergleichsweise faire, aber kleinere Mikrostruktur, die ein wenig an den Selbstvertrieb von Musik erinnert und es ist nicht ohne Grund, dass Kickstarter auch für Software eine Plattform sein kann. Während es für Monolithen wie Microsoft strukturell fast undenkbar war (und ist), halbwegs direkt mit Endverbrauchern in Kontakt zu kommen, suchen die jüngeren Entwickler diesen Kontakt vom ersten Moment an. Man muss kein Prophet sein, um in diesem Modell ganz generell eine Zukunft für kreative Leistungen aller Art zu entdecken – Musik, Bücher, vielleicht sogar Design und Architektur. Weg von den Moloch-Strukturen, hin zu projektgerechten und engagierten Größen, die ein one-on-one ermöglichen. Ich habe beispielsweise nie verstanden, warum so viele Auftraggeber in der Architektur mit Foster zusammenarbeiten, wo doch klar ist, dass Sir Norman mit der Firma, die seinen Namen trägt, nicht mehr allzuviel zu tun hat und man eigentlich einen Finanzdienstleister beauftragt, dem es primär ums Geld geht und dessen große Struktur man schlicht mit bezahlt. Entsprechend habe ich mich gefreut, dass Google mutig genug war, anders als Apple, nicht auf die übliche Foster-Lösung zu setzen, oder einen der sehr großen US-Architekten zu nehmen, sondern das vergleichsweise kleinere Büro Ingenhoven zu beauftragen, wo eine viel individuellere Zusammenarbeit machbar ist. Das ist eine richtige Entscheidung. Analog bin ich immer geknickt, wenn wir in Pitches gegen Metadesign oder JvM verlieren – Büros, die gar nicht in Pitches gegen uns bzw wir gegen sie spielen dürften -, durchaus auch bei Jobs, wo das Budget solche Großagenturen gar nicht hergibt. Nicht, weil uns ein Auftrag entgeht (es kommt ja immer etwas anderes rein), sondern weil es für den Auftraggeber, mit dessen Problemen und Zielen man sich ja intensiv identifiziert hat im Rahmen einer Lösungsfindung, die falsche, nur vermeintlich «sichere» Lösung ist. Entsprechend mies ist das, was dabei meist am Ende rauskommt.

Der traurige Stand der Dinge bei Adobe belegt, dass ein Ende der «Big is beautiful»-Ära präsent auch in der Softwarebranche angekommen ist. In Zukunft werden sich große Strukturen zunehmend fragen müssen, ob man sie noch braucht. Digitaler Direktvertrieb und das Internet machen es möglich, klein anzufangen und nach Bedarf atmend zu wachsen, sich selbst zu vermarkten. Auf diesen Power Shift in dem Verhältnis zwischen Musikern und Labels (die ja inzwischen mehr Kreditgeber sind) oder Autoren und Verlagen, zwischen Programmierern und Salesmen, ist die Industrie offenbar kaum vorbereitet, auch wenn ich sicher bin, dass in den Strukturen smarte Leute längst die Alarmglocken läuten. Was soll einen Autor noch abhalten – ob Newcomer oder Bestsellerschreiber – seine Werke mit geringer Startinvestition direkt via iBooks oder als App zu vertreiben? Sobald Apple den «Independants» die Tore öffnet wird es den größten Umbruch in der Verlagswelt geben, den man sich vorstellen kann. Mit dem AppStore ist dieser Umbruch – prägnanter noch als in der letzten Dekade per Direktverkauf online – längst im Softwarebereich vollzogen. Größe spielt (fast) keine Rolle mehr, Service, Tempo, Qualität sind entscheidend – und gute Bewertungen, die daraus resultieren.

Adobe täte gut daran, sich schnell und konsequent auf diese neuen Verhältnisse einzustellen, kleiner, fairer, schneller zu werden und sich vom Marketing wieder auf die Programmierung zu refokussieren – denn die Marktmacht des Giganten wird zunehmend unwichtig. Die ja immer noch recht gute Softwarebasis gilt es aufzubauen, auszubauen, reaktiver zu bekommen und für neue Plattformen umzusetzen. Ansonsten wird der Tag kommen, an dem der Preisunterschied zwischen Photoshop und sagen wir Pixelmator nicht mehr zu rechtfertigen ist. Und sich die Frage stellt, ob man iPad-Newsmags wirklich noch mit Indesign layouten will oder ob es nicht eine integrierte, viel bessere Lösung eines kleinen Anbieters gibt, die im Endeffekt besser funktioniert. Und auf diese Frage hat Adobe derzeit keine überzeugende Antwort, leider.

10. Mai 2011 17:32 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , . 2 Antworten.

FR auf dem iPad

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Wer hätte das gedacht? Es gibt tatsächlich Hoffnung für eNewspaper auf dem iPad – in Form ausgerechnet der Frankfurter Rundschau. Während sich vor allem das große Wochenblatt Die Zeit mit einer eher extrem mäßigen Lösung präsentierte, die wenig mehr bot als man ohnehin an ePaper und Online-Texten bei der Zeit downloaden kann, präsentiert die FR eine Lösung, die sich für das Medium maßgeschneidert anfühlt. Eine elegante Bibliothek, verschiedene Lese-Modi im Hoch- und Querformat, sehr gelungener und für eine Tageszeitung fast magazinartiger Umgang mit Aufmachern, sogar die schwierigen kürzeren Mengentexte der Zeitung noch halbwegs elegant gelöst und dabei doch weitestgehend im Look der Marke FR – das macht spontan Freude, ebenso die an den iPad-Spiegel erinnernde Inhaltsverzeichnis- und Navigationslösung. Natürlich gibt es noch Raum für Verbesserungen, es fehlt etwa eine Volltextsuche, Lesezeichen, Markierungs- oder Notizwerkzeuge, sowie vielleicht Anbindung an SocialMedia-Tools, aber es muss ja auch noch Verbesserungsspielraum für kommende Updates geben. Auch das Texte mal komplett magazinartig abwärtsrollen, mal aber in scrollbaren kleinen Textboxen sind, ist etwas unlogisch, aber insgesamt ist die Aufbereitung der Inhalte, die zusätzlichen Diashows, Video, Verweise auf Onlineinhalte und die kleinen Zusatz-Info-Boxen eine großartige Umsetzung der Inhalte, die hier (wie etwa die Plassmann-Cartoons) sogar oft besser wirken als in der Printausgabe, weil ihnen mehr Raum zukommt und sie nicht in dem allzu engen Format der geschrumpften FR versumpfen. Und sich die Zeitung plötzlich wie ein gut gemachtes Magazin anfühlt. Gerade Publikationen wie Die Zeit oder Freitag, aber auch ein Magazin wie die Spex (musikkritik mit Soundbeispielen, das wärs doch) könnte ich mir in diesem Format wirklich sehr gut vorstellen. Ein besonderes Bonbon ist der Newsticker, der natürlich auch nur Online-Content anbietet, aber ein wirklich gefälliges Interface hat. Rundum fühlt sich die App vom Start weg rund und ausgereift an und macht einfach Spass.

Obwohl der Wechsel von Papier zu Pad, der hier stattfindet, an sich in seiner Geschwindigkeit auch etwas erschreckendes hat, habe ich bei der FR-Kiosk-App erstmals nicht mehr das Gefühl, eine abgespeckte Light-Kompromiss-Lösung in den Händen zu halten, sondern eine redaktionell gezielt umgestaltete und in diesem Prozess sogar bereicherte Version, selbst wenn die multimedialen Möglichkeiten nur rudimentär genutzt sind. Bleibt zu hoffen, dass app-basierte Zeitungen in Zukunft nicht als Abfallprodukt oder Nebengeschäft betrachtet werden, sondern in den Redaktionen als vollwertiges Medium mit eigenen Designstandards und eigener redaktioneller Aufarbeitung genutzt werden. Denn dann könnte uns eine Renaissance der Postprintmedien nicht nur als Phantasie, sondern als ganz greifbares ökonomisches Moment bevorstehen. Aber auch nur, wenn die Zeitungen selbst aufhören, sich kaputtzusanieren.

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Aufgeräumte Navigation nach Sparten


hd schellnackPrintlayout liebevoll umgesetzt

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Bilder des Tages als formatfüllende Diashow


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Inhaltsübersicht à la Spiegel-App


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Auch Glossen und Artikel ohne Bilder sind sauber umgesetzt, sogar mit typographischen Details


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Wo interaktive Inhalte Sinn machen, werden sie sparsam genutzt

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Schöner Bonus ist der sehr übersichtliche Newsticker der Online-Nachrichten.

24. September 2010 15:14 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . Eine Antwort.

Vorsicht Glas 04: Eintauchen / Auftauchen

Wie immer bei erscheinen einer neuen DMIG kommt der Text aus der Vorausgabe hier ins Archiv, wo ich ihn besser finden kann:

VORSICHT GLAS III
EINTAUCHEN, AUFTAUCHEN

WILLKOMMEN IM ÄTHER
Jeder schreibt dieser Tage über die Revolution iPad und die Auswirkungen, die es auf Webdesign, Lesen, Video, Musik, einfach alles haben wird… und vielleicht auch tatsächlich hat, wenn auch wahrscheinlich anders, als die Autoren derzeit vermuten. Aber ich habe mir letztens etwas gekauft, was auch flach ist, auch eine Glasoberfläche hat, aber aus meiner Sicht deutlich revolutionärer ist, auf eine ganz unscheinbare Art und Weise. Die Withings-Waage ist ein zunächst unscheinbares Gerät zum Messen von Gewicht und Muskel-/Fettanteil, und kommt mit deutlich weniger Marketing-Getöse daher als das «magische» iPad, ist aber tatsächlich einer der ersten Vertreter des «Internets der Dinge» – denn die Waage sendet nach einer nicht ganz einfachen Installation und Kontoeinrichtung ihre Daten direkt per WLAN auf einen Server, und von dort zum Beispiel auf diverse iPhone-Fitness-Applikationen. Sie ist der erste, wie so oft bei wahrhaft umwälzenden Veränderungen eben total harmlos wirkende Vorbote einer neuen Dimension von Internet, die die visuelle Metapher des «World Wide Web» ersetzen wird, das selbst ja vor gut zwei Dekaden das textbasierte Net-Paradigma abgelöst hat. In einem nicht ganz unzynischen Artikel wurde vor kurzem das iPhone (und damit auch das iPad) kritisch als eine Art «Fernbedienung» für das Leben gedeutet. Aber die Wahrheit ist eher, dass es (noch) die Fernbedienung für eine neue Form von Internet-Nutzung ist, deren Dimension sich erst schemenhaft abzeichnet.

Der große Unterschied zwischen dem www und dieser neuen Form von Internet ist zum einen die Mobilität des Nutzers – dieser Shift ist etwa so wichtig wie der Unterschied zwischen Mobiltelefon und dem alten Wählscheibentelefon in der Diele am Telefontischlein, das von den Nachbarn gern auch mal mitbenutzt wurde. Gowalla, Foursquare und -zig andere Dienste machen deutlich, wie sich Geodaten perfekt für eine komplett andere Wahrnehmung von Internet eignen. In einem schönen Stadtviertel zu sein und eben per ImmobilienScout-App herauszufinden, was es denn hier an Wohnungen gibt, ist nicht vergleichbar mit einem «statischen» Internet. Analog ist der Erfolg von Twitter und anderen sozialen Netzwerken natürlich darauf zurückzuführen, dass man mit mobilen Geräten jederzeit eine kurze Notiz versenden kann.

Zum anderen ist die in den nächsten Jahren hinzukommende starke Vernetzung von Alltagsobjekten ein entscheidender Faktor. Die seit einigen Jahren kursierende Vision des Kühlschrankes, der via RFID ermittelt, dass die Milch abgelaufen ist und dem User – dann eventuell über die Schnittstelle iPhone – direkt einen entsprechenden Vermerk auf die Einkaufsliste macht, die wiederum mit dem Einkaufswagen im Supermarkt kommuniziert, der seinerseits den Einkaufsbetrag der Kasse mitteilt, die flugs den Betrag von unserem PayPal-Account abbucht… das ist ja kaum noch Science-Fiction, sondern eher das, was Trixie Bedlam Paleo-Futurismus nennt. Auch hat Apple bereits vor über einem Jahr Programminterfaces für Messgeräte für z.B. Blutdruck oder Glukose vorgestellt – und wenn man sich anschaut, wie erfolgreich eine ja offenbar nicht wirklich ernsthafte Software wie Sleep Cycle bereits war, ist absehbar, wie erfolgreich solche Angebote sein werden. Dass zugleich sehr ernsthaft über die Möglichkeiten des Robotereinsatzes in der Altenpflege nachgedacht wird, mag da nur noch Fußnote sein – bis wir kollektiv so weit sind, haben wir uns längst an elektronische Vollüberwachung gewöhnt.

Der durch die Urbanisierung, durch einzelne Wohnungen und Häuser modular gewordene Mensch, der längst das Gefühl für ein soziales «Ganzes» verloren hat, wird so in einen neuen technologischen Scheinkontext eingebunden, der auf eine seltsame neue Art Isolation und Eingebundenheit ??? hier fehlt ein verb! , in der wir uns selbst zunehmend als Sims-Charaktere erleben dürfen. Die Trennung zwischen der realen Welt und der ästhetisierten Scheinwelt, deren Vorhandensein früher durch mediale Unzulänglichkeiten gegeben war, hebt sich auf. Statt schwarzweißer Fernsehbilder mit niedrig denkbarster Zeilenauflösung haben wir dreidimensionales Kino in 4K-Qualität, statt karger textbasierter Suchmaschinen auf einem Monitor am Arbeitsplatz haben wir kabellose Augmented-Reality-Software in der Hosentasche. Nicht ohne Grund ist «Iron Man», der zynische alkoholkranke Tony Stark, der im AR-Interface seiner Rüstung so ultravernetzt wie grundeinsam ist, der Held unserer Dekade. Diese Permeabilität von Realität und dem, was man früher vielleicht mal Virtuelle Realität genannt haben dürfte, führt zu einem Multitasking-Solipsismus, in dem «Internet» nicht mehr als ein Raum wahrgenommen wird, den man betritt. Internet ist inzwischen das, wo wir permanent sind, es umgibt, umspannt uns. Adieu World-Wide-Web, hallo Äther.

Das grandiose an diesem Wechsel ist, dass er bereits stattgefunden hat. Wir sind zu nah dran, aber eine nach lange Zeit besuchende Tante würde zu dem kleinen Internet sagen: «Mei, bist du aber groß geworden!» Während viele Webdesigner noch hämen, dass Print ja tot sei, merken sie kaum, dass ihre eigene Tätigkeit längst in einem viel tragischeren Umfang unnötig geworden ist – weil das Web der Zukunft kein graphisches Interface in der jetzigen Form mehr haben wird.

DIE BAND SPIELT BIS ZULETZT…

Für die Designer der kommenden Generationen bedeutet dieser Übergang einen Paradigmenwechsel, wie wir ihn in der kurzen Lebenszeit unserer Profession noch nicht erlebt haben, eine Art postindustrielle Revolution. Design ist in den letzten Jahrzehnten – kontaminiert von ihrem pragmatischen Ausfluss Werbung – als steuerbare Kommunikationsspielart verstanden worden. Egal, mit wie vielen Worten man es verbrämen mag, im Grunde ist Design oft nur der ästhetische Zuckerguß über Edward L. Bernays’ «Crystallizing Public Opinion». Aus der unschuldigen Kunst der Typographie, die nur die Lesbarkeit erleichtern wollte, ist eine hochspezialisierte Profession geworden, die nur ungern zugibt, dass bei allem Gerede um Farben, Schriften und Formen (und bei aller Tendenz zur leeren reinen Formalästhetik, Design-for-Designers) im Grunde immer noch um Absatz, um Erfolg, um Manipulation, um Propaganda geht, ergo um Einwegkommunikation. Wie ein Auftraggeber es letztens so schön formulierte, um Handlungsanweisungen. Sei es der Weg zur nächsten Toilette am Airport, die Verknüpfung einer bestimmten «Idee» mit einer Marke oder der simple zielgruppengerecht kodierte «Kauf mich»-Befehl. Wir gestalten ein Buchcover nicht, um die Menschheit zu retten – wir (bzw unser Klient, der Autor oder Verleger) will mehr Bücher verkaufen. Wir gestalten eine Broschüre oder ein Plakat nicht, um Kunst zu machen, wir wollen ein bestimmtes «Meme»????? besetzen, forttragen oder implementieren. Der dahinter steckende Gedanke – ob nun bewusst oder nicht – ist natürlich arrogant und besserwisserisch, die Unterteilung der Welt in Schäfer und Herde, Leiter und Geleitete. Es ist ja kein Wunder, dass auch ein Joseph Goebbels sich von Bernays Methodik anstecken ließ – Steven Heller hat ja weitgehend in Iron Fists dargelegt, wie wunderbar Diktatur und Corporate Design zusammengehen.

Diese Zeiten – so paradox es klingen mag – erreichen derzeit ihren Zenith und Untergang zugleich. Selten wurde mit Marketing und Gestaltung so vielschichtig und gekonnt versucht, Meinungen und Entscheidungen zu beeinflussen, selten war so viel «Design» wie derzeit. Wir werden bombardiert mit Werbebotschaften, Markenphilosophien, mit emotionalen Impacts, die uns wie einen Flipperball in diese oder jene Ecke tillen wollen. Und das zweifelsohne auch mit Erfolg. In unserer postrationalen Welt sind die Sieger dieses Designkrieges um die Aufmerksamkeit die, die am Ende ein positives «Image» auftürmen können, am Wühltisch der Konsumentscheidungen erfolgreich. Warum wir diesen Anzug tragen, jene Milch trinken, dieses Laptop nutzen – all das sind in einer übersättigten Welt natürlich längst Entscheidungen am oberen Ende der Bedürfnispyramide, die kaum noch mit dem inhärenten tatsächlichen Nutzen der Ware zu tun haben, sondern mehr mit ihrer mythischen Aufladung, böse gesagt dem «Wellness»-Faktor. Man darf sich nichts vormachen: Natürlich sind wir von Design verführbar und auch verführt. In einer Gesellschaft, in der Sein und Konsum wie ein Gordischer Knoten verwoben sind, stellt Design zugleich die Wände des Labyrinths – und auch den Ariadnefaden, an dem wir uns entlang hangeln. Konsumentscheidungen sind zu einem kunstvoll-bizarren Tanz zwischen Verführern und Verführten geworden, zwischen Aufklärung und Verbrämung, in dem schon der Kauf einer einfachen Milch zu einem Jonglageakt wird. Nie war so viel – und so widersprüchliche – Propaganda wie heute.

Und eben darum strahlt viel Design heute eine hechelnde Fin-de-siècle-Müdigkeit aus. Die Firmen wechseln und überarbeiten ihre Namen und Logos, Verpackungen und Werbekampagnen zunehmend rascher aus, wanken wie ein Junkie auf der Suche nach dem nächsten großen Kick von einer Agentur zur anderen, von einem Pitch-Fever ins nächste. Das klassische Grafik-Design wird immer mehr zur ästhetischen Onanie, alles sieht irgendwie gleich, irgendwie gut, irgendwie hip aus – es bedeutet aber auch nichts mehr, in der Echokammer endlosen Recyclings ist die inhaltliche Ebene hinter der formalen Geste verloren gegangen. Wie viele andere Aspekte allgegenwärtiger Popkultur nerven Werbung und Design durch Überangebot, und da diese Flut anders als Musik und Film eher unfreiwillig konsumiert wird, ist die Ablehnung umso ausgeprägter. Der Versuch, Werbung zur komplexen multimedialen Immersion aufzubrezeln – wie bei iAd abzusehen – wirkt vor diesem Hintergrund nur umso fehlgeleiteter. Ist der erste Kick, die erste Neugierde, die Novelty, aufgebraucht und ist erst einmal jede zweite App mit einer Werbe-Zusatz-Applikation belastet, wird der Rollback der Verweigerung nur umso spürbarer ausfallen. Die noch am ehesten funktionierende Werbung sind die nahezu unsichtbaren, dezenten Werbe-Text-Links bei Google, die interessanterweise ohne jede Gestaltung auskommen. (Noch…)

Wie die Band an Bord der Titanic spielt die Werbeindustrie bis zuletzt, lauter und schneller als jemals zuvor, hier noch ein Störer aufs Cover, da noch das Logo größer, hier die Headline größer, dort noch etwas mehr Sex-Appeal in den Geschäftsbericht. Die Passagiere haben sich leider aber längst auf den Weg in die Rettungsboote gemacht.
Der Sprung zur Äthergesellschaft ändert auch hier vieles: wenn Werbung nicht mehr in klaren Realitäts-Subcompartements stattfindet – ergo ausblendbar ist, sondern durch den Äther plötzlich so allgegenwärtig wie ultraindividualisiert sein könnte, verschiebt sie sich vom Background Noise zu einer essentiellen Bedrohung.

