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Adam Baldych & The Baltic Gang: Imaginery Room

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Dass ACT sich inzwischen in Sachen schönes Cover-Artwork und phantastischer Musik zu einem echten Konkurrenten von ECM mausert, ist lange kein Geheimnis mehr – und das Klangspektrum ist oft weiter gespreizt als das von ECM, die oft eben bei einem spezifischen Label-Sound bleiben. So auch diese Produktion, die für ACT ungewohnt auf Jazz-Geige setzt, beschwingte Eigenkompositionen des jungen polnischen Ausnahmesolisten Adam Baldych, der hier mit einer atemberaubenden Besetzung frischen Wind in den oft zu gleichen Jazzsound wirbelt. Nach den Balkan-Beats also Balkan-Jazz? Jein. Denn natürlich geht es hier mit mehr Feuer zur Sache als vielleicht beim skandinavischen Einsamkeits-Jazz, die Musik will nicht nur deinen Kopf, die will auch deinen Bauch, die ist groß besetzt und so gut gespielt wie emotional, hier geht es um die große Geste, nicht ums Understatement. Von der Klischee-«Ostblockjazz»-Geige ist Baldych aber Lichtjahre entfernt, hier ist nicht volkstümlich, sondern eine präzise, klare Maßarbeit, deren Gefühl aus dem Können kommt, nicht aus dem Gesülze. Gerade wenn man denkt, sich am modernen Jazz und seinen klammen Experimenten einerseits und toten Sphärenklängen andererseits sattgehört zu haben, kommt so ein Album daher, macht alles gleich und dennoch alles anders, distanziert und dann nahbar, so durch und durch global – da blitzen skandinavische Weiten auf, ungarischer Puls und irgendwo auch der Herzschlag von NY oder London, das gepflegte Urbanrostige unter de Chrom – und vor allem so wunderbar unverkopft. Ein europäisches Album, das sich liebevoll vor der großen Jazzlegende USA verneigt.

16. August 2012 14:04 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Robert Glasper Experiment: Black Radio

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Wie diese Platte einordnen? Jazz? Soul? HipHop? Pop? Robert Glasers fünftes Album ist gespickt mit Stars der schwarzen Musikszene, groovt streetjazzy wie Buckshot LeFonque und dreht dann plötzlich in Richtungen, die sämtliche Genregrenzen endgültig wegfegen. Ein bisschen zu aufgesetzt produziert, too much computersounds, einen Tick zu studio-professionell, dafür aber eben auch mit unfassbar klarem Sound ausgerüstet, ist bei Black Radio nicht jeder Track gut, oft eine dicke Schicht zu glatt und beiläufig, zu «Radio» eben, das Album als Ganzes ist aber mit seinen verqueren, oft kaum wiedererkennbaren Cover-Fassungen und Glaspers stets abendberaubend im Hintergrund fluide wirbelnden Pianophrasen eine wahre Freude.

1. Mai 2012 10:23 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Dakota Suite: The Hearts of Empty

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Chris Hooson und seine Dakota-Suite-Crew produzieren ihre Alben schneller, als man sie kaufen kann. «The Hearts of Empty» ist noch gar nicht so alt, da steht schon «the side of her inexhaustible heart» bereit, wenn auch noch nicht bei iTunes verfügbar. Auf «The Hearts of Empty» präsentieren die Zeitlupenmusiker von Dakota Suite ausgesprochen jazzig, die in nur wenigen Tagen eingespielte Platte weht durch den Raum wie eisiger Wind, verhallt, entfernt und doch schneidend. Die reduzierten, betont einfachen Kompositionen sind dabei allerdings alles andere als echter klassischer Jazz, sondern Jazz gefiltert durch Hoosons Ohren, melancholisch, verloren, eine Art Twin-Peaks-Soundtrack, der niemals verwendet wurde. Die Tracks sind so reduziert, dass sie fast Loops sein könnten, Darlings Cellofragmente etwa, über die fast nur noch die Drums Leben hauchen. Es ist ungemein mesmerisierende Musik, seidig und geschmeidig, wie dahin driftender Schnee oder gefrorene Flüsse, eine Klanglandschaft, die fast nicht vorhanden ist, in der immer wieder vertraute Motive aus dem Nebel ragen, in einer seitlosen, verlorenen Zugfahrt entlang der Küste und durch brachliegende Industrie-Innenstädte, durch Schnee und Regen. Ein Minimum an Elektronik und Ambientsounds reichert die 14 Tracks dieses Slowcore-Soundtracks an, der so ausgesprochen gut zum Wetter draußen passt. «The Hearts of Empty» ist eine wunderbare Platte, ein zu Musik geronnenes Stück Depression, eine Musterübung an Reduktion und Langsamkeit, die «meditativ» zu nennen freundlich untertrieben wäre. Es gibt sicher noch einige weiter verinnerlichte Alben, aber es sind sicher nicht sehr viele.

27. November 2011 21:21 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Kate Bush: 50 Words for Snow

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Prägnanter könnte der Gegensatz zu Stings Selbstinszenierung zum 25. Solo-Jahrestag kaum sein: Kate Bush, die auf immerhin rund 33 Jahre seit der Veröffentlichung von «The Kick Inside» zurückblickt, bringt nach rund sechs Jahren ein neues Studioalbum heraus – dicht nach dem «Director’s Cut» alter Tracks von «Red Shoes» und «Sensual World». Nicht ganz so alt wie ihr britischer Kollege, aber immerhin auch über 50, ist Bush eine Figur, ohne die heutige Singer/Songwriterinnen nicht denkbar scheinen. Ob die offensichtliche Epigonin Tori Amos oder auch Zola Jesus oder Florence Welch… die von Bush vorgelebte Fusion von künstlerischer Freiheit und kommerziellen Erfolg war (und ist) wegweisend für Art-Pop oder Pop-Art oder wasauchimmer. «50 Words for Snow» ist vor diesem Hintergrund ein bemerkenswert bescheidenes zehntes Album in einer langen und langsamen Karriere. Während Catherine Bush auf dem phantastischen Doppelalbum «Aerial» mitunter noch die Freuden des Hausfrauenalltags zu besingen schien, hat sie sich auf «Snow» offenbar der Stille und Introspektion verschrieben. Das Album wirkt kammermusikalisch, still. Phantastisches Piano, die unkaputtbare Stimme von Bush, ein Minimum an Percussion, Sounds, Electronic, Backgrounds – mehr braucht es nicht für ein Album, für das eben Tori Amos wahrscheinlich töten würde. Dem Thema angemessen, ist es ein kühles, distanziertes Album, das man sich erobern muss, so weit abseits von Pop, wie Bush vielleicht niemals zuvor war, so nah am Konzeptalbum wie selbst mit «Aerialist» nicht. Denn tatsächlich dreht sich nahezu jeder Song um Schnee und Kälte, um Yetis und verschneite Seen. Es ist das Album zur Jahreszeit und die vielleicht beste Weihnachtsplatte, die man sich wünschen kann. Wunderbar authentisch und makellos aufgenommen, weht ein seltsamer Wind von Brian Eno-artiger Reduktion durch das Album, eine kühle Traurigkeit, perfekte Kopfhörermusik. Mitunter kann das Schneethema auch etwas anstrengen, etwa wenn Elton John (ausgerechnet) als Gast-Vokalist auftritt oder der grandiose Stephen Fry tatsächlich durch 50 fiktive Worte, die Bush sich für Schnee ausgedacht hat, gezwungen wird, wofür die grandiose Instrumentierung aber mehr als entschädigt bei diesem einzigen etwas kräftigeren Titel des Albums, der ein klein wenig an die früheren Parallelen zwischen Peter Gabriel und Bush erinnert. «Snow» ist ein delikates, und mit Sicherheit hochexzentrisches Album, das du entweder haßt oder liebst. Ich liebe es – es ist ein mutiges, konzentriertes, seltsames, schillerndes kleines Meisterwerk völlig außerhalb des Mainstreams, eine Platte die atmet und pulsiert und die zu keinem Moment wirkt als hätte Bush noch Touren oder Charts nötig oder würde einen Dreck um Plattenlabel oder Erfolg geben – mit anderen Worten, es ist reinste, purste Musik ohne doppelten Boden. Was will man mehr?

