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Scheinriesen

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Dass weniger Bücher erscheinen, ist nicht unbedingt das Merkmal einer sterbenden, sondern vielmehr vielleicht einer gesundenden Branche. Der aufgeblähte Marktanteils-Ballast wird, so mag man hoffen, wegschmelzen. Die reine Zahl der sinkenden Auflagen und Neuerscheinungen sagt wenig über die Titel aus, die wegbleiben. Und vielleicht ist es kein qualitativer Verlust, wenn das ein oder andere Bücher über Vampire, Elfen oder Ponys nicht erscheint oder die x-te Kochbuchreihe nicht fortgesetzt wird. Dieser Schwund bedeutet sicher eine Veränderung in Gewinnmodellen und Querfinanzierungen – muss aber kein Fanal für das Sterben von Verlagen oder gar der Literatur sein. So wenig wie nach dem Backlist-Boom in der Musikbranche das Wegbrechen der CD-Neukäufe von Titeln, die die Käufer bereits auf Vinyl hatten und ein zweites Mal erstanden, wirklich real eine Krise bedeutete.

Der relative Niedergang der großen Fillialisten war leider absehbar, denn auch dieser ist bereits im Musik- und Videogeschäft vorweggenommen gewesen. Große Handelsketten verdrängen durch A-Lagen, scheinbar größere Auswahl, mehr Macht bei der Preisgestaltung und der Werbung die kleinen Vor-Ort-Händler im ersten Schritt. Die großen Kinoketten haben die Stadtteilkinos nahezu unwirtschaftlich gemacht, Mediamarkt, Saturn und Co dem kleinen Plattenladen den Garaus gemacht. Konsequenterweise fallen die Ketten dann einige Zeit später der eigenen Größe und der technischen Entwicklung zum Opfer und werden selbst durch noch effektivere Online-Anbieter oder durch digitale Download-Angebote verdrängt. Egal, wie viele Quadratmeter große Filialisten in Innenstadtlage bieten, Amazon wird immer scheinbar mehr Auswahl bieten und liefert bequemer an die Haustür. Und selbst das kann die «Instant Gratifikation» eines Online-Downloads nicht mehr erreichen, in dem die klassische AIDA-Kette, auf die die Konsumenten seit Jahrzehnten trainiert sind, in Sekunden realisiert werden kann. Dass die Sortiments-Auswahl ohnehin ein Phantom ist – auch die kleinste Buchhandlung kann in aller Regel alle bei Grossisten verfügbaren deutschen Titel binnen eines Tages liefern, ist für das digitale Buch egal… denn hier ist Lagerfläche kein Thema mehr, im ePub-Format passen mehr Bücher auf eine tragbare Festplatte als ein Mensch zu Lebzeiten lesen kann. Digitale Anbieter werden die großen Fillialen (und auch die restlichen kleinen Buchläden) zunehmend be- und verdrängen. Aber ist das aus Sicht des Lesers wirklich ein Verlust? Waren große Buchhandelsketten denn wirklich Orte literarischer Vielfalt und belletristisch versierter Beratung? War es wirklich sinnvoll, mehr als ein Fünftel der Fläche für Nonbook zu verwenden? Wahrscheinlich liegt die Rettung der größeren Anbieter jetzt sogar genau in der Beantwortung solcher selbstkritischer Fragen – weg von der reinen Mehr-ist-Mehr-Orientierung und hin zu den Qualitäten, für die der klassische Buchhandel seit Dekaden steht. Wobei ein Fokus auf Auswahl, Qualität, Beratung und Charisma unweigerlich auf Kosten eines effizienten Abverkaufens gehen wird. Und während die kleineren Buchhandlungen und inhabergeführten Strukturen diesen Weg der Selbstausbeutung seit langem kennen und leben, wird man sehen müssen, wie diese Arbeit aus Liebe zur Literatur und zum Stammpublikum auf die Logik von Handelskonzernen übertragen lässt. Wobei diese Frage – wie man als Konzern sozusagen zum Scheinriesen wird, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt, sich nahtlos auf viele andere Branchen übertragen lässt, die im digitalen Zeitalter vor ähnlichen Problemen stehen – von Banken bis zum Reiseanbieter.

7. Mai 2013 13:44 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Aw Yeah Comics

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Art Baltazar und Franco zeichnen seit einigen Jahren bei DC Comics für Publikationen verantwortlich, die eigentlich an Kinder als Einstiegsdroge gerichtet sind, die aber durch augenzwinkernden Humor, Insider-Kommentare auf den durchaus traurigen Zustand von DC heutzutage und durch phantastisches Artwork zu dem besten gehören, was dieser Verlag derzeit produziert. Umso trauriger, dass den beiden Schöpfern erst ein Heftwechsel aufgezwungen wurde und nun auch das eine Heft noch eingestellt ist, das sie zuletzt für DC produziert haben, ungeachtet der Kultgemeinschaft, die sich um die beiden geschart hat.

Insofern ist es nur konsequent, dass beide nun via Kickstarter ein neues Project starten – Aw Yeah Comics. Es wird spannend sein, ob die Arbeit der beiden auch ohne den satirischen Rückbezug auf die echten Superhelden-Comics ähnlich unterhaltsam sein wird, aber der Schritt zum vorfinanzierten Comic der beiden zeigt einen sehr deutlichen Trend, da immer mehr Autoren und Zeichner via Kickstarter ihre eigenen Publikationen planen, so etwa Gail Simone, die hier wohl auch auf ihre ganz eigene Krise mit DC Comics reagiert und – ähnlich wie Franco und Baltazar – in Rekordzeit ihre Pledge-Limit deutlich überschritten hat.

Warum ist das interessant? Es unterstreicht die Tatsache, dass Kickstarter inzwischen zu einer bedeutsamen Plattform wird (und es ist erschreckend, dass es in Deutschland immer noch nichts vergleichbares gibt), ebenso wie den Umstand, dass Kickstarter faktisch inzwischen zu den großen Comic-Verlagen in den USA gehört, ohne strukturell überhaupt ein Verlag zu sein. Man darf das getrost auf Filme, Bücher, Musik, Games und auf zahlreiche andere Produkte hochrechnen.

Der Grund liegt auf der Hand – Kickstarter ist eine der wenigen Antworten auf Raubkopie in Zeiten digitaler Medien. Denn die Finanzierung findet vorab statt. Die Erlöse nach der Publikation sind sicher Teil des Geschäftsmodells und «nice to have», aber im Grunde sind gut kalkulierte Projekte dieser Art bereits kein Minusgeschäft mehr, wenn sich ausreichend Backer finden, die Entscheidung über Flop oder Erfolg findet statt bevor die eigentliche Arbeit beginnt. Wenn Gail Simone bereits über 100.000 $ eingenommen hat – und damit das dreifache ihrer ursprünglich benötigten Startsumme -, dann dreht sich hier ganz nebenbei eine klassische Produktions- und Verkaufslogik um. Der Absatz findet bereits als Teil der Finanzierung statt.

Man darf sicher darüber diskutieren, ob ein solches Modell nur für bekanntere Kreative eine Basis bietet und sozusagen Überraschungserfolge oder die klassische Arbeit eines Verlages/A&R, überhaupt erst Stars zu generieren, ausschließt. Kickstarter ist keine universelle Antwort. Aber es ist interessant zu sehen, wie gut ein partizipatives Modell funktioniert und wie sich die Ideen hier exzellent positionieren lassen, während das herkömmliche Modell – erst produzieren, dann mal weitersehen, wer sowas braucht – zusehend ins Trudeln gerät.

Nicht nur für Baltazar und Franco dürfte insofern Kickstarter vielleicht eine Alternative zur work-for-hire-Situation darstellen, sondern auch für die Kreativbranche an sich eine Lösung skizzieren. Wir sind damit ja nicht so weit weg von den Methoden, unter denen etwa Musils Mann ohne Eigenschaften entstand, der auch von Freunden und Mäzenen und durch Vor-Veröffentlichungen finanziert war, nur weitaus weniger berechenbar und sozial verteilt. Dass dabei auch engere Verknüpfungen von Machern und Konsumenten entstehen, kann dabei kein Nachteil sein, wenn man bedenkt, dass die Idee des einsamen Autors im stillen Kämmerlein ohnehin und vielleicht auch Gott sei Dank etwas ausstirbt, der lebendige Austausch von Gesellschaft und diese reflektierenden Künstlern wäre ein Zugewinn (für beide Seiten). Die Frage ist, wie Verlage und Plattenfirmen, Produktionseinrichtungen und Künstler selbst mit diesen neuen Chancen umzugehen verstehen, wie schnell sie reagieren können und welche veränderte Rolle sie in diesem Gefüge spielen wollen und können.

Wer sagt, dass nicht das goldene Zeitalter der Autoren überhaupt erst bevorsteht?

6. Februar 2013 23:08 Uhr. Kategorie Online, Stuff. Tag , . Keine Antwort.

William Gibson: Distrust that particular flavor

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Es ist fast verblüffend, dass William Gibson im Vorwort dieser Sammlung von Artikeln und Vorträgen so vehement sein Unbehagen mit nicht-fiktionalen Texten bekundet. Sind doch seine Bücher perfekte Fusionen von Realität und Erfindung, wobei nie ganz klar ist, was eigentlich echt und was fiktional ist. Wer ein derartiges Talent besitzt, das Reale in die Literatur einfließen zu lassen, dem sollte es doch leicht fallen, den umgekehrten Weg zu beschreiten, oder?

Vielleicht ist sich Gibson der Fragilität der besonderen Art von Lüge bewusst, die spezifisch seine Art zu schreiben darstellt, diese hauchdünne Illusion von Realität – und darüber, wie diese Fata Morgana des Gibsonverse fadenscheiniger wird, an Substanz verliert, wenn man nicht den Roman mit der Surrealität der modernen Welt anreichert, sondern umgekehrt, die Reportage zum Vehikel literarischen Nachdenkens macht.
Bereits der erste Text, eine Art Meditation über Dead Media (Tragbare Radios, 8-Spur-Kassetten usw.) und wie sie in den Nischen der Zivilisation überleben, und vor allem der dahinter gestellte kurze rückblickende Kommentar aus dem »Heute« (spannend wäre übrigens, wenn eine neuaufgelegte Edition 10 Jahre später diese Kommentare wieder reflektiert kommentieren würde) machen eine Fusion aus journalistischer Neugier, autobiographischen Interessen und schriftstellerischer Gabe deutlich, die trotz Gibsons Kritik an der eigenen Arbeit beeindruckend ist, zumal der Text quasi nebenbei die heutige Medienkonvergenz hervorsagt.
Wie nebenbei entspinnt sich aus den Texten ein Bild des Autors, in Referenzen, in Nebensätzen, in den »speeches« sogar sehr direkt etwa über die Entscheidung, Romane nicht mehr in der mehr oder minder fernen Zukunft anzusiedeln, sondern vielmehr die Gegenwart mit den Werkzeugen der SF-Literatur anzugehen. Es sind diese indirekten Einblicke in das tastende Denken dieses Autors über Gesellschaft, Zukunft und das kreative Arbeiten, der durch digitale Medien ohnehin zu den öffentlicheren Menschen seiner Zunft zählen dürfte, die das Buch auszeichnen. So reflektiert ein Artikel vom Ende der 90er Jahre über Gisons Begegnung mit eBay und seiner Faszination für mechanische alte Uhren so präzise meine eigene Erfahrung, dass es fast erschreckend ist – und ist zugleich eine Zeitkapsel, denn nur knapp eineinhalb Dekaden später ist eBay zumindest für den Uhrenkauf mehr oder minder unbrauchbar geworden und das gesamte, damals noch so naive System des Online-Auktionshauses längst von professionellen Händlern und vom Betreiber selbst so unterminiert, dass es durch die Professionalisierung den ursprünglichen Charakter und Wert weitgehend verloren hat, so wie jeder Kinderflohmarkt nach und nach von Berufshändlern vergiftet wird.

Ob Eindrücke aus Japan, Buchempfehlungen oder andere Inspirationen, die Gibson freilegt – »Distrust« fungiert als angenehmer Exhibitionismus von Quellen und Mustern, die Gibson steuern. Dass er sich für soziale Autisten in Tokio ebenso interessiert wie für die Tamagotchi-Psychologie des Uhrensammelns wird jedem Leser seiner Bücher sofort einleuchten, für jeden, der den Autor wegen seines SF-Labels bisher gemieden hat hingegen, dürften diese kurzen Texte als Einstiegsdroge dienen. Quasi frei von dem Gewicht von Dialog, Charakteren und Handlung entpuppt sich hier ein William Gibson in reinster Form, der wie ein Taucher in fremde Welten hinabsinkt und verwaschene Polaroids von »da unten« für uns an die Oberfläche bringt. Was in seinen Romanen eine Art Kontext, eine Textur bildet (die mitunter zugegeben wichtiger ist als die eigentliche Romanhandlung), ist hier in der Essenz zu genießen: Der Autor als Anthropologe des Seltsamen, des Verschrobenen, der die Outcasts und die surrealeren Aspekte des Future Shocks auf den Punkt schreiben kann. Gibson erinnert in den besten Momenten insofern nicht ganz von ungefähr an Kracauer, der auf seine Art eben diesen technologischen, kulturellen und sozialen Schockzustand der 20er Jahre so unvergleichlich literarisch abzubilden vermochte. Die Textsammlung von Gibson wird diesem Anspruch nicht ganz gerecht – viele der kurzen Texte sind Vorworte von Büchern oder »fluffige« Texte für Magazine, aber wenn Gibson fliegt, dann ist er als Sachautor keinen Deut schlechter denn als Prosaschreiber. Im Gegenteil – manchmal scheint es, als wären seine Faszinationen ohne Handlung und erfundene Figuren klarer und hypnotischer, Sund wahrscheinlich mag Gibson genau deshalb seine eigenen non-fiktionalen Texte weniger, sie sind enthüllender. Zugleich zeigen sie, dass die Wirklichkeit heute, um Chuck Palahniuk zu zitieren so »stranger than fiction« geworden ist, dass Essays und Sachtexte oft zumindest ebenso fesselnd sein können wie die Romanform, aber dabei direkter, schärfer konturiert wirken.

Das es zwischendrin immer wieder spannende Einblicke in alltägliche und doch unvertraute Aspekte menschlichen Daseins gibt, die Gibson feinfühlig obduziert, dass es akrobatische Ablationen gibt, zusammengehalten von einer neiderweckenden sprachlichen Begabung, dass in den kleinen Texten ein bündiger, holographischer Mikrokosmos von Gibsons Arbeit steckt, etwa in dem atemberaubenden Hikaru-Dorodango-Artikel für das Tate Magazin – all das straft Gibsons bescheidenes Vorwort natürlich Lügen. Er ist ohne Frage ein brillanter Sachautor und es ist mehr als lohnend, ihn hier einmal von der anderen Seite seines Zauns zwischen Wirklichkeit und Fiktion Botschaften senden zu erleben, vielleicht gerade weil diese Wand ohnehin bei fast keinem Schreiber so durchlässig ist wie bei ihm.

14. Oktober 2012 16:47 Uhr. Kategorie Buch. Tag , , , . Keine Antwort.

Gemammamia

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Wer noch Zweifel daran hat, dass die GEMA und die Interessen von Musik-Marketing nicht immer unbedingt eine kongruente Fläche ergeben müssen, obwohl das eigentlich irgendwie doch einleuchtend wäre: Diesen Bildschirm sieht man zu 99%, wenn man hier versucht, sich die Videos zu den Musikempfehlungen anzusehen – die natürliche aktives Musik-Verkaufen sein könnten. Wenn nicht zum einen die Videos nicht ausgecopyrightet wären und zum anderen viele Tracks in iTunes Deutschland noch gar nicht verfügbar sind (bei Esquire-Musiktipps nahezu der Standard, der iTunes-US-Store ist dem deutschen einfach voraus, der deutsche sendet bei den meisten Links aus dem iPad-Magazin eine Fehlermeldung). Wir kommen mehr und mehr zu dem Standard, dass Raubkopieren einfach und schnell ist, legaler Medienkonsum aber kompliziert und langwierig – sinnvoll ist das nicht. Man kann nicht oft genug wiederholen, dass es beim Thema Vermeidung von illegalen Kopien genau um diese Dinge geht, um die Frage des Vertriebs. Schaffen es die Medienvermarkter, eine gekonnte und angenehme Erfahrung von Information über einen Track zu problemlosem Kauf zu langfristigem sicheren Besitz auch bei wandelnden Formaten sicherzustellen? Oder leben wir in einer Welt, in der schon das reine Probehören zu einem Akt wird, bei dem ich mir entweder eine falsche IP zulegen oder die Tracks sozusagen simultan noch per Google ganz woanders suchen muss? Mir selbst wäre ersteres irgendwie einleuchtender.

10. September 2012 19:29 Uhr. Kategorie Online, Technik. Tag , . 2 Antworten.

Track your life

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Einer der spannendsten Aspekte an der Äther-Revolution ist die von (ich glaube) Bruce Sterling vor langer Zeit vorausgesagte Ära der miteinander «plaudernden» Geräte. Der Parasitenmarkt rund um (derzeit vor allem) Apple und Android, die via WLAN, Bluetooth oder noch ganz altbacken per Kabel mit dem zentralen Gerät verbunden sind und Daten austauschen, wächst rapide. Dieser Trend unterstreicht, wie sehr sich Smartdevices als die von Apple vor fast zwei Dekaden mit dem Newton noch als peinlicher praecox angekündigter «personal assistant» etablieren. Unsere Musik, unsere Photos, unsere Lieblingslokale, unser Tagebuch, unsere Kommunikation mit Freunden – auf mitunter erschreckende Art und Weise zeichnen wir unser gesamtes Leben mit einem Verbund von kleinen technischen Geräten ab. Wir sind dabei naiv genug, uns nicht all zu sehr zu fragen, was all die Firmen machen, die unsere Daten freundlicherweise in der Datenwolke für uns aufbewahren und wie sicher die ganze Sache ist – obwohl genau diese Frage in Zukunft wahrscheinlich so wichtig sein wird wie in den 80ern die friedliche und militärische Nutzung von Nuklearmaterial. Es ist heute nicht mehr ganz unsinnig, dass wir in ein oder zwei Generationen nach dem Tod einen «Cutter» brauchen, wie in Omar Naims Film »The Final Cut« von 2004, bei dem zur Trauerfeier als Rememory eine vom Cutter gezielt editierte Fassung des von einem eingepflanzten Mikrochips aufgezeichneten Lebens des Verstorbenen gezeigt wird. Und machen wir uns nichts vor – von hässlichen Google Glasses zu einem Implantat ist wahrscheinlich nur noch ein kleiner Schritt, den vielleicht zuerst diejenigen tun werden, für die das Body-Morphing heute schon durch Piercing oder Tattoos zur Alltagskultur gehört.

Ein kleiner, aber signifikanter Trend hierbei ist das Body-Monitoring. Nach elektrischen Waagen, Blutdruck- oder Blutzuckermessgeräten und Apps, die den Schlaf «messen» sollen, kommt jetzt eine erste, noch eher belustigende erste Welle von Fitness-Trackern. Neben dem bereits wieder aufgrund baulicher Mängel eingestellten »Up« von Jawbone und dem im August erscheinenden, aber in der US-Kritik bereits sehr schlecht angekommenen »Fuelband« von Nike überzeugt hier vor allem das »Fitbit Ultra«.

Das etwa USB-große Gerät wird an Gürtel oder Hosenbund befestigt und fällt damit deutlich weniger auf als bisherige Armband-Lösungen. Der Sensor funktioniert im Grunde wie die damit scheinbar wieder en vogue seienden Pedometer aus den 80ern, er misst einfach die Schrittzahl und die relative Höhe, so dass auch (sehr vage) erklommene Stockwerke angegeben werden. Mit dem dünnen Klettband kann der Clip auch nachts am passiveren Arm getragen werden und trackt dann Bewegungen im Schlaf und tut dies zumindest verlässlicher als vergleichbare Apps, die mit dem iPhone-eigeneren, weniger empfindlichen Sensor arbeiten. Via USB an den Rechner angeschlossen ist die Basisstation des Sticks, die nicht nur zum Laden des mehrere Tage ohne Laden funktionierenden Akkus dient, sondern auch wireless alle 15 Minuten Daten über das im Fitness-Geräte Bereich oft übliche ANT empfängt, sobald der Stick sich einige Meter in Nähe der Station befindet. Die Daten werden auf einer an nike+ erinnernden Site und auf einer enorm unbefriedigenden App dargestellt, außerdem kann sie – wie bei Withings und anderen Anbietern – von manchen Apps von der Site importiert werden. Aber auch direkt am Gerät wird die Aktivität angezeigt – der Stick zeigt mit einem dezenten OLED nicht nur aktuelle Uhrzeit, sondern auch Schritte, zurückgelegte Kilometer, verbrannte Kalorien, Stockwerke und eine Art motivierende »Blume«, die je nach aktueller Aktivität mal kürzer und mal höher wächst. Was er seltsamerweise nicht zeigt, ist der Akkustand. Das Gerät meldet sich zwar, wenn der Akku bedrohlich leer ist, aber dennoch erscheint diese Info sollte eigentlich zumindest so wichtig sein wie eine diffuse Fitness-Blume (die man in den Optionen übrigens deaktivieren kann). Das samtmatte Finish des Gerätes ist angenehm und die Außenhülle wirkt robust genug für sportliche Aktivitäten. Etwas besorgniserregend ist, dass ausgerechnet ein als Clip angelegtes Gerät die Naht exakt in der Mitte hat, die man ja permanent aufbiegt – das sieht etwas nach Sollbruchstelle aus.

Was sich mit dem Fitbit Ultra und vor allem bei Nike mit dem fuelband abzeichnet, ist die Transformation von Sport in den digitalen Lifestyle. Bereits diese oft noch prototypenhaft naiven Geräte sind schon so ausgelegt, dass man über soziale Netzwerke seine Leistungen austauschen und vergleichen kann – das Leben als permanenter Wettbewerb. Diese »Gamification of Life« ist ein sich seit etwa zwei Jahren sehr stark abzeichnender Trend, bei dem foursquare es beispielsweise geschafft hat, das Menschen sogar schon beim Betreten des Supermarkt meinen, diesen »besitzen« zu müssen, um dort nach Möglichkeit Bürgermeister zu werden. Was noch etwas in den Kinderschuhen steckt, hat weitreichende Folgen: Die mit digitalen Spielen groß gewordene Generation ist bereit, das gesamte Leben als Spiel-Metapher zu begreifen, sofern eine begleitende Software ihr das nahelegt. Restaurantsuche, Jogging, Schlaf – alles Elemente eines Spiels namens Leben. Die aufkommende Welle von »augmented reality»-Apps und die zunehmende Verletzbarkeit solcher Datenströme dürfte diesem Trend weiteren Aufschub geben, zumal wir sicher sein dürften, dass die Industrie sich darauf stürzen wird. Ich wundere mich heute schon, warum Supermarktketten nicht Gowalla und foursquare aktiv für Kundenbindungsaktionen nutzen, warum Arbeitgeber nicht Apps gezielt für die Mitarbeiter entwickeln, um Unternehmensziele spielerisch und im Wettbewerb der Angestellten untereinander zu erreichen – der Angestellte des Monats kriegt so eine ganz andere Dimension. Oder warum Krankenkassen fitbit und fuelband nicht an ihre Mitglieder verteilen, um diese dann online «tranken» zu können. Oder warum der Hersteller eines Smartdrinks nicht eine Social App entwickelt, in der man Gewinner ist, wenn man möglichst viel konsumiert und man Videos hochladen kann, wie man Produkt X isst oder trinkt. Man muss nicht allzu zynisch veranlagt sein, um zu sehen, dass in der schönen neuen Welt der Smartphones Entwicklungen auf uns warten, die aus heutiger Sicht vielleicht noch so bizarr klingen wie vor vielleicht 10 Jahren die Vorstellung, dass ein Talkshowgast permanent auf seinem Handy herumtippt.

Es ist aber so, dass die Idee des »Wettbewerbs« aus der neoliberalen Ökonomie Einzug in den Alltag gefunden hat. Hochgezüchtete Sport-Events und Casting-Shows haben die Idee, dass es nur einen Sieger und viele Verlierer gibt, in den Alltag transportiert, selbst Grundschülerinnen haben heute schon die Mentalität hinter «Germany’s Next Topmodel» inhaliert und sind auf lebenslangen Wettbewerb um die knappe Ressource Aufmerksamkeit programmiert. In den Schulen wird ohnehin bereits die Performance, die (Selbst-)Präsentation zunehmend wichtiger, auch weil diese Fähigkeit im Berufsleben immer entscheidender wird, die Kunst des Eigenmarketings. Als Teenager hast du das heute schon früh verstanden, wenn Wohl und Wehe nicht mehr von der Schuhmarke abhängt wie früher, sondern von der Anzahl deiner Follower bei Facebook oder Twitter oder dein Klout-Index. Die Idee von Big Brother, dass ein maximaler öffentlicher Striptease zu einer Art von Proto-Prominenz führen kann, ist heute im Feuilleton angekommen und hat etwa Charlotte Roche zur Bestseller-Autorin gemacht. In diese Wirklichkeit passt es seltsam hinein, dass jeder Aspekt des Lebens dokumentiert und geteilt wird, als Teilnahme an einer Art digitaler Teilhabe an einer zweiten Wirklichkeit, die das Leben als Statistik aus Bildern, Tönen, Werten gefiltert aufbereitet. Wie oft warst du ausgehen? Wie viele Bücher, Filme, Platten hast du konsumiert? Bist du ein Sesselhocker oder aktiv? Ernährst du dich gesund oder eher nicht?

Dahinter steckt zweierlei – zum einen eine fast dystopisch anmutende Idee einer Wirklichkeit, in der nicht mehr der Big Brother uns aushorcht, sondern wir mit größter Freiwilligkeit die letzten Details unseres Lebens veröffentlichen und damit der Industrie zur Profilierung abtreten, eine Realität von Selbstdarstellern, die (wie ich) vielleicht (wahrscheinlich) irrigerweise annehmen, jeder ihrer Gedanken und Handlungen sei es nun unbedingt wert, geteilt zu werden. Wir sind ohne Zweifel nicht auf dem Weg in diese Wirklichkeit, sondern längst dort angekommen und das binnen nur einer Dekade. Auf der anderen Seite entstehen hier Schnittstellen zwischen analoger Wirklichkeit und digitaler Welt, die eine Entgrenzung bedingen. Der Computer wird durch diese Entwicklung ein fast biologischer Teil unseres Seins und unserer Wahrnehmung von Wirklichkeit, so nahtlos und schnell, dass die Osmose in unseren psychosozialen Alltag fast unwahrnehmbar ist. Auch wenn in der Diskussion die Beschleunigung des Lebens durch Smartphones und Social Media kontrovers diskutiert wird, in Wirklichkeit greifen sowohl Schwarzmaler als auch Technophile zu kurz.

Und genau deshalb sind kleine unscheinbar-freundlich-bunte Blobjects wie der fitbit-Stick so phantastisch. In ihnen schleicht sich eine Revolution mit aufreizendem Augenaufschlag und wunderbarer Selbstverständlichkeit in unser Dasein. Mit der WLAN-Waage, dem iPhone-Blutdruckmessgerät, der Video-Cam in der Brille zeichnen wir unser gesamtes Leben lückenlos auf und die Datenmenge wird schon bald jeder bessere Cloudserver auch wirklich hosten können. Photo und Video werden nicht mehr dem Festhalten des vermeintlich Besonderen dienen, sondern dokumentarischen Charakter haben. Wir alle werden Dokumentarfilme, Regisseure, Darsteller in der Soap des eigenen Lebens. Wir alle, auch das, inszenieren uns, stellen uns zur Schau. Dazu passt vielleicht, dass immer mehr Menschen gleichzeitig zunehmend leiden an der Differenz zwischen dem, was man nach außen präsentieren zu müssen meint und dem, was innerlich gefühlt wird. Die Frage ist also, ob die technologische Form von Gedankenübertragung in Echtzeit, die uns digitale Medien erlauben, zu einer verlogeneren Gesellschaft führt, in der jeder meint, eine Fiktion leben zu müssen, also einer Form von Gegeneinander, in der jeder jeden im Wettbewerb toppen muss… oder sie zu einer wirklich transparenteren, offeneren Diskurschance führt, einem Miteinander. Anders gefragt: Benutzt man den fitbit, um mit gegangenen Kilometern anzugeben oder will man nur die Wirklichkeit messen und teilen?

Kleines Update 08/12: Nach knapp zwei Monaten ist das Display des Fitbit Ultra defekt, erst zur Hälfte, dann komplett dunkel. Momente, in denen man froh ist, bei Amazon gekauft und unkompliziert gegen ein Neugerät umtauschen zu können. Ansonsten übrigens bisher eine sehr angenehme Erfahrung, den fitbit zu benutzen. Auch wenn er nicht wirklich supergenau ist, ist es nicht uninteressant zu sehen, wie sich Aktivitäten am Tag verteilen usw.

27. Juni 2012 09:49 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , , , , . Keine Antwort.

Interfaces

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Eine der größten Revolutionen in der Kommunikation mit Computern ist neben der Rolle, die Computer im Alltag zunehmend fast beiläufig und wie selbstverständlich spielen, dass wir nicht mehr mit den gewohnten Interface-Schnittstellen arbeiten, die dem Menschen die Logik einer von der Schreibmaschine abgeleiteten Interaktion aufzwingen, sondern die digitalen Schnittstellen so rapide und grundlegend den menschlichen Sinnen und Werkzeugen entgegen kommen, dass eine Unterscheidung zwischen »analog« und »digital« zunehmend obsolet wirkt. Berührung, Stimme, handschriftliche Zeichen oder sogar Blicke – obwohl die meisten Technologien oft noch rudimentär wirken, hat sich bereits durch diese Ansätze der Umgang mit, vor allem aber das Denken über Software-Interaktionen grundlegend geändert.

Hand
Vor nicht einer Dekade noch komplett in den Kinderschuhen, ist die Steuerung von Software durch Berührung(en) heute längst zu einem Quasi-Standard geworden. Musste man bis vor einigen Jahren noch mit einem Stift auf einer Art Plastikbildschirm herumtippen, Soseins moderne kapazitative Glasdisplays in der Lage, Bewegungen und multiple Berührungspunkte zu deuten, durch Gyroskop und Accelorometer sogar eine Art Anschlagstärke zu ermitteln (etwa bei Garageband). Samsung hat diese Technolgie gerade erst auf der CES 2012 auf Fenstergröße übertragen. Obwohl erst wenige Jahre verfügbar, hat dieser Ansatz zusammen mit fast rahmenlosen, leichten, tragbaren Devices zu einem kompletten Umdenken über Interfaces geführt. Ein Programm ist nicht mehr ein über die Maus-Tastatur-Metapher gesteuerte abstrakte Lösung in einem Monitor, ein Programm simuliert heute das, was es als Lösung anbietet und wird so als Programm unsichtbar. Ein Taschenrechner sieht aus und bedient sich wie ein Taschenrechner, ein Notizbuch sieht aus wie ein echtes Büchlein, beim virtuellen eBook lassen sich die Seiten umblättern als wären sie fast echt, ein DJ-Mischpulte bietet Plattenteller und Mischpultregler und so weiter. Es gibt zwar noch Menüs, aber auch diese wirken eher wie eine Übergangslösung, ansonsten: keine Tastaturkürzel, keine rechten oder doppelten Mausklicks – sondern eine möglichst approximative Simulation, die optisch aber auch von der Bedienung her daran gemessen werden kann, wie »echt« sich die Bedienung anfühlt.

Apple wurde – auch von mir – für die etwas kitschigen Nutzer-Interfaces von iCal und Co. gescholten, aber tatsächlich ist diese Annäherung an das Echte nur konsequent bzw. der sinnvolle erste Schritt zu »Simulacra-Softwares«. Das iPad kann bereits jedes Kleinkind bedienen, weil das unmittelbare Bedienen durch Drücken, Ziehen und andere Gesten mit den dazugehörigen Effekten der Lernfähigkeit der menschlichen Natur entspricht, Cause-and-Effect kennen wir ja auch aus der realen Welt. Angeblich fangen ja die ersten an Tabletts gewöhnten Kleinkinder bereits an, enttäuscht zu reagieren, wen sich echte Bücher eben nicht auf einen Tap hin öffnen oder reale Gegenstände nicht wie virtuelle auf Berührung reagieren und eine Animation starten. Dabei ist das Herumtasten auf einer kalten Glasscheibe sicher nur ein erster Schritt zu berührungssensitiver Kontrolle von Software-Interfaces. So wie es über kurz oder lang unweigerlich 3D-Displays geben wird (und ansatzweise ja bereits gibt), werden wir auch Bildschirme haben, die auf Berührung mit einer Art von Widerstand Feedback geben können und die unterscheiden können zwischen verschiedenen Abständen zum Display (Hover) bzw. auch direkt auf die Stärke des Anschlags. Die jetzt sehr eindimensionale Touch-Fähigkeit wird sich also nach und nach erweitern, bis die Displays nicht nur visuell einen realen Gegenstand simulieren können (und dies mit hochauflösenden Displays zunehmend an der Grenze, an der das menschliche Auge zwischen »echt« und »unecht« nicht mehr unterscheiden kann, d.h. keine Pixelbausteine mehr sichtbar sind), sondern auch haptisch. Nutzen wir einen virtuellen Taschenrechner, wird er nicht nur aussehen und klingen wie »real«, sondern auch die dimensionale Tiefe (3D) haben und sich anfühlen als würden wir auf einem echten Gegenstand Zahlen eingeben, nicht auf der bloßen planen Display-Simulation des Gegenstandes. Die Tasten werden spürbar nachgeben und einen Druckpunkt haben, sie können eventuell durch virtuellen Schweiss und Dreck »rubbelig« werden, sie können sich nach Gummi oder Hartplastik anfühlen. Es wird ein längerer Weg über zahlreiche Zwischenstufen sein, bis man wirklich sensorisch überzeugende Simulationen erzeugen kann, aber es wird sehr wahrscheinlich kommen – wodurch automatisch Abnutzung zu einer Frage der Programmierung wird.

Schon jetzt ist es so, dass ein iPad, iPhone oder Android als »opportunistische« Devices an sich nahezu unsichtbar werden und in einer Art Camouflage alles tut, um sich selbst unsichtbar zu machen und uns zu überzeugen, dass wir einen Photoapparat, ein Buch, eine Klaviatur usw. vor uns haben. Es ist evolutionär nur logisch, dass die Geräte diese Camouflage perfektionieren werden, denn am Markt werden die Anbieter erfolgreich sein, die mit immer neuen Features noch »realistischer« werden. Sowohl Apple als auch Microsoft (mit Windows 8) bauen bereits jetzt auch bei klassischen Desktop-Geräten die Touch-Metapher aus, was bei diesen zunächst hölzern und befremdlich wirkt. Was auf dem Pad sinnfällig ist, wirkt über ein Touchpad nach wie vor zu umständlich – dieser Umstand ist ein Symptom für den Übergang vom »klassischen« Computerparadigma, an dessen spezifische Interface-Metahern wir uns gewöhnt haben, hin zu einem neuen Paradigma, dass die Vorstellung dessen, wie wir mit Computern interagieren, neu definieren wird.


Stimme
Apples »Siri«-Stimmerkennung und -kontrolle ist von Google nicht ohne Grund als revolutionäre Veränderung im Umgang mit Computern (und eben Suchmaschinen) beworben worden. Wo Kommunikation mit dem Computern in den Grenzen der Software (und abgesehen von Abstürzen) bisher weitestgehend sicher und eindeutig war – zieht mit Siri die Fallibilität, das Missverständnis, die Doppeldeutigkeit, eben eine Art »Fuzzyness« ein, die erstmals zu einer Art von Dialog führt, bei der der Computer sogar via verbaler Feedbackschleifen rückfragen kann (und muss!), was der Nutzer denn da eigentlich gemeint haben könnte. Siri ist deshalb natürlich noch – obwohl bereits verblüffend leistungsstark, vor allem in der englischsprachigen Version – eine Art Spielerei, die mehr zu Fehlschlägen und Umwegen als zu einer echten Effizienzsteigerung führt. Es ist nach wie vor ärgerlich, wenn beim Diktat Siri nicht reagiert und man ganze Sätze verliert oder wenn eine einfache SMS vier verschiedene Befehle und Anläufe braucht, bis sie stimmt.

Aber bereits heute gibt es Situationen und Kontexte, in denen Spracheingabe natürlicher und schneller wirkt als der Touchscreen, zumal Siri ohne den Start dezidierter Programme läuft, sondern sich an den User-Bedürfnissen orientiert und die Programme dann selbst auswählt und startet – im Vordergrund steht also was der User will, nicht welches Werkzeug dazu verwendet werden muss. Ich starte also nicht den Browser, um etwas zu suchen, sondern die Software »entscheidet« dies selbst. Diese Art von AI, konsequent zu Ende gedacht, dürfte die Art, wie wir mit Maschinen interagieren, umwälzen und sozusagen renaturalisieren. Nicht nur in dem Sinne, dass wir ganz im Stile von SF-Filmen demnächst Maschinen per Zuruf steuern, sondern weil diese Steuerung wieder analoger (oder zumindest doch simuliert-analoger) wird. Während in den letzten drei bis vier Dekaden wie nie zuvor die visuellen Sinne in den Vordergrund gestellt wurden und wir uns sozusagen evolutionär an diese Verknappung angepasst haben, also Seh-Wesen geworden sind, darf nun der auditive Kanal wieder zum Zuge kommen. Noch ist Siri in der Benutzung dabei eindimensional. Nutze ich die Sprach-Software, wird der visuelle Kanal förmlich abgeschaltet, ich kann nicht auf der visuellen Eingabeebene simultan andere Dinge tun, also etwa einen Text diktieren und gleichzeitig im Web surfen per Touch oder Software per Touch und Stimme kontrollieren, also etwa in Photoshop mit einem Pen oder auf dem Display direkt arbeiten und dabei per Stimmbefehl Werkzeuge auswählen oder Bildeffekte anwenden (»20% mehr Kontrast«). Es ist immer entweder Stummfilm oder Hörspiel. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass ein stimmbasiertes und dialogorientiertes Interface einen Paradigmenwechsel darstellt, den die Kids, die Siri mit dummen Fragen auszutricksen versuchen (und dabei der Anthropomorphisierung ihrer Hardware auf den Leim gehen, also bereits Interaktionen starten, die sie per Maus/Tastatur niemals so in Betracht ziehen würden), gar nicht verstehen bzw. hinterfragen und der genau deshalb so grandios unsichtbar und sanft stattfindet – ähnlich wie es ja klug war, uns das Cloning als Technologie in Form eines harmlosen Schafes zu präsentieren.

Wir werden erst in einigen Jahren wahrnehmen, wie zentral dieser Shift war. Mit der Stimmkontrolle fällt prinzipiell die Hardware als Interface-Element weg. Es muss nichts mehr »bedient« werden, es gibt keine Tasten zu drücken, keine Zeiger zu bewegen – die Interaktion mit Maschinen wird bei ausgereifter Spracherkennung möglich, ohne ein Werkzeug dafür bedienen und erlernen zu müssen. Der Mensch nähert sich nicht mehr dem Rechner an, sondern umgekehrt.


Schrift
Auf der gleichen Ebene liegt die Entwicklung der Schrifterkennung, die sogar technisch ähnlich gelagert ist, weil hier schnelle Webanbindung und OCR auf leistungsfähigen Servern die ehedem hohen Hardware-Anforderungen für lokale Rechner deutlich gesenkt haben. Ein mobiler Prozessor könnte keine vernünftige Stimm- oder Schriftdechiffrierung leisten, ein kraftvoller Server und ein schnelles Internet aber sehr wohl – die Rechenpower wird einfach ausgelagert. Seit Dekaden ist die eigentlich ja als technische Notlösung zu denkenden QWERTZ-Tastatur der Standard bei der Texteingabe. Ursprünglich entwickelt, um durch eine eben möglichst ungewohnte nicht-alphabetische Tastaturanordung das Schreiben so zu verlangsamen, dass die anfälligen frühen Mechaniken nicht blockieren konnten, haben wir uns so sehr an dieses Layout gewöhnt, dass wir damit aufgrund der Übung oft spürbar schneller und anstrengungsloser schreiben als mit der Hand, so sehr, dass die Handschrift langsam auszusterben droht.

