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Haste Töne Finale im Konzerthaus Dortmund

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Vielleicht ist der Titel irreführend – zumindest für mich. «Haste Töne – So klingt Schule» klingt zunächst etwas nach der gutmeinenden Art von Projekt, mit denen Schüler an die Kultur herangeführt werden sollen. Solche gibt es ja viele und viele kranken an der negativen Grundeinstellung der Veranstalter zu den Jugendlichen, die ja in real viel reicher und bereichernder sind als die Vorstellungen, die man sich von «Kids» macht. Da ich für die Rütgers Stiftung vor einigen Jahren viel gute Erfahrungen mit Kreativ-Projekten für Jugendliche gesammelt habe und dabei phantastische junge Tüftler kennengelernt habe, die interessiert und neugierig, erfinderisch und engagiert sind, hat es mich eigentlich kaum überrascht, dass das Haste-Töne-Projekt, das in der gleichen Altersklasse und wahrscheinlich auch einer ähnlichen Zielgruppe funktioniert, ähnlich großartige Ergebnisse hervorbringt.

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«Haste Töne», vereinfacht gesagt, füllt eine Lücke in der Musikpädagogik. Während viele Orchester gerade Kinder an die Musik heranführen und an der Erleben von Klassik, schien mir immer ein Gap bei den schwerer zu erreichenden 15-18jährigen zu sein, die Pop und Rock für sich entdeckt haben, nicht mehr mit den Eltern ins Konzert gehen und in vieler Hinsicht schwerer zu erreichen sind. «Haste Töne» wendet sich ganz gezielt an diese Generation und das mit einem Konzept, das gleich zwei weitere Lücken füllt, nämlich mit der Komposition neuer E-Musik. Es geht also nicht um das «Lernen» von Klassik, um eine pädagogische Heranführung an eine Musikrichtung, sondern um das Selber-Machen, aber eben nicht im Sinne vom Erlernen eines Instrumentes, sondern von der ganz generell kreativen Seite her kommend, der Komposition. Allein dieser Ansatz macht schon Spaß, aber dazu noch die E-Musik in ihrer Offenheit und ihrer Neugierde als das perfekte Vehikel zu nutzen, Musik als Ort des kreativen, explorativen Arbeitens zu kommunzieren, ist natürlich goldrichtig.

Wie richtig, hat sich Freitag abend im großen Saal des Dortmunder Konzerthauses gezeigt. Niemand konnte bei diesem Projekt vorher wissen, wieviel Leute sich das Finale ansehen würden, aber Christian Esch vom NRW Kultursekretariat und Benedict Stampa vom Konzerthaus Dortmund schienen von den über 300 Leuten im Saal überrascht, begeistert und beeindruckt zu sein und revanchierten sich mit einer kurzen Ansprache, die ohne Mühe und Verbiegungen ehrlich auf dem Niveau der Besucher spielte und mehr von Herzen kam als vieles, was man sonst bei Kulturevents für Erwachsene als «Rede» hört. Nicht abgelesen, völlig locker und mit sichtbarem Spaß an der Sache erklärt Stampa seinen Gästen, warum er den großen Saal für diese Veranstaltung frei gemacht hat – damit sie ihre Kompositionen im «echten» Konzertrahmen erleben können, ohne Kompromisse. Keine schlechte Sache, wenn man bedenkt, dass der Saal am Freitagabend auch mit zahlenden Gästen gefüllt sein könnte – denn der Eintritt bei Haste Töne war frei. Dass Stampa, der als Intendant des Konzerthauses deutlich seine Zahlen auf dem Radar haben muss, sich so für die Sache ins Zeug legt, sagt viel über Mut, Experimentierfreude und Engagement des Intendanten und die Tatsache, dass er sich – und bei Entscheidern wie Stampa ist Zeit immer ein knappes Gut – das fast dreistündige Konzert von A bis Z anhört, viel über seine Neugier und natürlich auch viel über das Konzert an sich.

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Denn auch der Aufbau des Abends ist ungewöhnlich. Professionell und souverän führt die WDR-Autorin und Moderatiorin Claudia Belemann durch den Abend, der mit zahlreichen Interviews und Informationen das Projekt und den Ablauf, die Betreuung durch die prominenten Komponisten-Moderatoren beleuchtet und so nicht nur die Musik in den Mittelpunkt stellt, sondern auch deren Entstehung. Eine Form von Aufbau, die ich mir bei manch «echtem» Konzert eigentlich auch wünschen würde, weil es eine zusätzliche Ebene einführt, informiert und zudem die jungen Mitwirkenden auf der Bühne als fesselnde Persönlichkeiten präsentiert.

Das von Markus Stollenberg betreute Projekt vermischt Elektronisches und Live-Musik, zeigt eine verblüffende Bandbreite von Stilen und Formen. Vom überaus niedlichen Schulgong-Eingangskonzert eines Schülerorchesters, begleitet von Delayeffekten und eingespielten Sounds, über ein Vokalensemble, das aus Gelächter eine komplexe Beatbox-Komposition macht bis hin zum studio MusikFabrik – so vielseitig zeigt sich «Klassik» selten in zweieinhalb Stunden. Peter Veale leitet mit Elan die meisten Stücke des herausragenden Jugendensembles und erläutert mit der jungen Pianistin Kin Sun Joo gemeinsam im Interview die Interpretation der Stücke. Dabei wird klar, wie sehr Haste Töne auch tatsächlich als musikalisches Experiment besonders ist, weil es den Begriff der Autoren/Komponistenschaft anders fasst als gewohnt. Musik entsteht hier im Kollektiv, über verschiedene Realisierungsphasen hinweg. Die Schüler arbeiten mit Mentoren – Profi-Komponisten, die mit Rat und Tat zur Seite stehen – und ihren Lehrern im Team und versuchen, Ideen zu entwickeln und zu einer mehr oder minder konkreten Lösung zu kommen – und diese wird durch das studio MusikFabrik erneut gebrochen, interpretiert, angereichert, aufgeladen. So gleicht die Komposition weniger der herkömmlichen Vorstellung des einzelnen Komponisten-Genies, sondern nimmt einen neuen, gemeinschaftlichen Habitus an, der eher an Designteams oder Architekturbüros erinnert, an Dialog, Evolution und das multivektorale Spiel, aus dem dann die Ergebnisse entstehen.

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Und die Ergebnisse können sich sehen lassen, wahrscheinlich wäre es spannend zu hören, was Zuhörer sagen würden, die gar nicht wissen, wer die Komponisten der Stücke sind. Es gibt einen Hang zu schwebenden Dissonanzen à la Penderecki, zu scharfen Brüchen und zur Lautmalerei. Es ist eine oft seltsame 1:1-Umsetzung, wie man sie heute nur noch selten in der Klassik hört, man muss unweigerlich an «Sports et Divertissements» von Satie, an die «Alpensymphonie» oder an viele andere Versuche, mit Musik echte Umstände zu emulieren, denken. Aber es blitzen auch Pop- und Hiphop-Elemente auf, stets sauber gebrochen vom Ensemble, nie zu einfach oder anbiedernd gespielt, und einmal wird es sogar einen Satz lang ausgesprochen melodisch und tatsächlich ergreifend, ohne dabei süßlich zu werden. Das Experiment «Moderne Musik» hat eine musikalische und emotionale Bandbreite hervorgebracht, die wahrscheinlich sogar die Schüler selbst überrascht haben dürfte, die sich gegenseitig mit langem Applaus Respekt für Ihre Arbeiten zollten.

