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Kin: iamwhoiam

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Wer weiß, vielleicht ist »iamwhoiam« gar keine Musik, sondern ein audiovisuelles Stück Konzeptkunst – Jonna Lee ist sicher als Künstlerin experimentell genug, um jenseits der Grenzen eines «Albums» zu denken. Und trotzdem – auch ohne viral bei Youtube gehypte Videos und Konzepte überzeugt das Projekt Kin mit atmosphärischem Synth-Ambient-Pop, der sich nicht scheut, auch mal billig-verhallt zu klingen oder zu kitschigen Flächen und Glöckchen zu greifen. Unterkühlter, weit entfernter Gesang, mittig und eisern, halten die Sache in der Balance, lassen keine verdächtige Nähe zum Dream-Pop aufkommen, sondern erinnern eher an die Klangwelten eines Carpenter-Soundtracks, irgendwie billig, irgendwie süßlich und trotzdem irgendwie beunruhigend. Man fühlt sich auch an eine Art elektronische Version früher Cocteau Twins erinnert, schockgefrostet und in Wodka gebadet, lasziver, wenn das denkbar ist. Kin ist nicht so anschmiegsam produziert wie viele andere vergleichbare weibliche Sängerinnen und bewahrt eine klare Distanz zum Hörer, so sparsam wie die Titel der Tracks, wunderbar unterproduziert, weit ab von der Chance auf einen Hit, auch wenn »Sever« eigentlich ein ganz und gar famoses piece of pop ist. Absolut kaufenswert und nach mehrfachem Hören kein Album, das dich langweilen will, sondern wächst und wächst.

17. Juli 2012 16:41 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Mint Julep: Save your Season

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Hinter einem absolut atemberaubenden Cover verbirgt sich das erste «volle» Album nach zwei EPs von Keith Kenniffs Familien-Projekt Mint Julep. So schwerelos und leicht wie das fast gemäldeartige Plattenmotiv ist auch die Musik, die eine an Tycho erinnernde sonnige Shoegaze-Electronica bietet, dieses vielleicht auch einen Hauch zu unaneckende, zu sanfte Musik, die an schaumgebremste New Order erinnert könnte, die in Synth-Pads ertrinken. Geprägt wird der Sound von der kühlen, oft aus der Distanz von Delay-Effekten zu uns herangespülten Stimme von Hollie Kenniff, die diese träge 80er-Jahre-Laszivität verströmt, gekonnt etwas neben dem Beat hängt und einen Hauch trippyness in die Klangwolken streut, die wohltuend straighter sind als Kenniffs ätherische Goldmund-Klänge. Die Fusion aus Ambient und Indie funktioniert überraschend gut, erinnert an eine verschlafene Version von Metric und ruft sicher auch andere Vorbilder in bester Manier ins Gedächtnis, steht aber auch auf eigenen Füßen in dem weiten Terrain zwischen Pop und Indie sehr selbstbewusst. Der Sound des Albums ist insgesamt ein wenig zu dünn, zu hallig, zu drucklos, was bei den etwas mehr in Richtung Uptempo gehenden Stücken etwas schade ist. Zugleich gibt gerade dieser suppige Sound den Tracks eine Endlosigkeit, eine Verlorenheit und damit eine quasi akustisch in die Aufnahme codierte Melancholie, die etwa einen Track wie «Aviary» sofort zum Klassiker adelt, weil der Song klingt, als würde er aus einer vergangenen Dekade aus einem entfernten Radio herangeweht. «Save your season» ist ein Stück Neo-Cocteau-Twins, ein Designer-Schmuckstück, das ein wenig retro, ein wenig hipster ist und trotzdem wunderbarerweise der allzu berechneten, allzusehr auf verinnerlichte Twens schielenden Reißbrett-Klangwelt entkommt, weil die Platte zu den seltenen Alben gehört, die auch bei schnelleren Tracks nie die Melancholie und Schönheit ablegt.

8. Januar 2012 16:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Tycho: Dive

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Mit Five legt Scott Hansen alias ISO50 alias Tycho sein neues Album vor – ein atemberaubender, federleichter Longplayer, dessen vorab veröffentlichet Track «Adrift» ein Song für die Ewigkeit ist, mit seinen leiernden, schwingenden Melodien und der seltsamen Ambience, die den Song durchzieht wie arktischer Wind. Der aus San Francisco kommende, aber seltsam wortlos klingende Hansen mixt schwebende Flächen, hypnotische Beats, Gitarrenfragmente und Samples zu einem Sound, den man nicht wirklich post-dubstep nennen darf, der aber sicher einen ähnlichen Geschmack bedient. Nur ist seine Musik weniger fragil und dekonstruiert, weniger «nichts», dafür voller und reicher, aufgeladen mit winzigen, wie atomisierte Kristalle durch die Luft schwebenden Klangfetzen, die eine fast schon esoterische Soundcanvas erwecken. So farbenfroh und zugleich leicht wie Hansens graphische Arbeiten ist auch seine Musik. Wie bei Kim Hiorthøy (wenn auch viel glatter) gibt es eine nahtlose Verbindung zwischen Musik und Design, was die Kritik nahelegt, dass es eben auch Design-Musik ist, die beliebig und «schick» am Rechner zusammengebastelt wird, mit kulturellen Samples angereichert. Was aber in beiden Fällen unsinnig ist – Hansen setzt einfach seine Ideen mit dem gleichen digitalen Werkzeugen (die ja ohnehin immer ähnlicher werden) um, so wie ein Maler ja durchaus auch ein guter Photograph oder Schriftsteller sein kann, ein Regisseur vielleicht ein guter Musiker und so weiter. Wo beim Skandinavier Hiorthøy alles etwas wirsch-verspielt und zugleich verstörend wirkt, simpel und hyperkomplex in einem, liefert Tycho einen wunderbaren, aber nie einfachen und glatten Kopfhörer-Sound, der an Tage und Nächte an der Küste erinnert, durch den immer die Wellen rauschen und in dem der Verkehr gefroren in Zeitlupe endlos über die Highways loopt.

17. November 2011 11:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Von Spar: Foreigner

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Bei von Spar ist einfach jedes Album eine Überraschung. War ihr Debüt frischer und relevanter Indie-Disco-Pop-Punk, haben sich die Kölner nach dem Weggang von Thomas Mahmoud fast unzugänglich auf die Reise ins Ich gemacht und ein Album herausgebracht, das Klaus Schulze gut als Alterswerk zu Gesicht gestanden hätte. Und «Foreigner» zeigt wieder eine Verwandlung, eine erneute Umstrukturierung der Band und vielleicht das endgültige Wachstum zum «Projekt». War «Von Spar» ein Experiment in klanglicher Geduld, eine Zeitlupenaufnahme, eine Studie in Bernstein, macht Foreigner wieder deutlich mehr Spaß. Natürlich, das Album ist eine unverhohlene Verneigung vor der frühen deutschen Elektro- und Krautrockszene, es klingt wie ein «Best of» von Winfried Trenklers «Rock In» oder «Schwingungen». Aber neben Tangerine Dream, Grosskopf, Can, Grobschnitt, Schulze, Göttsching schimmern auch Pink Floyd und Jarre durch – überhaupt scheint «Foreigner» auf durchaus wohltuende Art eine Fusion modernen Postrocks und alter elektronischer Musik zu sein… und einer Band aus Köln steht das ja auch bestens zu Gesicht.

Dabei ist «Foreigner» trotz aller sofortigen Vertrautheit alles andere als Recycling und Wiederaufkochen bereits gehörter Musikfragmente. Natürlich ist die erste Reaktion, nach der generellen Verblüffung, nach Vorbildern und Bezugspunkten zu suchen, diesen Drumsound wiederzuerkennen, jenen Arpeggiator. Aber in Wirklichkeit mixen Sebastian Blume, Jan Philipp Janzen, Christopher Marquez und Phillip Tielsch so munter so verschiedene Einflüsse zusammen, dass das Endergebnis eher eine Art Bogen, eine Cinemascope-Gesamtschau elektronischer Musik wird. Einflüsse von Rock, Techno, Kraut, konkreter Musik, 80s Quietschiepop – was du willst, du wirst es finden, wunderbar produziert und programmiert, liebevolle Soundfrickelei und keine Sekunde langweilig. «Foreigner» ist die Sorte Album, die man gedacht hatte, nicht mehr zu hören. Es ist keine elektronische Musik, die sich dem Zeitgeist nett macht, es ist aber auch keine Vangelis-artige Wellness-Scheiße, keine elektronischen Billigsoundwolken, es ist nicht Laptronica, kein Schlafzimmerpop – es ist völlig seriöse, ernsthafte Suche nach Musik, in vollem Wissen um die Wurzeln und ohne klares Ziel, Hauptsache die Reise macht Spaß. Und die macht eine Menge Spaß, trotz der Düsternis, die das Album durchnebelt.

Von Spar dürften mit diesem dritten Album die ausnahmslos beste deutsche Band sein. Mit dem Debüt haben sie ein Genre übertroffen, ein neues geschaffen und dieses auch gleich wieder als Scherbenhaufen für alle Epigonen und Wannabes zerstört, mit dem Zweiten haben sie eine Ernsthaftigkeit und Innerlichkeit gefunden, die man eher aus Skandinavien erwartet hätte und jetzt produzieren sie ein staatenloses, zeitenloses Album, das zugleich unfassbar klar verortet klingt, das sofort vertraut ist, dich sofort eingefangen hat, und doch smart genug ist, um mit jedem Track wieder zu überraschen. Das Album ist, ohne jede Frage, ein Monolith, eine Platte, die man immer und immer wieder hören kann, ein Ding für immer, eine große Liebe, mit der du Autofahren oder Spazierengehen wirst, damit einschlafen oder dich in langen Dialogen damit unterhalten wirst. «Foreigner» ist eins der absolut besten Alben des letzten Jahres – und man kann nur hoffen, dass die nächste Platte eben wieder ganz anders wird.