Dennoch kommt die manuelle Eingabe von Schrift und Zeichnungen in den letzten Jahren in eine Art Renaissance – Techniken wie der Livescribe Echo Smartpen oder der Wacom Inkling machen es möglich, unterwegs zu schreiben oder skizzieren, ganz altmodisch auf Papier, und später mit digitalen Daten weiterzuarbeiten. Ob die audiovisuelle «Pencast»-Verknüpfung des Livescribe, der mit einer Kamera auf speziellem Papier die Handschrift aufnimmt und zugleich Ton aufnehmen kann und insofern z.B. für Notizen bei Meetings nahezu ideal ist oder die sich eher an Künstler wendende (und noch nicht ganz ausgereifte) Inkling-Idee eines «Funk»-Stiftes… beide Ansätze können noch nicht hundertprozentig überzeugen. Der Echo-Pen ist klobig und das Schreiben mit der Kugelschreibermine relativ unergonomisch anstrengend, der Inkling zwar kleiner, aber weniger leistungsstark und zudem (noch) relativ unzuverlässig. Dennoch ist es natürlich phantastisch, handschriftliche Notizen, plus einer Aufzeichnung des tatsächlich zeitgleich Gesagten einfach digitalisieren zu können und dabei die Handschrift noch mit einer soliden Trefferquote in MyScript in «getippte» Schrift umwandeln zu können.

Auch hier noch befindet sich die Technik in einer Art Gestationsphase, der man aber bereits anmerkt, welches Potential freigelegt werden kann, wenn ein normaler Schreibakt auf Papier (bzw. auf einem Display, das Papier emuliert) die Tastatur verdrängt. Ein Beispiel für dieses Potential ist die OCR-Engine des Online-Archivs Evernote, das nicht nur die verschiedensten Eingabemedien «schluckt», sondern vor allem auch in jeder Art von Bild, egal ob Photo oder PDF mit handschriftlichen Notizen, nach lesbarem Text sucht und diesen für die Volltextsuche bereitsstellt, also die Welt in Photos «ausliest». Diese serverseitige state-of-the-art-OCR erkennt in Sekunden selbst Worte zuverlässig, die ich selbst kaum noch entziffern kann. Zwar gibt Evernote (unverständlicherweise) bei Handschrift die Ergebnisse nicht als Text aus, sondern nutzt sie wirklich nur für eine Suchfunktion… aber wie gut auch die unlesbarste Schrift hier verlässlich gedeutet wird, zeigt, wie weit die Technik hier ist und wie sehr die Grenzen zwischen Spracheingabe, Tastatur und Stifteingabe hinfällig werden. Wie auch immer wir Informationen eingeben werden – die Devices werden lernen, uns zu verstehen.


Bio-Interfaces
Haptik, Stimme und Schrift sollten bereits genügen, um in den kommenden Jahren die Morphologie der Mensch-Maschine-Kommunikation völlig umzuwälzen. Die Möglichkeiten der kommenden Dekade dürften bereits halten, was SF-Filme noch vor 20 Jahren versprachen, von der Realität des Spielberg-Thrillers «Minority Report» sind wir nicht mehr weit entfernt, zumindest nicht in Sachen Interface-Technologie (Fliegende Autos und Jetpacks lassen nach wie vor auf sich warten.) Bereits jetzt deutet sich aber auch ein weiterer, tiefschürfender Umbruch an, der den gesamten menschlichen Körper zum Interface deklariert. Sanfte Vorläufer sind Waagen und Blutdruck- oder Glucosemessgeräte, die Biodaten an Software übermitteln, Kameras, die mit einem Lächeln ausgelöst werden oder die Gesichter von Freunden automatisch erkennen und für den Autofocus nutzen oder auch Gadgets wie das Jawbone Up, das (wenn auch noch unfassbar primitiv) Bewegungssignale ermitteln und an das iPhone übertragen kann. Auch DSLR-Kameras können ja heute bereits analysieren, wohin wir durch den Sucher blicken und auf das, was unser Auge ansieht, automatisch scharfstellen.

Unsere Vitalzeichen, wie lange wir schlafen, unsere Stimmungen und Ernährung werden über kurz oder lang zunächst nur im Sinne reiner Datensammlung, mittelfristig aber auch als Steuerparameter direkt von Softwares genutzt werden. Dies wahrscheinlich zunächst im spezialisierten Bereich – etwa von Pflegerobotik oder Überwachungssystemen in Krankenhäusern -, sehr bald aber auch im privaten Segment… schon jetzt verkaufen sich Apps und Gagdgets für das Self-Monitoring ausgezeichnet. Was man sich zunächst so einfach denken kann wie Kochbuch-Applikationen, die auf anderenorts gesetzte Diätwerte und -ziele reagieren oder ein iTunes, das auf Stimmungen oder beim Jogging auf das Pulstempo reagiert, öffnet zwei neue Perspektiven… die Nutzung des gesamten Körpers als Interface und die Nutzung des Gehirns im Speziellen. Das Body-Interface kann natürlich bedeuten, dass Software aktiv auf größere Bewegungen, Gesten, Vitalwerte, aber auch auf Geo-Daten und Zeitdaten reagiert (so wie jetzt ja schon Reminder-Softwares aktiv auf GPS-Daten anspringen und uns im Supermarkt die Einkaufsliste zeigen). Der physische Körper und sein Umfeld werden so zu Eingabe-Matritzen der Software. Was der Mensch wo und wann macht, wird zum kybernetischen Steuerimpuls.

Der andere Aspekt, die direkte Schnittstelle ins Gehirn, klingt aus heutiger Sicht nach SF, selbst wenn in der neuronalen Steuerung von Implantaten und Prothesen in den letzten Jahren ebenso sprunghafte Fortschritte gemacht werden wie in der «Geodäsie» der Gehirnfunktionen. Die Idee, direkt aus neuronalen Strömen heraus Software zu steuern bzw. von dieser auch unmittelbar, unter Umgehung anderer Sinnesorgane, Eindrücke vermittelt zu kriegen, mag heute noch abenteuerlich klingen. Aber das, was wir heute Smartphone nennen, war bis vor 50 Jahren auch noch auf Serien wie StarTrek begrenzt (»Navigator«) und dabei deutlich kruder und begrenzter als die heutige Realität, die jedermann frei zugänglich ist. Umgekehrt waren in den 60er Jahren Körpermoddings, die heute für jeden Teenager zum Alltag gehören, undenkbar. Wer hätte zu Zeiten von Truman oder selbst Kennedy geglaubt, in welchem Maße Piercings, Tattoos und anderen Selbstverstümmelungsstrategien reguläre, ja fast langweilige Modephänmene werden würden – wer hätte zu Zeiten von »Mad Men« voraussehen wollen, dass es heute einen Boom zur elektrische Zigarette geben würde? Will man da heute wirklich noch ernsthaft bezweifeln, dass Google Translation irgendwann so effektiv sein wird, dass wir uns in Echtzeit grob in fremden Sprachen werden unterhalten können – per Spracherkennung, serverbasierter Übersetzung und Sprachausgabe? Marshall McLuhans 1969er Vision einer telepathischen Welt, in der – über das hochraffinierte Werkzeug Computer, das alle anderen kruderen Werkzeuge überschreibt – ein «universales Verständnis» möglich wird, ist zum Greifen nahe.


Der siebte Sinn
Das Interessante an all diesen Entwicklungen ist, dass sie sich dem Menschen zuneigen. Anstatt uns seltsame krude Werkzeuge aufzuzwingen, nähert sich Maschine und Software immer mehr unseren ureigentlichen Kommunikationswerkzeugen an. Tastatur und Maus weichen Gestik, Handschrift, Stimme und Auge, die Lernkurve für die »Steuerung« von Software wird immer flacher, ähnelt immer mehr biologischen Prozessen. Die Maschinen werden biomorph. Man darf diese Entwicklung durchaus kritisch sehen, vor allem wenn sie primär gewinnorientiert und ohne ethische Kontrolle abläuft, wird sie aber kaum mehr zurückdrehen können. Der Computer – und noch viel mehr der Äther des Web – sind Büchsen der Pandora, die nur vielleicht ein verheerender Krieg oder eine andere Katastrophe kurzfristig wieder verschließen würde. Positiv gesehen aber fallen hierdurch technologische Krücken weg, die wir seit Gutenberg benutzen, um umständlich eine Brücke zwischen Massenkommunikation und individuellen Ausdruckspotentialen zu schlagen.

Phoneme, Alphabet, Druck, selbst Schallplatte und Video sind nur Faustkeile… und je fortschrittlicher die biomorphen Interfaces werden, um so einfacher und unkomplizierter wird unsere Kommunikation untereinander und mit Maschinen werden. Der Clou dabei ist, dass das Medium sich dabei auflöst. Der Rechner als große Konvergenzmaschine, der sämtliche medialen Ausdrucksformen binär zerhäckselt und völlig neu zusammenstückeln kann, dem es denkbar egal ist, ob er nun Musik oder Bilder, Schrift oder Töne in 0 und 1 auflöst, wird in den kommenden Jahren selbst unsichtbar werden. Bereits das iPad bricht mit der Metapher des »Computers«, ja des technischen Gerätes schlechthin. Abgesehen von einem in Zukunft wahrscheinlich zusätzlich verschwindenden Minimum an Knöpfen ist es als technisches Utensil nicht zu erkennen – die Eigenbedienung ist ein Minimum, das gerät verwandelt sich durch die Software in was immer auf dem Bildschirm an sich gezeigt wird… wobei das Wort «Bildschirm» schon fast in die Irre führt, wenn das ganze Gerät nur noch ein Screen ist.

Die Frage, inwieweit Computer und Web noch als solche wahrnehmbar sind, wenn es nicht einmal mehr den Bildschirm gibt, sondern osmotische oder sogar direkte neuronale Verbindungen für selbsttätige Steuerungsmechanismen sorgen, die intuitiv, instinktiv genutzt werden können, stellt sich kaum: Was heute noch «externe» Medien sind, würde tatsächlich zur symbiotischen Sinneserweiterung, zu einem siebten, achten, neunten Sinn. Wohin sich das entwickelt sieht man schon heute, wenn Leute bei Gesprächen Fakten kurz googlen, mitten in einem Film mit IMDB nach Trivia suchen oder oft zwar durchaus in der echten Welt anwesend, aber simultan auch in Facebook oder Twitter oder Instagram aktiv sind. Diese Form von Multitasking wird ein Standard werden, eine Art Layer, das sich über die normale Kommunikation legt und durch den Wegfall klassischer Interface-Hardware quasi unsichtbar wird, die Form eines internen Monologs annehmen kann.

Wir sind bereits heute permanent online – in Zukunft kann das aber ein Teil der tatsächlichen Wahrnehmung von Welt sein, was heute grobmotorisch als Augmented Reality vermarktet wird. Konsequent zu Ende gedacht, wäre ein derartige nahtlose Verbindung mit Hard- und Software eine Erweiterung unserer mentalen Möglichkeiten, für die wir Menschen sozusagen Anlauf und Training brauchen, weil unser Gehirn sich den Möglichkeiten wird anpassen müssen (so wie es ja bereits jetzt langsam notgedrungen neue Selegierungsstrategien gegen den Zerstreuungsmechanismus einer vernetzten Welt entwickelt, wobei uns wieder Software gegen die Gefahren anderer Software zur Seite springt…). Diese Sinneserweiterung wird auf eine Art begrenzte elektronische Telepathie hinauslaufen – du wirst ohne Bildschirm, ohne Tastatur, ohne »Gerät« in irgendeinem Sinne wissen, ob es Freunden eine halbe Welt entfernt gerade gut oder schlecht geht. Und es läuft auf eine sanfte Allwissenheit hinaus – weil der Wissensschatz des Webs nicht mehr per Suchmaschine erarbeitet werden muss, sondern ebenso neural einfach »da« ist wie andere Informationen und Erinnerungen ja auch. (Spannend und erschreckend wird die Frage, wie Werbung dann wohl funktioniert…)

Obwohl ich nicht sicher bin, inwieweit unsere Generation solche biotechnologischen Verschmelzungen noch miterleben wird, zeichnen sich solche Lösungen logisch ab. Zum einen werden Prozessoren, wenn sie weiter hohe Leistungssprünge bringen wollen, irgendwann biologisch funktionieren müssen, zum anderen stellen Interfaces wie Displays und Tastaturen die größte Hürde für den Verkleinerungstrend von Elektronik dar. Die Prozessoren und Speicher selbst sind längst winzig – nur der Mensch braucht eine gewissen Bildschirmgröße und seinem Körper entsprechend große Eingabewerkzeuge, um mit dem Rechner in Dialog treten zu können. Die Vorstellung, dass Hersteller früher oder später den gordischen Knoten durchschlagen und weitestgehend auf Hardware verzichten werden, ist also naheliegend. Die Vorstellung davon, wie diese Art von direkter Wahrnehmung von softwarebasierten Angeboten als «Sinn» sich anfühlen mag, wie es sein könnte, wenn Informationen, aber auch Spiele, Musik, Filme usw. direkt als «Schicht» über unserer normalen Wahrnehmung liegen oder mit dieser unzertrennbar verwoben sind, kann man sich bestenfalls als psychedelischen Trip vorstellen. Ich habe kaum Zweifel daran, dass wir uns als Menschen an diese induzierten zusätzlichen Sinne gewöhnen werden – wie wir uns an andere mediale Dinge auch gewöhnt haben, die zwei drei Generationen vorher die Menschen in den Wahnsinn getrieben hätte. Die physische Härte moderner Metal- oder Drum’n’Bass-Musik, die extrem schnellen Schnitte in Musikvideos, die surreale Unwirklichkeit von 3D-Filmen, die Absurdität der meisten Werbefilme, die generelle Schnelligkeit der Zivilisation heute – all das dürfte einen Besucher aus den 1920er Jahren zur Verzweiflung bringen, ist für uns aber Alltag. Wer weiß also, woran sich unsere Nachfahren anpassen werden können?

Unsere Generation wird den langen – und sicher spannenden – Weg machen weg von Computern als «externe» Arbeitsgeräte hin zu alltäglichen Begleitern. Aus schrankwandgroßen besseren Taschenrechnern sind in nicht einmal 50 Jahren taschenrechnergroße exzellente Multifunktionsgeräte geworden, die die meisten bisherigen Medienangebote nahtlos in sich vereinen. Geräte, deren Evolution und (Markt-)Überleben davon abhängt, sich für ihre Nutzer unersetzbar zu machen. Unsere Generation wird entscheidend miterleben, wie dieses Eindringen von Web und Software in den Alltag unser Verhalten und unseren Umgang miteinander entscheidend verändern muss. Unser Denken über Copyright, Verhaltenskodexe, wirtschaftliche Modelle, Beziehungsideale, Berufswege, Mode, Kunst, Freundschaft, Kommunikation, Wahrheit – nichts wird dieser so unscheinbar anfangenden Revolution gewachsen sein. Wir stecken mittendrin und haben die Möglichkeit (und wahrscheinlich die Pflicht), in irgendeiner Form diese Entwicklung mit zu formen… zwischen Hypermarken, die den Markt dominieren und einer Politik, die reflexartig solchen Großunternehmen zuzuarbeiten gewohnt ist, ohne die man allerdings auch die Annehmlichkeiten moderner Technik nicht hätte, so dass nie ganz klar ist, ob man Google, Apple und Co nun lieben oder verfluchen sollte. Der Weg zu den neuen Interfaces wird voller wunderbarer Paradoxien und Irrläufer sein.
Freuen wir uns drauf.

19. Januar 2012 17:46 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , , , , , . Eine Antwort.

Wolfgang Büscher: Hartland

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Der Trip des Zeit- und Spiegel-ournalisten Wolfgang Büscher durch die Vereinigten Staaten von Amerika beginnt mit einer fast surrealen krypto-faschistischen Begegnung mit der amerkanischen Homeland-Security-Paranoia an einem kanadischen Grenzübergang, die aus einem Tarantino-Film stammen könnte in der Mischung aus absurder Komik und unterschwelliger Gefahr – und das Flair dieser Art stacheliger Feindseligkeit gegen alles Unbekannte, aber auch untereinander scheint zum übergreifenden Thema von Wolfgang Büschers Fußwanderung durch die USA zu werden. Der xenophobe Kampf gegen der europäischen Einwanderer die Indianer, die stets wiederholten Warnungen an Büscher, dieses oder jenes Bundesland oder eine bestimmte Stadt zu meiden, die religiöse Militia von Waco, die grundlegende Stimmung von Misstrauen gegen alles und jeden – all das zieht sich immer wieder durch «Hartland».

«Hartland» ist nach einer Stadt benannt, in der Büscher zu Beginn seiner Reise übernachtet, eine alte verlassene Goldgräberstadt, aber vom Anklang des Heartland bis zum Unterton von Schmerz und Härte, umfasst dieser Titel die amerikanische Entwicklung – «Die beiden Enden der amerikanischen Parabel», wie Bücher selbst schreibt. Und es ist ein hartes Land, durch das er reist. Melancholisch, oft fast poetisch begegnet der Reisende dem Niedergang der amerikanischen Eingeborenen, reist an Toten Vögeln an Reservatsstraßenrändern vorbei, besucht die «Fortunabunker», in denen Indianer eine hundertfache Schar alter weißer Glücksspieler beaufsichtigen, während rundherum das Land wie ausgestorben, leer, leergesaugt, wirkt.

Die grenzenlose Subjektivität
Büscher ist ein Glücksfall als Dokumentator seiner eigenen Reise, der mal emotional überwältigt und fast lyrisch wird, mal sparsam und nüchtern wirkt – ein schriftstellerisches Mixtape, das (auch wenn das Buch möglicherweise gar nicht live on the Road geschrieben sein mag) sehr glaubhaft die Lichtwechsel der Reise widerspiegelt, die Stimmungen des Autors, aber auch die Wechsel in Land und Leuten, denen er begegnet. Dabei bleibt Büscher oft abstrakt, fast skizzenhaft, lässt sich nie auf ein «nur» beschreibendes Niveau herab, ist immer weit von einem National-Geographic-Stil entfernt, betont unjournalistisch für einen Journalisten. Denn dieser touristische Sound wäre auch falsch – es geht ja vielmehr darum, nicht das Unbekannte neutral zu dokumentieren, sondern ganz im Gegenteil, das Bekannte (oder vermeintlich Bekannte) durch ein subjektives Eintauchen zu dekonstruieren und neu zu sehen. Immer wieder konfrontiert Büscher sich selbst und uns Leser mit medialen Vorbildern – die ja unverhinderbaren Eindrücke aus Filmen, Musikfetzen im Radio, aber auch den Schriften Maximilian Prinz zu Wieds aus dem 19. Jahrhundert über dessen Besuche im Indianergebiet oder aus historischen Fragmenten der Lebensgeschichte des Indianers Black Elk und anderen Büchern. Dieser Fremd- und Selbstbespiegelung des amerikanischen Mythos setzt Büscher eine oft fast naive, bewusste Neugier entgegen, gefasst in einer Sprache, die bildhaft, oft fast halluzinogen wirkt, die (ob man das nun mag oder nicht) einen Dreck auf Neutralität und Realität gibt und auf grenzenlose Subjektivität setzt.

Die Reise ins Ich
«Hartland» ist ein Reiseroman der nicht aus Goethes etwas pietistischer Schule des reisenden Wohlstandes entspringt, sondern in Buchform geronnener Geist einer neu-europäischen Backpacker-Kultur, die es mit aller Gewalt hinaus aus der Sicherheitszone des Kristallpalastes drängt, hin nach Asien und Russland, in das Direkte, gerade so, dass man sicher ist, aber eben auch einen Hauch Abenteuer haben kann, den es daheim im Land der Vollkaskoversicherungen so nicht mehr geben kann. Es ist ein bewundernswerter, aber eben doch dekadenter Mix aus Moderne-Ennui und globaler Neugier, der sich eben auch in diesem Trip niederschlägt, der die USA erfolgreich als ebenso unbekannt und wild wie Kambodscha oder Afrika erkennt, das Vorbild unserer westlichen Zivilisation im Prozess des zeitlupenartigen Zerbröselns, der Fragmentierung zeigt, die so langsam stattfindet, dass nur jemand, der aus dem europäischen Nachbau amerikanischer Kulturangebote bemerkt, wie weit sich das virtuelle Vorbild (seit hier ja immer noch nachempfunden leben) und die Realität in situ auseinandergelebt haben.

Büscher liefert so einen interessanten Bruch zu der eigenen Narration, die Amerika über den eigenen Mythos liefert, aber keinen wirklichen Gegenentwurf, bewundernswert unneutral hängt er eingefroren zwischen der mythischen Anziehungskraft der Legende und Historie des Landes, und der Wirklichkeit eines entsiegelten und überfüllten, zu armen und zu reichen Landes, das in der eigenen Zentrifugalkraft auseinander zu sprengen scheint, das trotz so vieler freundlicher Individuen kollektiv und anonym so seltsam bedrohlich wirkt.

Etwa in der Mitte des Buches überkommt mich eine Neugier, die ich beim Lesen sonst so gut wie nicht kenne – wer ist eigentlich dieser Autor? Was treibt einen Mann, der alles andere als ein junger Weltenbummler ist, Jahrgang 1951, der einen soliden Job hat, Kinder, was treibt den in Niemandsland in Russland oder Amerika? Welches spezielle Reporter-Gen muss es geben, welche Mischng aus Neuier, Thrillseeking, blindem Vertrauen, Mut und Selbstsuche, die dich in dem Alter dazu bringt, nicht einen netten Tag mit deiner Familie zu verbringen, sondern auf irgendeinem Highway in wildfremde Autos zu steigen, in leeren Häusern zu schlafen, diese seltsame Konfrontation zu suchen? Für einen Moment springt mich an, wie genial es wäre, wenn Büschers Buch ein kompletter Fake sei, eine Helge-Schneider-Farce, schliesslich weht ja ohnehin kurz der Geist von Karl May durch den Text… aber wahrscheinlich macht ein preisgekrönter Zeit-Reporter so etwas nicht. Auch nicht, weil das Buch immer wieder einen autobiographischen Touch bekommt, wenn sich Büscher etwa auf seine arme, aber eben nicht armselige Kindheit zurückbesinnt und Parallelen zwischen dem fast staatsfeindlichen Individualismus in den USA und jener Prä-Wohlfahrtsstaat-BRD zieht. Oder wenn er seine Kindheit herauf beschwört, wie er vom Attentat auf Kennedy hört und später Moon River im Radio läuft.

Der Flickenteppich
«Hartland» durchweht, je weiter das Buch voran schreitet, eine Melancholie und eine Art sanfter Trauer, die vielleicht aus der Konfrontation dieser Jugendträume der Sechziger mit der Realität von heute resultieren, vielleicht auch nur die einzig sinnvolle Reaktion auf ein müde den Niedergang erwartendes, wütendes und resigniertes Empire von Gestern, die Trauer, die du fühlst wenn du nach Jahren ein Photo eines früheren Hollywood-Stars siehst, an dem die Dekaden spurenreich vorbeizogen. Es ist ein Niedergang, den Büscher in fiebernden metaphorischen Szenen photographiert – eine Cowboyhochzeit im Orkan, der ungebrochene Verfolgungswahn von Waco, immer wieder kleine Begegnungen in Cafés und Autos, Streiflichter von Leben, die Stoff für Romane hergäben. Unterstrichen wird dies von dem Eindruck, dass «Hartland» keinerlei herkömmliche Handlung anbietet, die Reise Büschers kein Ziel hat, sogar mit ihrem Fortschritt immer zielloser wirkt, immer mehr von Pausen und Zögern durchrissen ist, erzählerisch stockt und mehr die Unsicherheit des Schreibenden/Reisenden aufzeigt als eine Entwicklung hin zu einem bündigen Eindruck der USA. Das macht die Lektüre gegen Ende des Buches mitunter etwas schwer, weil du dich als Leser in dem Pittoresken der Einzelszenen auch verlieren kannst und die Orientierungslosigkeit Büschers in der Linearform des Buches irritierend wirkt, aber es zeichnet die Narration auch aus, macht das Buch frei von der sonst so naheliegenden eurozentrischen Arroganz vieler Journalisten gegenüber den USA. Büscher ist nicht selbstsicher, nicht mit einem vorgefassten Ergebnis unterwegs – und diese Ambivalenz durchzieht auch den Text, sorgt in dem Rückblick des gealterten Cowboys Beto sogar für so etwas wie Wehmut, Sehnsucht nach der Zeit in der der Western-Mythos noch lebendig war, der selbst in Texas nur noch in der Erinnerung lebt.

Und so driftet Büscher von der kanadischen Grenze bis Down South zur mexikanischen Grenze und scheint am Ende selbst überrascht, wie wenig ihm zugestoßen ist, wie wenig sich die permanenten Warnungen unterwegs sich nicht bewahrheitet haben und wieviel Hilfsbereitschaft ihm in den verschiedensten Formen begegnet ist, dass unter der Schale des «harten Landes» also vielleicht doch ein weicher Kern steckt. In den Seiten von Hartland jedenfalls steckt eine große Erzählung in kleinen Episoden, eine bescheidene und ehrliche Auseinandersetzung mit einem Land, zu dem wir Deutschen kaum eine neutrale, offene Haltung entwickeln können, und zugleich ein Roman, der die gewitzte Naivität wie man sie etwa auch aus Texten von Klaus Fiehe kennt, zu einer makellosen Waffe geschliffen hat, der Wissen im Nichtwissen, Tiefe im Ungesagten, in den Pausen bietet. Am Ende ist es ein Reiseroman, der zunehmend wortkarg wird, immer weniger zu sagen versucht, immer mehr die vielleicht ursprünglichen Ziele aus den Augen verliert und gerade dadurch, im Treibenlassen, hoch lesenswert wird.

11. Dezember 2011 13:57 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

Gian Domenico Borasio: Über das Sterben

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Das kleine Buch des Münchener Palliativmediziners Borasio bildet einen seltsamen Kontrapunkt zu den Auszügen der Schallplattenserie »Distar – Die Stimme des Arztes« aus den fünziger bis siebziger Jahren, die ich frisch als Hörspiel des Bayrischen Rundfunks im Zusammenschnitt von Kalle Laar gehört habe. Wo bei Laars Zusammenschnitt die Ärzte sich noch wahlweise als reine Handwerker oder tatsächlich als Halbgötter in Weiß präsentieren, die oft hart an der Grenze zur Eugenik argumentieren, oft aber auch heute noch zutreffende, sehr übergreifende Analysen anbieten, präsentiert sich Borasio bescheidener, vielleicht weil sein Feld nicht viel Anlaß dazu gibt, sich selbst als Herr über Leben und Tod zu erleben, sondern dort beginnt, wo der normale medizinische Ansatz an seine Grenzen kommt.

Gleich vorweg nimmt der Arzt dem Leser die Hoffnung, so zu sterben wie er es sich vielleicht wünscht – während die meisten Leute statistisch bevorzug plötzlich und schnell sterben würden (etwa durch eine Herzattacke), ist die Realität so, dass nur 2% aller Todesfälle so verlaufen, die meisten Todesarten, etwa durch Krebs oder Demenz weisen einen Verlauf von einem bis zehn Jahren auf, mit zunehmender Pflegebedürftigkeit der Sterbenden und gerade im Falle der Demenzkranken mit steigender Tendenz.

Borasio plädiert – vor seinem Hintergrund selbstverständlich – für einen Ausbau einer stationären aber vor allem auch ambulanten palliativen Pflege, wobei vor allem letztere derzeit kaum gegeben ist, wie der Autor selbst an der Rolle des Hausarztes verdeutlicht, der hier eine zentrale Bedeutung haben könnte (und sollte), der aber in den meisten Fällen für 18 € pro Visite wenig Anreiz haben wird, sich auf dieses anstrengende und offenbar schlecht entlohnte Terrain zu begeben. Im Laufe seines Buches hakt Borasio die verschiedenen Bedürfnisse von und Möglichkeiten für Patienten und Angehörige ab, von simplen Dingen wie Atemnot bis zu der Frage, wie seelsorgerische und spirituelle Aspekte bis hin zur Nachberatung nach dem Tod für die Familie organisiert sind bzw. sein könnten. Ob Schmerzmittelgabe nach WHO-Schema, künstliche Flüssigkeits- und Nahrungsgabe oder induziertes Koma – allein, weil »Über das Sterben« Antworten auf die meisten offenen Fragen hat und Optionen abwägt, ist das Buch für Angehörige wie für jeden, der sich selbst mit der Frage nach der Gestaltung seines Lebensendes befasst, eine mehr als lesenswerte und sehr allgemeinverständliche Lektüre, kurz und prägnant, klar gegliedert und trotz der emotionalen Wucht des Themas weder zu pathetisch noch zu kalt, sondern durchaus, wenn man so will, gut lesbar, warmherzig, humorvoll und mit Hoffnung geschrieben.

Darüber hinaus zeichnet sich hier natürlich ein unverzichtbarer Wandel im medizinischen Denken ab, den einzelne Ärzte längst in ihrem Alltag leben, viele Ärzte laut Borasio aber nach eigenem Bekunden nicht beherrschen und sogar vermissen – die Entwicklung hin zu einem kommunikationsfähigen, für den Patienten offenen Mediziner, der sich nicht hinter einem Wall von Fachtermini versteckt und nicht unilateral «erläutert», sondern empathisch auf den kranken oder sogar sterbenden Menschen zugehen kann. Ich stelle mir das für Ärzte, egal ob im Studium oder mit jahrelanger Erfahrung als Ober- und Chefarzt, enorm schwer vor. Die kühle, von Codes, Chiffres und Wort-Camouflage geprägte Fassade, das Vertrauen auf Technologie, Chirurgie und Pharmazie, die klare Hierarchisierung von Spitälern und nicht zuletzt auch der in den letzten Dekaden exponentiell steigende Druck, wirtschaftlich «sinnvoll» (also gewinnorientiert) zu arbeiten, machen den Patienten vom Subjekt zum Objekt, zu einer nie wirklich endenden Flut von zu lösenden Problemen, schließlich auch zu einer Aktenlage, die Ärzte abarbeiten und verwalten wie Anwälte und Richter ihre Fälle, mit der gleichen Effizienz und Abstraktion. Es ist schwer – für Patienten wie für Ärzte – von diesem über Jahrzehnte erlernten Modus auf eine seelsorgerische, sozialarbeiterische gar psychologische Arbeit umzuschalten, die im Krankenhausalltag bestenfalls den Schwestern und Sozialteams mehr schlecht als recht überlassen wird. Es gibt dennoch gute Gründe, warum in einer alternden Gesellschaft ein neuer Typus von Arzt-Patient-Kommunikation entstehen müsste, und Borasio plädiert in diesem Sinne für eine Schulung von Ärzten im Sinne von palliativer Pflegekompetenz, die eine Voraussetzung für die einfachsten medizinischen Erfolge in der Behandlung, aber eben auch für ein souveränes Sterben sein kann.

Was keineswegs unausgesprochen hinter »Über das Sterben« steht, ist der gesellschaftliche Wandel. Borasio selbst nennt die aktuelle Re-Urbanisierung, die Demographie, den Unterschied zwischen größeren Familien auf dem Lande und Single-Haushalten in der Stadt, die bittere Wahrheit, dass familiäre Pflege meist bei den Töchtern hängen bleibt und kommt indirekt zu dem Fazit, dass, wer sich ein humanes Sterben im Kreise der Familie wünscht, idealerweise auf dem Land leben sollte, Kontakte zu Nachbarn pflegen und vor allem reichlich Kinder, idealerweise Töchter, in die Welt setzen sollte. Da dies aber genau nicht mehr der Fall ist und wir mit der geschlechterübergreifenden Straffung der Arbeitswelt, der dichteren Taktung von Arbeit (so man welche hat), dem Aufweichen der Grenze zwischen »Privat« und »Beruf« und der Anonymität in den wachsenden Großstädten uns eher von diesen Bedingungen weg-entwickeln, stellt das Buch zu Recht auch die Frage, wie wir gesellschaftlich und professionell ein »sanftes« Sterben organisieren wollen, wenn es sozusagen nicht mehr ganz normal-familiär gewährleistet sein kann. Borasio kratzt damit am Tabu des Sterbens und der Trauer in der Hyperdrive-Gesellschaft und nicht zuletzt auch an der Thematik der aktiven und passiven Sterbehilfe und des assistierten Suizids, wobei sich der Arzt recht deutlich gegen die in den Beneluxländern praktizierte Tötungslegalisierung ausspricht und für einen assistierten Suizid, womit er deutlich von der offiziellen Haltung der Ärztekammer abweicht, die gerade erst die letzten Interpretationslücken geschlossen hat und die Sterbehilfe nahezu verbietet. Was angesichts von Borasios Argumentation, das etwa in Oregon – wo die assistierte Sterbehilfe legal ist – nur 2% der Patienten, die Suizidmittel erhielten, diese auch nutzten, es also scheinbar vielmehr um das Gefühl geht, selbst als Patient kontrolliert entscheiden zu können, wann es Zeit ist, auszusteigen.

Gegen Ende des Buches, das in seiner leichten Sprunghaftigkeit manchmal wirkt, als sei es aus verschiedenen Vorträgen destilliert, widmet Borasio sich der seinem Gebiet als universitäre Einrichtung, die derzeit zum Spielball Interessen von Anästhesie und Onkologie dasteht und seiner Meinung nach um Eigenständigkeit kämpfen muss und der hausärztlichen Arbeit nähersteht als einer pharmazeutischen Vergabestelle. Was plausibel erscheint, da es in der »palliative care« sicher mehr um psychosoziale Momente geht als nur um die Verabreichung von Morphin und da – vor allem langfristig – nicht nur Krebspatienten bereut werden, sondern auch ALS- oder Demenzkranke, Kinder und viele andere Sterbende. Die Zeit, so traurig es ist, und die gesellschaftliche Entwicklung, spielt dieser professionalisierten Substitution einer post-industriell untergegangenen familiären Betreuung von Sterbenden in die Hände.

Und so ist »Über das Sterben« keineswegs nur ein Leitfaden oder ein Ratgeber, sondern natürlich eine Verteidigung von Gian Domenico Borasios eigenem Arbeits- und Forschungsgebiet und ein Plädoyer für mehr Beachtung (und Mittel) für den palliativen Pflegebereich. Borasio legt dabei sehr viel Wert auf die reflektive Bedeutung des Sterbens für das Leben der Kranken, aber auch für die Ärzte und Pfleger selbst, und induziert so, dass wir auch gesamtgesellschaftlich vielleicht den Tod nicht so sehr tabuisieren sollten, sondern als wichtigen und normalen Teil des Lebens begreifen, als Gegenstück und Vollendung der Geburt. Und obwohl Borasios Buch aufgrund der Kürze an vielen Themen nur kratzt, obwohl es vor allzu tiefen philosophischen und sozialen Betrachtungen an sich wohltuend zurückschreckt, schafft das dünne Buch einen hervorragenden Bogen zwischen pragmatischer Anleitung, mentaler Vorbereitung und einer Art aus der Praxis entwickelte spiritueller Grundhaltung, der nicht nur eine kurzweilige, weil oft rastlose Lektüre gewährt, sondern einen bewusst auch für Nicht-Mediziner gedachten Einstieg in ein komplexes und umstrittenes Thema leistet. Mag sein, dass Mediziner sich trefflich über den Inhalt des Buches streiten können – aber das einzige, was man also aus Sicht des Laien an »Über das Sterben« kritisieren kann, ist das entsetzliche Cover… der Inhalt ist für jeden lesenswert und zeigt zugleich auf, wie weit der Weg noch ist, den die Medizin vor sich hat von den wissenschaftlichen Halbgöttern in Weiß der Distar-Serie zu psychologisch und soziologisch geschulten Lebensbegleitern.

7. Dezember 2011 08:57 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

Mehr als 1000

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Die stets kluge Bildredaktion des Spiegel beweist erneut, dass Photos oft mehr sagen – oder andere Dinge sagen – als Worte und lässt zwei Bilder quasi gegen ein recht unverfängliches Interview mit Linke-Chef Gregor Gysi laufen, die allein durch ihre Körpersprache mehr sagen als der gesamte Text drumherum, über Beziehungen, über Führungskämpfe, über Kommunikationsprobleme. Keine Frage – solche Photos können täuschen und sollen natürlich auch einen bestimmten Zustand suggerieren und gefrorene Momente geben nie wirklich kommunikative Zustände wieder – aber im Hinblick auf Text-Bild-Schere hat der Spiegel hier großartig mit den Bildern aus dem WAZ Pool und von Michael Gottschalk operiert.

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15. November 2011 11:47 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , , . Keine Antwort.

Track Me

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TRACK ME ist ein Diplomprojekt von Carolin Lintl, die ich bereits 2008 im Rahmen der Veranstaltung Spektakel an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste kennen gelernt habe, und die mir später bei der Recherche zu einem Form-Artikel über Peter Brugger Typo-Workshop «Rasterfahndung» mit ihrem Faedel-Font wieder als sehr spannende Design-Studentin über den Weg lief. Jetzt arbeitet Caro an ihrer Abschlussarbeit – und die wirkt ebenfalls alles andere als alltäglich.

Über ihr Projekt schreibt sie selbst:



Wann und wo immer in den öffentlichen Debatten von der Informationsgesellschaft die Rede ist, geht es um Vernetzung, Wissensspeicherung und um den Einfluss neuer Technologien auf das Privatleben jedes Einzelnen.

Die digitale Revolution ist in vollem Gange. Handys werden zu kleinen digitalen Alleskönnern und machen uns überall und jederzeit erreichbar, vernetzen uns mit
dem Rest der Welt und dokumentieren nebenbei unseren Alltag. Jeder kann selbst Videos, Fotos und Texte produzieren und anderen zugänglich machen, was die Fülle
an täglichen auf uns einprasselnder Informationen noch anwachsen lässt. In einer Menge aus kommentierenden, produzierenden und konsumierenden Nutzern
einer größer werdenden Netzgemeinschaft wird Aufmerksamkeit die neue Währung und zum kostbarsten Gut.
 Auch wenn ein reger und nützlicher Informations- und Gedankenaustausch stattfinden kann, ist es eine Herausforderung über das bloße Senden, Empfangen und Archivieren hinaus,in der Masse aus Nachrichten die einzelnen Botschaften wirklich zu Verstehen und sich damit ausreichend aufmerksam auseinanderzusetzen. Viele befürchten deshalb einen zunehmenden Verlust von inhaltlicher Qualität zu Gunsten einer Quantität, eine Reduzierung auf Oberflächlichkeiten und den Verlust realer, zwischenmenschlicher Kommunikationskompetenz.

In Zukunft wird es weniger darum gehen, neue Technologien zu finden, die das Produzieren von Inhalten noch leichter, schneller und kostengünstiger machen, sondern es müssen vielmehr Wege gefunden werden, angemessen auf diese Entwicklungen und ihre Folgen zu reagieren. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Kommunikationsverhalten und ein bewussterer Umgang mit den dazugehörigen neuen Technologien.

Dazu entsteht im Rahmen meiner Abschlussarbeit eine experimenteller Internetblog.

Eine Eigenart dieses Weblogs besteht darin, dass alle Beiträge, meist gestaltete Beiträge und Texte bekannter Medientheoretiker und Kommunikationswissenschaftler, einem Verfallsdatum unterliegen. Die Laufzeit bemisst sich am Interesse der Leser, d.h Beiträge, die über längere Zeit keine Aufmerksamkeit in Form von Klicks erhalten haben, verschwinden nach und nach. 
Wird so aus einer Masse an Informationen scheinbar relevantes Material, von der Mehrheit der Besucher aussortiert oder konserviert?

Die ständige Veränderungen und die Flexibilität der Oberfläche spiegelt das Wesen des Internets wieder aber fordert den Besucher sich den Inhalt zu erarbeiten, bzw. bewusst damit zu befassen Er kann die Seite nach und nach entdecken und sich aktiv in Form von Kommentaren, Leselinks oder durch Weiterempfehlen durch «selbstgebastelten» digitalen Postkarten mit der Seite auseinandersetzten. Er nimmt aber auch durch passives Beobachten am Prozess des Erhaltens oder der Selektion Teil.

Der Verlauf des Projekts wird, nach einer ersten Beobachtungsphase, in der versucht wird die Aufmerksamkeit der Netzuser auf das Projekt zu lenken, in einem zweitem Teil des Blogs online dokumentiert und damit ist auch nach dem völligem Verlust der Inhalte das Ergebnis Projekts für wiederkehrende Besucher nachvollziehbar.