DER DESIGNER ALS FICTIONAUT
Es ist ein altes Klischee, dass gutes Design eine «Geschichte» erzählt. Tatsache ist aber, dass aktuelles Design eher das Gegenteil versucht – es überschreibt und negiert Geschichte, in dem Versuch, die Marke ewig jung und frisch zu halten. Nur hat ein Dorian Gray eben keine Geschichte, er ist zeitlos. Er hat keine Zukunft, keine Vergangenheit, er will nur die ewige Jugend. «A lot goes on but nothing happens…» – dieses Paradigma von Design wird sich ändern müssen. Design von morgen wird nicht nur «Storyweaving» sein, sondern ein komplexer narrativer Vorgang im Dialog mit dem Auftraggeber und dem Empfänger, der von Anfang an nicht als passiver Teil eines mechanischen Vorgangs, sondern als gleichberechtigtes Element eines enorm volatilen chemischen Prozesses zu denken und einzuplanen ist. Nun ist Tofflers «Prosumer» ein alter Hut – obwohl niemals so wahr wie in Zeiten von Google – aber ohne Frage stellt der Äther die Arroganz einer selbstdefinierten Elite, die «Handlungsanweisungen» und «Navigation» vorgibt, sehr definitiv in Frage. Wie langweilig und baukastenartig wirken die meisten Webdesigns heute, die sich eine wie auch immer zu definierende gute User-Navigation auf die Fahne schreiben, die aber nur das stets gleiche System re-iterieren, das ihnen die Software vorgibt. So wie uns die wie vom Fließband purzelnden immer gleichen Romantic Comedies mit ihren austauschbaren Darstellern und absehbaren Happy Ends langweilen, so öden auch diese ewig gleichen Webdesigns mit ihren ausgelutschen Metaphern von Menüs und Untermenüs, Tags und Links.

Es ist bezeichnend, dass iPhone und iPad dieser Gleichförmigkeit primär eine Art Turboboost verleihen. Apples rigide Store-Politik und der schiere Kontrollfetischismus, der auch bei zahlreichen verschiedenen Apps für ein möglichst homogenes Erscheinungsbild des OS sorgen sollen, frustriert bereits jetzt zahlreiche Entwickler und wird in Zukunft einer der größten Angriffspunkte im Kampf Android vs Apple sein. Der Erfolg von eher «erzählerischen» Apps wie Swanko Lab oder Hipstamatic, die zwar die gleichen Effekte bieten wie zahllose andere Photo-Applikationen, die aus der schwachbrüstigen Kamera des Smartphones eine Art neuzeitliche Lomo zu machen versuchen, zeigt, dass neben dem reinen Nutzen einer Software eben auch ihr spielerischer, emotionaler Aspekt ausschlaggebend ist. Hipsta und Swanko erzählen natürlich die gleiche Lügengeschichte wie alle Emulatoren – das schwache Abbild analoger Photographie im digitalen Gewand – dies aber mit so viel Konsequenz, Charme und gestalterischem Know-how, dass ein Hybrid zwischen Spiel (mit ungewissem Ausgang) und Software mit Nutzwert entsteht. Bleibt zu hoffen, dass sich solche Ansätze gegen Steve Jobs’ Puritanismus auch in Zukunft durchsetzen können.

Bereits heute beginnt gutes Design sich von einem dogmatischen Orientierungssystem zu einem offenen Spielsystem umzudefinieren, weil es die immersive Natur des eigenen Tuns begreift. Ein Designbegriff, der sich nicht mehr in den Käfig des World-Wide-Web oder von Print stecken lässt (oder analog in die Gestaltung von Waschbecken und Autolenkrädern) liegt nahe… schließlich müssen wir uns fragen, was Menschen dazu bringt, bereitwillig stundenlang einen Text zu lesen oder sich einen Film anzusehen und dafür sogar auch noch zu bezahlen. Und so merkt man gutem, langfristigem Design oft an, dass es eine Art Handschrift oder Idee oder eine Art von Autorenschaft hat. Über die Jahre entwickelt es sich, mutiert, irrt, springt wie ein Jump’n'Run-Charakter, es entwickelt ein Protagonisten-Flair. Es kann uns überraschen, verärgern, amüsieren, involvieren. Das kann so simpel funktionieren wie die Lucky-Strike-Identität, die so stoisch wie fluide wirkt, die so wenig zu wollen scheint und gerade deshalb so langen Atem beweist (abgesehen von den eher traurigen Package-Redesigns). Das kann aber auch so komplex sein wie die Fernsehserie «Lost», die eins der wasserdichtesten Designs hat, das man sich denken kann, die nahezu architektonisch wirkt, ein seltsamer Mix aus perfekter Planung und kreativen Sprüngen. Designer werden von Autoren solcher Langzeit-Narrationen lernen, ebenso wie natürlich von Spieleentwicklern, die längst die Einheit von Erzählen und Gestalten verkörpern, auf die Designprozesse sich auch zubewegen. Ein digitales Spiel, das den User auf Stunden binden soll, immer wieder vor den Monitor locken will, das gar erwartet, dass der Spieler Regeln, komplexe Bedienungsabläufe und Lösungsmuster erlernt und trotz wiederholten Scheiterns an einer Spielhürde nicht aufgibt, muss in einem Maße «Involvement» generieren, von dem Design noch weit entfernt ist. Games müssen erzählerisch mit verschiedenen Frustrationsniveaus umgehen, zugänglich sein und doch nicht zu einfach sie haben sich längst (wie etwa in der Demo-Szene) der Idee geöffnet, dass der User selbst aktiv in seine Spielumgebung eingreift und diese weiterentwickeln darf – dieser Aspekt ist inzwischen oft expliziter Bestandteil des Spielreizes.

Diese Idee eines interaktiven Spiels unter dialogischen und fast echtzeitlichen Multi-User-Bedingungen, bei denen bestenfalls noch eine dünne Membran den «Programmierer» vom «Anwender» trennt, es aber dennoch eine (zum Teil aber oft teambasierte) klare und vom Empfänger auch gewünschte Autorenschaft gibt, findet sich eben so auch in erfolgreichen Fernsehserien wieder – beim bereits angeführten Lost etwa gehört das Spiel der Zuschauer um die Hinweise und Rätsel der Serie zum Reiz des Formats, ebenso gab es mehrere zwischen den Staffeln angesiedelte Alternative-Reality-Game-Formate, die die Grenze zwischen Spielformat und herkömmlicher Serie endgültig durchtrennen.

Dieser Mix aus Erzählung, Exploration, Immersion einerseits und Dialog, Teamwork und Offenheit andererseits ist ein deutlicher Schritt weg von der heutigen «Narration» von Design, die immer noch zu sehr von der Auteur-Idee eines einzelnen Urhebers getragen ist, der ein Werk erzeugt, mit dem die Empfänger dann gefälligst zu leben haben, oder das sich nach realitätsfernen Marktforschungs-Vorgaben richtet, die jede Innovation ersticken und dem alten, eben besserwisserisch-manipulativen Modell anhängen. Auch, man mag es hoffen, Corporate Design als Einbahnstraße aus Agenturvorgaben in endlosen Maßketten und Anwendern, die früher oder später der eigenen Kreativität und Naivität folgend, dieser Vorgaben verlassen und somit das militärische CD-Konzept ad absurdum führen (bis es nach einer Weile der Erosion wieder von einer anderen Agentur «relauncht» werden muss, in der Hoffnung, dass es jetzt aber bitte endlich «greift»), dürfte sich gegen einen von Anfang bis Implementierung spielerischen, gemeinsamen Umgang mit der Firmenidentität austauschen lassen, der der gähnenden Langeweile völlig austauschbarer Baukastenlooks im CD-Bereich ein Ende setzt.

Das narrative Design ist open-ended, lebendig, eher eine endlos formbare Skulptur als ein finites «Werk», eher eine Umgebung, ein «Space» als ein spezifischer Ort oder Punkt. Es will nicht mehr verkaufen oder erklären oder dich in diese oder jene Richtung schieben, es will dich in erster Linie erst einmal einbinden, aktivieren, unterhalten, verwirren oder begeistern, einverleiben. Es wird die Grenze zwischen Druck, Print, Lokal und Mobil, Öffentlichkeit und Privatem auflösen. Der Designer als «Fictionaut» taucht ein, tauscht sich aus, taucht auf und hat Stories im Netz. Neben Vektorkurvenziehen und Pixelschubsen gilt es also kulturelles Wissen, Lesen, Hermeneutik, Soziologie, Gruppenpsychologie in den Designbegriff einzubringen – letzthin die Fähigkeit, Spannungsbögen zu erzeugen, Metakontinuität zu wahren, Kohäsion über verschiedenste Plattformen, Cliffhanger zu inszenieren, Handlungen und Identitäten zu entwickeln.

Im Webdesign wird sich diese Tendenz fortschreiben. Mach man sich nichts vor – «Design» im Webbereich ist nicht, eine bunte Site aus Baukastenmodulen in Joomla zusammen zu puzzeln. Design im Webbereich ist, Facebook geschaffen zu haben oder Twitter. Also eine Idee zu haben – und deren diverse Technologien überspannende konkrete Ausformung – und die Gestalt dieser Idee über die Zeit hinweg auszubauen. So wie die erste Staffel einer Serie dabei vielleicht etwas schlechter ist als die zweite (und die siebte vielleicht schlechter als die erste), so ist auch Webdesign heute ein langfristiger Prozess, der ideal transparent und echtzeitig verläuft und auf Input von Usern dynamisch reagiert. Anregungen, Ideen, Bugs – schon heute ist auch eine herkömmliche Site nicht mehr ohne eine Art öffentlichen Betatest denkbar… der Relaunch vom Fontblog hat das exemplarisch gezeigt und dabei vorgemacht, wie so etwas simples wie ein Blog zur Kommunikation von Machern und Nutzern werden kann, zu einer gemeinsamen Untersuchung der Geschichte um die es sich hier eigentlich dreht. Analog zeigt eben die Vernetzung eines simplen Haushaltsgegenstandes wie einer Waage mit einem Webspace und mobilen Applikationen mit Einbindung von Online-Community sozusagen in embryonaler Form, wie aus dem einfachen Akt der Gewichtsermittlung so etwas wie eine gemeinsame Story werden kann. Denkt man sich diese Vernetzung weiter, wird deutlich, wie ganzheitlich Designprozesse in Zukunft in das Leben hineinspielen, welche gegenseitige Einflussnahme hier möglich wird und wie zentral es ist, hier Vertrauen und Transparenz durch Glaubwürdigkeit zu schaffen. Die Äthergesellschaft ist eine Tauschgesellschaft von sozialen Akten, deren Regeln noch ungeschrieben sind, aber es zeichnet sich jetzt schon ab, dass «Echtheit» und Vertrauenswürdigkeit von Marken an Wichtigkeit für die Bereitschaft der User, Informationen zu teilen, immer wichtiger werden. Und für dieses Vertrauen müssen die Marken erst einmal selbst «sharen».

Es ist nach wie vor wahnsinnig schwer bis unmöglich, Auftraggeber von dieser Form fiktionalen Designs zu überzeugen. Die Aufgabe einer hierarchischen Kommunikation mit klaren Zielvorgaben, das einfach Machen um des Machen willens, das oft Afunktionale ist Marketingprofis nur schwer zu erklären. Meine alte These, dass Erfolg in der Werbung bedeutet, möglichst fast keinerlei klare Konsumanreize mehr in den Auftritt zu nehmen, auf Zielgruppenaffinität und Handlungsanweisungen zu verzichten, sondern nur «zu sein» (Zen-Design, wenn man so will), einfach als Unternehmen zu atmen, auf der anderen Seite aber den Konsum, so er denn freiwillig erfolgen will, so angenehm und wunderbar und einfach wie überhaupt eben möglich zu machen, ist heute so akut wie in den letzten Dekaden nicht mehr.

Mit der Auflösung der World Wide Web zu einem Äther-Internet, mit dem Nachlassen der Relevanz von Fernsehen, Radio und Print als zentralen Informationsmedien sterben die Strukturen einer reinen Sender-Empfänger-Kommunikation langsam aber sicher ab. Jede neue mediale Iteration hat schnellere Feedback-Zyklen möglich gemacht, bis wir bereits mit dem Web in einer Fast-Echtzeit-Reaktanz angekommen sind. Das «Internet der Dinge» wird die Gesellschaft tiefer spalten als jeder andere Sprung zuvor – in Mitmacher und Verweigerer, in Datenpreisgeber und Intimsphärenschützer, in Stoiker und Springer. Und weil alte Medien nicht sterben, wird es weiterhin Printanzeigen und Bücher geben, Plakate (wenn auch als animierte Displays), und natürlich auch Websites, die statisch sind, die nicht wachsen oder mutieren – und die vor allem alles immer schon besser wissen als ihre Besucher. Ob sie dem Modell eines Bundesbahn-Fahrplans oder dem eines TV-Senders folgen, solche Sites dürften und dürfen auch gerne aussterben. Emergieren und entfalten mögen sich hoffentlich Modelle, die zum Mitmachen, Mitspielen, Miterzählen einladen – Designs, die ein Lagerfeuer im Wald anzünden und auf Gäste warten und bei denen der glaubhafte Spaß an der eigenen Sache greifbar wird.

Eintauchen, auftauchen, Beute mitbringen, zubereiten und dann teilen – das jahrhundertealte Prinzip aller guten Geschichtenerzähler wird in Zukunft die Designwelt bestimmen. Weg vom Oberflächenaffekt, dem Crack-Hit der Designszene, dem schnellen BlingBling, aber auch weg von der kurzatmig schubsenden Manipulation (aber nicht von der Lüge, so sorry – alle guten Stories sind natürlich nicht ganz ehrlich), hin zu einer modernen Form kollektiver Narrationskultur, die wir im Äther gemeinsam formen, verformen und weiterspinnen, reflektieren und permanent modellieren.

Die Zukunft könnte also hoffentlich kaum spannender werden…

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Nachbemerkung: Die Vorsicht-Glas-Texte sind tatsächlich nur lautes Nachdenken über Design und die eigene Arbeit und die Zukunft… meist in einem Rutsch geschrieben und entsprechend ausufernd, ungeordnet, unstrukturiert. Sie sind nicht mit einem echten Essay zu verwechseln, auch wenn es so niedergeschrieben verdächtig danach aussieht – insofern denkt euch am besten ein Gespräch in einer verrauchten Kneipe morgens um sechs als Umfeld, dann stimmt der Ton schon eher. Sie sollen nicht belehren oder besser wissen, auch wenn es manchmal so klingen mag. Und morgen kann ich vehement das Gegenteil behaupten.

7. September 2010 09:44 Uhr. Kategorie Design. Tag , , , , . Keine Antwort.

Vulgär

«Vulgär ist eine Nachrichtensendung, die alle Probleme, auch solche, die strukturelle oder systemische Ursachen haben, personalisiert. Ein Sachproblem darf nicht Sachproblem bleiben, sondern muss Personalproblem werden: Das ist vulgär.»

Jens Jessen in der Zeit 31

9. August 2010 14:05 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

Tod und Spektakel

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Eigentlich wollte ich zum Desaster auf der Loveparade nichts schreiben, weil es in den Medien, Blogs, auf Twitter und Facebook ja genug Meinungen und genug Anklagen gibt. Jenseits von der reinen Schuldfrage, die sich jetzt wahrscheinlich zu einem Kampf zwischen Veranstaltern/Stadt einerseits und Angehörigen der 19 Opfern andererseits entwickeln wird, wenn es um die Frage gibt, ob die Vorbereitung ungenügend war oder individuelles Fehlverhalten vorlag, haben mich ein paar Sachen angesprungen:

Die Abnutzung von «Trauer»
Es ist verblüffend, in welchem Maße eine medial, in Presse und Medien vielfach gespiegelte Anteilnahme öffentlicher Personen sich zumindest für mich persönlich abnutzt. Abgesehen davon, dass man vielleicht unterscheiden muss zwischen dem empathischen allgemeinen Schock über die Un- und Todesfälle auf der Loveparade und der persönlichen, unmittelbaren also eben echten Trauer, weil ein geliebter Mensch gestorben ist, muß man nicht sonderlich zynisch sein, um in den öffentlichen formelhaften Trauerbekundungen vieler Politiker – allen voran der neue Bundespräsident, der hier zumindest unbewußt eine Profilierungsoption zu sehen scheint – einen Hautgout zu finden, weil sie nur die falschen, weil endlos abgegriffene Worte, finden. Die Art und Weise, wie Politiker und Medienfiguren heute zunehmend öffentlich auftreten – stets unangreifbar vorbereitet, geschliffen, gefasst, immer bereit, nie zu sehr bei sich selbst, immer in der Rolle – scheint deplaciert, wenn es doch gerade darum ginge, die Maske abzulegen und Mensch zu sein, nicht Funktion. Dass dies kaum noch gelingt (auch weil jeder Fehlgriff authentischer Trauerbekundung medial und vom politischen Gegner ausgeschlachtet wird und es insofern sicherer ist, die professionelle Hülle gar nicht mehr zu verlassen) und eben auch «Trauer» und «Betroffenheit» in der Öffentlichkeit zu einer Art Kabuki geworden sind, ist die Tragödie in der Tragödie.

Schleichendes Gift vs Schockzustand
Tucholsky wird das Zitat über den Krieg zugesprochen, nach dem der Tod eines Menschen eine Katastrophe sei – Hunderttausend Tote aber, das ist eine Statistik. Auf erschreckende Weise belegt die Duisburger Loveparade diesen resignierten Satz. Die 19 Todesopfer von gestern sind ganz sicher unfassbar… aber sie nehmen sich bescheiden aus gegen die 4152 Menschen, die 2009 auf Deutschlands Straßen im Verkehr ums Leben kamen (und diese Zahl ist ein historischer Tiefstand). Der plötzlich eintretende, unfallartige, unerwartete Tod betrifft und stärker als das schleichende, uhrwerkartige Risiko, das wir eingehen, wenn wir eine Autobahnauffahrt herabfahren. Das ist so schrecklich wie verständlich, der unsichtbare tröpfelnde Tot von fast 5000 Einzelnen bleibt unsichtbarer, 19 Opfer in einem medialen Spektakel sind präsenter. Und dennoch, ohne miteinander aufrechnen zu wollen, was nicht aufgerechnet werden kann: Wer jetzt (als nicht unmittelbar Betroffener) im gehobenen Stammtisch-Reflex nach Verantwortlichen und Konsequenzen ruft, sollte vielleicht zumindest kurz innehalten, darüber nachdenken, dass eben auch Verkehrsopfer Eltern, Kinder, Geschwister oder Geliebte sind und genau so wichtig, nur dass die Zahl der Toten hier über zweihundertmal größer ist. Der Tod einer überschaubaren Zahl von Menschen im Brennglas mag dramatischer erscheinen, aber diese Dramatik – und Dramaturgie – des Todes darf nicht davon ablenken, dass es einen noch viel größeren Wahnwitz gibt als den eines überfüllten Partyevents mit eventuell mangelnden Sicherheitsvorkehrungen. Nur weil etwas medial fokussiert ist und etwas anderes eben nicht, wird das im Schatten liegende nicht weniger real und prekär als das, worauf die Scheinwerfer gerichtet sind.