Die Lücke zwischen «Kinderkonzerten» und erwachsener ernsthafter Klassik, sie scheint hier wie weggewischt. Die Jugendlichen wirken nicht wie Fremdkörper im Konzerthaus, sondern hier am richtigen Ort, um frische Energie einzubringen und um selbst eine gute Zeit zu haben. Sie wirken oft entspannter, souveräner und reifer, als mancher ihnen vorweg zugetraut haben mag – und damit als Zielgruppe, die man nicht einfach an Dudelpop abschreiben darf, im Gegenteil. Es ist Benedict Stampa hoch anzurechnen, dass er hier sozusagen «niedrigschwellig» (wie unsere Kunden aus dem Suchthilfe-Bereich es gerne nennen), also ohne Vorgaben, Erwartungen und Hürden, frei von Eitelkeiten und Etepetete einen Zugang in sein Haus und damit in die tatsächlich mit allen Sinnen erlebbare Welt der Klassik schafft, einen Abend, der ja auch eine Verführung und Einladung ist, sich mehr mit Klassik auseinanderzusetzen, die eben mehr sein kann als Brahms und Bach.   

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Insofern ist es vielleicht passend, dass die jungen Talentmusiker auf der Bühne quasi als Abschluss und Zugabe von den selbstkomponierten Schülerstücken zu einer Legende der Pattern Music übergehen, zu Terry Riley «In C», einem Stück, an dessen Rigidität schon erfahrerene Musiker und geduldigere Zuhörer gescheitert sind und das ich als Fan von Reich und Glass sehr mag in seiner schimmernden, zuckenden, lebendigen Struktur eines endlos langen, gefrorenen Sonnenaufgangs, das aber in der Länge – obwohl in nur kurzen 20 Minuten durchgespielt – schon das Publikum offenbar herausfordert. Passend insofern, als das an diesem Meisterwerk gemessen die Musik der Schüler durchaus mithalten kann, sogar lebendiger und im besten Sinne unfertiger, neugieriger wirkt… Rileys Kult-Status beweist, dass es in der neuen E-Musik auf Emotion, Überraschung und Mathematik ankommt, auf Innovation und Frechheit… nicht so sehr auf klassische Kompositions-Fähigkeiten. Es gibt schlechtere Enden, als solche, die deutlich machen, dass die Legenden eines Faches auch nur mit Wasser kochen – so ein Vergleich kann ja anspornend wirken.

Unterm Strich darf man hoffen, dass «Haste Töne» in eine weitere Runde geht und als Idee auch von lokalen Orchestern und Einrichtungen adaptiert wird, um junge Erwachsene für (moderne) Klassik zu begeistern.

27. Juni 2011 14:54 Uhr. Kategorie Live, Musik. Tag , . Keine Antwort.

Isabelle Faust: Bach Sonatas & Partitas

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So einfach und klar wie das Coverphoto, das so wenig will und doch überraschend gelungen herkommt, so einfach und klar wie Isabelle Fausts Outfit auf dem Bild, so ist dieses ganze Album. Der jungen Violonistin gelingt ein kleines Meisterwerk – ein Album, das ohne große Manierismen, aber mit viel Kraft und einer immensen Intimität daherkommt und sich niemals anbiedert, niemals «angenehm» klingt, dessen glasreiner Klang die Kratzigkeit und sanfte Härte der Violine nie abfedert oder schönfärbt, nicht mit Vibrato verzuckert. Zwei von Bachs Partiten und eine Sonate bietet diese Einspielung und als Zuhörer hast du das Gefühl, allein im Raum mit Faust zu stehen, und zugleich in er kühl-zugigen Ferne einer Kirche, so nah und doch distanziert ist das Spiel, das mal verführt, mal wegzustoßen scheint, das in sich ist und doch extrovertiert wirkt, mal kühl und architektonisch wirkt, mal wie flambiert daherkommt, zügig, eilig, innerlich brennend mit der Lust, die nächste Note, den nächsten Akkord zu spielen. Es ist verblüffend, wie virtuos ein Musiker wirken kann, wenn er sich nicht mehr beweisen will, und sich fast detektivisch an die Musik heranbegibt, wie ein Schauspieler per Method Acting in das Barockgefühl hineinschlüpft und eine mitreißende Performance aus den Noten macht. Es ist Musik, in denen die Blätter durch den Wind wirbeln, in denen Sonnenaufgänge und Schneefall möglich ist, gebrochene Herzen und großer wirbelnder Tanz, in der das atemberaubende Können von Faust niemals die Musik verdrängt – schwer genug an der Violine. Leidenschaftlich zieht dich dieses Album in den Bann, in eine Musik, die so persönlich, so minimiert und so intim ist, anstrengender, weniger schmeichelnd, körperlicher vielleicht als ein Klavier-Soloalbum, in einen Klang, der keinen Zweifel daran lässt, wie minimalistisch, wie rein diese Kompositionen sind, in der Faust entfesselt klingt, als sei sie mit einem unsichtbaren Zwilling im Raum, würde sich zu zweit die Noten hinwerfen – so oft makellos und doch menschlich ist ihr Spiel. Eine Solo-Violinen-Einspielung kann schnell eine nervende, eine sogar schmerzhafte Sache sein, weil sie so nackt ist und das Instrument nicht viel Raum für weiche Verklärung bietet, der Interpret selten einfach mal einen sanften Akkord schweben lassen kann, sondern immer und immer rastlos in Bewegung sein muss, weil die hohen Lagen die Ohren oft anstrengen, weil die barocke Klarheit, der Kontast in der Musik, alles andere als «Wellness»-Klassik ist. Faust aber zaubert aus ihrer Stradivari eine Musik, die zu keiner Sekunde nervt, sondern dich binnen Minuten in eine andere Sphäre mitnimmt, deren Reinheit wie klares Quellwasser den Kopf freispült, die belebt und anregt und inspiriert, deren bloß liegendes Gerüst eine Belohnung ist in jeder Sekunde. Es gibt Klassik, die verkleistert und verkitscht, die dich nach unten zieht und wie Schlagermusik fungiert – und es gibt Klassik, die dir die Hand reicht, ohne große Geste, um dich ein Level höher zu ziehen, die ein Geschenk für die Sinne ist und allein die zu hören das Leben besser schmecken, intensiver wirken lässt. Diese Platte gehört ohne jede Zweifel in die zweite Kategorie. Es ist schwer festzunageln, was genau an dieser Platte einfach perfekt und elegant und leicht und richtig ist und es wäre zu einfach, Faust als typisches, junges, gut aussehendes Klassik-Wunderkind abzutun – aber Gott, diese Einspielung ist eine Platte für die Ewigkeit, geniale Kompositionen interpretiert von einem Talent, das hier einerseits die Visitenkarte für die Oberliga der klassischen Musik abgibt und andererseits eine Einfachheit zeigt, die andere kaum in ihrem Alterswerk treffen.