24. November 2011 20:22 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Eddie Gomez and Cesarius Alvim: Forever

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Die Puertoricanische Basslegende Eddie Gomez und der aus Brasilien kommende Pianist Cesarius Alvim feiern auf Forever sozusagen eine 20-jährige Freundschaft und schenken den Zuhörern ein abgeklärt-entspanntes Album mit zeitlosem Duojazz, teils selbst komponiert, teils Klassiker neu interpretiert. Das Album besticht mit perlendem Barjazz, der oft gefährlich gefällig an der Dinner-Begleitmusik entlang schrammt, aber immer durch die Virtuosität der beiden Musiker scheint und elegant schimmert. Insbesondere Gomez besticht durch einen kraftvollen, immer präsenten Bass, der selten nur begleitet, meist um die Pianonoten herumtanzt und nicht nur in Solos durch Tempo und Fingerfertigkeit besticht, ohne jemals wirklich aufdringlich zu wirken. Alvim besticht mit präzisem, aber doch sehr laid-back klingendem, das gerade in den improvisiert klingenderen Passagen bei aller sonstigen Samtigkeit doch energetisch und viril klingen kann. Verblüffend ist, wie selten sich die beiden Interpreten dem «Groove»-Klischee ihrer Heimat hingeben, statt dessen präsentieren sie einen meist sehr urban klingenden Jazz, der eher nach Paris oder New York im Schnee in einer warmen Bar klingt als nach Brasilien. Sparsam, fast pointillistisch malen Gomez und Alvim ihre Klangbilder, die alles in allem eine sehr homogene und sehr angenehme Platte ergeben, die nun den Jazz zwar nicht neu erfindet, aber trotzdem ein großer Genuss ist. .

29. Januar 2011 20:02 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Ketil Bjørnstad: Rememberance

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Das norwegische Universaltalent Ketil Bjørnstad legt zwei Jahre nach The Light wieder mit Triobesetzung, aber mit zwei anderen Partnern (Tore Brunborg am Saxophon und dem Drummer Jon Christensen) eine neue Platte vor, wie immer geschmackvoll bei ECM produziert und verpackt, wie immer der bei ECM etwas erwartbare Sound, der irgendwo zwischen Esoterik und Anspruch zuhause ist, aber das Publikum nicht vergrault. Leicht nostalisch wie der Titel vermuten lässt ist auch die Musik, getragen von dem seufzenden Saxiophonklängen, dem perlenden Piano und den Lichtakzenten des Schlagzeugs, federleicht und poetisch, so lyrisch, dass es mitunter schon einen Hauch zu soft und rund wirkt. «Rememberance» ist ein unfassbar gediegenes Album, Es ist tatsächlich fast nur Christensen, der sich auf unzähligen ECM-Alben so problemlos in den Schatten zu stellen versteht, der hier herausragt und aus den sanft dahinfließenden Flüssen von Bjørnstad und Brunborg silbrig zuckende Fische zu angeln versteht, weil er über den oft allzuruhigen Melodieinstrumenten seltsamerweise eine Art permanentes, begleitendes Solo zu spielen versteht. Er ist der einzige Störfaktor in all der Harmonie, wenn er mit Cymbalblitzen in die meditative Ruhe blitzt und funkt, dass es eine Freude ist. Wie so oft bei ECM – und wie bei einem Trio von norwegischen Ausnahmejazzern vielleicht auch zu erwarten – hat die Musik etwas zerklüftetes, einsames, natürliches, dieses Feeling, das halt so viele Alben dieser Machart auszeichnet. Es ist ein herausragendes Herbst- und Winteralbum, der Soundtrack zu wehenden Blättern und Schneeflocken, von eben dieser vielleicht auch etwas zu einfachen Melancholie, die Pianofetzen und Saxophonschluchzen unweigerlich ergeben. Ein so unzynisches Album verlangt tatsächlich einen gewissen Mut, zumal es (eben mit Ausnahme von Christensen) weitestgehend auf virtuose Mätzchen verzichtet oder sich anstrengt «modern» zu wirken. Es ist durch und durch eines dieser mitunter etwas austauschbaren, aber eben auch wunderschönen minimalistisch-opulenten ECM-Jazz-Alben, die nicht viel mehr wollen und sollen, als dich als Zuhörer mit auf eine kleine, kurze Reise zu nehmen. Es ist im besten Sinne Musik, die gefallen will und die sich nicht schämt, emotional zu sein, eine Art smarte Popmusik im Jazz, ein bisschen berechenbar, aber trotzdem immer wieder einen Besuch wert. Es ist bemerkenswert, wie sehr ECM als Label nicht nur über die Dekaden einen durchgehenden Look etabliert hat, sondern diesen emotional aufgeladenen Minimalismus, diese mystische Ruhe, auch in den musikalischen Gesamtkatalog integriert hat. «Rememberance» ist dabei keine Ausnahme und insofern unweigerlich ein guter Kauf.

31. Dezember 2010 00:23 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Keith Jarret / Charlie Haden Jasmine

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Als relaxtes Kamingespräch unter Freunden darf man sich «Jasmine» vorstellen – wobei diese Freunde zwei der besten, altgedientesten Jazzgrößen sind, die sich seit inzwischen 40 Jahren kennen. Entsprechend klingt «Jasmine» nach gutem Wein oder Whiskey, vielleicht aber auch nach MIlchkaffee und Chai-Tee – jedenfalls entspannt, gemütlich, ein Dialog von zwei Musikern, die sich unaufdringlich die Bälle zu werfen, die sich nichts zu beweisen haben. Obwohl Jarrett schon vom Instrument her natürlich dominanter ist und beherzt und oft bei aller Flüssigkeit auch mit kleinen Kantigkeiten frei improvisierend durch die Standards tanzt, begleitet von einem leicht atonalen Gould-esquem «Gesang», schafft erst Haden mit seinem melodischen, unfassbar stoischem Bass ein Fundament für Keiths Wanderungen. Es ist tatsächlich so, wie die kongenial-minimalistische Zeichnung auf dem Cover suggeriert – zwei Felder, die nicht so einfach sind wie sie auf den ersten Blick scheinen mögen, eine große Schnittmenge, aber auch Bereiche, die außerhalb dieser Gemeinsamkeit liegen, und die nicht minder spannend sind. Jarrett, der depressive Freigeist und Haden, der in den letzten Jahren ja häufiger den samtigen, sanften Tönen entgegen neigt, laufen auch oft auseinander, scheinen in Diskurs zu geraten, um dann plötzlich wieder aufs wunderbarste zusammenzufinden, ineinander zu münden. Im Gegensatz zum Piano erweist sich der Bass selbst in Meisterhänden wie denen von Charlie Haden nur bedingt als langfristig spannendes Soloinstrument, und so ist es natürlich in erster Linie ein Piano-Album, aber Haden bekommt viel Freiraum für eigene Wanderungen, die Jarrett nur mit einigen hingehauchten Akkorden begleitet. Bei weniger stellaren Partnern würde das Album nicht selten sicher mit dem Bauch am Seichten entlangschrappen, aber den beiden Veteranen gelingt das Kunststück, einen offenen, leicht zugänglichen Jazz zu zaubern, der mitunter nach Bargeklimper klingt, es aber nie wirklich ist, der handwerklich famos, nahezu symbiotisch funktioniert. Das Ergebnis ist ein für Jarretts Verhältnisse beschwingt-leichtes Album, das fast schwerelos zu sein scheint.