19. Januar 2011 12:22 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Eine Antwort.

The Roots. How I got over

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«How I got over» lässt keinen Zweifel daran, dass The Roots einer der elegantesten und genrefreiesten Acts der amerikanischen HipHop-Scene sind. Jazzy, mellow, aggressiv, progressiv, politisch und laid back zugleich präsentieren sich Black Thought und Questlove hier als US-Gegenstück zu den britischen Massive Attack. Eine wahre Flut von Gastmusikern, großartige Beats und opulente Live-Instrumente verankern dieses Album an einer musikalischen Schnittstelle, die wenige Bands so souverän und klischeefrei bespielen wie die Roots. Das abgeklärte «A Peace of Light» macht direkt von der ersten Sekunde an klar, dass die Roots sich an keine Regeln mehr halten müssen und einfach ihrem musikalischem inneren Kompass folgen dürfen. Und so bringen sie so unterschiedliche Partner wie Joanna Newsom, John Legend oder die Monsters of Folk zusammen (vor allem durch Sampling bestehender Songs), die den relaxten dicken Beat der Roots-Songs bereichern. Das Ergebnis ist erfrischend unmodern und weit entfernt von aktueller Rap-Musik und fühlt sich gerade dadurch hochgradig frisch und relevant an, obwohl die Roots eigentlich nur konsequent da weiter machen, wo sie mit «Rising Down» eigentlich aufhören wollten. Die hypnotischen Philly-Grooves sind so samtig, dass es fast schwer fällt, durch die relaxten Rhythmen hindurch wahrzunehmen, wie unfassbar gut die Produktion ist, die in jedem Detail Spaß macht. «How I got over» ist eine wunderbare Fusion alter Soultradition mit modernem HipHop und eine durch und durch «Jetzt erst recht»-optimistische Einspielung. Die Band zeigt sich groovig und entspannt, selbstbewusst im eigenen Sound, trotzdem experimentell genug, um nicht zu langweilen, mutig genug, um sich zurückzunehmen und die verschiedensten Einflüsse aus Pop, Folk und Alternative in ihren Sound einzuflechten. Unterm Strich ergibt das bei allen kritischen Lyrics ein wunderbar sonniges Album, das durchgehend bemerkenswerte Songs und echte Ohrwürmer produziert, das die schwierige Balance zwischen Eingängigkeit und Anspruch unglaublich federleicht schafft, eine Platte für die Ewigkeit aus dem Handgelenk.

4. Januar 2011 10:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Knife feat. Mt. Sims: Tomorrow, in a Year

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Im Auftrag der dänischen Theatergruppe Hotel Pro Forma ist «Tomorrow, in a Year» von The Knife entstanden, das vorsichtig gesagt eher untypisch für das Oevre von The Knife oder Karin Dreijer Andersson ist, wenn auch das Melodrama, das die sonst eher elektronische Musik von Knife und Fever Ray auszeichnet, hier höchst gelungen in einen klassischeren Kontext gerückt ist. Thema des Stückes ist Darwins Evolutionstheorie, das The Knive mit zahlreichen Gästen, darunter Matthew Sims, Janine Rostron, Kristina Wahlin, Lærke Winther oder Jonathan Johansson plus zahlreichen Instrumentalisten umsetzt. Das Ergebnis ist weder Pop noch Oper, weder tanzbar noch Hochkultur, sondern eine Art Hörspiel-Cutup, eine auditive Erfahrung, die mal anstrengend, mal mitreissend ist, aber zu jedem Moment – vor allem intensiv unter Kopfhörern gehört – faszinierend. Die Platte ist so anders zu allem, was die Dreijers bisher produziert haben, dass man sich unwillkürlich fragt, wie die beiden danach jemals wieder zu normalem Pop zurückfinden wollen, ohne dass es ihnen zu einfach vorkommt. Sperrig, schmerzhaft einerseits, orchestral-grandios andererseits ist Tomorrow, In A Year ein Lynchesquer Soundtrack, der auch ohne die Bildinszenierungen und Tanzperformances dazu in eine eigene Welt entführt, in der es blubbert, quietscht, hämmert und dröhnt, in der die Mechanik des Lebens zu einem pumpenden Maschinenpark wird, durch dessen dunkel beleuchtete, schwach fluoreszierende Eingeweide uns die Musiker führen. Mitunter wird das auch etwas zu lautmalerisch, wie etwa in «Letter to Henslow», andererseits schafft ein Track wie «The Height of Summer» eine durchaus stabil begehbare Brücke zum bisherigen Output der Geschwister. Herausragender Track und nicht umsonst als «Single» ausgekoppelt ist «Colouring of pigeons», eine elfminütige, wunderbar gelungene Fusion aus klassischen Elementen und Popattitude, aus einer an die kanadische Band Moev («Crucify Me») erinnernden Basslinie, KDAs Gesang, dem Mezzosporan von Kristina Wahlin, und einer hyperaktiven Percussion. Ambitioniert, verrückt, gekonnt ist «Tomorrow, in a Year» ein mutiges Konzeptalbum, das den scheinbar unstillbaren Hunger der Dreijers nach Experiment, Ungeschliffenheit, Andersartigkeit unterstreicht und die vielleicht bisher beste Arbeit der beiden darstellt.

6. November 2010 15:53 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Caribou: Swim

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Es liegt vielleicht am kreisrunden Album-Artwork, dass mich «Swim» so sehr an Hot Chip erinnert. Vielleicht liegt es auch an Dan Snaiths nasal-nonchalantem Gesang, den der Kanadier so relaxt über seine kleinen hypnotischen, schichtweise anwachsenden Popsongs legt. Und tatsächlich ist «Swim» leider das Hot-Chip-Album, das ich mir in diesem Jahr gewünscht hätte, womit ich wahrscheinlich Hot Chip ebenso wie Snaith Unrecht tue, aber sei’s drum. Wo «One Life Stand» eher ein Rückschritt für Alexis Taylor und Co war, ist Caribou ein grandioses Post-Pop-Pop-Album gelungen, das tänzerisch über die Genregrenzen elektronischer Musik springt, Electronica-Nerdsounds in absolut tanzbare Nummern einbaut, diese Tracks erbarmungslos zusammenbrechen lässt, großartig simple Sequencerlines und wunderbare Melodien anschleppt und dabei – anders als Hot Chip – scheinbar nie wirklich ins reine Zitat abrutscht, sondern immer eine ganz eigene Stimme behält. Snaith erreicht dabei diese seltsame unnahbare Qualität von wunderbar zeitgemäßer, glatter Produktion und schiefen Tönen, eingestreuten Samples, seltsamen Störfeuern, zu großen Hallräumen usw…, die sein Album davor bewahren, den Zuhörer zu langweilen. So legt Snaith hier – mehr noch als bei «Andorra« – ein atemberaubendes Album hin, das Synthiepop-Konzepte emphatisch umarmt und zugleich hinterrücks ersticht. Die Aufnahmen sind einerseits recht «slick», teilweise fast an der Grenze zur echten Glattheit, andererseits haben fast alle zugleich ein surrealistisches, kippeliges Element, eine Verlorenheit oder Einsamkeit. Auch wenn mal einzelne Songs wie «Leave House» sehr klar auf die Tanzfläche schielen, ist Caribou hier eine sehr bemerkenswerte Balance gelungen, die Hot Chip einmal für sich gebucht und irgendwie inzwischen verloren haben. Wie Swaith auf «Jamilia» die Balance zwischen großem Gefühl und großer Leere hält, ist einzigartig.

Seltsamerweise entpuppt sich «Swim» so als eine Art Soundtrack oder Konzeptalbum, das trotz der einzelnen kurzen Tracks, die für sich genommen auch allein bestehen, doch klangliche Brücken, Sounds, Melodien, Sequencer-Motive zwischen den Stücken austauscht und als Ganzes deutlich mehr beeindruckt als in den Einzelteilen. Caribou gelingt eine Art Krautpop, komplex, verpeilt, gefühlig, detuned-melancholisch, funkyjazzygroovy, irgendwo zwischen Memphis, London und Berlin zuhause und doch unverortbar, eine neue Weltmusik, komplett aus der Retorte. Dabei mesmerisiert die Platte genauso wie der zu lange Blick auf das Covermotiv, begeistert mit völlig unerwarteten Synthklängen, stampft und pumpt mit Beats wie aus einer nächtlichen Fabrikhalle, und erzeugt auf ganz eigene Art eine musikalische Poesie, die man nur noch selten findet im Grenzbereich des Pop.