Schuld
Es ist interessant, dass wir bei keiner Tragödie ohne die Schuldfrage auskommen. Wir brauchen Terroristen bei Anschlägen wie Olympia 1972 oder beim World Trade Center 2001, gegen die man dann konternd einen sehr sichtbaren Krieg führen kann anstelle der realen komplexen und dekadenlange Dynamiken, die irgendwann zu bösen Konsequenzen führen, wir brauchen selbst bei Naturkatastrophen Verantwortliche, und seien es nur die gewählten Politiker, die dann nicht schnell genug reagiert haben oder nicht kompetent genug waren. Und vorgewarnt, gewiss, hat immer irgendwie irgendwer irgendwo – das ist die Norm. Auch vor 9/11 und Katrina wurde selbstverständlich gewarnt. Nur, würde man auf jede Warnung hören und entsprechend reagieren, man wäre völlig paralysiert… schließlich wird auch Wochentakt das Weltende prophezeit und zwar seit Jahrhunderten. Warnungen zu ignorieren, ob im Nachhinein zurecht oder nicht, ist Grundlage jeden Handelns. Tatsache ist aber, dass Schuld ein quasi «antropomorphisches» Konzept ist, wir projizieren auf ein komplexes Feld von Zusammenhängen, die chaotisch zusammenwirken, nachträglich ein Antlitz, eine menschliche Logik, eine nur scheinbar rationale Ordnung von Ursachen und Wirkungen, die am Ende dann den Strohmann des «Verantwortlichen» ergeben. Den gibt es aber meist nicht wirklich.
Im konkreten Fall scheint es ein Gemisch vieler Faktoren zu geben. Ein Veranstalter/Sponsor, der nach einer ausgefallenen Veranstaltung unbedingt 2010 «seinen» Event haben als Werbefaktor wollte, eine Stadt, die sich bitte nicht die gleiche Blöße geben wollte wie das als Spielverderber angegriffene Bochum zuvor, ein Bundesland, das in Rahmen von Ruhr2010 fast atemlos von einem Event zum anderen hastet und dieses eben auch unbedingt in der Rekordschau dabeihaben wollte, Medien, die eben auch noch einen Riesenevent als Partner begleiten/hochjazzen wollten, eine naiv-überforderte Behördenschaft mit blindem Optimismus gegenüber der Handhabbarkeit von Besucherzahlen und Menschenmenge, mit der Duisburg realiter wohl eher unerfahren sein dürfte – und nicht zuletzt auch die Besucher selbst, deren persönlicher Rausch-Hedonismus im Aggregat der Masse unvermittelt schnell den Charakter zum unkontrollierbaren Moloch wechseln kann, wo jeder potentiell Täter und Opfer zugleich ist, ohne dies wirklich zu wollen.

Dennoch suchen wir jetzt den einen Spieler, der am Ende in der Public Relation die meisten Fehler macht und medial so schlecht dasteht, dass er den Schwarzen Peter in den Händen behalten wird und den Zorn und die Trauer der Hinterbliebenen auf sich zieht. Die Stadt und der Veranstalter haben bei der gerade gelaufenen Pressekonferenz bereits so viele Fehler gemacht, dass jeder PR-Berater verzweifeln dürfte, ehrliche und überzeugende Krisenkommunikation sieht anders aus. So oder so bringt ein «Schuldiger» aber niemanden zurück ins Leben… und die Suche nach einzelnen «verantwortlichen» Individuen verschleiert nur das systemische Problem der Großveranstaltungen.

Spektakel
Ein Event, das an seiner eigenen Größe spürbar zusammenbricht, ist geradezu sinnbildlich für unser Zeitalter des «Zuviel». Wir leben in einer Gesellschatft, in der «Feiern» immer mehr zu einem Massenphänomen wird, das Bedürfnis, große Gefühle in der großen Masse zu teilen, ist enorm. Millionen von Besuchern – das sind Zahlen, die nicht nur Veranstalter wollen, um Umsatz und Sponsoring/Werbeeinnahmen zu realisieren, das sind vor allem die Zahlen, die die Medien anlocken und Berichterstattung, Platz in den Zeitungen, Zeit in Radio und TV, bringen, das vielleicht höchste aller Güter – Aufmerksamkeit – generieren. Und so wird heute ein Massenspektakel an das andere gereiht, der nächste, noch extremere Kick liegt immer um die nächste Ecke. Allein im Ruhrgebiet waren da binnen einer Woche die A-40-Still-Leben-Aktion mit bis zu drei Millionen Besuchern, Bochum Total mit (an drei Tagen) einer Million und jetzt Duisburg mit – je nach Quelle – 150.000 bis 1,5 Millionen Besuchern. Abgesehen von der Frage, wie eine relativ kleine und nicht finanzstarke Stadt wie Duisburg logistisch eigentlich binnen sieben Tagen zwei solche Massenveranstaltungen erfolgreich managen wollte, wird hier deutlich, dass unsere Sucht nach Spektakel, nach Hyperventilation im Massenrausch, wie jede Sucht auch ihren Preis hat.
Es wäre vielleicht klug – auch wenn diese Hoffnung sich wahrscheinlich als zu optimistisch herausstellen wird – wenn man Duisburg als Anlass nimmt, über Megaevents und ihren Sinn als Ganzes nachzudenken. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei diesen Riesenstrukturen etwas schiefgeht, ist fest mit eingebaut und enorm hoch, zumal Herdentrieb, Alkohol und andere Faktoren die Besuchermasse zusätzlich unberechenbar macht. Es ist eher Glück, wenn bei WM-Halbfinalen, gesperrten Autobahnen oder gigantischen Konzerten nicht mehr passiert – aber Glück ist wie Seife, jedesmal, wenn du es benutzt, wird es etwas weniger.
Ob Architektur, Kunst, Kultur oder Alltag – ein Ausstieg aus dem pornographischen, nach immer mehr Steigerung und Eskalation fordernden System des Spektakels tut not. Das große Event, dass den Einzelnen in die Passivität zwingt, zum Vieh macht, das den Dialog und das wahre Austauschen unmöglich macht und nur das besoffene (in jedem Sinne des Wortes) kybernetischer Aufgehen in der Masse, im Sportpalast-Mob der Neuzeit, ermöglicht, in dem es nur noch um Konsumieren und Ausscheiden zu gehen scheint, um eine tröstende Form von Anonymität in den Schlangen vor Bierwagen und Chemotoiletten, um diese seltsame Vereinzeltheit in der Masse. Vielleicht sollten wir wieder lernen, dass Fußball auch mit 10 Leuten ansehbar ist, dass kleine Konzerte schöner klingen als Sportstadien-Gigs, dass weniger mehr ist. In Duisburg entpuppt sich auch das Scheitern einer hedonistischen Überflussgesellschaft, wie falsch die «großen» Events sind. Lieber in die kleinen Clubs, die versteckten Ausstellungen statt die gehypte Eröffnung, die Tante-Emma-Läden statt der Einkaufszentren gehen. Wenn es einen Schuldigen gibt an den Todesfällen gestern, dann ist es ein System von überproportioniertem Junk, der Partizipation unmöglich macht und der entleerten Langeweile des täglichen Arbeitenmüssens (oder schlimmer, des nicht Arbeitendürfens) nur immer extremere Stimulationen und Eskapismen entgegensetzt. Und ein System, das bei alledem, in dieser ständigen Beschleunigung, der immer härteren Fahrweise, permanent die perfekte Funktion vorgaukelt, dessen Risiken aber unabwägbar sind.

Spektakel im Spiegelkabinett
Die Bank gewinnt immer – und die Bank sind in unserer Zeit die Medien. Die großen Zeitungen, TV-Sender und Radiostationen sind längst als mediale Partner Teil des Systems, das immer bombastischere Zerstreuungsangebote produziert. Sie erreichen hier ihre (jeweiligen) Zielgruppen sowie relativ hohe Auflagen oder Einschaltquoten, eine symbiotische Fusion von Eigenwerbung und Programmfüllung. Ob Kölner Karneval oder Loveparade ist dabei fast egal, dabeisein ist alles. Und wie beim Autorennsport geht bei alldem für die Medien nicht nur um den Sport an sich, sondern auch um das Warten auf das Event im Event – den Moment, in dem ein Formel-I-Wagen aus der Spur reißt, sich überschlägt, Flammen schlägt und es um Leben oder Tod des Fahrers geht. So wie auch ein terroristischer Akt erst zu einem solchen in der medialen Echokammer wird, entsteht auch hier die soziale «Tragödie» aus den individuellen Schicksalen erst durch das immer wieder neue Spiegeln in den Medien, die in immer neuer Iteration die kaum vorhandenen Informationen melken. Augenzeugenberichte, Tweets, Interviews – selten dürfen Medien sich so relevant und «echtzeitig» fühlen wie in der Katastrophe, wenn sie den Hunger nach den letzten Informationen kaum noch schnell genug stillen können, wenn sie tatsächlich gebraucht werden. Auf seltsame, vielleicht unvermeidbare Art werden die Medien so selbst noch in der einfühlsamsten und reflektiertesten Art de Berichterstattung unweigerlich zu Voyeuren/ Vampiren/Profiteuren. Und umgekehrt entsteht erst durch diese geballte Aufmerksamkeit überhaupt erst der «Event», über den weiter zu berichten es sich lohnt, als eine Art kurzlebiges mediales Perpetuum mobile. So selegieren die Medien, was uns berührt und zu Trauer veranlasst, weil sie diese 19 Verstorbenen unter das Brennglas ihrer Aufmerksamkeit ziehen, und zugleich vielleicht andere Tragödien anderenorts ausblenden. Erst die Medien machen die persönliche Tragödie zur «Tragödie» auf der gesellschaftlichen Bühne, erst sie schaffen aus den Fakten eine Narration mit Opfern und Tätern, Helden und Schurken. Erst ihre Aufmerksamkeit erzeugt unsere Aufmerksamkeit. Diese Multiplikation mag unbewusst und unabwendbar sein, den Gesetzen des medialen Marktes gehorchen, wirklich gut ist sie beileibe nicht immer. Ob Kachelmann, Bundespräsidentenwahl, Schweinegrippe oder Loveparade – es geht in unseren Medien immer und fast nur noch um den sich selbst fütternden Hype, das Junkfood in der Informationswelt. Was übrigens mit dem Internet eher schlimmer geworden ist, selbst dort, wo Auflagen/Einschaltquoten bzw. Clickrates eigentlich so gar keine Bedeutung mehr haben. Das Ergebnis ist eine mitunter hysterische Hyperfokussierung, eine Echokammer von Empörung und Entrüstung, die das ursprüngliche Quentchen an Information per Hyperlink-Loops verstärkt und verstärkt, bis das Echo wichtiger ist als das Signal.

Am Rande
— Man lernt: Zahlen sind flexibel. Wenn man es als Veranstalter für die Medien und Sponsoring/Werbepartner braucht, kommen zu einer Loveparade eben gern 1,5 Millionen Besucher – jetzt, wo es eher darum geht, eben zu kommunizieren, dass es keine Überfüllung des Loveparade-Areale gegeben hat, spricht man von einem Bruchteil dieser Besucherzahl. Wäre gestern keine Katastrophe passiert, hätte man die Zahl freilich hochgerechnet. Und das beste: Scheinbar weiß es tatsächlich niemand genau – was zugleich auch Angaben über Besucherzahlen in Vorjahren oder bei anderen Massenevents denkbar unglaubwürdig erscheinen lässt. Frei nach dem vermeintlichem Churchill-Bonmot: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.

— Ist es nicht seltsam, dass wir Vergnügen privatisieren – also individuellen Spaß wollen und fordern und auch den Umsatz/nutzen, der mit Partys gemacht wird an private Firmen leiten – die Verantwortung dafür aber weitgehend beim Staat suchen?

— Natürlich stellt Rainer Schaller als Personalunion von Veranstalter und Hauptsponsor die Loveparade ein, sie war eine reine Werbeveranstaltung für sein Unternehmen McFit und der positive Imagetransfer für den Körperkultdiscounter dürfte sich wohl vorerst erledigt haben. Und natürlich ist die Loveparade, wie sie hier stattfand, nicht näherungsweise zu verwechseln mit dem tatsächlichen Berliner Rave-Festival, sondern eine seicht-vulgäre Freiluft-Massenparty mit Klingelkirmestechnomusik für die breite Masse, eine feiste und fratzenhafte Parodie dessen, worum es am Anfang mal ging. Berechenbar wie leicht vulgär ist dabei Matthias Roeinghs (Dr. Mottes) Seitenhieb auf Schaller, der ihm ja «seine» Loveparade komplett abgekauft hat.

— Am Ende, jenseits aller Medien, aller Tweets, aller surrealen Pressekonferenzen, der sirrenden Schuldzuweisungen und den Gründen sind 19 Leute tot, das ist keine «Katastrophe» und keine «Tragödie», wie die Medien es gern formelhaft bezeichnen (siehe oben… und ich ja auch, denn natürlich ist es eben doch eine Tragödie), das sind vor allem 19 ganz individuelle unfassbare Verluste, in Familien, unter Freunden. Das kann man medial nicht aufbereiten und die Trauer der Angehörigen nicht nachempfinden. Aber man kann sich vorstellen, die eigenen Freunde oder Geschwister verloren zu haben, dieses erstickende Gefühl, dass dein Sohn oder deine Tochter nur mal eben weggehen, um etwas in der Sonne zu feiern und nicht mehr, nie mehr, zurückkommen werden. Man kann sich vorstellen, wie es sein muss, wenn ein Lebenspartner sich in der Masse verirrt und du bleibst alleine überlebend zurück, von einer Minute zur nächsten mit deinen ganzen Lebensplänen allein. Oder vielleicht kann man sich das eben auch nicht vorstellen. Dieses Loch kannst du nicht in Worte fassen und die Vorstellung, die man sich selbst davon macht, wird der sprachlosen echten, greifbaren Wirklichkeit wahrscheinlich nicht näherungsweise gerecht.

25. Juli 2010 14:42 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 62 Antworten.

Ist TV-Land abgebrannt?

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Es wirkt in den letzten Monat etwas verzweifelt, wie die TV-Sender ihre Shows canceln und neue Konzepte herankarren und wieder absetzen – eins der neuesten Opfer bei ABC ist beispielsweise David Goyers Flashforward. Die zum Teil aufwendig produzierte offensichtlich langfristiger angelegte Serie, die Lost beerben sollte, endet nicht nach den geplanten drei oder vier Staffeln, sondern inmitten offener Handlungsstränge. Andere Opfer der letzten Zeit gibt es reichlich, die Liste umfasst 35 Sendungen. Darunter zahlreiche Shows, die einige mehr oder minder erfolgreiche Seasons hinter sich haben. Woran liegt dieser Einbruch?

Er zeugt nicht nur von wirtschaftlichen Problemen – Instantshows und Trash-TV sind einfach billiger, selbst American Idol dürfte weniger kosten als ein Pilot einer guten Serie -, sondern auch vom Ende eines TV-Zeitalters (oder zumindest einem sehr gravierenden Umbruch). Während Sendungen wie American Idol (und all die anderen Casting Shows) noch vom Live-Faktor leben, ähnlich wie Sport-Events, vom Mit-Abstimmen oder von dem Informiertsein / Mitredenkönnen am nächsten Tag, funktionieren die relativ komplexen Serien, die auf dem Season-Konzept aufbauen, wie es Twin Peaks (eigentlich die erste Revolution im TV), X-Files oder auch Buffy etabliert haben und das Lost oder Breaking Bad perfektioniert haben, durchaus auch dann gut wenn nicht sogar am besten, wenn man sie in einem Rutsch schaut – also am Ende einer Staffel. Ein Echtzeit-Sehen ist also nicht notwendig. Während einerseits TV-Serien sich in den letzten Jahren als extrem gutes Erzählformat bewiesen haben, gerade weil sie längeres Format haben und differenzierte Charaktere und langfristige Handlungsbögen erlauben (gegenüber der 3-Stunden-Grenze im Kino, das einfach mehr verdichten muss), verlieren diese anspruchsvolleren Formate den «casual viewer», der einfach nur mal ohne große Vorbereitung 45 Minuten etwas Entertainment will. Für diese Gruppe von Zuschauern reicht die Krimifall-der-Woche-Serie, die relativ statische Charaktere durch immer wieder andere, aber selbstähnliche Konstellationen jagt, eine Serie mit der Dichte von Twin Peaks oder Lost dürfte hier eher abschreckend sein und spricht eher eine spezifische Fan-Audience an. Die aber ist zum einen global, meist eher vorm Rechner als vorm Fernseher anzutreffen und zum anderen von der Jetztzeitigkeit des Webs auf «Ungeduld» programmiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Zielgruppe, bei der Hunderttausende von Teilnehmern bei Lost etwa an einem Alternate-Reality-Game online teilnahmen, die finale Staffel überhaupt noch zur Sendezeit im TV schaut, ist mehr als gering. Die Einschaltquoten von Lost liegen hinter American Idol, und dennoch ist es die meist heruntergeladene Serie weltweit im Moment. Nur hilft das ABC wenig.

Solange die Sender solche «Mythos»-Serien aber weiter nach Einschaltquoten und Nielsen-Ratings beurteilen, werden diese Fanbase-orientierten Serien scheitern, da die TV-Entscheider einen zentralen Paradigmenwechsel der Konsumgewohnheiten ihrer früheren Zuschauer verpassen. Ein Blick auf die Websites nahezu aller US-Sender verrät, wie hilflos der amerikanische Fernsehmarkt mit dem Fernsehen umgeht. Während im Schatten der Serie Lost eine verwobene und verwirrende Wiki rund um die Serie von Fans betrieben wird, bleibt es bei ABC bei Rückblicken und etwas Flash-Gedöhns. Dabei ist Lost, mit ARG-Ansätzen und J.R. Abrams genereller Tendenz zu multimedialer Verwebung seiner diversen Projekte noch durchaus Leitstern, während andere Serien noch stiefmütterlicher behandelt werden. Für FOX, CBS, ABC und Co ist der Zuschauer immer noch das Pantoffeltier vor dem Fernsehbildschirm – das spiegelt ganz wunderbar akut wieder, wie ungelenk viele andere Branchen mit dem medialen Wechsel der letzten Dekade umgehen. Tatsache ist: von der wahrscheinlich großen globalen (und illegalen) Zuschauerschaft hat eine Serie wie Flashforward oder Dollhouse beim jeweiligen Sender gar nichts – und zwar, weil der Sender diesen Zuschauern keine Chance gibt, gezählt zu werden.

Kurzfristig ist der erste Schritt, auf der eigenen Homepage aktiver zu werden und das Web als Kanal zu begreifen. Ob Werbefinanziert oder gegen (moderate) Bezahlung – die Sender sollten den Download aktueller Folgen und alter ganzer Staffeln anbieten. Warum das ganze Geld nur iTunes geben? Staffelpässe mit Extras, eine solide Betreuung der Serie und der Fanbase, eigene Blogs und Wikis, sind erste Möglichkeiten, sich auf das Web einzustellen. Denn wenn erst Technologien wie WiMax/LTE mobiles Internet auf VDSL-Tempo bringen, sollte man vorbereitet sein – ab diesem Zeitpunkt wird es kein Fernsehen, wie wir es in den letzten Jahrzehnten kannten, mehr geben.

