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Simple

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29. August 2012 14:36 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

Vintage and the soul

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Bei einem schönen Vor-Ort-Job bei einem Architekten gestern ist mir bei der Durchsicht der Materialmuster etwas verblüffendes aufgefallen: Inmitten der vielen glatten, perfekten Oberflächen, der Photos internationaler Designmöbel und erlesener Stoffe gab es vor allem eins, was mich wirklich anzog, sogar dazu brachte, es in die Hand zu nehmen. Holz. Ein stinknormaler, langweiliger Holzscheit. Nichts besonderes, nur dröges Kaminholz. Es mag ein Symptom überzüchteter Designernerven sein, dass mich inzwischen solche Dinge – Treibholz, alte Holzkisten, Äste – so interessieren. Es mag die Beausage sein, die Holz innewohnt, der archaische Mangel an Verlogenheit des Materials, dem nur noch Leder in Sachen schöner Alterung gleichkommt. Es mag hier ganz konkret auch nur das ungeschliffene in der Ansammlung glattkühlen Designstuffs sein. In der Architektur, zumal in der Innenarchitektur gibt es ja nicht ohne Grund schon seit einiger Zeit einen Trend zu «Vintage», zum Verrockten und Verspackten, als Reaktion fast gleichlaufend, sinusartig um die kalte Geometrie der Postmoderne geschlängelt, als reaktionäre Geste irgendwo zwischen Nostalgie und einer wirklichen Sehnsucht nach «Ehrlichkeit», die wir uns selbst kaum zu erklären mögen. Ein Holzscheit, soviel ist sicher, ist nicht Made in China, nicht von einem Marketingteam A/B-getestet, ist in dieser reinen Form in einer Materialsammlung auch noch keine berechnende geplant-architektonische Geste, die einen Affekt triggern soll, kein smarter Kontrapunkt in einer nahtlosen Inszenierung. Als Designer und Architekt ist man dieser Selbstverständlichkeit von Natur und von vielen selbstverständlichen, meist alten Dingen fast ratlos – was willst du verbessern daran, wie verbindet man das Selbstverständnis eines Berufes, dessen Ziel eine artifizielle Aufladung von Realität ist mit der unwillkürlichen Aura von einem verdammten einfachen Stück getrockneten Treibholz. Das Holz in der Architektur inzwischen wieder auch massiv als Baustoff Verwendung findet und Bauholz-Tische inzwischen ja schon fast so etwas wie overused sind, ändert nichts daran, dass es gerade im Rohzustand – unbearbeitet – und im Bruch zum Umfeld seine Wirkung entfaltet. Der Holzfindling wirkt beruhigend, zeitlos, kontextfrei, seine Struktur und Oberfläche will nichts von dir und kann deshalb umso mehr einfach berührt werden, um die ungeplante, unbearbeitete Rinde zu erforschen. Wie der «Wilde» John in Huxley’s Brave New World wird das Holz so (unfreiwillig) zu einem Kommentar seiner allzu glatten Umwelt, der bescheiden hält. Ebenso wie es gut sein kann, einen groben Stein auf seinem Schreibtisch zu haben, ihn ab und zu in die Hand zu nehmen und zu verstehen, dass das beste Design nicht von uns kommt, sondern durch Zeit, Natur und Zufall entsteht – und somit (zumindest scheinbar) ganz von selbst, ohne menschliches Zutun. Das in den eigenen Händen immer mal wieder zu begreifen, ist ganz gut für die Seele.

28. August 2012 07:41 Uhr. Kategorie Design. Tag , , . Eine Antwort.

Track your life

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Einer der spannendsten Aspekte an der Äther-Revolution ist die von (ich glaube) Bruce Sterling vor langer Zeit vorausgesagte Ära der miteinander «plaudernden» Geräte. Der Parasitenmarkt rund um (derzeit vor allem) Apple und Android, die via WLAN, Bluetooth oder noch ganz altbacken per Kabel mit dem zentralen Gerät verbunden sind und Daten austauschen, wächst rapide. Dieser Trend unterstreicht, wie sehr sich Smartdevices als die von Apple vor fast zwei Dekaden mit dem Newton noch als peinlicher praecox angekündigter «personal assistant» etablieren. Unsere Musik, unsere Photos, unsere Lieblingslokale, unser Tagebuch, unsere Kommunikation mit Freunden – auf mitunter erschreckende Art und Weise zeichnen wir unser gesamtes Leben mit einem Verbund von kleinen technischen Geräten ab. Wir sind dabei naiv genug, uns nicht all zu sehr zu fragen, was all die Firmen machen, die unsere Daten freundlicherweise in der Datenwolke für uns aufbewahren und wie sicher die ganze Sache ist – obwohl genau diese Frage in Zukunft wahrscheinlich so wichtig sein wird wie in den 80ern die friedliche und militärische Nutzung von Nuklearmaterial. Es ist heute nicht mehr ganz unsinnig, dass wir in ein oder zwei Generationen nach dem Tod einen «Cutter» brauchen, wie in Omar Naims Film »The Final Cut« von 2004, bei dem zur Trauerfeier als Rememory eine vom Cutter gezielt editierte Fassung des von einem eingepflanzten Mikrochips aufgezeichneten Lebens des Verstorbenen gezeigt wird. Und machen wir uns nichts vor – von hässlichen Google Glasses zu einem Implantat ist wahrscheinlich nur noch ein kleiner Schritt, den vielleicht zuerst diejenigen tun werden, für die das Body-Morphing heute schon durch Piercing oder Tattoos zur Alltagskultur gehört.

Ein kleiner, aber signifikanter Trend hierbei ist das Body-Monitoring. Nach elektrischen Waagen, Blutdruck- oder Blutzuckermessgeräten und Apps, die den Schlaf «messen» sollen, kommt jetzt eine erste, noch eher belustigende erste Welle von Fitness-Trackern. Neben dem bereits wieder aufgrund baulicher Mängel eingestellten »Up« von Jawbone und dem im August erscheinenden, aber in der US-Kritik bereits sehr schlecht angekommenen »Fuelband« von Nike überzeugt hier vor allem das »Fitbit Ultra«.

Das etwa USB-große Gerät wird an Gürtel oder Hosenbund befestigt und fällt damit deutlich weniger auf als bisherige Armband-Lösungen. Der Sensor funktioniert im Grunde wie die damit scheinbar wieder en vogue seienden Pedometer aus den 80ern, er misst einfach die Schrittzahl und die relative Höhe, so dass auch (sehr vage) erklommene Stockwerke angegeben werden. Mit dem dünnen Klettband kann der Clip auch nachts am passiveren Arm getragen werden und trackt dann Bewegungen im Schlaf und tut dies zumindest verlässlicher als vergleichbare Apps, die mit dem iPhone-eigeneren, weniger empfindlichen Sensor arbeiten. Via USB an den Rechner angeschlossen ist die Basisstation des Sticks, die nicht nur zum Laden des mehrere Tage ohne Laden funktionierenden Akkus dient, sondern auch wireless alle 15 Minuten Daten über das im Fitness-Geräte Bereich oft übliche ANT empfängt, sobald der Stick sich einige Meter in Nähe der Station befindet. Die Daten werden auf einer an nike+ erinnernden Site und auf einer enorm unbefriedigenden App dargestellt, außerdem kann sie – wie bei Withings und anderen Anbietern – von manchen Apps von der Site importiert werden. Aber auch direkt am Gerät wird die Aktivität angezeigt – der Stick zeigt mit einem dezenten OLED nicht nur aktuelle Uhrzeit, sondern auch Schritte, zurückgelegte Kilometer, verbrannte Kalorien, Stockwerke und eine Art motivierende »Blume«, die je nach aktueller Aktivität mal kürzer und mal höher wächst. Was er seltsamerweise nicht zeigt, ist der Akkustand. Das Gerät meldet sich zwar, wenn der Akku bedrohlich leer ist, aber dennoch erscheint diese Info sollte eigentlich zumindest so wichtig sein wie eine diffuse Fitness-Blume (die man in den Optionen übrigens deaktivieren kann). Das samtmatte Finish des Gerätes ist angenehm und die Außenhülle wirkt robust genug für sportliche Aktivitäten. Etwas besorgniserregend ist, dass ausgerechnet ein als Clip angelegtes Gerät die Naht exakt in der Mitte hat, die man ja permanent aufbiegt – das sieht etwas nach Sollbruchstelle aus.

Was sich mit dem Fitbit Ultra und vor allem bei Nike mit dem fuelband abzeichnet, ist die Transformation von Sport in den digitalen Lifestyle. Bereits diese oft noch prototypenhaft naiven Geräte sind schon so ausgelegt, dass man über soziale Netzwerke seine Leistungen austauschen und vergleichen kann – das Leben als permanenter Wettbewerb. Diese »Gamification of Life« ist ein sich seit etwa zwei Jahren sehr stark abzeichnender Trend, bei dem foursquare es beispielsweise geschafft hat, das Menschen sogar schon beim Betreten des Supermarkt meinen, diesen »besitzen« zu müssen, um dort nach Möglichkeit Bürgermeister zu werden. Was noch etwas in den Kinderschuhen steckt, hat weitreichende Folgen: Die mit digitalen Spielen groß gewordene Generation ist bereit, das gesamte Leben als Spiel-Metapher zu begreifen, sofern eine begleitende Software ihr das nahelegt. Restaurantsuche, Jogging, Schlaf – alles Elemente eines Spiels namens Leben. Die aufkommende Welle von »augmented reality»-Apps und die zunehmende Verletzbarkeit solcher Datenströme dürfte diesem Trend weiteren Aufschub geben, zumal wir sicher sein dürften, dass die Industrie sich darauf stürzen wird. Ich wundere mich heute schon, warum Supermarktketten nicht Gowalla und foursquare aktiv für Kundenbindungsaktionen nutzen, warum Arbeitgeber nicht Apps gezielt für die Mitarbeiter entwickeln, um Unternehmensziele spielerisch und im Wettbewerb der Angestellten untereinander zu erreichen – der Angestellte des Monats kriegt so eine ganz andere Dimension. Oder warum Krankenkassen fitbit und fuelband nicht an ihre Mitglieder verteilen, um diese dann online «tranken» zu können. Oder warum der Hersteller eines Smartdrinks nicht eine Social App entwickelt, in der man Gewinner ist, wenn man möglichst viel konsumiert und man Videos hochladen kann, wie man Produkt X isst oder trinkt. Man muss nicht allzu zynisch veranlagt sein, um zu sehen, dass in der schönen neuen Welt der Smartphones Entwicklungen auf uns warten, die aus heutiger Sicht vielleicht noch so bizarr klingen wie vor vielleicht 10 Jahren die Vorstellung, dass ein Talkshowgast permanent auf seinem Handy herumtippt.