Die Site zur Abschlussarbeit präsentiert sich ein wenig verstrahlt als charmant-ungelenke Multimedia-Site, die mit pixeligen Bildern, winzigen Scrollfenstern und dem grandiosen Flair eines 80er-Jahre-Betriebssystems auf harten Partydrogen. Das Design ist angenehm retro, etwas antidesign-sperrig, erinnert irgendwie auch auch an Telespiel-Ästhetik und ist dennoch strikt und streng gehalten – man hat stets das Gefühl, das hinter dem wuseligen Feeling der Site eine gestalterische Absicht steckt.

Auf dem iPad funktioniert das Ganze leider nicht – iOS kommt mit den integrierten Scroll-Fenstern und einigen Script-Details nicht klar, aber am Rechner ist die Site einen Besuch und einige Zeit wert, um die Texte und Inhalte und Links zu entdecken, mit denen Carolin Lintl aufwartet – und die Überraschungen zu erleben, etwa wenn man irgendwo klickt und auf einmal blau blinkender GIF-Horror den halben Bildschirm erobert. «Track Me» macht Spaß und zieht das, was im Print seit einigen Jahren an «sperrigem» Design passiert (wie etwa die aktuelle Spex-Optik) recht konsequent ins Netz – und zwar nicht als Zitat der Print-Ästhetik, sondern in das andere Medium übersetzt, mit schönen Referenzen an die Untiefen schlechten Webdesigns, die hier Teil eines sehr gelungenen Ansatzes werden. Das Ergebnis ist eine spielerische Website, die zum explorativen Spiel einlädt, die sich nicht dem derzeitigen Trend zum einfachen Info-Häppchen beugt und die zur Auseinandersetzung mit Komplexität auffordert, also auch etwas Entdeckergeist braucht. Unter dem phantastisch kruden BTX-Q*bert-Design hat das Konzept Ecken und Kanten, Fehler und Macken – und erinnert genau deshalb wohltuend an die Arbeiten von Metahaven, in dem Sinne, dass die Site ihr eigenes Medium Internett mit den Mitteln eben dieses Mediums selbst in Frage zu stellen versucht und an dessen Grenzen treiben will.

Also los – TrackMe besuchen, ansehen, herumstöbern, lesen, kommentieren und ab und zu reinsehen, wie sich die Sache entwickelt. Ich jedenfalls bin gespannt drauf.

22. Juni 2011 05:45 Uhr. Kategorie Design. Tag , , . Keine Antwort.

Langsame Revolution

hd schellnack

Ein Jahr nachdem das iPad den Auftakt zu einer globalen neuen Digitalisierungswelle bei «Print»-Medien ausgelöst hat, reibe ich mich als Leser (aber auch als Designer) immer wieder an seltsamen und frustrierenden Elementen dieses Umbruchs, die einzeln jeweils sicher erklärbar sind, kollektiv aber den Buchmarkt und die Anbieter von Hard- und Software vor wichtige Herausforderungen stellen. Ein kritischer (und sehr subjektiver) Blick auf den Stand der Dinge im Bereich des e-Lesens:

Hardware. Ich hatte letztens bei einem Besuch auf dem mediacampus frankfurt die Chance, mehrere aktuelle eReader in der Hand zu halten. Als iPad-Nutzer eine geradezu schockierende Erfahrung. Unhandlich (mit Ausnahme des Thalia-Readers, der ein sehr süßes Format hat, für «Buch» allerdings einen Tick zu klein ist), ein entsetzlich billiges Aldi-Plastik-Feeling, langsam, medial unflexibel, reines Schwarzweiß… da kommt wenig Freude auf. Das Buch ist ein sehr haptisches Medium und Buchleser häufig Menschen mit einem Gespür für schöne Gegenstände und gute Dinge. Das sollte man beim Design von Endgeräten durchweg im Kopf haben und nicht taiwanesischen Plastikschrott anbieten. Je näher der Reader an das Gefühl eines «Hardcovers» herankommt – und je näher auch die digitalen Buchdateien dies emulieren, nicht durch sepia-Hintergründe, sondern im Handling – desto erfolgreicher wird sich das Angebot durchsetzen. Ich denke auch, niemand hat wirklich Lust, einen längeren Text grau auf grau zu lesen? Die Schrift mag ja «scharf» sein bei vielen Readern, aber sie wirkt pixelig und hat in jeder Hinsicht die Anmutung einer Kinder-«Zaubertafel». Die Bedienung der Software, die sinnfrei wirkenden Hardware-Tasten und viele andere Details der Reader erinnern an die Frühzeit des Computers. Ästhetisch ist das iPad somit fast singulär der einzig annehmbare Weg derzeit. Das iPad aber ist noch zu dunkel in der Sonne, zu hell in der Nacht, reizt die Augen zu sehr beim Lesen als aktives Display gegenüber dem «passiven» Papier und braucht dringend eine höhere Auflösung (iPad3 wird Retina-Display haben). Richtig perfekt ist derzeit noch keine Lösung, Jan Tschichold würde an all diesen Geräten verzweifeln. Das iPad ist noch am nächsten dran und trotzdem einige Jahre von «perfekt» entfernt. Seltsamerweise tut dem Gerät auch die Verschlankung von iPad zu iPad2 nicht wirklich gut. Obwohl für die meisten anderen Anwendungen ein Fortschritt, ist das Pad als Buch jetzt zu surreal dünn, zu scharfkantig, zu sehr Glasscheibe. Ein leichteres, aber voluminöseres Gerät wäre an sich überzeugender. Hier haben wir noch einige schwierige Jahre vor uns – in Sachen Interface ist kein Reader dem «echten» Buch gewachsen. Was zugleich auch heißt, das für andere Firmen als Apple noch Raum wäre, ein markttaugliches Angebot zu konzeptionieren – die begeisterte Reaktion auf den dann leider nie realisierten Courier-Entwurf von Microsoft zeigt das sehr deutlich. Monopole sind nie gut und es wäre erfreulich, wenn ein Hardware-Anbieter sich des Themas Digitales Lesen und Schreiben ganz neu und offen stellen würde.

Kaufen. Es ist immer noch eine Art Horrortrip, spontan ein eBook zu kaufen. Es wirkt fast so, als solle man in semi-legale Graubereiche hinein gezwungen werden, wenn man als Nutzer auch nur den geringsten Anspruch stellt – wie etwa den Wunsch, ein gekauftes Buch auf dem eigenen Lesegerät nutzen zu können. Als deutscher Nutzer ist es schwierig, legal ein amerikanisches Buch – das ich «auf Papier» bei Amazon problemlos binnen 24 Stunden erhalte – als ePub zu kaufen. In Apples iBook-Store gibt es ofiziell keine 50 englischen Bücher… verdeckt sind es einige mehr, aber das Angebot ist erschütternd schlecht. Und auch bei den deutschen Büchern ist die Auswahl deutlich zu klein – Apple hat hier viel zu wenig kleine Verlage im Programm, die Bücher erscheinen deutlich nach den Print-Angeboten, die Vorteile einer digitalen Buchhandlung (Große Auswahl, da keine Lagerfläche, niedrige Preise und hohe Geschwindigkeit) kommen nicht zum Zuge.
Das zugleich die wachsende Zahl der Websites, Foren und Blogs, auf denen Bücher illegal zum Download angeboten werden, explodiert, zeugt von großer Nachfrage, die die Verlage und legalen Anbieter einfach nicht befriedigen. Es ist wie mit dem iPhone und dem Jailbreak – je mehr Apple mit jeder iOS-Fassung ganz einfache Wünsche der Nutzer befriedigt, desto weniger werden diese zu aufwendigen Tricks greifen, um die Funktionalität ihrer Geräte auszureizen. Je einfacher man also digitale Bücher kaufen kann, umso weniger Chancen haben die illegalen Quellen.
Bei Comics, einem fluideren, überschaubaren aber der Buchbranche nicht unähnlichen und insofern als Erfahrungsfeld besonders spannenden Bereich, zeigt sich das besonders drastisch. Der interessierte Leser bekommt nahezu jedes Mainstream-US-Comic am gleichen Tag von ungezählten internationalen und illegalen Quellen in perfekter Qualität in zwei Standard-Reader-Formaten als One-Click-Lösung. D.h. die illegale Vertriebslösung ist an Komfort – abgesehen von der langen Suche und Werbeeinblendungen natürlich – kaum zu überbieten im Hinblick auf das Endergebnis, weist aber einen ungemütlichen Weg dorthin auf, der zudem den Makel des Illegalen aufweist. Kein Konsument von Büchern, Musik, Filmen oder eben Comics will, dass die Macher leer ausgehen. Die Verlage aber – die die Direktmarktstruktur schützen und vor den in den USA durchaus recht mächtigen Retailern Angst haben – setzen auf proprietäre Lösungen, die geradezu bizarr inpraktikabel sind. Selbst der Vorstoß von DC, ab September monatlich 52 Hefte day&date, also am gleichen Tag wie die Printversion, digital zu veröffentlichen, ist nur ein halbherziger Schritt – wenn die Formate nur in geschlossenen Systemen verfügbar sind, wird es wenig nutzen, zumal der Preis bei Erscheinen auf Höhe der Printausgabe liegt. Das schützt die Händler, schadet aber den Verlagen und damit den Autoren und Kreativen. Offene Formate wie CBZ oder CBR, einfache Download-Möglichkeiten, kein DRM und attraktive Angebote für Subskriptionen sind die Lösung. Hier ist übrigens aus meiner Sicht eine große Chance für kleinere Verlage oder Strukturen, ihre Hefte nicht als Webcomics, sondern in ein einem bewährten Format per Blogsystem und Paypal in Echtzeit abzusetzen und die etablierten Strukturen zu umfahren. Flatrates wären gerade für Comic-Publisher, in denen mehrere Hefte ja meist zusammengehören und eine Art «Universum» bilden, zudem eine attraktive Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen und alte zu binden. Wichtig ist aber, nicht nur einen digitalen Zugang mit proprietären Readern zu geben, sondern Zugang UND Besitz zu ermöglichen und auf offene, einfache Formate zu setzen. Oder zumindest beides anzubieten, also eine Art Unterschied zwischen «Streaming» bzw. Miete und «Download» bzw, Besitz anzubieten, wie es im Video- und Musikbereich längst getan wird.

DRM. Kaufe ich ein normales Buch, so kann ich es weiterverleihen, beliebig oft. Kaufe ich ein eBook, etwa ein DRM-geschütztes ePub bei iBooks oder Borders, kann ich das nicht tun. Hier verliert sich ein wichtiger Aspekt von Buch – das Weitergeben, weiterempfehlen, Teilen. Nook ist da einen (halbherzigen) Schritt weiter, sicher, aber generell ist diese Paranoia ein Malus für das eBook-Genre, der zudem auch nur für «legale» Bücher gilt, also wieder den Graumarkt stärkt. Der AppStore und iTunes beweisen, dass gerade DRM-freie Medien und der Verzicht auf Seriennummern/Aktivierungen usw. umsatzsteigernd wirken und die meisten User ein Modell wie das des AppStore – ein Account, mehrere Nutzungen möglich – akzeptieren. Es ist also vielleicht nicht klug, gerade angesichts der Erfahrungen der Musikindustrie, immer noch auf Rights Management zu setzen. Rückt den Nutzer in den Mittelpunkt der Anstrengungen, nicht den Raubkopierer. Wer einen Supermarkt hat und diesen mit Selbstschussanlagen und Stacheldraht gegen Einbrecher zu schützen versucht, wird wohl auch nicht viele Kunden mit diesem charmanten Auftritt für sich gewinnen. DRM kills your business.

Formate Die Formatvielfalt – mobi, lit, ePub, PDF und und und – fühlt sich an wie die frühen Tage von Video mit VHS, Beta und Video2000. Warum es diesen Formatkrieg gibt (und das PDF und textbasierte Formate tatsächlich unterschiedliche Vorteile bieten) ist so offenbar wie schade (anscheinend haben die Hardwareanbieter immer noch nichts aus VIdeo- und DVD-Formatkriegen gelernt, so unfassbar das scheint), aber alle Beteiligten – Konsumenten wir Produzenten – können nur von einheitlichen Standards profitieren. Das offene System zumindest halbwegs klarer Standards im Web kann hier Vorbildcharakter haben. Zumindest die XML/HTML-basierten Formate sollten weitestgehend identisch werden. Die flexible Orientierung an populären und simplen Standards ist immer sinnvoll in Umbruchszeiten (es sei denn man hat wie Apple die Marktmacht, eigene Standards einfach durchzudrücken, wie etwa bei iTunes Audio- und Videoformaten… aber diese Macht hat derzeit eigentlich keine andere Unternehmung und selbst Apple musste sich immer wieder dem Markt anpassen, um Erfolg zu haben).

Preise. Warum kostet Wolfgang Büchers wunderbares «Hartland» als ePub im Grunde ebensoviel wie als Hardcover? Obwohl es hier keine materialle Produktion, keine Lieferung, keinen Grossisten, keine Retouren, keine Lagerhaltung gibt und man sozusagen also ein «ideales» Gut hat, das alle Nebenkosten eines realen Objekts nicht mehr aufweist? Das Argument ist nicht neu – und über kurz oder lang werden die Verlage sich dieser (ja berechtigten) Frage stellen müssen und sich möglichst einheitlich auf ein Modell einigen müssen. Hier zu blockieren, auf Zeit zu spielen und erst einmal Anlaufinvestitionen in eine (allerdings nicht sonderlich teure) neue Technologie mitzunehmen, ist nachvollziehbar – aber die Zeit verrinnt. Gut beraten wäre die Branche, schnell ein klar am Kunden orientiertes Modell zu entwickeln. Ich kann verstehen, dass Verlage und vor allem auch Sortiment die identischen Preise phantastisch finden – sie verzögern den Wechsel der Leser zum digitalen Endgerät und sichern so die bestehenden Strukturen – und die Buchpreisbindung hierfür instrumentalisieren. Ich bin auch dankbar für jeden Job, der durch diesen Ansatz gerettet wird. Nur – der Arbeitsplatz wird nicht dauerhaft gesichert, der Wandel kommt sowieso und mit Verzögerung nur umso gewaltiger und durchschlagender. Unnachvollziehbar hohe Preise erzeugen zudem nur einen Graumarkt, an dem dann niemand mehr etwas verdienen wird. Fair Play auch bei den Preisen ist hier ein essentieller Ansatz, den zukünftigen digitalen Markt zu meistern.

Lesen. Man darf sich nichts vormachen – so phantastisch es ist, Bücher digital zu verwalten – kein Regalplatz, grandiose Markier- und Lesezeichenwerkzeuge, Text-Kopierfähigkeit, diverseste Ordnungsmöglichkeiten, so eben doch noch relativ unangenehm ist das Lesen an sich. Neben dem Display ist ein Hauptgrund die Software, die nicht nur generell zu wenig typographisch einwandfreie Schriften bietet sondern eigentlich nur eine winzige Font-Auswahl mit zudem wenig Features. Wichtig wären mehr Schriften, Open-Type-Fähigkeiten und vor allem eine stärkere Möglichkeit für die Gestalter, auch bei textbasierten eBooks Designvorgaben zu machen. Also Schrifteinbettung, optionale Einschränkung der Fluidität des Content und feste Schriftgröße, Zeilenabstand usw (eine Art Designer- vs- Usermode wäre ja denkbar, bei dem ein Buch aussieht wie für das Device «geplant», der Nutzer aber davon abweichend natürlich individuelle Einstellungen vornehmen kann). Sinnvoll wäre eine Balance zwischen Designvorgaben und der Möglichkeit für den Nutzer, gezielt einzugreifen, anstelle des jetzigen Design-Vakuums, bei dem man als Designer in etwa so effektiv arbeiten kann wie im Web vor 10 Jahren. Ich würde gern als Designer eines eBooks gern typographisch und im Layout sehr viel mehr machen können als eine Art aufgebohrte Textverarbeitung. Der erste kleine Schritt hierhin wäre vielleicht eine Möglichkeit geben, eigene Schriften sicher und lizenzrechtlich einwandfrei einzubinden. Ein weiterer Schritt, zudem ein lukrativer, wäre eine kleine Applikation, die gezielt und absolut sicher nur eBooks gestaltet und in der Applikation bereits verschiedene Reader simulieren kann – eigentlich eine Goldidee für den App-Store. Ein Zwischenschritt wäre, PDF deutlich besser in iBooks zu integrieren – GoodReader zeigt ja, das Textauswahl, Markieren und Notizen auch in PDF schnell und einwandfrei funktionieren. So wie es jetzt ist, braucht es beim digitalen Buch keine Designer mehr, das kann jeder Verlagspraktikant (leider!) selbst – und so sehen die Ergebnisse noch aus. An die Schönheit eines gut gesetzten gedruckten Buchs kommt das elektronische Pendant nicht näherungsweise heran. Noch gilt also, dass das Archivieren von Büchern digital mehr Freude bereitet als das Lesen – und das sollte sich mittelfristig drastisch ändern, denn es ist so, als könnte man in iTunes Musik nur in 64 kbit /s und frei von Bässen und Höhen hören oder als könnte das Schlagzeug jedes beliebigen Albums sich nur auf die fünf Drumsounds von Garageband beschränken.

Adobe. Beim Stichwort Gestaltung – es ist ein wenig seltsam, dass man eBooks fast besser in ausgerechnet Pages «layouten» kann als in InDesign, das von zahlreichen kleinen Bugs und einem Adobe-typisch komplizierten Workflow geprägt ist. Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit ist Adobe derzeit scheinbar dabei, alle sich anbietenden Möglichkeiten einer Re-Etablierung als wichtiger Softwareanbieter zu ignorieren. ePub, PDF und andereAusgabe-Formate (also auch non-Adobe-Formate wie mobi oder lit) sowie Magazine-Apps müssen leicht, mit einem gewissen Spaßfaktor und ohne zusätzliche horrende Kosten (wie derzeit bei Digital Publishing) als integrierte Features der Creative Suite angeboten werden. Ansonsten verliert Adobe in diesem Bereich ebenso wie zuvor bei Flash und HTML. Nachdem Dreamweaver und Flash rapide an Bedeutung verlieren, und der Macromedia-Zukauf insofern rückblickend verspielt wirkt, bleibt Adobe noch die Printgemeinde mit Illustrator, Photoshop und Indesign. Erstere werden inzwischen teilweise von preiswerterer und schnellerer Software ersetzt (z.B. Pixelmator), die zumindest für Nicht-Profis zu einem Bruchteil der Kosten 80% der Leistung liefert. Aber selbst aus professioneller Sicht ist zumindest der Geschwindigkeitsunterschied zwischen 64-bit Pixelmator und 64-bit Photoshop verblüffend, auch wenn um PS de facto fast kein Weg herum führt derzeit. Das Potential eigener iPad-Apps hat Adobe bisher nahezu vollends unterschätzt. Setzt sich dieser Trend ungebrochen fort, wird es Adobe in 5 bis 10 Jahren nicht mehr geben. Der Zeitpunkt war nie besser, die Adobe Creative Suite samt aller Funktionen und Lizensierungsmodelle, Preispolitik und Offenheit von Strukturen genau JETZT komplett neu aufzustellen und zu überdenken, mit einem kritischen Blick auf die Stärken von Adobe und die Zukunft von Designproduktion in Print, im digitalen Publishing (in all seinen Formen) und in der möglichst nahtlosen Zusammenarbeit mit Programmierern. Ride the Wave, Adobe, don’t drown in it.

Es ist eine langsame, schmerzhafte Revolution, die sich hier vollzieht – nicht nur aus Branchensicht, sondern eben auch aus Sicht der Nutzer. Was Not tut, ist Beratung und Kommunikation. Die Verlage und Anbieter müssen sich – über Berater, über Workshops, über Verbindungen wie den Börsenverein, an strategischen Orten wie der Buchmesse – schnell und ehrlich mit ihren Kunden und den Lesern kurzschließen und mutige Strategien entwickeln, die gleichzeitig langfristig und flexibel/schnell sein müssen. Wer dies tut, wer das Produkt am Abnehmer orientiert, wer seine Strategie an der wirklichen Zielgruppe – dem Käufer, nicht dem «Dieb» – orientiert, der wird überraschende Erfolge feiern. Zugleich brauchen wir auf der produzierenden und die Verlage beratenden Seite des Geschäfts bessere und standardisiertere Werkzeuge für e-Medien, die erwachsen und ausgereift sind und effizient in den Workflow hineinpassen und als Medium per se überzeugen. So interessant diese Zeit des Umbruchs, der Irrwege und Experimente ist, so teuer und anstrengend ist sie auch – es wird Zeit, dass das junge eBook zumindest in die Teenagerjahre kommt. Und der iTunes-Store allein kann auf Dauer nicht der einzige Weg sein, die Verlage können an Monopol- und Oligopol-Strukturen nicht interessiert sein. Nie war die Zeit besser – für Verlage, Produzenten, Vertrieb und Sortiment – sich auf eine gemeinsame Strategie entlang der Kundeninteressen zu einigen.

17. Juni 2011 08:09 Uhr. Kategorie Buch, Design, Technik. Tag , , , , , , . 13 Antworten.

Brauchen Menschenrechte ein Logo?

Auf dem Fontblog, dass ich ja noch lese, ist eine seltsame Debatte um eine Marketeing-Aktion des Crowdsourcing-Designanbieters jovoto entbrannt. Einfach als Memo an mich selbst will ich fix ein paar Eindrücke notieren, die das ganze ausgelöst hat.

Marketing vs. Blog
Fontblog ist eine Marketingplattform für Fontshop und damit für Erik Spiekermann. Deshalb werden dort natürlich oft Projekte und Leistungen von Erik und seinem Umfeld – Ex-Metadesignern etwa – und aus dem Netzwerk von TypoBerlin und Fontshop publiziert und auch die Arbeiten von MetaDesign der Öffentlichkeit vorgeführt, oder vielleicht aufgrund der geschichtlichen Beziehung zwischen Meta und Erik, auch leicht süffisant vorgeführt, da bin ich mir nicht immer so sicher. Das ist völlig okay so, aber manchmal würde ich mir wünschen, es wäre mehr als eine Art Presseplattform, oder zumindest in dem Sinne, dass ich dort auch von KMS oder Mutabor oder Borsche usw. lesen würde. Entweder hält man sich damit zurück, jedes dritte CD von Meta zu zeigen und jede (stets verdiente) Ehrung von Spiekermann zu promoten, oder man muss die Bandbreite erhöhen und auch mal außerhalb der eigenen Buddy-Liste Arbeiten zeigen. Ansonsten ist mir schleierhaft, warum das BOEV-Logo von Meta vorgestellt wird, aber nicht ein Logo, das meinetwegen Magma oder Hesse gerade gemacht haben. Andere Blogs kriegen das ja auch hin. Hier ist ein Blog, das eine lebendige Chance auf Designdiskurs hat und irgendwie mutiert es aus meiner bescheidenen Sicht mehr und mehr zu einer sehr subjektiven und sehr eng definierten Sache, was ich persönlich etwas schade fände.

Diskurs vs. Rechthaberei
Für mich persönlich hat das Fontblog als Diskussionsplattform, die mir Spaß macht, und die ich lange gegen Kritik von Kollegen verteidigt habe, etwas an Bedeutung verloren, als der Betreiber mich persönlich als «Fanatiker» bezeichnete, weil ich es in einer Sachfrage für richtig hielt, eine andere Meinung zu vertreten als er. Warum eine Plattform für Meinungspluralismus betreiben und dann zutreten, wenn der Diskurs nicht zur Bestätigung des eigenen Weltbilds wird? Dann lieber gleich die Kommentare ganz abschalten. Gleiches haben wir jetzt bei der HumanRights-Debatte, wo nicht Jürgen persönlich, sondern Erik von «nöhlenden» und «beleidigten Leberwürsten» spricht – und damit die Kommentatoren des Blogs meint, die ja immerhin seit Jahren eine recht kleine Gemeinde sind, in aller Regel auch Kunden seines Unternehmens. Ich bin ein großer, fast unkritischer Fan von Spiekermann, der einer der Leute war, die mich zu diesem seltsamen Beruf inspiert haben und der im Hinblick auf Persönlichkeit und Lebensleistung sicher völlig zurecht das Alphatier des deutschen Anwendungsgrafikdesigns ist, aber so blank dürfen die Nerven dann ja doch nicht sitzen, finde ich. Es ist das gleiche Pattern – Diskurs wird durch Diffamierung abgewürgt. Ich nenne das für mich selbst meist die George Bush Technik («Wenn du nicht für mich bist, bist du gegen mich»), aber historisch geht dieser Ansatz natürlich deutlich weiter zurück. Im Sinne des Streamlinings von Meinungen (vulgo: Maulkorb) funktioniert diese Technik, im Sinne eines lebendigen Ideenaustauschs ist die ein Zeichen von Schwäche. Argumente und Austausch sind gut, Beschimpfungen von Menschen mit abweichenden Meinungen sind ein Diskursabwürger und schaden am Ende nur dem, der diese Waffe zur Hand nimmt – er hört auf zu lernen und sich an abweichenden Meinungen zu entwickeln. Kurzfristig mag man so kosmetisch «Recht» bekommen – ohne Recht zu haben – langfristig stagniert man, wird kritikresistent. Ich glaube nicht, dass Erik diese Art Mensch ist, umso erschreckender finde ich diese Art von ungeduldiger und rechthaberischer Geste. Im Kontext von «Menschenrechten» in dieser leicht diktatorischen Form in einem Blog aufzutreten, dass Erik im Grunde gehört und in dem er out of the box ganz andere Positionierungschancen hat als die reinen Kommentatoren ist zumindest etwas «mixed message», finde ich.

Human Rights = Crowdsourcing?
Die Entwicklung eines Menschenrechtslogos und die Einberufung einer namhaften Jury ist für den Betreiber ohne Zweifel eine Marketing-Maßnahme, um die Möglichkeiten seiner Crowdsourcing-Plattform profiliert zu kommunizieren. Das ist richtig gedacht und professionell umgesetzt – schade ist aber, wenn auf diese Strategie unkritisch reingefallen wird. Da wird ein Goodwill-Thema gesucht, bei dem Stardesigner wie Minister gerne den Termin «wahrnehmen» (im doppelten Sinne: Sie gehen hin, jurieren und gehen wieder weg, werden eben aber auch selbst im Kontext eines positiven Themas «wahrgenommen», profitieren also von einem Imagetransfer ebenso wie das ausrufende Unternehmen) und eine PR-Maschine angeworfen. Wenn Erik dann fragt, wer sonst als eine CS-Plattform einen solchen Wettbewerb ausrufen und durchführen kann, weil andere Agenturen ja schon bei der Recherche zehntausende von Euro verbraten würden, muss damit leben, wenn sich demnächst auch Industriekunden fragen, ob sich bei Jovoto nicht Geld sparen lässt. Wer als Designer denkt, dass eine Bildmarke entsteht, indem hunderte und tausende von Menschen unbezahlt visuelle Ideen an die Wand klatschen, darf sich nicht wundern, wenn dieser Masse=Klasse-Denkansatz dann irgendwann auch die eigenen Klienten erreicht. Es ist interessant zu sehen, dass Erik hier im Namen des vermeintlich Guten die Grundsätze, die er seinem eigenen Laden verpasst hat, fröhlich über Bord wirft. Bin ich nun zynisch und nörgelig, wenn ich einen solchen Wettbewerb in jeder Form für verkehrt halte? Die großen Bewegungs-Logos sind ja tatsächlich als «Graswurzel»-Ding entstanden… oft nicht von Profi-Designern gemacht. Aber: Sie stammen nicht aus Reißbrett-Wettbewerben, deren primäres Ziel Eigenmarketing ist, sondern sind aus der Bewegung selbst entstanden. Würde also eine Sekretärin bei AI ein Logo entwerfen, das sich im Laufe der Zeit durchsetzt, wie die Anti-Atom-Sonne, perfekt – besser kann es nicht gehen. Eine gute Marke braucht nicht unbedingt Profis, sie muss sich nur durchsetzen. Aber ist eine Castingshow globaler Illustrator-Künste hier wirklich der Ansatz? Selbst wenn etwas durchkommt – welche Rückendeckung kriegt denn ein Logo durch eine (zudem national besetzte) Jury wirklich? Keine – ebenso wenig wie eine Castingshow-Jury ein Garant dafür ist, dass ein Sänger wirklich gut ist. Die Jury – ein Gremium und wir alle wissen, was Gremienentscheidungen für Designergebnisse bedeuten – gewährleistet nur, dass etwas gewinnt, auf das sich alle einigen können. Unter uns: Selbst wenn Barack Obama, Gott und Vignelli am Tisch säßen, um sich auf ein Logo zu einigen, wäre es am Ende kein globales Logo für eine globale Idee. Es ist vermessen, sorry, ein Gegenstück zum «Peace»-Signet im Rahmen eines solchen Wettbewerbes zu finden. Es findet sich, wenn nötig, von selbst. Es gibt einen Unterschied zwischen gut gemeint und gut gemacht und es gibt Dinge, die man nicht tun sollte, selbst wenn es eine gute Absicht gibt. Ich unterstelle allen Beteiligten die besten Absichten – oder einen Mix aus Eigennutz und guter Absicht -, aber wäre es nicht vermessen zu denken, dass am Ende wirklich DAS Logo für weltweite Menschenrechte entsteht? Oder soll da am deutschen Wesen wieder die Welt genesen? Warum entsteht das Logo nicht woanders? Und man darf natürlich die Frage stellen, inwieweit ein Außenminister, der in Lybien wie in China in genau der Thematik zeigt, dass er zu laut brüllt und dann zu kurz springt, hier nicht eher Malus als Bonus in einer Jury ist, wenn es um die Frage der Legitimierung geht.

Brauchen Menschenrechte ein Logo?
Seien wir doch mal ganz ehrlich: Nein. So Sachen gehen doch schief. Ich will kein Logo für Gender-Mainstreaming, kein Logo für Netter-sein-zu-Ausländern und so weiter. Es gibt einige Signets, die sich etabliert haben und die funktionieren – das berühmte Hakenkreuz, das in den Abfalleimer geworfen wird, die Powersonne der Anti-AKW-Bewegung usw – aber die sind nicht gemacht, die sind gewachsen… von unten nach oben, nicht umgekehrt. Und sie sind aus einer Zeit, in der wir nicht ohnehin in Logos und Signets nahezu ertrunken sind. Logos sind die moderne Heraldik von Unternehmen – und machen als solche Sinn – und in einigen wenigen Ausnahmen haben sich ein Slogan und ein Bild auch als «Logo» für eine Sache etabliert. Es ist schon ein Denkfehler, das katholische Kreuz oder den Davidstern als «Logos» mißzuverstehen… und ebensowenig ist eion Peace-Zeichen ein «Logo». Diese Zeichen als so zu betrachten verknappt und verengt die historische Narration, die hinter solchen Symbolen steht – ein Kreuz ist kein Nike- oder Apple-Logo und es «verkauft» nichts. Es ist immer wieder erstaunlich, dass Designer diesen Unterschied zwischen «gemacht» und «gewachsen» so unterschätzen, zumal die «gemachten» Signets ja aus der Lehre der über Jahrhunderte gewachsenen Wappen und Zeichen gewachsen sind. Logographie, wie Sprache, braucht dieses Wachstum (auch das Nike-Logo hat ja inzwischen eine gereifte, in der Zeit gewachsene Komponente) – ein «richtiges» Logo wird nicht von Designern gemacht, sondern von den Nutzern akzeptiert. Das ist ein haarfeiner Unterschied – denn diese langfristige Akzeptanz zu erzeugen ist ja die Aufgabe guten Designs – aber es ist der Unterschied zwischen lauwarmen Reißbrett-Clusterfuck und dem zeitlos Gutem, das bleibt und wächst und gedeiht, sich verändert und dennoch bei sich bleiben kann, es ist der Unterschied zwischen statischen und dynamischen Systemen. Insofern ist die Idee, dass ein Logo für eine Bewegung, demokratisch und nicht durch eine Agentur entsteht, durchaus richtig – aber es darf eben auch nicht in einem Wettbewerb entstehen, sondern es wird von selbst und sui generis entstehen, wenn die Zeit dafür da ist. Es wird einfach da sein, es braucht keine Geburtshelfer. Dass es fast zynisch ist, wenn ausgerechnet eine hochkapitalistische Plattform in der Urform des kapitalistischen Aussortierens – dem Casting-Wettbewerb – für «Menschenrechte» ein Signet entwickeln will, wenn doch genau diese Menschenrechte unter eben diesen Mechanismen leiden, ist da fast nur die Fußnote, eine fast an Münchhausen erinnernde Volte. Ich finde die Idee Crowdsourcing und «Menschenrechte» in einem Atemzug jedenfalls grandios realsatirisch.
Tatsächlich brauchen die Menschenrechte kein Logo, sie brauchen Menschen und Rechte. Sie brauchen Informationsfreiheit und politischen Druck, sie brauchen mutige Menschen, Journalismus, Zeit und Geld. Aber keinen schmissigen Begriff und kein funky logo, egal wie gut oder schlecht es sein mag. Man darf das nicht mit der Frage verwechseln, ob Design sich nicht in den Dienst der guten Sache «Menschenrechte» stellen kann, durch Plakate, Anzeigen, Magazine, Bücher und und und. Und wer weiß, vielleicht entsteht bei diesem Contest wirklich ein Logo, das global dem guten Zweck dient (was ja toll wäre). Aber intuitiv würde ich vermuten, jeder der Beteiligten könnte sich besser – wenn auch unsichtbarer – für die Menschenrechte engagieren, wenn er es anders täte als durch diese Aktion.
Ich glaube zunehmend nicht daran, dass «Ideen» ein Logo brauchen – entweder es entsteht eins aus der Idee an sich, professionell begleitet oder auch nicht, oder aber es braucht kein Signet. Die Idee, dass alles und jedes ein Logo, am besten noch eine Hausfarbe und -schrift braucht, ist ein seltsamer Ordnungsanfall, und wenn man historisch ansieht, wie undemokratisch die Genese von Zeichen dieser Art ist, darf man sich vielleicht sogar um jede Bewegung freuen, die so bunt und so vielfältig ist, dass sie sich nicht unter einem einzelnen Zeichen versammeln mag und kann.

Heilt Design die Welt?
Design ist komplex und ganzheitlich und im höchsten Maße sozial – da wundert es nicht, wenn Designer sich für mehr verantwortlich fühlen als ihren eigenen Bereich, sondern immer das Große Ganze wollen. Es geht nicht um die Broschüre, es geht um die Philosophie, es geht nicht um die Visitenkarte, es geht ums Denken, die Vision… wir neigen alle dazu, uns immer furchtbar konzeptionell zu überschätzen, nicht das Handwerk zu machen, sondern die große Rede zu schwingen. Ich packe mich an dieser Stelle sehr gern an die eigene Nase – ich neige da auch zu und diese Neigung ist an sich auch gut. ich glaube, dass gutes Design darin besteht, über MEHR nachzudenken und MEHR zu machen, zu nerven, zu bohren, nein zu sagen, zu quengeln, zu streiten und zu verführen, bis es möglichst gut wird. Und wenn ich sehe, wie Arbeit aussieht, die durch Jasager entsteht, finde ich diese (für alle Beteiligten enorm anstrengende) Strategie eigentlich immer goldrichtig. Den Fehler, den ich aber nie mache, ist der Umkehrschluss. Ich glaube, dass gutes Design eine gute Wirkung (langsam und langfristig) entfaltet, aber ich war nie der Meinung, dass Design die Welt besser macht. Der Welt ist Design zu Recht völlig schnuppe. Uns Designern darf die Welt nicht schnuppe sein, aber ich käme nie auf die Idee, ein Signet für den Umweltschutz würde TATSÄCHLICH dem Umweltschutz helfen. Wir arbeiten seit Jahren immer wieder pro Bono für zahlreiche Sozialprojekte, aber das tun wir, weil ich es selbstverständlich finde, bei guten Sachen auf kleine Art meinen Beitrag mit dem zu leisten was ich und mein Team halt gut können. Idealerweise ist so etwas langfristig und macht beiden Seiten Spaß, aber ich lebe nicht in einer Realitätsverzerrung, in der ich denke, dass das, was wir da tun wichtig ist. Wichtig sind die Leute, die wir unterstützen, wichtig sind Ehrenämtler und engagierte Menschen, die etwas bewegen. Wenn wir denen helfen können, ihre Kommunikation erfolgreicher zu machen – und nur darum geht es – dann mache ich das gerne und hoffe aufs Beste. Aber ich glaube nicht, dass ein neues Logo für die Suchthilfe Essen auch nur einen Hauch tut, um die Junkies von den Straßen zu kriegen. It’s just windowdressing. Ein langfristiges, strategisches Design (plus etwas Budget plus generell gute Bedingungen) kann sicherlich einen Unterschied machen, weniger an sich als vielmehr durch die damit verbundenen Ideen, Prozesse und Austauschmomente – und natürlich hilft es, wenn eine Broschüre gut gemacht und fein gedacht ist oder ein Plakat die Chance hat, aufzuwecken. Aber Design löst keine Probleme, auch wenn das der Mythos ist. Ein Logo macht keine Menschenrechte, ebenso wenig wie Political Correctness soziale Ungerechtigkeiten löst. Wir leben in einer politsch immer «korrekteren» Welt, und haben eine wirtschaftliche Ungleichheit wie seit Jahrzehnten nicht mehr, mit den gleichen Barrieren wie eh und je – nur ist der Stacheldraht heute rosa angepinselt. Ein Logo ist insofern reine Symbolpolitik – es ist insofern nur verständlich, dass hier ein Minister gern in ein Juryamt wahrnimmt -, die nichts bewirken kann und auch nichts bewirken will, es ist so wirkungsvoll, als würde man die Putzfrau zur Facility Managerin umdefinieren, natürlich ohne Gehaltserhöhung oder sonstige faktische Änderungen. Aber um die Realität, nicht um den Symbolkosmos in dem wir Designer uns bewegen, geht es nun einmal. Wer etwas für die Menschenrechte tun will, sollte nicht Illustrator anschmeißen und Linien zeichnen, sondern sich beim Amnesty International seines Vertrauens erkundigen, wie er aktiv werden kann. (Ja, ich weiß, dass man auch AI kritisch betrachten kann als Spendensammelverein, es ist nur ein Beispiel.)
Natürlich kann Design sozial und politisch sein. Designer wie Bruce Mau, Tibor Kalman oder lokaler Sandy Kaltenborn beweisen ja, dass aus einem bestimmten Denken auch eine Haltung und Handlung enstehen kann und darf, Design nicht a-sozial oder unpolitisch sein muss oder man (wie in der Werbung so oft) gegen das eigenen Gewissen arbeiten muss. Der richtige Weg hier ist aber ausnahmslos die Strategie der kleinen, eigenen Schritte. Wer sich als Designer engagieren will, wird nicht bei Jovoto ein Wegwerflogo mit zig anderen Leuten in die Runde werfen, sondern seine Zeit vielleicht besser investieren, um der lokalen Kirche oder einer Protestgruppe unter die Arme zu greifen – oder sich Projekte größeren Maßstabes suchen, wo er sich einbringen kann. Ansonsten ist dieser Logo-Wettbewerb so inhaltslos und folgenarm wie einen «Like»-Button unter einem Facebook-Aufruf zu drücken. Design wird die Welt nicht im großen Heilen – und das ist auch gut so. Design in komplexerer Form – als Propaganda, als System von Bildern, Memen, Texten, als Gärtnertätigkeit im Treibhaus der Kommunikation, kann langfristig sehr wohl Wirkung entfalten… aber das ist eine ganz andere Nummer als ein Logo-Casting, das ist ein lebenslanger Prozess, das ist Otl Aicher, nicht Crowdsourcing.

Also bitte, liebe Kollegen – wenn ihr Gutes in eurem Job tun wollt, bitte tut das. Ich finde es essentiell für ein Designbüro – und nicht nur für Designbüros – das man etwa 10%-15% der jährlichen Arbeitsleistung in ein pro-bono-Projekt steckt, und zwar nicht, um mit einem krassen Anti-Tierversuch-Plakat beim ADC einen Nagel zu kriegen, sondern um mit den bescheidenen Mitteln, die man hat, etwas zurückzugeben. Insofern ist die Erfolgsrate, die persönliche Befriedigung und der Spaß ganz zu schweigen von der Wirkung höher, wenn man nicht einem Zweck, der kein Logo braucht, eins verpassen will, sondern sich lokal umsieht, wo man mit einem Plakat, einem Flyer oder eben auch einem Logo ganz handfest helfen kann. Es bringt einfach mehr – und vor allem hilft es den richtigen Leuten.