28. Januar 2011 19:15 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Fauré Quartett: Wunderkind

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In wunderbarer Leichtigkeit und Eleganz hat das Fauré Klavierquartett hier frühe Kompositionen des titelgebenden «Wunderkinds» Felix Mendelssohn Bartholdy eingespielt. Dirk Mommertz bettet sein perlendes Pianospiel fast schwerelos über die verzahnten, für die Werke eines Teenagers überraschend komplexen Streicherarrangements von Erika Geldsetzer, Sascha Frömbling und Konstantin Heidrich. Angenehm fällt an der Produktion auf, dass sie zwar die übliche sonnige Grundstimmung hat, die der Romantik und Mendelssohn mitunter ja nunmal anhaftet (und die ja durchaus charming sein kann), aber auch Raum für interpretatorische Abstürze lässt, in denen leichte Kakophonie, Ruhe, Zusammenbrüche, tanzende Energieausbrüche jederzeit möglich sind. Das ist Kammermusik die nicht mehr für die Kammer gemacht ist, sondern alle fesseln ablegt, jederzeit wie ein Vulkan eruptieren mag. Spielerisch jederzeit auf der Höhe, spielen diese vier Musiker so einfühlsam, so abgestimmt aufeinander, das mitunter fast jazzige (nicht musikalisch, von der Reaktion aufeinander) Momente entstehen, die fast improvisiert wirken (es vielleicht aber nicht sind). Das Ergebnis ist eine klassische Einspielung, die die Gefühlswelt eines heranwachsenden und von zahlreichen Einflüssen inspirierten jungen Mannes in ein lebendiges, sehr modern wirkendes Gewand kleidet, das die Großmutter nicht vergrault, aber durchaus auf seine Art «junge» Klassik ist, intensiv, gelebt, emotional und doch von mathematischer, mitreissender Präzision. Wie von der Deutschen Grammophon nicht anders zu erwarten klingt das Album superb, kristallklar steht jedes Instrument in Raum, über Kopfhörer ist die Einspielung ein Traum, die Interpretation des dritten Klavierquartetts ein mitreissendes Audioerlebnis, ein Hörspiel ohne Worte.

13:40 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Knife feat. Mt. Sims: Tomorrow, in a Year

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Im Auftrag der dänischen Theatergruppe Hotel Pro Forma ist «Tomorrow, in a Year» von The Knife entstanden, das vorsichtig gesagt eher untypisch für das Oevre von The Knife oder Karin Dreijer Andersson ist, wenn auch das Melodrama, das die sonst eher elektronische Musik von Knife und Fever Ray auszeichnet, hier höchst gelungen in einen klassischeren Kontext gerückt ist. Thema des Stückes ist Darwins Evolutionstheorie, das The Knive mit zahlreichen Gästen, darunter Matthew Sims, Janine Rostron, Kristina Wahlin, Lærke Winther oder Jonathan Johansson plus zahlreichen Instrumentalisten umsetzt. Das Ergebnis ist weder Pop noch Oper, weder tanzbar noch Hochkultur, sondern eine Art Hörspiel-Cutup, eine auditive Erfahrung, die mal anstrengend, mal mitreissend ist, aber zu jedem Moment – vor allem intensiv unter Kopfhörern gehört – faszinierend. Die Platte ist so anders zu allem, was die Dreijers bisher produziert haben, dass man sich unwillkürlich fragt, wie die beiden danach jemals wieder zu normalem Pop zurückfinden wollen, ohne dass es ihnen zu einfach vorkommt. Sperrig, schmerzhaft einerseits, orchestral-grandios andererseits ist Tomorrow, In A Year ein Lynchesquer Soundtrack, der auch ohne die Bildinszenierungen und Tanzperformances dazu in eine eigene Welt entführt, in der es blubbert, quietscht, hämmert und dröhnt, in der die Mechanik des Lebens zu einem pumpenden Maschinenpark wird, durch dessen dunkel beleuchtete, schwach fluoreszierende Eingeweide uns die Musiker führen. Mitunter wird das auch etwas zu lautmalerisch, wie etwa in «Letter to Henslow», andererseits schafft ein Track wie «The Height of Summer» eine durchaus stabil begehbare Brücke zum bisherigen Output der Geschwister. Herausragender Track und nicht umsonst als «Single» ausgekoppelt ist «Colouring of pigeons», eine elfminütige, wunderbar gelungene Fusion aus klassischen Elementen und Popattitude, aus einer an die kanadische Band Moev («Crucify Me») erinnernden Basslinie, KDAs Gesang, dem Mezzosporan von Kristina Wahlin, und einer hyperaktiven Percussion. Ambitioniert, verrückt, gekonnt ist «Tomorrow, in a Year» ein mutiges Konzeptalbum, das den scheinbar unstillbaren Hunger der Dreijers nach Experiment, Ungeschliffenheit, Andersartigkeit unterstreicht und die vielleicht bisher beste Arbeit der beiden darstellt.

6. November 2010 15:53 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Anna Gourari: The Mazurka Diaries

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Die Mazurken des polnischen Komponisten Frédéric Chopin sind elegant gewandelte Weiterentwicklungen der ursprünglichen slawischen Tanzmusik, vertrackte Klavierarrangements, die die formalen Grenzen der Mazurka überspringen und einen wahren Kanon von Stimmungen und Gefühlen entspinnen und aus dem rhythmischen Element des Tanzes eine mal pfauenhafte, mal stierkämpferartig stolze Bewegung destillieren, aber auch zerbrechlich und sanft wirken können. Anna Gourari hat sich, nachdem sie von Universal zu Edel gewechselt hat, für ihr aktuelles Album 29 von Chopins Mazurken vorgenommen, die sie mit enormer Sanftheit, für eine moderne Pianistin fast «retro», fast einen Hauch zu soft vorträgt. Für eine so junge Klavierspielerin ist es überraschend, wie altersweise Gouraris Spiel klingt, wie «klassisch» ihr Sound ist. Sie scheint nicht auf technische Klarheit und Brillanz hinweisen zu wollen, scheint nicht gegen die romantische Aders des Materials mit mathematisch präzisem Anschlag anzugehen, sondern versinkt – mitunter auch ein wenig zu sehr – in der Samtigkeit der Vorlage, in melancholischen Klängen, die wie aus alten Aufnahmen, nur im saubereren Klang, herüberwegen. Unfreiwillig erinnert hier einiges an Horowitz in den Sechzigern, aber moderner, gefühlvoller, femininer, rauchig-schattiger, schlichter, erdiger, einfach weniger eitel, frei von Angebereien bei komplexen Läufen und Trillern, bis Chopin fast die lässige Skizzenhaftigkeit eines Satie annimmt, um im nächsten Moment rasiermesserscharfe Akkorde zu setzen, die jeden Anflug von beflissener Gemütlichkeit vertreiben. Die feinsten Dynamiknuancen holt Gourari aus ihrem Flügel, und schafft das seltsame Kunststück, den überzitierten Chopin einerseits frisch, andererseits zeitlos klingen zu lassen, widerstandslos fluide, lyrisch und mit einem Anhauch von tänzerisch-schwermütigem Gestus, der sich scheinbar mühelos in ihr Spiel einschummelt und das dramatische, erzählerische Element der Kompositionen stummfilmartig entfaltet, so dass man verstehen kann, warum Gourari in den Mazurken eine Art musikalisches Tagebuch des Komponisten entdeckte. Man mag den russisch-mystizistischen Anhauch der Spielart von Gourari mögen oder nicht und sich hier vielleicht einen moderneren, schärferen Ansatz oder mehr Leichtigkeit wünschen – als persönliche Auseinandersetzung mit Chopins Werk, als seltsam traurige Fusion russischer und polnischer Seele, überzeugt The Mazurka Diary aber auf jeden Fall.