Es ist aber so, dass die Idee des »Wettbewerbs« aus der neoliberalen Ökonomie Einzug in den Alltag gefunden hat. Hochgezüchtete Sport-Events und Casting-Shows haben die Idee, dass es nur einen Sieger und viele Verlierer gibt, in den Alltag transportiert, selbst Grundschülerinnen haben heute schon die Mentalität hinter «Germany’s Next Topmodel» inhaliert und sind auf lebenslangen Wettbewerb um die knappe Ressource Aufmerksamkeit programmiert. In den Schulen wird ohnehin bereits die Performance, die (Selbst-)Präsentation zunehmend wichtiger, auch weil diese Fähigkeit im Berufsleben immer entscheidender wird, die Kunst des Eigenmarketings. Als Teenager hast du das heute schon früh verstanden, wenn Wohl und Wehe nicht mehr von der Schuhmarke abhängt wie früher, sondern von der Anzahl deiner Follower bei Facebook oder Twitter oder dein Klout-Index. Die Idee von Big Brother, dass ein maximaler öffentlicher Striptease zu einer Art von Proto-Prominenz führen kann, ist heute im Feuilleton angekommen und hat etwa Charlotte Roche zur Bestseller-Autorin gemacht. In diese Wirklichkeit passt es seltsam hinein, dass jeder Aspekt des Lebens dokumentiert und geteilt wird, als Teilnahme an einer Art digitaler Teilhabe an einer zweiten Wirklichkeit, die das Leben als Statistik aus Bildern, Tönen, Werten gefiltert aufbereitet. Wie oft warst du ausgehen? Wie viele Bücher, Filme, Platten hast du konsumiert? Bist du ein Sesselhocker oder aktiv? Ernährst du dich gesund oder eher nicht?

Dahinter steckt zweierlei – zum einen eine fast dystopisch anmutende Idee einer Wirklichkeit, in der nicht mehr der Big Brother uns aushorcht, sondern wir mit größter Freiwilligkeit die letzten Details unseres Lebens veröffentlichen und damit der Industrie zur Profilierung abtreten, eine Realität von Selbstdarstellern, die (wie ich) vielleicht (wahrscheinlich) irrigerweise annehmen, jeder ihrer Gedanken und Handlungen sei es nun unbedingt wert, geteilt zu werden. Wir sind ohne Zweifel nicht auf dem Weg in diese Wirklichkeit, sondern längst dort angekommen und das binnen nur einer Dekade. Auf der anderen Seite entstehen hier Schnittstellen zwischen analoger Wirklichkeit und digitaler Welt, die eine Entgrenzung bedingen. Der Computer wird durch diese Entwicklung ein fast biologischer Teil unseres Seins und unserer Wahrnehmung von Wirklichkeit, so nahtlos und schnell, dass die Osmose in unseren psychosozialen Alltag fast unwahrnehmbar ist. Auch wenn in der Diskussion die Beschleunigung des Lebens durch Smartphones und Social Media kontrovers diskutiert wird, in Wirklichkeit greifen sowohl Schwarzmaler als auch Technophile zu kurz.

Und genau deshalb sind kleine unscheinbar-freundlich-bunte Blobjects wie der fitbit-Stick so phantastisch. In ihnen schleicht sich eine Revolution mit aufreizendem Augenaufschlag und wunderbarer Selbstverständlichkeit in unser Dasein. Mit der WLAN-Waage, dem iPhone-Blutdruckmessgerät, der Video-Cam in der Brille zeichnen wir unser gesamtes Leben lückenlos auf und die Datenmenge wird schon bald jeder bessere Cloudserver auch wirklich hosten können. Photo und Video werden nicht mehr dem Festhalten des vermeintlich Besonderen dienen, sondern dokumentarischen Charakter haben. Wir alle werden Dokumentarfilme, Regisseure, Darsteller in der Soap des eigenen Lebens. Wir alle, auch das, inszenieren uns, stellen uns zur Schau. Dazu passt vielleicht, dass immer mehr Menschen gleichzeitig zunehmend leiden an der Differenz zwischen dem, was man nach außen präsentieren zu müssen meint und dem, was innerlich gefühlt wird. Die Frage ist also, ob die technologische Form von Gedankenübertragung in Echtzeit, die uns digitale Medien erlauben, zu einer verlogeneren Gesellschaft führt, in der jeder meint, eine Fiktion leben zu müssen, also einer Form von Gegeneinander, in der jeder jeden im Wettbewerb toppen muss… oder sie zu einer wirklich transparenteren, offeneren Diskurschance führt, einem Miteinander. Anders gefragt: Benutzt man den fitbit, um mit gegangenen Kilometern anzugeben oder will man nur die Wirklichkeit messen und teilen?

Kleines Update 08/12: Nach knapp zwei Monaten ist das Display des Fitbit Ultra defekt, erst zur Hälfte, dann komplett dunkel. Momente, in denen man froh ist, bei Amazon gekauft und unkompliziert gegen ein Neugerät umtauschen zu können. Ansonsten übrigens bisher eine sehr angenehme Erfahrung, den fitbit zu benutzen. Auch wenn er nicht wirklich supergenau ist, ist es nicht uninteressant zu sehen, wie sich Aktivitäten am Tag verteilen usw.

27. Juni 2012 09:49 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , , , , . Keine Antwort.

Something inspired you…

Everybody says: «I created that». Well, what do you mean you created that? Something inspired you, something led you down that path, something pushed you forward and you discovered it. You realized it, you put it together, but did you really create it?

Awareness, inspiration, interpretation, evolution.

Thomas Keller, GQ Magazine (US)
Juni/Juli 2011

12. Juni 2012 11:25 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Eine Antwort.

Interfaces

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Eine der größten Revolutionen in der Kommunikation mit Computern ist neben der Rolle, die Computer im Alltag zunehmend fast beiläufig und wie selbstverständlich spielen, dass wir nicht mehr mit den gewohnten Interface-Schnittstellen arbeiten, die dem Menschen die Logik einer von der Schreibmaschine abgeleiteten Interaktion aufzwingen, sondern die digitalen Schnittstellen so rapide und grundlegend den menschlichen Sinnen und Werkzeugen entgegen kommen, dass eine Unterscheidung zwischen »analog« und »digital« zunehmend obsolet wirkt. Berührung, Stimme, handschriftliche Zeichen oder sogar Blicke – obwohl die meisten Technologien oft noch rudimentär wirken, hat sich bereits durch diese Ansätze der Umgang mit, vor allem aber das Denken über Software-Interaktionen grundlegend geändert.

Hand
Vor nicht einer Dekade noch komplett in den Kinderschuhen, ist die Steuerung von Software durch Berührung(en) heute längst zu einem Quasi-Standard geworden. Musste man bis vor einigen Jahren noch mit einem Stift auf einer Art Plastikbildschirm herumtippen, Soseins moderne kapazitative Glasdisplays in der Lage, Bewegungen und multiple Berührungspunkte zu deuten, durch Gyroskop und Accelorometer sogar eine Art Anschlagstärke zu ermitteln (etwa bei Garageband). Samsung hat diese Technolgie gerade erst auf der CES 2012 auf Fenstergröße übertragen. Obwohl erst wenige Jahre verfügbar, hat dieser Ansatz zusammen mit fast rahmenlosen, leichten, tragbaren Devices zu einem kompletten Umdenken über Interfaces geführt. Ein Programm ist nicht mehr ein über die Maus-Tastatur-Metapher gesteuerte abstrakte Lösung in einem Monitor, ein Programm simuliert heute das, was es als Lösung anbietet und wird so als Programm unsichtbar. Ein Taschenrechner sieht aus und bedient sich wie ein Taschenrechner, ein Notizbuch sieht aus wie ein echtes Büchlein, beim virtuellen eBook lassen sich die Seiten umblättern als wären sie fast echt, ein DJ-Mischpulte bietet Plattenteller und Mischpultregler und so weiter. Es gibt zwar noch Menüs, aber auch diese wirken eher wie eine Übergangslösung, ansonsten: keine Tastaturkürzel, keine rechten oder doppelten Mausklicks – sondern eine möglichst approximative Simulation, die optisch aber auch von der Bedienung her daran gemessen werden kann, wie »echt« sich die Bedienung anfühlt.