Zugleich birgt dieser Umbruch enormes Potential für die Sender, das sie derzeit verschleudern. Wenn «Mythos»-Serien, zudem weltweit, Fans binden, ergeben sich hier Wertschöpfungsketten, die bisher weitestgehend brach liegen, weil es im engen Fernsehraum zwei Probleme gibt: Sendezeit und Produktionskosten. Ersteres ist im Web non-existent, da jeder Zuschauer sich seine Sachen selbst zusammenstellt. Letzteres ist eine Entwicklungsfrage – es kann keinen Zweifel daran geben, dass die Produktion von Film in den nächsten Jahren unglaublich billiger wird. Noch ist es eine bemerkenswerte Ausnahme, wenn die 5DII für den Dreh eines Staffelfinales eingesetzt wird – aber der Einsatz von preiswerteren digitalen Kameras sowie der Preisverfall bei computergenerierten Effekten dürften die Produktionskosten von Serien deutlich senken. Zumal inzwischen eine Zuschauergeneration heranwächst, der Stars weitestgehend egal sind bzw. die ihre Stars selbst generiert.

Warum also nicht in Zukunft – analog zu Direct-to-DVD – in einem direkt für das Web produzierten Format arbeiten? Warum hier nicht weg von dem System, Serien so lange laufen zu lassen, wie es eben geht… was entweder zu abrupten Absetzungen führt oder – schlimmer noch – im Erfolgsfall zu endlos in die Länge gezogenen Formaten, die längst über ihren eigentlichen Spannungsbogen hinweg künstlich am Leben erhalten werden? Warum das Internet nicht als eigenständiges Medium begreifen und entsprechend arbeiten? Warum, kurz, also nicht Geld mit der globalen Fangemeinschaft von Figuren und Serien verdienen anstatt sich an ein anonymes TV-Publikum mit dem kleinsten geringen Nenner zu verheizen und in endlosen Zugeständnissen an die Marketingleute von Großsendern das Herz der ursprünglichen Geschichte zu verkaufen? Vielleicht hätten wir dann auch wieder mehr als nur Cop- und FBI-Shows (plus Mystery-Element bitte) mit möglichst vielen Explosionen und mehr grandioses Format wie eben Breaking Bad, das in der Tat vergleichsweise preiswert zu produzieren wäre.

Online ergibt sich die Chance, auch mit kleinen, feinen Formaten und einer relativ überschaubaren Zielgruppe langfristig stabile Formate zu etablieren, die unabhängig von Quotendruck trotzdem Geld verdienen – zudem eventuell ohne Druck durch die Werbeindustrie. So ließe sich – was bei Lost ja erstaunlich gut funktioniert hat – ein Vorgehen denken, bei dem die Länge eines Stoffes von vornherein grob festgelegt ist und eine Geschichte in dieser längeren Narrationsform vollendet werden kann, um dann als Gesamtwerk abgeschlossen zu sein. Anfang, Mitte, Ende. Zugleich wären auch Mini-Serien denkbar – wie dereinst von Wild Palms vorgemacht. Der Stoff, die Story bestimmt den Umfang, nicht umgekehrt. Was HBO noch im TV weitgehend erfolgreich vormacht, wird im Web deutlich einfacher und zugleich umfassender realisierbar – nicht nur für die großen Sender, sondern vor allem auch für Kreative selbst. Dave Sim hat vor einigen Dekaden begonnen, das creator-owned-publishing von Comics vorzuleben, das Web und die modernen Produktionstechnologien ermöglicht es jetzt den Autoren, Regisseuren und Machern selbst, mit eigenen Produktionsfirmen als Start-Up zu eigenen Online-Sendern zu mutieren, sei es über Deals mit iTunes oder direkt über die eigene Site. Hier ist die Chance, sich auch im Langformat einer Serie vom Moloch TV zu lösen und – wie im Film – zu einer Trennung von «großen» Produktionsfirmen und «Indies» zu kommen, die die besseren, mutigeren Stoffe mit weniger Budget aber mehr Freiheit realisieren… und wie im Filmbereich dürfte auch hier ein reger Crossover zwischen beiden Bereichen herrschen. Schaut man sich an, dass viele Cash-Cows der Filmindustrie bereits heute ihr Handwerk in TV-Serien erlernt haben, wird einem schnell klar, wie lebhaft sich Film und Indie-Web-Serien gegenseitig befruchten dürften.

Das Seriensterben in den USA bringt eine der wenigen halbwegs nativen Kulturleistungen der USA ins Wanken – die Langzeitnarration in Form von Comics und TV-Serien. Aber tatsächlich ist es kein Aufbruchssignal, über bestehende Kommunikationsstrukturen nachzudenken, bevor die Symptome noch ernsthafter werden. Endlose Casting- und Trash-Shows sind kein Ausweg. Ein Ausweg wäre aber, wenn die Leute, die eine Geschichte zu erzählen haben, sich neuer Wege bemächtigen, diese zu vermitteln. Man stelle sich vor, ein Bryan Fuller, ein JJ Abrams oder ein Joss Whedon würden mit einer guten Crew online loslegen (erste Ansätze gibt es ja inzwischen), ordentlich vorfinanziert, als Crossoverprojekt aus (Web)-Serie, Comic, Merchandise, Film, Buch und und und… um ganz ohne Kompromisse der eigenen Vision folgend im großen Stil Geschichten erzählen zu können. Es wäre die nächste Evolutionstufe – und zugleich die Vorbedingung für den nächsten Schritt, ein vollwertiges, interaktives, dynamisches Erzählmedium, das kollektive Gruppennarration, Einwirken in die Erzählung, also Teilhabe zulässt, eine neue und offene Struktur von Storytelling, die mehrere Enden und Bifurkationen zulässt. Bei Lost ist diese Teilhabe – in Form eines komplexen Dialogs zwischen Autoren und Zuschauern und einer wahren Deutungsorgie von Hinweisen in der Serie – bereits in Gang, die tatsächliche Leistung der Serie ist, dass sie primär nicht mehr an sich unterhält, sondern selbst Anlass zur Unterhaltung schafft, anregt statt abstumpft, kaleidoskopisch statt eindimensional ist – im Grunde ist Lost bereits längst mehr ein Onlinephänomen als eine herkömmliche TV-Serie. Die Frage ist nur, wie man den Enthusiasmus der Fans in Geld umwandeln kann, eine Transformation, die aber nicht mehr über herkömmliche TV-Kanäle funktionieren kann, sondern (auf ganz unterschiedlichen Wegen) perfekt über das Internet (oder als jeweilige Kanal-App fürs iPad usw bzw über einen eigenen Sender-Bereich bei iTunes). Mittelfristig, keine Frage, lassen sich hier Summen verdienen, an die jetzige TV-Serien werbefinanziert nicht heranreichen. Und zugleich lassen sich preiswert kleine Konzepte entwickeln, als «Playground» für den kreativen Talente-Nachwuchs.

Gute Aussichten also, wenn nur jemand endlich den ersten wirklich erfolgreichen Schritt auf den neuen Kontinent machen würde.

Vielleicht sollte David Lynch sich eben doch noch mal an Twin Peaks setzen und ein zweites Mal eine Revolution stiften.

18. Mai 2010 20:07 Uhr. Kategorie Online, Stuff, Technik. Tag , , . 3 Antworten.

Comics iPad Copyright

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Die Comicbranche ist im Umbruch. Und nimmt, weil es ein schnell lesbares, «burst»-Medium ist, ein Zwitter zwischen Bild und Text, wie gemacht für eReading, die Entwicklung, die Büchern und Zeitschriften bevorstehen könnte, exemplarisch und hyperbeschleunigt vorweg…. Newsarama hat ein paar Stimmen dazu eingefangen – und zeichnet ein Bild, das so vielversprechend wie düster ist.

«I think they’re going to face the same sad fate of many small book stores, CD shops, and movie rental places». .. «Some will survive, that’s clear, but I think most won’t. I can’t see how trends of this size get reversed.» … «There is a market for this stuff, and it’s being served… “The real problem here is that it’s being served illegally and Marvel and DC (and many, many smaller publishers) are missing out on that money.»

Mehr hier.  

17. Mai 2010 14:14 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , . 13 Antworten.

Flash Gordon and the Apple of Doom

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Ich wüßte zu gern, was Adobe Steve Jobs getan hat, dass er jetzt auch noch – offenbar nervös werdend angesichts der lauter werdenden Kritik an Apples Umgang mit Flash auf dem iPhone/iPad und anscheinend auch im Angesicht des neuen Flash 10.1-Betas – sogar einen offenen Brief schreibt, um Adobes Online-Technologie zu attackieren.

Jobs Kritik an Flash:

1) Offenheit. Jobs kritisiert, das Flash ein geschlossenes System ist. Was natürlich nicht stimmt – es gibt zig Tools, mit denen sich Flash-Content erzeugen lässt. Während ich selbst auch denke, Adobe hätte gut daran getan, die Software in ein OpenSource-Projekt umzuwandeln und selbst eben nur die besten Editor-Tools anzubieten, wirkt diese Kritik etwas bizarr von einer Firma, von deren iPods man Musik kaum jemals wieder runterkriegt (außer mit speziellen Softwares) und deren iPhone man förmlich knacken muss, um seine Funktionalität voll ausreizen zu können. Niemand darf sich weniger über «closed systems» beschweren als Apple, die eines der wasserdichtesten Systeme schlechthin anbieten mit iTunes und iPhone/iPad. Sein Argument, dass alles, was mit dem Web zu tun habe, «offen» sein solle, ist fast unwirklich bei der Firma, die den Weg dafür ebnet, an sich unbezahlte Web-Inhalte auf der iPhone-Plattform zu kommerzialisieren.

2) H.264 ist doch super. Anstatt Flash-Video könnte man doch auch prima das von Apple preferierte H.264-Codec benutzen. Mit der gleichen Logik kann das iPad/iPhone Formate wie AVI nicht, die ja auch kaum benutzt werden. Die Tatsache, dass die Anbieter unter dem Druck von Apple tatsächlich auf H.264 umstellen, ist eigentlich eher das unglaubliche. Wie kann man einerseits ein «offenes Web» fordern und andererseits vorschreiben, welche Codecs denn «die richtigen» sind.

3) Sicherheit/Batterie/Leistung. Hierzu müsste man sich Flash 10.1 genauer ansehen, für den alten Player trifft das absolut zu – aber anstatt zu nörgeln, sollte man nicht einfach mit Adobe zusammenarbeiten um Flash für die iPhone-Plattform funktional aufzustellen? Keine Frage, Adobe hat seit einiger Zeit auf OS X Performanceprobleme und kommt mit Apples Sprung auf 64 bit nicht mit, wechselt erst jetzt mit CS5 auf Cocoa und so weiter. Dieser Punkt ist bisher absolut richtig – sinnvoll wäre aber, Adobe ins Boot zu holen und zu unterstützen, vielleicht sogar zu motivieren, die Flash-Technologie zu öffnen. Wenn es nur um mangelnde Sicherheit und Leistung geht, sollte Apple sich mal ein paar eigene Angebote (*hust* Mobile.me *hust*) ansehen und im eigenen Stall mit dem Flammenwerfer kehren.

4) No Touching please. Ist seit Flash 10.1 eigentlich auch kein Thema mehr, da 10.1 multitouchfähig ist, wie viele Demo-Videos bewiesen haben. Und nebenbei, für Websites wäre das ja egal – ist keineswegs so, dass HTML für Touch ausgelegt wäre. Was sich per Maus bedienen lässt, lässt sich auch Finger bedienen, oder? Ich befürchte fast eher, dass reine Flash-Sites in der speziellen Art, wie Safari das Web abbildet, nicht sauber funktionieren würden (Zoom auf Textbreite usw) – aber das wäre ein sekundäres Problem, das man mit Adobe sicher lösen könnte. Wenn man nur wollte.

Was Jobs unterschlägt ist, das Flash qua Action-Script deutlich mehr ist als ein Animations- oder Video-Abspieltool (ich hab nie ganz verstanden, wieso sich FLV so durchgesetzt hat, kein sonderlich gutes Format), sondern eine hochkomplexe Umgebung, in der sich immersive und vom Absender grundlegend kontrollierbare Sites und Anwendungen erstellen lassen, die mit HTML so nicht näherungsweise zu verwirklichen sind. Welche Möglichkeiten Flash – voll ausgereizt – auf einem mobilen Device bieten würde, ist gänzlich offen, aber durchaus extrem vielversprechend. Aus Designersicht ist Flash so viel mächtiger als HTML, dass es fast unwirklich ist. Und ja, es gibt 90% miese Flash-Sites – aber ist das bei HTML nicht ganz genau so?

Auf der anderen Seite darf Adobe sich zu Recht Sorgen machen. Was Apple zurücklässt, hat schlechte Zukunftschancen. Dass der erste «neue» iMac keine Floppy mehr bot, führte zu einem Aufschrei, vor einigen Tagen hat Sony endgültig die Produktion eingestellt. Der CD und DVD dürften ähnliche Effekte bevorstehen. Auch bei Firewire und USB hat Apple Deutungsmacht. Bei HDMI/MiniDP wird man abwarten müssen, da steht Apples «No» einer massiven Front von Anbietern im Unterhaltungsbereich gegenüber. Für Adobe wird in Zukunft entscheidend sein, ob andere Anbieter Flash massiv unterstützen. Wenn Android – sicher in Zukunft die große Alternative zu OSX – Flash unterstützt und die Ergebnisse gut sind, kann Adobe mit der in der CD5-Suite extrem verankerten und leichten Erstellung interaktiver Inhalte sicherlich punkten. Apple dominiert mit dem iPhone und dem iPad derzeit den mobilen Markt wie selten ein Anbieter zuvor – aber das Beispiel Nokia sollte deutlich machen, wie schnell solche Vormachtsstellungen vorbei sein können. Und Google ist kein Leichtgewicht, im Gegenteil, ein Pad von Google dürfte eine große Alternative für viele User sein – gerade Windows-User -, die vielleicht keine Lust haben, ein Pad nur benutzen zu können, wenn sie gleichzeitig auch einen PC haben müssen, um es überhaupt erst einmal in Betrieb nehmen zu können. Ein völlig autarkes Gerät, das mit dem ersten Einschalten funktioniert, leicht zu bedienen ist und dem großen (aber unattraktiven) Angebot von Google eine ansehnliche Form verleiht, könnte Apples Arroganz schnell ein Ende bereiten.

Steve Jobs hat sich die Zeit genommen, einer Firma, die ihm in einem entscheidenden Moment seiner Karriere nicht geholfen hat, in die Seite zu treten. Mag sein, dass dahinter ein größerer Plan steckt – etwa, Adobe aufzukaufen -, mag sein, dass er Flash nur einfach wirklich nicht mag oder versteht. Mag sein, dass Jobs in Flash nur zu Recht ein Konkurrenzangebot zu Inhalten aus dem eigenen iTunes-Store sieht. Sicher aber ist, dass es schlechtes Karma ist, so zuzutreten und einer anderen Firma so offensichtlich und so rücksichtslos den Fuß auf die Gurgel zu stellen, vor allem angesichts der enorm wachsenden Frustration bei Adobe. Das ist einfach schlechtes Karma – Apple sollte sich im Moment des Erfolges großzügiger und offener zeigen und mit Adobe kooperieren. Zumindest aber sollte die Firma erwachsen genug sein, um die Käufer entscheiden zu lassen, ob man ein Plug-In laufen lässt oder nicht – es wäre ein einfacher Klick in den Systemeinstellungen des iPhone (FLASH OFF/ON), wie man ihn bei Bluetooth usw. ja auch hat. Denn Bluetooth ist auch eine Batteriefresser… aber ich kann es abschalten, wenn ich es nicht brauche und aktivieren, wenn es gebraucht wird. So wie es sein sollte. Bei OS X kann ich via Click to Flash ja auch entscheiden, wann ich auf Flash verzichten will und wann nicht. Das wäre mit Flash 10.1 und dem iPhone sicherlich auch zu realisieren. Alle logischen Argumente gegen Flash werden in dem Moment sinnlos, wo Jobs nicht argumentiert und mir als Nutzer die Entscheidungsfreiheit gibt, sondern dogmatisch eine existierende Webtechnologie mit 95% Verbreitung einfach kategorisch ausschließt. Für Entwickler und Programmierer ist Apple in den letzten Monat eine rätselhafte, frustrierende, bevormundende Erfahrung gewesen… hier wäre der richtige Zeitpunkt, sich zu öffnen, bevor es zu spät ist.

29. April 2010 15:58 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . 5 Antworten.

Next Level in der Tagesschau

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Bei der NextLevel-Conference in Köln gab es echte Aufbruchsstimmung, von den unvermeidbaren technischen Pannen beim Debut bis hin zum Gefühl – selbst als Nicht-Gamer gesprochen – hier einem längst überfälligen Brückenschlag beizuwohnen, von SciFi- und Ars-Electronica-Pionier Herbert W. Frankes mutig gegen den Wind auf dem Dach ankämpfender großartiger Keynote bis hin zu der atemberaubenden multimedialen Tanzperformance von Fabien Prioville, die relativ normal begann, sich aber zu phantastischen Momenten hochschwang. Wie wichtig diese Landungsbrücken zwischen der geschlossenen Nerd-Culture der Programmierer und Gamer hin zur ebenfalls oft abgeschotteten Kunst- und Kulturszene, zeigt das überragende Medieninteresse an der Sache, die den Event nicht nur bei EinsLive positionierte, sondern auch in die Tagesschau (ab etwa 11:15) brachte – durchaus nicht alltäglich für eine Kulturkonferenz und absolut verdient. Glückwunsch an Can, Martin, Sebastian, Nina und all den anderen Machern hinter dieser Konferenz und an das NRW Kultursekretariat, das hier erfolgreich zeigt, dass Kultur eben nicht nur an etablierten Theatern und Opernhäusern stattfindet…

22. April 2010 14:16 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 5 Antworten.

Jetzt anmelden für Next Level

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Am 20 und 21. April steigt in Köln in der AbenteurhalleKalk das Event für alle Leute, die sich mit Games, Graphics, Design und Musik beschäftigen. Die Next-Level-Conference erklärt, warum Game-Design längst zu einer Schnittstelle von Kunst, Kultur und Kommerz geworden ist, bietet reichlich Werkschau, Panels zu allen wichtigen Themen, ordentlich Party, eine Tanzperformance und mit Herbert W. Franke als Keynote-Speaker einen Futuristen alter Garde, der den Besuch hoffentlich schon ganz allein rechtfertigt.

Hier mehr Infos. Hier Fan werden. Und dann hier anmelden.

8. April 2010 13:10 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 5 Antworten.

Der Spiegel und das iPad

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Wer bei Spiegel Online über das iPad liest, wundert sich, denn es wimmelt dort nur so von Superlativen, die Apples neuem Gadget eine fast atemlos orgiastische Liebeserklärung hinlegen, die so gar nicht zu früheren eher Apple-kritischen Artikeln des Hamburger Blattes, das ja eher für seinen unbestechlichen Journalismus bekannt sein möchte, klingen.