30. Juli 2010 16:50 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Ryuichi Sakamoto: Playing the Piano

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Daran, dass Sakamoto einer der ganz großen Musiker und Komponisten unserer Zeit ist, steht längst außer Frage – ob Yellow Magic Orchestra oder seine Zusammenarbeiten mit zahlreichen internationalen Stars, ob remixed, mit Orchester oder wie hier in der minimalsten aller denkbaren Formen nur am Klavier… das japanische Multitalent überzeugt fast immer. Auf Playing the Piano interpretiert Sakamoto eigene Werke (Hauptsächlich Soundtracks, , irgendwo zwischen jazziger Lässigkeit und klassischem, fast romantischem Timbre, das in der leisen, aber hochpräzisen Aufnahme perfekt eingefangen ist. So reduziert wie das Cover, allerdings weniger kantig, eher beiläufig, fast schluffig, nie versucht, sich als Pianogröße zu profilieren (die Sakamoto einfach auch nicht wäre) wirkt die Einspielung, die eine «Greatest Hits»-Collection der ganz anderen Art zeigt. Eher wirkt es, als würde Sakamoto für sich, privat, einige seiner Favorites durchspielen, zwischen Klimpern und Analyse, zwischen Warmup-Fingerübung und Meditation. Es ist spannend, vor allem im Vergleich, wie Ryuichi Sakamoto aus seinen Arrangements die Luft herauslässt, den orchestralen Gestus oder elektrische Exoskelett ablegen kann, und doch durch und durch klare Kompositionen wiedererkennbar bleiben. Dabei erweist sich die Aufnahme als seltsam doppelbödig: Beiläufig aus den Boxen perlend wirkt die Musik fast wie Tafelwasser – unauffällig, unaufdringlich, ein bisschen fad vielleicht, konsumiert und fast wieder vergessen. Mit mehr Konzentration aber, zumal unter Kopfhörern, entwickeln die sparsamen, meditativen Tracks ein Eigenleben, das begeistert. Wobei ohne Frage das grandiose Riot in Lagos der essentielle Track dieses Albums ist, eine mehrspurig aufgenommene, mitreissende Dekonstruktion dieses fast drei Dekaden alten grandiosen elektronischen Songs, der hier filigran und zum Weinen schön wiedergeboren wird. Allein diese eine Nummer wäre den Kauf des Albums wert und neben der schieren Größe dieser Nummer wirken die anderen Songs leider fast ein wenig brav und herkömmlich, was aber eher für Riot spricht und weniger gegen das Album als Ganzes, das durchweg eine reine Freude ist.

5. Mai 2010 21:52 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Philip Glass: Symphony No 7 «Toltec»

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Wenn es so etwas gibt wie den David Byrne der Klassik, dann ist es sicher Philip Glass. Hoch erfolgreich in der Grauzone zwischen Kommerz und ernster Musik unterwegs, macht er eine Art Indiepop-Klassik, die Versatzstücke moderner E-Musik mit einer auch für eher gelegentliche Klassikhörer zugänglichen Harmonik, angereichert mit fast typischen Motiven, Mustern und Gesten, die seinen Kompositionen stets fast so etwas wie einen «Markencharakter» verleihen.

Wie Byrne widmet sich Glass hier der «Weltmusik» und nimmt sich auf Toltec der mittelamerikanischen Kultur in der Zeit um etwa 1000 nach Christus an, unterteilt in drei Sätze, in deren Mittelpunkt die heilige Dreifaltigkeit der toltekischen Wirrarika steht. Aber ehrlich gesagt – ebenfalls wie oft bei David Byrne -, man hört es nicht wirklich heraus, Glass könnte mir die Komposition ebenso gut als Mediation über die Wüste oder Eskimos verkaufen, und nicht ohne Grund ist der dritte Satz insofern vielleicht schlichtweg eine Zweitverwertung bereits bestehenden Materials. Das erste Movement – The Corn – ist eine typische auf- und absteigende Bewegung, mit der epischen Breit, in der Glass sich in seinen orchestralen Arbeiten oft gefällt, ist hierfür ein drastisches Beispiel, bei dem eher lautmalerisch die Bewegung von Wind im Kornfeld spürbar wird. Erst im zweiten Satz The Hikuri wird – aber eben durchaus auch auf eine für Glass typische repetitive Art – so etwas wie ein fast klischeehaftes «Native»-Gesang-Muster spürbar, eine dunkle, bedrohliche Stimmung, deren Gesangsparts aber ebenso gut aus einer Filmmusik-Umdichtung von Orffs Carmina Burana stammen könnten. The Blue Deer, die dritte Bewegung, ist deutlich ruhiger angelegt und arbeitet sich zu einem von Streichern und Bläsern dominierten, für Glass-Verhältnisse etwas stupiden Crescendo empor, um dann sanft auszuklingen.

Dem Bruckner-Orchester Linz unter der Führung des Routiniers Russell-Davies gelingt eine präzise, wenn auch vielleicht nicht ausreichend chirurgische und harte, Interpretation in dieser Live-Aufnahme. Vielleicht hätte der Komposition eine aggressivere Interpretation gut getan, jedenfalls ist das Ergebnis eine geschliffene, epische, hypnotische Einspielung, die sich wieder einmal erfolgreich in einem seltsamen Limbo zwischen «echter» Klassik (was immer das heißen mag) und einer Art Filmscore-Ästhetik bewegt, die Sorte Einspielung bei der der Kopf hier und da ob gewisser Beliebigkeiten und Berechenbarkeiten eher kritisch reagiert, der Fuß aber trotzdem mitzuckt, Ich persönlich bin ein großer Freund der Art, wie sich bei Glass fast elektronisch-minimalistische Strukturen und Formen finden, am deutlichsten in seinen reinen Orgelwerken greifbar, die aber auch in den etwas suppigeren Orchester/Chor-Variationen seiner stets gleichen Arpreggiator-Bewegungen rhythmisch einfach Spaß machen. Umso mehr ärgert es bei The Blue Deer, dass sich Glass auf einen sehr simplistischen Grundrhythmus verlässt, der weder dem ruhigen Charakter des Stückes gerecht wird, noch eine klare Bewegung suggeriert, sondern nach einer Weile eher einfach anstrengt (also nicht anstrengend ist, was gut wäre, sondern ganz banal anstrengt).

Alles in allem sind die kurzen 30 Minuten von Toltec wegen des ersten und zweiten Satzes durchaus einen Kauf wert – sie liefern genau das, was man von Glass erwarten darf und man ist fast eher subkutan enttäuscht, wie glatt Glass diese Erwartungen einfach erfüllt, man würde sich hier vielleicht mehr Mut zu einer Tangente in seiner Evolution wünschen, die über eine Weichspülerversion dessen, was er mit Einstein on the Beach eigentlich bereits spannender abgeliefert hat, hinausgeht, aber natürlich liefert auch Toltec eine wenn auch sanfte Weiterentwicklung von Philip Glass’ tonaler Sprache. Wer Glass mag, wird hier insofern bestens bedient, aber wie bei David Byrne wird man den Beigeschmack nicht los, dass früher eben doch alles irgendwie besser war…