Apple wurde – auch von mir – für die etwas kitschigen Nutzer-Interfaces von iCal und Co. gescholten, aber tatsächlich ist diese Annäherung an das Echte nur konsequent bzw. der sinnvolle erste Schritt zu »Simulacra-Softwares«. Das iPad kann bereits jedes Kleinkind bedienen, weil das unmittelbare Bedienen durch Drücken, Ziehen und andere Gesten mit den dazugehörigen Effekten der Lernfähigkeit der menschlichen Natur entspricht, Cause-and-Effect kennen wir ja auch aus der realen Welt. Angeblich fangen ja die ersten an Tabletts gewöhnten Kleinkinder bereits an, enttäuscht zu reagieren, wen sich echte Bücher eben nicht auf einen Tap hin öffnen oder reale Gegenstände nicht wie virtuelle auf Berührung reagieren und eine Animation starten. Dabei ist das Herumtasten auf einer kalten Glasscheibe sicher nur ein erster Schritt zu berührungssensitiver Kontrolle von Software-Interfaces. So wie es über kurz oder lang unweigerlich 3D-Displays geben wird (und ansatzweise ja bereits gibt), werden wir auch Bildschirme haben, die auf Berührung mit einer Art von Widerstand Feedback geben können und die unterscheiden können zwischen verschiedenen Abständen zum Display (Hover) bzw. auch direkt auf die Stärke des Anschlags. Die jetzt sehr eindimensionale Touch-Fähigkeit wird sich also nach und nach erweitern, bis die Displays nicht nur visuell einen realen Gegenstand simulieren können (und dies mit hochauflösenden Displays zunehmend an der Grenze, an der das menschliche Auge zwischen »echt« und »unecht« nicht mehr unterscheiden kann, d.h. keine Pixelbausteine mehr sichtbar sind), sondern auch haptisch. Nutzen wir einen virtuellen Taschenrechner, wird er nicht nur aussehen und klingen wie »real«, sondern auch die dimensionale Tiefe (3D) haben und sich anfühlen als würden wir auf einem echten Gegenstand Zahlen eingeben, nicht auf der bloßen planen Display-Simulation des Gegenstandes. Die Tasten werden spürbar nachgeben und einen Druckpunkt haben, sie können eventuell durch virtuellen Schweiss und Dreck »rubbelig« werden, sie können sich nach Gummi oder Hartplastik anfühlen. Es wird ein längerer Weg über zahlreiche Zwischenstufen sein, bis man wirklich sensorisch überzeugende Simulationen erzeugen kann, aber es wird sehr wahrscheinlich kommen – wodurch automatisch Abnutzung zu einer Frage der Programmierung wird.

Schon jetzt ist es so, dass ein iPad, iPhone oder Android als »opportunistische« Devices an sich nahezu unsichtbar werden und in einer Art Camouflage alles tut, um sich selbst unsichtbar zu machen und uns zu überzeugen, dass wir einen Photoapparat, ein Buch, eine Klaviatur usw. vor uns haben. Es ist evolutionär nur logisch, dass die Geräte diese Camouflage perfektionieren werden, denn am Markt werden die Anbieter erfolgreich sein, die mit immer neuen Features noch »realistischer« werden. Sowohl Apple als auch Microsoft (mit Windows 8) bauen bereits jetzt auch bei klassischen Desktop-Geräten die Touch-Metapher aus, was bei diesen zunächst hölzern und befremdlich wirkt. Was auf dem Pad sinnfällig ist, wirkt über ein Touchpad nach wie vor zu umständlich – dieser Umstand ist ein Symptom für den Übergang vom »klassischen« Computerparadigma, an dessen spezifische Interface-Metahern wir uns gewöhnt haben, hin zu einem neuen Paradigma, dass die Vorstellung dessen, wie wir mit Computern interagieren, neu definieren wird.


Stimme
Apples »Siri«-Stimmerkennung und -kontrolle ist von Google nicht ohne Grund als revolutionäre Veränderung im Umgang mit Computern (und eben Suchmaschinen) beworben worden. Wo Kommunikation mit dem Computern in den Grenzen der Software (und abgesehen von Abstürzen) bisher weitestgehend sicher und eindeutig war – zieht mit Siri die Fallibilität, das Missverständnis, die Doppeldeutigkeit, eben eine Art »Fuzzyness« ein, die erstmals zu einer Art von Dialog führt, bei der der Computer sogar via verbaler Feedbackschleifen rückfragen kann (und muss!), was der Nutzer denn da eigentlich gemeint haben könnte. Siri ist deshalb natürlich noch – obwohl bereits verblüffend leistungsstark, vor allem in der englischsprachigen Version – eine Art Spielerei, die mehr zu Fehlschlägen und Umwegen als zu einer echten Effizienzsteigerung führt. Es ist nach wie vor ärgerlich, wenn beim Diktat Siri nicht reagiert und man ganze Sätze verliert oder wenn eine einfache SMS vier verschiedene Befehle und Anläufe braucht, bis sie stimmt.

Aber bereits heute gibt es Situationen und Kontexte, in denen Spracheingabe natürlicher und schneller wirkt als der Touchscreen, zumal Siri ohne den Start dezidierter Programme läuft, sondern sich an den User-Bedürfnissen orientiert und die Programme dann selbst auswählt und startet – im Vordergrund steht also was der User will, nicht welches Werkzeug dazu verwendet werden muss. Ich starte also nicht den Browser, um etwas zu suchen, sondern die Software »entscheidet« dies selbst. Diese Art von AI, konsequent zu Ende gedacht, dürfte die Art, wie wir mit Maschinen interagieren, umwälzen und sozusagen renaturalisieren. Nicht nur in dem Sinne, dass wir ganz im Stile von SF-Filmen demnächst Maschinen per Zuruf steuern, sondern weil diese Steuerung wieder analoger (oder zumindest doch simuliert-analoger) wird. Während in den letzten drei bis vier Dekaden wie nie zuvor die visuellen Sinne in den Vordergrund gestellt wurden und wir uns sozusagen evolutionär an diese Verknappung angepasst haben, also Seh-Wesen geworden sind, darf nun der auditive Kanal wieder zum Zuge kommen. Noch ist Siri in der Benutzung dabei eindimensional. Nutze ich die Sprach-Software, wird der visuelle Kanal förmlich abgeschaltet, ich kann nicht auf der visuellen Eingabeebene simultan andere Dinge tun, also etwa einen Text diktieren und gleichzeitig im Web surfen per Touch oder Software per Touch und Stimme kontrollieren, also etwa in Photoshop mit einem Pen oder auf dem Display direkt arbeiten und dabei per Stimmbefehl Werkzeuge auswählen oder Bildeffekte anwenden (»20% mehr Kontrast«). Es ist immer entweder Stummfilm oder Hörspiel. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass ein stimmbasiertes und dialogorientiertes Interface einen Paradigmenwechsel darstellt, den die Kids, die Siri mit dummen Fragen auszutricksen versuchen (und dabei der Anthropomorphisierung ihrer Hardware auf den Leim gehen, also bereits Interaktionen starten, die sie per Maus/Tastatur niemals so in Betracht ziehen würden), gar nicht verstehen bzw. hinterfragen und der genau deshalb so grandios unsichtbar und sanft stattfindet – ähnlich wie es ja klug war, uns das Cloning als Technologie in Form eines harmlosen Schafes zu präsentieren.

Wir werden erst in einigen Jahren wahrnehmen, wie zentral dieser Shift war. Mit der Stimmkontrolle fällt prinzipiell die Hardware als Interface-Element weg. Es muss nichts mehr »bedient« werden, es gibt keine Tasten zu drücken, keine Zeiger zu bewegen – die Interaktion mit Maschinen wird bei ausgereifter Spracherkennung möglich, ohne ein Werkzeug dafür bedienen und erlernen zu müssen. Der Mensch nähert sich nicht mehr dem Rechner an, sondern umgekehrt.


Schrift
Auf der gleichen Ebene liegt die Entwicklung der Schrifterkennung, die sogar technisch ähnlich gelagert ist, weil hier schnelle Webanbindung und OCR auf leistungsfähigen Servern die ehedem hohen Hardware-Anforderungen für lokale Rechner deutlich gesenkt haben. Ein mobiler Prozessor könnte keine vernünftige Stimm- oder Schriftdechiffrierung leisten, ein kraftvoller Server und ein schnelles Internet aber sehr wohl – die Rechenpower wird einfach ausgelagert. Seit Dekaden ist die eigentlich ja als technische Notlösung zu denkenden QWERTZ-Tastatur der Standard bei der Texteingabe. Ursprünglich entwickelt, um durch eine eben möglichst ungewohnte nicht-alphabetische Tastaturanordung das Schreiben so zu verlangsamen, dass die anfälligen frühen Mechaniken nicht blockieren konnten, haben wir uns so sehr an dieses Layout gewöhnt, dass wir damit aufgrund der Übung oft spürbar schneller und anstrengungsloser schreiben als mit der Hand, so sehr, dass die Handschrift langsam auszusterben droht.

Dennoch kommt die manuelle Eingabe von Schrift und Zeichnungen in den letzten Jahren in eine Art Renaissance – Techniken wie der Livescribe Echo Smartpen oder der Wacom Inkling machen es möglich, unterwegs zu schreiben oder skizzieren, ganz altmodisch auf Papier, und später mit digitalen Daten weiterzuarbeiten. Ob die audiovisuelle «Pencast»-Verknüpfung des Livescribe, der mit einer Kamera auf speziellem Papier die Handschrift aufnimmt und zugleich Ton aufnehmen kann und insofern z.B. für Notizen bei Meetings nahezu ideal ist oder die sich eher an Künstler wendende (und noch nicht ganz ausgereifte) Inkling-Idee eines «Funk»-Stiftes… beide Ansätze können noch nicht hundertprozentig überzeugen. Der Echo-Pen ist klobig und das Schreiben mit der Kugelschreibermine relativ unergonomisch anstrengend, der Inkling zwar kleiner, aber weniger leistungsstark und zudem (noch) relativ unzuverlässig. Dennoch ist es natürlich phantastisch, handschriftliche Notizen, plus einer Aufzeichnung des tatsächlich zeitgleich Gesagten einfach digitalisieren zu können und dabei die Handschrift noch mit einer soliden Trefferquote in MyScript in «getippte» Schrift umwandeln zu können.

Auch hier noch befindet sich die Technik in einer Art Gestationsphase, der man aber bereits anmerkt, welches Potential freigelegt werden kann, wenn ein normaler Schreibakt auf Papier (bzw. auf einem Display, das Papier emuliert) die Tastatur verdrängt. Ein Beispiel für dieses Potential ist die OCR-Engine des Online-Archivs Evernote, das nicht nur die verschiedensten Eingabemedien «schluckt», sondern vor allem auch in jeder Art von Bild, egal ob Photo oder PDF mit handschriftlichen Notizen, nach lesbarem Text sucht und diesen für die Volltextsuche bereitsstellt, also die Welt in Photos «ausliest». Diese serverseitige state-of-the-art-OCR erkennt in Sekunden selbst Worte zuverlässig, die ich selbst kaum noch entziffern kann. Zwar gibt Evernote (unverständlicherweise) bei Handschrift die Ergebnisse nicht als Text aus, sondern nutzt sie wirklich nur für eine Suchfunktion… aber wie gut auch die unlesbarste Schrift hier verlässlich gedeutet wird, zeigt, wie weit die Technik hier ist und wie sehr die Grenzen zwischen Spracheingabe, Tastatur und Stifteingabe hinfällig werden. Wie auch immer wir Informationen eingeben werden – die Devices werden lernen, uns zu verstehen.