  

5. Mai 2011 17:37 Uhr. Kategorie Design. Tag . 9 Antworten.

Beausage

Basierend auf einem alten Blog-Eintrag habe ich Ende 2010 einen kurzen Artikel für Neuwerk – x mal Nutzen, einer sehr schönen Publikation der Burg Giebichenstein, geschrieben. Während der erschienene Artikel von der Redaktion gottseidank etwas bereinigt und insofern besser ist, habe ich nur noch meine letzte, von den Lektoren sicher zu Recht noch stark kritisierte, Textfassung parat, die aber auch so in dieser Form irgendwie ganz gut ins Blog-Archiv passt…

Beausage.
Oder: Warum Design erst durch den Nutzer schön wird.

Die Schönheit der Abnutzung
Jeder von uns kennt diese Gegenstände – die bequemgelaufenen Dr.Martens, die löchrige Jeans, der geerbte Kolbenfüller, die alte Omega, das mit Kaffeeflecken und alten Notizen übersähte Buch, der uralte Fahrradsattel. Alltagsobjekte, deren Ästhetik geprägt ist von Abnutzung, einer gewissen Abgewetztheit, einer Nutzungsgeschichte. Für diese Entstehung einer bestimmten «Schönheit» durch Be- und Abnutzung prägte der amerikanische Fahrrad-Guru Grant Petersen den Begriff «Beausage» (sprich: Bjusätsch), ein Kunstwort aus «Beauty» und «Usage», um zu beschreiben, dass natürliche Materialien wie Leder, Baumwolle, Metall oder Holz schöner altern als synthetische Stoffe, die eher «Junk» werden (eine schöne Parallele zu Rem Koolhaas Analyse moderner kommerzieller Architektur als «Junk Space»). Laut Petersen ist einigen Materialien eine gewisse Ehrlichkeit schlichtweg inhärent. Leder altert, Polyester vermüllt. Echtes Chrom am Auto ist zeitlos – aufgedampftes Chromfinish hingegen kratzt ab und legt das billige Plastik darunter frei. Ein Cellulose-Füller gewinnt Charakter durch Abrieb, ein Plastik-Füller bleicht aus. Genähte Ledersohlen erzählen eine Geschichte von gegangenen Wegen, Gummisohlen lösen sich auf. Ein Backsteingebäude altert schöner als ein Betonbau. Beausage hat insofern auch etwas mit intensiver Benutzung und liebevoller Pflege zu tun, mit dem subjektiv-überfunktionalen Fetisch von Alltagsobjekten, mit Dingen, die uns ans Herz wachsen, mehr werden als «nur» ein Notizbuch oder eine Uhr.
Dabei geht es keineswegs um den Oberflächeneffekt der Patina, der «guten alten Zeit». Der Unterschied zur naiveren Nostalgie wird greifbar, wenn Architekten in hilflos antagonistischer Geste zum Modernismus versuchen, «Retro» zu bauen und dies mit modernen Budgets und Materialien tun müssen – das Ergebnis ist meist ein ohne Not auf Alt getrimmter Camouflage-Bau, der wenig mit der würdevollen Aura eines Gebäudes zu tun hat, das tatsächlich Jahrhunderte durchlebt hat und in jedem von Wind und Regen rundgeschliffenen Stein einen Teil dieser Geschichte trägt. Beausage ist also nicht das Wiederaufkochen klassischer Formalästhetik, sondern das Vorhandensein einer materiellen Ehrlichkeit und emotionalen Bindung im Design selbst, einer Idee von Angemessenheit im alltäglichen Gebrauch. Unter den richtigen Bedingungen kann also auch ein hypermoderner Entwurf Beausage entwickeln. Es geht keineswegs um ein Auf-Alt-Styling, im Gegenteil – Beausage ist die Idee einer langlebigen und real greifbaren Substanz, die mit dem Benutzer langfristig in Dialog treten kann und in der Modifikation dazugewinnt. Beausage ist insofern auch eine Form sozialer Interaktion mit einem Autorenwerk, wobei der Autor in diesem Fall der Designer ist, ganz unabhängig von der Frage, ob Kommunikations- oder Produktdesign – und auch von der Frage, ob der Absender diese Interaktionsmöglichkeit semantisch intendiert, also bewusst ins Design «codiert», etwa durch die Materialwahl, oder diese autonom emergiert, weil der Nutzer eine persönliche Beziehung zu einem Gebrauchsgegenstand oder einem Medium findet und dieses sich durch die Benutzung verändert.
Allein dieser Aspekt ist bereits für Architektur und Produkt-Design beachtenswert, wenn es um «Emotional Design», die Frage nach dem Potential einer emotionalen Aufladung von Gebrauchsgegenständen geht, die sich eben nicht oberflächlich herbeigestalten lässt, sondern aus einem Gespür für authentische Materialien und die Alltagsanwendbarkeit erwächst – Beausage ist intendierbar und sozusagen in der DNS eines Mediums oder Objektes latent verankerbar.
Zugleich hat Beausage auch einen erklärenden Aspekt – Abnutzung veranschaulicht Funktion. Der Trampelpfad im Feld markiert den besten, sichersten Weg durch den Wald. Der abgewetzte Siebdruck auf den Tasten eines Cassettenrecorders zeigt, welche Funktionen die wichtigsten des Gerätes sind, etwa um aufzunehmen oder abzuspielen. In einem oftgelesenen Buch zeigen Eselsohren, Kaffeeflecken und Notizen/Unterstreichungen schnell den Weg zu den wichtigen Passagen. Hier bekommt Beausage eine funktionale Dimension. Die Dinge sehen nicht nur besser aus, je länger man sie benutzt (bzw. altern ehrenvoll), ihre Benutzung wird auch zur sich materiell manifestierenden Bedienungsanleitung». Beausage ist insofern auch ein über den Lebensraum des Designs gehender «clandestiner» Tauschprozeß zwischen dem Designer und dem Benutzer, bei dem der Designer sich anhand eines fiktionalen Nutzers einen langfristigen Nutzungsprozess vorzustellen versucht – während der tatsächliche Benutzer die latenten Möglichkeiten des Entwurfs seinerseits im explorativen Spielprozess entdeckt und für sich selbst weiterentwickelt… durchaus auch, indem er selbst kreativ in das Design eingreift, etwa durch Modding und Remixing. Spätestens hier wird der subjektive, eventuell sogar gegen die Sender-Intention gehende Charakter von Beausage offenbar: Die Autobauer in Wolfsburg mögen einen mit allerlei Plastik verspoilerten Golf nicht geplant haben oder in ihrem Sinne finden, für den Nutzer aber stellt diese Form von Individualisierung einen wichtigen Ästhetikaspekt Fahrzeugs dar. Des einen «Verschandelung» ist des anderen Beausage – sie verlangt also Toleranz(en) im Design, ebenso wie Ansatzpunkte für die eigene Kreativität des Nutzers.

Die digitale Devolution
Wichtig für modernes Design ist die Frage: Lässt sich die Idee einer Beausage von der analogen Welt der greifbaren Objekte in die «digitale» Welt der Simulacra übertragen, in der es die von Petersen postulierten Materialien überhaupt nicht mehr gibt? In der Objekte immer unwichtiger und «Medien» rasant entstofflicht werden? Können wir also analog zum intuitiv einleuchtendem Beausage im Produktdesign zu einem ähnlichen Brgriff im eher immateriellen Kommunikationsdesign kommen?
Die Entwicklung der letzten vier Dekaden kann man sicher als schleichenden Abschied von der analogen Welt bezeichnen. Otl Aichers Kritik der Digitaluhr wirkt heute immer noch zutreffend und Walter Benjamins Beschreibung der schwindenden Aura von «Kunst» in mechanischen Reproduktionsprozessen findet in der Echtzeitverfügbarkeit nahezu aller medialen Erzeugnisse als Download eine fast surreale Überspitzung, wenn jeder beliebige Inhalt «ubiquitous» wird, global exponential vervielfältigt ins Unendliche. Auch die Produktion von Medien und Objekten ist zunehmend digital geworden: Bücher schreibt der Autor mit der Textverarbeitung, Gebäude werden mit CAD-Software geplant, Musik entsteht mit virtuellen Instrumenten am Laptop, Filme werden mit Digitalkameras aufgezeichnet, einzig die bildende Kunst scheint sich noch den Anachronismus primär haptisch erfahrbarer Entstehungsprozessen zu gönnen – obwohl natürlich hier auch längst der theoretische Akt, die Idee, zentral ist, nur sekundär das materielle Unikat.
Musik, Film, Text, Bild, Spiel, eine durch Twitter oder Facebook usw. hochtechnisierte Fassung sozialer Interaktion und natürlich auch die postindustriell-entmaterialisierte Form der Arbeit sind im universellem Konvergenzmedium tragbarer Client-Computer angekommen, die alle bisherigen Medien überschreiben könnten.
Der Haken: Digitale Meta-Medien nutzen sich nicht ab. Während man auf einer Vinylplatte schon am Knistern hört und an den Kratzern sieht, welchen Song man am liebsten hörte (Beausage), ist eine MP3-Datei auch nach hundertfachem Hören immer noch im «état orginal», ebenso wie ein iBook keine Kaffeeflecken und Eselsohren kennt. Das Gehäuse des iPhone mag zwar noch Gebrauchsspuren aufweisen, die verschiedenen simulierten Medien darin nicht mehr. Der Inhalt ist in einer Art reverser Dorian-Gray-Fabel angekommen, in der das Bild eben nicht mehr altert, sondern nur noch der Betrachter davor.
Auf dieses Defizit reagieren digitale Programme derzeit durch die Simulation von Alter. So wie die frühe Typographie ihren gegenüber der Handschrift sterilen Charakter durch das Einbringen einer «Kursiven» zu bemanteln versuchte, simuliert die Software heute eine Art Pre-Worn-Look. Auf dem iPad bricht Apple sogar selbst mit den sonst eher minimalistisch-klaren hauseigenen GUI-Ansätzen und liefert mit Pages, Numbers, iCal, iBooks und Notes den leicht kitschig anmutenden Versuch, analoge Medien nachzubilden. Diese Virtualisierung findet vor der Folie der Hilflosigkeit gegenüber einem neuen Trägermedium statt, das nicht richtig «echt» sein kann, aber als Blackbox auch nicht mehr wirklich mit herkömmlichen Betriebssystem-Interface-Metaphern übersetzt werden kann. So versucht Apple, einerseits nach «echtem» Kalender/Buch/Notizblock auszusehen, indem es Leder- und Holzoberflächen, Metallklammern und Pageflips zitiert, die tatsächliche Bedienung kommt aber nicht ohne Interface-Krücken wie Tastatur und Touch-Klicks aus. Tatsächlich wird genau hier der Übergang von analoger zu digitaler Welt besonders greifbar, weil in der Nachahmung umso deutlicher wird, was den Simulacra fehlt – Haptik, Abnutzung, Reaktivität. Simulierte Medien mögen aussehen wie ihre analogen Gegenstücke, aber sie bleiben hinter kaltem Glas und können nur soweit «reagieren», wie ihre Programmierung es zulässt. Dieses seltsame Zwitterdasein erinnert an das frühe Fernsehen, das eher abgefilmtes Theater war, bevor das Medium durch Trial-and-Error eine eigene Art von Semantik entwickelte. Dem Metamedium iPad etwa aber fehlt (noch) ein eigener Zeichenschatz, deshalb shanghait es den der «echten» Medien ebenso wie den von MacOSX – ein transitorischer Zustand, der zeigt, wie jung und damit auch innovationsoffen das Interfacedesign in diesem Bereich noch ist.
Es wird die Aufgabe zukünftigen Designs (das sich mehr und mehr zu einem Amalgam aus Mediendesign und Programmierung entwickeln könnte) sein, auf diese gegenwärtige Devolution analoger Wesenhaftigkeit im digitalen Pendant zu reagieren, sei es durch überzeugendere Simulationsstrategien (d.h. höhere Auflösungen, glaubhafteres Sampling, virtuelle Realität) oder durch innovativere, komplett neue Interaktionsfiktionen, die jenseits der bisherigen Simulacra stehen und diese überschreiben. Hier liegt zugleich die Chance, der postmodernen Infragestellung von «Authentizität» eine neue Wendung zu geben, indem unweigerlich die digitalen Medien die Frage nach Original und Fälschung, Echtheitund Künstlichkeit ganz neu beantworten müssen. Und so wie in der analogen Welt jede Uhr, jeder Stuhl einen Schöpfer (ergo, ob er sich so nennt oder nicht, einen Designer) hat, so hat jedes virtuelle Medium, jedes virtuelle Objekt einen Interfacedesigner. Da im digitalen Bereich jede Form von Objekt eine Software ist – auch ein virtuelles Notizbuch ist nur ein Programm – wird das Mediendesign im digitalen Bereich das Produktdesign übernehmen, denn hier müssen selbst in der analogen Welt selbstverständliche «autonome» Details wie das Umblättern einer künstlichen Buchseite definiert und gestaltet werden. Will diese vollends durchgestalteten Hyperrealität überzeugen, muss sie hin zu einem neuen Begriff von nutzerzentriertem Design, zu Beausage.

Beausage als Simulation
Für virtualisierte Medien ist Beausage insofern ein Schlüsselbegriff, wenn es darum geht, Abnutzung als Designaspekt zu begreifen. Als Beispiel sei das Spielzeug Furby genannt, ein kleiner Spielzeug-Kobold, der mit einer simplen Software «Lernprozesse» simuliert, bei dem sich Furby durch wiederholte Kommunikation die Sprache seines Besitzers scheinbar aneignet. Die Furby-Software, die aber nur spracherkennungsbasierte Reiz-Reaktions-Muster erlaubt, ist zu solchen komplexen Lernprozessen gar nicht in der Lage. Deshalb simuliert der Furby das Lernen, indem nach einer Weile des Spiels das Programm in eine zweite Phase geht, in der Furby mehr «kann» und neben der Furby-Kunstsprache auch Deutsch gelernt zu haben scheint. Wenn Furby also nach einer Weile bilingual singt und spricht, ist die Simulation des Lernens so glaubhaft (selbst wenn man den Trick dahinter kennt), dass die aktive Nutzung des Spielzeugs «belohnt» zu werden scheint, auch der eingeweihte User lässt sich auf die Illusion ein.
Will man Metamedien wie das iPad (das nur ein Vorgeschmack auf leistungsstarke Thin Clients gibt, die den Nutzer unsichtbar mit dem Äther verweben) also ummünzen zu einem «Hyper»-Medium, geht es um eine authentische (im Sinne von «hinreichend überzeugend gelogener») Interaktion mit der Software. Die Programme, vereinfacht gesagt, müssen telepathisch werden und den Benutzer miteindenken, wahrnehmen, auf ihn eingehen, sich reaktiv anpassen – oder zumindest so wirken. So wie Seife in hundertfacher Nutzung geformt wird, werden auch ätherische Medien als nächste große Hürde die (Ab-)Nutzbarkeit, die Formbarkeit durch den Nutzer einplanen müssen. Dabei reicht es aber langfristig keineswegs, wie beim Furby, eine Art Pseudo-Dialog zu liefern, die reine Simulation einer Antwort, die der Absender vorweg eingebaut hat.
Was auf den ersten Blick als antikommunikatives Einplanen des Nutzers als Schaltmoment in vorab vom System abgesteckten Wahlmöglichkeiten kritisierbar wäre, muss mit der Entwicklung zunehmend künstlich-intelligenter Softwares mehr werden. Bereits heute animieren etwa digitale Spiele nicht mehr bestimmte Verhaltensweisen Bild für Bild – etwa die Verformung von Metall bei einem Autounfall – sondern basieren diese Bewegungsabläufe auf der mathematischen Zugrundelegung simulierter Naturgesetze, durch die jeder Crash anders verläuft, anders wirkt, unberechenbar wird. Es ist also denkbar, dass sich der Turing-Test eben nicht nur auf simulierte Kommunikation mit «Menschen» erstreckt, sondern auch auf die Interaktion mit virtuellen Gegenständen und Medien. Will man das Hypermedium als perfekte Illusionsmaschine begreifen, die vom Touch-Screen zur Touch-World führt, ist neben einer die Wahrnehmung auf weitere und überzeugendere Kanäle verteilende Panorama-Erweiterung (taktiles Feedback, 3D, VR-Brillen, auditive, eventuell olfaktorische Ergänzungen, langfristig also die Verwischung von fact und fiction auf biokybernetischem Weg) die Beausage entscheidend – sie wird zur authentischen Interaktionschance im simulierten Setting. Der von Science-Fiction-Autoren wie Stanislaw Lem (Der futorologische Kongress), Neil Stephanson (Snowcrash) oder William Gibson (Virtual Light) vorgedachte «Cyberspace» (den Lems deutsche Übersetzung wunderbar passend «Homikry» nennt) braucht ein Umdenken im Designprozesses, der bisher immer noch auf eine einseitige Kommunikation, ein lineares Sender-Empfänger-Denken, eine zu simple Idee von Autorenschaft als Monolog setzt. Wir Designer denken immer noch in Strukturen, in denen wir alleine Entscheidungen treffen und der Nutzer keine Eingriffschance hat. Wenn dies in einer zunehmend virtuellen Welt, in der nahezu alles «Design» ist so bleibt, können zum einen die Designer die Komplexität von nötigen Vorweg-Entscheidungen kaum leisten, zum anderen aber wird vor allem der Nutzer zum Opfer extrem eingeschränkter Handlungsoptionen. Um beim Beispiel des eBooks zu bleiben – hier kann der User erst dann zB durch Umknicken einer Seite Lesestellen markieren oder auf die Seite kritzeln, wenn Interfacedesigner und Programmierer dies vorsehen, im Zweifelsfall also vielleicht nie.
Die Idee von Beausage ergibt hier neues Designer-User-Modell, das den Anwender à priori zum zentralen Faktor einer hochflexiblen und -komplexen Narration macht. Der Designer (der ja heute meist nicht mehr alleine agiert, sondern im Verbund mit Programmierern, Autoren, usw.) formt hier die möglichen divergenten und vielfältigen User-Reaktionschancen zu einem kohärenten Ganzen, das ausreichend stringent ist, um eine frustrierende Verzettelung in der multi-vektoralen Konfigurationenvielfalt zu vermeiden, er schafft also zugleich Vielfalt und Einfachheit und versucht, den User zu involvieren, mit ihm «ins Gespräch» zu kommen. Das Design von morgen ist kein Monolog mit voreingebauten Antworten, sondern ein von der Fiktion zur Realität übergehender Dialog mit real implementerten Feedbackchancen für die Nutzer.

Design als Spiel
Bereits auf der allereinfachsten Ebene (etwa der Simulation eines authentisch alternden digitalen Notizbuches, eines virtuellen Moleskine) bedeutet dies eine neue Form von Bescheidenheit und Zurücknahme auf Seiten des Gestalters – ganz anders als bisherige Design-Paradigmen, die nach der perfekten, transzendental «reinen» Form suchen, die der Designer allein kontrollieren kann.
In der digitalen Form muss Beausage vorweggenommen werden, oder vielmehr antezedierend im Design eingeplant sein, da es keine echte raumzeitliche Materie mehr gibt für Verwitterung oder Abnutzung. Die falsche «Authentizität» muss also als Potential im Design angelegt sein – und zwar so unberechenbar, dass der Benutzer die Simulation nicht mehr durchschaut, sondern in einer Art augenzwinkernden Übereinkunft über das Simulacrum als «echt» akzeptiert. Man kommt hier von der platonischen Superexistenz, dem Versuch, in Design eine unangreifbare, absolutistische Wahrheit abzubilden, zu einem dialogischen Modell von Versionen, Interpretationen, gemeinsamen Wegen und Umwegen… ergo zum Spiel.
In der Programmierung digitaler Spiele ist es längst normal geworden, das Nutzerverhalten vorwegzunehmen und in seinen Entscheidungsmustern und -potentialen vorwegzunehmen, also selbst effektiv in die Rolle des Spielers zu schlüpfen. Viele Spiele entwickeln ihr Potential erst in der wiederholten Benutzung, wenn andere Entscheidungen neue Reaktionen der Software bedingen, jede Spieliteration einen (scheinbar) anderen Verlauf nimmt. Im Design von Interfaces, Software und Applikationen ist diese Idee nach wie vor tabu, die Programme sind meist nicht reaktiv.
Ein Grund hierfür liegt in der Tatsache, dass Designer (wie Programmierer) versuchen, den Dialog zwischen Mensch und Software erfolgreich und berechenbar zu halten. Das Ergebnis ist, dass die Möglichkeiten des Users vorselegiert sind, beschnitten, möglichst eindeutig und somit erwartbar/codierbar bleiben. Der Zufall hat keinen Raum in Microsoft Word. Für den Benutzer bedeutet dies, dass die Software ihn nicht überraschen kann – positiv wie negativ – und sich aber eben auch nicht nicht an ihn «anschmiegt». Es gibt zwar einige eng eingegrenzte Ansätze (etwa lernende Menüs, die nur häufig benutzte Befehle anzeigen), aber in toto ist Software oft noch ein Monolog. Wenn aber das Verschwinden analoger Medien und Objekte nicht zu einer formalen und inhaltlichen Wahrnehmungsverarmung führen soll, hat die Vorstellung von Kommunikationsdesign als steuerbaren Prozess keine Zukunft. Was übrigens auch bedeutet, dass der Rezipient und Nutzer sich vom Gedanken eines «perfekten» Designs verabschieden und die Idee eines permanenten Beta-Testes akzeptieren müsste, Beausage entsteht. Schon jetzt gibt es im Webdesign und bei Applikationen oft keine finale Form mehr – digitaler Inhalt bleibt wie Teig, unendlich verformbar, ergänzbar, flexibel. Remix wird zum Dauerzustand, der Prozess als gemeinsames heuristisches Erleben wichtiger als eine solide «Statik». Der Weg, so einfach ist das, ist das Ziel geworden. Und das Ziel ist mehr denn je Involvement, Auseinandersetzung, Aufmerksamkeit, Spaß. Im Spiel geht es darum, einander interessiert genug zu halten, um im Spiel zu bleiben, zu Geben und zu Nehmen.
Unnötig zu betonen, dass sich in diesem abstrakteren Verständnis von Beausage als Ästhetik, die erst durch den dialogischen Designprozess zwischen Gestalter und Benutzer über die Zeit entsteht, wie geschaffen ist, um Social Media «designbar» zu machen – indem nämlich nicht die sozialen Medien kontrollierbarer werden, sondern der Designprozess umgekehrt sozialer, ergebnisoffener, spielerischer. Beausage-Design ist Fuzzy-Design.
Das Modell eines solchen Designs ist ein fluides Spiel, natürlich intentional gesteuert und mit parametrischen Vorgaben, aber ergebnisoffen, neugierig, evolutionär. Der Designer entwickelt sich weg von der finiten Form, hin zur Freude an der Unberechenbarkeit, die Benutzer andererseits weg von mechanischem Bedienen, hin zum explorativen Entdecken von Möglichkeiten und Veränderungen, hin zu einer Co-Autorenschaft (gemeinsam mit anderen Nutzern). Ansatzweise ist das bereits jetzt zu betrachten, wenn etwa ein Website-Redesign in Echtzeit durch Anregungen und Kritik der Leser demokratisch mitbestimmt wird – die generellen kooperativen Möglichkeiten in einem materielosen Medium, das jede nur denkbare Form emulieren und auch abstrahieren kann, sind aber langfristig kaum auszumalen. Denkbar wäre nicht zuletzt der Schritt von der reinen Virtualisierung bestehender Medien zur Abduktion, einer spekulativ-sprunghaften Emergenz komplett neuer Kommunikationsrhetoriken, die den chamäleonartig flexiblen Möglichkeiten des Digitalen überhaupt erst wirklich gerecht wird. Der Designer wird sich, zugespitzt, loslösen von der mechanistischen Selbstwahrnehmung eines Uhrwerkers oder Schreiners und sich als sozialer Mediator und Katalysator begreifen, als Auslöser, Begleiter, Psychologe, Sozialarbeiter, Futurologe, Geschichtenerzähler und so weiter.

A New (Design-)Deal
Natürlich ist es ein weiter Schritt von der charmanten Abnutzung von Leder oder Metall hin zu solchen kommunikativen Idee von Design, das nicht mehr dem Paradigma des einsamen Autoren folgt, sondern die Benutzung zum integralen Bestandteil des Entwurfsprozesses macht, in dem Ästhetik nicht mehr einseitig vorgegeben ist, sondern spielerisch erarbeitet wird. Aber für angewandtes Kommunikationsdesign – also nicht nur in Form von Gedankenexperimenten über Software und Medien der nächsten Jahre, sondern right here, right now – ist die Vorstellung von einem Design, das erst beim Nutzer reift, zentral. Denn abgesehen von dem Bereich des entstehenden «künstlerischen» Grafik-Designs, der sich in der nahen Zukunft mehr und mehr in Richtung Kunstmarkt und Galerien bewegen wird, wird es für ein sozial orientiertes, auf Wirkung bedachtes Kommunikationsdesign entscheidend sein, den Nutzer nicht zu bevormunden und zu lenken, sondern zu antizipieren, zu motivieren, zur Interaktion einzuladen.
Beausage im abstrakten Sinne eines teleologischen Designansatzes, der den Sinn und Zweck des Designs – die Benutzung, die Abnutzung, den Lebensprozess – und weniger die oberflächliche Ästhetik in den Mittelpunkt stellt, ist insofern möglicherweise die nächste große Hürde unserer technologisch und geschmäcklerisch in einer Art übersättigten Fin-de-siècle-Agonie liegenden Branche, die sich zwischen Zitaten und (selbst zum Zitat gewordenen) Anti-Designs quält. Zugleich liegt hier der Ausweg aus dem bedeutungslosen Konsum-Kuscheldesign, das nur noch Kaufimpulse schaffen soll und die Tätigkeit des Designers zunehmend unter ein sozial negatives Vorzeichen stellt.
Erst wenn wir versuchen, die Vorstellung von Ehrlichkeit, die gutes Leder von billigem Polyester unterscheidet, kann sich Design als relevante gesellschaftliche Wirkungskraft freischwimmen, die einen sozialen (und nicht nur ökonomischen) Mehrwert schafft. Der Begriff der Beausage würde sich dann von einem rein materiellen Begriff in einer immateriellen Welt wandeln und etwas über die Intentionen und die Offenheit eines Designangebotes-Aussagen, über seine Bespielbarkeit, Formbarkeit, Entwicklungs- und Ausbaufähigkeit, Reaktivität, nicht zuletzt über die Frage, ob ein gestalterischer Ansatz «billig» wird oder gut altert, an Schönheit gewinnt. Dazu gehört natürlich auch die Chance, über die Vorstellung von «user-driven» Design eine Form von Designkritik, also überhaupt erst ein Instrumentarium für die Bewertung von Design jenseits von «Cool» und «It sucks» zu erarbeiten. Hier liegt die Möglichkeit für die im digitalen Interface verschmelzenden diversen Design-Subkategorien, aus der geschmäcklerischen Ecke der Dekorateure hinauszukommen und soziale Relevanz zu gewinnen. In einer digitalen Simulacra-Welt, in der eben alles gestaltet ist, können die Gestalter die Verantwortung für die Bedeutung und Folgen ihrer Arbeit selbstbewusst tragen.
Wobei der Weg zu diesem Ziel selbst immer ja nur als Spiel, als Reise, als Forschung mit allen Erfolgen und vor allem Irrläufern zu sehen ist – und insofern mehr Spaß als Arbeit sein sollte. Insofern: Game on.

14. März 2011 21:14 Uhr. Kategorie Design. Tag , , , , , . Keine Antwort.

Strg C Strg V

hd schellnack

Trotz medialer Überflutung zum Doktorarbeits-Thema und keiner Zeit, wirklich was zu schreiben, schnell ein paar flüchtige Gedanken als Spiegelstriche, ums notiert zu haben:

Kann man etwas mit großer Geste zurückgeben, auf etwas verzichten, was einem gar nicht gehört bzw. zusteht?

Reicht das als «Sühne»? Heißt das ergo, dass ich in Zukunft als beim Diebstahl erwischter Bankräuber einfach die Geldsumme zurückgebe («ich verzichte auf das Geld») und damit hat es sich? Oder müsste da nicht eigentlich noch mehr passieren.

In der Musikbranche nennt man das Sampling. Und Hits, die zu 75% aus anderen Songs bestehen, sind da gar keine Ausnahme. Nur: Es fließen heutezutage eben Lizenzgelder.

Man darf gar nicht darüber nachdenken, dass Jürgen W. Möllemann – seinerzeit eines der Vorzeigeexemplare von Karrierepolitiker, die vor Verquickung von Amt und Business keine Angst hatten und durchaus am Sessel zu kleben gedachten – wegen einer Schleichwerbung für die Firma seines Vetters auf dem Briefbogen des Wirtschaftsministeriums zurücktreten musste. Wegen eines Einkaufschips, also. Aus heutiger Sicht wirkt Möllemann, der aufgrund des hohen medialen Drucks auf das Wirtschaftsministerium und die Vizekanzlerschaft verzichtete, damit förmlich hochanständig.

Ablenkung ist die Basis aller Magie. Jeder redet von dem Laien zumindest doch vergleichsweise lässlich erscheinenden Plagiat, keiner redet mehr über die Gorch Fock oder Afghanistan oder Soldaten, die sich warum auch immer gegenseitig abschießen. Die Thematik der Doktorarbeit ist insofern auch ein phantastisches Nebelmanöver – das Thema ist nachvollziehbarer und massentauglicher als komplexe militärische Prozesse, zugleich das Skandalpotential geringer. Vor allem erlaubt der Themenschwenk es dem durchschnittlichen Bild-Leser, sich mit dem Verteidigungsminister zu solidarisieren – «jeder hat doch schon mal abgeschrieben». Schon George Bush wußte, wie wertvoll ein «Aw shucks, IÄm just one of y’all folks» sein kann. Abkupfern lässt sich aus Bürgersicht als Kavaliersdelikt abtun, obwohl genau das freilich eben hier keines ist – und von tatsächlich wichtigeren Themen redet kein Mensch mehr, auch die Medien nicht.

Es geht natürlich nicht ums «Abschreiben». Es geht um das recht durchschnittliche Maß unserer Politiker heute: Mehr Schein als Sein, etwas «Besseres» sein wollen ohne die Substanz dazu, Titelhuberei und vor allem: Nie mehr zugeben als sowieso schon absolut zweihundertprozentig bewiesen ist. Was sich als Ausnahme von diesem Betriebszustand generieren wollte, entpuppt sich nun als der scheinbare Prototyp des Berufspolitikers – und das haben die vielen Leute, die in diesem Beruf mit Herz und Seele dabei sind und sich einsetzen irgendwie nicht verdient.

Muss man seine eigene Doktorarbeit noch einmal «lesen», um zu wissen, wo man ganz eindeutig plump abgeschrieben hat? Also nicht, wo man sich vielleicht hat zu einem eigenen Text inspirieren lassen oder eine Art Idee aufgegriffen hat, sondern wo man 1:1 kopiert und minimal umformuliert hat? Das weiß man doch selbst nach Jahren noch, das ist nämlich keine Unachtsamkeit, sonst würde man sich ja nicht die Mühe machen, den O-Ton durch ein zwei minimale Eingriffe zu «tarnen». Verdienen jetzt denn schon wirklich die Ghostwriter so wenig, dass selbst die schon plagiieren müssen? Und kann man sich den Titel nicht im Zweifelsfall irgendwo in Südamerika billiger besorgen? Ich jedenfalls krieg das permanent nachts per Fax angeboten ;-).

Haben Doktorväter denn wirklich kein Google?

Zugleich enthüllt sich ein Apparat, der auf die Titel wert legt, aber deren «sauberes» Erlangen durch individuelle Überforderung nahezu unmöglich macht. Wenn ein System auf immer jüngere Karrieristen geeicht wird, darf es sich nicht wundern, wenn diese schludern und schummeln müssen. Wenn Karriere das einzige Ziel einer Doktorarbeit ist – also es im den sozialen, nicht intellektuellen Wert des Titels als solchen geht -, dann schlummert hier seit langem ein tieferliegendes Problem, das Bildung und Schule und Universitäten und Abschlüssen per se völlig falsch bewertet. Die schleichende Entwertung von Bildung als Selbstzweck und Wert-an-sich findet in diesem Fall einfach nur eine besonders populäre Galionsfigur.

23. Februar 2011 21:49 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 6 Antworten.

All Tomorrow’s Parties

hd schellnack

Ich war am vorletzten Samstag auf einer Hochzeit. Nicht als Gast, als Zaungast. Die geschlossene Gesellschaft war keineswegs geschlossen, von der Balustrade der Bar konnte man herabblicken auf die überschaubare Hochzeitsgesellschaft, die zu Best-of-the-80s-Musik tanzt. Fast hypnotisierend ist dabei die Beamer-Diashow, die überlebensgroß Photos aus dem Leben des Brautpaars aus eine Wand wirft. Nach 15 Minuten kennst du die beiden, ohne sie zu kennen. Sie lieben Hunde, wandern mit robusten Rucksäcken und wetterfester Kleidung, machen Inselurlaub, haben ein Kind, photographieren gern und zumindest semi-professionell, ihre Haare waren früher länger und braun, heute ist es ein pragmatischer blondierter Kurzhaarschnitt, er trägt zur Nickelbrille einen Look, der an einen gereifteren Peter Lustig mit mehr Haaren erinnert, die Haare werden auf den Bildern länger und grauer, ein niedlicher Hund erscheint in immer mehr Bildern und macht Kunststücke, Freunde, Erlebnisse, Urlaube und intime Momente huschen in meist sehenswerten Photos an uns vorbei. Nach einer Weile wiederholen sich die Bilder zufallsbasiert – nicht ohne den bei solchen Dingen wahrscheinlich absolut unverzichtbaren Ausfall, der die Diasoftware hinter dem Ganzen kurz sichtbar macht, bevor jemand den Fehler bemerkt und die Bilder wieder weiterlaufen.

Nach einer Weile fängt man gemeinsam an, über das fremde Leben zu diskutieren, das man da sieht. Man schaut herab in die Etage darunter, sucht unter den Gästen den Jetzt-Zustand von Braut und Gatte als Abgleich zu den Bildern, welches der Kinder ist den das eigene, ah, da ist ja tatsächlich der Hund von den Photos. Ist er wirklich älter als sie oder wirkt das nur – welchen Beruf haben die beiden wohl? Wie haben sie sich kennengelernt. Ist er Pädagoge oder fällt man da nur auf einen Look hinein? Nur mühsam kann man sich davon abhalten, Google zu bemühen – es bringt ja bei den meisten Leuten doch nichts, nach Ihnen zu suchen. Trotz oder gerade wegen der mangelnden Information hat man nach der dritten vierten Runde Photos langsam das Gefühl, die beiden seit Jahren zu kennen, sympathisch zu finden und es wird immer schwerer, sich nicht mal eben die Treppe abwärts zu begeben und beiden zur Heirat zu gratulieren. Die Photos inszenieren die beiden als reise- und lebensfreudiges Paar, selbstbewusst und lustig, tierlieb, gute Eltern – niemand würde bei einer Hochzeit ja auch die bösen Photos aus dem Archiv zaubern.

Die Diashow wird zur Affirmation der Beziehung zu zugleich zu einer Art Erzählung, deren logische Konsequenz die Heirat zu sein scheint. Die Aufeinanderfolge glücklicher, privater Momente suggeriert, dass ja nichts anderes als «happily ever after» denkbar ist. Streit und Unglück verschwinden im folgerichtigem Zwang von Hunden, Kindern, Urlauben, Schnappschüssen. Ganz banal greifbar für einen Moment der Wunsch, die eigene Autobiographie rückwirkend zu verbiegen, zu verklären, Sinn privater Photogaphie ist nicht die Dokumentation des eigenen Lebens, sondern die Rechtfertigung, die Verschleierung. Wir photographieren uns nicht, wenn wir weinend am Küchentisch sitzen, die ungewaschene Wäsche und das ungespülte Geschirr landen nicht im Photoalbum, erst recht nicht auf einer Hochzeit. Photos zeigen kein Leben, sondern die ZDF-Vorweihnachten-Vierteiler-Version eines Lebens. Photographie ist nicht ein ehrliches Memento, sondern eine Orwellsche Geschichtsklitterungs-Maschine, ein kruder Cargo Cult, in dem wir ein glückliches Leben zusammenstückeln und dabei den Regeln folgen, die uns Filme vorgeben – unsere ganze Idee davon, wie ein glückliches Leben aussieht, welche Momente Glück definieren, sind nur durch Bilder aus Filmen, Fernsehen, mit etwas Glück Büchern geprägt. Vielleicht haben wir keine Vorstellung mehr von Bildern, die sich nicht innerhalb solcher präfabrizierten Angebote bewegen.

Es ist, als würde man durch eine Facebookpräsenz in dreidimensionaler Realität gehen. Die öffentliche Party, die öffentliche Zurschaustellung von Musikgeschmack, die iPhoto-Imagestream glücklicher Momente, gelungener Bilder, erfolgreicher Inszenierungen. Auf die eine oder andere Art machen wir das alle, zumindest so lange wir so seltsam sind, unser Leben online festzuhalten. Ich kann mich nicht erinnern, auf Facebook jemals Photos von einsamen Nerds, die vor ihren Rechnern nachts um 3.00 versumpfen, gesehen zu haben. Obwohl die statistische Wahrscheinlichkeit für genau dieses Bild (plus minus eine Stunde) doch verdammt hoch wäre. Statt dessen suggeriert Facebook eine Welt als Erfolgssequenz, funktioniert als Marketingmaschine für Jedermann. Oft genug funktioniert gerade Facebook – jedenfalls sehr viel mehr als Blogs oder selbst Twitter – dabei nicht mehr als Reflexion, sondern nur noch als Ankündigung. Es wird nicht berichtet, wie ein Film oder eine Platte oder ein Buch oder eine Party ist… es wird nur noch die reine Existenz verkündet. YouTube-Videos dokumentieren den eigenen Geschmack, Photos und Posts machen den nächsten Urlaub oder die Wochenendplanung öffentlich. Während Blogs meist rückblickend operieren und einen fast Wochenzeitungs-Charakter haben und während Twitter in seiner Sontaneität auch mal Raum für Frustrationen und Gaga-Inhalte hat, wirkt Facebook zunehmend anders – es die leibhaftge Party, die ewige Genussmaschinerie, Wie unser Hochzeitspaar wird hier das Leben zum Inszenierungsmaterial, das dramaturgisch gefeilt sein kann, darf und muss. Was in etwa so langweilig ist, wie es sich anhört.

Auf seltsame Weise wird das Web so zu einem Zerrspiegel des echten Lebens. Wie bei einem cleveren Modehaus, dessen Spiegel dich einen Tick besser aussehen lassen, versuchen (wir) alle, uns öffentlich zu vermarkten, bewusst oder unbewusst zu branden, bewusst oder unbewusst in einem Wettbewerb um das spannendste Leben mit den meisten Zuschauern. Jeder ist sein eigener TV-Sender, jeder sein eigener Programmchef. In Facebook, wie bei unserer Hochzeit von der wir als Follower von der Balustrade herab zusehen, geht es um eine Parallelwirklichkeit, in deren grellen LED-Licht Schatten weich und diffus werden. Würde sich ein Außerirdischer sein Bild der Menschheit anhand von FB-Profilen machen, er würde eine Brave New World erleben, deren Bewohner hochkreativen und erfüllenden Berufen nachgehen, deren Photos wie ein permanenter Kindergeburtstag wirken. Unser Außerirdischer müsste die Foren an den Rändern besuchen, wo die Namen plötzlich verklausulierte Chiffren sind, die modernen Speakeasy-Bars, wo wie in einer Spiegelwelt auf einmal wieder alle depressiv und an der Welt erkrankt sind, Leben und Job nicht in den Griff kriegen, sich gegenseitig nicht «liken», sondern bedauern, in eine Art Gegenstück zum GB-Wettbewerb um den effizientesten Hedonismus stehen, nur, dass es hier eben darum geht, wer am berechtigtsten am Ende ist. Hier gibt es kaum Photos, interessanterweise. Niemand scheint interessiert, sein Unglück in Bilder zu formen – vielleicht kennen wir auch nur weniger photogerechte Metaphern für die Misere, vielleicht kommen unsere medialen Vorbilder dafür nicht aus Filmen, sondern aus Büchern. Wie photographiert man Depressionen?