2. Dezember 2010 10:10 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Chris Gall Trio feat ENIK: Hello Stranger

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Der Ausnahmepianist Chris Gall beweist mit seinem Trio, dass Jazz zur Fusion mit jedem Genre in der Lage ist. Der erste Songs «Eins plus Eins» verschmilzt die Harmonielogik und den Druck von Independent Music mit jazziger Intelligenz und Rhythmik, das Ergebnis ist eine mitreissende, tanzbare Aufeinanderschichtung von Elementen, die dreidimensional im Raum stehen, wo eine einfache Hookline zu einem improvisierten rechtshändig hingerotztem, fast bluesigem Solo ausufert, wo Schlagzeuger Peter Gall alles andere als die jazzige Zurückhaltung übt, sondern den Song druckvoll nach vorne bringt. Der Opener setzt den Standard für das ganze Album, das leichtfüßig zwischen Triojazz, Pop und Alternativeattitude tanzt, wenn etwa Sarah eine Strophe mit klassischer Jazztaktung hat, im Refrain aber plötzlich in schnelle 4/4 wechselt und losrockt. Man hört Gall an, dass der in zahlreichen Projekten aktive Musiker sich in seiner eigenen Gruppe einfach auch einmal austoben will, verschiedene persönliche Einflüsse mit all ihren Brüchen gegenüberstellt. Insofern ist «Hello Stranger» sicher nichts für Jazzpuristen, nichts für Freunde eines verkopften Jazz, den man wie einen Berg erklettern muss – vielmehr hat das Album die Attitude eines sehr guten Popalbums, im Mix der Stücke, im Mix zwischen Gesang und Instrumental, in der ganzen Emotionalität. Chris Gall scheint den Frack des ausgebildeten klassischen Pianisten mühelos abzustreifen und sich in die Röhrenjeans zu werfen, ohne sich dabei unter Wert zu verkaufen. Im Gegenteil, das Experiment eines tanzbaren Jazz funktioniert gerade, weil die Virtuosität aller Beteiligten zu jedem Moment absolut greifbar ist, nichts heruntergeschraubt wird, nichts reduziert. Diese Idee von Fusion wird an der Stimme des Münchener Sängers Dominik Schäfer alias Enik greifbar, die einen Bruch zur Musik zu erzeugen scheint, eine Schwebung – Enik ist weit entfernt von den smooth-kantenlosen Gesangsphrasierungen der meisten Jazzsängerinnen und -sänger. Irgendwo zwischem weißen Soul, Electropop und klassischem Alternative tobt er sich über der Musik aus, scheinbar in einer eigenen Atmosphäre schwebend, nur mit dünnen Nylonfäden an die Songs gebunden, klingt mal nach Bowie, mal unverortbar, oft so, als würde er intuitiv, improvisiert über die Musik singen, als würde er seine Stimme frei und offen in das Lied einbringen, wie ein Instrumentalist das eben auch tun würde, Das Multitalent kann seine Vorliebe für das genrefreie Experiment hier schön ausleben, Pop und Jazz von den jeweiligen Sockeln kippen und etwas neues aus den Scherben zusammenkleben, etwa beim Titeltrack «Hello Stranger», der vielleicht nicht ganz zufällig massiv an die Beatles erinnert – wenn die Beatles Herbie Hancock als Mitglied gehabt hätten. «You fit perfect to me» beginnt mit einem frickeligen Bela-Lugosi-Beat, liefert fast so etwas wie Rap-Gesang, steigert sich sich zu einer nahtlosen Vermischung aus Rock und Jazz, die so makellos ist wie das Cover des Albums, das in seiner rotschwarzweißen Ästhetik und dem Photo von Dean Bennici der beiden Protagonisten im Popstar-Look irgendwo zwischen Schweizer Minimalismus und den White Stripes angesiedelt ist. Wer also hier die Platte nach dem Cover kauft, wird auf keinen Fall enttäuscht sein – «Hello Stranger» ist ein herausragendes, energiegeladenes, gefühliges, ruppiges, kämpferisches und umwerfend lebendiges Album, das man unbedingt haben sollte.

6. November 2010 13:59 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Bleu: Strong Relation

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Eine interessante Instrumentenkombination vereint das Trio Lorenz Raab, Ali Angerer und Rainer Deixler,die ihren Sound auf Drums, Percussion, eletrischer Dulcimer, Tuba und Flügelhorn aufbauen und damit weit entfernt sind von der klassischen Triobesetzung im Jazz. Experimentell wie die Besetzung ist auch der Sound der österreichischen Band, die einen souveränen Brückenschlag zwischen avantgardistischeren Jazz-Tönen und einer sehr weichen, fast popaffinen Entspanntheit schlägt. Die Dulcimer sorgt für osteuropäische Klangspektren und und spannende Sequenzen, die Tuba ersetzt auf den ersten Blick den gewöhnlichen Bass, wirkt aber durch ihre fast subkutan andersartigen Klanqualitäten für einen willkommenen Bruch in der Struktur, die Drums sind feinfühlig und modern-reduziert bis an die Grenze einer Art menschlicher Drummachine – und der junge Ausnahmetrompeter Lorenz Raab kann sich auf diesem Gerüst auf Trompete und Flügelhorn entfalten, dass Nils Petter Molvaer große Augen machen dürfte. Spielfreudig gehen die drei Herren in der Bandbreite von «fast schon zu esoterisch» bis «anstrengend» alle Nuancen ihrer Möglichkeiten durch und langweilen dabei keine Sekunde. Raab ist vielleicht einen Hauch zu überpräsent, ab einem gewissen Punkt ist das freie Solo eines Flügelhorns an sich nicht mehr spannend, egal wie gut es gespielt ist, da wäre weniger etwas mehr. Die Abfolge des introspektiven Inside Her Belly und Uhudler, einer kakophonisch anmutenden Klangmontage von Drums und Tuba, die fast widerwillig zu einem Song heranzuwachsen scheint, macht die Bandbreite von Bleu greifbar, die mühelose Juxtaposition verschiedener Stile, die Neugier, mit der die Musiker sich entdecken. Strong Relation ist eine musikalische Reise durch eine Landschaft, die mal meditativ stimmt, mal zum Tanzen einlädt, mal dramatisch winderzerzaust ist, aber nie ungastlich wirkt, auch nie in allzu ECM-iger Introspektion versinkt. Ungewöhnlich instrumentiert, mit einem grandiosen Gespür für Groove und Timing, zeigen sich Bleu auch auf dem dritten Album mit dem Mut, immer haarscharf am allzu mainstreamigen vorbeizuschrammen und kratzbürstig zu bleiben. Es ist ein seltsamer, vielleicht sogar etwas österreichischer Gestus zwischen intellektueller Zu-Ernsthaftigkeit, einem Touch Größenwahn und reichlich interpretatorischem Humor, der sich hier manifestiert – und das Ergebnis ist eines der wenigen Jazzalben, dass nicht mehr oder minder vorbeiperlt, sondern das immer wieder «Hier! Hinhören!» zu rufen scheint und Aufmerksamkeit verlangt. Und dann vor allem auch verdient.

31. Juli 2010 10:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Pat Metheny: Orchestrion

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Seit Mike Oldfields Tubular Bells ist klar, dass der eigentliche Traum jedes Musiker die eigene technologische Vervielfältigung ist. Was Oldfield mit Mehrspur-Dubbing-Technik als Pionier erreichte, oder James Thirlwell auf seinen manischen Foetus-Alben mit Synclavier und anderen Sampling-Techniken, bringt Pat Metheny jetzt in eine ganz andere Richtung, die fast Steampunk-Format hat. Orchestrion klingt nach allem anderen als einem Solo-Album, ist aber präzise das. Was im Hintergrund wie ein perfekt swingendes, sanft zusammenspeilendes Ensemble klingt, das in makellosen Grooves um die Gitarre des Meisters swingt, ist in Wirklichkeit ein Sammelsurium von antiquiert wirkenden Pumpen, Schlächen, Seilzügen, Motoren und anderen pneumatischen und mechanischen Vorrichtungen, die die diversen Instrumente bedienen. Wie ein altes Pianola hat sich Metheny ein Kunstspiel-Orchester geschaffen, eine automatisierte Band, die, wie er selbst sagt, den Begriff des «Solo-Albums» in eine ganz andere Dimension katapultiert. Die Idee der im 18. Jahrhundert aufkommenden künstlichen Orchester hat Metheny mit High-Tech-Mitteln weitergedacht zu einer Lösung, die nicht nur atemberaubend aussieht, sondern auch so klingt. Wer etwa bei Expansion hört, wie da Vibraphon und Percussion sich in Clustern und Soli austauschen, der kann kaum glauben, dass hier ein Automat spielen soll.

Die herkömmliche Logik einer Ensemble-Jazzplatte ist, dass die meist überragenden Musiker eines Quartetts, Quintetts, Sextetts und so weiter sich in ihrer Virtuosität in der Improvisation gegenseitig anspornen. Metheny belegt hier das Gegenteil, bei ihm wird das Studio selbst zum Mit-Musiker und in der mechanischen Reproduktion seiner Arrangements spiegelt sich kein kongenialer Partner, sondern nur die Multiplikation von Metheny selbst. Es ist – übertragen -, als würde ein einziger Schauspieler geklont alle Rollen in Warten auf Godot selbst spielen… und als würde die Sache nicht das erwartbare Fiasko ergeben, sondern in einer furios meisterhafte Performance münden. Metheny, dem elektrischen Experiment immer zugeneigt, hat ja auch konsequent mit Loops und Synth-Sounds gearbeitet und macht hier eine seltsame Abduktion, die den Charme antiquierter Spieluhren mit dem SF-Touch von Künstlicher Intelligenz vermählt. Die Vielzahl der seltsamen Erfindungen, die Metheny um sich versammelt, und für die er maßgeschneidert komponierte, ist im Booklet auf einigen der Photos zu erkennen und berauschend in seiner «analogen» Ästhetik, eine grandiose Verschmelzung von High- und LowTech.