Bio-Interfaces
Haptik, Stimme und Schrift sollten bereits genügen, um in den kommenden Jahren die Morphologie der Mensch-Maschine-Kommunikation völlig umzuwälzen. Die Möglichkeiten der kommenden Dekade dürften bereits halten, was SF-Filme noch vor 20 Jahren versprachen, von der Realität des Spielberg-Thrillers «Minority Report» sind wir nicht mehr weit entfernt, zumindest nicht in Sachen Interface-Technologie (Fliegende Autos und Jetpacks lassen nach wie vor auf sich warten.) Bereits jetzt deutet sich aber auch ein weiterer, tiefschürfender Umbruch an, der den gesamten menschlichen Körper zum Interface deklariert. Sanfte Vorläufer sind Waagen und Blutdruck- oder Glucosemessgeräte, die Biodaten an Software übermitteln, Kameras, die mit einem Lächeln ausgelöst werden oder die Gesichter von Freunden automatisch erkennen und für den Autofocus nutzen oder auch Gadgets wie das Jawbone Up, das (wenn auch noch unfassbar primitiv) Bewegungssignale ermitteln und an das iPhone übertragen kann. Auch DSLR-Kameras können ja heute bereits analysieren, wohin wir durch den Sucher blicken und auf das, was unser Auge ansieht, automatisch scharfstellen.

Unsere Vitalzeichen, wie lange wir schlafen, unsere Stimmungen und Ernährung werden über kurz oder lang zunächst nur im Sinne reiner Datensammlung, mittelfristig aber auch als Steuerparameter direkt von Softwares genutzt werden. Dies wahrscheinlich zunächst im spezialisierten Bereich – etwa von Pflegerobotik oder Überwachungssystemen in Krankenhäusern -, sehr bald aber auch im privaten Segment… schon jetzt verkaufen sich Apps und Gagdgets für das Self-Monitoring ausgezeichnet. Was man sich zunächst so einfach denken kann wie Kochbuch-Applikationen, die auf anderenorts gesetzte Diätwerte und -ziele reagieren oder ein iTunes, das auf Stimmungen oder beim Jogging auf das Pulstempo reagiert, öffnet zwei neue Perspektiven… die Nutzung des gesamten Körpers als Interface und die Nutzung des Gehirns im Speziellen. Das Body-Interface kann natürlich bedeuten, dass Software aktiv auf größere Bewegungen, Gesten, Vitalwerte, aber auch auf Geo-Daten und Zeitdaten reagiert (so wie jetzt ja schon Reminder-Softwares aktiv auf GPS-Daten anspringen und uns im Supermarkt die Einkaufsliste zeigen). Der physische Körper und sein Umfeld werden so zu Eingabe-Matritzen der Software. Was der Mensch wo und wann macht, wird zum kybernetischen Steuerimpuls.

Der andere Aspekt, die direkte Schnittstelle ins Gehirn, klingt aus heutiger Sicht nach SF, selbst wenn in der neuronalen Steuerung von Implantaten und Prothesen in den letzten Jahren ebenso sprunghafte Fortschritte gemacht werden wie in der «Geodäsie» der Gehirnfunktionen. Die Idee, direkt aus neuronalen Strömen heraus Software zu steuern bzw. von dieser auch unmittelbar, unter Umgehung anderer Sinnesorgane, Eindrücke vermittelt zu kriegen, mag heute noch abenteuerlich klingen. Aber das, was wir heute Smartphone nennen, war bis vor 50 Jahren auch noch auf Serien wie StarTrek begrenzt (»Navigator«) und dabei deutlich kruder und begrenzter als die heutige Realität, die jedermann frei zugänglich ist. Umgekehrt waren in den 60er Jahren Körpermoddings, die heute für jeden Teenager zum Alltag gehören, undenkbar. Wer hätte zu Zeiten von Truman oder selbst Kennedy geglaubt, in welchem Maße Piercings, Tattoos und anderen Selbstverstümmelungsstrategien reguläre, ja fast langweilige Modephänmene werden würden – wer hätte zu Zeiten von »Mad Men« voraussehen wollen, dass es heute einen Boom zur elektrische Zigarette geben würde? Will man da heute wirklich noch ernsthaft bezweifeln, dass Google Translation irgendwann so effektiv sein wird, dass wir uns in Echtzeit grob in fremden Sprachen werden unterhalten können – per Spracherkennung, serverbasierter Übersetzung und Sprachausgabe? Marshall McLuhans 1969er Vision einer telepathischen Welt, in der – über das hochraffinierte Werkzeug Computer, das alle anderen kruderen Werkzeuge überschreibt – ein «universales Verständnis» möglich wird, ist zum Greifen nahe.


Der siebte Sinn
Das Interessante an all diesen Entwicklungen ist, dass sie sich dem Menschen zuneigen. Anstatt uns seltsame krude Werkzeuge aufzuzwingen, nähert sich Maschine und Software immer mehr unseren ureigentlichen Kommunikationswerkzeugen an. Tastatur und Maus weichen Gestik, Handschrift, Stimme und Auge, die Lernkurve für die »Steuerung« von Software wird immer flacher, ähnelt immer mehr biologischen Prozessen. Die Maschinen werden biomorph. Man darf diese Entwicklung durchaus kritisch sehen, vor allem wenn sie primär gewinnorientiert und ohne ethische Kontrolle abläuft, wird sie aber kaum mehr zurückdrehen können. Der Computer – und noch viel mehr der Äther des Web – sind Büchsen der Pandora, die nur vielleicht ein verheerender Krieg oder eine andere Katastrophe kurzfristig wieder verschließen würde. Positiv gesehen aber fallen hierdurch technologische Krücken weg, die wir seit Gutenberg benutzen, um umständlich eine Brücke zwischen Massenkommunikation und individuellen Ausdruckspotentialen zu schlagen.

Phoneme, Alphabet, Druck, selbst Schallplatte und Video sind nur Faustkeile… und je fortschrittlicher die biomorphen Interfaces werden, um so einfacher und unkomplizierter wird unsere Kommunikation untereinander und mit Maschinen werden. Der Clou dabei ist, dass das Medium sich dabei auflöst. Der Rechner als große Konvergenzmaschine, der sämtliche medialen Ausdrucksformen binär zerhäckselt und völlig neu zusammenstückeln kann, dem es denkbar egal ist, ob er nun Musik oder Bilder, Schrift oder Töne in 0 und 1 auflöst, wird in den kommenden Jahren selbst unsichtbar werden. Bereits das iPad bricht mit der Metapher des »Computers«, ja des technischen Gerätes schlechthin. Abgesehen von einem in Zukunft wahrscheinlich zusätzlich verschwindenden Minimum an Knöpfen ist es als technisches Utensil nicht zu erkennen – die Eigenbedienung ist ein Minimum, das gerät verwandelt sich durch die Software in was immer auf dem Bildschirm an sich gezeigt wird… wobei das Wort «Bildschirm» schon fast in die Irre führt, wenn das ganze Gerät nur noch ein Screen ist.

Die Frage, inwieweit Computer und Web noch als solche wahrnehmbar sind, wenn es nicht einmal mehr den Bildschirm gibt, sondern osmotische oder sogar direkte neuronale Verbindungen für selbsttätige Steuerungsmechanismen sorgen, die intuitiv, instinktiv genutzt werden können, stellt sich kaum: Was heute noch «externe» Medien sind, würde tatsächlich zur symbiotischen Sinneserweiterung, zu einem siebten, achten, neunten Sinn. Wohin sich das entwickelt sieht man schon heute, wenn Leute bei Gesprächen Fakten kurz googlen, mitten in einem Film mit IMDB nach Trivia suchen oder oft zwar durchaus in der echten Welt anwesend, aber simultan auch in Facebook oder Twitter oder Instagram aktiv sind. Diese Form von Multitasking wird ein Standard werden, eine Art Layer, das sich über die normale Kommunikation legt und durch den Wegfall klassischer Interface-Hardware quasi unsichtbar wird, die Form eines internen Monologs annehmen kann.

Wir sind bereits heute permanent online – in Zukunft kann das aber ein Teil der tatsächlichen Wahrnehmung von Welt sein, was heute grobmotorisch als Augmented Reality vermarktet wird. Konsequent zu Ende gedacht, wäre ein derartige nahtlose Verbindung mit Hard- und Software eine Erweiterung unserer mentalen Möglichkeiten, für die wir Menschen sozusagen Anlauf und Training brauchen, weil unser Gehirn sich den Möglichkeiten wird anpassen müssen (so wie es ja bereits jetzt langsam notgedrungen neue Selegierungsstrategien gegen den Zerstreuungsmechanismus einer vernetzten Welt entwickelt, wobei uns wieder Software gegen die Gefahren anderer Software zur Seite springt…). Diese Sinneserweiterung wird auf eine Art begrenzte elektronische Telepathie hinauslaufen – du wirst ohne Bildschirm, ohne Tastatur, ohne »Gerät« in irgendeinem Sinne wissen, ob es Freunden eine halbe Welt entfernt gerade gut oder schlecht geht. Und es läuft auf eine sanfte Allwissenheit hinaus – weil der Wissensschatz des Webs nicht mehr per Suchmaschine erarbeitet werden muss, sondern ebenso neural einfach »da« ist wie andere Informationen und Erinnerungen ja auch. (Spannend und erschreckend wird die Frage, wie Werbung dann wohl funktioniert…)