Ein bisschen Musikgeschmack, ein paar Photos – unser ganzes Leben wird zu einer solchen offenen Hochzeit. Wenn du dich im Web umschaust, findest du überall solche Affirmationen des eigenen Lebens – der letzte Urlaub, die Weihnachtsphotos, das gewonnene Handballspiel mit der Mannschaft, die Party bei Anna und so weiter. Obwohl es noch relativ schwer ist, eigene Schulkollegen meiner Generation in dieser Form online zu finden, dürfte es den Teens von heute in einigen Jahren leicht fallen, ihr ganzes Leben im Web abgebildet zu haben. Facebook, Flickr und deren Nachfolger, die Allgegenwart von digitalen Kameras und die zunehmende Möglichkeit, Photos sofort online zu teilen, werden dafür sorgen, dass Photos nicht mehr im heimischen Photoalbum oder auf der Festplatte landen, sondern online geteilt werden. Das eigene Leben zu dokumentieren wird trotz allen Debatten um Datenschutz und Privatsphäre immer normaler, weil die Software es enorm einfach macht und weil der Suchtfaktor natürlich enorm ist.

Und darin steckt ja auch Potential, die phantastische Vorstellung in einer Gesellschaft zu leben, in der zwar jeder immer noch ein Recht auf seine Geheimnisse und Intimsphäre hat (und haben muss), wo aber mehr und mehr Menschen die Gardinen von den Fenstern nehmen und freiwillig öffentlich(er) werden. Das ist ein seltsamer Gegentrend zum realen Leben – vielleicht sogar eine Reaktion darauf -, wo öffentliches Zusammentreffen schwieriger wird, weil der öffentliche Raum zunehmend funktionalisiert wird, aus der Agora wird ein Shopping Zentrum, aus dem Dorfplatz wird Junkspace. Während öffentlich informelle Zusammenkünfte von Fremden kompliziert geworden ist (wer sich jemals an einen Restauranttisch zu Fremden setzen wollte, kann dies wahrscheinlich bestätigen), nimmt die virtuelle Teilhabe am Leben Fremder fast reziprok zu, vielleicht, weil sie weitestgehend antiseptisch zugeht, man sich nicht wirklich auseinandersetzen muss – sondern nur ausstellt bzw. durch die Galerie des ausgestellten Lebens klickt.

Und diese Sterilität wird in Zukunft ein kritischer Punkt des virtuellen Lebens werden. Der Trend vieler Menschen, zum Showmaster des eigenen Lebens zu werden und nach den Regeln modernen viralen (eben nicht virilen) Marketings das eigene Dasein zu hypen, ist in der Zusammenschau deprimierend. Da entsteht eine Leistungsgesellschaft der guten Laune, in der Urlaub und Freizeit zu Elementen der Selbstvermarktung mutieren. Es geht nicht mehr darum, Urlaub zu machen, es geht darum, einen aufregenden Urlaub zu haben und den zu dokumentieren. Und möglichst viel Leute, wie früher Onkel Otto, in die Diashow zu bringen. Dass das ebenso spießig ist wie eben jene nachbarlichen Diaabende, in der der Wohlstandsbürger der Fünfziger seinen ersten Auslandsurlaub mit der Straße und den Angehörigen teilt, ist dabei evident. Auf Facebook wird nicht gedacht, nicht geteilt, es wird ausgestellt. Es ist ein profaner Dorf-Marktplatz des Lebens, im Wortsinne voller Stände und Fressbuden, keine Agora. Darüber, ob dieser sanfte Druck das Leben zu erleben, zu genießen und diesen Genuss zu propagieren, nicht im Umkehrschluss auch zu Stress führen kann, zu dem Gefühl, das eigene Leben sei angesichts der flickernden Leistungsshow online langweilig und grau, weil man nicht jeden Tag aus einem anderen Lokal oder Land postet oder sich in den jeweils coolen Bars seiner Stadt eincheckt, darf langfristig spekuliert werden. Gibt es da draußen schon die ersten Leute, die ihren Samstag verplanen, damit sie bloß in ihrem sozialen Netzwerk etwas zu posten haben? Wenn FB und Co eine Art Coolnesstransmissionsriemen sind, was ist mit denen, die zwischen die Zahnräder gelangen?

Wichtiger aber ist die Frage, ob es in der Hochzeitsgesellschaft langfristig nur Alkohol und Tanzen gibt, oder ob da irgendwo auch Tische stehen, an denen man reden wird. Facebook ist im Grunde – wie jede große Feier – eine anti-intellektuelle Veranstaltung, die wechselseitigen Monologe auf dem Niveau dessen, was man hinkriegt, wenn man sich vor dröhnender Musik aus Bassboxen ins Ohr brüllt und am nächsten Tag heiser nicht mehr weiß, was man da geredet hat, wichtig kann es nicht gewesen sein. Wichtiger als die Inhalte ist, sich gegenseitig auf den Rücken geklopft zu haben. Facebook ist diese Hochzeit, nur ohne Musik, ohne Alkohol, sie ist der Geist einer Party, die fleischlose Abstraktion und insofern wie eine Online-Fortschreibung der Funktion von Sitcom-Serien nur die Simulation von Leben und Freundeskreis. FB ist der Laugh Track deines Lebens.

So grandios es ist, in einer offeneren, stalkenderen Gesellschaft zu leben, in der du Leute nicht mehr aus den Augen verlierst, sondern sie statt dessen zu Radiosendern werden, die dich mit Bildern und Tönen, Wortfetzen und Stimmungen immer wieder etwas mysteriös über den Status Quo ihres Lebens aufklären, und so eine Art Rest-Teilhabe ermöglichen, so wenig ist das doch.

Ich lese gerade Raddatz Tagebücher, die letztes Jahr bei Rowohlt erschienen. Und in der Lektüre dieser oft eitlen und selbstverletzten Notizen ist es ein seltsamer Gegensatz zu der Lebensdokumentation, die ich tagtäglich online erlebe. Nicht nur, dass Twitter und FB längst in den Händen professioneller (Selbst)vermarkter ist, die ihr Produkt oder ihre Einrichtung monoton hypen und nach und nach zu einer Art Spam mutieren, vor allem aber wird deutlich, wie sehr Raddatz ein Selbstgespräch führt, das lang und oft verhangen ist, immer wieder zu den gleichen Themen kommend, wie egal im Grunde äußere Umstände sind, wie es nicht darum geht, dass er in Paris ist, sondern darum, wie es ihm dort geht. Seine Tagebücher sind Orte von Zweifel an der Welt, Zweifel an anderen, Bitterkeit, verletzter Eitelkeit, kindischen Gefühlen – und bei aller Kritik im Detail, ist der Mut, solche Texte, die keineswegs immer klug und umwerfend, sondern oft engstirnig und egozentrisch sind, zu veröffentlichen, bewundernswert. Mir ist in den letzten Monaten aufgefallen, wenn man Leute im realen Leben trifft, die man länger nicht gesehen hat und deren «Leben» man nur via FB/Twitter/usw kennt, wie weit dieses virtuelle Bild und die Realität dahinter divergieren. Du denkst, du bist einigermaßen up to date und was gewissen Fakten angeht bist du das sogar so sehr, dass es Gespräche eindämmt, weil man bestimmte Vorgänge bereits kennt, aber die zu den Vorgängen gehörenden Gefühle, Ängste, Hoffnungen, sind nie bis in die angeblich so sozialen Medien gekommen, vielleicht weil man die eben doch nicht in die Arena der Kommentare und Like-Buttons stellen will, vielleicht aber, viel profaner, weil es ja auch sonst niemand tut. FB ist ein Angeber-Medium, in der jeder sein Leben zur Leistungsschau tuned, zur eigenen Pressekonferenz, wer will da mit Zweifeln kommen? Ich frage mich, wenn morgen jemand zum Berserker wird und 20 Schüler umbringt oder nur sich selbst aus dem Leben hievt, wie viele Freunde und Angehörige sagen: «Aber bei Facebook war er doch immer gut drauf…» FB ist längst ein an sich durchaus spannender, aber eben verfälschender Teil eines zunehmend unehrlichen Umgangs mit der eigenen Biographie geworden, die ganz effizient-kapitalistisch eben nicht aus Fehlschlägen, sondern nur aus Siegermomenten, richtigen Entscheidungen, einem tollen Job und einem erfüllten Leben zu bestehen hat. Wenn du nacheinander drei vier Leute getroffen hast, deren innere Gefühlswelt deutlich grauschleieriger bis schwärzer ist als die «öffentliche» Variante, dann fragst du dich, wie viele Leute diesen Maskenball mitspielen. So wie ein Verlag verkaufe Bestseller und gewonnene Awards herausstellt, aber die schlechten Umsatzzahlen von Buch XY und andere Existenzprobleme mal lieber schön weglässt, so wie Museen ihre Veranstaltungen hochjazzen, aber die eigene Finanzkrise oder Streitereien mit Künstlern nicht so gern kommunizieren, so gehen wir inzwischen auch privat mit unserem gesamten Leben um. Es ist eine Art dauerhafte, in Echtzeit durchgeführte kosmetische Operation. Wie ein Photograph im Krieg permanent nach Motiven sucht, suchen wir nach «Lebensmomenten», die es festzuhalten, zu dokumentieren gilt, Ich war dabei. Ich war dabei.

Das kann nicht ewig gutgehen. Die Verleugnung oder Verdrängung von Problemen, das weiß jeder psychologische Laie, sorgt nur dafür, dass die weggedrückten Affekte sich auf anderer Ebene, meist unbewusst, ihre Bahn suchen. So verblüfft doch schon, dass wir einerseits inzwischen nahezu penetrant von Burn-Out und Depressionsartikeln und Büchern beschossen werden (Burn-Out ist ja das neue AIDS) – und andererseits hat jeder ein Leben aus Glücksmomenten? Facebook ist eine Art Regression, es erinnert an Huxleys Soma-Parties, es weht ein Hauch von Freizeit-Taylorismus durch die virtuellen Flure. Auf Dauer wird das nicht genug sein. So wie im echten Leben der beste Moment jeder Party die Gespräche am Morgen danach sind, so wie jede echte Beziehung diese Kaffeehaus-Momente braucht, wo man sich gegenseitig wirklich austauscht, so braucht das virtuelle öffentliche Leben mehr als Millionen von kleinen Fernsehsendern, die rund um die Uhr Superhappiness propagieren.

Der große Sprung in den Social Media also wird sein, zu lernen, darüber öffentlich zu reden, worüber man schwer sprechen kann, worüber man schweigen möchte. Während in den Medien der Geist der geschützten Privatsphäre umher weht, geht es in Wirklichkeit darum, einen entscheidenden, mutigen Schritt der Öffnung zu machen. Auf Facebook rechtfertigt sich das eigene Leben als das «richtige» Leben, indem es glücklich ist, einer Art unausgesprochenem Drehbuch von Konsumteilhabe folgend – in Wirklichkeit ist hier nur ein gesellschaftsweites Potemkinsches Dorf in Aufbau, das wir alle Bild um Bild, Like um Like errichten. Die große Chance von Social Media aber ist, Freud und Leid zu teilen – die Trauer aus den Darkrooms der Depriforen herauszuholen, das Leid nicht auf Radio-Call-In-Shows zu domestizieren. Was hätte ich bei dieser Hochzeit darum gegeben, wenn es nur ein Bild gegeben hätte im Bilderstrom des Glücks, das diesen Eindruck trübt oder in Frage stellt, die eigene Inszenierung kurz aushebelt und durchschaut. Es wäre ein Durchblitzen von Intelligenz und Reflexion gewesen, wenn hier zumindest die eigene Lüge als selbst-bewusste Tat gestanden hätte. Wenn nur für einen Moment die Heuchlerei nicht wie Mehltau über der ganzen Veranstaltung liegen würde. Nicht weil ich denke, dass die beiden, die hier geheiratet haben, nicht wirklich so glücklich und «richtig füreinander» seien wie die Photos suggerieren sollen – sondern im Gegenteil, weil die Suggestion eine Beleidigung ist. Das echte Leben und eine echte Beziehung hat mehr Dimensionen als Urlaub, Hunde und Nachwuchs. Das Auszublenden ist nicht nur Verleugnung, sondern vor allem auch die Weigerung anzuerkennen, dass die schlechten Momente integraler Teil der guten Momente sind. Dass es nicht Sinn einer Beziehung oder gar des Lebens ist, immer gut drauf zu sein. Dass es nicht Sinn des Lebens ist, für andere gut drauf zu sein. Es ist bedenklich, wenn wir in der Freizeit, wenn auch auf andere Art, ähnlich anfangen zu funktionieren wie im Beruf, wenn Menschen gezwungen sind, Schwäche Furcht und Unsicherheit, immer weiter ins Innere zu tragen. Wirkt es konstruiert, wenn ich befürchte, dass die Leute, die bei FB am erfülltesten wirken, am ehesten ihre Frustrationen und Probleme bei einem Therapeuten abladen werden müssen, weil ihr Freundeskreis zunehmend nicht mehr versteht, dass diese Leute überhaupt ein Problem haben könnten?

Wenn Social Media wirklich sozial sein will – und hier ist eine Chance für eine Welt nach Facebook – muss es mehr geben als eine Art Plattform der Guten Laune, einen permanenten Musikantenstadl effizient genutzter Freizeitmaximierung. Politik muss mehr bieten als «Tritt unserer Gruppe bei», Teilhabe am (virtuellen) Leben von Bekannten und Freunden darf dreidimensionaler sein als es jetzt ist, durchaus auch mal verstörender und damit ehrlicher. Bei der Wahl, ob unser Leben online eine Art Verschleierungsstrategie wird oder in einer Form von Selbstreflektion und Austausch mündet, in einem System, in dem die Beteiligten nicht mehr nur Links und «Yay!»s austauschen, sondern auch Hilfe und Strategien, wird entscheidend sein, wie lange wir uns als Gesellschaft selbst belügen wollen, wie hart und wie lange wir den Bruch zwischen oberflächlicher «Happiness» und den komplexeren Gefühlen hinter verschlossenen Türen durchhalten wollen. Wir haben gelernt, die Party mit der Welt zu teilen – die nächste Frage ist also, ob wir auch die Kraft haben, den Kater gemeinsam zu meistern.

24. Januar 2011 09:03 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 4 Antworten.

Geduld

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Der wunderbare Schnee der letzten Wochen hat etwas, was lange brodelt, seltsamerweise nicht abgekühlt, sondern zum Kochen gebracht – den Volkszorn. Die Bürger empören sich darüber, dass die Städe trotz Haushaltssperren und schließenden Theatern die Straßen nicht picobello freihalten, nicht genug Streusalz verwenden, nicht oft genug die Straßen wie einen Döner abschaben, dass Müllfahrzeuge sich nicht durch Straßen zwängen, durch die kleine Kfz schon kaum noch sicher kommen und der Müll mal zwei oder drei Wochen liegt. Klaus Kunze, Chef der Essener Entsorgungsbetriebe, gibt in seinem Interview mit Der Westen einen Einblick in die vielen Parameter, die er zu jonglieren versucht – durchaus sympathisch -, und wird in den Kommentaren (der hysterisierten Form des Leserbriefes) dafür angegeifert und persönlich beschimpft. Die Bürger fangen sogar an, Klagen gegen die Entsorgungsbetriebe verschiedener Städte vorzubereiten.

Wegen etwas Schnee, wohlgemerkt.

Zugegeben, um Weihnachten ist etwas dumm, wenn Müll liegenbleibt, weil gerade da viel Papier anfallen kann (obwohl das ja auch schön den Überkonsum verdeutlicht und uns einen Geschmack des eigenen Giftes gibt). Zugegeben, Autofahrten um den 24.12. waren nahezu undenkbar und haben meist mehr als doppelt so lange gedauert und waren oft von der Angst geprägt, in irgend eine Leitplanke zu schliddern. Aber haben wir uns schon so weit von der Natur entfernt, dass wir mit dem Wetter auf Kriegsfuß stehen? Den Sommer bekämpfen wir mit Klimaanlagen und ruinieren dabei unsere Gesundheit, im Winter verlangen wir offenbar, dass ad hoc ein Normalzustand wieder hergestellt wird. Meine Nachbarn haben im Grunde ganztägig gegen den Schnee angefegt und geschippt, damit ihr Teil der Straße (und auch nur ihrer) bitte immer noch so aussieht, als sei Frühling, als sei gar kein Winter. Gut, dafür gab es dann vor ihren Häusern keine Parkplätze mehr, weil sich irgendwann meterhohe Schneeberge am Straßenrand auftun, aber der Bürgersteig als solcher war blitzeblank. Immer. Die Tatsache, dass man auf gefallenem Schnee an sich ausgezeichnet gehen kann – im Wald fegt ja auch niemand und man kann dort bestens unterwegs sein – spielt bei diesem Fegewahn keine Rolle. Es geht nicht um die Begehbarkeit der Straße oder um gesetzliche Vorschriften. Es geht um den Kampf gegen die Natur. Es scheint auch niemand auf die simple Idee zu kommen, sich zusammenzutun und die Straße einfach gemeinsam selbst vom Schnee zu befreien, wenn die Entsorgungsbetriebe die Seitenstraßen nicht streuen. Soviel Anonymität muss selbst in Wohnvierteln sein, wo jeder Nachbar alles über den anderen weiß.

In den USA wäre das übrigens undenkbar. Dieses paternalistische Staatsverhältnis – ich zahle Steuern, dafür musst du mich rundum verwöhnen. Es ist in einem Land wie Amerika vielleicht einleuchtender, vielleicht ticken die Menschen auch nur anders, dass der Staat sich nicht um die Weite des Landes, um jedes Detail kümmern kann. Also machen die Leute es, ganz dem Let’s-Do-It-Mythos einer Nation verpflichtet, die den Wilden Westen erobert hat, einfach selbst, adoptieren Autobahnabschnitte, fegen die eigene Straße, beschneiden die eigenen Bäume. In Deutschland scheint aber schon die Vorstellung, einen Müllsack zum Recyclinghof selbst fahren zu müssen, eine Zumutung zu sein.

Vor allem aber auffallend ist die Ungeduld mit der Natur, die einfach daherkommt und sich in die Planbarkeit des Lebens einmischt. Wer über beheizbare Gehwege sinniert, hat sich endgültig für ein Leben entschieden, das ebenso gut unter einer Plastikkuppel über der Stadt stattfinden könnte, die Regen, aber auch zu viel Sonne, Wind und Schnee, einfach abhält. Mit anderen Worten mutieren wir zu Terrariums-Tierchen, die neurotisch reagieren, wenn ein Parameter der künstlichen Umwelt zu stark variiert wird. Die Wirklichkeit macht uns nervös. Ein zwei Tage ist der Schnee ein Ah-Ereignis, danach manifestieren sich nur noch Ärgernisse, weil der Terminplan derangiert wird. Wenn das Leben ein Güterbahnhof ist, darf uns eben keine höhere Macht die Logistik verhageln. Und da wir in einer Welt leben, in der selbst die Freizeit per Terminplaner organisiert wird (und per Facebook dokumentiert), ist das Leben nun mal ein Güterbahnhof, sorry, lieber Schneemann.

Es ist verblüffend. Die gleichen Bürger, die sich sonst permanent um den eignen Burn-Out zu sorgen scheinen (dem gefühlten Buch- und Pressethema Nummer Eins derzeit), sehen den Schnee nicht als naturverordnete Auszeit, sondern burnen noch ein wenig intensiver dagegen an, wutschäumend. Anstatt Termine zu reduzieren (eine Ausrede hätte man ja), zu Hause zu bleiben, vorm Schneefenster mit etwas Heißem in der Tasse ein gutes Buch zu lesen oder unter der dicken Decke zu kuscheln, wird in den Leserbriefen ein Kryptofaschismus der eisfreien Straße deklamiert, das totale Schneefrei gefordert. Dahinter steckt nicht nur eine unfassbare Entfremdung von der Natur und ihrem Rhythmus, sondern auch eine Ungeduld, die uns alle erfasst hat und der die Realität als solche total egal geworden ist.

Und in der Tat, wir sind verwöhnt. Alles hat sich beschleunigt. Gute Zeiten, um ein fußwippender Ungeduldsmensch zu sein. Amazon liefert nicht mehr nur binnen 24 Stunden, was an sich ja schon verblüffend genug ist, sondern binnen eines Tages bis 18 Uhr. Downloads, die vor zehn Jahren noch den ganzen Tag gebraucht hätten, sind heute ohne Kabel in wenigen Minuten auf dem Rechner. Man kocht nicht mehr stundenlang, sondern blitzdingst sich in Minuten ein Essen aus der Microwelle. Auch im Restaurant denken wir uns anscheinend nichts dabei, wenn Sauerbraten, ein Fischgericht und ein Schnitzel seltsam schnell, seltsam gleichzeitig aus der Küche kommen, selbst wenn die Teller wärmer sind als das Kartoffelpüree – die Frage, wie ein Sauerbraten ernsthaft in 5 Minuten halbwegs seriös gemacht sein soll, stellt man besser nicht. In den Fast-Food-Ketten warten entsprechend schon viele Gerichte verpackfertig vorbereitet auf uns, damit man sie direkt am Autoschalter ordern kann, whambam, von der Bestellung zum Dinner in 2 Minuten, das Herabschlingen braucht kaum länger. Wir tippen nicht mehr mit der fehlerhaft-langsamen Mechanik einer Schreibmaschine, sondern direkt mit Rechtschreibkontrolle eingebaut, verschicken keine Post mehr über zwei drei Tage, sondern eMails im Sekundentakt, Gigabytes davon im Jahr (wären es Postbriefe, wir würden jedes Jahr Schränke von Aktenordnern mit dem ganzen Hin und Her füllen). Wir teilen unsere impulsiven Gedanken unserem Freundeskreis in Echtzeit mit, just in time, kein Warten mehr, es der Freundin morgen am Telefon zu erzählen, sie hat es schon bei Facebook gelesen. Abgeordnete twittern Abstimmungsergebnisse, bevor wir sie aus den Zeitungen lesen, die mit einem Tag Verspätung gegenüber der Newsflut in unseren RSS-Readern sowieso furchtbar lahm wirken. Navigationssysteme bringen uns schnell uns sicher ans Ziel, kein minutenlanges Kartenwälzen mehr vor der Fahrt, kein Verfahren, reinsetzen und losfahren und jederzeit im Blick, ob man es noch pünktlich schafft oder nicht. Notizen schreiben wir nicht mehr ab, eine Software macht das für uns. Medien konsumieren wir nicht mehr in Ruhe, wir zappen zwischen den Kanälen und Angeboten, schnell gelangweilt, wenn eine Handlung oder Information zu langsam kommt, keine neuen Impulse auf uns eindonnern. Dass manche Prozesse einfach physikalisch und mechanisch sind und Zeit brauchen wollen wir zunehmend nicht mehr hören. Für uns Designer bedeutet das oft, dass ein Kunde nicht versteht, warum die 100-seitige Broschüre nicht doch in einem oder zwei Tagen gedruckt werden kann – und oft werden Termine so gebaut, dass man sich wirklich eine Art Digitaldruck in hohen Auflagen wünschen muss. Bei Korrekturen wird, kaum sind die Mails angekommen oder kaum die Änderungswünsche durchgegeben, kaum eine Stunde später nachgefragt, wo die neuen Fassungen bleiben. Egal, wem du heute eine Mail schreibst, wenn sie eine gewissen Länge erreicht und Dinge erklärt, beschleicht dich schon beim Absenden das Gefühl, niemand wird sie wirklich lesen – nicht ohne Grund gibt es ja längst Software, die dem Empfänger den eingehenden Text in eine Kurzfassung zusammenschnürt. Und dass Ideen und Kreativität sich in keinerlei Zeitplan pressen lassen und einfach auch etwas Ruhe brauchen, ist nahezu eine Tabu-Aussage geworden.

Jeder hat es eilig, wenn er nicht gerade als Kind oder Rentner außerhalb des Systems steht und sich das Irrenhaus-Treiben amüsiert anschauen darf und wie Hans-Jochen Vogel amüsiert-schockiert die SMS-Sucht der Kanzlerin aus dem Altersheim heraus kommentieren kann, als zugleich etwas befremdlich wirkendes Symbol einer vergangenen Ära von Schreibmaschinen und Aktenordnern. Aber selbst die Pensionäre, man sieht es in Stuttgart, haben keine Geduld mehr, sich die Umbaumaßnahmen für einen Bahnhof anzusehen, den sie nie mehr nutzen werden. Das gleiche Gefühl, das sich gegen den Winter positioniert – bitte keine Störungen in der Komfortzone – ballt sich hier gegen Bagger und Kräne. Es mag Sachgründe für und gegen S21 geben, aber im Kern geht es um die Frage, wie viel Geduld und Veränderungs-Elastizität wir noch aufbringen können. Selbst die Integrationsdebatte lässt sich auf Ungeduld reduzieren, leider – es scheint, als brächten Sarrazins Jünger den muslimischen Einwanderern nicht die Geduld entgegen, sich langsam in eine Balance zwischen Identität und Integration zu finden. Obwohl dieser Prozess Dekaden braucht und durchaus erfolgreich läuft, scheinen wir als Gesellschaft die Energie zur Hilfe, die Ruhe und Reife für diesen Prozess nicht mehr aufzubringen und zucken nervös zwischen Realitätsverschleierung einerseits und hysterischen Überfremdungsängsten andererseits. Die Wutbürger wippen nervös mit dem Fuß, als wäre ein generationenüberspannender Vorgang ein zu spät kommender Zug, der unser Effizienzkorsett zum Platzen bringt. Wir haben keine Zeit für gesellschaftlichen Wandel, also lehnen wir ihn ab.

Längst sind wir nicht nur ungeduldig, wir fiebern der Zukunft entgegen. Trailer, Leaks und Websites verraten uns Details von Büchern, Filmen und Serien bevor sie überhaupt fertig geschrieben oder gedreht sind, neue Alben kursieren im Web, während die Musiker noch im Studio stehen, Apple stellt Software vor, die erst in einem Jahr überhaupt erscheint – wir werden permanent mit einem Hunger auf das nächste kommende Ding, das nach der nächsten Ecke auf uns wartet, aufgeladen. Wir sind nie mit dem zufrieden, was jetzt ist, sondern hecheln ungeduldig schon der nächsten Etappe entgegen. Ich bin da keine Ausnahme, habe schon als Kind zuerst das Ende vom Krimi gelesen und mag bis heute Spoiler über alles – dieser präkognitive Blitz, der ja immer nur ein Teil des Ganzen ist und der erst Sinn macht, wenn man dann das Buch tatsächlich liest oder den Film sieht. Mein Hang zu Multitasking und Ungeduld ist so alt, wie ich zurückdenken kann – aber wenn solche ADHS-artigen Eigenschaften in der gesellschaftlichen Psyche massenhaft aufblühen, sind es nicht mehr unbedingt positive Features, im Gegenteil.

Wir entwickeln uns nicht nur zu einer hektischeren und oberflächlicheren Gesellschaft, wie von zahlreichen Autoren oft etwas kurzsichtig prognostiziert (wie in Schirrmachers unsagbar schlechtem Buch), sondern vor allem zu einer permanent wütend-ungeduldigen. Witterungsbedingte Verspätungen und Verkehrsengpässe lösen bei vielen Menschen offenbar Gefühle aus, die aus dem Anlass heraus nicht zu erklären sind. Es mag daran liegen, dass in ohnehin unsicheren Zeiten die Bürger angesichts der großen Unwägbarkeiten bei den kleinen, alltäglichen Chaos-Momenten überzogen reagieren, sich sozusagen blitzableitern am Entsorgungsunternehmen, wenn es in Wirklichkeit um die Großbanken geht, die Deutsche Bahn für die Terrorismus-Angst und Wirtschaftskrise büßen muss. Es mag auch sein, dass wie in so vielen Dingen 40% besser zu ertragen sind als 90% – je besser es uns geht, umso schärfer nehmen wir die immer kleiner werdenden Restunterschiede war. Unsere Welt ist schneller geworden, die Befriedigung eines Wunsches nahezu aufschubfrei… umso schlimmer ist vielleicht, wenn doch einmal etwas nicht so läuft, wie man es gewohnt ist. Wo sich unsere Großeltern von Krieg und Wiederaufbau nicht haben beirren lassen, scheint uns schon eine vereiste Autobahn aus der Balance zu bringen.

Natürlich kann es kein Zurück zur Ruhe geben, und ich wäre der letzte Mensch, der das propagieren würde. Die Welt wird schneller und das ist in der Natur unserer Evolution, nicht erst seit einigen Jahren, sondern seit Anbeginn der Geschichte. Eskalation ist menschliche Natur. Dennoch darf man nicht vergessen, das Muße, Ruhe und Nichtstun entscheidende Lebensfaktoren sind. Es ist erwiesen, dass Ideen eine Inkubationszeit brauchen. Informationen sammeln, nachdenken, drüber schlafen, Ideen kommen lassen, das ist die Mechanik der Kreativität -, und das gleiche gilt für das Leben als solches. Es sollte hyperaktive Phasen geben, aber auch Abschaltphasen, Anspannung und Entspannung, Dehnung und Erschlaffung, in sinnvoll-weichen Sinusbewegungen. Ein Gummiband, das immer nur gedehnt wird, reißt nun mal. Das hat nichts mit Burn-Out-Moden zu tun, sondern ergibt sich aus dem Kreislauf der Natur, wo wir solche Wellen immer wieder sehen, das Auf- und Absteigen, Anwachsen und Zurückgehen, Ebbe und Flut. Es schadet also nicht, diese Gegensätze als gut zu sehen und Hemmungen wie Schnee oder verspätete Züge entspannt als Gang der Dinge, als unweigerlichen Bestandteil des Seins zu begreifen, nicht als Hindernisse, die es zu bekriegen gilt. Es ist gut, wenn es schneit und wir langsamer werden müssen. Es ist okay, wenn Müll mal ein paar Wochen länger liegen bleibt – umso mehr wissen wir zu schätzen, wie unsichtbar und reibungslos die Infrastruktur normalerweise läuft. Erst durch das Ausbleiben des reibungslosen Funktionierens wird das uns umgebende Versorgungssystem spürbar, sichtbar. Erst wenn die Bahn zu spät kommt, verstehen wir die Logistik, die dieses Netzwerk normalerweise vorantreibt. Im Scheitern wird also auch die Schönheit eines bestehenden Systems spürbar. Wer den Schnee nicht genießt, sondern sofort manisch solange fegt, bis wieder der Asphalt sichtbar wird, hat vielleicht tatsächlich ein Problem, die Welt zu genießen. Und ist es nicht eigentlich ein tolles Abenteuer, über Schnee und Eis zu schliddern auf der Autobahn, nachts um Drei – kann man das bei aller Panik um das schöne Blech nicht auch mal genießen?

Liebe Leserbriefschreiber und Straßenfeger, liebe Armbanduhrchecker an den Flughäfen, liebe Schlangenvordrängler – ich bin ja genau so ungeduldig wie ihr, genauso übertaktet, genauso unfähig mal ein paar Stunden ohne Twitter oder RSS, ohne Mail oder Medien klarzukommen. Ich verstehe euch ja. Aber es gibt Situationen, da ist es gut, den inneren Kontrollfreak in den Schrank zu stellen und das Leben nicht als Fließband misszuverstehen. Es gibt Brüche, Pausen, Unwägbarkeiten unter der ja nur scheinbar glattgezogenen Zivilisationsfassade, und die kleinen alltäglichen Störungen können als Erinnerung daran dienen, wie fragil die Balance unseres Alltags ist und wie groß der Luxus, den wir genießen. Wir erleben meist keine Orkane, keine Sturmfluten und noch hat uns niemand Hochhäuser weggesprengt – lasst uns verschneie Straßen und rutschige Gehwege, Warten am Bahnhof und unklimatisierte Züge als homöopathische Dosen der Risiken wahrnehmen, die wir gebändigt haben.

Auf keinen Fall aber sollten wir uns nach einer 100%ig kontrollierbaren, klimatisierten, beheizten Welt sehnen, in der es keine Überraschungen mehr geben kann und alle Züge immer pünktlich fahren, alle Briefe immer zeitig eintreffen, es wäre die langweiligste aller Existenzen.

12. Januar 2011 11:46 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 13 Antworten.

Wider die Masse

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Ob Stuttgart 21 oder GAP – es scheint, als lebten wir in Zeiten glorreicher direkter Demokratie. Da gehen Bürger auf die Straße, um einen teuren Umbau ihrer Stadt zu verhindern und da greifen Konsumenten in die Tastatur, um einer Bekleidungsfirma das neue, so schrecklich moderne Logo auszutreiben.

Ist Protest Dialog?
Wer das als tatsächliche Demokratie, als Dialog zwischen Einrichtungen und Bürgern empfindet, der irrt nur leider. Was sich auf den ersten Blick geeignet hervortut, um Manager oder Politiker aus dem Elfenbeinturm herauszulocken und mit der Außenwahrnehmung zu konfrontieren, entpuppt sich als Fata Morgana. Ebenso wenig wie 100 Kritiken auf Amazon ein Buch nun besser oder schlechter machen, so wenig wie 1000 Affen jemals jenseits der Statistik wirklich einen guten Roman schreiben würden, so wenig wie 100 Laien gemeinsam den einen Experten ersetzen (oder wer würde den Chirurgen beiseite schieben, um sich von 10 Krankenschwestern die Herz-OP machen zu lassen, die sich das gern auch zutrauen würden?)… ebenso wenig ersetzt Schwarmintelligenz und der medial geballte Ausdruck von Meinungen tatsächlichen Diskurs und Dialog, Abstimmungsprozesse und tatsächliche Entscheidungen.

Dabei geht es gar nicht um die Frage von Richtig oder Falsch, also darum, ob Stuttgart nun einen Kopf- oder Durchgangsbahnhof braucht oder ob nun das neue Gap-Logo besser war als das alte (beide sind ja nun einmal gruselig) und es geht nicht einmal wirklich um Argumente, die es auf beiden Seiten bei all solchen Anlässen in solch großer Zahl gibt, das man schon Experte sein muss, um in der Flut der Argumente noch den Boden zu sehen. Es geht vielmehr um die Frage, ob es wirklich so ist, dass die Vielen unbedingt Recht haben.

Und ich würde sagen: Nein.

Ist die Mehrheit die Mehrheit?
Das fängt bereits damit an, das insbesondere online die Frage berechtigt ist, was «viel» ist. Es ist erwiesen, dass sich via Twitter, auf Blogs, auf Foren, per Mail etc. eher eine kleine Online-Minorität lautstark (und gern multipel) hervortut, die keineswegs für eine reale Mehrheit sprechen kann. Da wird dann eine Fernsehserie gelobt, die aber mangels Einschaltquote eingestellt werden muss, oder aber ein Buch in Grund und Boden verdammt, das sich aber atemberaubend gut verkauft. Das gleiche Phänomen gibt es auch jenseits der virtuellen Beteiligung, wenn etwa bei dem bayrischen Volksentscheid zum Rauchverbot bereinigt eine erschreckend kleine Anzahl von Bürgern überhaupt teilgenommen hat und das prozentuale Ergebnis in Wirklichkeit so ist, dass man sich fragen muss, welche Legitimität ein solcher Entscheid mit 13,9% eigentlich haben kann, denn Mehrheiten sehen anders aus. Auch in Stuttgart nehmen – gemessen an der Anzahl der Betroffenen in Stadt und Land – prozentual so wenig Bürger an dem Protest statt (zumal gemessen an den Bürgern, die die Regierungen gewählt haben, die dieses Projekt seit zwölf Jahren ja nun alles andere als clandestin durch alle Institutionen vorantreiben). Nur weil es vor den Kameras nach «vielen» Menschen aussieht oder nur weil auf einer Site hunderte von Kommentaren eingehen, drückt sich hier in Wahrheit oft nur eine Minderheit aus, die nur suggeriert, ihre Meinung habe ein Mehrheitsrecht. Natürlich geht es in der Demokratie nicht um die «Mehrheit», sondern es geht (aus meiner Sicht) auch ganz ausgeprägt um den Schutz von Minoritäten, um die Abwägung und Aushandlung widersprüchlicher Interessen – aber es kann nicht um den Schutz einer Minderheit gehen, die in dem Selbstverständnis agiert, sie sei die Mehrheit und habe das Recht sozusagen qua Masse eingebaut.

Hat die Mehrheit Recht?
Dazu kommt, dass ich der Masse zutiefst misstraue. Die Masse kauft nämlich Musik in die Charts, die ich furchtbar finde, sieht Filme, die ich nicht mag, liest Bücher, die ich für Schundliteratur halte (wenn sie überhaupt liest). Wer einen Blick auf das Fernsehen wirft, das Medium des kleinsten geringsten Nenners, das schlimmste aller Massenmedien, kann keinen Zweifel am kollektiven IQ der Menschen haben – er ist gerade hoch genug für Supernannys und Soaps, die schwierigeren Angebote müssen in das Arte- und 3Sat-Ghetto verbannt werden. Die Masse, Pardon, hat keine Kultur. Das soll nicht arrogant klingen, so weitab vom Mainstream bin ich ja nun auch nicht und es geht nicht um die Frage, ob mein Geschmack nun besser ist. Aber wenn Lady Gaga zur größten globalen Künstlerin wird und Stephanie Meyers aseptische Vampire die Buchcharts anführen, dann kommen mir Zweifel am Verstand der «Masse». Die Masse, das ist der Mob beim Fussball, der nur noch in Sieg oder Niederlage unterscheidet. Die Masse, das sind die Leute, die in München dabeistanden, als 1938 die Hauptsynagoge abgerissen wurde und die dabei noch gejubelt haben. Ich habe ein Problem mit der Masse, die bei der kleinsten Gelegenheit mit Fackeln und Heugabeln vorm Schloss steht und will, dass das Monster verbrannt wird. Wenn es nach der Masse ginge, mit Verlaub, würden wir heute noch die Guillotine als Form der öffentlichen Unterhaltung haben und die Sklaverei wäre nicht abgeschafft. Die Geschichte würde stillstehen. Wer sich mit Organisationspsychologie und Massensoziologie befasst, weiß, das «Respekt vor der Masse» fast ausnahmslos als Angst gemeint ist. Die Loveparade hat tragisch und drastisch gezeigt, in welchen Pattern und Wogen sich Massen bewegen und wie rücksichtslos, wie wenig altruistisch oder am Gesamten, sondern wie kumuliert-egoistisch sie teilweise – durchaus auch ohne dies individuell zu wollen oder wahrzunehmen – agieren.

Woher hat die Mehrheit ihre Meinung?
Edward Bernays hat die Verführbarkeit der Mehrheit bereits in den zwanziger Jahren auf den Punkt gebracht: «Wir werden regiert, unser Verstand wird modelliert, unser Geschmack geprägt, unsere Vorstellungen werden vorgegeben weitgehend von Männern, von denen wir noch nie etwas gehört haben.» Was Bernays damals noch etwas unbefangen von den Machtstrategien seines späteren Bewunders Goebbels «Propaganda» nennen durfte, heißt heute anders, die Mechanismen allerdings haben sich kaum verändert, bestenfalls verfeinert. Wer heute sagt, dass Unternehmen und Einrichtungen auf die Mehrheit zu hören hätten, muss sich die Frage gefallen lassen, wie diese Mehrheit eigentlich ihre Meinung/en bildet und wie haltbar und belastbar dieser Boden ist, wie «richtig» die Meinung der Mehrheit ist, wie anfällig der Mob für Verführer und Demagogen ist. Hat Theo Sarrazin mit seinen absonderlichen biologistisch-gestrigen Thesen zum IQ schon Recht, nur weil sein Buch sich gut verkauft – oder haben die weniger selbstgewissen Kritiker recht, die auf die Löcher im fauligbraunen Käse seines Buches hinweisen? Stimmen Fakten, nur weil sie die Bild als auflagenstarkes Blatt druckt? Tatsache ist doch vielmehr, dass die Mehrheit der Menschen auf einfach(st)e Antworten, auf reduktionistische Ideen, auf Schwarzweißmalerei fliegt wie die Wespe auf den Sonntagskuchen – das uninformierte, dumpfe «Gefühl» ist der Aggregatzustand der Menge, das Erahnte, Faktenfreie, das Klischee. Es ist erwiesen, das den Menschen das langfristige Planen und Denken nicht liegt, sie agieren kurzfristig, nehmen spätere Nachteile in Kauf, um sich «jetzt» auszuleben – da ist es verständlich, wenn die akkumulierte Masse von Menschen dies besonders betreibt, und ohne Konsequenzen, Bedingungen, Vernetzungen und Unabwägbarkeiten zu argumentieren versucht, zurückgreift auf die einfachsten und damit falschen Argumente, die seltsam oft auf ein «Wir gegen Euch» hinauslaufen. Politiker sind korrupt, Beamte sind faul, Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg, Frauen gehören an den Herd, der Islam ist böse und und und… die Liste rassistischer und reaktionärer «Meinungen» des Mob ist so lang wie armselig. Es ist keineswegs so – so sehr man sich das wünschen würde – das in der Menge die Menschen zu einer abgewogenen und richtigen Entscheidung kommen (auch wenn «Wer wird Millionär» das suggeriert), sondern im Gegenteil: Nur das simpelste, primitivste Meme kann sich durchsetzen, der resistenteste und renitenteste Virus verbreitet sich am besten, je stumpfer desto besser. Es ist kein Zufall, dass ein Ex-Sponti und Grüner wie Joschka Fischer, kaum an die Macht gekommen, absolut gegen direkte Demokratie war – was auf den ersten Blick nach Wendehalsmanöver aussieht ist vielmehr die Erkenntnis, dass die Menge einfach nicht das Richtige will und jedes ambitionierte Projekt ausbremst.