13. Oktober 2010 17:32 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Lali Puna: Our Inventions

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Fast sechs Jahre nach «Faking the Books» kommt das Münchener Quartett um Valerie Trebeljahr mit einem neuen Album raus – und es klingt, als sei die Zeit stillgestanden, was durchaus auch heißt, dass der Sound von Lali Puna eben zeitlos ist. Sorgsam achten Trebeljahr, Acher, Brandner und Heiß auf Klänge, die auf eine skandinavische Art diese Aura der Unverortbarkeit haben, die analog klingen oder einen Hauch unmodern, die elektronisch sind, aber niemals wirklich ganz eindeutig auf eine bestimmte Hard- oder Software festzunageln. Fast spiegelbildlich zu The Notwist wird auch Lali Puna auf diesem Album deutlich elektronischer, aber noch meditativer und verträumter als Achers Weilheimer Band, dabei aber oft auch weniger vertrackt und frickelig, ohne diesen typischen Console-Touch eben, wohl aber durchaus mit Harmoniefolgen und Gesangsansätzen, wie man sie von The Notwist eben kennt. Die Songs rauschen dabei mitunter einen Hauch zu steril, zu kinderzimmerproduziert, zu kantenlos, durch die Boxen, verlangen fast nach Kopfhörern, um die Mehrschichtigkeit der Arrangements zu entdecken. Das Album entfaltet mitunter eine Art nicht immer nur positiver Wellness-Wirkung, wirkt schmusig und kuschelig, von den sanften Rhythmen und hypnotischen Sequencen bis hin zu Trebeljahrs unterkühltem Gesang, der wie eine Durchsage aus der sauberen Zukunft eines Stanley Kubrick klingt – Anschnallen zur Saturnreise. Zu aufgeräumt, zu ordentlich, zu kompatibel zu einer Designerlounge wirkt die Gleichmäßigkeit und Harmonie der Kompositionen, die immer eine coole Pose auf der Couch einnehmen, niemals unentspannt werden, niemals auffallen oder gar aufdringlich werden. Und das ist durchaus ein wenig zu viel Prêt-à-porter, ein bisschen zu viel Passform und Harmonie und Perfektion. Nach dem dritten vierten Song sehnt man sich nach einem Fehler, nach einem Entgleisen der Pose, nach irgend etwas, das die ganze Sache auf ein menschliches Maß herabbricht. Aber statt dessen liefert «Our Inventions» einen makellosen Track nach dem nächsten, perfektes Engineering, Vorsprung durch Technik, nahtlos und so aus einem Guß, dass du als Zuhörer keine Chance hast, in diesem fugenlosen glänzen Objekt einen Handhalt zu finden. Entsprechend bleibt kein Lied im Kopf, es oszilliert durch dein Gehirn, macht Spaß und verschwindet spurlos wieder, weil es zu perfekt durch den Windkanal der milden Töne und sanften Grooves gejagt wurde. «Our Inventions» ist perfekte Kopfhörermusik, wie gemacht um bei herbstlichen Sonnenuntergängen durch leere Straßen zu spazieren, aber am Ende ist es kein Album, das dich im Herzen berührt, dich wütend macht oder traurig, begeistert oder abstößt. Es ist makellose Atelierware, die durchaus live auch aufblüht (und zwar gerade durch mehr Krach, Fehlstarts, Lachen, mehr Druck), in der sterilen Schwerelosigkeit der Studioproduktion aber in letzter Konsequenz einfach vielleicht einen entscheidenden Tick zu geleckt geworden ist. Das Interessante daran ist, zu erkennen, dass Perfektion, Schliff, bessere Produktion, Detailversessenheit eben oft eine Produktion auch verschlechtern kann, weil eine Art ephemere, fast unsichtbare Qualität von Spontaneität, Echtheit, Lebendigkeit weggeschliffen wird. Lali Puna dokumentieren hier, das perfekte Detailliebe paradoxerweise zu einem etwas enttäuschendem Ganzen führen kann – wenn jedes Detail gleich perfektionistisch und liebevoll gemacht ist, vorsichtigst mit Uhrmacherpräzision zusammengesetzt, ragt nichts heraus, alles in wie in Bernstein gegossen. Und so ist «Our Inventions» ein Album mit Sturzhelm, es verliert, weil es nichts wagt, es gerät zum Audio-Dekor, weil es zu vorsichtig ist, zu sehr weiß, was es will. Es kann durchaus eine tröstliche Botschaft sein, wenn eine Band mit einfachster Technik bezaubert und mit zunehmender Perfektion und besserer Technik seltsam anonym wirkt – ein Schicksal, das so manche Morr-Musik-Band teilt… es scheint, als würde guter Pop auch in Zeiten digitaler Musikproduktion eben doch davon leben, Macken und Kratzer und Sprünge und Fehler zu haben, eine Naivität, die man eben nicht simulieren kann.

20. September 2010 18:20 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Delphic: Acolyte

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Delphic bieten auf ihrem Debut Acolyte eine seltsame Mischung von Musik, die irgendwo zwischen Dancefloor und Indiepop zuhause ist, zwischen den Chemical Brothers und Bloc Party, Hot Chip und Klaxxons, New Order und Echo&The Bunnymen, gut durchgerührte Pop-Hymnen in der Hoffnung auf einen Chartserfolg, Das wenig nach Manchester klingende Quartett aus Manchester. Das Ergebnis ist ein trotz der exzellenten Produktion und der fast zahllosen musikalischen Schichten, die die Band auftürmt, bisweilen etwas blutarmer Sound, der einen Hauch zu kantenlos, einen Hauch zu «metropolitan» ist, etwas hilflos zwischen Druck und Entspannung schlingert. Unter den vielen Bands, die ähnlichen Dancerock anbieten, gelingt es Delphic dennoch, einen mitunter hypnotischen Pop zu produzieren, der vor allen in den Instrumentalphasen Spaß macht, wenn sich die Tracks zu turmhohen Klanggebilden hochschrauben und deutlich machen, wie gut Delphic sein könnten, wenn sie weniger nach den Charts schielen würden. Aber selbst dann sind Songs wie die Opener Clarion Call und Doubt definitiv niemals schlechte Popmusik, auch wenn man als Zuhörer vielleicht bei all dem inszenierten Wall of Sound so etwas wie eine echte innere Haltung vermisst oder zumindest eine authentische Coolness. Trotzdem: Pop darf synthetisch sein und Pop darf synthetisieren, und die Leichtigkeit, mit der Delphic ihren Cocktail mixen und in Red Light einen samtigen Ohrschmeichler hinlegen, oder in Halcyon mitten in schwebenden Soundwolken auf einmal die Drums loslegen lassen, das hat schon was. Delphic haben mit ihrem Debut sicher nicht die hochgezüchteten Erwartungen erfüllt, die 2009 auf ihre Schultern gelastet wurden, aber eine völlige Enttäuschung ist das Album beileibe auch nicht – es ist lupenreiner britischer Zitatepop, ohne sichtbare Nähte und Kanten produziert, wunderbares Handwerk, so federleicht wie kalkulierend und damit vielleicht eben auch quintessentiell für die Popmusik der letzten Jahre.

7. September 2010 16:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Goldfrapp: Head First

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Alison Goldfrapp und Will Gregory sind auch so ein Duo, das mit dem Untergang von TripHop die Orientierung verloren hat. Während Felt Mountain eine durchaus spannende Ergänzung der Trip-Hop-Schwergewichte wie Lamb, Tricky, Portishead oder Massive Attack bot, ist im Grunde ab Black Cherry spürbar, dass Goldfrapp eine Art innerer Kompass fehlt. Zwischen strenger Maschinenmusik, leichtem Kylie-Pop und fast akustischen Anklängen suchen die beiden nach einer Art Identität und das vielleicht beste, was man über Goldfrapp sagen kann, ist dass sie Mut zum Experiment und damit auch zum Fehlschlag haben. Richtig überzeugen konnte mich nach Felt Mountain kein Album mehr – anstelle des Experimentes sehe ich hier eher die Suche nach einer Nische, die sowohl kommerziell als auch bei den Kritikern funktioniert, und die die Band einfach nicht findet. zwischen Dancefloorpop und Couchlounge-Soundtrack fehlt mir die DNA der Musik – unvorstellbar bei einer so kleinen Besetzung eigentlich -, die Wurzel von der ausgehend die Reise ihre Orientierung hat. Radiohead und viele andere Bands beweisen, dass man sich extrem verändern kann – hin zu extremen Soundexperienten und auch wieder zurück zu den Anfängen kommend. Bei Goldfrapp wirkt diese Suche allerdings eher wie ein zielloses Umherirren, das immer einen Hauch zu nah an bestehenden Trends ist, immer einen Hauch zu sehr hinterherhechelt, um wirklich authentisch zu wirken – man wird das Gefühl nicht los, Alison und Will würden einfach nur auf Züge aufspringen, deren Rücklichter man bereits vom Bahnhof aus sehen kann.

Headfirst ist dabei leider keine Ausnahme, sondern der bisher aggressiveste Vertreter dieses Trendhopping. Goldfrapp springen hier recht gnadenlos auf den 80s-Trend auf, den Little Boots oder La Roux bereits vorher als Wiedergänger von Olivia Newton-John und anderen Achtziger-Sirenen ausgeschlachtet hatten. Vom kitschigen Look des Covers bis zu den sülzigen Synthie-Flächen, Faltermeyer-esquen Drums und den naiven Gesangslines, ergehen sich Goldfrapp hier in einem Zitatepop, der zwar angenehm vorbeiplätschert, wenn man das Album so hört, von dem aber kein einziger Track bemerkenswert ist – selbst die bei Moroder abgekupferte Single Rocket perlt so sanft und kantenlos-androgyn aus den Boxen, dass man den Track unmittelbar nach dem Hören vergessen hat. Musik, die bestenfalls zur Begleitung eines Sidney-Rome-Aerobic-Videos geeignet wäre und die keine Sekunde mehr leistet, als bestehende 80s-Klischees naiv aufzuarbeiten, bestenfalls bei dem Schlußtrack Voicething passiert für einige Minuten etwas, was dem Album kurz vor dem Ende einige Minuten Spannung gibt, immer noch süßlich-klebrig bleibt, aber wenigstens nicht mehr völlig gnadenlos auf die Charts zugerichtet ist. Hier ist wenigstens ein Track, den man hassen oder lieben kann, der aber zumindest einen Hauch von Nicht-Glattheit aufweist – egal, ob man ihn als gelungenes Experiment à la Depeche-Mode-B-Sides der frühen 80er mag oder als faules Enya-Derivat abordnet.

Head First ist für sich genommen ein frühlingshaft-sommerliches Gute-Laune-Album, leider ohne jede Art von Song, der wirklich bei dir bleibt, die Songs flutschen förmlich durchs Gehirn, Goldfrapp schaffen hier nicht einen Klassiker. Die Frage ist aber: Wenn eine Band jeden Trend mitzunehmen versucht, was bleibt am Ende die von dieser Band, außer einer Art eine Geldmaschine, mit der die Protagonisten ihr Einkommen zu sichern versuchen? Die Ironie an der Sache ist, dass Goldfrapp deutlich länger dabei ist und musikalisch deutlich mehr zu sagen hätte als die Lily Allens dieser Welt, und umso weniger leuchtet ein, warum sie ein Album produzieren, dass wie der meiste Neo-Abba-Zitatepop-Trash der letzten Jahre klingt, zumal doch spätestens seit Madonnas Ausflügen in diese Gefilde klar sein dürfte, dass hier künstlerisch nichts mehr abzugrasen ist. Wenn eine Band, die seit einer Dekade am Markt ist, auf dem neuesten Album weniger zu sagen hat als ein ja ebenfalls seichter Fempop-Newcomer wie Robyn, ist das schon etwas traurig.