Obwohl ich nicht sicher bin, inwieweit unsere Generation solche biotechnologischen Verschmelzungen noch miterleben wird, zeichnen sich solche Lösungen logisch ab. Zum einen werden Prozessoren, wenn sie weiter hohe Leistungssprünge bringen wollen, irgendwann biologisch funktionieren müssen, zum anderen stellen Interfaces wie Displays und Tastaturen die größte Hürde für den Verkleinerungstrend von Elektronik dar. Die Prozessoren und Speicher selbst sind längst winzig – nur der Mensch braucht eine gewissen Bildschirmgröße und seinem Körper entsprechend große Eingabewerkzeuge, um mit dem Rechner in Dialog treten zu können. Die Vorstellung, dass Hersteller früher oder später den gordischen Knoten durchschlagen und weitestgehend auf Hardware verzichten werden, ist also naheliegend. Die Vorstellung davon, wie diese Art von direkter Wahrnehmung von softwarebasierten Angeboten als «Sinn» sich anfühlen mag, wie es sein könnte, wenn Informationen, aber auch Spiele, Musik, Filme usw. direkt als «Schicht» über unserer normalen Wahrnehmung liegen oder mit dieser unzertrennbar verwoben sind, kann man sich bestenfalls als psychedelischen Trip vorstellen. Ich habe kaum Zweifel daran, dass wir uns als Menschen an diese induzierten zusätzlichen Sinne gewöhnen werden – wie wir uns an andere mediale Dinge auch gewöhnt haben, die zwei drei Generationen vorher die Menschen in den Wahnsinn getrieben hätte. Die physische Härte moderner Metal- oder Drum’n’Bass-Musik, die extrem schnellen Schnitte in Musikvideos, die surreale Unwirklichkeit von 3D-Filmen, die Absurdität der meisten Werbefilme, die generelle Schnelligkeit der Zivilisation heute – all das dürfte einen Besucher aus den 1920er Jahren zur Verzweiflung bringen, ist für uns aber Alltag. Wer weiß also, woran sich unsere Nachfahren anpassen werden können?

Unsere Generation wird den langen – und sicher spannenden – Weg machen weg von Computern als «externe» Arbeitsgeräte hin zu alltäglichen Begleitern. Aus schrankwandgroßen besseren Taschenrechnern sind in nicht einmal 50 Jahren taschenrechnergroße exzellente Multifunktionsgeräte geworden, die die meisten bisherigen Medienangebote nahtlos in sich vereinen. Geräte, deren Evolution und (Markt-)Überleben davon abhängt, sich für ihre Nutzer unersetzbar zu machen. Unsere Generation wird entscheidend miterleben, wie dieses Eindringen von Web und Software in den Alltag unser Verhalten und unseren Umgang miteinander entscheidend verändern muss. Unser Denken über Copyright, Verhaltenskodexe, wirtschaftliche Modelle, Beziehungsideale, Berufswege, Mode, Kunst, Freundschaft, Kommunikation, Wahrheit – nichts wird dieser so unscheinbar anfangenden Revolution gewachsen sein. Wir stecken mittendrin und haben die Möglichkeit (und wahrscheinlich die Pflicht), in irgendeiner Form diese Entwicklung mit zu formen… zwischen Hypermarken, die den Markt dominieren und einer Politik, die reflexartig solchen Großunternehmen zuzuarbeiten gewohnt ist, ohne die man allerdings auch die Annehmlichkeiten moderner Technik nicht hätte, so dass nie ganz klar ist, ob man Google, Apple und Co nun lieben oder verfluchen sollte. Der Weg zu den neuen Interfaces wird voller wunderbarer Paradoxien und Irrläufer sein.
Freuen wir uns drauf.

19. Januar 2012 17:46 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , , , , , . Eine Antwort.

Alex Leu fragt 27: Letzte Worte

hd schellnack

Welchen abschliessenden Rat würden Sie unseren Nachwuchs auf dem Weg geben?
Wie kann man seine Stärken kommunizieren? Damit andere wissen, wer du bist, was du kannst. Um eben auch mit den entsprechenden Aufgaben betraut zu werden?

Der erste Rat ist sicher, dass man schauen sollte, ob man das wirklich machen will, was man macht. Du verdienst als Designer nicht wirklich so atemberaubend und der Job ist anstrengend, weil man sozusagen lebenslang Prüfungen meistern muss, gewogen wird, bewertet wird, sich immer wieder beweisen und auch selbst hinterfragen muss bei zugleich verhältnismäßig geringer sozialer Anerkennung. Also erst einmal überlegen: Warum will ich Designer werden? Und sich dazu informieren, wie der Alltag aussieht, der sich ja deutlich von «Gute Zeiten Schlechte Zeiten» oder «Mad Men» unterscheidet (leider in letzterem Fall).

Und wenn man es dann studiert, sollte man es so brennend studieren, wie man kann, weil es eben nicht Sozialpädagogik oder Maschinenbau ist. Es kann nicht darum gehen, irgendwie durchs Studium und in den Beruf zu kommen, sondern das Studium ist nur eine Art Ausrede, sich zu entdecken und entfalten. Man sollte seine Dozenten völlig in Anspruch nehmen, neben der Uni arbeiten und vier fünf Jahre nur Design leben und atmen, möglichst viele Praktika machen, möglichst viel nebenbei tun, an jedem Projekt teilnehmen. Design ist nicht BWL, es ist kein Beruf, sondern eine Lebensart, eine sehr ganzheitliche und grundlegende Sicht auf Welt und vielleicht auch auf dein eigenes Leben, es ist ein Paradigma an sich – und es gilt, im Studium in diese Lebensart einzutauchen. Ich kriege zugegeben zuviel, wenn Studenten im Diplom stehen und Vignelli oder Gugelot nicht kennen. Gesine Grotrian-Steinweg hat bei einer Podiumsdiskussion einmal Studenten gefragt, ob sie KesselsKramer kennen, eins von den drei wirklich wichtigen niederländischen Büros, eine Legende. Und keiner im Publikum hat es gekannt.

Auf der anderen Seite kann ich jederzeit bei Thierry Blancpain anfragen, der in der Schweiz Design studiert, wenn ich zu einem bestimmten Thema etwas wissen will, und der donnert mir nicht nur fünf grandiose Vertreter einer bestimmten Richtung als Link um die Ohren, sondern hat auch gleich eine dezidierte Meinung zu dem Thema. Da brauchst du nicht zu überlegen, ob der Mann mal ein guter Designer sein wird, es ist einfach klar. Der brennt für seine Sache, kennt sich aus, macht wahnsinnig gute Arbeit. Solche Leute hast du übrigens an fast jeder FH, immer so 3% bis 10% der Studentenschaft. Die machen Projekte, organisieren Veranstaltungen, produzieren Bücher und Magazine, sind immer wieder atemberaubende und spannende Leute, deren Namen man dann nicht ohne Grund immer und immer wieder irgendwo liest und auch in den kommenden Jahren lesen wird, weil sie die nächste Generation guten Designs darstellen. Solche Leute sind ein Geschenk, kann man nicht anders sagen… und als Student sollte man eigentlich alles daran setzen, so zu sein, so zu werden.

Es gibt sicher Jobs in Agenturen, die man auch kriegt, wenn man sich nicht für Design und Typographie und Kultur interessiert und nur InDesign halbwegs solide bedienen kann und tut, was gesagt wird. Keine Frage. Die sind im Zweifelsfall sogar besser bezahlt, weil die Jobs, die solche Läden machen, mehr Geld einbringen. Mittelmaß setzt sich durch.

Aber wer mehr will, muss Design atmen. Und natürlich gerade im Studium – diesem großen Freiraum, dieser beneidenswerten Chance (die der Bachelor leider sehr kleinrationalisiert hat) Zeit und Ressourcen für freie Projekte zu haben – einfach mal einen Kongress starten, einen Bücherstand für die Frankfurter Buchmesse stemmen, ein Buch produzieren. Solche Sachen, die dann dein ganzes weiteres Leben formen können. Christian Hampe und Beate Blaschczok haben an der Ruhrakademie mit «Clownfisch» angefangen und das ist inzwischen eine recht große Nummer geworden, längst eine Art kultursoziales Experiment und viel mehr als «nur» ein Magazin. Mutabor ist einst als Studentenprojekt gestartet, die haben noch in der Studienzeit für BMW gearbeitet und die ersten TDC-Awards eingeheimst und herausragende Arbeit gemacht. Du kannst an der Uni – Bachelor hin oder her – angstfrei deine eigenen Stärken finden und musst diese Chance auch immer wieder einfordern, deine Dozenten um Freiheiten und konkrete Hilfestellung angehen, die ein guter Student auch immer kriegen wird. Machen, lernen, entdecken und dann als schon relativ guter Designer von der FH kommen – mit einem sauberen Portfolio und einer umwerfenden Diplomarbeit, mit den ersten guten Kontakten, weil du vielleicht mal bei der «Typo» aktiv gewesen bist oder auf der Buchmesse in Frankfurt oder bei Strichpunkt oder Magma oder KolleRebbe ein Praktikum hattest, ein Projekt von dir bei Slanted, fontblog, in der Form oder Novum präsent war. Der Tip wäre also wahrscheinlich: Mach es nicht oder mach es ganz.

Wie kann man seine Stärken kommunizieren? Damit andere wissen, wer du bist, was du kannst. Um eben auch mit den entsprechenden Aufgaben betraut zu werden?

Das kann ich einerseits kaum beantworten – ich nage selbst seit ewig an der Frage und bewundere die Art Selbstdarsteller, die das so scheinbar mit Leichtigkeit macht, sich immer in den Mittelpunkt stellt, völlig gnadenlos selbst verkauft und anscheinend frei von Zweifeln ist. Zugleich mag ich solche Leute oft nicht, ich habe um mich eben meist doch eher Leute mit Selbstzweifeln und Unsicherheiten, nicht diese Self-Hype-Leute. Ich bewundere diese Fähigkeit abstrakt, aber wenn ich damit konfrontiert bin, macht sie mir Angst oder die Leute sind unsympathisch oder so. Gibt einige Ausnahmen, die die Regel bestätigen, natürlich. Aber generell sind mir Leute sehr viel lieber, die an sich selbst zweifeln und gar nicht realisieren, wie toll sie eigentlich sind und die nicht so selbstzufrieden sind und weiter an sich arbeiten.
Ansonsten ist es so, dass bei uns beispielsweise Praktikanten immer wieder auch mal Aufgaben kriegen, die sie eigentlich überfordern. (Oder vielleicht nicht überfordern sollten nach einem Studium, es aber oft de facto tun). Und mit der Zeit kristallisiert sich dann deutlich heraus, wer etwas an den Tisch bringt und wer nicht. Wer Arbeitsethos hat, wer schöne Ideen und visuelles Denken hat, bei wem ich auch kein schlechtes Feeling habe, wenn es mal Routineaufgaben zu tun gibt bzw. wer auch diese erfüllt und über-erfüllt. Ich kann nur für uns selbst sprechen, aber ich glaube nicht, dass man sich bei nodesign nervös «verkaufen» muss, die Qualität zeigt sich von ganz allein im Tun.