Die daraus entstehende Maschinenmusik brilliert in teilweise so filigranen, feinen Strukturen, kann aber auch mit mathematischer Präzision unmenschlich saubere Läufe und Figuren hervorbringen, die nur der virtuoseste Musiker in dieser Makellosigkeit reproduzieren könnte. Das Roboterorchester ist freilich nicht so inspiriert wie vielleicht von Menschenhand gespielte Instrumente, und sicher würde dieses Album mit der Metheny-Group nicht schlechter, vielleicht sogar besser klingen, aber die Dynamik und Präzision und … Beschwingtheit, mit der hier Pumpen und Seile die diversen Instrumente bedienen, ist auch jenseits des schieren Jahrmarkt-Experimentes atemberaubend. Selbst wenn man nicht weiß, WIE diese Musik entstanden ist, kann man sich dem Bann der federleichten, komplexen und langen Kompositionen nur schwer entziehen, die vielleicht entgegen der a-sozialen Entstehung unglaublich offen, fröhlich, entfesselt und kommunikativ klingen. Der Battle der Talente fehlt dem Ganzen und so wird die Selbstbespiegelung von Pat Metheny zu einem seltsamen Erlebnis, in dem die Mannschaft der Star ist, und zwar im doppelten Wortsinne, weil der Star eben auch die Mannschaft ist in diesem Fall. In diesem Universum ist jeder Stern Metheny selbst, und während Oldfield noch geradezu vorführte, wie viele Instrumente er beherrscht, mit endlosen Solostimmen, scheint Metheny das eher verbergen zu wollen und präsentiert ein geschlossenes Ganzes, das selten eitel auf die eigenen Möglichkeiten hinweist. Es ist fast atemberaubend, wie Metheny als Schaltmoment in diesem Maschinenpark frei und lebendig improvisiert und in den komplexen, abwechslungsreichen Kompositionen immer seinen Weg findet, ein Give-and-take der Musiker mit dem Solisten simuliert.

Es ist ein egozentrisches Album, ein seltsames Experiment, ein Abenteuer, ein Kinderspielplatz, auf dem es zwitschert und zirpt, wo Flaschen wie von Zauberhand Melodien spielen und inmitten dieses Maschinenparks sitzt fast verloren der Peter Pan, aus dessen Hand dieses Roboterorchester Leben schöpft. Orchestrion ist insofern ein Zeugnis des eigenen Spieltriebs, auch des eigenen Genies, soviel Eitelkeit darf sein, ein Spiegelzimmer, in dem sich Metheny grandios und überzeugend selbst multipliziert, und das bei aller Eitelkeit, die ein solches Projekt auch haben darf und muss, vor allem neugierig und forschend scheint, Werk eines Musikers, der sich nach all den Jahren und Erfolgen immer noch austoben und entdecken möchte, der Virtuose ist und von dieser Virtuosität auch etwas gelangweilt nach neuen Möglichkeiten sucht, nach der Wand, an der er vielleicht auch endlich aufklatscht und scheitert. Nur dieses Album ist sicher nicht die Wand, an der Metheny zerschellt – im Gegenteil. Der Vergleich mit einer «echten» Band gilt nicht, in dieser Konstellation hat Metheny reichlich eingespielt, warum noch eins mehr machen – und als Experiment, musikalisch wie mechanisch, ist Orchestrion schlichtweg atemberaubend. Ein viriles, vor Leben strotzendes Album eingespielt von Computern und Maschinen und einer menschlichen Spinne im Zentrum ihres Netzes, die all diese federleichte melodische kompakte Musik in harter Kleinarbeit geschrieben, arrangiert, programmiert hat, ohne dass man der Musik die Anstrengung jemals anmerken würde. Die höchste Kunst eines Zauberers ist, das Leichte schwer und das Schwere leicht wirken zu lassen – und diesen Kunstgriff meistert Metheny hier ohne jeden Makel, ganz bei sich, ganz nach sich selbst klingend. Reiner und zugleich vielseitiger kann man es sich kaum vorstellen.

7. Juli 2010 10:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Ulrike Haage: Le Pianoscope

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Was ich zunächst an diesem Album absolut nicht verstehe ist das Artwork. Ulrike Haage hat vor gut 12 Jahren mit dem grandiosen Cover von Hunger (zusammen mit Katharina Franck) so guten Geschmack bewiesen, warum ist Le Pianoscope jetzt die Sorte Kitschbild, die ich eher mit einer Meditations-CD für 4,99 € assoziieren würde? Niemals hätte ich diese Platte nach dem Cover gekauft. Dabei ist das 2009er Album von Haage keineswegs so spoken-poetry-meets-samples-modern wie Hunger oder andere Alben von ihr, aber auch keineswegs der Kaffee-und-Kuchen-Kitsch, den das Cover befürchten lässt. Die 27 für Film erstellte Skizzen auf dem Album, allesamt zwischen kaum einer bis zu drei Minuten lang, sind so großartig wie man das von einer der kreativsten deutschen Musikerinnen und Komponistinnen erwarten würde – und vor allem wieder anders und unerwartet. Da flirrt eine Harmonie aus Casablanca durch den Raum, da greifen einsame Töne nach Luft, da flirrt eine jazzige Hookline an dich heran und ist wieder weg – alles wirkt luftig, lyrisch, ein bisschen allein. Haage, die von Mainstream-Pop bis zum fast unzugänglichen Alternative alle Stilarten durchhat, Hörspiele produziert hat, kommt hier mit einem angenehm an Keith Jarrett erinnernden Sound, der von sorgsam gefügten Kompositionen bis zu fast frei improvisierten Fragmenten reicht, die weder so recht echt Klassik noch Jazz sein wollen, die mal am einsam im Raum stehenden Klavier eingespielt scheinen, mal elektronisch-minimalistisch, mit Spieluhren und E-Piano-Sounds. So gelingt ihr der Balanceakt eines abwechslungsreichen und durchaus spannenden Albums, das zugleich fast stillzustehen scheint, fast meditativ ruhig ist. Wie viele Pianoalben von Musikern, die nicht vollwertige Klassik-Solisten sind, ist auch Le Pianoscope keine Parforcejagd durch die Möglichkeiten des Instrumentes, ganz im Gegenteil scheint das spielerische Können fast unwichtig, zentral ist die Lässigkeit, die Leere, die Stille zwischen den Tönen. Es gibt sicher Alben, in denen sich der Musiker noch mehr zurücknimmt als hier, aber es sind nicht viele. Anders, aber im Endeffekt ähnlich wie David Sylvian bei Approaching Silence, erfindet Haage hier eine Form, in der sie zugleich unsichtbar, oder doch transluzent zu werden scheint und dabei gleichzeitig intensiver denn je im Mittelpunkt steht. Sie entdeckt in der Naivität die Weisheit, im Schweigen die Andeutung von Vielsagendem – und nähert sich so, ohne jemals Kitsch zu produzieren, einer wirklich lyrischen Erzählform, einer Klangpoesie – so abgegriffen der Begriff ist -, die mehrfaches Hören belohnt und wieder eine neue und doch vertraute Facette dieses Multitalents zeigt.