6. September 2010 11:13 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Hot Chip: One Life Stand

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Ähnlich wie bei anderen Hipster-Bands, die die Grenze zwischen Popironie und Ernsthaftigkeit, Zitat und Innovation längst im Kunstnebel haben verschwinden lassen, bleibt es schwierig, ein Album von Hot Chip noch neutral zu betrachten, ohne die Verweise und Andeutungen, die Alexis Taylor und seine Mitstreiter konzeptionell in jedes neue Produkt einfließen lassen, im Kopf zu haben.

Der Schlafzimmerproduktions-Zitatepop auf One Life Stand ist diesmal aber so aufdringlich wie der wortspielerische Titel und das passend dazu verhältnismäßig überdeutlich «it’s deconstructivism, dumbass!»-Coverartwork, das an die bedeutungsschwangeren Covergestaltungen von Storm Thorgerson ebenso erinnert wie an Peter Savilles elegant-künstlerische Reduktion bei New Order. Überhaupt: New Order. One Life Stand, so leid es mir tut, klingt verdammt nach den schlechteren New-Order-Einspielungen, Technique etwa, und ist nach dem wunderbar vielseitig-entspannten Made in the Dark ist das zuwenig. War der Vorgänger an der Schnittstelle zwischen zu glattem Pop und wunderbarem Eigenbrötlertum und verschrobenem Elektrokraut, hat sich das neue Album sehr eindeutig für den Pop entschieden. Der Zitatenstadl macht nicht einmal vor Autotune-Cher-Gesangseffekten halt, die Beats sind tanzbarer, die Breaks seltener. Die Lieder wirken kantenloser – und sind zum Teil dennoch nicht wirklich einprägsam. Große Popmusik, auch wenn sie qua Definition ja immer affirmativ zu sein hat, kann trotzdem kaleidoskopisch, vielschichtig oder auch karg und hart sein. Dieser Pop aber irrt zwischen den 80er und 90er Sounds von verschiedensten Bands, du erkennst hier einen Depeche-Sound, dort einen Heaven-17-Gesangsfetzen, plötzlich ein Splitter von Donna Sommer und Giorgio Moroder… dennoch wirkt alles sehr viel mehr aus einem Guss als bisher (und das ist nicht wirklich als Kompliment gemeint), denn die glattgestrichene Oberfläche lässt auch eine bei Hot Chip bisher ungewohnte Langeweile aufkommen. Der Gesang ist zu androgyn, zu gelangweilt, die Synth-Sounds zu stupide und vertraut, selbst die Lyrics wirken plötzlich chartstauglich hausfrauenkompatibel. Das exzentrische, überspannte Element der Komposition und Produktion scheint verschwunden – ein Song wie Brothers ist etwa nur noch einschläfernd. In der Synthiesoulmusic-Wüste dürfen auch Balladen mit vollem Kitsch-Faktor inzwischen ihren Platz haben (Slush).

Trotz einiger ja durchaus versöhnlich dahinperlender Tracks wie Thieves in the Night oder Take It In… es fehlt der Platte an Ehrlichkeit, an Verletzlichkeit, in ihrem Schutzmantel aus Ironie und perfekter Produktion ist sie langweilig, sogar langweiliger als die Pet Shop Boys. Es mag Leute geben, die diese Art von sicherer und zugleich vermeintlich «cooler» Musik mögen, die Art wie jede tatsächliche Stellungnahme vermieden ist, wie alles sandgestrahlt glatt und amtlich ist – aber für eine Band ist diese Form von selbstreferentieller Sicherheit ein denkbar schlechter Ausgangspunkt, denn sie schläfert ein, Band wie Zuhörer.

3. Juli 2010 14:32 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Lali Puna Live Gebäude 9

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Die musikalische Struktur von Lali Puna ist eigentlich so, dass ein Live-Konzert nicht nur selten ist, sondern auch unwahrscheinlich wirkt oder zumindest wenig vielversprechend. Die ruhige, kontemplative, vielschichtige Klangwelt von Valerie Trebeljahr, Markus Acher, Christian Heiß und Christoph Brandner sollte auf einer Bühne kaum funktionieren dürfen oder zumindest so hypersteril wirken wie die von Kraftwerk. Von steril kann keine Rede sein, die Bühne im Gebäude 9 wirkt eher wie ein Proberaum, mit improvisierten Tischen, zahllosen Mikrophonen und Synths, Kabeln und Amps – aber tatsächlich suchst du Showeinlagen hier natürlich vergebens, Trebeljahr wird seltsamerweise immer dann am lockersten, wenn etwas schiefgeht und ein Song falsch losgeht oder sich einer der Musiker verspielt, und während Mastermind Heiß und die deutsche Indie-Legende Acher sichtlich Spaß an ihrer Sache haben, sind sie halt meist mit ihren Instrumenten beschäftigt oder sorgen für den perfekten Sound. So wundert es fast nicht dass Brandners Schlagzeug vorne am Bühnenrand steht – die Musiker sind sozusagen entgegen dem typischen Bandaufbau alle gleich wichtig positioniert -, denn in Sachen Action dominiert er das Konzert… traditionelle Instrumente haben halt live doch ihre Vorteile. Gerade in einer recht kleinen Venue ist der Mix von synthetischen Sounds und echten Drums eine Herausforderung, an der viele Konzerte scheitern, aber Brandners geradezu stoisches, geradliniges, kontrolliertes und trotzdem druckvolles Spiel fügt sich größtenteils auf den Punkt in die Soundstrukturen ein, die Heiß vorgibt. Mehr noch: Nach einer Weile erinnern die Drums in ihrer straighten nüchternen Art massiv an Holger Czukay, den großen Can-Trommler, der wie kein zweiter mit elektronischer Musik verwobenes Akustikschlagzeug liefern konnte. Und so überrascht es vielleicht nicht, dass die besten Tracks die sind, bei denen Lali Puna sich aus möglichst weit aus dem Morr-Music-Flair ihrer Alben herauslehnen und eine Art Neo-Krautrock spielen, der in seinen besten Momenten hypnotisch und fesselnd ist, in immer gleichen Harmonieschleifen mit druckvollen Drums und immer neuen Klangschichten minutenlang einfach vorwärts läuft und bei dem man sich wünscht dass die Songs die gebührenden 30 Minuten dauern würden, anstatt einfach irgendwann aufzuhören. Gerade die letzte Zugabe, der Klassiker Fast Forward von dem 99er Album Tridecoder, entwickelt sich am Ende zum reinen Monstertrack. Live verlieren Lali Puna so die leicht sterile, zu cleane, zu perfekte Notwist-artige Überproduktion und Geschliffenheit und tauscht die sanft fließende Magie der Platten gegen eine rauhere, rohere Fassung, die durchaus mehr Energie hat und mehr Spaß macht und bei der man sich wünscht, dass die Studioalben mehr von dieser Direktheit haben würden.

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17. Mai 2010 10:01 Uhr. Kategorie Live. Tag . Eine Antwort.

Hearts No Static: Motif

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Das Stockholmer Trio Hearts No Static liefert mit Motif ein Debut an, das sich anhört wie bei anderen Bands die vielleicht zehnte Veröffentlichung, wenn die Band sich blind kennt und vertraut, so nahtlos greifen die drei Musiker in den ausgedehnt wirkenden, tatsächlich aber sehr kompakten Kompositionen ineinander. Was John Roger Olsson, Jens Pettersson und Otto Johansson an Improvisation mit zahlreichen Gitarren, Schlagzeug, Bass und einem Minimum an anderen Instrumententupfern an Postrock fabrizieren, erinnert nicht von ungefähr an die Soundmalereien von Mogwai oder an die Red Sparrows – wenn auch die verhallten, krautigen und in endlosen Schleifen variierten Monsterakkord-Tracks deutlich kürzer ausfallen. In tiefen düsteren Hallgewölben erzeugen Hearts No Static etwa auf dem Titelstück einen auf einer langsam dahintreibenden Drumsynkope fundierten Wall of Sound, der hypnotisch und berührend ist, zeigen aber bei Strait of Malacca sofort, dass sie auch kaltblütig genug für eine zeitlupigen Art von Minimal Music sind. Es ist sehr schwer, aus dem epischen Post-Progrock noch etwas neues zu gewinnen, aber Hearts no Static schaffen eine seltsame Fusion von Vielseitigkeit im Gestus, verbunden mit einem dennoch sehr homogenen Flair der Musik, so dass das Album niemals nervt und immer angenehm zwischen Rock und Fast-schon-Jazz oszilliert, mal konkret fast groovy daherkommt, mal zu bewegungsloser Stille gerinnt, um dann gegen Ende der Platte doch für drei Tracks die Effektgeräte auszupacken und mit Happy Holidays, Hovering und Knick-Knacks die große laute Geste zu feiern, gekontert von einem akustisch eingespielten Epilog, der fast ländlich-ruhig, zugleich aber kaum weniger raumgreifend und ausladend-sperrig wirkt.

Motif ist so anstrengend wie lohnend, nicht unbedingt die Platte für den Frühling (wir sind auch immer noch bei meinen Alben von 2009 ;-)), war aber perfekt für die Kopfhörer, um tanzenden Schneeflocken zuzusehen und durch verschneite Straßen zu stapfen. Und der nächste Winter kommt ja bestimmt.