Was ist die Voraussetzung um angstfrei zu sein? Zu wissen, was man will? Weil man sich mit seiner Arbeit identifizieren kann?

Völlig angstfrei zu sein, ehrlich gesagt, fände ich nicht gut. Angst ist ja auch ein herausragender Motivation und gesunder Teil unserer Gesamtpsyche. In gesunder Dosis ist Angst sinnvoll. Wobei ich nicht diese paralysierende und pathologische Angst meine, sondern in diesem Fall vielleicht eine grundsätzlichere Angst vor der Leere, dem Vakuum im Leben, der Sinnlosigkeit. Diese Art von Angst hat sicher schon manche Leute zu unfassbaren Leistungen bewegt. Zu wissen, was man will – aber dabei flexibel zu bleiben – hilft immer, auch wenn man das meist eher schubweise im Leben entdeckt und nicht mit 20 weiß. Die Identifikation mit der Arbeit… das ist so ein Ding. Wenn es nicht die Eitelkeit und sozusagen narzisstische Identifikation ist, sondern ein Eintauchen, eine Leidenschaft, dann unbedingt. Wichtig ist nur, es nicht zu ernst zu nehmen. Du bist nicht deine Arbeit, musst kritikfähig, flexibel, offen bleiben. Ich glaube fest, dass jeder seine ganz einzigartigen Fähigkeiten und Funktionen hat – und diese nur entdecken oder entfalten und trainieren muss, was aber meist nur mit einer Mischung aus Ehrlichkeit und Demut erreichbar ist. Und Humor – wenn du nicht mehr über dich selbst lachen kannst, hast du verloren.


26. September 2011 17:35 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 26: Alter

hd schellnack

Spielt das Alter bei Designern eine Rolle?
Das Alter spielt immer eine Rolle, egal, was du machst, oder? Spielt das Alter bei Musikern, Schauspielern oder Autoren, Architekten oder Handwerkern eine Rolle? Sicher.

Es mag etwas platt sein, aber das Klischee stimmt – in jungen Jahren sind die meisten Kreativen eher «Sturm und Drang», wollen alles anders machen, brennen heiß und lodernd. Mit den Jahren wird daraus mit Glück eine Glut, die nicht mehr verbrennt, sondern Wärme spendet. Mit 18 darfst du denken, auf alles die erste Antwort zu haben und besser als alle anderen zu sein, du darfst (oder musst vielleicht sogar) in diesem Nietzsche-Größenwahn-Modus operieren. Mit 40 hast du genug gesehen, um bescheidener sein zu dürfen/müssen, denn es geht nicht um dich, sondern um alles andere. Deine Ideen sind nicht neu und weltverändernd, sondern sie stehen in einer evolutionären Tradition und sie müssen sich in dieser Tradition bewähren und funktionieren.

Du wirst raffinierter, im Wortsinne, sozusagen destillierter. Deine Interessen sind andere. Man verliert etwas von dieser flammenden, welterneuernden (und etwas klugscheißerischen) Kreativität und wird dafür erfahrener, tiefer. Das ist ein fairer Tausch – aber auch bei jedem anders. Natürlich gibt es viele Künstler, Musiker, Autoren und eben auch Designer, die nur in ihren ersten Jahren wirklich großartige Sachen machen und den Rest ihrer Karriere herum eiern, aber es gibt immer auch diese alten Kerle, die einfach umwerfende Meisterwerke produzieren. Insofern spielt Alter sicher eine Rolle, aber nicht generell so, dass man sagen kann, ob du nun «jung» besser oder «alt» besser bist. Jeder ist da anders. Ich glaube, wenn man neugierig und hungrig bleibt, kann man auch nach dreißig Jahren als Designer noch phantastische Arbeit machen, vielleicht wenn man die Balance zwischen Abgeklärtheit und einem immer noch vorhandenem Enthusiasmus, einer immer noch vorhandenen Portion Sturm und Drang, findet.

6. September 2011 13:40 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 25: Haltung

hd schellnack

Wie hilfreich ist hierbei eine eigene Haltung?
Liegen die Probleme darin begründet, dass man seine Rolle im Design noch nicht gefunden hat?
Wie wichtig ist es, als Designer eine eigene Position und Haltung zu haben?

Eigene Haltung hat man ja nicht, die entwickelt man. So wie Musikgeschmack oder Kunstinteresse. Es ist Arbeit. Je älter du wirst, umso länger weht der Umhang deiner Interessen, du akkumulierst Musikstile, Bücher, Erfahrungen, Gespräche und aus all diesen Eindrücken und Reflektionen entsteht so etwas ähnliches wie eine eigene Position zur Welt, die an sich aber auch (hoffentlich) immer nur als ein fluider Zustand zu denken ist.

Eine Haltung sollte keine Trutzburg sein, aus der heraus du auf die Welt schaust, sondern mehr wie ein U-Boot, klein und wendig, so ein Ein-Mann-Dinghy, mit dem du durch die Welt flitzt, dir die Dinge ansiehst und weitersaust und nicht altersstarrsinnig an deinen «Meinungen» klebst. Denn Haltungen und Meinungen sind ja Meme, sind ja immer gesellschaftlich, also künstlich geformte Modelle, und mit den Jahren versteht man das klarer: Es gibt keine Wahrheit, es gibt keine absoluten Zustände. Was du als ewige Werte sahst, ist eigentlich mehr als relativ, die Welt und ihre Geschichte hat mehr Schichten als du mit 20 gedacht hast. Insofern ist «Haltung», wenn sie rigide wird, gerinnt, eine absolut tödliche Falle für das Denken, für die Offenheit und Toleranz, für die Neugier.

Die Haltung eines Designers sollte vielleicht eher ein bisschen naiv und offen sein, fließend und antidogmatisch, unpuristisch. Entgegen der landläufigen Meinung sollte Design an sich vor allem unpuristisch und auch unpuritanisch sein. Wir sollten ruhig wie Kinder durch den Spielzeugladen gehen und alles spannend finden. Und andererseits müssen wir knallharte Türsteher des guten Geschmacks sein und für unsere Ideen fighten. Ich habe selbst keine Ahnung, wie das zusammengeht, Offenheit zu bewahren und dann doch an die eine richtige Sache glauben und dafür auf die Barrikaden gehen, aber was auf dem Papier unvereinbar klingt, geht ja im Alltag ganz gut. Designer mit einer rigiden Haltung verstehe ich nicht, kenne ich aber ehrlich gesagt auch kaum. Die Welt ist zu komplex dafür und eine vorgefasste Denkschablone hält dich nur davon ab, zu lernen. Natürlich hat man eigene Positionen und seine persönlichen Orientierungslichter im Nebel, aber es ist immer gut zu verstehen, wie trügerisch und relativ diese Lichter eigentlich sind. Du musst also gerade deine eigenen Positionen (aber auch alle anderen) immer dem Säurebad unterwerfen, in Diskussionen mit Andersdenkenden, mit Fakten, oder indem du empathisch versuchst, dir die Gegenposition zu eigen zu machen, für und wider zu verstehen. Das ist natürlich eine sehr postmodern-wurstige Haltung, aber ich kann’s nicht ändern, mir erscheinen Menschen mit wirklich festen Meinungen irgendwie etwas seltsam – ich bewundere das einerseits, diese Gewissheit ist ja auch berauschend… aber es ist nichts für mich.

Liegen die Probleme darin begründet, dass man seine Rolle im Design noch nicht gefunden hat?

Ich glaube eher, das Problem wäre, die Rolle «im Design» gefunden zu haben. Wenn du das getan hast, bist du Grafik-Beamter, aber kein Designer mehr. Definition eines guten Designers ist doch gerade, seine Rolle zeitlebens nicht zu finden, ein Suchender zu bleiben, staunend zu bleiben. Ich möchte nicht wissen – und ich mache das alles ja nun wirklich seit fast 20 Jahren – wie viele Klienten mich naiv finden, wenn ich wie ein Kind beim Geburtstag durch ihre Firma oder Einrichtung gehe und ALLES spannend finde und bestaune. Bloß nie abgeklärt und cool werden. Mag aber nur für mich individuell zutreffen – aber ich liebe an diesem Job, dass ich immer wieder hinter einen Vorhang schauen darf und zugleich doch die Distanz eines Besuchers wahren kann.

Wie wichtig ist es, als Designer eine eigene Position und Haltung zu haben?

Völlig unwichtig, siehe oben. Wichtig ist, die Position und Haltung anderer einnehmen zu können, tanzen zu können. Die Position des Auftraggebers – und wichtiger noch, die Position der Menschen, die er erreichen will. Die Denkmuster der Menschen, die du mit deiner Arbeit begeistern willst oder bewegen willst. So wie ein Autor sich in seine Figuren und in die Leser zugleich hineinführt, ein Regisseur seinen Film aus zig verschiedenen Blickwinkeln sehen kann (und sollte). Die Aufgabe der eigenen Position und dann die Eroberung einer fluiden Position der angemessenen Richtigkeit jenseits deiner persönlichen Vorlieben und Muster, das ist der Kick an der Sache. Lebenslanges Lernen, kurz gesagt.