18. Mai 2010 10:07 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . 5 Antworten.

Ryuichi Sakamoto: Playing the Piano

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Daran, dass Sakamoto einer der ganz großen Musiker und Komponisten unserer Zeit ist, steht längst außer Frage – ob Yellow Magic Orchestra oder seine Zusammenarbeiten mit zahlreichen internationalen Stars, ob remixed, mit Orchester oder wie hier in der minimalsten aller denkbaren Formen nur am Klavier… das japanische Multitalent überzeugt fast immer. Auf Playing the Piano interpretiert Sakamoto eigene Werke (Hauptsächlich Soundtracks, , irgendwo zwischen jazziger Lässigkeit und klassischem, fast romantischem Timbre, das in der leisen, aber hochpräzisen Aufnahme perfekt eingefangen ist. So reduziert wie das Cover, allerdings weniger kantig, eher beiläufig, fast schluffig, nie versucht, sich als Pianogröße zu profilieren (die Sakamoto einfach auch nicht wäre) wirkt die Einspielung, die eine «Greatest Hits»-Collection der ganz anderen Art zeigt. Eher wirkt es, als würde Sakamoto für sich, privat, einige seiner Favorites durchspielen, zwischen Klimpern und Analyse, zwischen Warmup-Fingerübung und Meditation. Es ist spannend, vor allem im Vergleich, wie Ryuichi Sakamoto aus seinen Arrangements die Luft herauslässt, den orchestralen Gestus oder elektrische Exoskelett ablegen kann, und doch durch und durch klare Kompositionen wiedererkennbar bleiben. Dabei erweist sich die Aufnahme als seltsam doppelbödig: Beiläufig aus den Boxen perlend wirkt die Musik fast wie Tafelwasser – unauffällig, unaufdringlich, ein bisschen fad vielleicht, konsumiert und fast wieder vergessen. Mit mehr Konzentration aber, zumal unter Kopfhörern, entwickeln die sparsamen, meditativen Tracks ein Eigenleben, das begeistert. Wobei ohne Frage das grandiose Riot in Lagos der essentielle Track dieses Albums ist, eine mehrspurig aufgenommene, mitreissende Dekonstruktion dieses fast drei Dekaden alten grandiosen elektronischen Songs, der hier filigran und zum Weinen schön wiedergeboren wird. Allein diese eine Nummer wäre den Kauf des Albums wert und neben der schieren Größe dieser Nummer wirken die anderen Songs leider fast ein wenig brav und herkömmlich, was aber eher für Riot spricht und weniger gegen das Album als Ganzes, das durchweg eine reine Freude ist.

5. Mai 2010 21:52 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Katia Labèque: Shape of my Heart

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Nahezu zeitgleich mit der Satie-Sammlung veröffentlicht die eine Hälfte des Labèque-Duos ein Solo-Album, das einen bemerkenswert anderen Charakter aufweist. Katia Labèque präsentiert die Pianistin Seite an Seite mit Stars wie Sting, Chick Koreau oder Herbie Hancock, wobei die beiden Songs mit Sting sicher den Umsatz ankurbeln dürften, aber eindeutig zu den schwächsten Tracks der Einspielung gehören. Shape of my Heart verträgt sich ganz gut mit einer Pianofassung, und zeigt gegenüber der Fassung von Ten Summoners Tales einen gereifteren und direkteren Gesang, wobei Sting einfach zu oft zu stark versucht, besonders «klassisch» und somit leider vor allem besonders theatralisch zu singen, was seine ansonsten großartige Stimme einfach nicht wirklich hergibt und was letzten Endes entsprechend leider nur etwas affektiert wirkt, wo es doch persönlich und intim klingen sollte. Labèques flirrendes Klavierspiel kann von der Profanität der Komposition, die sie hier interpretiert kaum ablenken, die Harmonien sind für ein klassisches Instrument selbst in einem sehr gebrochenen und freien Arrangement zu naheliegend, zu simpel, zu schmierig. Stings Vampirmoritat Moon over Bourbon Street ist noch schlechter geraten und ertrinkt fast in Selbstwichtigkeit, nimmt sich viel zu ernst. Umso wohltuender fällt der Rest des Albums aus, wo Labèque entspannt mit Korea und Hancock herumjazzt, wobei der Hörer eine schöne Gratwanderung zwischen Katias präzisem Spiel und dem deutlich freieren Stil der beiden Jazzgiganten genießen darf, vor allem bei der zur Zeitlupe gefrorenen Fassung von My Funny Valentine. Zwei klassische Stücke von Chopin und Satie machen das Album als eine Art Trojanisches Pferd erkennbar, einen Anthologie, auf der Labèque mit Pop-Crossover anlockt, um dann den Hörer mit verschiedensten Seiten ihrer Arbeit zu konfrontieren – unter anderem auch mit einer Einspielung ihrer eigenen Band, die eine erst gegen Ende wirklich wiedererkennbare Fassung des Tracks Exit Music von Radiohead abliefert. Weitere Coverversionen, unter anderem von John Lennon, und weitere Kooperationen, unter anderem mit David Chalmin und Gonsalo Rubalcaba, runden das Album zu einer eklektizistischen Sammlung ab, die man einerseits sicher zurecht als kühl kalkulierte Marketing-Crossover-Strategie betrachten darf, die hier konsequent neben ihrem Klassik-Publikum auch ein Jazz- und Pop-Publikum abgreifen will, die andererseits aber in ihrer genresprengenden Vielseitigkeit und im Mut zur Interpretation auch zeigt, dass Klassik sich ebenso wie Jazz oder HipHop für Einflüsse öffnen kann und nicht unter einer historisierend-sterilen Käseglocke stattfinden muss, sondern ruhig auch mal andere Luft schnuppern und sich verjüngen kann. Womit Shape of my Heart – sicher auch ganz im Sinne der Labelchefin Katia Labéque – vielleicht eben als eine Art Einstiegsdroge betrachtet werden darf.

2. April 2010 14:36 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Philipp Nykrin: Common Sense

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Philipp Nykrin hat ja qua Geburtsort – Salzburg – die Musik sozusagen schon fest im Blut und mit Common Sense jetzt sein zweites Album vorgelegt, gemeinsam mit seinen Kumpanen Herbert Pirker am Schlagzeug, Andi Tausch an der Gitarre und Jojo Lackner am Bass. Es ist schwer, der klassischen Jazzquartett-Besetzung noch neue Facetten abzugewinnen, aber Nykrins Kompositionen merkt man bald an, dass der Pianist auch in Soul- und HipHop-Formationen Erfahrungen sammeln konnte und dass vor allem auch Tauschs Gitarre in diesem Kontext fast unsichtbar funktioniert, alles andere als die übliche Jazzgebimmel-Softness abliefert, sondern fast wie ein Synthesizer fungiert, dezent das zentrale Trio unterstützend. Nykrin und Co holen aus ihren Möglichkeiten ein Maximum an Bandbreite heraus, klingen streckenweise wie drei vier verschiedene Bands. Brooklyn Bound etwa wippt federleicht groovend vorwärts, gibt vor allem Pirker Raum für charmante Shuffle-Details uns schöne HiHat-Details. Überhaupt nutzt das Trio die Möglichkeiten der kleinen Besetzung exzellent aus und schon im Intro macht Lackner mit tief brummenden Bass-Sounds (unterstützt von minimalistischen Synth-Details) klar, dass er eine ganz eigene Stimme in dieser Besetzung entwickelt, ebenso wie Pirker dazu neigt, sich Nykrins Vorgaben zu eigen zu machen und zu reinterpretieren. Der Titeltrack ist dann eine ganz sparsame, fast klassische Jazznummer, die sich leicht nach vorn tastet, aufbaut und einen wunderbaren Reichtum entwickelt, thematisch zu mehrfachen Hören einlädt. Einen Hauch von E.S.T., aber gebremst, salonfähiger, kann man da durchhören. Not Yet beginnt als hingehauchte Klavierskizze, so simpel wie Nykrins Portrait auf dem Cover, HipHop in E zeigt dafür eine grandios sperrigere Seite, mit einem recht stumpfen Beat, leichten Synthtupfern, und einem rhythmisch faszinierenden Piano/Bass-Geflecht, das nur noch dem Namen nach HipHop ist, aber auch keineswegs mehr reiner Jazz – was immer das sein sollte. Nykrin und seine beiden Mitstreiter fusionieren also ganz postmodern, wie sich das für guten Jazz ja gehört, ihre Einflüsse, ihre Inspirationen und Inputs, zu etwas Neuem, das glücklicherweise zugleich smart und intelligent klingt, keineswegs nur reines Jazzgeklimper ist, andererseits aber auf der Höhe der Zeit und mit genügend Pop getränkt, um einfach auch Spaß zu machen. Die dekonstruktiven Breaks in den Stücken, die architektonisch-experimentelle Konstruktion der Tracks sind keine selbstverliebten Experimente, sondern erschaffen die Musik scheinbar in Echtzeit und dienen ihr stets, halten die Dinge in einem Schwebezustand, wo hinter jeden neuen Ecke eine andere Überraschung warten kann. Das Ergebnis ist ein zeitgemäßer Jazz, der weder zu verkopft noch zu banal ist, sondern genau die richtige Mischung für verdammt gut hörbare Musik abliefert.