30. März 2010 18:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Memory Tapes: Seek Magic

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Obwohl Seek Magic Dayve Hawks erstes volles Soloalbum ist, hat der aus New Jersey kommende Musiker schon in reichlich Projekten unter ständig wechselnden Namen Erfahrung gesammelt – und das hört man dem seltsamen Psychofolkelektronik -Mix des Debüts auch mehr als an. Da zitiert er in Bicycle nach einem mehr als abwechslungsreichen Track gegen Ende in fast in einer hingeworfenen Geste großartige New-Order-Hooks, die sich zu einem fulminanten Ende formen. Dass der Song in seinen fünf Minuten gleich mehrfach die Form wechselt und wie ein Chameleon in immer neue Farbstimmungen übergeht, fällt vor lauter Freude über die gelungene Popnummer kaum auf. Überhaupt ist das permanente Morphing der Songs ein Markenzeichen des Albums, das fast unstet wirkt, den Gesang in weiten Hallräumen versteckt und dafür Drums und Bass trocken nach vorne schiebt, die in immer neuen Iterationen die Thematik der Arrangements ändern, sich umschichten, unruhig neue Formationen annehmen und den Tracks etwas von einem hyperaktiven Homerecorder verleihen, der sich nicht auf eine finale Form einigen konnte und seine eigenen Songs sozusagen schon remixt, während sie noch entstehen.

Dabei überschüttet Hawks seine Zuhörer förmlich mit weiten, psychedelischen Klängen, naiven Folksong-Melodien und tanzbaren Rhythmen. Das Ergebnis ist eine seltsam verschrobene Schlafzimmer-Produktion voller kleiner Überraschungen, wie etwa dem fast vier Minuten langen hochverdrogten Pink Stones oder der seltsamen Rock-Dekonstruktion Plain Material, in dem die Logik normaler Produktionen auf den Kopf gedreht scheint und das nahtlos von zuckrigem Pop zu seltsamen Rockriffs und zurück flirrt, und oft meilenweit vom Hörer entfernt scheint, nebulös, ungreifbar wirkt, eine Popwolke, in der Hi-Hats klarer sind als Vocals, deren Texte mehr wie ein entferntes Instrument wirken, unwichtig in der Melange von Klängen und Eindrücken, nur eine weitere Zutat, nur ein Hauch von Idee.

So wirkt Seek Magic weitestgehend hochgradig fröhlich, aber auf eine entfernte, distanzierte Art, erinnert hier an dieses, dort an jenes, zitiert, verfremdet, entlehnt, ohne je greifbar zu sein. Am ehesten ließe sich diese Platte passend zum Cover-Artwork sicher als holographisch bezeichnen, als Fata Morgana, als eine Art musikalischer Zuckerwatte, die doch absolut sättigend ist, bei der man als Hörer kaum sagen kann, ob diese Platte nun traurig oder fröhlich machen soll oder will. Es ist, in vieler Hinsicht, Musik gewordene Unentschiedenheit, Unsicherheit – und dabei doch so treffsicher wie wenig andere elektronische Pop-Produktionen der letzten Zeit.

26. März 2010 19:40 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Eine Antwort.

Hell: Teufelswerk

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Ohne das «DJ» kommt Helmut Josef Geier hier (mal wieder) daher und legt ein dichtes, seltsam zeitloses und unverortbares Konzeptalbum vor, das zwischen Techno, House, Retroelektro und anderen Stilelementen sehr elegant pendelt und dem Geierschen Selbstanspruch auf Größenwahn absolut gerecht wird. Mit dem großen Gigolo-Vorbild Bryan Ferry startet das Album relaxt in einen amorphen fast 10-minütigen Opener, dessen clubbige Entspanntheit sofort durch das strengen Kraftwerk/Techno-Gerüst von Electronic Germany gebrochen wird, sofort gefolgt von der basslastigen Housenummer «The DJ», in der – schon wieder ein in die Jahre gekommener Lebemann – P.Diddy den Text liefert. Hell macht einen parforce-Trip durch die Nachtszene und es fast ein Wunder, dass er sich in der Vielfalt der Stile nicht öfter im Ton vergreift, sondern stets zurückhaltend genug bleibt, um in seinen skizzenhaften ausgedehnten Fragmenten glaubhaft zu bleiben. Flirrende Sequenzer, analoge Sounds, Laptronica, Heaven-17-Anklänge, Art-of-Noise-Sampling-Spielerei, stampfende 4/4-Beats, alte Drummachines, fette Bässe… es gibt wenig an dieser Platte auszusetzen, auch wenn Hell der Todesritt zwischen Tag und Nacht und zwischen den verschiedenen Dancefloor-Stilen nicht immer 100%ig gelingt. Die Nachtseite ist eher pulsierend, metallisch und hart, die Tagseite eher chilly und optimistischer, abgeklärter… bis zu einem gewissen Grade liefert Hell hier Tanzmusik für die Angekommenen, die Etablierten, den Groove zum Familienvan, aber das ist in seiner eigenen Biographie ja durchaus auch okay und Can-inspirierte-Einwürfe wie das einminütige Carte Blanche zeigen, dass Hell durchaus auch experimentell bleiben kann, weiter denkt als bis zur nächsten Party, und die Platte insgesamt auch ihre anstrengenden und herausfordernden Momente hat. In den durchweg langen, ausgedehnten Nummern gelingt es Hell, einen fast unvereinbaren Stilmix zusammenzubringen und durch verbindende Sounds und Instrumentierungen eben doch stimmig zu amalgamieren, so dass zusammen eine Art John-Carpenter-Patchwork-Soundtrack entsteht, der bis zum letzten White-Noise-Rauschen von Silver Machine ein hörenswertes Gesamterlebnis ergibt. Wo andere in die Jahre gekommene DJs in der Glut der langen Partynächte zu Asche zerfallen, erweist sich Hell als Phoenix, der sich mit diesem Konzeptalbum zu einer Art David Bowie der Technogeneration stilisieren darf.

8. Dezember 2009 11:17 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 3 Antworten.

Monocular: Somewhere on the Line

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So schön kann lokale Musik sein: Jan und Nic Koray aus Dortmund sind Monocular, die schon vor einiger Zeit mit ersten Vorab-Downloads und der Water-Shape-EP beeindruckten und mit Somewhere On The Line nun ein komplettes Album nachlegen. Das Gemeine vorweg: Ja, Monocular klingen mehr als ein wenig nach Lamb und auch auf Photos und in den Texten zitiert man Louise Rhodes und Andy Barlow etwas deutlich. Nicole Korays Stimme ist bis hin zu den leichten Überschlägen und den Atemgeräuschen erschreckend nahe dran an Lou Rhodes. Die Ex-Your-Finest-Drops-Sängerin beweist mit ihrem Ende des Jahres bei Jan Korays VierSieben-Label erscheinenden Solo-Projekt, dass sie auch problemlos ganz anders klingen kann und durchaus ihren «eigenen» Sound hat, insofern ist die musikalische Nähe zu Manchester sicher kein Zufall, sondern gewollte Hommage. Nun muss ich zugeben, dass auch (gut) nachgebaute Lamb besser sind als gar kein Lamb und ich fast verstehen kann, wenn jemand das vielleicht selbst gespürte Vakuum nach der Trennung von Lou und Andy einfach mit eigenen Tracks füllen will – das ist im Grunde schon eigentlich sympathisch. Wenn niemand mehr die Musik macht, die du hören willst, machst du sie eben selbst. Zum anderen sind bei näherem Hören natürlich unter der ersten enormen Ähnlichkeit deutliche Unterschiede zu hören. Monocular sind etwas glatter, synthetischer in ihrem Trip Hop, eher Laika als Lamb,  durchaus mit der großen Geste und dem Patho, die dieser Sound braucht, aber eher eine Fusion aus Elementen von Massive, Portishead, Goldfrap et al, plus glattere Synth-Sounds, weniger akustisch, U-Turn nimmt eine wabernd-bedrohliche Dichte an, die man seit dem ersten Lamb-Album nicht mehr gehört und deren pulsierender Bass enorm an Laika erinnert, um in der Strophe zu lupenreinem Electronica-Pop à la Tiefschwarz umzukippen. Und an diesem Ruhrgebiets-Trip Hop ist nichts falsches. Die Korays produzieren musikalische Fantasy-Landschaften, durch die sich der feenhafte Gesang wie eine verlorene Konsolenspiel-Heldin nach vorn tastet. Während die meisten Trip Ho Combos, die heute noch aktiv sind, sich deutlich düsteren Soundscapes zugewandt haben, fahren Monocular den vollen Pathos der frühen 90er auf, mit sphärischem Gesang, dicken Akkorden und schleppenden Drumkits, die auf dem fast schon zu fett klingenden Album turmhoch aus den Kopfhörern kommen. Es mag seltsam sein, ein so lupenreines Revival einer seit fast zehn Jahren toten Musik zu hören, aber wer den Manchester-Sound nach wie vor mag (und das sind ja nicht wenige), kommt um Monocular nicht umhin. Somewhere On The Line ist ein fast erschreckend «fertiges» Debut, an dem nichts nach Wohnzimmer-Produktion klingt, das vom ersten Song an souverän im Raum steht und nicht hinter den Vorbildern, sondern neben ihnen stehen will, durchaus über die Hommage hinaus auch eigene Steherqualitäten hat. Denn Monocular ist sicher mehr als ein Bündel von Referenzen an Krom, Frou Frou und andere Bands, an die das Duo unweigerlich erinnert – am Ende ist das Album insofern vor allem das Versprechen, mit besserer Produktion und mehr Live-Instrumenten noch dichter und berührender klingen zu können und mit eine zweiten, dritten Album traumwandlerisch sicher aus dem Schatten der Vorbilder heraustreten zu können, nicht zuletzt weil in dem bestehenden Gerüst mit diesem nahezu makellosen Debut fast schon alles gesagt ist und ein Nachfolger eine andere Richtung brächte. Ich bin gespannt…