Wohin geht die Mehrheit?
Nirgendwohin. Der Mob kann sich nur für 0 oder 1 entscheiden. Komplexe Sachverhalte überfordern ihn. Stuttgart zeigt sehr schön wie verschiedenste Partikularinteressen gebündelt ein großes «Nein» als einzige Option ergeben, von Protestlern, die den Bahnhof an sich okay finden, aber mehr Trassen und Finanzierungssicherheit fordern hin zu Komplettverweigerern ist jede Couleur dabei. Wer da als Politiker mit den Prostestierenden verhandeln will, dürfte angesichts des Kaleidoskops von Meinungen Freude haben. Am Ende bleibt von den Einzelstimmungen nur ein großes Verhindern über, ein Beharren auf den JETZT-Zustand. Am Ende ist dies das Einzige, worauf die Masse sich einigen kann – selbst wenn «Jetzt» auch alles als ideal sein mag, scheint es doch ausnahmslos besser als die Unsicherheit dessen, was kommen könnte. Jede Abweichung von der Normalität wird abgelehnt und wenn die Masse eins gelernt hat, dann, dass jede Veränderung ihr schaden könnte. Der Mob kann nur zwei Dinge: Nach Blutopfern rufen und den Stillstand bewahren. Es ist die Multiplikation des Sankt-Florians-Prinzip: Überall, bloß nicht bei mir. Die Leute wollen eine schnelle, effiziente Bahn – aber bitte keine Bauarbeiten in ihrer Innenstadt. Die Leute wollen grünen Strom – aber bitte keine Windkrafträder oder Hochleistungsstromleitungen in Ihrer Nähe. Die Leute wollen einen leistungsstarken Staat – aber niedrige Steuern. Jeder will ein König sein, keiner regieren. Und so kann die Masse ein neues Erscheinungsbild zwar schlechtreden, aber keinen schlüssigen Gegenentwurf formulieren, auf den sie sich einigen könnte. Die Masse, insofern, ist das ultimative Konsensdesign, das ultimative Gremiendesign, das sich selbst so zerredet, bis es nicht mehr stattfindet und man nur noch in der Geste des perpetualen Stillstands gefriert. A lot goes on, but nothing happens. Jeder Autor von Serienliteratur – ob Buch, TV oder Comic – kennt das Phänomen seines Publikums: Es beschwert sich, wenn nicht genug Wandel stattfindet, aber sobald sich dann tatsächlich etwas verändert, steht der Mob an den Toren und hämmert mit den Fäusten heulend aufs Holz. Das Ergebnis ist die sogenannte «Illusion of Change», die Illusion des Wandels, das Prinzip «Wasch mich, aber mach mich nicht nass». Jeder Designer, der mit Gremienentscheidungen zu tun hat, weiß nur zu gut, was das bedeutet: Wir brauchen ein neues Logo, aber kann es so aussehen wie das alte?

Gestaltet die Mehrheit Zukunft?
Nein, so leid es mit tut. Die Zukunft ist fast ausnahmslos gegen den Mob entstanden. Die Sklaverei, die der gute Cicero noch völlig okay fand, ist in Amerika nicht abgeschafft worden, weil die Masse schlagartig fand, dass diese Einrichtung barbarisch ist, sondern sie geht auf eine Handvoll Menschen zurück, die schließlich in Abraham Lincoln einen Fürsprecher fanden, der den 13. Zusatzartikel zur US-Verfassung nach mehreren Anläufen und nach dem Sezessionskrieg durchsetzte. Norbert Bolz hat einmal festgehalten, dass die Masse der Menschen nicht weiß, was sie sich (im Hinblick auf Produkte) an Innovationen wünscht – die Konsumenten selbst hätten niemals den Walkman erfunden, wahrscheinlich auch keine Mobiltelefone oder Computer. Jede politische und technologische Innovation geht von Individuen aus und hat sich erst mit der Zeit als «vernünftig», als neuer Status Quo, etablieren können. Bei fast jeder technischen Neuerung sagt der Mob: «Wozu brauch ich DAS denn?» Ein Telefon ohne Kabel, eine Kamera am Handy, ein Computer ohne Maus und Tastatur? Kunstdünger? Automobile? Genforschung? Alles neue, alles «fremde» wird abgelehnt und muss sich erst beweisen. Was an sich nicht schlimm ist – aber wer von der konservativen Masse, die alles allochtone prinzipiell ablehnt, tatsächlich Impulse, die nach vorne deuten erwartet, der kann aber lange warten. Und vergebens. Zukunft geht nicht vom Aggregat aus, sondern vom Individuum, vom Querdenker, vom Mutigen, vom Typus des Entdeckers. Von diesen wahnwitzigen Menschen, die neue Kontinente entdecken oder unter atemberaubenden Kosten und hohen Opfern Menschen zum Mond emporschießen. Die Bücher schreiben, die erst einmal keiner versteht und die sich nicht verkaufen, die Bilder malen, an denen keiner zeitlebens etwas verdient, die Theaterstücke schreiben, bei denen das Publikum empört den Saal verlässt, die sich ihre Instrumente selbst zusammenbauen und seltsam heulende Geräusche aus ihren Gitarren frickeln oder elektronisch-ungewohnte Klänge generieren, die mit einem Hüftschwung ganz Amerika empören, die mit einem Kleiderschnitt eine ganz Ära von weiblichen Rollenklischees beenden. Es sind die, die die Masse stets für «Spinner» hält, als Außenseiter deklariert, oft sogar massiv sanktioniert, die Kultur und Wissenschaft voranbringen, weil sie die Grenzen austasten und verschieben. Es sind kurzum Individuen, mit all ihren Fehlern und Träumen, die die Zukunft schmieden, nicht die amorphe Masse. Die Masse kann seine Impulse geben, sie kann sich auf keine Ziele einigen, sie kann nicht langfristig denken, sie kann nur stumpf reagieren und verneinen. Sie kann in Previews dafür sorgen, dass Filme zu einem Happy End umgeschnitten werden müssen, aber sie kann keine Filme machen. «Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht; Drum besser wär’s, dass nichts entstünde» – so mephistophelisch ist die Mehrheit, die in toto nicht versteht, dass Stillstand aber unweigerlich Entropie bedeutet. Wer dem Mob die Zügel in die Hand gibt, bewegt sich dem Mittelalter entgegen. Die Menge der Deutschen wollte keine Rechtschreibreform (inhaltlich ganz zu Recht, wie ich fand und finde) – aber einige Jahre später zeigt sich, dass man damit ja doch ganz gut leben kann. Der Leidensdruck, ist die Veränderung einmal durchgeführt, sinkt ja doch immer wieder schneller, als gedacht. Wird in Stuttgart der Bahnhof gebaut (vielleicht sogar durch die Proteste etwas durchdachter, etwas weniger sparsam, etwas langfristiger geplant), so wird er in 10 bis 30 Jahren der neue Standard sein, die neue Normalität darstellen. Und wenn er in 100 Jahren durch einen neuen ersetzt wird, werden wahrscheinlich wieder die Bürger protestieren gegen diesen Umbau.

Ist die Mehrheit demokratisch?
Es ist ein Irrglaube, dass direkte Demokratie «demokratisch» ist. So falsch es auch ist, demokratische Teilhabe aus ein Kreuzchen alle vier fünf Jahre zu beschränken – und sich selbst dieser Teilhabe zu entziehen -, so falsch der Mangel an Möglichkeiten für den Einzelnen ist, sich in die Politik einzubringen und diese als Interessant zu erfahren, so unrichtig ist eben auch die Vorstellung, dass Volksentscheide und Protestaktionen etwas mit Politik zu tun haben. Einer gewählten Regierung eine demokratisch erarbeitete Entscheidung abpressen zu wollen, einem Unternehmen die Markenidentität endogen aufzudrücken – das ist nicht «Demokratie» und schon gar nicht Marketing oder Branding. In der Politik gilt, dass es eine gerade in Deutschland fein tarierte Machtstruktur der Instanzen gibt – Gerichte, Parteien, Land, Bund und so weiter – die in oft langwierigen Prozessen konsensuale Entscheidungen herbeizuführen versucht. Diese Prozesse versuchen bereits, Mehrheiten abzubilden und sind genau deshalb oft so melassig-langsam und schaffen keine wirklichen Reformen. Demokratie ist aber genau diese Ausverhandlung und Entscheidungsfindung, Checks and Balances, die am Ende ein immerhin halbwegs tragbares Ergebnis rechtfertigen und Peunalen für Fehlentscheidungen implementiert haben – per Abwahl oder Rücktritt. Aber dieser komplexe und schwierige Prozess ist von Mengen nicht zu leisten – welche Meinung hat denn eine Mehrheit zur Frage, ab welchem Alter Kinder in den Kindergarten sollen (und ist diese Meinung von Experten geteilt?) oder zur Energieversorgung unseres Landes in 50 Jahren (und ist diese Meinung technisch und finanziell realisierbar?) So mangelhaft die repräsentative Demokratie ist – die Alternative wäre ein Alptraum, das Regime des kleinsten gemeinsamen Nenners, des Gartenzaunanstreichers, des Nachbarns, der durch die Gardinen späht und überprüft, ob du deinen Müll auch säuberlich trennst. So traurig die gegenwärtige Politik ohne Visionäre, der Sachverwalter und Realisten, sein mag – eine Alternative, in der eine stumpfe Mehrheit über Theatersubventionen und Kunstprojekte, Bildungskanon und Sozialhilfe entschiede, wäre ein Grund, das Land zu verlassen.Denn die Diktatur der Vielen wäre keine Spur erträglicher als die Diktatur eines Einzelnen.

Machen Massen Marken?
Man könnte sich zu der Annahme verführen lassen, dass doch aber in der Welt des Massenkonsums die Massen sinnvoll die Zügel halten könnten. Die Abertausenden von Menschen, die bei IKEA kaufen, müssten doch am besten wissen, wie die Marke aussehen soll, oder? Es macht doch nur Sinn, wenn GAP jetzt zusammenklappt und binnen kürzester Zeit unter öffentlichem Druck ein Logo vom Tisch nimmt. Ehrlich gesagt, macht es ebenso viel Sinn wie auf die Forderungen von Erpressern einzugehen – man hofft auf ein kurzfristiges gutes Ende und etwas Ruhe, weiß aber, dass man sich langfristig ein großes Problem eingehandelt hat, weil man ab jetzt immer und jederzeit erpressbar ist. Natürlich ist es richtig – goldrichtig sogar – wenn du als Marke auf deine Marktpartner hörst und sensibel ihre Wünsche wahrnimmst. Darauf unweigerlich zu hören, ist aber schlicht und ergreifend Feigheit vor dem Freund. Ein Musiker, der ein mutiges, seinen bisherigen Sound verlassendes Album herausbringt, sollte nicht unbedingt zurück in alte Gewässer, nur weil die Umsätze zurückgehen, sondern weiter daran arbeiten, sich ein neues Publikum zu erarbeiten, das seine Experimente zu würdigen weiß. Ein Autor, der dem Publikum gibt, was es will – frei von Überraschungen -, wird es nicht lange glücklich machen, weil er langweilt. Die Kraft einer Marke ist ihre Autorität – und diese Autorität bedeutet, Entscheidungen aus einer inneren Überzeugung heraus zu treffen und zu diesen Entscheidungen dann zu stehen. Im Einzelnen Zugeständnisse, in der Sache auf Kurs. So wie von Guttenberg sich inzwischen zweimal mit dieser Methode Respekt verschaffte – Opel und neuerdings die überraschend einfach wirkende Abschaffung der Wehrpflicht -, so schafft sich auch ein Unternehmen dadurch Respekt, dass es auf Linie bleibt. Wer sein Logo nicht aus kurzfristigen Gründen ändert, sondern einer klaren inhaltlichen Linie für die Zukunft folgt, ist gut beraten, diese Linie auch durchzusetzen. Es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass die Masse eine starke Marke macht – tatsächlich zieht umgekehrt eine starke Marke die Masse an. Ein beliebter Politiker ist nicht der, der dem Volk nach dem Mund redet, sondern jemand, der einigermaßen glaubhaft seinem inneren Kompass folgt – und analog gewinnt eine Marke dadurch an Magnetismus, dass sie souverän und «cool» ist, autonom reagiert und den Weg führt. Unter diesem Aspekt ist es sehr richtig, dass Apple stets gründlich abwägt, wann sie dem Gegreine der Masse nachgibt (und etwa Bumper gratis verteilt) und wann sie die Marke gegen den Mob auf Spur halten. Denn es ist ja beileibe nicht so, dass Marken, die ihren Zielgruppen in den Hintern kriechen, erfolgreicher wären als solche, die dies nicht tun. Im Gegenteil. Stark sind Marken, die den Weg vorgeben und sich souverän darauf verlassen, dass die Herde größtenteils mitgehen wird und die Nörgler verstummen. Eine Marke, die «der Allgemeinheit» nachläuft, wird unweigerlich zu amorphem Mittelmaß degenerieren. Umgekehrt wird eine starke, individuelle Marke, vielleicht paradoxerweise gerade weil sie Ecken und Kanten hat, eine Gefolgschaft anziehen. Nicht zuletzt, weil sich jeder in der Masse ja nach «seiner» Individualität sehnt, nach einer Identität in der Konformität (siehe etwa NIKEID).

GAP erweist sich also im Zweifelsfall einen Bärendienst und wird es – nachdem es einmal ein Logo zurückgezogen hat – fast unmöglich schwer finden, einen Entwurf zu finden, mit dem die «Masse» dann auch zufrieden sein kann. Den einen wird jede Änderung des Bestehenden zu viel sein, den anderen wird das dann noch bestehende Quentchen Wandel nicht ausreichend sein – und letzten Endes auch den Relaunch nicht rechtfertigen. Es ist ein Zeichen schlechten Managements, nicht nur ein Logo herauszubringen, an das man offenbar selbst nicht glaubt und das intern nicht mehrheitlich getragen wird (und das, am Rande, auch einfach gut ist), sondern dieses auch noch beim erstbesten Gegenwind wieder einzukassieren. Es gibt grandiose und phantastische Wege, die Konsumenten und Partner in Entscheidungsprozesse eines Unternehmens einzubinden und ein soziales Geflecht in die Außenwelt zu etablieren – und ich bin der erste, der solche Prozesse der Verankerung in der Wirklichkeit goldrichtig findet -, aber wer sich von Neinsagern seine Markenidentität und das Design diktieren lässt, verliert seine Glaubwürdigkeit. Und nichts wäre für eine Marke wichtiger als die eigene Unanfechtbarkeit, Deutungshoheit, Wahrheitskompetenz. Deshalb müssen Marken den Dialog mit Individuen suchen – und fördern -, aber nicht zum Subjekt von Mehrheiten werden. Denn Marken sind Leuchttürme, keine Nichtschwimmer.

13. Oktober 2010 15:58 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 9 Antworten.

Tod und Spektakel

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Eigentlich wollte ich zum Desaster auf der Loveparade nichts schreiben, weil es in den Medien, Blogs, auf Twitter und Facebook ja genug Meinungen und genug Anklagen gibt. Jenseits von der reinen Schuldfrage, die sich jetzt wahrscheinlich zu einem Kampf zwischen Veranstaltern/Stadt einerseits und Angehörigen der 19 Opfern andererseits entwickeln wird, wenn es um die Frage gibt, ob die Vorbereitung ungenügend war oder individuelles Fehlverhalten vorlag, haben mich ein paar Sachen angesprungen:

Die Abnutzung von «Trauer»
Es ist verblüffend, in welchem Maße eine medial, in Presse und Medien vielfach gespiegelte Anteilnahme öffentlicher Personen sich zumindest für mich persönlich abnutzt. Abgesehen davon, dass man vielleicht unterscheiden muss zwischen dem empathischen allgemeinen Schock über die Un- und Todesfälle auf der Loveparade und der persönlichen, unmittelbaren also eben echten Trauer, weil ein geliebter Mensch gestorben ist, muß man nicht sonderlich zynisch sein, um in den öffentlichen formelhaften Trauerbekundungen vieler Politiker – allen voran der neue Bundespräsident, der hier zumindest unbewußt eine Profilierungsoption zu sehen scheint – einen Hautgout zu finden, weil sie nur die falschen, weil endlos abgegriffene Worte, finden. Die Art und Weise, wie Politiker und Medienfiguren heute zunehmend öffentlich auftreten – stets unangreifbar vorbereitet, geschliffen, gefasst, immer bereit, nie zu sehr bei sich selbst, immer in der Rolle – scheint deplaciert, wenn es doch gerade darum ginge, die Maske abzulegen und Mensch zu sein, nicht Funktion. Dass dies kaum noch gelingt (auch weil jeder Fehlgriff authentischer Trauerbekundung medial und vom politischen Gegner ausgeschlachtet wird und es insofern sicherer ist, die professionelle Hülle gar nicht mehr zu verlassen) und eben auch «Trauer» und «Betroffenheit» in der Öffentlichkeit zu einer Art Kabuki geworden sind, ist die Tragödie in der Tragödie.

Schleichendes Gift vs Schockzustand
Tucholsky wird das Zitat über den Krieg zugesprochen, nach dem der Tod eines Menschen eine Katastrophe sei – Hunderttausend Tote aber, das ist eine Statistik. Auf erschreckende Weise belegt die Duisburger Loveparade diesen resignierten Satz. Die 19 Todesopfer von gestern sind ganz sicher unfassbar… aber sie nehmen sich bescheiden aus gegen die 4152 Menschen, die 2009 auf Deutschlands Straßen im Verkehr ums Leben kamen (und diese Zahl ist ein historischer Tiefstand). Der plötzlich eintretende, unfallartige, unerwartete Tod betrifft und stärker als das schleichende, uhrwerkartige Risiko, das wir eingehen, wenn wir eine Autobahnauffahrt herabfahren. Das ist so schrecklich wie verständlich, der unsichtbare tröpfelnde Tot von fast 5000 Einzelnen bleibt unsichtbarer, 19 Opfer in einem medialen Spektakel sind präsenter. Und dennoch, ohne miteinander aufrechnen zu wollen, was nicht aufgerechnet werden kann: Wer jetzt (als nicht unmittelbar Betroffener) im gehobenen Stammtisch-Reflex nach Verantwortlichen und Konsequenzen ruft, sollte vielleicht zumindest kurz innehalten, darüber nachdenken, dass eben auch Verkehrsopfer Eltern, Kinder, Geschwister oder Geliebte sind und genau so wichtig, nur dass die Zahl der Toten hier über zweihundertmal größer ist. Der Tod einer überschaubaren Zahl von Menschen im Brennglas mag dramatischer erscheinen, aber diese Dramatik – und Dramaturgie – des Todes darf nicht davon ablenken, dass es einen noch viel größeren Wahnwitz gibt als den eines überfüllten Partyevents mit eventuell mangelnden Sicherheitsvorkehrungen. Nur weil etwas medial fokussiert ist und etwas anderes eben nicht, wird das im Schatten liegende nicht weniger real und prekär als das, worauf die Scheinwerfer gerichtet sind.

Schuld
Es ist interessant, dass wir bei keiner Tragödie ohne die Schuldfrage auskommen. Wir brauchen Terroristen bei Anschlägen wie Olympia 1972 oder beim World Trade Center 2001, gegen die man dann konternd einen sehr sichtbaren Krieg führen kann anstelle der realen komplexen und dekadenlange Dynamiken, die irgendwann zu bösen Konsequenzen führen, wir brauchen selbst bei Naturkatastrophen Verantwortliche, und seien es nur die gewählten Politiker, die dann nicht schnell genug reagiert haben oder nicht kompetent genug waren. Und vorgewarnt, gewiss, hat immer irgendwie irgendwer irgendwo – das ist die Norm. Auch vor 9/11 und Katrina wurde selbstverständlich gewarnt. Nur, würde man auf jede Warnung hören und entsprechend reagieren, man wäre völlig paralysiert… schließlich wird auch Wochentakt das Weltende prophezeit und zwar seit Jahrhunderten. Warnungen zu ignorieren, ob im Nachhinein zurecht oder nicht, ist Grundlage jeden Handelns. Tatsache ist aber, dass Schuld ein quasi «antropomorphisches» Konzept ist, wir projizieren auf ein komplexes Feld von Zusammenhängen, die chaotisch zusammenwirken, nachträglich ein Antlitz, eine menschliche Logik, eine nur scheinbar rationale Ordnung von Ursachen und Wirkungen, die am Ende dann den Strohmann des «Verantwortlichen» ergeben. Den gibt es aber meist nicht wirklich.
Im konkreten Fall scheint es ein Gemisch vieler Faktoren zu geben. Ein Veranstalter/Sponsor, der nach einer ausgefallenen Veranstaltung unbedingt 2010 «seinen» Event haben als Werbefaktor wollte, eine Stadt, die sich bitte nicht die gleiche Blöße geben wollte wie das als Spielverderber angegriffene Bochum zuvor, ein Bundesland, das in Rahmen von Ruhr2010 fast atemlos von einem Event zum anderen hastet und dieses eben auch unbedingt in der Rekordschau dabeihaben wollte, Medien, die eben auch noch einen Riesenevent als Partner begleiten/hochjazzen wollten, eine naiv-überforderte Behördenschaft mit blindem Optimismus gegenüber der Handhabbarkeit von Besucherzahlen und Menschenmenge, mit der Duisburg realiter wohl eher unerfahren sein dürfte – und nicht zuletzt auch die Besucher selbst, deren persönlicher Rausch-Hedonismus im Aggregat der Masse unvermittelt schnell den Charakter zum unkontrollierbaren Moloch wechseln kann, wo jeder potentiell Täter und Opfer zugleich ist, ohne dies wirklich zu wollen.

Dennoch suchen wir jetzt den einen Spieler, der am Ende in der Public Relation die meisten Fehler macht und medial so schlecht dasteht, dass er den Schwarzen Peter in den Händen behalten wird und den Zorn und die Trauer der Hinterbliebenen auf sich zieht. Die Stadt und der Veranstalter haben bei der gerade gelaufenen Pressekonferenz bereits so viele Fehler gemacht, dass jeder PR-Berater verzweifeln dürfte, ehrliche und überzeugende Krisenkommunikation sieht anders aus. So oder so bringt ein «Schuldiger» aber niemanden zurück ins Leben… und die Suche nach einzelnen «verantwortlichen» Individuen verschleiert nur das systemische Problem der Großveranstaltungen.

Spektakel
Ein Event, das an seiner eigenen Größe spürbar zusammenbricht, ist geradezu sinnbildlich für unser Zeitalter des «Zuviel». Wir leben in einer Gesellschatft, in der «Feiern» immer mehr zu einem Massenphänomen wird, das Bedürfnis, große Gefühle in der großen Masse zu teilen, ist enorm. Millionen von Besuchern – das sind Zahlen, die nicht nur Veranstalter wollen, um Umsatz und Sponsoring/Werbeeinnahmen zu realisieren, das sind vor allem die Zahlen, die die Medien anlocken und Berichterstattung, Platz in den Zeitungen, Zeit in Radio und TV, bringen, das vielleicht höchste aller Güter – Aufmerksamkeit – generieren. Und so wird heute ein Massenspektakel an das andere gereiht, der nächste, noch extremere Kick liegt immer um die nächste Ecke. Allein im Ruhrgebiet waren da binnen einer Woche die A-40-Still-Leben-Aktion mit bis zu drei Millionen Besuchern, Bochum Total mit (an drei Tagen) einer Million und jetzt Duisburg mit – je nach Quelle – 150.000 bis 1,5 Millionen Besuchern. Abgesehen von der Frage, wie eine relativ kleine und nicht finanzstarke Stadt wie Duisburg logistisch eigentlich binnen sieben Tagen zwei solche Massenveranstaltungen erfolgreich managen wollte, wird hier deutlich, dass unsere Sucht nach Spektakel, nach Hyperventilation im Massenrausch, wie jede Sucht auch ihren Preis hat.
Es wäre vielleicht klug – auch wenn diese Hoffnung sich wahrscheinlich als zu optimistisch herausstellen wird – wenn man Duisburg als Anlass nimmt, über Megaevents und ihren Sinn als Ganzes nachzudenken. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei diesen Riesenstrukturen etwas schiefgeht, ist fest mit eingebaut und enorm hoch, zumal Herdentrieb, Alkohol und andere Faktoren die Besuchermasse zusätzlich unberechenbar macht. Es ist eher Glück, wenn bei WM-Halbfinalen, gesperrten Autobahnen oder gigantischen Konzerten nicht mehr passiert – aber Glück ist wie Seife, jedesmal, wenn du es benutzt, wird es etwas weniger.
Ob Architektur, Kunst, Kultur oder Alltag – ein Ausstieg aus dem pornographischen, nach immer mehr Steigerung und Eskalation fordernden System des Spektakels tut not. Das große Event, dass den Einzelnen in die Passivität zwingt, zum Vieh macht, das den Dialog und das wahre Austauschen unmöglich macht und nur das besoffene (in jedem Sinne des Wortes) kybernetischer Aufgehen in der Masse, im Sportpalast-Mob der Neuzeit, ermöglicht, in dem es nur noch um Konsumieren und Ausscheiden zu gehen scheint, um eine tröstende Form von Anonymität in den Schlangen vor Bierwagen und Chemotoiletten, um diese seltsame Vereinzeltheit in der Masse. Vielleicht sollten wir wieder lernen, dass Fußball auch mit 10 Leuten ansehbar ist, dass kleine Konzerte schöner klingen als Sportstadien-Gigs, dass weniger mehr ist. In Duisburg entpuppt sich auch das Scheitern einer hedonistischen Überflussgesellschaft, wie falsch die «großen» Events sind. Lieber in die kleinen Clubs, die versteckten Ausstellungen statt die gehypte Eröffnung, die Tante-Emma-Läden statt der Einkaufszentren gehen. Wenn es einen Schuldigen gibt an den Todesfällen gestern, dann ist es ein System von überproportioniertem Junk, der Partizipation unmöglich macht und der entleerten Langeweile des täglichen Arbeitenmüssens (oder schlimmer, des nicht Arbeitendürfens) nur immer extremere Stimulationen und Eskapismen entgegensetzt. Und ein System, das bei alledem, in dieser ständigen Beschleunigung, der immer härteren Fahrweise, permanent die perfekte Funktion vorgaukelt, dessen Risiken aber unabwägbar sind.

Spektakel im Spiegelkabinett
Die Bank gewinnt immer – und die Bank sind in unserer Zeit die Medien. Die großen Zeitungen, TV-Sender und Radiostationen sind längst als mediale Partner Teil des Systems, das immer bombastischere Zerstreuungsangebote produziert. Sie erreichen hier ihre (jeweiligen) Zielgruppen sowie relativ hohe Auflagen oder Einschaltquoten, eine symbiotische Fusion von Eigenwerbung und Programmfüllung. Ob Kölner Karneval oder Loveparade ist dabei fast egal, dabeisein ist alles. Und wie beim Autorennsport geht bei alldem für die Medien nicht nur um den Sport an sich, sondern auch um das Warten auf das Event im Event – den Moment, in dem ein Formel-I-Wagen aus der Spur reißt, sich überschlägt, Flammen schlägt und es um Leben oder Tod des Fahrers geht. So wie auch ein terroristischer Akt erst zu einem solchen in der medialen Echokammer wird, entsteht auch hier die soziale «Tragödie» aus den individuellen Schicksalen erst durch das immer wieder neue Spiegeln in den Medien, die in immer neuer Iteration die kaum vorhandenen Informationen melken. Augenzeugenberichte, Tweets, Interviews – selten dürfen Medien sich so relevant und «echtzeitig» fühlen wie in der Katastrophe, wenn sie den Hunger nach den letzten Informationen kaum noch schnell genug stillen können, wenn sie tatsächlich gebraucht werden. Auf seltsame, vielleicht unvermeidbare Art werden die Medien so selbst noch in der einfühlsamsten und reflektiertesten Art de Berichterstattung unweigerlich zu Voyeuren/ Vampiren/Profiteuren. Und umgekehrt entsteht erst durch diese geballte Aufmerksamkeit überhaupt erst der «Event», über den weiter zu berichten es sich lohnt, als eine Art kurzlebiges mediales Perpetuum mobile. So selegieren die Medien, was uns berührt und zu Trauer veranlasst, weil sie diese 19 Verstorbenen unter das Brennglas ihrer Aufmerksamkeit ziehen, und zugleich vielleicht andere Tragödien anderenorts ausblenden. Erst die Medien machen die persönliche Tragödie zur «Tragödie» auf der gesellschaftlichen Bühne, erst sie schaffen aus den Fakten eine Narration mit Opfern und Tätern, Helden und Schurken. Erst ihre Aufmerksamkeit erzeugt unsere Aufmerksamkeit. Diese Multiplikation mag unbewusst und unabwendbar sein, den Gesetzen des medialen Marktes gehorchen, wirklich gut ist sie beileibe nicht immer. Ob Kachelmann, Bundespräsidentenwahl, Schweinegrippe oder Loveparade – es geht in unseren Medien immer und fast nur noch um den sich selbst fütternden Hype, das Junkfood in der Informationswelt. Was übrigens mit dem Internet eher schlimmer geworden ist, selbst dort, wo Auflagen/Einschaltquoten bzw. Clickrates eigentlich so gar keine Bedeutung mehr haben. Das Ergebnis ist eine mitunter hysterische Hyperfokussierung, eine Echokammer von Empörung und Entrüstung, die das ursprüngliche Quentchen an Information per Hyperlink-Loops verstärkt und verstärkt, bis das Echo wichtiger ist als das Signal.

Am Rande
— Man lernt: Zahlen sind flexibel. Wenn man es als Veranstalter für die Medien und Sponsoring/Werbepartner braucht, kommen zu einer Loveparade eben gern 1,5 Millionen Besucher – jetzt, wo es eher darum geht, eben zu kommunizieren, dass es keine Überfüllung des Loveparade-Areale gegeben hat, spricht man von einem Bruchteil dieser Besucherzahl. Wäre gestern keine Katastrophe passiert, hätte man die Zahl freilich hochgerechnet. Und das beste: Scheinbar weiß es tatsächlich niemand genau – was zugleich auch Angaben über Besucherzahlen in Vorjahren oder bei anderen Massenevents denkbar unglaubwürdig erscheinen lässt. Frei nach dem vermeintlichem Churchill-Bonmot: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.

— Ist es nicht seltsam, dass wir Vergnügen privatisieren – also individuellen Spaß wollen und fordern und auch den Umsatz/nutzen, der mit Partys gemacht wird an private Firmen leiten – die Verantwortung dafür aber weitgehend beim Staat suchen?

— Natürlich stellt Rainer Schaller als Personalunion von Veranstalter und Hauptsponsor die Loveparade ein, sie war eine reine Werbeveranstaltung für sein Unternehmen McFit und der positive Imagetransfer für den Körperkultdiscounter dürfte sich wohl vorerst erledigt haben. Und natürlich ist die Loveparade, wie sie hier stattfand, nicht näherungsweise zu verwechseln mit dem tatsächlichen Berliner Rave-Festival, sondern eine seicht-vulgäre Freiluft-Massenparty mit Klingelkirmestechnomusik für die breite Masse, eine feiste und fratzenhafte Parodie dessen, worum es am Anfang mal ging. Berechenbar wie leicht vulgär ist dabei Matthias Roeinghs (Dr. Mottes) Seitenhieb auf Schaller, der ihm ja «seine» Loveparade komplett abgekauft hat.

— Am Ende, jenseits aller Medien, aller Tweets, aller surrealen Pressekonferenzen, der sirrenden Schuldzuweisungen und den Gründen sind 19 Leute tot, das ist keine «Katastrophe» und keine «Tragödie», wie die Medien es gern formelhaft bezeichnen (siehe oben… und ich ja auch, denn natürlich ist es eben doch eine Tragödie), das sind vor allem 19 ganz individuelle unfassbare Verluste, in Familien, unter Freunden. Das kann man medial nicht aufbereiten und die Trauer der Angehörigen nicht nachempfinden. Aber man kann sich vorstellen, die eigenen Freunde oder Geschwister verloren zu haben, dieses erstickende Gefühl, dass dein Sohn oder deine Tochter nur mal eben weggehen, um etwas in der Sonne zu feiern und nicht mehr, nie mehr, zurückkommen werden. Man kann sich vorstellen, wie es sein muss, wenn ein Lebenspartner sich in der Masse verirrt und du bleibst alleine überlebend zurück, von einer Minute zur nächsten mit deinen ganzen Lebensplänen allein. Oder vielleicht kann man sich das eben auch nicht vorstellen. Dieses Loch kannst du nicht in Worte fassen und die Vorstellung, die man sich selbst davon macht, wird der sprachlosen echten, greifbaren Wirklichkeit wahrscheinlich nicht näherungsweise gerecht.

25. Juli 2010 14:42 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 62 Antworten.

Stop Eating Animals

hd schellnack

So einfach kann Guerilla sein…

14. Mai 2010 13:27 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

Der Beginn der Äthergesellschaft

hd schellnack

Schon wieder der iPad, der nicht nur hier, sondern ja auch auf Twitter gerade monothematisch bei mir ist – aber ich stieß heute morgen auf einen Tweet von Erik Spiekermann, der als Reaktion auf die plötzliche Apple-ist-gefährlicher-als-Google-Welle den iPad als eine Art Fernseher bezeichnet, den man zudem ja durchaus nicht kaufen müssen.

Zum einen werden ihn ganz viele Leute nicht kaufen. Apple gewinnt mit iPod, -Phone und eventuell auch dem -Pad an Boden, ist aber immer noch kein Massenprodukt, einfach von der Preisstruktur her. Es wird billigere Pads geben, die die bei Windows und Linux offeneren Vertriebswege anbieten werden und nicht glorifizierte Verkaufsbuden für iTunes sind. Zum anderen ist tatsächlich beachtenswert, mit welcher Verve Jobs – dem man vielleicht zu Recht unterstellt, hier seinen Abgang von öffentlicher Präsentation bei Apple abgeliefert zu haben – derzeit nahezu jeden großen Namen  seiner Branche disst. Microsoft seit eh und je, aber in der Keynote gab es einen unter die Gürtellinie gehenden Vergleich zwischen dem Kindle und dem iPad, der Bezos sicher nicht glücklich gemacht hat, und kurz darauf erklärt Jobs Google als Böse und Adobe als faul, denen der Umgang mit Carbon und vor allem Flash derzeit auch nicht allzusehr gefallen dürfte. Jobs Schläge gegen HDMI und BluRay bei der MacBook-Präsentation noch frisch in Erinnerung, darf man sich fragen, wie ausgeprägt der Größenwahn in Cupertino inzwischen ausgefallen ist oder ob Jobs und Co nur die These des «Viel Feind, viel Ehr» auf die Spitze treiben wollen. Als Consumer will ich möglichst offene und kompatible Systeme, die miteinander auskommen und austauschbar sind – und Apple driftet, bei aller Genialität der Produkte, langsam aber sicher zurück in die Inselmentalität der 90er. Das ist ganz akut aufgrund der schieren Marktmacht sicher gut durchhaltbar, langfristig aber an sich keine für den Kunden akzeptable Lösung, weil sie immer wieder – uns schon seit Einführung des ersten iPod – zu massiven Interessenkonflikten und absichtlich funktionsbeschnittener Hardware führt.

Zentral ist aber, dass Erik dem iPad vielleicht etwas Unrecht tut, wenn er es als eine Art Mini-TV abtut. Tatsächlich ist das Pad bei allen Mängeln und v1.0-Problemen ein Paradigmenwechsel oder vielmehr die konsequente Deklination des stattgefundenen Wechsels mit dem 3G-iphone, der aber mit dem Pad erst richtig greifbar wird. Bereits mit dem 3G iphone ist das Internet von einem Ort, in dem man sich einloggt, zu einem Äther geworden, der einen permanent umgibt. Mit dem iphone, idealerweise (in der Realität scheitert es am crappy UTMS-Netz), ist man immer bereits im Internet und verlässt es nicht mehr. Man ist immer sozusagen mitten IN Googleville. Dieser Wechsel – ebenso wie der zu einer direkten Interaktion via Touchscreen, was in Sachen Interface ebenfalls ein Quantensprung ist, dessen Konsequenzen noch gar nicht zu Ende gedacht sind -, der so klein und bescheiden in Form eines «Telefons» daherkommt, nimmt mit dem iPad auf dem Sofa und Konferenztisch, aber auch auf dem Küchenschrank und im Bett seinen Platz ein. Der Rechner als solcher existiert nicht mehr – als Idee eines Gerätes, das man einschaltet und gezielt benutzt, um damit zu arbeiten oder sich zu unterhalten. Er wird «überschrieben» durch ein Konvergenzmedium, das always on und always there ist. Alles noch sehr eingeschränkt – selbst bei angeblichen 10 Stunden Batterie – aber die Idee ist da: Ein «Computer», der keiner mehr ist, sondern so selbstverständlich wie eine Armbanduhr wird, so selbstverständlich wie eine elektronische Verlängerung der eigenen organischen Wahrnehmung. Das iPad ist die Vorstufe eines «eingebauten» Internets.