31. März 2010 13:07 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Keith Jarrett: Testament

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Keith Jarrett lebt – durchaus nicht im negativen Sinne gemeint – seit Jahren im Schatten seiner legendären Köln-Konzerte, die ein frühes Testament seiner unglaublichen Improvisationsgabe ist, die ihn über zwei Stunden zum Kapitän eines im Kurs grundsoliden und doch in diesem Kurs recht freiflottierendes musikalisches Dampfers macht, mit einem staunenden Publikum an der Reling, das die Sehenswürdigkeiten bewundern darf. Obwohl Jarrett seit 1976 einen umfassenden und wahrhaft inspirierten Output hatte, wird er nach wie vor an diesem Konzert gemessen – und mag entsprechend diesen Vergleich mit der Vergangenheit gar nicht, wollte das Album gar einstampfen lassen.

Nach der großartigen Einspielung Radiance und dem Carnegie Hall Concert legt Jarrett nun ein umfangreiches Dokument von zwei Konzerten vor, die unter dem Eindruck der Trennung von seiner zweiten Frau Rose Anne entstanden (für die er erst vor wenigen Jahren The Melody at Night with you einspielte), und die vor allem «Testament» des Überlebenswillens dieses Ausnahmemusikers sind, der zunehmend so klingt, als würde er sich mit jedem Konzert höhere Ziele setzen, historischer denken.

Das fast dreistündige Einspielung zeigt Jarrett in großer Form, suchend, sinnierend, tobend, jeden Ton auskostend, stets balancierend zwischen mitunter ans Süßliche reichender Harmonie und assoziativer freier Klangfolgen, wobei diese beiden Gegensätze so nahtlos verzahnt sind, dass in einer einzigen Sequenz Sehnsucht und Schmerz greifbar wird, eine weiche Harmoniefolge unerwartet im Raum gefriert, in dystopische Schwärze getaucht wird, in klirrenden Einzeltönen zerspringt und sich in der Einsamkeit des Konzertsaals verliert. Jarrett irrlichtert zwischen fast neutönenden Experimenten, baut aber ebenso lustvoll babylonisch pompöse Türme auf, so glatt und gekonnt, dass einem manchmal Zweifel an der Improvisation kommen mögen. Die Arbeit, die in einem solchen Konzert stecken muss, körperlich wie emotional, ist im Laufe der beiden Sessions deutlich hörbar, die Energie und Konzentration, die Jarrett hier bändigt, ist mehr als beeindruckend, ebenso wie die Bandbreite von Einflüssen aus Klassik, Jazz, Folkmusik und Popharmonien, die sein Spiel befeuern.

Das vielleicht atemberaubendste an diesen Live-Aufnahmen ist – am ehesten vergleichbar mit Live-Aufnahmen von Jimi Hendrix – einem Ausnahmemusiker und Virtuosen beim Eintauchen in seine intimste Essenz beiwohnen zu dürfen, einem ungemein eleganten, fast makellosen und dabei hochexplosiven und persönlichen Ausloten eigener Grenzen, einem grandiosen Stream of Consciousness in Form von Musik. Zugleich macht Testament deutlich, wie sich Keith Jarrett eben sei dem Köln Concert weiterentwickelt hat, vielseitiger, raffinierter geworden ist. Die Konzerte in London und Paris mögen nicht so legendär werden wie Köln, ausdrucksstärker, intensiver, anstrengender, vor allem auch narrativer sind sie allemal. Jarrett ist von einem reinen Virtuosen zu einem Poeten geworden, der am Instrument seine eigenen Dämonen exzorziert, um das eigene Weitermachen kämpft und dabei eine so fesselnde Klavieraufnahme produziert hat, dass jeder «herkömmliche» Pianist an dieser alle Meßbarkeit und Einordnung sprengenden Individualität und Sperrigkeit scheitert. Andere mögen besser spielen, aber niemand ist so bei sich, so expressiv, so eigen wie Jarrett – der wieder beweist, dass die Personalunion von Komponist und Pianist (und dies in einer ad hoc Situation) kaum zu übertrumpfen ist.

22. März 2010 18:38 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Nils Petter Molvaer: Hamada

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Nils Petter Molvaers aktuelles Album Hamada ist namentlich entweder eine japanische Hafenstadt am japanischen Meer oder (wahrscheinlicher) eine Felswüste – und seltsamerweise passen beide Assoziationen, die Weite des Meeres und das japanische Fischertreiben ebenso wie die Einsamkeit der Sahara passend, das fließende Wasser ebenso wie die Scharfkantigkeit der Felssplitter. Molvaer gelingen einerseits flirrende Klangwolken von fast transluzenter Leichtigkeit, durch die seine minimalistischen Trompetenfetzen wie leere Echos hallen, skizzenhafte Nicht-Lieder wie etwa Lahar, Monocline Revisited Manacline oder Anticline, die im endlosen Zen-Loop laufen könnten und fast ironisch wie fernöstliche Entspannungsmusik aus dem Wellness-Kaufhaus klingen. Fast ton- und variationslos erzeugen die Aufnahmen beim konzentrierten Hören eine seltsame Introspektion, eine tiefe Isolation und Regression, die im scharfen Kontrast steht zu der aufgewühlten, wütenden Aggression von einem Stück wie Cruel Altitude, vielleicht dem gelungsten Song des Albums, in dem Drummer Audum Kleive den Zuhörer brutal an die Wand schmettert und die scheinbare gleichförmige Sanftheit von Molvaers Musik einem musikalischen Juggernaut, einem atemberaubenden und faszinierenden Moloch weicht, der ehrfurchtgebietend ist. Irgendwo zwischen Filmsoundtrack, Mogwai und Wall of Noise verortet, erhebt sich Altitude zu einer fast variationslosen Anstrengung, deren reine schiere Körperlichkeit unfassbar, anstrengend, atemberaubend ist. Hier ist nichts mehr lieblich und Molvaers gleich einem sterbenden Delphin flirrende Trompete versinkt hilflos atonal in einem Meer verzerrter Gitarren und explosiver Schlagzeugarbeit. Zwischen diesen Extremen, zwischen kühler Fata Morgana und erdrückender Gluthitze bewegen sich Tracks wie das sanft perlende Sabkah und das dynamisch treibende Friction, die wie Brückenmodule für eine ausgesprochen ausgeglichen unausgeglichene Aufnahme sorgen und den Verdacht kompositorischer Willkür beiseite fegen – Hamada ist ein  Konzeptalbum erster Güte, vertonte Extremerfahrung, eine expressionistische Tour de Force, die zwischen Unterstimulation und Overkill virtuos zu wechseln vermag und zeigt, dass in Molvaer viel mehr steckt als der Sanftjazzer der Khmer-Zeiten. Hatte man bei den letzten Alben die Angst haben dürfen, Molvaer ruhe sich auf seinen Chill-Crossover-Ruhm aus und werde in Schönheit sterben, macht Hamada klar, dass hier noch eine Menge Energie und Überraschung zu erwarten ist und jede Kategorisierung von Molvaer selbst energetisch vom Tisch gefegt, eigentlich eher weggesprengt wird. Ein Album mit wenigen Schwächen, eines in den Fußstapfen von E.S.T. und einer (hoffentlich) Vorahnung von Dingen, die da noch kommen mögen – mit etwas Glück also vielleicht Molvears ganz eigenes Revolver.