15. September 2009 06:56 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Fever Ray: Fever Ray

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Es ist schon seltsam, wenn jemand mit einer so markanten Stimme wie Karin Dreijer Andersson diese ausgerechnet auf ihrem Solo-Debut so derart pitcht und verzerrt, dass man sie kaum wiedererkennt. Nach dem enormen Erfolg als Teil von The Knife und Gast-Vokalistin bei zahllosen erfolgreichen Projekten ist diese Suche nach einer anderen Facette im Gesang (die ja bei The Knife bereits spürbar ist) vielleicht auch verständlich. Wie ein dunkler Zwilling der kühlen The-Knife-Ästhetik wirkt das Fever Ray Album, beklemmend, eng, trotz des großzügig verwendeten Halls trocken, eingetaucht in 80er-Synth-Sounds, psychedelische Flächen, introspektiv, kafkaesk wie das Coverartwork. Dreijer Andersson gelingt das Kunststück eines schwarz schillendern unterkühlten Bombast, in der ihre Stimme, gedoppelt, gepitcht, gestreckt und elektronisch gefoltert zu einem surrealistischen Chor wird, der durch die Festung der Einsamkeit führt. Im Hintergrund erzeug analoges Synth-Vogelzirpen, unwirkliche Percussion und Harmoniefolgen, die auf jedem Goth-Sampler aus den Mid-80s daheim wären eine Art Post-Trip-Hop-Melancholie, gegen die Portishead geradezu fröhlich wirkt. In der Suppe von New-Wave-inspirierten neuen Bands (ob nun Gitarre oder Synth-basiert) schafft Dreijer Andersson es, den Nebelsound der Vergangenheit nicht einfach abzuschöpfen oder schlimmer noch rein nostalgisch zu imitieren, sondern ihn sich ganz und gar zu eigen zu machen und zu mutieren, gekreuzt mit dem modernen Sound von The Knife und vielen ganz eigenen, unverortbaren Versatzstücken zu koppeln. So liefert ihr Debut melodisch sehr einfache Songs, oft ein absolutes Minimum an Musik, zusammengehalten von schlicht-vertrackten Beats, die wie die Musik eigentlich nur die staubige Bühne für den unwirklichen Gesang liefern, der auch melodisch oft kaum wie das Singen einer einzelnen Persn erinnert, sondern eher an surrealer Chormelodien oder eigene Instrumentenstimmen, breiter und zugespitzter, deutlich weniger individuell als Gesang normalerweise wäre. Dreijer Andersson ist damit weit weg vom ansonsten ja stets so niedlichen skandinavischen Sound, vom frickeligen und irgendwie natürlich klingenden Klang à la Múm, der immer etwas nach Wald und Weite klingt, sondern vielmehr in einem zu engen und verdunkelten Raum, einem Krankenzimmer, wo nur Halblicht durch die Vorhänge dringt und wo sie morphiumvernebelt und isolationsdepressiv ihre schleppenden Walzermelodien und fragilen Balladen spinnt. Fever Ray ist – vielleicht unerwartet beim Solodebut einer im Pop so erfolgreichen Gastvokalistin, die Royksopp immerhin den großen Durchbruch beschert hat – alles andere als eingängige, leichte Kost, sondern ein anstrengendes, ein irgendwie immer etwas unangenehmes Album, das sich hier zu eng und dort zu weit anfühlt, scharfkantig und amorph zugleich, immer irgendwie verkehrt und deplaciert. Ein dunkel schillerndes Konzeptalbum also, das perfekt zu Karin Dreijers Anderssons Selbstinszenierungen auf der Bühne passt und weniger den nächsten großen Hit produzieren soll/wird, als vielmehr ganz definitiv die Sängerin als ernstzunehmende Künstlerin etablieren dürfte, die ähnlich exaltierte und fesselnde Musik produziert wie Björk, ohne dabei auch nur für eine Sekunde nach der Isländerin selbst zu klingen, die nie so dystopisch, so zeitlupig war. Fever Ray ist der perfekte Soundtrack zu einem nie gedrehten Horrorfilm mit zu schwarzen, zu langen Schatten und flackernden Taschenlampen, in denen das Grauen nie gezeigt wird, aber jede Sekunde greifbar ist.

27. April 2009 08:15 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Robyn: Robyn

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Robyn ist das, was du «guilty pleasure» nennen darfst. Obwohl du zumindest befürchten darfst, dass Robyn vielleicht im Grunde eine Trittbrettfahrerin ist (immerhin hat sie in den 90ern eher glattgebügelten Pop produziert, andererseits war sie da fast noch ein Teen) und – wenn sich mit ihrem aktuellen Sound kein Erfolg einstellen würde – sofort irgend etwas anderes machen würde, vertraust du ihr und ihrem Konichiwa-Plattenlabel irgendwie trotzdem. Obwohl ihr Sound nicht gerade sonderlich neu oder provokat ist, bohren sich Track wie Cobrastyle mit ihrer stupiden 1-Pattern-Sequenzerlogik in deinen Kopf. Obwohl die Tracks auf «Robyn»nicht gerade homogen sind, und von einer seltsamen skandinavisch-kalten Fassung von GwenStefani/Missy-Elliot-Feeling (Konichiwa Bitches) über seltsam Prince-artige Tracks (Should have Known) bis zu chartskompatiblen Mainstream heruntergehen (With every Heartbeat), ist das vierte Album der Schwedin nach über fast vier Jahren (das Album erschien 2005 in Schweden) immer noch überraschend frischer Pop, der sich besser gehalten hat als so manches ambitioniertere Album. Das liegt vor allem an der Rotzigkeit, mit der Robyn die Platte produziert hat, die immer ein wenig roh und unfertig wirkt, eine seltsame Melange der Britney-Spears-Einflüsse der vorherigen Robyn-Alben, mit einem Schuss HipHop und etwas Electroclash. Die Melange, die natürlich hochkommerziell an vor zwei Jahren in den Clubs drehende Trends anknüpft, entpuppt sich nach mehrfachen Hören als Popalbum, das gerade genug Ecken und Kanten hat, um nicht seifig zu wirken. Die aggressiven pseudotaffen Text, die etwas mißlungene und gerade deshalb großartig parodistisch gelungene Art-Pop-Pose des Covers und des Gesamtstylings des Albums, die wirklich liebenswert-miserablen Raps, der unterkühlte Antisex der Stimme – das ist Pop, wie er sein muss. Ein wenig zu pompös, ein wenig zu zitatenlastig, ein wenig zu Mix-and-Match, aber auf eine seltsame Art eben doch perfekt in der Balance. Zu cool, zu posernd st die Scheibe und trotzdem so niedlich, dass du sie mit nach Hause nehmen und mit Hooklines aus der Dose füttern willst. Robyn entpuppt sich als seltsames Wunschkind von Robert Görl und Kylie Minogue, ihre vierte CD seltsamerweise als ein Hybid aus einer Art Debutalbum, dass sich anfühlt wie ein Best-of-Album, vielseitig, schillernd, oberflächlich, tief und vor allem ein Riesenspass – und viel mehr als die grinsende Fröhlichkeit und All-Night-Long-Attitude, mit der Robyn sich hier präsentiert, braucht es vielleicht auch nicht, um das Album zu lieben.

15. April 2009 08:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . 2 Antworten.

Front 242: Geography

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Geography ist das erste und vielleicht beste, konsequenteste Album der belgischen Legende. 1982 veröffentlicht, wirkt das Album in seiner remasterten Fassung heute frischer und zeitloser als viele Tracks, die die zunehmend mit Samplern operierende EBM-Combo in den späten 80er und frühen 90er produzierte. Aus heutiger Sicht losgelöst aus dem etwas peinlich-pseudoschock- Parafaschismus-Auftritt der Band und aus dem engen New-Wave/Electronic-Body-Music-Korsett, bleibt ein erfrischend cleaner und experimenteller Analogsound. Im 4- oder 8-Spurverfahren aufgenommen, mit dem warmen Rauschen alter Synthesizer und Drummaschinen, liefert Geography keine Songstrukturen oder Musik im herkömmlichen Sinne, sondern man darf eher zuhören, wie die Band versucht, aus den Geräten Töne und Rhythmenzu melken, in oft skizzenhaft kurzen Homerecording-Tracks, die fast vorbildhaft für eine ganze Generation von Laptronica-Musik stehen und zugleich, vielleicht unbewusst, an die frühen elektronischen Klangexperimente der 60er anschließen. Die minimalistischen, oft nur aus wenigen Pattern bestehenden Songs fangen die Kälte der 80er Jahre und den grauen, industriellen Anti-Charme von Brüssel ein, die klirrende und surrende Ästhetik einer neuen Dekade, die die  Do-It-Yourself-Attitüde des Punk formal auf elektronische Musik übertrug und diese eben so weit weg verschleppte von den sphärisch-verkopften Klassik-Ansätzen etwa eines Klaus Schulze wie die Sex Pistols den Gitarrenakkord von Pink Floyd entführten. In einem Atemzug mit Cabaret Voltaire, DA, Fad Gadget und anderen frühen Phänomenen dieser Musikrichtung zu nennen – die die Mitglieder von Front 242 mit zahlreichen Nebenprodukten selbst fleissig stärkten – wurden Front zum Vorbild einer echten Flut von Bands aus Brüssel, die alle recht ähnlich klangen und den zunächst radikalen Terror-Elektronik-Sound der Szene zunehmend verwässerten, bis auch Front mehr nach Party-Techno als nach etwas grundsätzlich neuem klang. Geography ragt aus dem sehr durchwachsenen Oevre von Front 242, aber auch aus der Flut mediokrer Wave-Songs als ein kompromissloses, zeitloses Frühwerk heraus, dass sichkeinen Hauch um Eingängigkeit, Komposition, Arrangement oder andere Pop-Parameter kümmert (was die meisten anderen NW-Tracks durchaus tun), sondern auf eigenen Pfaden wandert, fast so, als würde man den Musikern beim Kennenlernen ihrer Billig-Synthesizer zuhören, in ihrem Skizzenbuch blättern. Es ist bezeichnend, dass Front mit besserem Equipment und Erfolg eher langweiliger als spannender wurden und Geography rückblickend das einzige Album war, das (vielleicht zufällig) eine wirkliche Tiefe hat. Es wirkt improvisiert und primitiv-ungehobelt, als ginge es nur darum, einen Dschungel an kalt-elektronischen Klängen und billigen Echoeffekten zu durchwandern, ohne wirkliches Ziel, verloren in den halligen, stählernen Kavernen der Musik der Frühachtziger. Der dazu passende, fast eingeborenenhaft ungeschliffen gegrunzte Gesang, selbst mehr Instrument als wirklich tragendes Element der Komposition, wie ein Nachgedanke wirkend, verortet Geography und die frühen Front als eine Art elektronischer Zwilling der Einstürzenden Neubauten als Suchende nach einer neuen Form von Musik, die einem neuen technischen Zeitalter, dem PostHippie-Leben, den aufkommenden digitalen Technologien, dem plötzlichen Futureshock (Tofflers Buch erschien zwar in den 70ern, aber nicht umsonst kam der Begriff erst mit Herbie Hancock 1983 wirklich im Mainstream an, wurde aus Tofflers Prophezeiungen zumindest teilweise gefühlte Wahrheit) den passenden Soundtrack verpassen wollten. Geography nimmt die Welt klickender Personal Computer und surrender Faxe, pfeifender Bildschirme und klirrender Lautsprecher vorweg, eine dystopische hässliche Neonfassade, die in ihrer Verkürzung und Reduktion so gar nicht zu der bekifften Weichspül-Ausschweifung der 70er passen sollte und so gar nicht zu der folgenden Neue-Deutsche-Welle-Happiness und dem ABC/Duran-Duran/Paul Young-Popsound, der heute anscheinend für viele den Inbegriff der achtziger Jahre darstellt. Geography war, und ist überraschenderweise immer noch ein Stück Musik gewordene Kunst, ein echtes Album zur Zeit.