Wobei es – und damit wird eine alte Prophezeiung von mir wahr – das Web mit dem iPad in seiner bisherigen Form auch nicht mehr geben wird, oder nicht mehr lang. Aus drei Gründen. a) Erstens werden herkömmliche Homepages an Bedeutung verlieren und funktional ersetzt. Es ist heute eigentlich schon wichtiger, in der Sozialsphäre des Webs präsent zu sein als eine klassische Site zu haben. Facebook, Twitter, Youtube, Myspace, WordPress, Squarespace – das Angebot ist so groß, dass man nicht nur fast kein Webdesign mehr braucht, sondern eigentlich gar keine Homepage mehr. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, zeichnet sich aber ab und wird sich intensivieren, wenn sich die Communties einerseits öffnen, andererseits Massenphänomen werden, ein Netz im Netz. Der geradezu atemberaubende Erfolg von Facebook in den letzten beiden Jahren sollte da für sich sprechen. b) Das Web wird als Konvergenzmedium alle anderen Medien vereinnahmen. TV, Radio, Buch, Theater, Musik – all das wird aus dem Äther kommen. Das Internet wird kein eigenes Medium mehr sein, sondern ein Äther. So wie wir bei Luft auch nicht mehr die molekulare Zusammensetzung hinterfragen, sondern einfach atmen, wird die Trennung im Web von Inhalten, Speichermöglichkeiten, Formaten zunehmend hinfällig werden (aus Usersicht!), es wird einfach nur bedeuten, Information und Medien jederzeit abrufbereit zu haben. c) Wir werden diesen Äther anders wahrnehmen. Das iPad ist der erste Schritt in diese neue Wahrnehmung. Bereits hier und beim iPhone sind die meisten Programme webbasiert und rufen ihren Inhalt quasi verdeckt von Servern ab. Als User aber nimmt man diese Programme – noch durch das mangelnde Multitasking und schlechte Rechenleistung sehr klobig – eher als Sprung zwischen Sendern oder Tätigkeiten wahr, die simultan sein werden, wenn man erst einmal die Power hat alle zentralen Apps gleichzeitig on zu haben. Wir werden also IMMER geocachen, immer Hinweise aus unserer Umwelt kriegen, immer Twittern/Facebooken/Flickrn, und das alles in Echtzeit. (Wenn ich heute höre, dass es Marketingleute gibt, die «Web2.0-Strategien» verkaufen, wird mir seltsam – es wirkt so, als würde jemand eine Strategie zum «Atmen» anbieten und vermarkten. Es gibt kein Web 2.0, es gibt schon gar keine Strategie, es gibt nur den Sprung in eine neue Form, über Kommunikation zu denken, sich loszulassen, sein Leben online abzubilden – und idealerweise non-manipulativ, was all die Strategen gern völlig außer Acht lassen… wer das Web als verlängerte Ladentheke oder interaktivere Visitenkarte begreift, hat’s noch nicht kapiert.)  Wir werden ohne Nachdenken Videoclips schauen, ohne dafür eine App zu starten, warten zu müssen oder ins «Web» zu gehen. Es wird alles einfach aus dem «Äther» eines extrem schnellen kabellosen Funknetzes gezogen werden. Zugleich wird sich die – stetig effektiver werdende – Hardware unseres «Pads» (und das ist hier nur die Metapher für ein Universalgadget, das eine Körper-Web-Schnittstelle darstellt) mit anderer Hardware mehr und mehr verzahnen. Bluetooth, vor allem RFID, und andere kabellose Technologien werden den gesamten Haushalt, unser Auto und natürlich auch den Körper nahtlos verzahnen. Wer jetzt schon sieht, dass eine Fakeware wie SleepCycle ein Verkaufsschlager wird, kan nsich ausmalen, was passiert, wenn iPhone/Pad TATSÄCHLICH physiologische Prozesse abbilden können und sich nachhaltig in unsere Gesundheit einmischen werden. Nike+ und das von Apple vorgestellte Blutdruck-API-Hardwaregerät sind hier nur ein Vorgeschmack. Das iPad ist das Gerät, dass unsere Vorstellung von «Computer» und «Internet» auflöst, zermahlt. Wer jetzt darüber nachdenkt, dass so eine «einfache» Gerätschaft ideal für die Großeltern sei, hat den Clou verstanden – das Pad ist der erste Computer, der relativ leistungsfähig GAR kein Computer mehr ist. Noch ist das Gerät klobig und funktioniert eher wie eine Art Fernbedienung, wo man für jeden «Kanal» (itunes, Facebook, ein Spiel, ein Buch. eine Notiz, ein Film…) einen groben Knopf drücken muss und selbst so ist die schiere Bandbreite der medialen Angebote unfassbar. Der nächste Schritt, nach einer langen Phase der Optimierung, wird sein, auch noch diese Knöpfe wegzulassen, symbiotischer zu werden. Für viele Nutzer, aber sicher für die kommenden Generationen, wird das iPad so selbstverständlich und natürlich sein wie für uns Stift und Papier, und die Frage, was ein «Computer» ist – also das Fremdeln mit der Hardware – wird nicht mehr stattfinden. Jeder iPhone-User wird das bestätigen können, die «Experience» ist ganz anders als die am Rechner, in jeder Hinsicht. Das Pad ist eben genau ein vergrößertes iPhone, aber die zusätzliche Akku/Rechen/Bildschirm-Power dürfte ein Gamechanger sein. For better or worse -  iPhone und -Pad sind einer der drastischsten Paradigmenwechsel seit einigen Dekaden, sicherlich noch so wenig raffiniert wie die erste Lok oder das erste Automobil oder die kruden Flugmaschinen der Wrights. Aber die Idee ist im Raum. Tatsächlich ist der Elefant im Raum so groß, dass Apple ihn nicht wird kontrollieren können. Bereits jetzt werden iPhones gehackt, bereits jetzt lässt sich das sehr gesandboxte OS durch die Nutzung eigener Web-Ressourcen recht weiträumig umfahren. Zugleich ist das iPhone-OS das simpelste Betriebssystem, einfach nur ein minimales Interface für Apps. Es ist fast zu befürchten, dass es so einfach nicht lange bleiben kann – aber bisher ist es an Stabilität kaum zu toppen. Wann habt ihr euer iphone das letzte Mal wirklich AUSGESCHALTET? Das iphone ist der erste Computer, der «always on» und immer dabei ist, aber die kleine Bruttofläche des Bildschirms macht es für viele Dinge unbrauchbar. Ergo das iPad, das auch nur ein Babyschritt zu einer besseren Lösung ist – für Apple aber den langfristigen Abschied vom Desktop-PC einleitet.

Das iPad ist insofern kein glorifizierter Fernseher sondern so eine Art Cargo-Cult-Version der SF-Idee eines symbiotischen Computers, eines wirklich Personal Computers. Womit sich die Kritik, dass das Web – der Äther – zu allwissend, zu intrusiv, zu nah an uns herankommend ist, weitgehend erübrigt. Deine Unterhose weiß auch zu viel über dich – und so intim und privat wie die Unterbekleidung, wie die Luft, die man atmet, wird der «Äther» auch sein. Es wird die komplette Transparenz geben, weswegen wir auch neue Umgangs-Regeln und neue Respektsformen miteinander auch aber auch durch die den Äther vage dominierenden Anbieter untereinander und uns Usern gegenüber werden finden müssen.  Und ja, das klingt natürlich bedrohlich nach Huxley. Und in einer von egoistischen Politikern und Konzernlenkern geführten Welt darf man diese Gefahr nie unterbewerten. Den Prozess aufhalten wird man aber kaum können – hier wären die religiösen Fundamentalisten die letzte Bastion der Antitechnologie – ebenso wenig wie man Feuer oder Rad aus der Weltgeschichte ausradieren hätte können. Die Katze, mit anderen Worten, ist aus dem Sack – und das ehemalige «Internet» wird zum vollwertigen exogenen Körperorgan, zur Sinneswahrnehmung, zum Gedächtniselement, zum Teil unserer gesamten Wahrnehmung von Welt, so wie wir das Lesen über die Jahrhunderte längst als weit über die Informationsaneignung hinausgehendes Paradigma des Denkens, des analytischen Zerlegens und Ordnens von Wirklichkeit, oder auch die Sprache an sich als quasi-fiktionale Brechnung und Greifbarmachung von Welt angenommen haben. Was gerade passiert, mit Ächzen und Gurgeln, ist die Geburt einer neuen Sprache, eines neuen medialen Systems zur Weltaneignung, zum Denken – und der sprunghafte, hypertextuelle Charakter, der so viel kritisiert ist, zeichnet ab, wie sehr wir uns von der Links-Rechts-Oben-Unten-Geradlinigkeit der Gutenberg-Denke verabschieden werden, die ja sogar unsere Wahrnehmung von Zeit und Leben so entscheidend geprägt hat.

Es klingt hochgestochen, weil der iPad natürlich nur ein Symptom ist, wie der VHS-Rekorder oder das Radio oder die Filmkamera nur ein Symptom ist – aber in diesem Jahrhundert beginnt die neue Moderne, die unser gesamtes Denken verändern wird.

4. Februar 2010 08:46 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , . 21 Antworten.

Die nackte Gesellschaft

hd schellnack

Bei der weiteren Lektüre des arg durchwachsenen Schirrmacher-Payback fällt mir auf, dass nicht nur Schirrmacher, sondern auch Spiegel und andere Medien immer wieder den sozialmedialen Exhibitionismus auf Twitter, Facebook, MySpace et al kritisieren – und dabei versäumen, dass dieses Phönomen relativ wenig mit dem Web zu tun hat. Das große Ausziehen hat schließlich schon ordentlich vorher begonnen – auf RTL II, Pro7 und anderen TV-Sendern, in Radioshows, lange vorher in Homestories von Prominenten in der Yellow Press. Letztendlich sind die sozialen Netzwerke, in denen nahezu jeder relativ unverblümt sein mehr oder weniger spannendes Privatleben preisgibt (was ja nun immer noch besser ist als die langweiligen Versuche, Twitter oder Facebook als Marketingplattformen misszuverstehen), nur die konsequente Fortführung eines Prozesses, der seit Dekaden läuft. Der Exhibitionismus hat zunächst natürlich nur und dabei eskalierend Prominente betroffen, die berichtenswert erschienen, deren Leben zugleich auch radikal genug ist, um Auflage damit zu machen. Die Klatschpresse ist dabei fast so alt wie Hollywood – und dank Arztwartezimmern und Friseurlädchen bis heute existent. Ihr TV-Pendant in Sendungen wie Explosiv machte schnell klar, dass der Stoff der Paparazzi lange nicht ausreicht, um den Hunger der vor den Fernsehern verblödenden Konsumenten zu befriedigen. Befeuert vom Erfolg von Radioshows, in denen ganz normale – und meist überraschend unnormale – Menschen ihr Leben und ihre Probleme offenlegen (meist unter dem Deckmantel der «Beratung» und «Hilfe» durch einen Moderator), kam es bereits vor über 15 Jahren zu einer reinen Flut von TV-Shows, in denen nicht Prinzessin Caroline von Monaco, sondern eben die Gisela aus Gelsenkirchen über die Probleme mit der Ehe berichtete. Der simplen Eskalationstechnik des Fernsehens folgen, wurden die Daily Talkshows (dem radikaleren US-Vorbild folgend) bald zu mitteralterlichen Ersatzhandlungen längst verlorengegangener Dorfkultur. Im neuen «Tribe» der TV-Dorfbewohner wurde der Pranger aufgestellt, wurde gebeichtet, wurden Perversionen zur Show gestellt, wurde Mitleid, Verständnis ebenso wie Intoleranz und Haß greifbar. Die Privatsender der 90er wurden eine Art Ersatzkirche, in der – stets durch Casting gefiltert und mit zunehmender Masse der Sendungen eben auch durch die Redaktion manipuliert – die säkularisierte Gesellschaft ihren Hunger auf ritualisierte Handlungen befriedigen konnte. Und nicht zuletzt auch eine ordentliche Portion Voyeurismus – denn warum sollte das Leben eines Kölner Mechanikers nicht genau so spannend sein wie das eines New Yorker Schauspielers? Der bedeutende Switch, der hier stattfindet, ist, dass sich mit der Zeit qua Identifikation auch jeder selbst vorstellen konnte, auf der Plattform des Fernsehens Starqualitäten zu haben – nach dem Motto: Was Zlatko Trpkovski kann, kann ich auch. Die Auswirkungen dieser Enthemmung zeigt die nach den Daily Talks und nach Big Brother einsetzende Flut von Casting-Shows, an denen – geben wir es zu – die Masse der sich öffentlich zum Affen machenden untalentierten Wannabes doch im Kern spannender ist als der tatsächliche Sieger von DSDS. Interessant an den Castings ist die teilweise grandiose Differenz zwischen Selbstbild und Außenbild der Bewerber, die selbst nach desaströsen Jury-Bewertungen noch fast trotzig von sich behaupten, ihren eigenen Weg zu finden – aus der Niederlage ein Rebellentum zu melken verstehen, anstatt ihre Selbstüberschätzung in den Griff zu kriegen und sich mit einem Leben in der grauen Masse abzufinden.

Das Selbstverständnis, etwas besonderes zu sein, Talent zu haben, ist die zwangsläufige Konsequenz eines für heute 20jährige schlicht lebenslangen Bombardements mit Werbebotschaften, die genau diesen Inhalt haben: DU bist besonders (denn du kaufst unser Produkt). Tritt man einen Schritt zurück und hält sich vor Augen, dass eine Welt, in der jeder sich für «special» hält eine Welt voller Mittelmaß und Armseligkeit sein muss, wird schnell deutlich, warum Castingshows und inzwischen auch die meisten B-Promis eher eine unwirkliche, peinliche Berühmtheit haben, oft eher dafür berühmt sind, eben besonders dumm oder besonders dreist zu sein. Anders ist etwa Sido nicht zu erklären. Die Botschaft ist: Wenn du nur laut genug trommelst und dreist genug bist, ist es völlig egal, ob du Talent hast.

Das Web mit dem bösen Zusatz 2.0 bringt das einfach nur auf die nächste Plattform. Die Technologie des Internets gegenüber dem TV oder Radio bedingt, dass jeder selbst zum Sender werden kann. Podcasting, Youtube-Video, Blog, Social Networking – die Hürde eines Castings ist einfach ausgeschaltet, Plattenfirmen und TV-Einschaltquoten spielen keine Rolle mehr. Wenn jemand zeigen will, wie begabt der eigene Papagei Stimmen imitieren kann, ist es kein Problem mehr, das mit der Handykamera binnen kürzester Zeit online zu haben. Und da nahezu jede Webplattform nach der Logik der Freakshow funktioniert und gerade die besonders peinlichen oder schrillen Beiträge höchste virale Wirkung aufweisen, funktioniert das sogar auch noch -  und der Sender, in seinem verbogenen Selbstbild gefangen, wird dadurch in seiner Handlung bestätigt und produziert mehr Futter für sein Publikum… ein perfekter Kreislauf. Ein Star ist insofern inzwischen nicht mehr (nur) der, der besonders beachtenswerte Leistungen erbringt, sondern oft einfach der, der besonders grell und peinlich oder doch zumindest penetrant und hartnäckig ist. Und tatsächlich bringt dieses System immer wieder Phänomene hervor, denen der Crossover in die «alten» Medien wie TV oder Print gelingt, die unterschwellig eben doch noch als die exklusiveren wahrgenommen werden – eben, weil sich dort nicht jeder Zurschaustellen darf und kann, weil also die Aufmerksamkeit knapper und fokussierter ist.

Warhols famous fifteen minutes sind insofern nicht nur längst Wahrheit, sondern längst überholt. Heute ist jeder sein eigener Star, sein eigener Agent, oft auch sein eigenes Publikum. Die Tendenz, das eigene Leben öffentlich zu leben und eine neue virtuelle Art von Bürgerschaft und Öffentlichkeit zu etablieren, ist damit aber nicht allein zu erklären. Neben dem schieren Exhibitionismus/Voyeurismus-Tandem gibt es eben auch eine andere Unternote von Facebook, Twitter und Co.

Diese zweite Funktion ist hauptsächlich durch die Fragmentierung der hypermobilen Gesellschaft zu erklären, in der zugleich Netzwerke – berufliche wie private Seilschaften – zwangsläufig im Gegenzug an Bedeutung gewonnen haben. Diese werden als Tauschsystem auf den Online-Börsen gehandelt und sind tatsächlich zu einer Währung mutiert, bei der viele Follower/Netzwerkangehörige (egal ob echt oder falsch, bekannt oder anonym) in Ruf und sogar Geld verwandelt werden können,  in einer Art Meinungsführerschaft ohne Meinung münden können. So sind Facebook/XING/StudiVZ/ICQ et al nicht nur  eine Möglichkeit, mit eventuell beruflich umgezogenen oder sonst nicht real greifbaren Freunden in Kontakt zu bleiben, sondern zugleich eine Art eBay der Bekanntschaften, inklusive kleinen Fenstern in die jeweiligen Leben, eine Art Monitorraum des sozialen Netzwerkes. Wer ist mit wem zusammen, wem geht es gut oder schlecht, wer macht gerade was – alles jederzeit abrufbar, bis hin zu der Musik, die jemand gerade bei last.fm hört. Neben dem auch hier betriebenen Selbstdarstellertum ist dies tatsächlich eine der bizarren Umstände der modernen Arbeitswelt, in der diejenigen, die überhaupt noch Arbeit haben, schlichtweg zu viel davon haben – und mithilfe von Facebook und Twitter eine Art virtuellen Freundeskreis etablieren und managen können, der handlicher ist als individuelle Mails oder gar Telefonate. Ohne über den qualitativen Verlust oder Gewinn durch diesen Wechsel spekulieren zu wollen, geht es hier in erster Linie um einen Zeitvorteil – und die Folge ist eine auf zeitliche Dauer gesehene «Ausstrahlung» des eigenen Lebens. Aus der Summe einzelner kleiner Äußerungen, Anmerkungen und Kommentare ersteht das Puzzle eines Daseins. Das auch für den Betroffenen selbst rückblickend durchaus spannend sein kann – eine Art Tagebuch, das sich selbst schreibt.

Nun haben Kritiker natürlich recht, dass die Auswertung und Kreuzverbindung all dieser Spurenelemente für kommerzielle Zwecke hochkritisch zu betrachten ist. Profiling ist selbst unter mehr oder minder demokratischen Umständen eine problematische Sache, man mag nicht darüber nachdenken, was eine Diktatur mit all diesen gedankenlosen Ich-Fetzen, die die meisten Menschen im Web hinterlassen und die – einmal gespeichert – nie wieder verschwinden werden, auch nach Dekaden noch detailliert abrufbar, tun würde. Schon heute darf ein 18jähriger darüber nachdenken, ob sein StudiVZ-Profil wirklich richtig für den gewünschten Job im Vorstand bei Volkswagen ist. Und wahrscheinlich gibt es längst ungezählte Menschen, die ihre Social-Media-Aktivitäten auf solche Zielbilder hin betreiben und genau das Profil virtuell betreiben, das zukünftige Arbeitgeber sehen möchten.

Nun ist sicher die Genanalyse das (noch) größere Problem – faszinierend ist aber, dass Schirrmacher und andere Kritiker diesen Trend am Internet festmachen, denn da kommt er nicht her. SMS-Netzwerke und TV-Narzistenplattformen gab es weit vor Web 2.0, das einfach nur die Schleusen weiter öffnet und selbst nur einen Zwischenstand darstellt zu einem Zustand, den vage der (leider recht mäßige) SF-Film «The Final Cut» vorweg nimmt… eine Welt, in der multimedial über einen implantierten das gesamte Leben aufgezeichnet wird und in der die Frage, wer dieses Material eigentlich editiert und wie es editiert wird, zentral ist. Nimmt man die Summe von Google, Evernote, Facebook, Twitter, Flickr, Youtube, last.fm und anderen Plattformen sind wir von einem solchen kompletten «Rememory» nicht mehr weit entfernt. Auf dem Weg in die komplett nackte Gesellschaft stehen wir bereits heute in Unterhose da – und die Frage ist eigentlich nur noch, bei wem sie noch halbwegs über den Knien sitzt und bei wem sie schon an den Fußgelenken hängt.

Schirrmachers Fehler ist, diesen Trend sozusagen schuldhaft an einem medialen Wandel festzumachen. Nicht das Internet ist schuld am Lebensstriptease, es ist umgekehrt vielmehr Ventil, Multiplikator und insofern Werkzeug eines generellen Trends in der (westlichen) Gesellschaft, die Privatsphäre abzuschaffen. Wo in den 80ern noch eine staatliche Volkszählung zum Massenaufstand geführt hat, geben die Leute heute im Radiotalkshows ihre intimsten Details frei und fragen sich (scheinbar) keine Sekunde, ob der Bäcker drei Straßen weiter nicht doch die Stimme und die groben Lebensumstände wiedererkennt und am nächsten Morgen vielleicht etwas seltsam schaut. Dieser Trend zum «Hört her…» steht im auffälligen Kontrast zur (urbanen) Isolierungsstrategie der gegenwärtigen Arbeitswelt, in der man vielleicht täglich mit Leuten aus New York chattet, den eigenen Nachbarn aber kaum mehr kennt, im Kontrast also zu einem gesellschaftlichen Degradationsprozesses, in dem klassische Vernetzungen wie Familie, Nachbarschaft, Religion, Politik, Arbeitsplatz etc. ihre Bedeutung verlieren. Wer Single-Freunde hat und sieht, wie schwer es offenbar ist, in der«echten» Welt ungezwungen andere Leute (nicht nur in romantischer Hinsicht) kennen zu lernen, staunt andererseits über das surreal schnell-beliebige «Add as Friend» von Facebook. Es scheint fast, als fange die virtuelle Welt eine in der Realität verloren gehende Bindungsfunktion auf – anders ist das Aufblühen der verschiedensten Communities, die sich entweder gar nicht mehr über gemeinsame Inhalte oder nur über vageste Hobbys/Zustände von Photographieleidenschaft bis Pro-Ana definieren, kaum zu erklären.

Es ist also nicht so, dass die Menschen aus Beliebigkeit online ihr Leben preisgeben, oder aus schierem Exhibitionismus – es ist vielmehr das Tauschgeschäft einer (emergierenden) neuen Form virtueller Aufmerksamkeit, die (mehr schlecht als recht) die zunehmende öffentliche Unmöglichkeit von Nähe aufzufangen versucht. Der Exhibitionismus ist insofern eine kommunikative Währung – und zugleich eine Form von Multilog, der einen verlorengegangenen öffentlichen Diskurs ersetzt. Die nackte Gesellschaft im Internet ist das surreale, durchaus überzeichnete (weil junge) Pendant zur real-«coolen» Gesellschaft, in der außer Small Talk öffentlich weniger und weniger geht, in der letztlich auch der exogene Druck auf das Individuum immer höher wird und entsprechend die Abkapselung zunimmt. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Menschen da draußen im Alltag zu funktionieren scheinen, um anonym im Internet in irgendwelchen Foren Ängste und Wünsche zu artikulieren, für die es real nicht einmal mehr im engsten Freundeskreis und in der Familie, wo Erwartungen und Rollen dem offenen Diskurs entgegenstünden, kommunikativen Raum gibt. Insofern übersieht, ja verwechselt, Schirrmacher den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung – das Web verursacht den Wunsch nach Transparenz nicht, es artikuliert ihn nur. Und Schirrmacher übersieht zumindest die Chance, aus der Möglichkeit der offenen Kommunikation im Web auch wieder zu erlernen, kommunikative Kompetenz, den Wunsch nach Mitteillung und Austausch, in die non-virtuelle Welt zurückzuübertragen. Die Hoffnung ist also, dass die Gesellschaft irgendwann nicht aus lauter Individuen besteht, die mit Facebook und Twitter ausgestattet vor ihren iphones vereinsamen, sondern dass wir die geknüpften Netzwerke zurück in die Wirklichkeit ziehen können.

24. Januar 2010 14:18 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , , . Keine Antwort.

Copy & Paste

hd schellnack

Eines der seltsamen Phänomene unseres Lebens in der «Digitalen Revolution» ist, dass der Ehrliche der Dumme ist… oder eben nicht ganz ehrlich sein kann. Fast symbolisch dafür ist die Tatsache, dass der Käufer einer legalen DVD zu Beginn des Films eine Art Moral-Trailer zwangsverordnet bekommt, der darauf hinweist, dass Raubkopieren illegal ist. In den Worten von Homer Simpson: «D’oh!». Deshalb hat man sich ja eine legale Filmversion gekauft, richtig? Noch weniger Zielgruppenpenetration ist ja kaum denkbar, das ist so, als würde ich nach dem Kauf eines neuen Fahrzeuges vom Händler einen Vortrag darüber hören müssen, dass Autodiebstahl ein Verbrechen ist – oder im Supermarkt nach dem Bezahlen vom Ladendetektiv aufgegriffen werden, um mir zwangsweise eine Infobroschüre gegen Ladendiebstahl durchzulesen. Als Belohnung für das richtige Verhalten bekommt der Käufer also jedesmal einen eher amateurhaften Zeigefinger-Video verabreicht, den er – hätte er den Film illegal herabgeladen – nicht ertragen müsste. Was hier noch eher Schildbürgerhaft wirkt, hat aber schon bei der Copy Protection von Software eine schärfere Kante, denn wer sich legale Software kauft, darf sich zum Teil mit so penetranten und hysterischen Kopierschutzmechanismen herumschlagen, dass ich einige Leute kenne, die sich erst eine Lizenz kaufen und dann trotzdem die gecrackte Version benutzen, um sich nicht mit Dongles, Sicherheits-CDs, DRM, Trojanersoftwares, Aktivierungen und anderen Finten abzumühen, sei es aus pragmatischen Gründen (wer will schon jedesmal zig CDs neben seinem Rechner liegen haben?), sei es aus Paranoia vor Herstellerzugriffen. Der legale Weg ist hier oft fast schwieriger als das «Ziehen» einer Hackversion – es sollte aber doch genau umgekehrt sein, oder?

Dazu kommt, dass man als Nutzer in manchen Bereichen schlicht kein Angebot hat. Und da Mutter Natur (ebenso wie die Nerds der Internetkultur) ein Vakuum verabscheut, füllt sich die Absenz eines legalen Angebotes fast automatisch mit illegalen Alternativen. Zwei Beispiele: Im Bereich der digitalen Comics hat sich fast die ganze Leserschaft inzwischen auf zwei oder drei Formate eingeschossen: PDF einerseits, meist aber die recht simplen Formate CBR und CBZ, die eigentlich nur Zip/Rar-Archive sind, in denen alphanumerisch die Seiten eines Heftes gepackt sind. Ohne große Gimmicks, dafür aber auch sehr einfach, kann man solche Formate mit einem Reader zB auf dem iPhone lesen. Nur bietet keiner der großen Comic-Verlage diese Formate an. Wer papierfrei lesen möchte, muss auf wenige Indie-Comics zurückgreifen oder darf sich etwa bei DC und Marvel einer spärlichen Online-Auswahl per Abonnement bedienen, die dazu noch mit einem Flash-Reader gelesen werden muss – in Sachen Performance und iPhone-tauglichkeit kein Glücksgriff. Dass es auf der anderen Seite im Grunde nahezu jedes jemals gedruckte Comic online verfügbar gibt, von den dreißiger Jahren bis heute, macht die Sache nicht einleuchtender. Es existiert de facto ein gigantisches Popkultur-Archiv der bunten Bilder… nur eben im rechtsfreien Raum. Neu erschienene Hefte sind wenige Tagen oder Stunden nach ihrem Erscheinen über Foren, Blogs und Suchmaschinen verfügbar… komplett kostenlos. Während auf der anderen Seite Marvel/Disney und DC/Warner (um nur die beiden größten US-Anbieter zu nennen, Dark Horse und IDW sind aber auch nur marginal weiter) anscheinend krampfhaft nach Wegen suchen, ihren Content digital zu vertreiben, aber nach Wegen mit Kontrollmechanismen, Einschränkungen und Limitierungen denken (man als legaler User also immer am Ende eine Art verkrüppeltes Produkt erhielte), gibt es jenseits des Copyrights längst eine saubere, einfache, offene Lösung. Nochmal der Autovergleich: Die Situation ist in etwa so als würde ein gekauftes Auto zum einen erst mal GAR nicht verfügbar sein, aber selbst wenn man dann in vielleicht drei oder vier Jahren eines bekäme, hätte es wahrscheinlich keinen Beifahrersitz, die Türen würden fehlen und mehr als 20 km/h wären einfach nicht drin. Wohlgemerkt: Man könnte sich aber jederzeit ein Fahrzeug im besten Zustand von einem Parkplatz nehmen. Das mag ein spezieller Fall sein, der nur mich betrifft – aber der eBook-Markt als Ganzes ist nicht viel weiter.

Ein ganz ähnliches Bild ergibt sich bei US-Serien. Wer aktuelle amerikanische Folgen sehen will, darf in Deutschland wahlweise bis zu einem Jahr auf die Synchronisierung warten bzw sich via Amazon die Staffel-DVD aus den Staaten bestellen oder mit ganz viel Glück bei iTunes die Staffel in B-Qualität herunterladen. Oder aber die Serie einen Tag nach Ausstrahlung in voller HD-Pracht binnen fünf Minuten auf dem Rechner haben. Es ist da vielleicht verständlich, dass ich fast niemanden mehr persönlich kenne, der noch ein Jahr wartet, um eine Serie im deutschen TV zu sehen. Die Frage ist weniger, ob man das gut findet oder nicht, sondern eher eine der fehlenden Alternativen. Denn die legalen Wege, eine Sendung z.B. via Internet bei einem der anbietenden Sender via Streaming zu sehen, ist per IP-Check ausgeschlossen. Die Wahl ist: Gar nicht schauen und aufs deutsche Fernsehen hoffen, ein Jahr warten – oder Rapidshare/Torrent. Auffallend ist dabei, dass die Sender seit einiger Zeit gerne Serien nach kürzester Zeit aus dem Programm kippen – und dann online, fast global, eine Enttäuschungsbekundung stattfindet. Die Serie hat Zuschauer, aber nicht mehr live, sondern zeitversetzt via Filesharing oder hosted Downloads… das Seufzen der Fans ist das Seufzen der illegalen Downloader. Von denen Fox, HBO, ABC und Co natürlich nichts haben. Die aber – und das ist der Clou – oft gar keine Chance haben, die Serie legal zu konsumieren.

Das ist keine gute Situation – nicht nur für die sanft zwangsillegalisierten Nutzer, sondern auch für die Anbieter, deren Distribution schlichtweg kollabiert… und vor allem aber auch nicht für die Kreativen, die Bücher schreiben, Filme und Serien konzipieren, Comics zeichnen oder Musik einspielen. Das Vertriebssystem, in dem sie sich befinden, entzieht Ihnen systematisch den Gewinn ihrer Arbeit.Tatsächlich kenne ich niemanden, der gelegentlich etwas downloaded, der sich dieses Dilemmas nicht bewusst ist: Wenn du ein Album einer Band illegal herunterlädst, weil du ihre Musik toll findest, sorgst du dafür, dass sie keine Chance kriegen, ein nächstes Album zu produzieren. Wer das neueste Buch von Autor X herunterlädt, ohne zu bezahlen, treibt diesen dazu, den Beruf Schriftsteller aufgeben zu müssen. Unbezahlte Nutzung von Content sorgt dafür, dass es irgendwann eben keinen Content mehr gibt – weil alle Kreativen dann irgendwann bei Ikea die Regale füllen. Es ist insofern moralisch aber auch ganz pragmatisch durchaus im Sinne von Konsumenten kreativer Leistungen, für diese auch angemessen zu bezahlen. Ich glaube, die meisten Leute würden über das «angemessen» diskutieren wollen, und es gibt sicher notorische Fälle, die alles haben wollen, ohne zu bezahlen… aber ich bin Optimist genug, davon auszugehen, dass ein ausreichend großer Teil von Hörern, Lesern, Zuschauern, Softwarenutzern absolut bereit ist, für die gebotene Leistung auch zu bezahlen. Warum auch nicht?

Wenn man nur eine faire Chance bekäme.

Vor ein oder zwei Jahren gab es, wenn man seine Musik digitalisiert haben wollte, einen ausgesprochen kleinen Markt. CD kaufen und rippen (an sich ja fast auch schon Grauzone, sofern die CDs mit Kopierschutz versehen sind… erinnert sich noch jemand an Sonys gruselige Versuche, CDs unlesbar zu machen?), per IP-Modifikation in den Staaten einkaufen oder mit teil gruseligen DRM-Lösungen leben, was keine Lösung ist. Die Musikbranche hat sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, einfach und simpel MP3s, M4as oder ein anderes gebräuchliches Format zur Verfügung zu stellen, jedenfalls nicht ohne bizarre Fußangeln. Da man CDs zumindest relativ gemütlich bestellen konnte, war das «Rippen» immerhin noch ein – umständlicher und vor allem recht umweltunfreundlicher – Weg, an digitale Musik zu kommen und man hatte noch eine Art Hardcopy, die dann auf dem Dachboden zustauben konnte. Dennoch erinnere ich mich, zu der Zeit relativ viel Musik direkt heruntergeladen zu haben, weil z.B. die CD vergriffen war oder man nur einen Song suchte.

Heute ist, da iTunes inzwischen relativ DRM-frei ist und die Audioqualität sowie das Angebot recht brauchbar und da Amazon inzwischen auch ein recht umfassendes, DRM-freies Angebot aufweist, die SItuation grundlegend anders, und ich denke, ein Blick in meine iTunes-Rechnung des letzten Jahres dürfte ökonomisch belegen, wie sehr sich zumindest in meinem Fall für iTunes der Verzicht auf Barrieren gelohnt hat. Der einfache, komfortable Zugang zu Musik zu einem (halbwegs) fairen Preis – einen Tick zu teuer für reine Daten, aber immerhin billiger als die meisten CDs – hat effektiv dafür gesorgt, dass ich Musik fast ausschließlich online legal kaufe. Warum sich mit Torrents abplagen, wenn es auch einfacher geht? Und vor allem finde ich es ja durchaus gut, bezahlen zu können. Ich möchte ja, dass eine Band, die ich mag, finanziell ordentlich versorgt ist, um künstlerisch frei arbeiten zu können… und zu leben. Musiker ist ein Beruf. Ich zahle gern dafür. Und jetzt kann ich es endlich auch.
Das gleiche gilt, beim Stichwort iTunes, für Film. Halbwegs vertretbare Leihgebühren und ein langsam aber sicher wachsendes Angebot machen iTunes zur Alternative zum Schwarzdownload, wenn man nur mal eben einen Film sehen will. Nur: zu wenig, zu schlechte Qualität und natürlich teilweise unglaublich unaktuell. Dennoch: Das Grundprinzip stimmt auch hier. Seitdem iTunes Videos verleiht, präferiere ich diesen Weg, weil er sauberer, einfacher und fairer ist, wann immer möglich.

Ein letztes Beispiel, wieder Apple, ist iwork und Snow Leopard. iwork kostet in einer Lizenz für fünf Rechner 99 Euro, in einer Einzellizenz 59 Euro. Snow Leopard hat Schlagzeilen damit gemacht, dass es ein im Grunde vollwertiges Betriebssystem für wenige Euro auf den Markt bringt… selbst Linux-Packages sind ja teurer. Es macht einfach keinen Sinn, sich iWork raubkopieren zu wollen, weil der Preis einfach einleuchtend und extrem fair ist, vor allem gemessen an den Preisen, die Microsoft für Office nimmt. Wobei Office dann entsprechend auch häufiger raubkopiert wird, nicht nur, weil es das natürlich gebräuchlichere Software-Paket ist (und auf Windows läuft), sondern auch, weil der Preis für viele Nutzer die Raubkopie «rechtfertigt». Was natürlich Unsinn ist, aber iWork zeigt den richtigen Weg auf: Preis runter, Zugang vereinfachen, realen Absatz hoch. Es wird immer Raubkopien geben (schließlich cracken Leute ja  anscheinend sogar die 0,79 €-Apps fürs iphone, was nun so gar keinen Sinn mehr macht), aber wer bei einer 60€-Software noch den Stressfaktor einer Grau/Schwarzkopie auf sich nimmt, dem ist ohnehin nicht zu helfen.

Die  – ganz subjektive – Lehre für mich ist, dass das Copyright von den Vertreibern umgedacht werden muss. Sie müssen die Zootüren aufstoßen und die Bären aus den Käfigen lassen. Anstatt angstbehaftet als Verlag am Papier festzuhalten und jede Form von elektronischen Vertrieb nur mit zig Fußfesseln zuzulassen, gilt es, überhaupt erst einmal ein faires Angebot zu schaffen, dass eine solide und komfortable Alternative zu Torrent&Co bietet. Warum kann ich nicht bei Marvel, DC, Dark Horse oder IDW in einem Onlineshop die gesamte Backlist als cbr kaufen? Und – sagen wir mit Versatz von ein zwei Wochen oder einem Monat – auch aktuelle Ausgaben? Die Angst vor Raubkopien kann ja kaum der Grund sein – denn NOCH mehr Vertrieb von illegalen Material ist ja fast nicht denkbar. Es ist ja nicht so, als würde eine legale Version von Amazing Spider-Man die Raubkopie befeuern… die illegale Version gibt es ja ohnehin schon, und sei es von irgendwem handgescannt. Als User würde ich aber lieber zwischen 0,29 und 0,79 Dollar pro Heft direkt an den Verlag (oder iTunes o.ä.) abführen und damit ein paar Autoren, Zeichnern und Redakteuren ihr Gehalt sichern.

Dito bei TV – ich würde liebend gern einen Staffelpass für aktuelle laufende Serien zahlen, wenn die Folgen auch tatsächlich in Echtzeit verfügbar wären (mit Untertiteln). Das ist es doch allemal wert und es wäre auch eine Respektsbekundung vor der Arbeit der Kreativen hinter einer TV-Serie, die man mag. Noch besser wäre ein Leihsystem, wo ich eine Folge nur leihe und nach einem bestimmten Zeitraum löscht sie sich halt bequem wieder von der Platte – wie bei Filmen (wobei 48 Stunden definitiv etwas kurz sind, auch hier wieder so ein Fall von Bestrafung legaler Nutzung, würde ich den gleichen Film illegal downloaden könnte ich ihn solange ansehen wie ich will und dann löschen, Apple sollte auf 72 Stunden aufstocken.) Ich hätte wenig dagegen, wenn Joss Whedon Geld dafür bekommt, dass ich etwa Dollhouse sehe – aber keine Chance, es sei denn, ich warte monatelang. Und als Anbieter zu hoffen, dass die Leute das tatsächlich noch wollen, wirkt etwas utopisch und antiquiert zugleich, oder?

Im e-Book-Markt beginnen die Verlage ebenfalls schleppend, zögernd und paranoid damit, ihre Inhalte online zu stellen. Vorsichtige Versuche von proprietären iphone-Büchern (d.h. Reader und Buch sind eins, völlig inakzeptabel als Speicherlösung), Verlage, die die e-Book-Veröffentlichung Monate hinter den Release als Hardcopy legen (damit sich das echte Buch auch noch verkauft und damit die Partner im Handel nicht verrückt spielen, die mit digitalem Vertrieb leider etwas zu Recht ihre Felle schwimmen sehen) und die immer noch nicht einfach als bizarr ad acta gelegte Diskussion über DRM (da hat die Buchbranche anscheinend nichts gelernt von der Havarie der Musikindustrie) prägen den Start, und das, obwohl ungezählte Bücher als PDF oder Textdatei längst verfügbar sind.

Es scheint fast so, als verhalten sich die Anbieter beim digitalen Vertrieb ihrer Produkte gerade so, als gäbe es das illegale Angebot gar nicht – um es dann natürlich sofort anzuprangern und für die Situation der jeweiligen Branche verantwortlich zu machen. Das Gespür dafür, dass zum einen ein Schwarzmarkt oft eine Reaktion auf einen fehlenden oder dysfunktionalen legalen Markt sein kann, scheint nicht ansatzweise vorhanden, geschweige denn eine angemessene Strategie um mit einer ganz realen, ganz handfesten Konkurrenzsituation umzugehen. Denn das illegale Angebot existiert, existiert flächendeckend, inzwischen weitestgehend fast komfortabel organisiert und die einzige Strategie damit umzugehen – jenseits rechtlicher Maßnahmen, die der Hydra des Internets zwar versuchen, einen Kopf abzuschlagen und dabei einzelne Betreiber und User symbolisch (oft auch unangemessen und insofern imageschädigend) strafen, systemisch aber das Problem nicht lösen, weil ein hier gelöschter Server anderenorts sofort wieder das Haupt heben wird, möglicherweise gleich mehrfach. Es geht also vielleicht gar nicht um die Frage, wie man illegales Kopieren bekämpfen kann, sondern, was man daraus lernen kann.

Ein alter Arbeitssoziologie-Professor von mir hat immer gesagt, Schwarzarbeit sei kein Problem, sondern ein Labor. Im Grunde seien Schwarzarbeiter doch genauso, wie von den neoliberalen Arbeitgebern gefordert: Flexibel, mobil, genügsam. Ob man es möge oder nicht, die «legale» Arbeit werde sich über kurz oder lang zumindest teilweise den Bedingungen der «illegalen» Arbeit anpassen müssen – und wahrscheinlich umgekehrt, weil irgendwann das illegale System dann an Sinnhaftigkeit verliert und nicht aufrechterhaltbar ist.

Nicht ganz so zugespitzt formuliert zeigt der illegale Umgang mit urheberrechtlich geschütztem Material aber auch skizzenhaft die Bedürfnisse der Nutzer. Ich bin nicht sicher, ob man es global so sagen kann, denke aber, dass der Effekt, dass illegale Downloads kostenfrei sind, für viele User nicht entscheidend wichtig ist. Denn die geben ja auch problemlos Geld für andere Güter aus, die man ebenfalls ähnlich risikofrei stehlen könnte. Im Bereich der Teenager mag das zutreffen, sicher auch in Schwellenländern, die via Torrent und Rapidshare billig an der westlichen Kultur teilhaben (was ja auch gut sein kann), aber für einen großen Teil der Nutzer zieht das Argument nicht. Ich mag mich irren und argumentiere rein plausibel ohne Zahlenwerk – aber ich würde behaupten, dass mehr raubkopiert wird als tatsächlich auch von den Usern selbst gewünscht wird. Ganz subjektiv gesprochen wird man in manchen Bereichen das Gefühl nicht los, dazu getrieben zu werden.

Abgesehen davon, dass eine generelle Neubetrachtung des Urheberrechtes sicher notwendig wäre – auch wenn dies eine fast unmöglich komplexe Materie geworden ist und die Entscheider hier nahezu surreal von Lobbyisten belagert sind -, vertun hier also ganze Branchen des Kultur- und Unterhaltungsindustrie Zukunftschancen und schaffen zugleich ungewollt eine sich etablierende Infrastruktur in der Halb-Illegalität, die sich mit jedem Monat und Jahr, in dem nichts passiert und keine offizielle gangbare Lösung existiert, weiter verfestigt und zusehends «normaler» wird.