5. September 2011 20:43 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 24: Trendjäger

hd schellnack

Was sagen Sie dazu, wenn sich Studenten oder Berufsanfänger vor einer konzeptionellen oder gestalterischen Wiederholung in deren Arbeiten fürchten? Einem Trend hinterherzujagen (aktuell Lombardo, Meire, Borsche Style etc.)
Wie kann man seinen eigenen Stil entwickeln, ohne einem Trend hinterherzujagen?

David Carson hat mal gesagt, dass man als Designer ein Drittel seiner Karriere lang andere Stile kopiert. Ich selbst glaube, man tut es unbewusst vielleicht sehr viel länger, nur raffinierter, subkutaner. Es ist aber natürlich schon übel – so wie die Carson-Grunge-Nachbauten vor zehn Jahren unerträglich waren (und ich habe letztens sogar noch welche in einer Bewerbung gesehen) – wenn heute so viel Design so gleich aussieht.

Wenn ein Praktikant 60% der Zeit im Büro Design-Blogs durchsurft, darf man nicht überrascht sein, wenn seine Vorschläge für Projekte dann verdammt nach dem aussehen, was er sich da den ganzen Tag lang angesehen hat. Auf der anderen Seite wäre ich heuchlerisch, wenn ich nicht zugebe, selbst natürlich auch Einflüsse und Inspirationen zu haben, sogar sehr viele und mich bei denen auch gerne zu bedienen, wie ja vorhin schon besprochen.

Ich hoffe bei Designern immer auf das, was ich den Beatles- (zeitgemäßer vielleicht den Radiohead-) Effekt nenne. Beide Bands haben nicht sonderlich innovativ angefangen, sich dann aber im Laufe der Karriere aber massiv freigeschwommen. In der Regel werden viele Künstler, Autoren oder Musiker mit der Zeit kommerzieller, chartsorientierter – und vielen Design-Büros geht das auch so. Die Kunden werden größer, und große Kunden scheuen das Experiment… in der Wahl ihrer Partner, aber auch in der tatsächlichen Arbeit. Wenn ein Studio also 20 oder 40 Mitarbeiter hat, wird es im Schnitt durch den größeren Output durchaus auch wegweisende Projekte geben, aber eben auch sehr viel Mainstream. Radiohead, die Beatles und ein paar andere Bands zeigen, dass es aber auch anders geht, das langfristiger Erfolg auch dadurch erfolgreicher wird, immer kompromissloser seinen eigenen Weg zu gehen. Aber das schaffen eben auch nur sehr wenige.

Dennoch macht man sich als Designer natürlich mit der Zeit freier von erkennbaren Einflüssen, freier von Unsicherheiten. Ich denke, dieses Freischwimmen, das ein langsamer und tastender Prozess mit Fehlern und Irrwegen sein muss, ist die Methode, die dann – wahrscheinlich erkennt man das selbst aber nie, weil man ja nicht auf das eigene Werk zurückblickt – zu einer Eigenständigkeit führt. Der Mut zum Fehlschlag gehört dazu. Man probiert viele Anzüge an, sieht auch mal schlecht angezogen aus, findet aber nur so seinen eigenen Look. Und irgendwann ist man so oder so außerhalb von Trends, weil man sich nicht mehr so damit befasst, was gerade angesagt ist, sondern eigenen Antworten hinterherjagt.

2. September 2011 14:23 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 23: Oberflächendesign

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Ambitionierte Studenten befürchten in der Praxis die Beliebigkeit und „Oberflächendesign“. Was sagen Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung dazu?
Beispiele: unrelevante Arbeit, für die Tonne zu arbeiten, zum Dekorateur zu verkommen, kommerziell pragmatische Projekte, geringe Wertschätzung: Gehört das in der Praxis auch einfach dazu?
Gibt es einen Weg wie man damit positiv umgeht?

Zunächst ist kommerziell und oberflächlich absolut gar nicht gleichzusetzen. Ganz im Gegenteil geben dir gut bezahlte Aufträge eher die Ressourcen, in die Tiefe einer Idee einzutauchen, weil du mehr Zeit investieren darfst oder Geld hast, um mit Partnern, die dich selbst interessieren, zu kooperieren. Und es gibt andererseits eben auch ganz entsetzliche pro-bono-Projekte bei denen dich der Auftraggeber (der irgendwie vergisst, dass er eigentlich in diesem Fall ja gar keiner ist) völlig beschneidet oder frustriert und am Ende hast du ein Ergebnis, das schlecht ist und schlecht bezahlt wurde, schlimmer geht es gar nicht. Been there, done that, it sucks. Kommerziell mit «brav» gleichzusetzen ist, sorry, einfach eine Ausrede für Faulheit. Wir haben beispielsweise bei einem kommerziellen Kunden aus der Bankenwelt deutlich bösartigere Konzepte realisiert bekommen als an einem Theater, viel konfrontativeres Material produziert. Nonkommerziell ist nicht immer «besser». Es gibt keine schlechten Briefings. Ich habe bei pro-bono-Aufträgen unfassbare Kompromisse machen müssen («Mein Mann hat sich da auch mal etwas ausgedacht…») und andererseits bei hochkommerziellen Aufträgen wunderbare Erlebnisse und Ergebnisse gehabt. Also bloß nicht auf diese Klischees reinfallen, sie stimmen nicht.

Insofern gibt es keinen Job, der per se «oberflächlich» ist oder von uns so angegangen wird. Natürlich hast du immer wieder Klienten, die am Ende die scheinbar sicheren Varianten bevorzugen, die du nicht oder eben nur langsam ermutigen kannst, sich zu Strecken, gegen den Strich ihrer Branche zu bürsten. Manchmal braucht es etwas Zeit und gewonnenes Vertrauen, bis du ans Eingemachte darfst – ich kann das auch gut verstehen. Auch wenn es immer wieder schwer ist, bei Null anzufangen, diese Geduld mitzubringen – weil man ja weiß, dass der Klient selbst wichtige Zeit verliert und weil es natürlich auch manchmal anstrengt, bei neuen Auftraggebern immer wieder durch diese Phase durchzumüssen, zu überreden, zu überzeugen, sich zurückzunehmen, Kompromisse auszuhandeln. Aber mit dieser Erfahrung sind wir ja nicht allein. Das geht auch einem Chip Kidd oder Sagmeister so, also warum nicht nodesign :-D?

Wir haben 2009 solche Prozesse gehabt, bei einem spezifischen Auftraggeber und uns teilweise für die Endergebnisse etwas geschämt. Aber dann siehst du mit etwas Abstand die sonstigen Materialien, die andere Büros für diesen Klienten umgesetzt haben… und realisierst, dass du ihn eigentlich schon ganz schön weit gedehnt hast und deine Verbündeten im Inneren der Maschine wahrscheinlich gar nicht mehr herauspokern konnten. Relativ zur Norm war das Ergebnis zwar nicht dass, was du vielleicht für den Auftraggeber wolltest, aber dennoch das noch deutlich vorzeigbarste Ergebnis in seinem Medienportfolio. Insofern haben sich die Kompromisse irgendwie eben doch gelohnt, und unsere Hartleibigkeit in der Arbeit.

Es ist wichtig sich das immer wieder vor Augen zu halten, Geduld zu haben. Zumal es ja spannender ist, nicht ad hoc für «coole» Klienten zu arbeiten, wo das gute Design fast vorprogrammiert ist, sondern für Auftraggeber, die schwieriger sind und vor allem deutlich mehr Hilfe brauchen. Da habe ich einen Missionarsansatz, ich drehe lieber eine Betonfirma komplett um als bei einem Lifestyleanbieter die dann ja wieder übliche androgyn-glatte oder pseudo-provokante Optik zu fahren. Letzteren würden wir wahrscheinlich eher dann eben in eine für ihn auch wieder ungewohnte Richtung schieben wollen.

Oberflächlich sind für mich vor allem Ergebnisse, die einfach nur «gut» aussehen, aber sonst aber nichts wollen, denen du keinen Hintergrund anmerkst. Um Peter Hein zu zitieren: «Es mag sich zwar reimen, aber warum?» Stuff, der sehr zeitgeistig daherkommt, aber der mit den Inhalten wenig zu tun hat, der keinen Subtext hat, den du nicht deuten kannst, der nur kosmetisch ist. Das sind ja gerade oft die Arbeiten, die du als «wild» bezeichnest, die durch viel Styling von ihrem faktischen Mangel an Substanz ablenken, die nur formale Experimente sind, akut toll aussehen und dann langweilen. Das sind die Dekorationsarbeiten, das ist das visuelle Feigenblatt des horror vacui. Und was die Geringschätzung angeht – man sollte sich selbst nicht zu wichtig nehmen, wir sind keine Unfallchirurgen, sondern Gestalter. Dennoch machen wir wichtige Arbeit – und wer die gut und souverän macht, wird auch nicht gering geschätzt werden, weil er einen sehr greifbaren Beitrag zum Erfolg einer Sache leistet, einen Mehrwert schafft.

Man muss da vorsichtig sein – manche der so aussehenden Arbeiten haben ein phantastisches Fundament, sind Styling und Substanz, haben eine Aussage und sind absolut umwerfend. Andere eben nicht. Spannend am Design finde ich selbst nicht die Gestaltung. Die ist und bleibt Mittel zum Zweck und ist, ehrlich gesagt, mitunter etwas langweilig. Man darf Design an sich nicht zu ernst nehmen. Das Spannende ist der Zweck. Mich reizt an Design nach wie vor die Wirkung, also die Vorstellung, damit eine Reaktion kurz- oder langfristig hervorzurufen, als «Agent of Change» sehr direkt aktiv sein zu können. Wandel (mit) zu gestalten, so platt das klingen mag. Als Designer bist du oft sehr pragmatisch an Umbruchprozessen, Relaunches oder an Neugründungen beteiligt und damit, wenn der Klient dies zulässt, ganz aktiv an Change-Management-Prozessen. Wie Mitarbeiter und Kunden ein Unternehmen sehen, wie eine Einrichtung sich sozial definiert, liegt dann zumindest teilweise mit in deiner Hand. Nicht oberflächlich ist insofern für mich ein journalistisches, neugieriges, lernendes Design, das versucht, den Auftraggeber und sein Umfeld zu erkunden, wie ein Helikopter zu umkreisen, unter die Lupe zu nehmen, das in die Tiefe geht, sozusagen auf leichte Art organisationspsychologisch ist. Und mittelfristig versucht, den Status Quo zu verändern, zu optimieren, indem es positive Impulse und Vorbilder schafft.