9. März 2009 08:32 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Kitsuné Maison Compilation 6

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Der sechste Sampler des stets verlässlichen französischen Musik/Mode-Labels Kitsuné um Gildas Loaëc und Masaya Kuroki liefert den üblichen Mix tanzbar-elektronischer Up-to-date-Musik und fungiert sozusagen als legales Gegenstück zu Hot-Shit-Blogs und reflektiert wie diese den Schwenk zu einem Clash aus glitchendem Elektro und späten Billigsynth-Italodisco-Feeling der 80er, was das Album paradoxerweise etwas sanfter und souliger macht als die Vorgänger. Mit La Roux’ Quicksand ist im Grunde diesmal der Übergang zum Charts-Mainstream fast vorgegeben und es zeichnet sich ab, dass Kitsuné vielleicht nicht Vorreiter, sondern sicher eher Zusammenfasser von Trends ist, der Sampler hat etwas retrospektives. Generell ist das Album über weite Strecken sehr gefällig – With you forever von Pnau ist reiner Pop, Polar Bear von Ted & Francis oder We love the Disco Sound von Streetlife DJs sind  auch nahtlos radiokompatibel-, kann aber auch mal schön böse werden wie mit dem kratzigen Nintendo-Soundchip-Gone-Crazy-Song  You love coz she’s dead von Superheroes, oder retro wie Etienne de Crécys Hanukkah, das fast nach ganz alten Front 242 klingt. Durchweg gibt es, wie bei fast jedem Kitsuné-Sampler,  einen sehr gut weghörbaren Mix aus alten Vertrauten und neuen Namen, der sich immer im ja grundrichtigen Grenzbereich von Laptronica-Remix, Alternative und Trash-Dancefloor bewegt. Mit Kitsuné machst du nach wie vor nicht alles richtig, aber sicher auch nichts verkehrt.

19. Februar 2009 10:08 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Teenage Bad Girl: Cocotte

Schon lustig, wenn man CDs so spät bespricht, dass der Boom, der sie hervorgebracht hat, schon im Abklingen ist – aber trotz des Absterbens der Dancefloorneigung zu französischen Bratzsounds ist das Debut von Guillaume Manbell and Greg Kazubski durchaus nach wie vor sehr hörenswert. Dichter und smarter als die Pioniere Justice, bringen Teenage Bad Girl den Robot Rock melodischer und zugleich härter, eine Art 2.0-Version, der wir nicht zuletzt – full circle – die zunehmende Polarisierung von Justice selbst verdanken. TBG sind insofern nicht ein reiner Rip-Off von Gaspard Augé und Xavier de Rosnay, sondern eher eine Iteration. Der französische Robotrock, bei all seinen Wurzeln in Bands wie Daft Punk und Laurent Garnier – ist ein relativ extremes, sehr zugespitztes Phänomen, eine Art Electro-Antwort auf den Nu Metal und insofern eigentlich relativ überschaubar – zumindest, was die reinen Bands angeht. Acts wie Digitalism, Simian Mobile Disco, Kitsune, Para One, Kavinsky und eine wahre Flut von DJs treiben den Trend binnen kürzester Zeit zu immer neuen Exzessen hoch . Extreme Breakbeats, verzerrte Analogsynths, ein Minimum an Vocals, brutal verarbeitete Samples und CutsCutsCuts, vor denen keine 1 sicher ist – Musik aus einem düsteren digitalen Zeitalter, in denen jeder Sound atomisiert, gesliced, zerlegt und neu zusammengebaut wird. Es ist das musikalische Pendant zum Extrem-Photoshopping und hat damt durchaus eine exhibitionistische Note. Die Sorte Musik – eben wie Metal – die du hörst, um nach außen Härte zu dokumentieren, umd eine Eltern zu schocken, um qua Musik toughness zu gewinnen. Musik an der Schmerzgrenze, die für die Kids heute ebenso identitätstiftend sein dürfte wie seinerzeit die Neubauten, Current 93 oder SPK. Es ist ein posthumaner Sound, der aus einem John-Carpenter-Film entsprungen sein könnte, Elevatormusic from Hell. Anders als Justice bieten die Epigonen von TBG wenig versöhnliche Harmonien oder freundlich-fröhliche Kindergesänge, ihr klang ist urbaner, härter, mehr Banlieues als Seine-Uferpromenade. Man hört der Platte an, dass sie Kind der MySpace-Generation ist, Ergebnis von Tracke, die hin- und hergeschickt werden, von den beiden Musikern selbst immer wieder einem permanenten Remix unterzogen sind. Sie wirkt etwas steriler und mehr out-of-the-box als man Justice im Kopf hat, wobei deren Debuttracks sicher auch reichlich unbedarft daherkamen, kein Vergleich mit der Größe eines Tracks wie Stress. Manbell und Kazubski  liefern den exzessiven Soundtrack für die hyperbeschleunigte Welt, für das Leben auf der Autobahn, für Kopfhörer mitten in der Nacht im Großstadtghetto. TBG verlieren mitunter an Überzeugungskraft, wenn sie versuchen, einerseits im Trend zu sein, andererseits «anders» zu wirken, aber Riffs wie bei Vacuum machen alles wieder gut – da ist viel Aphex Twin, da ist viel 80er Electro, da ist ein Hauch Punk und Wut… Cocotte bietet alles in allem trotz einiger Durchhänger großartige Voodootracks, die auch lange nach dem Abebben der French-Electro-Flut noch Kraft haben werden.

21. Mai 2008 10:06 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 2 Antworten.

Justice: E-Werk Köln

Meine hartnäckige These, dass französischer Elektrobratz im Grunde seines Herzens eigentlich Metal sein möchte, die Edbnger eben Headbanger sind, haben die Grenre-Gründerväter Gaspard Augé und Xavier de Rosnay von Justice im E-Werk deutlich bestätigt. Die gesamte Ikonographie der Bühne schwärmt von den untergegangenen Zeiten des Hair Metal – gigantische Marshall-Amp-Stacks links und rechts neben dem DJ-Pult der beiden, das von reichlich sinnloser Technik umgeben ist und dessen Mitte ein großes Kreuz ziert. Mehr 80er-Jahre-Metal, mehr Spinal Tap, geht kaum noch ohne schon wieder unironisch zu werden. Dass das Ganze nur Pose ist – ein Mädchen neben mir forderte (zu Recht) mehr Lautstärke bei dem Konzert, wenn doch da 18 Marshall-Boxen auf der Bühnen stehen – wird rasch klar, als aus den entkernten Gehäusen der Boxen einfach nur ein Lichtgewitter kommt. It’s just show. Das Augé auch persönlich an dem Abend aussah wie ein vergessenes Mitglied von Motörhead passt da nur ins Bild, ebenso wie die Arm-zu-Kreuzen-Posen des ansonsten gern mit fröhlichen Leuchtstab-Brillen herumwuselnden NuRave-Publikums, die eben auch ganz amtlich in jedes Mötley-Crue-Konzert gepasst hätten. Der Erkenntnis, dass Rave3.0 irgendwie eben doch wieder vorbei ist und dem hedonistischen Publikum was Neues geboten werden muss, tragen die Edbanger-Jungs denn auch mit dem finalen Stück, das dann endgültig unverbrämt Metal und Elektro vereint, Rechnung. Der Mainstream wird zwischendurch mit permanentem We are your friends… beschallt, einer Nummer, die ich nun absolut nicht mehr hören kann, die aber beim Publikum anscheinend trotzdem ordentlich Loveparade-artige Begeisterung hervorrief, während andere Tracks wie Phantom oder Waters of Nazareth eher ruhig hingenommen wurden. Augé und de Rosnay gehen mit der seltsamen Balance zwischen Hit-Wunder und Indie-Phänomen ironisch um, brechen einerseits D.A.N.C.E zur langsamen Ballade auf und hauen andererseits We are your friends als Running Gag bis zum Erbrechen als Sample über fast jeden Track, ohne den Song selbst je so ganz richtig durchzuspielen. Überhaupt remixen die beiden ihren eigenen Stuff ganz ordentlich, lassen Uffie-Vocals durchblitzen, mashen minutenlang irgendwelche 90s-Disco-Nummern unter die eigenen Beats und nehmen ihr Debut mehr oder minder als Spielzeug, das aufgefrischt aus der Box kommt.