Einige Beispiele:
besser, schöner, atemberaubender
nach wenigen Minuten will man ohne es nicht mehr leben  
Nirwana
Wunderapparat
auf Anhieb eine Revolution, eine Zeitenwende
sanfte, matt-metallene Rückfläche
Eleganz der schwarzen Hardware
großzügige Layout
enorm viel schneller
Websites öffnen sich in Sekunden
nach zwölf Stunden gerade mal etwas mehr als die Hälfte der Batterie verbraucht
rasante Prozessor-Geschwindigkeit
phantastische High-Resolution-Display
Bildqualität, an die kein iPhone, kein MacBook und auch kein großer Mac herankommt
spektakulärste iPad-App ist iBooks
strahlender, heller, realer
Fotos erscheinen auf dem iPad so klar und plastisch wie rückbeleuchtete Dias
Das iPad könnte nun seine neue Hoffnung sein

Auch wenn es hier und da leicht kritische Untertöne gibt – jeweils sofort korrigiert durch einen rosigen Blick in die Zukunft -, liest der Artikel sich alles in allem so, als habe ihn ein Apple-Marketing-Team persönlich zusammengeschrieben. Selbst dezidierte Apple-Nerd-Sites wie Engadget oder TUAW kriegen das mit mehr Distanz und Fingerspitzengefühl hin und können dem iPad deutlich kritischer und differenzierter begegnen als ausgerechnet der Spiegel und lassen es zum Beispiel im Vergleich mit dem Kindle nicht ungeschoren oder geben sich wenigstens die Mühe, technische Daten – die Apple selbst nicht liefert – herauszufinden. Und im Gegensatz zum Spiegel weisen die meisten Sites darauf hin, dass das 4:3-Display des iPad eben alles andere als ideal für Filme ist, und wo der Spiegel die Gewissheit hernimmt, dass ein HD-Film auf einem 1024×768-Display besser wirken will als auf, sagen wir, einem 27″-iMac-Display, ist mir ein Rätsel. Bei aller allgemeinen Begeisterung über das neue Spielzeug, gibt es reichlich kritische Kommentare zu dem Fehlen von Flash, Multitasking und Kamera, zu der Unhandlichkeit des Geräts beim Schreiben, zum Gewicht, zu mangelnden Output-Optionen, zu der Tatsache, dass Apple jede Menge Adapter überteuert einzeln verkauft und so weiter… Wie kommt es also, dass ausgerechnet der Spiegel so hüperhüper ist?

Und dann schaut man auf die deutsche Apple.de-Site und findet dort die Antwort: auf dem iPad direkt auf der Hersteller-Site ist als ein premium-Inhalt der iPad eben Spiegel Online gefeatured, denn der Spiegel ist in Deutschland ein essentieller Mediapartner von Apple, verkauft seine App auf der iPhone/iPad-Plattform und hofft, hier einen Contentvertrieb für seine diversen Inhalte gefunden zu haben. Im Grunde ist dieser Kniff von Apple genial – wie sollen WallStreetJournal, NYT, Spiegel, Bild usw. diesem Produkt noch kritisch gegenüberstehen, wenn der Hersteller zugleich ein absolut essentieller Vertriebspartner geworden ist, mit dem man eine strategische Partnerschaft eingegangen ist und der es wie kein zweiter versteht, Partner gegeneinander auszuspielen? Wen wundert es da noch, dass das Time-Magazine Jobs gleich auf das Cover holt und dem iPad nicht nur einen weiten Bereich des Heftes widmet, sondern auch noch Apple per se feiert?

Keine Frage, Apple hat es binnen einer Dekade geschafft, vom fast untergegangenen Unternehmen zur globalen Megabrand zu werden und ist gerade im Begriff, die allgemeine Vorstellung von Computernutzung neu zu definieren – aber gerade große Marken wie Nike, McDonalds, Google oder eben Apple brauchen einen ebenso kritischen Journalismus, der die Markenpolitik beobachtet, korrigiert und erdet. Die gar nicht mehr so leise Arroganz von Apple im Verhältnis zu BluRay, HDMI, Adobe, Google oder Amazon ist in den letzten beiden Jahren, oft zum Nachteil der Benutzer, sehr deutlich geworden, und wenn die Marke derzeit eins gar nicht braucht, dann Ticker-Tape-Paraden und teenagerhaftes Jubelgekreische, sondern einen kritischen Blick auf die oft solipsistische Firmenpolitik, auf die bei aller großartigen Innovation oft leidende Qualität im Detail, auf die monopolistischen Strategien der Marke. Anders gesagt: Das Jubeln darf den Apple-Fans überlassen werden, die Presse sollte kritische Distanz wahren. Denn wenn es anfängt, umgekehrt zu werden, muss Apple sich eigentlich eher Sorgen machen.

4. April 2010 14:09 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , . 3 Antworten.

Krasser Trick

Punkt Zwei beachten…
via Stef.

3. April 2010 12:10 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 3 Antworten.

Die Magie der Mechanik

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Wir werden es in den kommenden Jahren mehr und mehr vergessen, aber das prä-digitale Zeitalter mechanischer Meisterwerke zwischen dem ersten Weltkrieg und den siebziger Jahren hat atemberaubende, wunderschöne Kunstwerke praktischen Designs hervorgebracht, in denen nicht Steuersignale und Platinen, Software und Code, sondern Rädchen, Knöpfe, Relais und Scharniere die Morphologie der Geräte bestimmte. Geräte, die noch Geräusche machten, Geräte, die sperrig und unfunktional waren und die vor allem eine eigene Oberfläche und Haptik aufwiesen, die feine Zahnung von Einstellschrauben, die matte Oberfläche von Plastik, warmes Leder. In wenigen Jahren werden solche Geräte – es beginnt schon längst – Fetische sein, so wie heute Füllfederhalter oder Uhren, ebenfalls Vermächtnisse dieser untergehenden Zeit. Wir werden uns darüber wundern, dass die Dinge abnutzen und kaputtgehen können, zustauben oder verklemmen, nicht durch ein Software-Bugfix wieder ins Laufen kommen, durch ein Firmware-Upgrade erneuerbar und modernisierbar sind, sondern wie wir selbst zu altern scheinen. Und wir werden dieses Alter in einer Welt voller alterungsloser Software lieben lernen – wir werden wie Statussymbole alte Kameras – echte natürlich – benutzen, für die jeder Film ein Vermögen kosten wird. IBM-Schreibmaschinen, alte Braun-Hifianlagen, analoge Uhrensysteme, Revox-Bandmaschinen – was früher in fast jedem Wohnzimmer steht, wird bald eine fast museale Aura erfahren: Relikte aus einer Vergangenheit, in der wir die Dinge noch mit unseren Händen gebaut und bedient haben.

Photo: Wikipedia

27. März 2010 10:35 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . 2 Antworten.

Der Beginn der Äthergesellschaft

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Schon wieder der iPad, der nicht nur hier, sondern ja auch auf Twitter gerade monothematisch bei mir ist – aber ich stieß heute morgen auf einen Tweet von Erik Spiekermann, der als Reaktion auf die plötzliche Apple-ist-gefährlicher-als-Google-Welle den iPad als eine Art Fernseher bezeichnet, den man zudem ja durchaus nicht kaufen müssen.

Zum einen werden ihn ganz viele Leute nicht kaufen. Apple gewinnt mit iPod, -Phone und eventuell auch dem -Pad an Boden, ist aber immer noch kein Massenprodukt, einfach von der Preisstruktur her. Es wird billigere Pads geben, die die bei Windows und Linux offeneren Vertriebswege anbieten werden und nicht glorifizierte Verkaufsbuden für iTunes sind. Zum anderen ist tatsächlich beachtenswert, mit welcher Verve Jobs – dem man vielleicht zu Recht unterstellt, hier seinen Abgang von öffentlicher Präsentation bei Apple abgeliefert zu haben – derzeit nahezu jeden großen Namen  seiner Branche disst. Microsoft seit eh und je, aber in der Keynote gab es einen unter die Gürtellinie gehenden Vergleich zwischen dem Kindle und dem iPad, der Bezos sicher nicht glücklich gemacht hat, und kurz darauf erklärt Jobs Google als Böse und Adobe als faul, denen der Umgang mit Carbon und vor allem Flash derzeit auch nicht allzusehr gefallen dürfte. Jobs Schläge gegen HDMI und BluRay bei der MacBook-Präsentation noch frisch in Erinnerung, darf man sich fragen, wie ausgeprägt der Größenwahn in Cupertino inzwischen ausgefallen ist oder ob Jobs und Co nur die These des «Viel Feind, viel Ehr» auf die Spitze treiben wollen. Als Consumer will ich möglichst offene und kompatible Systeme, die miteinander auskommen und austauschbar sind – und Apple driftet, bei aller Genialität der Produkte, langsam aber sicher zurück in die Inselmentalität der 90er. Das ist ganz akut aufgrund der schieren Marktmacht sicher gut durchhaltbar, langfristig aber an sich keine für den Kunden akzeptable Lösung, weil sie immer wieder – uns schon seit Einführung des ersten iPod – zu massiven Interessenkonflikten und absichtlich funktionsbeschnittener Hardware führt.

Zentral ist aber, dass Erik dem iPad vielleicht etwas Unrecht tut, wenn er es als eine Art Mini-TV abtut. Tatsächlich ist das Pad bei allen Mängeln und v1.0-Problemen ein Paradigmenwechsel oder vielmehr die konsequente Deklination des stattgefundenen Wechsels mit dem 3G-iphone, der aber mit dem Pad erst richtig greifbar wird. Bereits mit dem 3G iphone ist das Internet von einem Ort, in dem man sich einloggt, zu einem Äther geworden, der einen permanent umgibt. Mit dem iphone, idealerweise (in der Realität scheitert es am crappy UTMS-Netz), ist man immer bereits im Internet und verlässt es nicht mehr. Man ist immer sozusagen mitten IN Googleville. Dieser Wechsel – ebenso wie der zu einer direkten Interaktion via Touchscreen, was in Sachen Interface ebenfalls ein Quantensprung ist, dessen Konsequenzen noch gar nicht zu Ende gedacht sind -, der so klein und bescheiden in Form eines «Telefons» daherkommt, nimmt mit dem iPad auf dem Sofa und Konferenztisch, aber auch auf dem Küchenschrank und im Bett seinen Platz ein. Der Rechner als solcher existiert nicht mehr – als Idee eines Gerätes, das man einschaltet und gezielt benutzt, um damit zu arbeiten oder sich zu unterhalten. Er wird «überschrieben» durch ein Konvergenzmedium, das always on und always there ist. Alles noch sehr eingeschränkt – selbst bei angeblichen 10 Stunden Batterie – aber die Idee ist da: Ein «Computer», der keiner mehr ist, sondern so selbstverständlich wie eine Armbanduhr wird, so selbstverständlich wie eine elektronische Verlängerung der eigenen organischen Wahrnehmung. Das iPad ist die Vorstufe eines «eingebauten» Internets.

Wobei es – und damit wird eine alte Prophezeiung von mir wahr – das Web mit dem iPad in seiner bisherigen Form auch nicht mehr geben wird, oder nicht mehr lang. Aus drei Gründen. a) Erstens werden herkömmliche Homepages an Bedeutung verlieren und funktional ersetzt. Es ist heute eigentlich schon wichtiger, in der Sozialsphäre des Webs präsent zu sein als eine klassische Site zu haben. Facebook, Twitter, Youtube, Myspace, WordPress, Squarespace – das Angebot ist so groß, dass man nicht nur fast kein Webdesign mehr braucht, sondern eigentlich gar keine Homepage mehr. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, zeichnet sich aber ab und wird sich intensivieren, wenn sich die Communties einerseits öffnen, andererseits Massenphänomen werden, ein Netz im Netz. Der geradezu atemberaubende Erfolg von Facebook in den letzten beiden Jahren sollte da für sich sprechen. b) Das Web wird als Konvergenzmedium alle anderen Medien vereinnahmen. TV, Radio, Buch, Theater, Musik – all das wird aus dem Äther kommen. Das Internet wird kein eigenes Medium mehr sein, sondern ein Äther. So wie wir bei Luft auch nicht mehr die molekulare Zusammensetzung hinterfragen, sondern einfach atmen, wird die Trennung im Web von Inhalten, Speichermöglichkeiten, Formaten zunehmend hinfällig werden (aus Usersicht!), es wird einfach nur bedeuten, Information und Medien jederzeit abrufbereit zu haben. c) Wir werden diesen Äther anders wahrnehmen. Das iPad ist der erste Schritt in diese neue Wahrnehmung. Bereits hier und beim iPhone sind die meisten Programme webbasiert und rufen ihren Inhalt quasi verdeckt von Servern ab. Als User aber nimmt man diese Programme – noch durch das mangelnde Multitasking und schlechte Rechenleistung sehr klobig – eher als Sprung zwischen Sendern oder Tätigkeiten wahr, die simultan sein werden, wenn man erst einmal die Power hat alle zentralen Apps gleichzeitig on zu haben. Wir werden also IMMER geocachen, immer Hinweise aus unserer Umwelt kriegen, immer Twittern/Facebooken/Flickrn, und das alles in Echtzeit. (Wenn ich heute höre, dass es Marketingleute gibt, die «Web2.0-Strategien» verkaufen, wird mir seltsam – es wirkt so, als würde jemand eine Strategie zum «Atmen» anbieten und vermarkten. Es gibt kein Web 2.0, es gibt schon gar keine Strategie, es gibt nur den Sprung in eine neue Form, über Kommunikation zu denken, sich loszulassen, sein Leben online abzubilden – und idealerweise non-manipulativ, was all die Strategen gern völlig außer Acht lassen… wer das Web als verlängerte Ladentheke oder interaktivere Visitenkarte begreift, hat’s noch nicht kapiert.)  Wir werden ohne Nachdenken Videoclips schauen, ohne dafür eine App zu starten, warten zu müssen oder ins «Web» zu gehen. Es wird alles einfach aus dem «Äther» eines extrem schnellen kabellosen Funknetzes gezogen werden. Zugleich wird sich die – stetig effektiver werdende – Hardware unseres «Pads» (und das ist hier nur die Metapher für ein Universalgadget, das eine Körper-Web-Schnittstelle darstellt) mit anderer Hardware mehr und mehr verzahnen. Bluetooth, vor allem RFID, und andere kabellose Technologien werden den gesamten Haushalt, unser Auto und natürlich auch den Körper nahtlos verzahnen. Wer jetzt schon sieht, dass eine Fakeware wie SleepCycle ein Verkaufsschlager wird, kan nsich ausmalen, was passiert, wenn iPhone/Pad TATSÄCHLICH physiologische Prozesse abbilden können und sich nachhaltig in unsere Gesundheit einmischen werden. Nike+ und das von Apple vorgestellte Blutdruck-API-Hardwaregerät sind hier nur ein Vorgeschmack. Das iPad ist das Gerät, dass unsere Vorstellung von «Computer» und «Internet» auflöst, zermahlt. Wer jetzt darüber nachdenkt, dass so eine «einfache» Gerätschaft ideal für die Großeltern sei, hat den Clou verstanden – das Pad ist der erste Computer, der relativ leistungsfähig GAR kein Computer mehr ist. Noch ist das Gerät klobig und funktioniert eher wie eine Art Fernbedienung, wo man für jeden «Kanal» (itunes, Facebook, ein Spiel, ein Buch. eine Notiz, ein Film…) einen groben Knopf drücken muss und selbst so ist die schiere Bandbreite der medialen Angebote unfassbar. Der nächste Schritt, nach einer langen Phase der Optimierung, wird sein, auch noch diese Knöpfe wegzulassen, symbiotischer zu werden. Für viele Nutzer, aber sicher für die kommenden Generationen, wird das iPad so selbstverständlich und natürlich sein wie für uns Stift und Papier, und die Frage, was ein «Computer» ist – also das Fremdeln mit der Hardware – wird nicht mehr stattfinden. Jeder iPhone-User wird das bestätigen können, die «Experience» ist ganz anders als die am Rechner, in jeder Hinsicht. Das Pad ist eben genau ein vergrößertes iPhone, aber die zusätzliche Akku/Rechen/Bildschirm-Power dürfte ein Gamechanger sein. For better or worse -  iPhone und -Pad sind einer der drastischsten Paradigmenwechsel seit einigen Dekaden, sicherlich noch so wenig raffiniert wie die erste Lok oder das erste Automobil oder die kruden Flugmaschinen der Wrights. Aber die Idee ist im Raum. Tatsächlich ist der Elefant im Raum so groß, dass Apple ihn nicht wird kontrollieren können. Bereits jetzt werden iPhones gehackt, bereits jetzt lässt sich das sehr gesandboxte OS durch die Nutzung eigener Web-Ressourcen recht weiträumig umfahren. Zugleich ist das iPhone-OS das simpelste Betriebssystem, einfach nur ein minimales Interface für Apps. Es ist fast zu befürchten, dass es so einfach nicht lange bleiben kann – aber bisher ist es an Stabilität kaum zu toppen. Wann habt ihr euer iphone das letzte Mal wirklich AUSGESCHALTET? Das iphone ist der erste Computer, der «always on» und immer dabei ist, aber die kleine Bruttofläche des Bildschirms macht es für viele Dinge unbrauchbar. Ergo das iPad, das auch nur ein Babyschritt zu einer besseren Lösung ist – für Apple aber den langfristigen Abschied vom Desktop-PC einleitet.

Das iPad ist insofern kein glorifizierter Fernseher sondern so eine Art Cargo-Cult-Version der SF-Idee eines symbiotischen Computers, eines wirklich Personal Computers. Womit sich die Kritik, dass das Web – der Äther – zu allwissend, zu intrusiv, zu nah an uns herankommend ist, weitgehend erübrigt. Deine Unterhose weiß auch zu viel über dich – und so intim und privat wie die Unterbekleidung, wie die Luft, die man atmet, wird der «Äther» auch sein. Es wird die komplette Transparenz geben, weswegen wir auch neue Umgangs-Regeln und neue Respektsformen miteinander auch aber auch durch die den Äther vage dominierenden Anbieter untereinander und uns Usern gegenüber werden finden müssen.  Und ja, das klingt natürlich bedrohlich nach Huxley. Und in einer von egoistischen Politikern und Konzernlenkern geführten Welt darf man diese Gefahr nie unterbewerten. Den Prozess aufhalten wird man aber kaum können – hier wären die religiösen Fundamentalisten die letzte Bastion der Antitechnologie – ebenso wenig wie man Feuer oder Rad aus der Weltgeschichte ausradieren hätte können. Die Katze, mit anderen Worten, ist aus dem Sack – und das ehemalige «Internet» wird zum vollwertigen exogenen Körperorgan, zur Sinneswahrnehmung, zum Gedächtniselement, zum Teil unserer gesamten Wahrnehmung von Welt, so wie wir das Lesen über die Jahrhunderte längst als weit über die Informationsaneignung hinausgehendes Paradigma des Denkens, des analytischen Zerlegens und Ordnens von Wirklichkeit, oder auch die Sprache an sich als quasi-fiktionale Brechnung und Greifbarmachung von Welt angenommen haben. Was gerade passiert, mit Ächzen und Gurgeln, ist die Geburt einer neuen Sprache, eines neuen medialen Systems zur Weltaneignung, zum Denken – und der sprunghafte, hypertextuelle Charakter, der so viel kritisiert ist, zeichnet ab, wie sehr wir uns von der Links-Rechts-Oben-Unten-Geradlinigkeit der Gutenberg-Denke verabschieden werden, die ja sogar unsere Wahrnehmung von Zeit und Leben so entscheidend geprägt hat.

Es klingt hochgestochen, weil der iPad natürlich nur ein Symptom ist, wie der VHS-Rekorder oder das Radio oder die Filmkamera nur ein Symptom ist – aber in diesem Jahrhundert beginnt die neue Moderne, die unser gesamtes Denken verändern wird.

4. Februar 2010 08:46 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , . 21 Antworten.

Elvis und die Zeit

Liebes Tagebuch,
wenn ich mal groß bin, möchte ich auch für Die Zeit schreiben und all die guten Drogen nehmen.