2. Dezember 2009 21:15 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Ands Sheppard: Movements in colour

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So breitgefächert wie die Namen Kuljit Bhamra, Eivind Aarset, John Parricelli und Arild Andersen als Mitstreiter auf diesem Studioalbum des Saxophonisten Andy Sheppard vermuten lassen ist auch tatsächlich die Klangwelt von Movements in Colour. Sheppard, der hier nach Jahres des Dienstes bei Jazzlegende Carla Bley sein ECM-Debut hinlegt, produziert Musik, die in ihrer uneinzuordnen Einordbarkeit eben perfekt zum Label ECM passt – smarten, federleichten und doch erdigen Jazz, der verkopft ist ohne kopflastig zu wirken.Tabla-Spieler Bhamra peitscht das Ensemble mit organischen Grooves nach vorne und schafft die Kohärenz, die das Quintett für Improvisationen braucht. Kluge Harmoniewechsel, ein geschickter Wechsel zwischen einschmeichelnden Motiven und auch mal fast schneidenden Soliklängen von Tenor und Sopransaxopho, die auf den ästherischen Klangwolken von Basser Andersen und dem ECM-Veteranen Aarset (Gitarre) schweben machen den 14-minütigen Opener La tristesse du roi zu einer phantastischen Nummer, die programmatisch für den Rest des Albums ist, das einen schwerelos durch Regenpfützen gleitenden Soundtrack präsentiert, meist eher melancholisch (Ballarina, May Song), aber durchaus mit Silberstreif am Horizont. We Shall Not Go To Market Today hat eine fast tanzende Qualität, geprägt von einer Gumboots-fröhlich daherschwingenden Gitarre. Sheppards Saxophon ist mitunter zu einschmeichelnd, zu weich, zu maniriert, zu wohlerzogen und sanftmütig, zu zivilisiert. Ein bisschen mehr Testosteron, ein bisschen mehr Unzugänglichkeit und Kantigkeit hätte dem Album hier und dort nicht geschadet, die Musik läuft leicht Risiko, im Hintergrund zu verschwinden, ein weicher Teppich zu werde, in dem Details einfach versacken. Dies ist sicher kein Jazz, der irgendjemanden vergraulen will, sondern eine federnde liebevolle Geste, eine Band, die sich im Spaß an der eigenen Spielfreude fast verliert und damit bestens an Sheppards Where we Going erinnert, vielleicht mit einer Prise mehr Garbarek/Molvaer-Touch. ECM eben. Mit mehrfachem bewußten Hören gewinnt das Album zusehends an Größe und Resonanz und entpuppt sich als liebevolle tonale Puzzlearbeit, die das überraschende Moment im Detail versteckt und die vor allem trotz vieler Downtempo-Tracks eine unerhörte positive Wärme ausstrahlt und Spaß macht.

14. September 2009 20:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Nomo: Ghost Rock / Invisible Cities

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Nomo kommen eigentlich aus Michigan, aber ihre Musik ist unverortbar. Das seltsame Geflecht aus mathematisch präzisen Rockelementen und frei flottierenden Jazzimprovisationen, gemischt mit Fela-Kuti-Afrobeat-Flair ergibt eine seltsam hypnotische, laszive Textur, die bei allen verortbaren Vorbildern doch ganz eigen wirkt. Synkopische Beats, Hornarrangements und flirrende Syntheziser verweben sich zu einem fliegenden Teppich, der bei All The Stars beispielsweise mit einem noisy gefilterten Synthgebilde anfängt, um dann fast bei einem entspannten 70er-Straßen-von-San-Francisco-Beat zu landen. Entsprechend ist jeder Song eine Reise, die durchaus auch mal Längen und Langeweilen haben kann, insgesamt aber immer einen lohnen Trip ergibt, Rings etwa ist ein Song in dem zugleich alles und nichts passiert, der aufpeitscht und beruhigt zugleich und dem man eine hypnotische Kraft nicht absprechen kann. Jeder Song des Albums – das treibende Ghost Rock, das absolut herausragend funkige Last Beat, wirklich jeder – ist zugleich fast luftdicht arrangiert und doch schaumig, sphärisch, offenporig und atmend geblieben. Der Mix aus (Kraut-)Rock, Funk und Afro ergibt ein fast orchestrales, geerdetes aber eben doch nicht von dieser Welt wirkendes Klangmonster.

Auf Invisible Cities – einem während der Ghost-Rock-Sessions und in folgenden Liveauftritten eingespielten Album – treibt die sechsköpfige Band um Elliot Bergman ihre Reise in eine leicht andere Richtung, ohne den ursprünglichen Flugplan dabei ganz aus den Augen zu verlieren. Mitunter mag man trotz klarer Ghost-Rock-Anklänge wie etwa in Crescent kaum glauben, dass Invisible eine Art Sequel sein soll: deutlich spürbarer werden die selbstgebastelten Percussiontools in den Vordergrund gerückt, eine wortlose Stimme mischt sich in einem Song in die Beats, der Jazz ist greifbarer, die fast improvisierte Entstehung von Songs aus Themen und Riffs wird fast transparent für den Hörer, Musik scheint aus der Luft gebaut zu werden, bis druckvolle imposante Klangskulpturen entstehen, denen man sich kaum entziehen kann. Das Moondog-Cover Bumbo wirkt rauher und improvisierter, fast ein Blasinstrument-Battle, bei Elijah hört man Sun Ra durchschimmern, der Titeltrack des Albums bringt die eigenartige Mischung der band aus Afrogroove, komplexen rhythischem Pattern, klingelnden Sounds und gigantischen Hornblower-Sätzen auf den Punkt. Dabei ist vor allem überraschend, dass die architektonisch eben stets doch sehr smarte Musik niemals kopflastig oder bleiern wirkt, sondern immer in erster Linie Tanzlaune aufkommen (Waiting) lässt und in jeder Hinsicht Spaß macht.

7. September 2009 07:00 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Anna Ternheim: Leaving on a Mayday

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Das «Leaving» im Titel ist wörtlich zu verstehen – die schwedische Sängerin Anna Ternheim hat dieses Album in New York aufgenommen und läßt nicht nur ihre skandinavische Heimat hinter sich, sondern auch ein Stück ihres alten Sounds. Mit der großen Stadt kommt auch ein größerer Sound auf, der bereits ihr letztes Album prägte. Seltsamerweise erinnere ich mich an Interviews, in denen Ternheim an diesem melodramatischen kommerziellen Strings-and-Drums-Teppich für ihre Lieder Kritik äußerte und zudem einige Tracks bewusst abgespeckt mit Gitarre und Klavier anbot… wieso dann auf dem nächsten Album noch einen Schritt weitergehen und eben streckenweise völlig auf die Gitarre verzichten? Von den Jazz-/Folkanklängen ihrer alten Alben ist nicht mehr viel übrig, die Musikkulisse erinnert – zum Guten wie zum schlechten – an Marc Almond, da wird gegeigt und getrommelt, was das Zeug hält und das nicht immer zum Vorteil der Komposition. Erst im vierten Stück gewinnt das Piano langsam die Oberhand wieder, obwohl auch hier eine fast hektische Grundstimmung herrscht.

Erst ab No I don’t remember scheint es eine Art B-Seite des Albums zu geben, einen deutlichen Bruch, in dem die Gitarre zurückkehren darf, immer noch von Streichern, Keyboards und (etwas dezenteren) Drums begleitet. Summer Rain bringt einen Ruhepunkt in das Album, ohne den Zuckerguß der Überproduktion und das erste Mal hat man das Gefühl, die Stimme der Sängerin wieder hören zu können, das erste Stück, das authentisch klingt. Auch Losing you, Off the Road (mit etwas so grundsympathischen wie Spielfehlern auf der Gitarrenspur!)  und das finale und massiv nach dem ersten Album klingenden Black Sunday Afternoon klingen einen Hauch Band-orientierter, nicht so sehr für Orchester gemacht. Es ist , als wolle die Sängerin bewusst auch ihr altes Publikum mitnehmen, niemanden vergraulen. Hey schaut, ich bin immer noch das Mädchen, das zur Zupfgitarre singt.