23. April 2010 09:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Katia Labèque: Shape of my Heart

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Nahezu zeitgleich mit der Satie-Sammlung veröffentlicht die eine Hälfte des Labèque-Duos ein Solo-Album, das einen bemerkenswert anderen Charakter aufweist. Katia Labèque präsentiert die Pianistin Seite an Seite mit Stars wie Sting, Chick Koreau oder Herbie Hancock, wobei die beiden Songs mit Sting sicher den Umsatz ankurbeln dürften, aber eindeutig zu den schwächsten Tracks der Einspielung gehören. Shape of my Heart verträgt sich ganz gut mit einer Pianofassung, und zeigt gegenüber der Fassung von Ten Summoners Tales einen gereifteren und direkteren Gesang, wobei Sting einfach zu oft zu stark versucht, besonders «klassisch» und somit leider vor allem besonders theatralisch zu singen, was seine ansonsten großartige Stimme einfach nicht wirklich hergibt und was letzten Endes entsprechend leider nur etwas affektiert wirkt, wo es doch persönlich und intim klingen sollte. Labèques flirrendes Klavierspiel kann von der Profanität der Komposition, die sie hier interpretiert kaum ablenken, die Harmonien sind für ein klassisches Instrument selbst in einem sehr gebrochenen und freien Arrangement zu naheliegend, zu simpel, zu schmierig. Stings Vampirmoritat Moon over Bourbon Street ist noch schlechter geraten und ertrinkt fast in Selbstwichtigkeit, nimmt sich viel zu ernst. Umso wohltuender fällt der Rest des Albums aus, wo Labèque entspannt mit Korea und Hancock herumjazzt, wobei der Hörer eine schöne Gratwanderung zwischen Katias präzisem Spiel und dem deutlich freieren Stil der beiden Jazzgiganten genießen darf, vor allem bei der zur Zeitlupe gefrorenen Fassung von My Funny Valentine. Zwei klassische Stücke von Chopin und Satie machen das Album als eine Art Trojanisches Pferd erkennbar, einen Anthologie, auf der Labèque mit Pop-Crossover anlockt, um dann den Hörer mit verschiedensten Seiten ihrer Arbeit zu konfrontieren – unter anderem auch mit einer Einspielung ihrer eigenen Band, die eine erst gegen Ende wirklich wiedererkennbare Fassung des Tracks Exit Music von Radiohead abliefert. Weitere Coverversionen, unter anderem von John Lennon, und weitere Kooperationen, unter anderem mit David Chalmin und Gonsalo Rubalcaba, runden das Album zu einer eklektizistischen Sammlung ab, die man einerseits sicher zurecht als kühl kalkulierte Marketing-Crossover-Strategie betrachten darf, die hier konsequent neben ihrem Klassik-Publikum auch ein Jazz- und Pop-Publikum abgreifen will, die andererseits aber in ihrer genresprengenden Vielseitigkeit und im Mut zur Interpretation auch zeigt, dass Klassik sich ebenso wie Jazz oder HipHop für Einflüsse öffnen kann und nicht unter einer historisierend-sterilen Käseglocke stattfinden muss, sondern ruhig auch mal andere Luft schnuppern und sich verjüngen kann. Womit Shape of my Heart – sicher auch ganz im Sinne der Labelchefin Katia Labéque – vielleicht eben als eine Art Einstiegsdroge betrachtet werden darf.

2. April 2010 14:36 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Katie & Marielle Labèque: Erik Satie

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Die Labèque-Schwestern sind keineswegs die jungen Nachwuchstalente, nach denen sie auf diesem Cover aussehen, sondern eines der arriviertesten Klavierduos, das man sich denken kann, mit einem armlangen Back-Katalog, prominenten Kooperationen, zahlreichen Orchestergastspielen und so weiter. Die Geschwister, die ihr eigenes Plattenlabel betreiben, um sich von der kommerziellen Marketingstrategie der meisten Plattenfirmen zu befreien, haben jetzt ein Doppelalbum herausgebracht, auf dem sie getrennt und zusammen Satie interpretieren. Was nebenbei gesagt gerade in der vorliegenden Stückauswahl auch bei Sony und Konsorten möglich gewesen wäre, wenn auch vielleicht nicht in diesem manischen Umfang. Die Schwestern nähern sich Saties oft seltsamen Dialogen mit dem Interpreten seiner Komposition, die oft voller kruder Anweisungen sind, zunächst getrennt, um dann zu den vierhändigen Duetts wieder zusammenzufinden. In ihrer Auseinandersetzung mit Satie entfalten die Schwestern einen ganzen Gefühlskosmos, mal träumerisch-süßlich, mal klar und architektonisch, mal wütend und stürmisch – aber immer ein wenig privat und leise, intim, tastend. Die an sich technisch ja meist eher wenig anspruchsvollen Stücke wirken in der etwas kammerigen Aufnahme oft zu muffig und undramatisch, andererseits past dieses Flair natürlich ideal zu Saties kargen Kompositionen, dieses durchaus passende Homerecording-Flair hat ja nicht zuletzt auch Gonzales gut re-interpretiert – die Musik gehört eben nicht in den Konzertsaal, sondern akustisch ins Wohnzimmer, nicht auf den großen Flügel (wiewohl dieses Album auf Steinway eingespielt ist), sondern verträgt durchaus auch den bescheideren Klang eines ganz normalen Klaviers. Bei Sports et divertissements: La Pieuvre zeigt Marielle Labèque, dass Satie alles andere als der Weichspüler-Hintergrund-Komponist ist, als der der Pentatonik-Vorreiter heute leider immer gilt, sondern dass er durchaus sperrige Skizzen und Klangfragmente liefert, die ausgerechnet die als «träumerischer» geltende Marielle zu einer surrealen Farce dekonstruiert, Gerade die Tatsache, dass die Labèques auch unbekanntere Kompositionen in ihre Aufnahme integrieren, macht das Album so reizvoll – nicht nur, weil die Schwestern sich einige lyrische Freiheiten bei der Interpretation der Stücke nehmen (die diese ja durchaus zulassen), sondern auch, weil sie zugleich den verschiedenen Schaffensperioden von Satie gerecht werden und den Cafépianisten-Stil ebenso charmant abliefern wie die ironischen, suchenden Stücke und die neoklassizistischen Strömungen. Alles in allem ist das Album so charmant, eigen, persönlich und auch etwas anders, wie das Cover nahelegt – ein seltsamer, umfassender Monolith, der sich beim tatsächlichen Hören aber katzenhaft klein machen kann und ganz verspielt, anschmiegsam und eigenwillig-kratzbürstig zugleich sein kann.