26. Januar 2010 07:02 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 5 Antworten.

Die nackte Gesellschaft

hd schellnack

Bei der weiteren Lektüre des arg durchwachsenen Schirrmacher-Payback fällt mir auf, dass nicht nur Schirrmacher, sondern auch Spiegel und andere Medien immer wieder den sozialmedialen Exhibitionismus auf Twitter, Facebook, MySpace et al kritisieren – und dabei versäumen, dass dieses Phönomen relativ wenig mit dem Web zu tun hat. Das große Ausziehen hat schließlich schon ordentlich vorher begonnen – auf RTL II, Pro7 und anderen TV-Sendern, in Radioshows, lange vorher in Homestories von Prominenten in der Yellow Press. Letztendlich sind die sozialen Netzwerke, in denen nahezu jeder relativ unverblümt sein mehr oder weniger spannendes Privatleben preisgibt (was ja nun immer noch besser ist als die langweiligen Versuche, Twitter oder Facebook als Marketingplattformen misszuverstehen), nur die konsequente Fortführung eines Prozesses, der seit Dekaden läuft. Der Exhibitionismus hat zunächst natürlich nur und dabei eskalierend Prominente betroffen, die berichtenswert erschienen, deren Leben zugleich auch radikal genug ist, um Auflage damit zu machen. Die Klatschpresse ist dabei fast so alt wie Hollywood – und dank Arztwartezimmern und Friseurlädchen bis heute existent. Ihr TV-Pendant in Sendungen wie Explosiv machte schnell klar, dass der Stoff der Paparazzi lange nicht ausreicht, um den Hunger der vor den Fernsehern verblödenden Konsumenten zu befriedigen. Befeuert vom Erfolg von Radioshows, in denen ganz normale – und meist überraschend unnormale – Menschen ihr Leben und ihre Probleme offenlegen (meist unter dem Deckmantel der «Beratung» und «Hilfe» durch einen Moderator), kam es bereits vor über 15 Jahren zu einer reinen Flut von TV-Shows, in denen nicht Prinzessin Caroline von Monaco, sondern eben die Gisela aus Gelsenkirchen über die Probleme mit der Ehe berichtete. Der simplen Eskalationstechnik des Fernsehens folgen, wurden die Daily Talkshows (dem radikaleren US-Vorbild folgend) bald zu mitteralterlichen Ersatzhandlungen längst verlorengegangener Dorfkultur. Im neuen «Tribe» der TV-Dorfbewohner wurde der Pranger aufgestellt, wurde gebeichtet, wurden Perversionen zur Show gestellt, wurde Mitleid, Verständnis ebenso wie Intoleranz und Haß greifbar. Die Privatsender der 90er wurden eine Art Ersatzkirche, in der – stets durch Casting gefiltert und mit zunehmender Masse der Sendungen eben auch durch die Redaktion manipuliert – die säkularisierte Gesellschaft ihren Hunger auf ritualisierte Handlungen befriedigen konnte. Und nicht zuletzt auch eine ordentliche Portion Voyeurismus – denn warum sollte das Leben eines Kölner Mechanikers nicht genau so spannend sein wie das eines New Yorker Schauspielers? Der bedeutende Switch, der hier stattfindet, ist, dass sich mit der Zeit qua Identifikation auch jeder selbst vorstellen konnte, auf der Plattform des Fernsehens Starqualitäten zu haben – nach dem Motto: Was Zlatko Trpkovski kann, kann ich auch. Die Auswirkungen dieser Enthemmung zeigt die nach den Daily Talks und nach Big Brother einsetzende Flut von Casting-Shows, an denen – geben wir es zu – die Masse der sich öffentlich zum Affen machenden untalentierten Wannabes doch im Kern spannender ist als der tatsächliche Sieger von DSDS. Interessant an den Castings ist die teilweise grandiose Differenz zwischen Selbstbild und Außenbild der Bewerber, die selbst nach desaströsen Jury-Bewertungen noch fast trotzig von sich behaupten, ihren eigenen Weg zu finden – aus der Niederlage ein Rebellentum zu melken verstehen, anstatt ihre Selbstüberschätzung in den Griff zu kriegen und sich mit einem Leben in der grauen Masse abzufinden.

Das Selbstverständnis, etwas besonderes zu sein, Talent zu haben, ist die zwangsläufige Konsequenz eines für heute 20jährige schlicht lebenslangen Bombardements mit Werbebotschaften, die genau diesen Inhalt haben: DU bist besonders (denn du kaufst unser Produkt). Tritt man einen Schritt zurück und hält sich vor Augen, dass eine Welt, in der jeder sich für «special» hält eine Welt voller Mittelmaß und Armseligkeit sein muss, wird schnell deutlich, warum Castingshows und inzwischen auch die meisten B-Promis eher eine unwirkliche, peinliche Berühmtheit haben, oft eher dafür berühmt sind, eben besonders dumm oder besonders dreist zu sein. Anders ist etwa Sido nicht zu erklären. Die Botschaft ist: Wenn du nur laut genug trommelst und dreist genug bist, ist es völlig egal, ob du Talent hast.

Das Web mit dem bösen Zusatz 2.0 bringt das einfach nur auf die nächste Plattform. Die Technologie des Internets gegenüber dem TV oder Radio bedingt, dass jeder selbst zum Sender werden kann. Podcasting, Youtube-Video, Blog, Social Networking – die Hürde eines Castings ist einfach ausgeschaltet, Plattenfirmen und TV-Einschaltquoten spielen keine Rolle mehr. Wenn jemand zeigen will, wie begabt der eigene Papagei Stimmen imitieren kann, ist es kein Problem mehr, das mit der Handykamera binnen kürzester Zeit online zu haben. Und da nahezu jede Webplattform nach der Logik der Freakshow funktioniert und gerade die besonders peinlichen oder schrillen Beiträge höchste virale Wirkung aufweisen, funktioniert das sogar auch noch -  und der Sender, in seinem verbogenen Selbstbild gefangen, wird dadurch in seiner Handlung bestätigt und produziert mehr Futter für sein Publikum… ein perfekter Kreislauf. Ein Star ist insofern inzwischen nicht mehr (nur) der, der besonders beachtenswerte Leistungen erbringt, sondern oft einfach der, der besonders grell und peinlich oder doch zumindest penetrant und hartnäckig ist. Und tatsächlich bringt dieses System immer wieder Phänomene hervor, denen der Crossover in die «alten» Medien wie TV oder Print gelingt, die unterschwellig eben doch noch als die exklusiveren wahrgenommen werden – eben, weil sich dort nicht jeder Zurschaustellen darf und kann, weil also die Aufmerksamkeit knapper und fokussierter ist.

Warhols famous fifteen minutes sind insofern nicht nur längst Wahrheit, sondern längst überholt. Heute ist jeder sein eigener Star, sein eigener Agent, oft auch sein eigenes Publikum. Die Tendenz, das eigene Leben öffentlich zu leben und eine neue virtuelle Art von Bürgerschaft und Öffentlichkeit zu etablieren, ist damit aber nicht allein zu erklären. Neben dem schieren Exhibitionismus/Voyeurismus-Tandem gibt es eben auch eine andere Unternote von Facebook, Twitter und Co.

Diese zweite Funktion ist hauptsächlich durch die Fragmentierung der hypermobilen Gesellschaft zu erklären, in der zugleich Netzwerke – berufliche wie private Seilschaften – zwangsläufig im Gegenzug an Bedeutung gewonnen haben. Diese werden als Tauschsystem auf den Online-Börsen gehandelt und sind tatsächlich zu einer Währung mutiert, bei der viele Follower/Netzwerkangehörige (egal ob echt oder falsch, bekannt oder anonym) in Ruf und sogar Geld verwandelt werden können,  in einer Art Meinungsführerschaft ohne Meinung münden können. So sind Facebook/XING/StudiVZ/ICQ et al nicht nur  eine Möglichkeit, mit eventuell beruflich umgezogenen oder sonst nicht real greifbaren Freunden in Kontakt zu bleiben, sondern zugleich eine Art eBay der Bekanntschaften, inklusive kleinen Fenstern in die jeweiligen Leben, eine Art Monitorraum des sozialen Netzwerkes. Wer ist mit wem zusammen, wem geht es gut oder schlecht, wer macht gerade was – alles jederzeit abrufbar, bis hin zu der Musik, die jemand gerade bei last.fm hört. Neben dem auch hier betriebenen Selbstdarstellertum ist dies tatsächlich eine der bizarren Umstände der modernen Arbeitswelt, in der diejenigen, die überhaupt noch Arbeit haben, schlichtweg zu viel davon haben – und mithilfe von Facebook und Twitter eine Art virtuellen Freundeskreis etablieren und managen können, der handlicher ist als individuelle Mails oder gar Telefonate. Ohne über den qualitativen Verlust oder Gewinn durch diesen Wechsel spekulieren zu wollen, geht es hier in erster Linie um einen Zeitvorteil – und die Folge ist eine auf zeitliche Dauer gesehene «Ausstrahlung» des eigenen Lebens. Aus der Summe einzelner kleiner Äußerungen, Anmerkungen und Kommentare ersteht das Puzzle eines Daseins. Das auch für den Betroffenen selbst rückblickend durchaus spannend sein kann – eine Art Tagebuch, das sich selbst schreibt.

Nun haben Kritiker natürlich recht, dass die Auswertung und Kreuzverbindung all dieser Spurenelemente für kommerzielle Zwecke hochkritisch zu betrachten ist. Profiling ist selbst unter mehr oder minder demokratischen Umständen eine problematische Sache, man mag nicht darüber nachdenken, was eine Diktatur mit all diesen gedankenlosen Ich-Fetzen, die die meisten Menschen im Web hinterlassen und die – einmal gespeichert – nie wieder verschwinden werden, auch nach Dekaden noch detailliert abrufbar, tun würde. Schon heute darf ein 18jähriger darüber nachdenken, ob sein StudiVZ-Profil wirklich richtig für den gewünschten Job im Vorstand bei Volkswagen ist. Und wahrscheinlich gibt es längst ungezählte Menschen, die ihre Social-Media-Aktivitäten auf solche Zielbilder hin betreiben und genau das Profil virtuell betreiben, das zukünftige Arbeitgeber sehen möchten.

Nun ist sicher die Genanalyse das (noch) größere Problem – faszinierend ist aber, dass Schirrmacher und andere Kritiker diesen Trend am Internet festmachen, denn da kommt er nicht her. SMS-Netzwerke und TV-Narzistenplattformen gab es weit vor Web 2.0, das einfach nur die Schleusen weiter öffnet und selbst nur einen Zwischenstand darstellt zu einem Zustand, den vage der (leider recht mäßige) SF-Film «The Final Cut» vorweg nimmt… eine Welt, in der multimedial über einen implantierten das gesamte Leben aufgezeichnet wird und in der die Frage, wer dieses Material eigentlich editiert und wie es editiert wird, zentral ist. Nimmt man die Summe von Google, Evernote, Facebook, Twitter, Flickr, Youtube, last.fm und anderen Plattformen sind wir von einem solchen kompletten «Rememory» nicht mehr weit entfernt. Auf dem Weg in die komplett nackte Gesellschaft stehen wir bereits heute in Unterhose da – und die Frage ist eigentlich nur noch, bei wem sie noch halbwegs über den Knien sitzt und bei wem sie schon an den Fußgelenken hängt.

Schirrmachers Fehler ist, diesen Trend sozusagen schuldhaft an einem medialen Wandel festzumachen. Nicht das Internet ist schuld am Lebensstriptease, es ist umgekehrt vielmehr Ventil, Multiplikator und insofern Werkzeug eines generellen Trends in der (westlichen) Gesellschaft, die Privatsphäre abzuschaffen. Wo in den 80ern noch eine staatliche Volkszählung zum Massenaufstand geführt hat, geben die Leute heute im Radiotalkshows ihre intimsten Details frei und fragen sich (scheinbar) keine Sekunde, ob der Bäcker drei Straßen weiter nicht doch die Stimme und die groben Lebensumstände wiedererkennt und am nächsten Morgen vielleicht etwas seltsam schaut. Dieser Trend zum «Hört her…» steht im auffälligen Kontrast zur (urbanen) Isolierungsstrategie der gegenwärtigen Arbeitswelt, in der man vielleicht täglich mit Leuten aus New York chattet, den eigenen Nachbarn aber kaum mehr kennt, im Kontrast also zu einem gesellschaftlichen Degradationsprozesses, in dem klassische Vernetzungen wie Familie, Nachbarschaft, Religion, Politik, Arbeitsplatz etc. ihre Bedeutung verlieren. Wer Single-Freunde hat und sieht, wie schwer es offenbar ist, in der«echten» Welt ungezwungen andere Leute (nicht nur in romantischer Hinsicht) kennen zu lernen, staunt andererseits über das surreal schnell-beliebige «Add as Friend» von Facebook. Es scheint fast, als fange die virtuelle Welt eine in der Realität verloren gehende Bindungsfunktion auf – anders ist das Aufblühen der verschiedensten Communities, die sich entweder gar nicht mehr über gemeinsame Inhalte oder nur über vageste Hobbys/Zustände von Photographieleidenschaft bis Pro-Ana definieren, kaum zu erklären.

Es ist also nicht so, dass die Menschen aus Beliebigkeit online ihr Leben preisgeben, oder aus schierem Exhibitionismus – es ist vielmehr das Tauschgeschäft einer (emergierenden) neuen Form virtueller Aufmerksamkeit, die (mehr schlecht als recht) die zunehmende öffentliche Unmöglichkeit von Nähe aufzufangen versucht. Der Exhibitionismus ist insofern eine kommunikative Währung – und zugleich eine Form von Multilog, der einen verlorengegangenen öffentlichen Diskurs ersetzt. Die nackte Gesellschaft im Internet ist das surreale, durchaus überzeichnete (weil junge) Pendant zur real-«coolen» Gesellschaft, in der außer Small Talk öffentlich weniger und weniger geht, in der letztlich auch der exogene Druck auf das Individuum immer höher wird und entsprechend die Abkapselung zunimmt. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Menschen da draußen im Alltag zu funktionieren scheinen, um anonym im Internet in irgendwelchen Foren Ängste und Wünsche zu artikulieren, für die es real nicht einmal mehr im engsten Freundeskreis und in der Familie, wo Erwartungen und Rollen dem offenen Diskurs entgegenstünden, kommunikativen Raum gibt. Insofern übersieht, ja verwechselt, Schirrmacher den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung – das Web verursacht den Wunsch nach Transparenz nicht, es artikuliert ihn nur. Und Schirrmacher übersieht zumindest die Chance, aus der Möglichkeit der offenen Kommunikation im Web auch wieder zu erlernen, kommunikative Kompetenz, den Wunsch nach Mitteillung und Austausch, in die non-virtuelle Welt zurückzuübertragen. Die Hoffnung ist also, dass die Gesellschaft irgendwann nicht aus lauter Individuen besteht, die mit Facebook und Twitter ausgestattet vor ihren iphones vereinsamen, sondern dass wir die geknüpften Netzwerke zurück in die Wirklichkeit ziehen können.

24. Januar 2010 14:18 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , , . Keine Antwort.

Copy & Paste

hd schellnack

Eines der seltsamen Phänomene unseres Lebens in der «Digitalen Revolution» ist, dass der Ehrliche der Dumme ist… oder eben nicht ganz ehrlich sein kann. Fast symbolisch dafür ist die Tatsache, dass der Käufer einer legalen DVD zu Beginn des Films eine Art Moral-Trailer zwangsverordnet bekommt, der darauf hinweist, dass Raubkopieren illegal ist. In den Worten von Homer Simpson: «D’oh!». Deshalb hat man sich ja eine legale Filmversion gekauft, richtig? Noch weniger Zielgruppenpenetration ist ja kaum denkbar, das ist so, als würde ich nach dem Kauf eines neuen Fahrzeuges vom Händler einen Vortrag darüber hören müssen, dass Autodiebstahl ein Verbrechen ist – oder im Supermarkt nach dem Bezahlen vom Ladendetektiv aufgegriffen werden, um mir zwangsweise eine Infobroschüre gegen Ladendiebstahl durchzulesen. Als Belohnung für das richtige Verhalten bekommt der Käufer also jedesmal einen eher amateurhaften Zeigefinger-Video verabreicht, den er – hätte er den Film illegal herabgeladen – nicht ertragen müsste. Was hier noch eher Schildbürgerhaft wirkt, hat aber schon bei der Copy Protection von Software eine schärfere Kante, denn wer sich legale Software kauft, darf sich zum Teil mit so penetranten und hysterischen Kopierschutzmechanismen herumschlagen, dass ich einige Leute kenne, die sich erst eine Lizenz kaufen und dann trotzdem die gecrackte Version benutzen, um sich nicht mit Dongles, Sicherheits-CDs, DRM, Trojanersoftwares, Aktivierungen und anderen Finten abzumühen, sei es aus pragmatischen Gründen (wer will schon jedesmal zig CDs neben seinem Rechner liegen haben?), sei es aus Paranoia vor Herstellerzugriffen. Der legale Weg ist hier oft fast schwieriger als das «Ziehen» einer Hackversion – es sollte aber doch genau umgekehrt sein, oder?

Dazu kommt, dass man als Nutzer in manchen Bereichen schlicht kein Angebot hat. Und da Mutter Natur (ebenso wie die Nerds der Internetkultur) ein Vakuum verabscheut, füllt sich die Absenz eines legalen Angebotes fast automatisch mit illegalen Alternativen. Zwei Beispiele: Im Bereich der digitalen Comics hat sich fast die ganze Leserschaft inzwischen auf zwei oder drei Formate eingeschossen: PDF einerseits, meist aber die recht simplen Formate CBR und CBZ, die eigentlich nur Zip/Rar-Archive sind, in denen alphanumerisch die Seiten eines Heftes gepackt sind. Ohne große Gimmicks, dafür aber auch sehr einfach, kann man solche Formate mit einem Reader zB auf dem iPhone lesen. Nur bietet keiner der großen Comic-Verlage diese Formate an. Wer papierfrei lesen möchte, muss auf wenige Indie-Comics zurückgreifen oder darf sich etwa bei DC und Marvel einer spärlichen Online-Auswahl per Abonnement bedienen, die dazu noch mit einem Flash-Reader gelesen werden muss – in Sachen Performance und iPhone-tauglichkeit kein Glücksgriff. Dass es auf der anderen Seite im Grunde nahezu jedes jemals gedruckte Comic online verfügbar gibt, von den dreißiger Jahren bis heute, macht die Sache nicht einleuchtender. Es existiert de facto ein gigantisches Popkultur-Archiv der bunten Bilder… nur eben im rechtsfreien Raum. Neu erschienene Hefte sind wenige Tagen oder Stunden nach ihrem Erscheinen über Foren, Blogs und Suchmaschinen verfügbar… komplett kostenlos. Während auf der anderen Seite Marvel/Disney und DC/Warner (um nur die beiden größten US-Anbieter zu nennen, Dark Horse und IDW sind aber auch nur marginal weiter) anscheinend krampfhaft nach Wegen suchen, ihren Content digital zu vertreiben, aber nach Wegen mit Kontrollmechanismen, Einschränkungen und Limitierungen denken (man als legaler User also immer am Ende eine Art verkrüppeltes Produkt erhielte), gibt es jenseits des Copyrights längst eine saubere, einfache, offene Lösung. Nochmal der Autovergleich: Die Situation ist in etwa so als würde ein gekauftes Auto zum einen erst mal GAR nicht verfügbar sein, aber selbst wenn man dann in vielleicht drei oder vier Jahren eines bekäme, hätte es wahrscheinlich keinen Beifahrersitz, die Türen würden fehlen und mehr als 20 km/h wären einfach nicht drin. Wohlgemerkt: Man könnte sich aber jederzeit ein Fahrzeug im besten Zustand von einem Parkplatz nehmen. Das mag ein spezieller Fall sein, der nur mich betrifft – aber der eBook-Markt als Ganzes ist nicht viel weiter.