Abgesehen davon, dass also Verlage, Vertreiber usw. neue Lösungen brauchen, müssten auch die Produzenten von Kulturinhalten selbst anfangen, Chancen zu nutzen und Direktvertrieb online suchen. Ich habe vor einiger Zeit zu diesem Thema schon über Hörspiele sinniert – aber das gleiche gilt natürlich für Inhalte jeder Form. Das Vakuum kann/muss ja nicht nur von Schwarzangeboten aufgefangen werden, sondern kann auch Raum für kreative Macher bieten. Der Erfolg einer «kleinen» Serie wie Breaking Bad zeigt, dass recht mutige neue narrative Formen gerade heute mehr Chancen haben als jemals zuvor, weil sie sich global ihr Nischenpublikum suchen können. Im Grunde ist bereits heute absehbar, dass es einen nicht geringen Indiemarkt für Musik, Film, Serien, Bücher, Hörspiele und auch Tanz/Theater-Mitschnitte usw. geben wird, der sich über digitalen Vertrieb sehr gut wird etablieren können, entweder individuell oder – wahrscheinlicher – über gebündelte Plattformen, sei es iTunes oder eine völlig alternative Lösung.

Sich dagegen zu wehren und auf ein Vorübergehen des Wechsels von analogen zu digitalen Medien zu warten, ist wahrscheinlich vergebens. Das Konvergenzmedium «Web» wird – längst dann nicht mehr gebunden an die Idee von Computer, die sich im iphone-Zeitalter ja bereits auflöst – TV, Radio, Print und viele andere Medien vielleicht nicht ablösen, aber doch zumindest ganz entscheidend ergänzen. Dieser Wandel wird durch technologische Innovationen in Zukunft eher sprunghaft beschleunigt und die Kulturindustrie ist gut beraten, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen und diese zu formen, anstatt hinterherzuhecheln. Dazu gehört ein moderner Umgang mit kreativen Angeboten und eine faire Kommunikation mit den Usern sowie ein global gleichzeitiges realistisches Angebot von Inhalten, das dem illegalen Download in Sachen Tempo und Komfort gleichzieht, nur eben mit dem zusätzlichen Bonus einer Art «Fair Trade» mit den Urhebern. Denn in einer Zeit, in der immer mehr Leute aus moralischen Gründen auf Fleisch verzichten oder umweltgerechte Produkte bevorzugen wäre es – wenn die grundsätzliche technische und inhaltliche Möglichkeit besteht – mehr als wahrscheinlich, dass ein großer Teil der Konsumenten sich auch mit Schauspielern, Autoren, Regisseuren, Musikern, Produzenten und den an kreativen Gewerken beteiligten anderen Dienstleistern solidarisiert… und zahlt. Denn eins ist doch seit Jahren klar: Wer für ein digital verfügbares Produkt zahlt, tut dies im Grunde freiwillig und verzichtet auf einen alternativ nahezu ausnahmeslos verfügbaren Download. Aus Respekt. Und darauf kann man aufbauen.

20. Januar 2010 11:40 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , . 14 Antworten.

Naomi Klein: The Shock Doctrine

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Naomi Kleins The Shock Doctrine klingt vielleicht nicht ganz unschuldig nach Alvin Tofflers Future Shock. Tofflers in den 70er Jahren formulierte Theorie eines hyperbeschleunigten gesellschaftlichen soziotechologischen Wandels, der die Menschen überfordert, wird von Klein zwar nicht explizit aufgegriffen, aber als gezielte Technik zur Erreichung politischer und wirtschaftlicher Ziele neu interpretiert.

Klein entpuppt sich dabei als eine Art schreibender Michael Moore, sie schreibt polemisch und mit furioser Wut, sammelt akribisch Daten und setzt aus diesen ein medienwirksam erschreckendes Gesamtbild zusammen – und wendet so als Autorin bewusst oder unbewusst die gleiche Schocktherapie an, die sie dem neoliberalen Wirtschaftsvertretern vorhält. Geschickt (und etwas sensationalistisch, weil inhaltlich nicht ganz haltbar) verbindet sie zwei narrative Stränge – die Entwicklung von Elektroschock, Isolationstechniken und anderen «psychologischen» Methoden als Techniken der Informationsbeschaffung bzw. Willensbrechung von Geheimdiensten einerseits, andererseits die moderne Globalisierungswelle im Zeichen eines von Milton Friedman und seinen Studenten geprägten Monetarismus. Auf großartige erzählerische Art und Weise und mit Dutzenden von Belegen verknüpft sie das an der Universität von Chicago entwickelte ultraliberale Wirtschaftsmodell mit den Terrorregimes in Südamerika, mit CIA-Foltermethoden, mit den Umbrüchen in Russland und Polen, mit China und erzählt so eine Gesamttheorie der globalökonomischen Entwicklung der letzten 30 Jahren als Kombination von amerikanischem Jingoism plus einer Wirtschaftstheorie, die die gesamte Welt als Labor betrachten kann. Die Ergebnisse dieser Mischung – selbst wenn man an manchen Stellen des Buches diese Mixtur etwas marktschreierisch empfindet und Klein mitunter etwas in den Bereich der Verschwörungstheorie kippt – ist im höchsten Maße fesselnd und erschreckend, spannend wie ein Krimi und mindest ebenso blutig. Auf Kleins Leinwand verschwimmen vom Pinochet-Regime bis zum Irak Krieg alle Kriege, Diktaturen und selbst Naturkatastrophen zu einem Werkzeug der «Friedmanites», die über die Kontrolle der Weltbank und anderer amerikanischer Einrichtungen nach und nach eine bestimmte Geschmacksrichtung kapitalistischen Denkens weltweit durchsetzen und aus der Schumpeterschen «Kreativen Zerstörung» eine gezielte Methode zur Erreichung politischer, vor allem aber großwirtschaftlicher Interessen entwickelten. Friedman, und im weiteren Verlauf des Buches Jefferey Sachs, können mit Unterstützung einer neuen Welle von Politiker wie Thatcher, Reagan, Jeltzin und im Zuge von einer dominosteinartig losgetretenen Veränderungswelle in der Welt soziale Ausnahmezustände und die dadurch resultierende Verwirrung, das politische Vakuum, nutzen, um ihre marktliberalen Modelle in der Praxis zu testen – mit oft verheerenden Folgen für die Bevölkerung – und an dieser Stelle kommt für Klein die ökonomische Schocktherapie und die herkömmliche Foltertechnik wieder zusammen, weil die protestierenden Bürger mundtot gemacht werden müssen.

Obwohl Klein oft zu überdramatisierenden Mitteln greift – die entsprechend häufig kritisiert wurden – und oft allzu offensichtlich eine Art linke Verschwörungstheorie von «Big Money», CIA und den Vereinigten Staaten heraufbeschwört, die insgesamt ein wenig zu vertraut, zu bekannt, zu abgegriffen klingt, gelingt ihr ein überzeugendes und hochspannendes Buch zur Zeit, das an vielen Stellen wahrscheinlich sogar zu eng denkt, zu wenig in die Verstrickung von Geld und Politik einsteigt – vielleicht auch, weil diese Vernetzung komplizierter und feingewebter ist als Kleins grobe Theorie erlaubt. Dennoch ist The Shock Doctrine ein wichtiges, ehrlich empörtes und wütendes Buch, das durchaus emotional und insofenr bewegend Wirtschaft nicht als abstrakte Theorie, sondern als angewandte Politik, als Machtkampf spürbar macht. Keynes und Friedman sind bei Klein keine Denkschulen, sondern konkurrierende geopolitische Meme, und in Kleins Buch wird der Siegeszug der «Free Market»-Anhänger zu einem sinistren Durchmarsch dunkler Neocon-Kräfte – etwa so als habe Dan Brown Marx’  Kapital neu umgeschrieben. Shock Doctrine beschreibt, wie ein modernes Feudalsystem von Oligarchien aus Politik und Wirtschaft weltumspannend entsteht, das auf Schocksysteme fast wartet – und diese teilweise auch gezielt herbeiführt -, um die eigene Position auszubauen und eine ungerechte Verteilung von globalen Wohlhaben zementiert. Es ist ein Buch, das mit dem Mythos, der Kapitalismus brauche Demokratie, aufräumt und nur zu deutlich macht, dassein ungebremster «freier» Markt unfrei wird und nahezu unweigerlich in totalitären Polizeistaaten mündet, in denen streikende Arbeiter, protestierende Studenten und unliebsame Journalisten einfach verschwinden. Der von Klein aufgezeichnete Desaster-Dreiklang – natürliche Schockzustände durch Katastrophen, künstliche politisch oder wirtschaftlich herbeigeführte Ausnahmezustände und schließlich der Schock von Polizeiknüppel und Wasserwerfern -, die oft kompromisslose politische Durchsetzung wirtschaftlicher Zielvorgaben. die zu enge parasitäre Symbiose von Wirtschaft und System (bei der nicht mehr ganz klar ist, wer eigentlich das Wirtstier ist), in der jede Form sinnvoller Kontrolle und Steuerung unmöglich wird… all das wirkt vor der Folie des zweiten Irak-Krieges aber auch der aktuellen Finanzkrise nahezu prophetisch.

Dabei ist die Erkenntnis vom bösen Kapitalismus natürlich so neu nicht, Klein kann sich da mit Rosa Luxemburg die Hand geben, sondern eher eine Reinterpretation, eine Modernisierung und zugleich eine mitunter fast persönlich wütend wirkende Abrechnung mit Friedman.Man nimmt Klein dabei jederzeit die glaubhafte Empörung ab, auch wenn man immer wieder beim Lesen denken muss, dass die Welt beileibe nicht so simpel und schwarzweiß ist, wie Klein sie skizziert und auch keineswegs so steuerbar. Dass aber – und auch lange vor Milton Friedman und seinen Chicago Boys, auch lange bevor es den Begriff «Kapitalismus» gab – seit Menschengedenken immer wieder Profiteure Krieg und Leid zu ihrem eigenen Vorteil nutzen oder auslösen, ist keineswegs neu. Was Klein beschreibt, sind lediglich die modernen Mechanismen einer Welt, die schon immer ungleich war – und es wahrscheinlich leider immer bleiben wird – in der die 10% der Mächtigen mit den 90% der Machtlosen paradoxerweise machen können, was sie wollen, weil jede noch so undenkbare und bizarre Handlung offenbar ohne Konsequenzen bleibt. Niemand hat Thatcher für Falkland vor Gericht gestellt, und auch für Bush, Rumsfeld et al wird der Irak-Krieg 2.0, der unverbrämt wie nie ein großer moderner Krieg seit Jahrzehnten zuvorderst dem nackten Gewinnstreben diente, keinerlei böses Nachspiel haben – trotz mangelnder Kriegsgründe, trotz Terrorlage, trotz dreckiger Bomben, trotz Folter. Man muss kaum erwähnen, dass auch die Finanzspekulanten, die mit ihrem Spiel die Volkswirtschaften tief in die roten Zahlen getrieben haben, keine Sekunde befürchten müssen, als gesamtes, als System, abgestraft zu werden. Ganz im Gegenteil ist im Kontext von Kleins Theorie natürlich auch die Finanzkrise nur ein «Schock», den sich neoliberale Kräfte langfristig zu Nutze machen können. Ob richtig oder falsch – Klein leistet sich den Luxus einer Überzeugung, und das ist selten genug geworden.

Was Klein also beschreibt – und auch nur holographisch, in Form von Splittern und Teilaspekten – ist die Organisation der modernen Welt unter den Aspekten von Gier und Habsucht. Ich bin nicht sicher, ob ich ihr darin folgen will, dieser Organisation eine Art gezielten Gesamtwillen, eine Art Kabale der Neokonservativen, innewohnend zu sehen… oder ob es nicht doch nur so ist, dass der Kapitalismus an sich eine Art amorphe Gesamtgestalt für den Egoismus jedes einzelnen ist, die Summe der Teile vieler kleiner einzelner Fälle von sinnloser Raffgier und Machmissbrauch, die sich wie ein Tangram zu einer sinnvoll erscheinenden Gesamtfigur zusammenlegen lassen. Wo Klein eine weltumspannende Intrige sieht, die es aufzudecken und zu bekämpfen gilt, sehe ich einen Ausdruck menschlicher Natur, eine Kumulation und Großschreibung ganz alltäglicher menschlicher Unzulänglichkeiten. Es hat seinen Grund, dass wir von Ägypten über Rom über das Dritte Reich und Stalin bis heute in deutlich diffuserer Form in Systemen leben, die einen kleinen reichen Kern selbsternannter Anführer haben und einen großen Mantel von Angeführten. Es mag eben seinen Grund haben, dass wir Millionen von Arbeitslosen haben – und weltweit eine unerträgliche und unnötige Not- und andererseits der im Wirtschaftssystem stets postulierte Mangel als Basis von Verteilungsungerechtigkeiten kaum noch haltbar ist, da wir lokal im Überschuss als in einem Mangelsystemleben und auch global längst gerechte Umverteilungsmodelle denkbar wären… und eben dennoch nichts passiert. Anders gesagt ist der Kapitalismus wahrscheinlich einfach nur die (post)moderne Ausführung einer Art von gesellschaftlicher Gliederung, die relativ stabil die Jahrhunderte überdauert, die eventuell nie verschwinden wird und die vielleicht, wenn auch auf eine durchaus zynische Art, ihre Berechtigung hat.

Aber dieser etwas abstrakte Aspekt hat natürlich wenig mit der Entrüstung und Wut zu tun, die The Shock Doctrine beim Lesen auslöst – und das ist durchaus gut. Es ist in Zeiten einer«Linken» in der Gesellschaft, die in Funktionärstum oder Selbstzerfleischung gefangen ist, wohltuend zu lesen, wieviel Klarheit und Kraft zum einen ein klares (wenn auch eben mitunter bedenklich klares) Feindbild und eine positive Gegenvision in den Händen einer geschickten Autorin entfalten können. Während es bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein nahezu einen Kampf von systemischen Ideen gab und Demokratie, Kommunismus, Faschismus sowie Kapitalismus in seiner fastnoch-Manchester-Ausprägung um die Köpfe und Herzen der Menschen kämpften, gibt es heute keine offizielle Alternative mehr zu dem inzwischen global etablierten ökonomischen Marktsystem, das an sich auch kaum noch als «echter» Kapitalismus zu bezeichnen ist – und das durchaus, was Klein ausblendet, neben Elend auch viel Wohlstand gebracht hat, wenn vielleicht auch nur in bestimmten Regionen der Welt. In den kommenden Jahrzehnten wird sich zeigen müssen, ob ein System wirklich zivilisatorisch zielführend ist, dass das Wohlergehen des Einzelnen so eindeutig vor die Interessen der Vielen stellt, das auf Wachstum und nicht auf Saturation abzielt, das aber vor allem insofern systemisch blind ist, als dass es nur in ökonomischen Begriffen denken kann und entsprechend alles in diesem Paradigma betrachtet – Bildung, Gesundheit, die Qualität von Leben und Tod. Man merkt dem modernen Kapitalismus einen Hauch von fin de siècle an, ein letztes Abräumen des Buffets, die Reparaturversuche an einer längst defekten Maschine. Zugleich ist der Kapitalismus aber auch nicht abzuschreiben – er ist wie Jazz, er kann mit allem. Demokratie, Diktatur, links, rechts – Hauptsache es gibt einen Gewinn zu machen. Insofern ist nicht zu unterschätzen, dass eine Autorin an der Selbstverständlichkeit, der Axiomität dieses Systems kratzt und die Frage nach den Kosten stellt – und zugleich klar und verständlich, weit entfernt von großen Systemwechsel-Allüren, ein Gegenmodell entwirft, das eine fairere und direktere, nivelliertere Gesellschaft mit einem erstarkten (Wohlfahrts-)Staat skizziert (und natürlich entsprechend grob auf Keynes basiert). Die Leistung von Klein liegt in der Synthese verschiedenster Puzzleteile zu einem (subjektiven) Gesamtbild, in der Wut und Empörung und der schieren Energie, die die Autorin ausstrahlt. Das ihr dabei Neokonservative, Marktliberale, Großunternehmen und Politiker zu einer undifferenzierten Suppe verkochen, dass sie nicht selten historische Ereignisse gezielt auswählt um ihre Theorie zu stützen (und andere Ereignisse ausblendet), dass sie an keiner Stelle psychologisch ordentlich auf die Grundlagen der Schocktherapie oder wirtschaftswissenschaftlich auf Friedmans Theorien eingeht, sondern stets sehr oberflächlich bleibt, tun dieser Energie an sich keinen Schaden – wohl aber der Botschaft des Buches, das eben spannend und fesselnd und ergreifend ist, aber auch oberflächlich und einseitig. Das Naomi Klein aber Wirtschaftstheorie und Machtpolitik spannend wie einen Krimi verbindet und damit beweist, dass Politik keineswegs langweilig und schaumgebremst sein muss, sondern ordentlich brennen kann, ist der große Verdienst des Buches.

4. Oktober 2009 07:32 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

Radar

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Es ist eigentlich ganz interessant, dass ein im Internet längst normaler Kreislauf von zunehmenden Sicherheitsmassnahmen und darauf reagierenden Hacker-Gegenschlägen, gefolgt von mehr Sicherheitsmaßnahmen, gefolgt von neuen Hacker-Kontrareaktionen, inzwischen auch in den Alltag träufelt. In Zeiten, in denen Politik zugleich immer weniger starke Legitimation in der Bevölkerung genießt – abnehmende Wahlbeteiligung und die aktuelle Welle von satirischer Politik-Imitation (Die Partei, Schlämmer, Vera Lengs… oh, die ist echt, oder?) sprechen für sich – zugleich aber immer akuter auch in das Privatleben eingreift (wie etwa beim Rauchverbot), ist dieser Zyklus von Obrigkeitsverhalten und einer Underground-Bürgerreaktion nur zwangsläufig.

Die nächste Runde läutet der Staat gerade ein. Nachdem immer mehr Radar-POI-Warner und Überklebe-Aktionen die bestehenden Radarfallen zwar nicht völlig ineffektiv machen, aber zumindest weniger lukrativ, kommt nun eine neue Generation von stationären Radarfallen, die nicht mehr nach Starenkasten aussehen, sondern für den Fahrer fast unsichtbar bleiben. Gekoppelt mit Blitzen, die für das menschliche Auge nicht mehr wahrnehmbar sind (und so nachfolgende Fahrer nicht gewarnt sind), haben wir hier die nächste Stufe in der Kontrolle des Fahrverhaltens der Bürger durch den Staat, die zunehmend ein Misstrauen des Staates gegen seine Subjekte zum Ausdruck bringt, das nicht von ungefähr an George Orwells Dystopie einer perfekten Überwachungsgesellschaft erinnert.

Es ist natürlich nur eine Frage der Zeit, bis auch diese kaum noch als Starenkästen zu bezeichnenden Fallen, die sich nahtlos ins Stadtbild oder Leitplanken einfügen, gekontert sind, durch aktualisierte Karten und durch «Hacker», die auch hier mit Sprühkannen und Kleber die Optiken ausschalten. Es ist fast absehbar, dass irgendwann statistisch jeder Kilometer Autobahn überwacht wird – und zugleich eine aufgebrachte Schar Autofahrer jeden zweiten Kilometer attackiert. Wie sinnvoll diese Moebiusschleife für beide Seiten im Endeffekt ist, sei mal dahingestellt. Interessant ist aber, dass der Staat anscheinend so wenig Konsens für seine Legislative findet, dass die Exekutive zu immer extremeren Methoden greifen muss, um die Gesetze zu forcieren. Wäre es nicht sinnvoller, Gesetze mit der Gesellschaft auszuhandeln, die allgemein auf ausreichend Einverständnis treffen, dass Länder und Kommunen nicht de facto sogar recht gezielt Geld daran verdient, dass die Bürger fast notorisch gegen die Vorgaben verstoßen?

20. August 2009 15:35 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . 4 Antworten.

Mandela Day

Heute ist Nelson Mandelas 91. Geburtstag. Um den legendären Anti-Apartheid-Aktivisten, der fast 30 Jahre inhaftiert war, zu feiern, veranstaltet die nach seiner Gefangenennummer 46664 benannte weltweite Anti-AIDS-Kampagne der Nelson Mandela Stiftung heute online ein Make-an-Imprint-Event. Du kannst dich online registrieren, auf dem «Handwall» einen Abdruck hinterlassen und 67 Minuten dieses Tages stiften, um etwas besonderes zu tun. Hier.

18. Juli 2009 09:27 Uhr. Kategorie Leben. Tag . Keine Antwort.

Michael Jackson

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Über das Leben und Werk von Michael Jackson dürfte in nächster Zeit viel geschrieben werden. Den Absturz, das Scheitern am eigenen Mythos, seine Vorläuferrolle für die vielen modernen Celebritys, die weniger für ihr Werk berühmt sind als vielmehr für ein öffentlich geführtes Leben mit allen Höhen und Tiefen, wie etwa Britney Spears oder Amy Winehouse. Dass Jackson als Musiker nicht viel mehr als vielleicht zwei wichtige Alben beigesteuert hat und im Grunde weit entfernt ist, der King of Pop zu sein, als der er hochgejazzt wird, dass andere Musiker die Popwelt viel mehr verändert haben, wird dabei vielleicht in Vergessenheit geraten. Jackson war kein Erneuerer, keiner, der die Popwelt verändert hätte. Wenn, dann ist seine Handschrift viel mehr spürbar in der Art, wie Pop als Gesamtprodukt – also jenseits der reinen Musik – funktioniert. Neben Madonna, die vielleicht wie keine Zweite Image, Mode und Popmusik fusionierte, ist Jackson derjenige, der den Cult of Personality in nach Elvis und den Beatles lange vergessenen Art zurückbrachte. Videos, Kleidung, Photos, Musik – alles hochsynthetisch, alles unauthentisch, alles Inszenierung, alles Fetisch.

Jackson ist dabei weiter gegangen als jeder andere in seinem Bereich, und hat Grenzen verschoben. Die Idee, dass ein Popstar «echt» oder authentisch sein könnte, ist Post-Jackson für das Publikum nicht mehr vorstellbar. Das Spiel mit dem Unechten, mit dem Fake, ist Teil der Pop-Erfahrung geworden. Wie jeder Begründer ist Jackson längst von seinen Epigonen überflügelt worden – man nehme die extreme Imagewechhsel von eben Madonna oder auch Christina Aguilera, die in immer kürzeren Abständen, erst pro Album, dann bald pro Single, ihre Identität wechseln. Extreme Makeover ist dann nicht ohne Grund ein Ding, das von den Stars zu den Fans quasi durch Osmose herandringt, bis die Idee, dass die eigene Identität formbar ist, in den Alltag aufgegangen ist. Bodystyling und auch die Vorstellung, psychisch optimiert zu sein, sein zu müssen, ist längst bei Schülern der Sekundarstufe Eins angekommen – und viel davon verdanken wir Jackson, Madonna et al… und natürlich MTV als Transmissionsriemen, als Vorläufer von MySpace und YouTube. MTV war Michael Jackson und Michael Jackson war MTV. Und ohne beide gäbe es keinen David Carson, nebenbei.

Entsprechend wird Jackson in Zukunft vielleicht weniger als Popmusiker gefeiert (der Ruhm sollte eherdem großartigen Quincy Jones gelten, der Thriller so perfekt produzierte), sondern vielmehr als erster Bodymorpher. Krude und natürlich primitiv, fast cargo-cult-artig, hat Jackson seinen Körper umgebaut, gebleicht, verjüngt, androgynisiert. Er hat sich verspoilert und umlackiert wie Autostyler ihren Wagen pimpen. In die Geschichte wird er eingehen als einer der ersten, die ihren Körper auf extremste Weise als nicht biologisch gegeben hingenommen haben, sondern massiv in die genetische Vorgabe hereingepfuscht hat. Wir leben in einer Zeit, in der künstliche Fingernägel, Haarextensions und vergrößerte Brüste, laserentfernte Haare oder implantierte Haare (je nach Körperstelle), gestraffte Lider und gelaserte Netzhäute nichts ungewöhnliches mehr sind und auch finanziell von der Hollywood-Elite längst beim Straßenpreis angekommen sind. Dieser Trend wird sich fortsetzen – auch auch wenn Jackson sozusagen der Worst Case der Beauty-OP ist, bleibt er eben doch der Wegbereiter, der Astronaut, der an den Outer Limits des Machbaren seinen eigenen Körper modifizierte und einen hohen Preis dafür zahlte, ein Märtyrer – und zugleich der Hofnarr – des konsumatorischen Schönheitswahns unserer Gesellschaft, die langsam, unwahrnehmbar und gleichsam unaufhaltbar in den genetischen Perfektionswahm taumelt, der in Gattaca noch Science Fiction und unter Hitler noch Wahnvorstellung war und der nun mit Germany’s Next Topmodel in der flimmernden Langeweile deutscher Wohnzimmer angekommen ist.

Jackson ist Speerträger einer Gesellschaft, die ihre Eitelkeit in Zukunft schon pränatal wird befriedigen können, die nach körperlicher Perfektion, ewiger Gesundheit und Schönheit hechelt, bei der wir in Zukunft nicht schaudern werden, über biokybernetische Implantate und genetische Enhancements nachzudenken. Jackson, einfach gesagt, war unser Junge aus der Zukunft, was bei Bowie nur Inszenierung war – der Mann der vom Himmel fiel, der Starman, der Ziggy Stardust – hat in Jackson reale Form angenommen. Was für Bowie nur Gedankenspiel war, ist bei Jackson zum Leben geronnen, aus dem er schlußendlich nicht entkommen konnte. Jackson ist The Shape of Things to Come, ein Gesandter aus einer Zeit, in welcher der eigene Körper nur noch weiche, formbare Masse ist, ein Designobjekt – und ist zur tragik-komischen Figur geronnen, weil er diese Idee mit den primitiven Mitteln unserer Zeit, der Schönheitschirurgie der 80s und 90s eben, umgesetzt hat. Dass seine Nachfolger bereits weniger als Freaks gelten und wir die enormen Körperveränderungenvon Aguilera und Co kaum noch als anormal wahrnehmen zeigt, dass Jacksons Rolle als Experimentierfeld, als extremverspoilerter Mensch, den Weg bereitet hat für den eben weniger wahrnehmbaren Wandel einer hedonistischen Gesellschaft, in der am Ende nach Mode, nach Wohnung, nach Konsumartikeln eben nur noch der eigene Körper als finaler Designgegenstand bleibt.Bodybuilding, Schönheits-OP, Tattoo, Piercing – am Ende wird der Körper vom unbeeinflussbaren, biologisch gegebenen Ding im nie gekannten Ausmaß zur Rohmasse von Identitätsschaffung, von Egobranding. Jackson ist lediglich der Störfall, der ein System überhaupt erst sichtbar macht – an Jackson offenbart sich also die Tendenz der westlichen Gesellschaft zum Körperfetisch, zur Oberflächlichkeit, zur Unzufriedenheit mit dem eigenen Sein, am Ende zur Fälschung, zum Aufbau eines künstlichen Alter Ego. Eine gelungene Schönheits-OP ist dabei nicht systemisch nicht anders zu sehen als Jacksons Frankenstein-Antlitz. Identität wird transitorisch, was früher nur Transsexuellen vorbehalten war, wird zum Massenphänomen: Das Gefühl, im falschen Körper zu stecken und diesen durch Operationen zum «richtigen» zu morphen.

Jackson ist insofern – wie in Deutschland vor Jahren Hildegard Knef – nur grausam überspitzte Verkörperung eines sozialen Trends, der an ihm überhaupt erst so deutlich sichtbar wurde, an die Oberfläche kam und zugleich durch seine Rolle als Pop-Ikone auch ein Wegbereiter dieses Trends.

Und Billie Jean ist natürlich auch ein sehr sehr netter Song :-D.

26. Juni 2009 10:39 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 13 Antworten.

Slavoj Žižek: Violence

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Nacdem Daniel van der Velden mir Žižek empfohlen hatte – von dem ich nur die DVD The Perverts Guide to Cinema kannte – habe ich mir drei Bücher bestellt, bei deren oberflächlichen Durchblättern schon deutlich wird, dass Žižek sich in einem sehr engen theoretischen Gerüst bewegt, eine Art poststrukturalistischer Melange aus Lacans psychoanalytischen Ansätzen, mit Kant, Hegel, Marx und einigen anderen für den soziophilosophischen Bereich, eine Plattform, von der aus er nahezu jedes soziale Phänomen betrachten kann, sei es Popkultur oder der israelisch-palästinensische Konflikt. Geschickterweise fängt das wie ein Musikstück in Sätze unterteilte Buch recht niedrigschwellig an, um sich im Laufe des Buches wie ein derwisch von Thema zu Thema zu hangeln, oft hart an dem Punkt, wo man sich fragt, wie dieses Buch jemals Kohärenz gewinnen soll, und wird dabei zunehmend theoretischer, wenn auch nie so tief wie in For they know what they do. Žižek ist einer der vielen Theoretiker, die sich an Lacan abarbeiten, aber kaum jemand ist so bemüht wie er, ihn nahezu universell anzuwenden, wie eine Art psychoanalytisches Schweizermesser. Dass man hier oft an die renzen des Blödsinns kommt, kennen wir von dem Missbrauch Freudschen Kanons bei der Analyse gesellschaftlicher (und eben nicht individueller) Phänomenologien. Ich bin nicht sicher, ob irgend eine Theorie dieser Nutzung wirklich lückenlos gerecht werden könnte, und so knirscht es auch hier öfters, wenn Žižek zu große assoziative Bogen spannt und die klaffenden Lücken in seiner Argumtentation mit schierer erzählerischer Finesse zuspachtelt.

Die Stärke Žižek ist, dass er kaum je trocken schreibt. Ähnlich wie McLuhan oder Sloterdijk – den Žižek in Violence heftig kritisiert -, vermag Žižek eine lesbare Mischung aus Theorie und Praxis zu präsentieren, und in Violence gelingt ihm dies kunstvoll. Ausgehend von der simplen These, dass es neben der subjektiv wahrnehmbaren Gewalt auch eine strukturelle, objektive Gewalt gibt, die sich in der Ökonomie, Politik,  Sprache, den Normen und Kodierungen gesellschaftlicher Realität niederschlägt. Bereits in dieser Behauptung steckt ein zentrales Leitmotiv des Buchs – nothing is as it seems. Žižek arbeitet fast ausschließlich nach der Methode, kontra-intuitiv davon auszugehen, dass eine allgemein als richtig angenommene These unweigerlich falsch ist und sich dahinter mehr verbirgt. Gewalt ist ergo eben nicht ein Terroranschlag oder Bürgerunruhen, sondern diese bilden nur symptomatischen Charakter für die tatsächliche «normale» Gewalt, vor deren Fond die Symptome sich abzeichnen. Paradoxien dieser Bauart finden sich im gesamten Buch, was durchaus auch den Spaß an Žižek ausmacht – wie ein Detektiv findet er Symptome und Spuren, auf deren Basis er oft gewagt konstruierte Thesen baut, die dem gesunden Menschenverstand einerseits völlig widersprechen, andererseits absolut einleuchtend wirken. Wie in einem Lynch-Film baut Žižek so eine Konter-Realität, und der Gestus des Vorhang-Beiseiteziehens in eine andere, tiefere Realität hinter der Realität, zeichnet seine Arbeit aus. Ob er sich mit der Idee von Nachbarschaft und dem Anderen befasst, mit globalisiertem Kapitalismus oder mit Filmen – stets gewinnt man bei Žižek den Eindruck, einer zweiten, unsichtbaren Schicht gewahr geworden zu sein, die etwas absurd genau das Gegenteil dessen ist, was die erste Schicht zu sein schien. Schon Steve Jobs und Bill Gates als «liberale Kommunisten» zu bezeichnen oder Stalins Umgang mit den russischen Intellektuellen als angemessen zu bezeichnen macht die Taktik hier klar – Žižeks Rhetorik wirbelt dem Leser den vertrauten Boden unter den Füßen weg und macht ihn zum einzig verlässlichen Reiseleiter bei diesem Trip in die Un-Welt. Žižek stellt die unmöglichsten, gewagtesten Thesen auf, die man sich denken kann, um diese dann elegant und plausibel zu untermauern. Oft gerät ihm das in der Jonglage von Realem, Symbolik und Imagination dann zum reinen intellektuellen Kartentrick, zur Masche, zum Show-Off, aber oft fungiert Žižek so zumindest als Agent der Unsicherheit, der die Fugen aus dem Beton ungeschriebener gesellschaftlicher Regeln schlägt und sagt: «Yeah? Really??». as ganze wirkt dadurch sehr politisch unkorrekt, der skandalös, und auch wenn diese Technik nicht immer wirklich treffend funktioniert, so etwa am Ende des Buches, das auf die sich aufdrängende Frage «Was tun gegen Gewalt» ein lakonisches «Nichts» antwortet, wo man als Leser schon sehr vermutet, dass Žižek einfach auch verdammt gerne unberechenbar und anti sein möchte, einfach um unberechenbar und anti zu sein. Dennoch ist die permanente umkehrung des teleologischen Denkens natürlich eine sinnvolle Übung, die symbolische Verfremdung der Welt nutzen, um das Gewohnte und Alltägliche, überhaupt erst wieder denkbar zu machen. In diesem Sinne ist Žižek einer der wenigen Autoren, der klug genug ist, alles in Frage zu stellen, sogar sich selbst, in einer oft seltsamen Mischung aus absoluter Überzeugung und einer subtilen Ironie, die klar macht, dass er jederzeit ebenso vehement und mit eben so fundierten Argumenten auch das absolute Gegenteil verfechten könnte. Der permanente Provokateur und grandiose Erzähler Žižek ist von der neuen Linken  massiv vereinnahmt worden – und eindeutig ist aus seinem Werk, von den Jacobinern über Stalin bis zur Kritik am postideologischen Kapitalismus – eine seltsame Hassliebe zum Kapitalismus zu greifen. Fasziniert vom Erfolg des Systems, und offenbar völlig eingebettet in die ja nun mal kapitalistisch geprägte Kulturwelt des Westens, die er in ungezählten Buch-, Film- und sogar Comiczitaten nutzt, beschreibt Žižek den globalisierten «demokratischen» Kapitalismus als Idee am Ende ihrer Kraft, mit durchschlagender neurotischer Wirkung in die Gesellschaft. Hier zaubert er wenig überraschend Ernesto Laclau aus dem Hut, und ergründet in einem fast gordischen Argumentationsknoten die Zusammenhänge zwischen Partikularforderungen einzelner Gruppen und der Lösung grundlegender Probleme – es ergibt sich hier ein spannender Metabolismus zwischen dem Einzelnen, dem Anderen und der Summe von Gesellschaft, der lesenswert ist. Auch sein fein ziselierter, komplexer Umgang mit Antisemitismus und Holocaust, im höchsten Maße politisch unkorrekt, ist vor dem Hintergrund des aktuellen Konflikts im Gazastreifen, sowie der amerikanischen wie deutschen Reaktionen dazu, sehr apropos.

Žižek ist sicher nicht ohne Grund umstritten. Ich sehe förmlich die Phalanx der Theoretiker, die seine permanenten Witze, Paradoxien und Bezüge auf Popkultur unseriös finden werden – ganz zu schweigen von seiner oft ohne Zweifel wissenschaftlich völlig unseriösen Argumentationstaktik. Žižek ist ein Wüterich, ein Getriebener, der offenbar impulsiv, wie rasend, seine Texte herausrattert, oft ins schwafeln gerät, frei flottierend durch Theorien, Bezüge und Themen tanzt, gerne mal komplett den Faden verliert, um zuletzt über Umwege dann aber doch irgendwie ans Ziel zu kommen. Naheliegend, dass mir dieser Stil aber exzellent gefällt. Žižeks Pop-Psychosoziophilosophie macht Spaß, bei allen offenen Fragen, die seine Texte aufwerfen, als reine intellektuelle Achterbahnfahrt – die aber trotzdem ernsthaft ist. Wie Batmans Joker sind Žižeks Paradoxien mehr als reine Zen-Übungen, nur oberflächlich konisch – hinter seinen Texten steckt gesellschaftlicher Sprengstoff, im besten Sinne – Žižek ist einer der wenigen Autoren, der zwar fest in der westlichen Kultur verankert ist, diese aber trotzdem ganzheitlich in Frage zu stellen wagt. Dass er am Ende des Buches trotz eines Verweises auf Robespierre und Stalin die Antwort schuldig bleibt, wie eine andere gesellschaftliche Realität aussehen könnte, macht Violence nur überzeugender – nicht umsonst spricht Žižek von »six sideways glances» im Untertitel. Manchmal lässt sich etwas eben nur aus den Augenwinkeln richtig betrachten, weil es sich bei geradem Blick aufzulösen scheint.

11. Januar 2009 14:44 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Eine Antwort.

What happened…

Warren Ellis schreibt:
Nothing happened. The world didn’t end when we moved into the 21st Century, all the millennium tension went away, 2001 went from science fiction to historical artifact, and the majority of people looked around and saw that things were pretty much the same on this side of the line as they were on the other side. And that was that.

Today, I read an interview with Marilyn Manson where he explains his evocation of CABARET in his recent work as a reaction to present times, Thirties vaudeville as a haven from politics. Notably, however, Manson describes himself as broadly apolitical, which makes you wonder exactly who said haven was devised for. To me, it’s an interesting mess. CABARET’s paean to decadence only gains its enduring power from context – the knowledge that the Third Reich awaits it upstream, which lends it the authentic final doom of all true legends, Ragnarok and Robin Hood’s final arrow shot to mark his grave. Wearing the clothes of the period doesn’t reiterate the lessons of the time or the film – that you can’t hide from evil, that the machinery of conservative societies will always find a way to crush the Too Much Fun Club – but it does produce other, perhaps graver signifiers.

Popular artists generate two forms of address. They produce a sense of collusion with those who already agree with them – through this CD, this book, this graphic novel, I’m telling you that it’s you and me against the world, I am your friend/ally/leader in this, I understand you – and they also, unavoidably, tell the receptive mind what to think and what to identify with. Through this work, I am telling you that this is an apolitical time, that voting doesn’t matter, and we may as well go to the Kitty Kat Keller while we can.

Post-millennium relaxation. Nothing’s happened, nothing’s changed, and you and me, we can’t change anything.

Now, I have a lot of time for Marilyn Manson these days. Much of his music doesn’t do a lot for me, but I enjoy his persona, himself as art. He’s a clever man, and I suspect his apolitics are not all artifice. He’s thirty-four years old now, an experienced artist and an experienced media operator, and he must know his audience. And America, and Britain, currently exist in a political dead zone. George W Bush does not have credible opposition, and whoever’s put up against him in 2004 will likely be crippled by the nomination process in any case. In Britain, the same holds – the leader of the opposition, Michael Howard, is a leering, unelectable monster with criminal tendencies who was until recently shunned and vilified by his own party as a moral mutant.

In the face of all that, it’s an understandable message to broadcast: find a place away from politics, because this is a time in which voting genuinely doesn’t matter. We’re all fucked. Apathy is nothing to be ashamed of. Anger is pointless.

And certainly we’re in a time where anger in art has largely gone away. This isn’t the cool detachment of post-modernism, so much as just a turning inward. The kind of stuttery lurching rise of emo over the last couple of years is a case in point: a total defanging of pretty much any working definition of punk in service of whining about how you’ve got no fucking girlfriend. “Emotional punk�? = Crying Ugly Kid Music. There should be a sign in guitar shops: “We reserve the right to refuse sale to people who want to write songs about wearing glasses and being dumped by girls who didn’t know your name anyway.�?

It’s understandable, and certainly it doesn’t hurt for Manson to bolster the “outsider�? self-perception of his audience.

But it bugs me nonetheless. Is it a creative reaction, to answer “nothing’s happened�? with “nothing’s going to happen and you can’t do shit about it”? Is that doing anything more than prepping an alienated audience for a doomed life of dying your hair back to brown and getting a job in insurance? Is that where we’ve ended up? That all popular culture has to say is, “well, fuck it”? Even as a transient pose?

The lesson of the 1930s is that, in a time of encroaching conservatism and creeping repression, the correct response is not to flush your fucking spine down the toilet.

via Warrenellis.com

8. Februar 2005 17:56 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.


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