1. April 2010 10:55 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Glenn Gould: The Essential

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Glenn Gould ist so etwas wie der Kurt Cobain der klassischen Musik – allerdings ein Cobain, der sich nicht verbrannt, sondern über seine gesamte Schaffensperiode rebellisch immer wieder neu erfunden und intellektuell verfeinert hat, der gewachsen ist. Genialistisch, übertalentiert, eigenwillig, eigenbrötlerisch, nicht nur als Pianist, ist Gould eine Ausnahmepersönlichkeit, wie sie vielleicht nur zu perfekt in die experimentellen 60er Jahre passte, in der Literatur, Photographie, Kunst und Musik sich ein einem kurzen Ausnahmezustand redefinierten wie seit den 20er Jahren nicht mehr. The Essential Glenn Gould wird der Vielseitigkeit und dem Output des 1982 verstorbenen Kanadiers nicht wirklich gerecht, es sei denn, man mag Essential mit «Bare Bones» übersetzen. Die Anthologie liefert den bei Gould unvermeidlichen Bach etwas ausführlicher und dann einen kurzen schnellen Ritt durch die Klavierstücke anderer Komponisten von Beethoven bis Strauss und ist als kurzer Einstieg in – oder kompakte Erinnerung an – das Werk von Gould in dieser kurzen Form absolut hörenswert. Zwar ist Gould primär für seine Interpretation von Bach bekannt geworden – und seine analytische Dekonstruktion der Stücke kommt hier am besten zum Tragen, während sie bei etwa Mozart vielleicht eher unpassend wirkt – aber die zweite Hälfte der Sammlung bringt einige der unbekannteren Interpretationen Goulds ans Tageslicht, die nicht immer so hypnotisch sind wie seine bekannteren Aufnahmen, aber im Sinne von «B-Sides» vielleicht sogar spannender als die ja bereits bekannten Goldberg-Variationen. Auf The Essential wird zwar wirklich nur seine Arbeit als Pianist gewürdigt – als Dirigent oder Komponist tritt er auf «The Essential» nicht auf – , aber tatsächlich bekommt ja im Grunde keine Aufnahmen seiner anderen Facetten in die Hand, und aus der Flut von Klaviereinspielungen auf nur zwei CDs zu kommen, ist eine fast unmögliche Reduktions-Leistung. Natürlich geht es primär um den beim Spielen mitsummenden, exzentrischen Klaviermathematiker, der seine Vorlagen einerseits fast telepathisch durchdringt und zugleich mit fast sequencerartiger Präzision zerlegt. Die Schwäche von The Essential ist, dass es die essentielle Gould-Aufnahme eigentlich schon gibt – es ist die Goldberg-Aufnahme von 1955 (nicht nur wegen des brillanten Covers), vielleicht gekontert von der Goldberg-Aufnahme ein Jahr vor seinem Tod aus 1981, die eine Art biographischen Kontrapunkt darstellt. Der Rest dazwischen ist durchaus auch hörenswert, aber eben nicht «Essential». Insofern wäre es vielleicht sinniger gewesen, die Architektur der Werke nicht zu zerschneiden, um ein Best-of im Sinne einer Pop-Band zu erzeugen, sondern als Plattenfirma damit zu leben, dass es in der Klassik keine «Hits» geben kann, nur  oft winzig kleine Re-Interpretationen von Material, die erst in der Zusammenschau ein Ganzes ergeben. Wie bei Keith Jarrett, bei dem jedes Album kaufenswert ist, aber bei dem das Köln-Concert wahrscheinlich eher «essentiell» ist als ein Querschnitt durch viele andere Platten. Oder wie für einen bestimmten Autor ein bestimmtes Buch typischer ist als einzelne Seiten aus zwanzig Veröffentlichungen. Was im Pop – dank der Orientierung an Single-Auskopplungen – halbwegs funktioniert (und auch hier nur hinkend, jeder, der eine Band wirklich mag, wird die Best-Of-Sammlungen meist verabscheuen), wird in der Klassik zum Unfug, nur einen Schritt entfernt von Classic-Light-Radiosendern, die Kompositionen zerpflücken, bis von jedem 90-minütigen Stück nur noch vier Minuten werbetauglicher Wellness-Kitsch bleibt. Ganz so arg treibt Sony es hier nicht, zumal Pianostücke oft leichter zerlegbar sind als orchestrale Kompositionen,  und The Essential Glenn Gould ist den Preis sehr wohl wert, sei es als Einstieg in Goulds Werk oder sei es, um neue unvertraute Seiten daran zu entdecken.

22. Dezember 2009 08:44 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Royal Conzertgebouw Orchestra: Mahler Symphony No.5

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Das RCO in Amsterdam gilt als eines der besten Orchester der Welt und verfolgt bereits seit langer Zeit die aus meiner Sicht goldrichtige Strategie, zentrale Livekonzerte direkt mitzuschneiden und auf einem eigenen Plattenlabel professionell zu vertreiben, darunter auch diese Aufnahme aus Mariss Jansons Mahler-Rundreise. Die schwierige fünfte Symphonie, die laut Mahler «niemand richtig capiert», die aber vor allem mit ihren komplexen Stimmen die Orchestermusiker und mit ihren rhythmische Wechsel schließlich auch den Dirigenten vor eine wahre Herausforderung stellt, wird in dieser hochwertigen Aufnahme zum Genuß.

So modern wie das Artwork – und der gesamte aktuelle Auftritt – des RCO-Albums, so auf der Höhe der Zeit ist auch die Interpretation von Mahlers Fünfter hier, deren extreme Gegensätze und Dissonanzen Jansons zulässt. 1904 in Köln uraufgeführt, wirkt Mahlers Komposition mit ihren scharfkantigen (Aus-)Brüchen und plötzlichen Scharfkantigkeiten immer wie ein Wolf im Schafspelz – was streckenweise wie gefällige «Klassik» wirken mag, nimmt vieles der späteren Avantgarde, der neuen E-Musik vorweg, stets brodelt das große Gefühl und eine unglaubliche Spannung unter selbst den sanftesten Streichern, die unvermutet in brütendes Schweigen wegbrechen oder zu wütenden Klangfontänen eruptieren. Wie Mahler folklore- und marschmusikartige Elemente einwebt, seinen Trauermarsch in den düstersten Tönen entfaltet, um dann wahrhaft stürmisch bewegt in den zweiten Satz zu wechseln, fängt das RCO mit makelloser Präzision ein, niemals krachledern in den lauten Passagen, niemals zu weich oder kitschig, so wie viele andere Orchester versuchen, Mahler zu bändigen. Jansons versteht die harmonischen Spannungen, die tonale und rhythmische Verfugung des Stückes, mit der Mahler nicht nur Inspirationen aus den verschiedensten Quellen saugt – hört man hier und da auch Schönberg und Berg ebenso wie Bach und Wiener Schule durchblitzen? – sondern zugleich auch an den Käfigstäben der Vorstellung von Orchestermusik seiner Zeit rüttelte, um vierzig Jahre zu früh war. Insofern lässt er auch unter weicheren Passagen Vorahnungen, Disharmonien, Färbungen zu, die mitreißend sind und in dieser herausragenden Klangqualität selten auf CD zu hören sind – die Aufnahme dringt mitunter förmlich in das Orchester ein, ohne jemals das Live-Gefühl zu verlieren oder (wie manche Studioaufnahmen) steril zu wirken.

Immer wieder innehaltend, samtig, rauh, chaotisch, einscheichelnd, zögernd, stürmisch geprägt von Zweifeln, Wut, Ängsten und dann am Ende eben doch Hoffnung und Kampfeswillen, scheint das Stück sich vorzutasten, fragmentarisch und doch überwältigend ganzheitlich zu sein, eine fast erzählerische Komposition, die nur zu gut zu Mahlers biographischer Situation Anfang des 20. Jahrhunderts passt, aber auch seine Beschäftigung mit der christlichen Wiederauferstehungsidee zu umfassen scheint, ebenso wie den Willen zu klanglichen Experimenten, zum Crossover verschiedenster Einflüsse zwischen Tradition und Moderne, Volksmusik und Opernhaus, zum Verstehen von Klassik als Extremsport, als Ausdruckskunst, nicht als reine Unterhaltungsmusik. Wie ein Spiegel bietet sich die Fünfte deshalb für die verschiedensten Interpretationen an, ist ein Stück zum Vertiefung und zum Mitfühlen, ein Tableau der Gefühle, eine ganze Semantik möglicher Interpretationen und musikalisch-biographischer Allusionen, insofern natürlich ein Paradies für die musikalische Dramaturgie…  und diese Einspielung ist da keine Ausnahme.