Wie jedes Elektro-«Konzert» ist die Sache aber trotz aller dicken Beats irgendwie zu steril, zu tod, auf der Bühne passiert eigentlich nichts, die beiden Herren könnten auch gepflegt den Mix von DVD kommen lassen und während der 90 Minuten Konzert World of Warcraft spielen. Am Ende ist es also so wie ein Freitagabend in irgendeiner Indie-Electro-Disco, nur mit deutlich besseren Übergängen und wirklich perfektem Mixing, mehr ein DJ-Event in einer zu großen Halle als ein Konzert. Wobei man sagen muß – im Goethebunker etwa ists einfach lauter. Und verzerrter. Also eigentlich eben passender zu Metal. Vielleicht ist Justice einfach zu groß geworden für das, was es eigentlich ist – ein Indie-Phänomen, dass am besten in verschwitzten und viel zu engen Clubs passieren sollte, wo die DJs regelmäßig die Boxen durchbraten und die Leute betrunken crowdsurfen. Auf der Konzertbühne ist der Sound zu kontrolliert, nicht bratzig genug, und man merkt auch einfach zu schnell, dass die Jungs bei ihren eigenen Tracks einem sehr berechenbaren Kompositionsmuster folgen, eigentlich also musikalisch sehr sehr wenig zu sagen haben. Justice haben einen neuen elektronischen Sound dancefloorfähig gemacht, die zergeligen monophonen Bässe, die gesliceten Sounds, die defekten Klänge in neuer postindustrieller Glorie wiederbelebt und der längst totgeglaubten Elektro/Dancefloor-Sache neues Leben eingeprügelt, indem sie den öden TechnoHousebrei aggressiver, wütender, kaputter gemacht haben, Industrial, Metal und Elektro fusionierten. Das ist eine einzigartige, musikalisch fast historische Leistung und die Liste der Justrice-Epigonen ist schon lang gewesen, da waren die Jungs selbst noch fast unbekannt — aber als Mainstream-Act funktioniert die Sache einfach nicht. Als Musik für die kleinen Ladenmädchen, als reine Zerstreuung, wird dieses Phänomen zu Recht zugrundegehen müssen. So wie Metallica vom Thrash-Wegbereiter zum Chartskitsch mutierte. Es bleibt also auf den nächsten Act zu warten, der die Härteschraube noch etwas weiterdreht. Man darf gespannt sein, wie elektonische Musik klingt, wenn sie die gnadenlose kalte Perfektion erreicht hat, die Meshuggah im Gitarrenbereich produziert.

23. Februar 2008 21:09 Uhr. Kategorie Live. Tag . 2 Antworten.

Phoneheads und die Düsseldorfer Symphoniker Live Tonhalle Düsseldorf

Vor ausverkauftem Haus wiederholen die FutureJazzer von den Phoneheads ihr gemeinsames Experiment mit den Düsseldorfer Symphonikern. Was aber auf der CD-Veröffentlichung des ersten Konzertes erstaunlich homogen und überzeugend klingt, kann in der Tonhalle nicht begeistern. Mag sein, dass der Mix in den ersten Reihen stimmt, aber wir saßen seitlich von der Bühne, relativ weit vorne – und von den elektronisch generierten Sounds war fast nichts mehr zu hören, nur noch wenn die Bassnoises extrem laut wurden, kamen sie an. Ansonsten dominierte das Orchester den Sound – und vor allem die Drums von Sebastian Vogel. Obwohl der erkältet wirkende Drummer sich bemühe, möglichst leise zu spielen und trotz Schallwänden hat schon eine Hihat oder eine Ride-Bell nahezu das gesamte Klangbild derart dominiert, dass von kohärenter Musik wenig übrig blieb. Tracke, bei denen ein Hauptteil der Drums aus dem Computer kamen und Vogel nur ein Element beisteuerte (Wie etwa Roll that Stone) gingen so völlig unter. Cleveland Wattkiss Gesang wirkte vor diesem klanglichen Flickenteppich oft völlig deplaciert, nicht eingebettet, unüberzeugend, dünn. Der elektronisch-akustische Mix ist rein klangtechnisch so derart versaut gewesen, dass man eigentlich sein Geld zurückverlangen sollte. Ich weiß, dass die Tonhalle nicht einfach und der Mix von akustischen und elektonischen Klängen eine Herausforderung für den Tonmeistern ist. Ich weiß aber auch, dass es in der Tonhalle machbar ist, nahezu jeden Sitz so zu beschallen, dass ein einigermaßen homogenes Klangerlebnis für die Zuschauer gewährleistet ist – und nicht ein Brei, in dem die aus der PA kommende Hälfte der Musik nahezu unhörbar ist. Für uns war es also eher DüSy plus Sebastian Vogel, denn von Philipp Maiburg und Michael Scheibenreiter hat man so gut wie nichts gehört. Das Vogel zwar an sich ein solider Drummer ist, aber hier ganz deutlich hörbar Spielfehler, Aussetzer und uninspirierte Fills ablieferte, hat die Sache wirklich nicht sonderlich verbessert.

Die von Heike Beckmann ironisch anmoderierte Erste Symphonie für Orchester und Drum-and-Bass (wobei man während des gesamten Konzertes natürlich nicht einmal wirklichen DnB zu hören bekam ;-)) geriet dann streckenweise auch eher zum unfreiwilligen Beweis, dass Klassik und Elektronik eben NICHT zusammenkommen. Die Symphoniker und die Elektroniker fiedelten etwas unbeholfen nebeneinander her, jeweils einzeln etwas unüberzeugend, zusammen eher nach schneller Flickschusterei wirkend – es wirkte fast so, als wolle Beckmann beweisen, wie viel dichter und emotionaler die live gespielte Musik wirkt gegenüber der elektronischen Musik, die naturgemäß auf Programmierung und Struktur setzt und in der Dichte eines mehrköpfigen Orchesters nicht live und spontan gespielt werden kann. Das Finale kommt dann noch einmal druckvoll daher und ist einer der Höhepunkte des Abends, weil es endlich etwas zur Sache geht, und ein bisschen Bang auf die Bühne kommt, wo es sonst meist ein bisschen unbeholfen und steif zugeht – Laptop-Musiker gehören vielleicht eher in verqualmte Clubs oder zumindest in Kinderzimmer-Tonstudios, hier wirken sie seltsam alien.

Der Ansatz ist gut, die Umsetzung ist an sich solide, und der CD-Mix beweist, wie smooth das Ergebnis an sich sein könnte… vor Ort, in der Tonhalle, überzeugt der Sound-Mix überhaupt nicht. Es ist tatsächlich so, dass eine unterdimensionierte PA und ein eher unglücklich agierender Toningenieur den Abend ruinieren. Suppiger, dünner Brei, durch den sich gerade einmal die Philharmoniker durchsetzen, die Phoneheads aber nahezu verschwinden – das kann nicht die akustische Umsetzung einer gedachten Fusion sein. Zumal Beckmanns Symphoniker einfach nicht pointiert genug spielen, um quasi solo zu überzeugen – die Streicher schmelzen weich und poppig vor sich hin… nur den Beat, den Pop, den hörst du nicht und so wirkt es einfach eher süßlich, kitschig. Unter diesen Grundbedingungen ist man dann schnell etwas angenervt und findet zum Beispiel das wirklich endlos andauernde Vorstellen der einzelnen Musiker und Sektionen des Orechesters mehr als anstrengend. Das Publikum feiert – zu Recht – das Experiment an diesem Abend, aber Tatsache ist, dass du DnB nicht mit einer Anlage für einen mittleren Kindergeburtstag auf die Bühne bringen solltest. Manchmal ist mehr einfach mehr.

21. Februar 2008 10:41 Uhr. Kategorie Live. Tag . Keine Antwort.

Miss Kittin: Batbox

Back in Black – aus Paris meldet sich DJane und Musikerin Caroline Hervé zurück mit ihrem zweiten «echten» Album nach I com. Im gepflegten Emily-the-Strange-meets-Retro-Cramps-Style von Rob Reger designed, legt Batbox mit dem Hit Kittin is High los, der die Richtung des Albums vorgibt. Straighter, weniger verspielt, weniger experimentell als das punkige, trashige, wunderbare I com, immer noch geprägt von dem androgynsterilen Vocals von Hervé, straighter guter Dancefloorpop mit leichten NewWave-Anklängen, die bei Hervés Anne-Clark-Stimme ohnehin unvermeidbar sind. Da klingt vieles nach frühen Moloko und mancher Beat stampft im Früh80er-Feeling daher (Grace), insgesamt wirkt der Nachfolger leichter verdaubar als das Debut, leider auch weniger mitreissend, verspielt und weird, homogener, straighter durchproduziert, weniger Patchwork, auch mal akustische Bass-Sounds dabei. Das Ergebnis ist eine für eine DJane überraschend unhousige Platte, die in ihrem Feeling überraschend klar an Kittins Kooperation mit The Hacker erinnert. Batbox ist eine homogenere Platte, die trotz oder dank Pascal Gabriel irgendwie sympathisch nach Homerecording klingt, deren verspielter Sound  sich für Kopfhörer wie für den Dancefloor eignet und sie bringt Kittins schwebend-naive-coole-sexy Vocals bestens zur Geltung. Mehr als der Erstling zeigt Batbox Hervé als Songwriterin und Texterin, weniger als Spezialisting für die Tanzfläche. Obwohl ihre Vorliebe für Drumsounds der 80s und 90s schon zeigt, wo Kittin herkommt. Batbox remixed das Feeling des Mitachtziger DarkWave für die MySpace-Generation, mit einer gehörigen prise Ironie und Manga. Die abwechslungsreichen und bei aller Homogenität eben doch nie langweiligen WaveRaveDanceGoth-Songs beweisen, dass Kittins Ausflug von den Decks zum Mikrophon nicht nur eine Eintagsfliege war – ganz im Gegenteil. Wo auf I com der Gesang noch eher etwas scheu daherkam und hinter der Produktion versteckt war, trägt die Stimme hier oft ganze Tracks allein – Kittin ist als Sängerin bei sich angekommen und präsentiert sich als Act, mit dem langfristig  zu rechnen ist.

19. Februar 2008 09:33 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 4 Antworten.


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