Anna Ternheim bleibt der bipolaren Stimmung ihrer Musik treu, die sich schon auf dem zweiten Album andeutete – ihre düsteren Songs packt sie mal in eine kleine Besetzung, mal in das große Exoskelett eines deutlich bombastischeren Sounds. Das hat ein bisschen etwas von «für jeden etwas dabei», was meist bedeutet, dass für niemanden wirklich etwas dabei ist – die Musik wirkt nicht (wie etwa bei Björks ja auch nur auf Strings und synthetische Drums reduzierten Homogenic-Album oder wie bei den frühen Portishead, die auch größtenteils aus Beats’n'Strings bestanden) entschieden und eindeutig, obwohl sie es bei dieser ungewohnten Besetzung ja durchaus sein könnte, sondern eher abgeschliffen und brav. Keines der Lieder – und hier unterscheidet sich Leaving on a Mayday dramatisch von den beiden Vorgängeralbem – bleibt bei aller Qualität im Kopf hängen, trotz aller Mühen und der opulenten Kraft von Schlagzeug und Streicherkaskaden bleibt die Angelegenheit etwas farblos. Was tanzbar sein soll, geht in zu eindimensionalen Arrangements unter, was Gefühle wecken soll, erstickt im Zuckerguss. Kaum einer der Songs auf diesem Album hat die Blümchentapete-Behandlung verdient, die ihm Björn Yttling hier zuungute kommen lässt. Es gibt auf Youtube eine Vocals-only-Version von Summer Rain, die drastisch deutlich macht, das dieser eh zu den besseren Songs des Albums sein auch in einem innovativeren Arrangement großartig hätte sein können, indem man einfach die Produktion drum herum wegnimmt, was sicher nicht im Sinne des Erfinders ist…

Die Stimme, am Ende, reisst es natürlich heraus. Ternheims mal kindlich-naive, mal rauchig-laszive Stimme, die die strukturell stets etwas gleichen Songs zusammenhält, veredelt, rettet, verzaubert, erzählt, nöhlt, wispert und kann sich auch in den lauten Stücken halbwegs durchsetzen. Es ist verständlich, dass Ternheim ihre stets etwas selbstidentischen Kompositionen durch Änderungen der Produktion, der Einbettung, zu erweitern und variieren versucht – und der Versuch ist ehrenwert und richtig. Generell ist es natürlich gut, dass Anna Ternheim sich bisher mit jedem Album einen Hauch anders präsentiert. Die sehr deutliche Zweiteilung auf Leaving on a Mayday, das offensichtliche Gefangensein zwischen zwei Klangwelten, ist jedoch eher erschreckend. Man mag das als Abwechslungsreichtum empfinden – und es ist sicher besser als bei nur einer der beiden Welten zu verharren -, aber insgesamt wäre man nicht überrascht, wenn das vierte Album auf einmal elektronischer klingen würde. Ternheim sucht «ihren» Sound und allein diese Suche ist es natürlich wert, Sympathie für die Sängerin und ihren dritten Longplayer zu empfinden, zumal die Platte in ihrer oft seltsamen Produktion sicher auch nicht völlig an den Mainstream angepasst ist. Schade ist es einzig und allein um das größere Potential, das unter der unentschiedenen Produktion verborgen bleibt. Auch bei Irrwegen ist Ternheims Wunsch, nicht einfach nur ein weiteres Gitarren-Mädchenmusik-Ding zu sein, greifbar und richtig. Insofern bleibt zu hoffen, dass sie beim vierten Album nicht auf dem Melodrama-Sound der letzten beiden Alben hängen bleibt, sondern weiter ihren Weg sucht.

13. Mai 2009 07:44 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

E.S.T.: Leucocyte

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Das durch den Tod des Pianisten Esbjörn Svensson wohl letzte (aber vor seinem Ableben fertiggestellte, also nicht posthume) Album von e.s.t. markiert in mehr als einem Sinne das Ende einer Reise. Das für den Jazzbereich ungewöhnlich band-artig operierende, festgeschweißte Trio von Svensson, Schlagzeuger Magnus Öström und Basser Dan Berglund hat sich bereits auf den vorhergegangenen Alben spürbar aus den  Parametern normaler Klavier/Bass/Schlagzug-Arrangements freigeschwommen und etwa auf Tuesday Wonderland einen hochfragilen, einsamen und doch oft wütend verzerrten Sound präsentiert, der seinesgleichen suchte. Leucocyte zeichnet diese Entwicklung weiter – fast säuberlich getrennt in Stücke, die immer skizzenhafter, verlorener, ätherischer wirken, kaum noch zusammengehalten, federleicht, Herbstlaub im Wind, und andererseits in Tracks, die man in Ermangelung besserer Worte vielleicht als Grungejazz bezeichnen mag, ein an das Fieber von der Jimi Hendrix Experience oder an das Monomanische, Epische von Bands wie den Red Sparrows erinnernder Sound, bei dem schnell vergessen ist, dass nur drei Musiker dafür verantwortlich zeichnen oder dass man sich im Jazz-Schwimmbecken befindet, dessen seniorengerechte Wassertiefe e.s.t. hier absolut verlassen und dem Hörer jeden Boden unter den Füßen nehmen. Das hier ist Musik, die alle Genre überschäumend hinter sich lässt, eine meisterhafte Improvisation, die ebenso brutal wie elegant, ebenso chirurgisch wie manisch. Jedes e.s.t.-Album ist auf eine eigene Art ausgezeichnet, aber dieses ist das vielleicht emotionalste, im Sinne einer breiten Spanne von Gefühlen, die von dem leisesten Pianohauch ebenso getriggert werden können wie von furiosen Maschinengewehrsalven der Snaredrum, die wütend über die musikalische Wüste feuern. Nie waren e.s.t. auf einem Album so experimentell, so sperrig, so vielleicht auch unzugänglich und avantgarde wie hier, und doch entpuppt sich Leucocyte als ein ausgesprochen rundes, reifes Werk, als ein wahres Kunstwerk, das nicht zu einem Ohr rein und dem anderen wieder raus fährt, sondern verstanden, gehört werden will. Die Verzahnung von zeitgenössisch-moderner Kunst und Jazz, seit John Coltrane und Miles Davis fast ein Klischee, ist selten so greifbar wie hier – Leucocyte ist eine holographische, seltsam mutierte Klangskulptur, in der jeder Ton das Ganze umfasst und zugleich komplex dreidimensional verästelt wirkt, sich verändert, je nachdem, wie man ihn dreht, die eigenen Stimmungen reflektiert und zugleich verändert. Weiter weg von Gefälligkeitsjazz kann man kaum kommen, ohne atonal zu werden, was e.s.t. tatsächlich nie werden, weil Svensson eben doch ein präziser Melodiker bleibt, der auf Berglunds verlässliche Strukturen auch im wildesten Lärm noch nachvollziehbare weiche Harmonien à la Keith Jarrett stapelt, sich nie im Noise verliert. Die fast empathische Zusammenarbeit des Trios, aufbauend af endlosen Livekonzerten in der gleichen Besetzung und einer Chemie, wie man sie im Jazz mit seinen häufig wechselnden Besetzungen selten hat, gibt den ausgedehnten Improvisationen eine Dichte, die unverkennbar e.s.t. ist, selbst wenn die Band alles tut, um nicht nach e.s.t. zu klingen. Insofern ist Leucocyte vielleicht auch der Versuch – oder die Konsequenz – eines Prozesses der Befreiung von der eigenen Perfektion. Schon auf Tuesday Wonderland ist die sonst so perfekte nordische Klarheit und Beauty der Musik immer mal wieder von Störungen, von Kratzern in der Fassade durchzogen – hier übernehmen die Störungen mitunter das Ruder, den vergleichsweise herkmmlichen geschliffenen Triojazz alter Alben sucht man hier vergebens, die Fassade wirkt zerborsten, unzivilisiert, draußen tobt der Krieg und drinnen spielt ein Kind ohne Eltern auf einem kaputten Kinderklavier eine katatonische Phrase. Es ist ein dekonstruktives Album, ein destruktives, wütendes Album, das anspielt gegen einen funktionierenden, glatten Jazz für Chill-Out-Bars und Hotellobbys, das alles andere als der Soundtrack für die Midlife-Crisis-Männer sein will. Es ist ein Album gegen den eigenen Ruhm, gegen den eigenen Erfolg, die eigenen Routine. Es ist selbstdestruktiv, die Sorte Album, die eine Karriere völlig verändert oder aber ruiniert. Svensson hämmert wütend gegen die Käfigstäbe seiner eigenen handwerklichen Perfektion und sucht das Kaputte, das Schräge, das Schmerzhafte, einen groben, ungehobelten Sound, der vielleicht nicht mehr immer schön ist, aber wenigstens echt.  Leucocyte ist deshalb so ein verfluchtes Meisterwerk, weil es nicht nur das Ende einer tatsächlich als Hörer nachvollziehbaren Evolution des Trios ist, sondern weil es in einer Zeit perfekt geschliffener blutleerer Produktionen so ein verdammtes potentes pockiges narbiges Monstrum voller Fehler und Macken ist, das nur wackelnd auf seinem Podest steht, eine Art Musik gewordener Mickey Rourke, der sich vom Schönling zum bizarren aber gerade deshalb inmitten der glatten Hollywood-Gesichter so schrecklich glaubhaften stolzen Freak gewandelt hat. Es ist natürlich ein schreckliches Klischee, das letzte Album eines verstorbenen Künstlers sein Meisterwerk zu nennen, aber manchmal sind Klischees eben wahr.

27. Februar 2009 09:30 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.


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