Ein ganz ähnliches Bild ergibt sich bei US-Serien. Wer aktuelle amerikanische Folgen sehen will, darf in Deutschland wahlweise bis zu einem Jahr auf die Synchronisierung warten bzw sich via Amazon die Staffel-DVD aus den Staaten bestellen oder mit ganz viel Glück bei iTunes die Staffel in B-Qualität herunterladen. Oder aber die Serie einen Tag nach Ausstrahlung in voller HD-Pracht binnen fünf Minuten auf dem Rechner haben. Es ist da vielleicht verständlich, dass ich fast niemanden mehr persönlich kenne, der noch ein Jahr wartet, um eine Serie im deutschen TV zu sehen. Die Frage ist weniger, ob man das gut findet oder nicht, sondern eher eine der fehlenden Alternativen. Denn die legalen Wege, eine Sendung z.B. via Internet bei einem der anbietenden Sender via Streaming zu sehen, ist per IP-Check ausgeschlossen. Die Wahl ist: Gar nicht schauen und aufs deutsche Fernsehen hoffen, ein Jahr warten – oder Rapidshare/Torrent. Auffallend ist dabei, dass die Sender seit einiger Zeit gerne Serien nach kürzester Zeit aus dem Programm kippen – und dann online, fast global, eine Enttäuschungsbekundung stattfindet. Die Serie hat Zuschauer, aber nicht mehr live, sondern zeitversetzt via Filesharing oder hosted Downloads… das Seufzen der Fans ist das Seufzen der illegalen Downloader. Von denen Fox, HBO, ABC und Co natürlich nichts haben. Die aber – und das ist der Clou – oft gar keine Chance haben, die Serie legal zu konsumieren.

Das ist keine gute Situation – nicht nur für die sanft zwangsillegalisierten Nutzer, sondern auch für die Anbieter, deren Distribution schlichtweg kollabiert… und vor allem aber auch nicht für die Kreativen, die Bücher schreiben, Filme und Serien konzipieren, Comics zeichnen oder Musik einspielen. Das Vertriebssystem, in dem sie sich befinden, entzieht Ihnen systematisch den Gewinn ihrer Arbeit.Tatsächlich kenne ich niemanden, der gelegentlich etwas downloaded, der sich dieses Dilemmas nicht bewusst ist: Wenn du ein Album einer Band illegal herunterlädst, weil du ihre Musik toll findest, sorgst du dafür, dass sie keine Chance kriegen, ein nächstes Album zu produzieren. Wer das neueste Buch von Autor X herunterlädt, ohne zu bezahlen, treibt diesen dazu, den Beruf Schriftsteller aufgeben zu müssen. Unbezahlte Nutzung von Content sorgt dafür, dass es irgendwann eben keinen Content mehr gibt – weil alle Kreativen dann irgendwann bei Ikea die Regale füllen. Es ist insofern moralisch aber auch ganz pragmatisch durchaus im Sinne von Konsumenten kreativer Leistungen, für diese auch angemessen zu bezahlen. Ich glaube, die meisten Leute würden über das «angemessen» diskutieren wollen, und es gibt sicher notorische Fälle, die alles haben wollen, ohne zu bezahlen… aber ich bin Optimist genug, davon auszugehen, dass ein ausreichend großer Teil von Hörern, Lesern, Zuschauern, Softwarenutzern absolut bereit ist, für die gebotene Leistung auch zu bezahlen. Warum auch nicht?

Wenn man nur eine faire Chance bekäme.

Vor ein oder zwei Jahren gab es, wenn man seine Musik digitalisiert haben wollte, einen ausgesprochen kleinen Markt. CD kaufen und rippen (an sich ja fast auch schon Grauzone, sofern die CDs mit Kopierschutz versehen sind… erinnert sich noch jemand an Sonys gruselige Versuche, CDs unlesbar zu machen?), per IP-Modifikation in den Staaten einkaufen oder mit teil gruseligen DRM-Lösungen leben, was keine Lösung ist. Die Musikbranche hat sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, einfach und simpel MP3s, M4as oder ein anderes gebräuchliches Format zur Verfügung zu stellen, jedenfalls nicht ohne bizarre Fußangeln. Da man CDs zumindest relativ gemütlich bestellen konnte, war das «Rippen» immerhin noch ein – umständlicher und vor allem recht umweltunfreundlicher – Weg, an digitale Musik zu kommen und man hatte noch eine Art Hardcopy, die dann auf dem Dachboden zustauben konnte. Dennoch erinnere ich mich, zu der Zeit relativ viel Musik direkt heruntergeladen zu haben, weil z.B. die CD vergriffen war oder man nur einen Song suchte.

Heute ist, da iTunes inzwischen relativ DRM-frei ist und die Audioqualität sowie das Angebot recht brauchbar und da Amazon inzwischen auch ein recht umfassendes, DRM-freies Angebot aufweist, die SItuation grundlegend anders, und ich denke, ein Blick in meine iTunes-Rechnung des letzten Jahres dürfte ökonomisch belegen, wie sehr sich zumindest in meinem Fall für iTunes der Verzicht auf Barrieren gelohnt hat. Der einfache, komfortable Zugang zu Musik zu einem (halbwegs) fairen Preis – einen Tick zu teuer für reine Daten, aber immerhin billiger als die meisten CDs – hat effektiv dafür gesorgt, dass ich Musik fast ausschließlich online legal kaufe. Warum sich mit Torrents abplagen, wenn es auch einfacher geht? Und vor allem finde ich es ja durchaus gut, bezahlen zu können. Ich möchte ja, dass eine Band, die ich mag, finanziell ordentlich versorgt ist, um künstlerisch frei arbeiten zu können… und zu leben. Musiker ist ein Beruf. Ich zahle gern dafür. Und jetzt kann ich es endlich auch.
Das gleiche gilt, beim Stichwort iTunes, für Film. Halbwegs vertretbare Leihgebühren und ein langsam aber sicher wachsendes Angebot machen iTunes zur Alternative zum Schwarzdownload, wenn man nur mal eben einen Film sehen will. Nur: zu wenig, zu schlechte Qualität und natürlich teilweise unglaublich unaktuell. Dennoch: Das Grundprinzip stimmt auch hier. Seitdem iTunes Videos verleiht, präferiere ich diesen Weg, weil er sauberer, einfacher und fairer ist, wann immer möglich.

Ein letztes Beispiel, wieder Apple, ist iwork und Snow Leopard. iwork kostet in einer Lizenz für fünf Rechner 99 Euro, in einer Einzellizenz 59 Euro. Snow Leopard hat Schlagzeilen damit gemacht, dass es ein im Grunde vollwertiges Betriebssystem für wenige Euro auf den Markt bringt… selbst Linux-Packages sind ja teurer. Es macht einfach keinen Sinn, sich iWork raubkopieren zu wollen, weil der Preis einfach einleuchtend und extrem fair ist, vor allem gemessen an den Preisen, die Microsoft für Office nimmt. Wobei Office dann entsprechend auch häufiger raubkopiert wird, nicht nur, weil es das natürlich gebräuchlichere Software-Paket ist (und auf Windows läuft), sondern auch, weil der Preis für viele Nutzer die Raubkopie «rechtfertigt». Was natürlich Unsinn ist, aber iWork zeigt den richtigen Weg auf: Preis runter, Zugang vereinfachen, realen Absatz hoch. Es wird immer Raubkopien geben (schließlich cracken Leute ja  anscheinend sogar die 0,79 €-Apps fürs iphone, was nun so gar keinen Sinn mehr macht), aber wer bei einer 60€-Software noch den Stressfaktor einer Grau/Schwarzkopie auf sich nimmt, dem ist ohnehin nicht zu helfen.

Die  – ganz subjektive – Lehre für mich ist, dass das Copyright von den Vertreibern umgedacht werden muss. Sie müssen die Zootüren aufstoßen und die Bären aus den Käfigen lassen. Anstatt angstbehaftet als Verlag am Papier festzuhalten und jede Form von elektronischen Vertrieb nur mit zig Fußfesseln zuzulassen, gilt es, überhaupt erst einmal ein faires Angebot zu schaffen, dass eine solide und komfortable Alternative zu Torrent&Co bietet. Warum kann ich nicht bei Marvel, DC, Dark Horse oder IDW in einem Onlineshop die gesamte Backlist als cbr kaufen? Und – sagen wir mit Versatz von ein zwei Wochen oder einem Monat – auch aktuelle Ausgaben? Die Angst vor Raubkopien kann ja kaum der Grund sein – denn NOCH mehr Vertrieb von illegalen Material ist ja fast nicht denkbar. Es ist ja nicht so, als würde eine legale Version von Amazing Spider-Man die Raubkopie befeuern… die illegale Version gibt es ja ohnehin schon, und sei es von irgendwem handgescannt. Als User würde ich aber lieber zwischen 0,29 und 0,79 Dollar pro Heft direkt an den Verlag (oder iTunes o.ä.) abführen und damit ein paar Autoren, Zeichnern und Redakteuren ihr Gehalt sichern.

Dito bei TV – ich würde liebend gern einen Staffelpass für aktuelle laufende Serien zahlen, wenn die Folgen auch tatsächlich in Echtzeit verfügbar wären (mit Untertiteln). Das ist es doch allemal wert und es wäre auch eine Respektsbekundung vor der Arbeit der Kreativen hinter einer TV-Serie, die man mag. Noch besser wäre ein Leihsystem, wo ich eine Folge nur leihe und nach einem bestimmten Zeitraum löscht sie sich halt bequem wieder von der Platte – wie bei Filmen (wobei 48 Stunden definitiv etwas kurz sind, auch hier wieder so ein Fall von Bestrafung legaler Nutzung, würde ich den gleichen Film illegal downloaden könnte ich ihn solange ansehen wie ich will und dann löschen, Apple sollte auf 72 Stunden aufstocken.) Ich hätte wenig dagegen, wenn Joss Whedon Geld dafür bekommt, dass ich etwa Dollhouse sehe – aber keine Chance, es sei denn, ich warte monatelang. Und als Anbieter zu hoffen, dass die Leute das tatsächlich noch wollen, wirkt etwas utopisch und antiquiert zugleich, oder?

Im e-Book-Markt beginnen die Verlage ebenfalls schleppend, zögernd und paranoid damit, ihre Inhalte online zu stellen. Vorsichtige Versuche von proprietären iphone-Büchern (d.h. Reader und Buch sind eins, völlig inakzeptabel als Speicherlösung), Verlage, die die e-Book-Veröffentlichung Monate hinter den Release als Hardcopy legen (damit sich das echte Buch auch noch verkauft und damit die Partner im Handel nicht verrückt spielen, die mit digitalem Vertrieb leider etwas zu Recht ihre Felle schwimmen sehen) und die immer noch nicht einfach als bizarr ad acta gelegte Diskussion über DRM (da hat die Buchbranche anscheinend nichts gelernt von der Havarie der Musikindustrie) prägen den Start, und das, obwohl ungezählte Bücher als PDF oder Textdatei längst verfügbar sind.

Es scheint fast so, als verhalten sich die Anbieter beim digitalen Vertrieb ihrer Produkte gerade so, als gäbe es das illegale Angebot gar nicht – um es dann natürlich sofort anzuprangern und für die Situation der jeweiligen Branche verantwortlich zu machen. Das Gespür dafür, dass zum einen ein Schwarzmarkt oft eine Reaktion auf einen fehlenden oder dysfunktionalen legalen Markt sein kann, scheint nicht ansatzweise vorhanden, geschweige denn eine angemessene Strategie um mit einer ganz realen, ganz handfesten Konkurrenzsituation umzugehen. Denn das illegale Angebot existiert, existiert flächendeckend, inzwischen weitestgehend fast komfortabel organisiert und die einzige Strategie damit umzugehen – jenseits rechtlicher Maßnahmen, die der Hydra des Internets zwar versuchen, einen Kopf abzuschlagen und dabei einzelne Betreiber und User symbolisch (oft auch unangemessen und insofern imageschädigend) strafen, systemisch aber das Problem nicht lösen, weil ein hier gelöschter Server anderenorts sofort wieder das Haupt heben wird, möglicherweise gleich mehrfach. Es geht also vielleicht gar nicht um die Frage, wie man illegales Kopieren bekämpfen kann, sondern, was man daraus lernen kann.

Ein alter Arbeitssoziologie-Professor von mir hat immer gesagt, Schwarzarbeit sei kein Problem, sondern ein Labor. Im Grunde seien Schwarzarbeiter doch genauso, wie von den neoliberalen Arbeitgebern gefordert: Flexibel, mobil, genügsam. Ob man es möge oder nicht, die «legale» Arbeit werde sich über kurz oder lang zumindest teilweise den Bedingungen der «illegalen» Arbeit anpassen müssen – und wahrscheinlich umgekehrt, weil irgendwann das illegale System dann an Sinnhaftigkeit verliert und nicht aufrechterhaltbar ist.

Nicht ganz so zugespitzt formuliert zeigt der illegale Umgang mit urheberrechtlich geschütztem Material aber auch skizzenhaft die Bedürfnisse der Nutzer. Ich bin nicht sicher, ob man es global so sagen kann, denke aber, dass der Effekt, dass illegale Downloads kostenfrei sind, für viele User nicht entscheidend wichtig ist. Denn die geben ja auch problemlos Geld für andere Güter aus, die man ebenfalls ähnlich risikofrei stehlen könnte. Im Bereich der Teenager mag das zutreffen, sicher auch in Schwellenländern, die via Torrent und Rapidshare billig an der westlichen Kultur teilhaben (was ja auch gut sein kann), aber für einen großen Teil der Nutzer zieht das Argument nicht. Ich mag mich irren und argumentiere rein plausibel ohne Zahlenwerk – aber ich würde behaupten, dass mehr raubkopiert wird als tatsächlich auch von den Usern selbst gewünscht wird. Ganz subjektiv gesprochen wird man in manchen Bereichen das Gefühl nicht los, dazu getrieben zu werden.

Abgesehen davon, dass eine generelle Neubetrachtung des Urheberrechtes sicher notwendig wäre – auch wenn dies eine fast unmöglich komplexe Materie geworden ist und die Entscheider hier nahezu surreal von Lobbyisten belagert sind -, vertun hier also ganze Branchen des Kultur- und Unterhaltungsindustrie Zukunftschancen und schaffen zugleich ungewollt eine sich etablierende Infrastruktur in der Halb-Illegalität, die sich mit jedem Monat und Jahr, in dem nichts passiert und keine offizielle gangbare Lösung existiert, weiter verfestigt und zusehends «normaler» wird.

Abgesehen davon, dass also Verlage, Vertreiber usw. neue Lösungen brauchen, müssten auch die Produzenten von Kulturinhalten selbst anfangen, Chancen zu nutzen und Direktvertrieb online suchen. Ich habe vor einiger Zeit zu diesem Thema schon über Hörspiele sinniert – aber das gleiche gilt natürlich für Inhalte jeder Form. Das Vakuum kann/muss ja nicht nur von Schwarzangeboten aufgefangen werden, sondern kann auch Raum für kreative Macher bieten. Der Erfolg einer «kleinen» Serie wie Breaking Bad zeigt, dass recht mutige neue narrative Formen gerade heute mehr Chancen haben als jemals zuvor, weil sie sich global ihr Nischenpublikum suchen können. Im Grunde ist bereits heute absehbar, dass es einen nicht geringen Indiemarkt für Musik, Film, Serien, Bücher, Hörspiele und auch Tanz/Theater-Mitschnitte usw. geben wird, der sich über digitalen Vertrieb sehr gut wird etablieren können, entweder individuell oder – wahrscheinlicher – über gebündelte Plattformen, sei es iTunes oder eine völlig alternative Lösung.

Sich dagegen zu wehren und auf ein Vorübergehen des Wechsels von analogen zu digitalen Medien zu warten, ist wahrscheinlich vergebens. Das Konvergenzmedium «Web» wird – längst dann nicht mehr gebunden an die Idee von Computer, die sich im iphone-Zeitalter ja bereits auflöst – TV, Radio, Print und viele andere Medien vielleicht nicht ablösen, aber doch zumindest ganz entscheidend ergänzen. Dieser Wandel wird durch technologische Innovationen in Zukunft eher sprunghaft beschleunigt und die Kulturindustrie ist gut beraten, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen und diese zu formen, anstatt hinterherzuhecheln. Dazu gehört ein moderner Umgang mit kreativen Angeboten und eine faire Kommunikation mit den Usern sowie ein global gleichzeitiges realistisches Angebot von Inhalten, das dem illegalen Download in Sachen Tempo und Komfort gleichzieht, nur eben mit dem zusätzlichen Bonus einer Art «Fair Trade» mit den Urhebern. Denn in einer Zeit, in der immer mehr Leute aus moralischen Gründen auf Fleisch verzichten oder umweltgerechte Produkte bevorzugen wäre es – wenn die grundsätzliche technische und inhaltliche Möglichkeit besteht – mehr als wahrscheinlich, dass ein großer Teil der Konsumenten sich auch mit Schauspielern, Autoren, Regisseuren, Musikern, Produzenten und den an kreativen Gewerken beteiligten anderen Dienstleistern solidarisiert… und zahlt. Denn eins ist doch seit Jahren klar: Wer für ein digital verfügbares Produkt zahlt, tut dies im Grunde freiwillig und verzichtet auf einen alternativ nahezu ausnahmeslos verfügbaren Download. Aus Respekt. Und darauf kann man aufbauen.

20. Januar 2010 11:40 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , . 14 Antworten.

The Shape of Things

So sieht der Spiegel diese Woche aus. Auf dem Cover eine zum Weltkonzern und zum globalen Gesellschaftsfaktor mutierte Gratissuchmaschine, auf der Rückseite eine Anzeige für Handy-Miniatursoftware. Wer über das Ende der Gutenberg-Galaxis nachdenkt, darf dieses Cover gerne meta finden.

12. Januar 2010 10:20 Uhr. Kategorie Leben. Tag , , , . Eine Antwort.

Still sick and watching old Movies

28. Dezember 2009 23:53 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Eine Antwort.

I Sing The Body Electric

hd schellnack

Kann Hörspiel eine Kunstform sein? Während bei iTunes und anderen Anbietern anscheinend nur Raum ist für Spoken Books (die ich persönlich entsetzlich langweilig finde – ein Vorlesen ohne jede kreative Brechung ist kein Hörspiel) und für Kinder-Hörspiele, während die öffentlich-rechtlichen zwar teilweise grandiose Hörspiele produzieren, um sie dann in den späten Abend zu verbannen und auf Nimmerwiedersehen ins Archiv zu verbannen (mit Ausnahme der grandiosen Bayern-3-Podcasts), während es also eigentlich so aussieht, als sei das Hörspiel als dramaturgisch Kunstform tot, könnte es eigentlich sein, dass es sich als Erfolgsmedium im Internet durchsetzt. Hörspiele sind preiswerter zu produzieren als Theater oder Film, sie verbinden auf innovative Weise Musik, Sprache und Klanglandschaftserlebnis, Sampling, Soundfragmente. Wer einen Laptop hat und etwas Phantasie, kann ein Hörspiel produzieren. Wer etwas mehr Budget hat und sich professionelle Sprecher leisten kann, kann mit wenig Aufwand auf hohem Niveau produzieren. Dabei ist «Hörspiel» schon längst nicht mehr die biedere Buch-Nacherzählung mit verteilten Stimmen, eine Art Fernsehen ohne Bild, sondern längst ein Grenzmedium mit mehr Möglichkeiten zu künstlerischem eigenen Ausdruck als viele annehmen. Von trashig bis edel, von literarischer Hochkultur wie der grandiosen 20-teiligen Robert-Musil-Remixedition von Klaus Buhlert bis hin zu den Soundscapes eines Edgar Lipki, der wie kein Zweiter über seine Werke hinweg so etwas wie einen künstlerischen Gesamtwerk-Gestus legt, durch wieder aufgegriffene Faszinationen und Wortfetzen, die seine schon einzeln verzaubernden und hypnotischen Arbeiten (meist zusammen mit Joker Nieswandt) zu einer Art «Continuity» verbinden wie man sie von Konzeptalbum-Künstlern alter Prägung findet. Lipki setzt fort, was Pink Floyd mit The Wall populär gemacht haben, die Fusion von Musik und Sprache in einer Form, die weder Musik noch Sprache ist und zugleich mehr als die Summe dieser beiden Teile. Poppiger als ein Hörspiel und emotional berührender als reine Musik steht er wie kein Zweiter für eine neue Generation von Hörspielen, die – fast zwangsläufig – irgendwann an den Punkt kommen, nicht mehr radiokompatibel zu sein, weil ihre Themen zu extrem, ihre Form zu befremdend ist. Wenn ein Hörspiel wie das völlig zu Recht preisgekrönte Stripped von Stefan Weigl nur noch aus dem Vorlesen der (eigenen?) Kontoauszüge besteht – und trotzdem eine faszinierende Geschichte daraus zu weben vermag – ist irgendwann die Grenze des Mainstreams erreicht, ebenso bei Hörspielen wie Massai Hitler, bei dem Lipki als Autor wahrscheinlich auch die ein oder andere Geschmacksgrenze beim GEZ-finanzierten Rundfunk überschritten haben dürfte. Einerseits ist es grandios, dass die Rundfunkanstalten absolut richtig auf solche provokanten und neuen experimentellen Formen auditiver Narration setzen – alles andere wäre auch fatal -, andererseits ist es schade, dass nicht mehr Hörspielautoren sich zusammentun und eine Art eigene Online-Plattform erfinden, um ihre Storys zu vertreiben. Ich jedenfalls wäre hier gern zahlender Kunde oder Abonnement-Bezieher.