Modern und zeitlos, präzise, aber nicht blutleer, bringt das RCO einen musikalischen Film ins Rollen, einen überreichen Kanon an Bildern und Ideen, einen Strom von Eindrücken, die kaum greifbar sind, weil schon die nächste Assoziation auf den Hörer herabprasselt. Das Concertgebouw Orchster ist mit Mahler historisch immer wieder eng verwebt, und diese Live-Aufnahme wird dieser Intimität mehr als gerecht.

20. Juni 2009 09:59 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Nikolai Tokarev: French Album

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Auf seinem zweiten Album widmet sich das russische Piano-Ausnahmetalent Tokarev Stücken von Rameau, Debussy. Ravel und Franck -Gavotten, Präludien, Arabesquen, die ihm weich und perlend gelingen, darunter auch etwas vorhersehbare Stücke wie Debussys Clair de Lune. Wo andere Pianisten auf relativ harte Hochgeschwindigkeitsmanöver am Flügel setzen, wirkt bei Tokarev alles einen Tick weich, samtig, manchmal fast gedämpft. Für einen Pianisten Mitte 20 ist da eine fast altersweise Sparsamkeit durchzuhören, ein virtuoser Mut zum Nicht-Angeben-Müssen, vielleicht weil Tokarev sich bei endlosen Pianofestivals bereits als technologischer Könner der Oberliga etabliert hat. Diskret ist das Wort, das einen bei Tokarevs Anschlag am ehesten durch den Kopf geht. Diskret im Sinne von unauffällig, beherrscht und zurückhaltend, Gentlemenlike, wenn man will. Diskret aber auch im Sinne von unterscheidbar und trennbar, denn Tokarev nutzt – anders als viele Kollegen – die Dynamik des Flügels von den sensibelsten, hingehauchten Noten bis zum vollen Anschlag aus. Das klingt dann oft weniger modern und kalt als andere Pianisten, tut den Stücken, die Tokarev sich ausgewählt hat, aber absolut wohltut, das Ergebnis ist eine seltsam altmodisch klingende Einspielung, die ornamentalen Reichtum und eine fast bürgerliche Spielweise kombiniert. Tokarev dekonstruiert nicht, er konstruiert, er baut – das durchaus abgegriffene Clair de Lune hat man selten so filigran, transparent und fast zögernd gehört, dabei aber trotzdem nicht leicht und duftig, sondern mit einer gewissen Schwermütigkeit, die immer wieder trotz so scheinbar leicht perlender Stimmung auf dem gesamten Album durchschlägt. Das French Album (und dem Titel merkt man an, das Sony Tokarev international pushen will) ist beileibe kein perfektes Album, aber für ein zweites Album eines so jungen Pianisten vielversprechend. Mir selbst ist sie einen Hauch zu konventionell, zu lieb, zu wenig ambitioniert, sie hört sich zu gut weg… im Grunde mag ich Pianisten mehr, die Ecken und Kanten haben, weniger perfekt sind, weniger perfekt sein wollen. Das French Album ist eine Platte, die nirgendwo aneckt, die einen Hauch gefällige Konsensmusik abliefert, die man zu gut auch bei Rotwein und Kerzenlicht hören kann, die durchaus kontemplativ ist und phantastisch gespielt, die aber eben auch ein klein wenig wegsülzt, nicht zum aufpassen und mitdenken einlädt, weil sie zu wenig Haken schlägt. Wobei ich sicher bin, dass sich das live relativieren dürfte – Studioklassik ist ohnehin immer einen Hauch zu perfekt und tot.

17. Mai 2009 22:07 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Helene Grimaud: Bach

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Das hier wird nicht leicht – normalerweise lasse ich die Finger davon, öffentlich aufzuschreiben, was ich zu meinen Jazz- und Klassik-Sachen denke. Pop ist so viel einfacher, weil ich da auf einen Hintergrund zurückgreifen kann, Verbindungen verstehe, Fäden sehe. Klassische Musik, und eigentlich auch Jazz, sind fremde Orte für mich, unerlernte Orte, die ich zwar seit Jahren besuche, wo ich mich aber immer wieder verlaufe und kaum auskenne. Ich höre alle Musik wie Pop – also intuitiv. Und das ist für normale Musik okay, aber selten für Klassik-Reviews. Ich will das ein wenig ändern, weil ich sonst selbst hier – und das Blog ist ja wenig mehr als ein Notizbuch – meine Erinnerungen verzerre und mir selbst die Chance nehme, eben auch über die Klassik-Scheiben nachzudenken… und das tut man seltsamerweise, wenn man darüber schreibt, ganz anders, als wenn man nur hört. Im Formulieren entdeckt man bewusst andere Seiten der Musik. Warum sollte ich das nur mit Popmusik tun? Im vollen Bewusstsein, mich gründlich zu blamieren und meiner Ignoranz auch noch eine öffentliche Bühne zu geben – mehr als sonst schon -, werde ich also ab jetzt vorsichtig auch ein paar Klassik/Jazz-Sachen hier reinpacken. Es ist – wie beim Pop auch – alles andere als ein echter Review, sondern einfach nur ein persönliches Reagieren auf Musik und insofern, in diesem Falle nur eben noch mehr, fehlerhaft.