Nicht zuletzt wäre eine solche Plattform spannend, weil auch für die Generation elektronischer Musik, Heimfrickler und Session-Musiker hier ein ganz neues Spielfeld emergieren würde (und für Theater- und Synchronsprecher ebenfalls), das ihren Horizont entschieden erweitert, weg von der 3-Minuten-Nummer, hin zu Zeiten von 45 bis 90 Minuten und ganz neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Console macht hier ja schon vor, was möglich ist.

Noch ist die Technik nicht so weit – wird es aber in einigen Jahren sein – dass eine solche Plattform auch für Laien- und Semi-Profi-Kurzfilm-Produktionen besteht, obwohl sicherlich eine Zukunft im Selfmade-Movie sein wird (District 9 und Paranormal Activity deuten das ja bereits an). Aber das Soundscape-Hörspiel mit niedrigerer Datenmenge und vergleichsweise einfacherer Produktionsmaschinerie (im Grunde reichen ein Drehbuch, Logic Audio und Sprecher) würde den Autoren als Verlag und Vertriebskanal zugleich dienen können, und einen neuen Hörspielboom entfachen. Nicht nur mit den Produktionen für die Rundfunkanstalten, sondern auch einfach mit exklusiv für das Web produzierten Inhalten. Es wäre mehr als wünschenswert, nicht nur als kreative Spielwiese, nicht nur als Bereicherung der und Alternative zur verödenden deutschen Musik/Popszene, sondern auch als Talent-Werkstatt für professionelle Produktionen, für Theater, für TV.

8. Dezember 2009 13:24 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . Eine Antwort.

Zur Buchmesse…

hd schellnack

Ich hatte vor einiger Zeit einen sehr schönen Anlass, mir ganz kurz zur Zukunft des Buches und der Buchbranche Gedanken zu machen. Womit ich als großer Leser natürlich viel Freude hatte – und wahrscheinlich mit meinen Annahmen auch oft gruselig daneben liege. Dennoch: Anlässlich der Buchmesse und um solche Sachen im Blog-Zettelkasten aufzubewahren hier leicht gekürzt der Text…

warum spielt das buch für die zukunft
eine wichtige rolle in der gesellschaft?

das buch ist mehr als nur papier
Das «Buch» ist mehr als ein Trägermedium, mehr als nur Papier mit zwei Pappdeckeln. Das Buch ist die Idee von Autorenschaft, von Ideenverbreitung, von Austausch und Kommunikation. Diese Idee ist älter als die Gutenberg-Galaxie und sie wird auch einen Wechsel zu digitalen Medien nicht nur überleben, sondern dadurch langfristig gestärkt werden.

die branche wird wachsen
Die Verlags- und Buchhandelswelt steht vor den größten und spannendsten Umbrüchen seit Jahrzehnten. eBook, digitale Buch-Vertriebskanäle, neue Medien, ein verändertes Konsumentenverhalten, der starke Drang zur Filialisierung und Marktverdichtung sowie die Frage nach den Überlebenschancen der Buchpreisbindung gehen wie ein Waldbrand durch die Branche und verunsichern viele Menschen.
Auf der anderen Seite schafft ein Waldbrand aber auch Raum für neues Wachstum und bringt Energie und Frischluft in das System­ – wobei man die Umbrüche in der Buchbranche beileibe nicht mit den Folgen eines Waldbrands vergleichen kann, denn die Branche hat anders als der Wald die Chance, sich vorzubereiten und proaktiv zu handeln, die Revitalisierungseffekte zu nutzen ohne dabei aber die katastrophalen Folgen zu erleben.  Dem Buchmarkt (und allem, was dazugehört: Verlage, Druckereien­, Agenturen, Vertrieb, Grossisten, Übersetzer und so weiter) steht ohne Frage die spannendste Dekade seit langer Zeit bevor. Gewohnte Marken werden verschwinden und neue entstehen. Die heute noch für viele kleine Sortimenter vermeintlich so bedrohlich wirkenden Filialketten werden vielleicht mehr unter dem Digitalisierungsboom leiden als die Longtail-Händler, die sich schneller und kundennäher spezialisieren können. Es werden neue Verlagsmodelle entstehen und neue Mischbuchhandlungen – es wird viel Innovatives wachsen. Denn vor allem bringt die Übertragung der Buchidee auf zahlreiche Medien­ erweiterte Möglichkeiten für den Absatz und die Bedeutung des Buches, das einerseits moderner und frischer als je zuvor dastehen wird, andererseits mehr denn je auch ein Genussmedium wird. Es wird gesellschaftlich klar werden, dass das «Buch» und die Autorenschaft kulturelle Quellen sind, aus der sich Musik, Theater, Film, Spiele, Comic, Kunst, Fernsehen und nahezu alle anderen Medien bedienen. Ohne Autoren bleiben Wertschöpfungsketten ohne Anfang. Denn: Ohne Autoren keine Geschichten. Und Geschichten wird es immer geben – sogar mehr denn je, da die Branchenumbrüche eher mehr als weniger kreative Inhalte an den Tag bringen werden.

mehr als vinyl
«The end of print» hat David Carson schon 1995 provokativ verkündet. In einem Buch, ausgerechnet. 15 Jahre später ist Print immer noch nicht tot. Bei Informationsmedien wie Zeitung, Kochbuch, Reiseführer o.ä. ist es aber mehr als denkbar, dass die klassischen Medien durch Online-Medien sehr starke Konkurrenz bekommen werden, da diese in Vernetzung und Interaktivität, Aktualisierung und vor allem auch Produktionskosten eindeutig im Vorteil sind. Im Bereich des Genuss­lesens, in der Literatur, aber auch im Magazin-/Photobuch-Bereich bleibt das gedruckte Buch haptisch, auratisch, von der Lesbarkeit und generellen Usability eben die Killerapplikation gegenüber allen digitalen Medien. Wer den ganzen Tag am Bildschirm gearbeitet hat, wird abends lieber ein Buch als ein «Display» lesen wollen. Und nicht zuletzt ist das Buch nach wie vor das Medium mit der höchsten Autorität, dem besten (bildungs­bürgerlichem) Image. So wie Fernsehen das Theater nicht verdrängt hat und der Laptop das Notizbuch nicht ersetzt, werden sich analoge und digitale Buchformate, Hörbuch, MotionComics, eBook, Onlineangebote, iPhone und klassische Printformate vernetzt ergänzen und gegenseitig stärken. Die Branche als Ganzes kann und wird davon profitieren – von der Vielfalt und den facettierten Möglichkeiten, Inhalte zielgruppengerecht zu vermarkten und anzubieten. Während MP3 die Vinyl-Schallplatte fast völlig verdrängt hat und nur noch DJs und Audiofans zur alten Schallplatte greifen, hat das Buch deutlich universellere Überlebenschancen.

das buch als bildungsträger
Während in der Bildung in Schule und Universität das Internet und multimediale Medien das klassische Schulbuch nicht verdrängen, aber zumindest ergänzen werden, bleibt das Buch eines der wenigen Medien, das sich nicht unter Quotendruck oder Produktionsbedingungen einem kleinsten gemeinsamen Nenner beugen muss. Nirgendwo sonst ist ein generationenübergreifender Dialog, ein Austausch von Ideen so rein und unverfälscht möglich. Kein anderes Medium kann zugleich so gut unterhalten und geichzeitig en passant einfach klüger machen. Kein anderes Medium hat die Ruhe und die Zeit für Tiefe. Das ist ein unersetzbarer Wert – und jeder, der liest weiß, dass allein die Tätigkeit «Lesen» nicht nur Zeitvertreib, sondern auch ein Aufladen ist. Ein Eintauchen in fremde Welten und Kulturen, in andere Leben, ein empathischer Prozess, der den eigenen Horizont erweitert und lebenslanges Lernen zum Spaß macht. Wer mitreden will, wer informiert sein will, wer eine intellektuelle Bandbreite und Tiefe will, der wird auch in Zukunft Bücher lesen. Nicht zuletzt, weil das Lesen am Display fahriger und beiläufiger ist – weniger vertieft. Wirkliche Information verankert sich nach wie vor besser und glaubwürdiger über Print.

den wandel genießen
Selten war die Buchbranche so aufregend, im Guten wie im Schlechten, wie derzeit. Mit der wachsenden Bedeutung von Autorenschaft, mit der Explosion von Onlinekanälen als Vertriebsmedium, wird die Frage nach Urheberrechten und deren Wahrung zentraler als je zuvor – und die Buchbranche kann hier von den Fehlern der Musik- und Filmindustrie lernen. Mit dem kommerziellen Umbruch im Handel gibt es viele Ängste in der Branche, aber auch völlig neue Potentiale für innovative Modelle. Ob Verlage, Filialen oder niedergelassene Sortimenter­ – mit der Beschaulichkeit ist es vorbei, durchaus auch im besten Sinne. Das Buch als Kulturidee hat nicht nur eine starke Vergangenheit, sondern auch eine große Zukunft vor sich, auch wenn diese Zukunft sicher ein völlig anderes Antlitz haben kann. Es gibt keinen Grund zum Pessimismus – und viel zu tun. Freuen wir uns darauf…

8. Oktober 2009 16:05 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 3 Antworten.

Supermodel Death Dive

hd schellnack

Eine Headline wie aus einem J.G.-Ballard- oder William-Gibson-Roman.
Außerdem ein idealer Name für eine Postpunk-Band.

via Amy&Pink.

12. Juli 2009 09:08 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 3 Antworten.

Michael Jackson

hd schellnack

Über das Leben und Werk von Michael Jackson dürfte in nächster Zeit viel geschrieben werden. Den Absturz, das Scheitern am eigenen Mythos, seine Vorläuferrolle für die vielen modernen Celebritys, die weniger für ihr Werk berühmt sind als vielmehr für ein öffentlich geführtes Leben mit allen Höhen und Tiefen, wie etwa Britney Spears oder Amy Winehouse. Dass Jackson als Musiker nicht viel mehr als vielleicht zwei wichtige Alben beigesteuert hat und im Grunde weit entfernt ist, der King of Pop zu sein, als der er hochgejazzt wird, dass andere Musiker die Popwelt viel mehr verändert haben, wird dabei vielleicht in Vergessenheit geraten. Jackson war kein Erneuerer, keiner, der die Popwelt verändert hätte. Wenn, dann ist seine Handschrift viel mehr spürbar in der Art, wie Pop als Gesamtprodukt – also jenseits der reinen Musik – funktioniert. Neben Madonna, die vielleicht wie keine Zweite Image, Mode und Popmusik fusionierte, ist Jackson derjenige, der den Cult of Personality in nach Elvis und den Beatles lange vergessenen Art zurückbrachte. Videos, Kleidung, Photos, Musik – alles hochsynthetisch, alles unauthentisch, alles Inszenierung, alles Fetisch.

Jackson ist dabei weiter gegangen als jeder andere in seinem Bereich, und hat Grenzen verschoben. Die Idee, dass ein Popstar «echt» oder authentisch sein könnte, ist Post-Jackson für das Publikum nicht mehr vorstellbar. Das Spiel mit dem Unechten, mit dem Fake, ist Teil der Pop-Erfahrung geworden. Wie jeder Begründer ist Jackson längst von seinen Epigonen überflügelt worden – man nehme die extreme Imagewechhsel von eben Madonna oder auch Christina Aguilera, die in immer kürzeren Abständen, erst pro Album, dann bald pro Single, ihre Identität wechseln. Extreme Makeover ist dann nicht ohne Grund ein Ding, das von den Stars zu den Fans quasi durch Osmose herandringt, bis die Idee, dass die eigene Identität formbar ist, in den Alltag aufgegangen ist. Bodystyling und auch die Vorstellung, psychisch optimiert zu sein, sein zu müssen, ist längst bei Schülern der Sekundarstufe Eins angekommen – und viel davon verdanken wir Jackson, Madonna et al… und natürlich MTV als Transmissionsriemen, als Vorläufer von MySpace und YouTube. MTV war Michael Jackson und Michael Jackson war MTV. Und ohne beide gäbe es keinen David Carson, nebenbei.

Entsprechend wird Jackson in Zukunft vielleicht weniger als Popmusiker gefeiert (der Ruhm sollte eherdem großartigen Quincy Jones gelten, der Thriller so perfekt produzierte), sondern vielmehr als erster Bodymorpher. Krude und natürlich primitiv, fast cargo-cult-artig, hat Jackson seinen Körper umgebaut, gebleicht, verjüngt, androgynisiert. Er hat sich verspoilert und umlackiert wie Autostyler ihren Wagen pimpen. In die Geschichte wird er eingehen als einer der ersten, die ihren Körper auf extremste Weise als nicht biologisch gegeben hingenommen haben, sondern massiv in die genetische Vorgabe hereingepfuscht hat. Wir leben in einer Zeit, in der künstliche Fingernägel, Haarextensions und vergrößerte Brüste, laserentfernte Haare oder implantierte Haare (je nach Körperstelle), gestraffte Lider und gelaserte Netzhäute nichts ungewöhnliches mehr sind und auch finanziell von der Hollywood-Elite längst beim Straßenpreis angekommen sind. Dieser Trend wird sich fortsetzen – auch auch wenn Jackson sozusagen der Worst Case der Beauty-OP ist, bleibt er eben doch der Wegbereiter, der Astronaut, der an den Outer Limits des Machbaren seinen eigenen Körper modifizierte und einen hohen Preis dafür zahlte, ein Märtyrer – und zugleich der Hofnarr – des konsumatorischen Schönheitswahns unserer Gesellschaft, die langsam, unwahrnehmbar und gleichsam unaufhaltbar in den genetischen Perfektionswahm taumelt, der in Gattaca noch Science Fiction und unter Hitler noch Wahnvorstellung war und der nun mit Germany’s Next Topmodel in der flimmernden Langeweile deutscher Wohnzimmer angekommen ist.

Jackson ist Speerträger einer Gesellschaft, die ihre Eitelkeit in Zukunft schon pränatal wird befriedigen können, die nach körperlicher Perfektion, ewiger Gesundheit und Schönheit hechelt, bei der wir in Zukunft nicht schaudern werden, über biokybernetische Implantate und genetische Enhancements nachzudenken. Jackson, einfach gesagt, war unser Junge aus der Zukunft, was bei Bowie nur Inszenierung war – der Mann der vom Himmel fiel, der Starman, der Ziggy Stardust – hat in Jackson reale Form angenommen. Was für Bowie nur Gedankenspiel war, ist bei Jackson zum Leben geronnen, aus dem er schlußendlich nicht entkommen konnte. Jackson ist The Shape of Things to Come, ein Gesandter aus einer Zeit, in welcher der eigene Körper nur noch weiche, formbare Masse ist, ein Designobjekt – und ist zur tragik-komischen Figur geronnen, weil er diese Idee mit den primitiven Mitteln unserer Zeit, der Schönheitschirurgie der 80s und 90s eben, umgesetzt hat. Dass seine Nachfolger bereits weniger als Freaks gelten und wir die enormen Körperveränderungenvon Aguilera und Co kaum noch als anormal wahrnehmen zeigt, dass Jacksons Rolle als Experimentierfeld, als extremverspoilerter Mensch, den Weg bereitet hat für den eben weniger wahrnehmbaren Wandel einer hedonistischen Gesellschaft, in der am Ende nach Mode, nach Wohnung, nach Konsumartikeln eben nur noch der eigene Körper als finaler Designgegenstand bleibt.Bodybuilding, Schönheits-OP, Tattoo, Piercing – am Ende wird der Körper vom unbeeinflussbaren, biologisch gegebenen Ding im nie gekannten Ausmaß zur Rohmasse von Identitätsschaffung, von Egobranding. Jackson ist lediglich der Störfall, der ein System überhaupt erst sichtbar macht – an Jackson offenbart sich also die Tendenz der westlichen Gesellschaft zum Körperfetisch, zur Oberflächlichkeit, zur Unzufriedenheit mit dem eigenen Sein, am Ende zur Fälschung, zum Aufbau eines künstlichen Alter Ego. Eine gelungene Schönheits-OP ist dabei nicht systemisch nicht anders zu sehen als Jacksons Frankenstein-Antlitz. Identität wird transitorisch, was früher nur Transsexuellen vorbehalten war, wird zum Massenphänomen: Das Gefühl, im falschen Körper zu stecken und diesen durch Operationen zum «richtigen» zu morphen.

Jackson ist insofern – wie in Deutschland vor Jahren Hildegard Knef – nur grausam überspitzte Verkörperung eines sozialen Trends, der an ihm überhaupt erst so deutlich sichtbar wurde, an die Oberfläche kam und zugleich durch seine Rolle als Pop-Ikone auch ein Wegbereiter dieses Trends.

Und Billie Jean ist natürlich auch ein sehr sehr netter Song :-D.

26. Juni 2009 10:39 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 13 Antworten.

Copy Kills Music…

Das stets lesenswerte Spreeblick-Blog bringts auf den Punkt:


The more things change, the more they stay the same.
Über 15 Jahre sind seitdem vergangen und die Musik spielt immer noch. Danach kamen dann Kampagnen gegen raubkopierte CDs (vor etwa fünf Jahren… es gibt immer noch Musik) und jetzt gegen MP3 (und seltsam seltsam, es gibt mehr Musik denn je.). Copy killt nicht die Musik, sondern die Majors. Das ist für die und deren Angestellte irgendwie dumm, zugegeben, aber ansonsten für niemanden. Kleine Bands haben bessere Distributionschancen denn je, große können die Mittelsmänner ausschalten und sich selbst vermarkten. Und selbst mit einer gewissen Raubkopier-Quote, die es immer gab und immer geben wird, wird es weiter Musik geben. Weil es immer Leute geben wird, die bereit sind, für ein Produkt, das sie wollen zu bezahlen, selbst wenn sie es gratis haben könnten. Ladendiebstahl und Schwarzfahrerei verhindern schließlich nicht die Kameras und Kontrolleure, sondern im Endeffekt eine inhärente Moralvorstellung der meisten Menschen. Und hier wäre, wenn überhaupt noch, anzusetzen. Das Internet wird den gesamten Markt verändern, da gibt es keine Frage mehr. Filesharing, MP3-Direktverkauf auf der bandeigenen Homepage auf der einen Seite, iTunes und andere DRM-Ritter auf der anderen.

Die Wahl der Musikszene insgesamt wird die sein zwischen abgeschotteter Festung oder einer Art Open-Source-System, in dem es für gute Produkte auch gutes Geld gibt. Die Musikbranche ist so im kleinen ein Spiegelbild des modernen globalisierten Kapitalismus: Sie wird teilen lernen müssen oder langfristig untergehen

20. März 2005 10:38 Uhr. Kategorie Design. Tag , . Keine Antwort.

Katzenblog

Miau

via Relicious

5. Februar 2005 14:27 Uhr. Kategorie Online, Stuff. Tag , , . Keine Antwort.


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