Seit einigen Jahren wird der kommerzielle Klassikmarkt, fest in den Händen weniger großer Label aufgeteilt, wie Pop behandelt. Zwar süßlicher, kitschischer verpackt als Rock und Pop, eben vermeintlich zielgruppenaffin, aber doch mit klaren Starstrukturen, gut aussehenden jungen Talenten, die mit enormen Marketingaufwand gepusht und dann in die großen Arenen gezogen werden – ob diese Verwertungsstrategien der Musik als solches oder gar den Stars selbst wirklich gut tun, sei dahingestellt. Als Musiker hast du in der Klassik nicht die gleichen Möglichkeiten wie in den anderen Bereichen, dich zu entwickeln, selbst zu komponieren, dich auszudehnen. Im Pop ist es eher normal, eigene Kompositionen zu spielen, in der Klassik eher nicht – und so werden die Starpianisten, -streicher und -sänger durch das verkaufbare Repertoire gehetzt, spielen sich durch die Werkskataloge, um für die Backlist und für die Tourneen Material zu haben. Hélène Grimaud ist eines dieser fast beängstigenden Hypertalente, trotz inzwischen 38 Jahren hochphotogen,  die von der Universal-Tochter Deutsche Grammophon so perfekte Marketingpolitur erhält, dass man sich scheut, sie ernst zu nehmen. Umso wütender und entschlossener klingen ihre Bach-Einspielungen, fast gehetzt jagt sich Grimaud durch die legendäre c-Moll-Prélude und -Fuge. Furios wütende Spannungen zwischen laut und leise und ein dabei paradoxes, fast Gould-esques Flair mechanischen und etwas gefühlslosen Spiels, bei dem man das Gefühl nicht los wird, einem dampfbetriebenen Spielautomaten zuzuhören, der mit dem Stakkato eines Stummfilmpianisten die zu schnell ablaufende Handlung eines Harold-Lloyd-Films begleitet. Positiv formuliert also ist Grimaud trotz etwas halligem Sound und gerade in den leisen Passagen einem Gefühl von zuviel Pedalarbeit seltsam respektlos vor Bach, schält eine innere Härte und Mathematik der Musik heraus, entmystifiziert und säkularisiert und arbeitet so aus dem vermeintlich Sakralen und Erhabenen der vertrauten Kompositionen (die zum großen Teil aus dem Wohltemperierten Klavier stammen) eine moderne Kälter heraus, die wenig dazu einlädt, sich unter Kopfhörern zu kuscheln. Zwar gibt es «weiche» Nummern, wie etwa das C-Dur-Präludium, aber selbst hier setzt Grimaud klirrende, rasante Akzente, die allerdings noch verträglich sind zu der wütenden Geschwindigkeit, in der sie das d-Moll-Präludium zerpflückt. Wo andere Pianisten – was ja durchaus auch schön sein kann – auf weiche Akzente und Gefühl setzen, baut Grimaud eine Leistungsschau auf, in der Anschläge präzise wie computergesteuert sitzen und in der eine lichte klare Härte die Musik durchdringt – eher Le Corbusiers Sainte-Pierre als die Bach-Kirche in Arnstadt. Atemlos und stählern, hallig und dennoch stumpf wie ein Faustschlag wirken die Präludien und Fugen unter Grimauds Händen – sicher ungewohnt, sicher kalt, aber nach etwas einhören vielleicht gerade dadurch frisch und unpiefig, zumal Grimaud sich durch einen irgendwie ungebürstet und etwas willkürlich erscheinenden Katalog von Bachs eigenen Bearbeitungen, aber auch Interpretationen von Busoni, Rachmaninow oder Liszt arbeitet. Das verleiht dem Album einen etwas sprunghaften Eindruck, der umso seltsamer wird durch den plötzlichen Gegensatz zu den etwas süßlicher wirkenden d-Moll-Konzert für Klavier und Orchester, fast transluzent zurückhaltend eingehüllt von der Kammerphilharmonie Bremen, die Grimaud präzise und überaus unaufdringlich begleiten. Auf Busonis Chaconne in d-Moll fährt Grimaud von extrem schlanken, fast pointillistischen Tontupfern zu monströsen stählernen kantigen Klangskulpturen auf und so gewinnt die Romantikexpertin auch Bach ein Gefühl der gequälten Seele ab, ein fast wütendes Suchen nach dem ursprünglichen Klang in Bachs Musik. Das gibt dem Album eine Strenge, die weitab von besinnlicher Schmuse-Wellness-Klassik ist (als die man das wohltemperierte Klavier zu oft hört) und schält einen skulpturalen, filigranen und doch aus solidem Stahlbeton bestehenden Entwurf heraus, der nicht immer gefällt – und auch nicht gefallen will – aber auf jeden Fall meist beeindruckt. Für eine kommerzielle Starpianistin immerhin ein bemerkenswerter Ansatz, Bach und seine Interpretationen juxtapositioniert zu re-interpretieren, zu dekontextualisieren, neu zusammenzusetzen, Brücken zu bauen und eine allzu vertraute Musik schreiend und klirrend in die Gegenwart zu zerren, urban zu machen. Das unmögliche Unterfangen, etwas Neues in Sachen Bach zu liefern, ist hier vielleicht nicht durchgehend gelungen, aber zumindest engagiert versucht.

17. April 2009 10:12 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 7 Antworten.

Gonzales: Solo Piano

Diese 2004 in Paris von dem Exil-Kanadier Jason Beck alias Gonzales nach seinem Umzug von Berlin nach Paris (und von Kitty Yo zu Universal) aufgenommene Platte ist ein seltsames Stück. Nicht nur weit weg von dem gewohnten Sound von «Chilly Gonzales». Nachdem er mit seltsamen Hiphop-Crossover, Remixes, Produzent und als Multiinstrumentalist bei verschiedenen Projekten mitwirkte, ist Solo Piano eine Studie in Sachen Minimalismus. Aus einem normalen Klavier eingespielt, nicht Flügel, mit einer eher bescheidenen analogen Aufnahmequalität, wirkt das Album wie eine bewusste Kehrtwende weg vom elektronischen Sound. Mit dieser Mischung ist er nicht ohne Grund in diesem Jahr sowohl solo als auch mit Freund Mocky einer der vielen mehr als hörenswerten Gäste beim Donaufestival.

Solo Piano dürfte die Geister scheiden. Nicht nur wegen des mulligen, sehr warmen Klangs, dem es an Obertönen und Klarheit fehlt – auch weil die Musik ebenso warm und einlullend ist. Gonzales hat wenig Scheu, auf diesem Album oberflächlich etwas süßlich-belanglos zwischen Satie, Keith Jarret, Yanni Tiersen und vielleicht auch noch Richard Claydermann zu irrlichtern. Die Kompositionen sind niemals wirklich bissig, immer eher naiv, und das Tastenspiel hat eine langsame, suchende Qualität, die Lichtjahre hinter der Virtuosität anderer Pianisten zurückliegt. Auf der anderen Seite haben die Stücke eine beiläufige Ruhe, eine Introvertiertheit, einen naiven Charme, der glaubhaft ist. Wie bei Piano-CDs so oft und so oft unvermeidlich, ist die Platte etwas an der Grenze zur Entspannungsmusik, Rotweinsound, dieses traurigschöne melancholische Ding, das so schnell ins süßliche kippen kann. Aber die lo-fi-Aufnahme und die offenbare Suche nach Klängen, die Gonzales betreibt, machen die Sache glaubhaft, ebenso die augenzwinkernden Titel, deren leiser, urbaner Humor sich in die Songs schummelt. Es ist Gonzales gelungen, tatsächlich eine Platte zu machen, die Heimweh und zugleich einen Hauch Pariser Nachtflair einfängt, einen Soundtrack ohne Film zu machen.

Die Stücke klingen zackig durchgeplant, kleine Miniaturen, Stilleben. Grenzwandelnd zwischen jazzigen und klassischen Anschlägen, oft mit fast kleinkindartigen Melodiebögen, oft nur noch einen Hauch vom Kitsch, vom Allzuharmlosen entfernt. Die Kompositionen sind so irreführend leicht und eingängig, dass man sie allzuschnell unterschätzen kann, allzu schnell in den Amélie-Topf werfen würde. Dabei ist es nur eine neue Form der Bescheidenheit, die hier Regiment führt. Von «Gonzales über alles», wie Chilly sein Debut nannte, ist hier nicht mehr viel zu spüren. Solo Piano folgt stockenden Akkorden und perlenden Melodien, durch ein Flair von Herbstwind und Stummfilm-Grauschleier, durch Rotwein in der Nacht und Kaffee und Toast zum Frühstück. Die Sorte Musik, die dich dazu bringt, über die wichtigen Dinge reden zu wollen oder einfach zu schweigen und zuzuhören.  Es ist eine unerhört intime Platte, deren Bittersweetness man sich nach einigem Hören einfach ergeben muss, die wenig von Jarrets intellektueller Schärfe aufweist, sondern eher wie persönlich für dich kurz eingespielt klingt, die eine unerhörte Ehrlichkeit hat, wie ein Liebesbrief von Jason Beck an dich.  Jedes Stück ist ein, wie das Inlay-Poster nahelegt, kleiner Schattenriss eines größeren Songs, eine minimale Skizze, ein Blueprint, in dem alles wichtige gesagt und angelegt ist. Solo Piano ist eine bescheidene, Genregrenzen überschreitende Aufnahme, die man unbedingt haben sollte.

28. März 2007 07:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . 3 Antworten.


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