Das positive Umgehen ist insofern, sich den Beruf zu eigen zu machen. Es gibt viele Nischen im Design, vom flashigen Trendzeug bis ursolider Werbung und dazwischen auch Raum für Büros wie unseres, das irgendwie weder noch ist. Design ist wie Musik – es gibt zig Stile und Nuancen, du kannst eher der Jazzer oder eher der Raggamuffin sein… wichtig ist vor allem, dass du dein Ding möglichst ehrlich und gut machst.

1. September 2011 15:24 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 22: Avantgarde und Innovation

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Im Design herrscht dieser avantgardistische Gedanke. Drang nach Innovation. Muss man denn immer innovativ sein?
Warum wollen wir Designer alle etwas besonderes sein oder leisten?

Ha, das habe ich ja fast schon vorweg beantwortet. Nein, man muss nicht immer innovativ sein – und ich glaube auch nicht, dass im Design ein «avantgardistischer Gedanke» herrscht, der wäre auch nicht herbei leitbar, den hat die Kunst wenn überhaupt für sich gepachtet, Avantgarde wäre ehrlich gesagt aus meiner Sicht das pure Gegenteil von dem was Design sein sollte – nämlich anwenderorientiert. Wo kommt diese Behauptung her – ich kenne ehrlich gesagt nicht einen Designer, der sich selbst als «Avantgarde» bezeichnet hätte. Dafür sind die meisten auch zu bescheiden – oder zu sehr von der Realität gebeutelt. Design ist eigentlich kein Beruf, der allzu große Starallüren hergibt.

Innovation ist so ein seltsam technologisches Paradigma – ich glaube nicht, das Geisteswissenschaften wirklich um «Innovationen» kreisen, sondern um Theorien, Entwicklungen, Thesen und Antithesen. Ich glaube, dass Design sich auch eher so dialektisch entwickelt und nicht in Innovationssprüngen. Bei uns kommt nichts aus dem «Nichts», das kreative Genie ist ein reiner Mythos.

Und auch bei den Ingenieuren sind Neuerungen ja keineswegs sprunghaft, sondern ein stetiges, evolutionäres Forschen und Weiterentwickeln, gegenseitiger Austausch. Der Begriff des Reverse Engineering kommt ja aus dieser Ecke – etwas bestehendes auseinandernehmen, sehen, wie das gemacht wurde, neu und anders zusammensetzen, verbessern. Fortschritt ist Optimierung, immer und immer wieder die gleiche Sache in die Hand nehmen und schleifen, bis es perfekt ist. Insofern ist auch Design ein Kaizen-Prozess. Natürlich sieht es manchmal so aus, als sei dann sprunghaft etwas nach vorn gegangen, aber in Wirklichkeit, wenn man genau hinsieht, war alles im Ansatz auch schon vorher da, es ist nur eine Art Markierungspunkt in einer ansonsten sehr stetigen Kurve. Das gleiche lässt sich übrigens auch in der Kunst festmachen, wo eigentlich auch nahezu nichts aus der leeren Luft kommt, sondern Autoren, Komponisten, Maler und und und sich gegenseitig über die Generationen inspirieren und man etwa in der Klassik fast so etwas wie Gespräche über Jahrhunderte hinweg nachverfolgen kann.

Innovation ist ein Wandlungs-Prozess, schon vom Wortstamm her, kein plötzlicher Deux Ex Machina. Innovation ist übrigens im Design schon gar nicht wildes Anti-Design, ebenso wenig wie die Dekonstruktion in der Architektur der neunziger wirklich «innovativ» war. Wichtig, spannend, fesselnd? Sure. Aber hat es wirklich etwas Neues gebracht? Nein, du kannst ganz ähnliche Entwürfe wie die von Morphosis schon in den zwanziger und sechziger Jahren finden, Thom Mayne kam insofern nicht aus dem Nichts, ebensowenig wie David Carson. Innovativ sind eher neue Technologien und fast unscheinbar wirkende Dinge, die irgendwann geballt einen Tipping Point erreichen und dann geballt zu einem überraschenden Gesamteffekt werden. In der Architektur also Dinge wie Klimatisierung, Lebensräume, Infrastrukturen, Gebäude, die hinterfragen, wofür sie eigentlich gedacht sind und sozusagen mit der Tabula Rasa anfangen und deshalb vielleicht zu am Ende sogar bescheideneren, aber besseren Ergebnissen kommen – Architektur also, die von der Lösung, nicht vom Look her gedacht ist. Im Alltag Elektrogeräte oder Softwares, die auf Feature-Bloat verzichten und genau deshalb umso besser funktioneren. Ganz nach Dieter Rams: Weniger, aber besser. Das ist Innovation – ganz im engsten Definitionssinne eine Entwicklung, die umfassend das Wohlbefinden und die Effizienz der Gesellschaft verbessert. Der Airbag ist – obwohl unsichtbar – in diesem Sinne mehr Design-Innovation als eine schicke Karosserie. Innovation ist nicht der (schon gar nicht der schrille) Look, sondern die bessere Nutzung,die ideale Passform, die bessere Lösung, die nachhaltigere, ökonomischere Systematik. Nicht laut – sondern unsichtbar. Gutes Design siehst du gar nicht, gute Systeme sind unsichtbar bis sie eventuell fehlschlagen und in diesem Prozess ihre Struktur erkennbar wird, weil sie nicht mehr reibungslos funktioniert, der Fehlschlag zu einer neuen Design/Innovations/Optimierungs-Runde führen muss, um das System wieder subkutan zu machen.

In diesem Sinne sollte Design sicher immer innovativ sein wollen, nicht aber im Sinne einer aufgeregten Jagd nach dem oberflächlich vermeintlich Neuem, sondern im Sinne einer evolutionären, generationenübergreifenden, bewussten dialogischen Verbessung des Bestehenden. Innovation ist also nicht das kurzatmig-neue, sondern ganz im Gegenteil eine liebevolle, behutsame und stetige Überarbeitung, ein sozusagen skulpturaler Prozess, der auch nie abgeschlossen ist.

17. August 2011 17:27 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . 2 Antworten.

Alex Leu fragt 21: Ideen und Kopien

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Wie stehen Sie dazu, wenn ein anderer die gleiche Idee hatte, wie Sie?
Beeinflusst Sie der Eigentumskonflikt von Ideen in Ihrem Gestaltungsprozess? (zb. durch visuellen Input etwas zu machen, was andere bereits taten)
Wie gehen Sie mit diesen Konflikten um?
Was bedeutet für Sie „Idee“?

Das passiert. Selbst wenn ich denke, ich hätte eine eigene Idee gehabt, entdecke ich Jahre später, dass irgendein Photograph in den USA die gleiche Sache schon vor zehn Jahren gemacht hat. Als ich jünger war, hing ich noch unheimlich an der «Originalität» von Ideen… bis ich verstanden habe, dass in der Musik alles von 12 Noten abhängt, in der Literatur viellicht sieben grundsätzliche Plots möglich sind, beim Kochen unendliche Vielfalt aus der gleichen Handvoll Zutaten erwachsen kann. Es geht in der Musik also nicht darum, mit einem Song das Rad des Jazz oder Blues oder Pop komplett neu zu erfinden, sondern zu unterhalten oder etwas zum Ausdruck zu bringen. Es geht um die Frage, «wie gut», nicht um «wie neu».

Auch hier ist Menge wieder ein Stichwort – es gibt inzwischen so viel Designer, das unique längst zu ubiquitous geworden ist. Wo in den sechziger Jahren vielleicht 500 Firmen ein Branding hatten, hat heute jedes Kleinstunternehmen eine Art Erscheinungsbild. Wenn jeder Bäcker und Florist aber ein «Corporate Design» will, gibt es irgendwann einfach keine wirklich «eigenen» Ideen mehr für Logos, nur noch Remix. Ich meine, wie viele Zahnärzte haben einen Zahn als Logo? Und ebenso: wieviel Trend-Magazine arbeiten mit fast gleichen Schriften oder Bildern, sehen nahezu austauschbar aus? Es ist wie im Supermarkt: Es gibt zu viel und zu viel gleiches. Design wird langsam aber sicher ein Substitutionsgut – was ja auch den Preiskampf in der Branche erklärt.

Diese Tatsache ist durchaus nicht nur bad news, sondern auch inspirierend, weil man zum einen versuchen kann, dennoch etwas anders zu machen, zum anderen immer klarer wird, wie wichtig in dieser Flut der Verzicht im Design wird, wie essentiell auch die kleinen Details sind. Es geht nicht nur um die Idee an sich, sondern um die darumliegenden Schichten von Handwerk, Medien, Semantik, Story, dann irgendwann an der Oberfläche sicher auch, aber eben final, versiegelnd sozusagen, Styling. Das ist schwer zu erklären, aber im Büro lehne ich oft Entwürfe von Mitarbeitern mit den Worten ab, es sehe zu sehr nach «Design» aus. Weißt du, dieses mittelständische Design, das zu viel will, so gewollt wirkt, nicht selbstverständlich sitzt. Es ist viel schwieriger etwas zu finden, was unaufdringlich passt – und eben nicht die eigene «Idee» in den Vordergrund spielt, sondern einfach da ist, funktioniert und sich richtig anfühlt. Ich will ja auch keine Möbel oder Anzüge, die sich in den Vordergrund spielen.

Heißt: Muss man als Schneider wirklich immer den NEUEN – sprich den komplett anderen, völlig unredundanten – Anzug machen, als Möbeldesigner Stühle, die nie da gewesen sind? Doch eher nicht, es geht nur darum, gute Anzüge und gute Stühle zu machen, die dem Nutzer angemessen sind («gut sitzen» im doppelten Sinne) und die zu machen dir selbst als Schneider oder Entwickler Freude machen, weil sie gute Arbeit sind (und weil die Details schön sind).

Ideen sind so ein Ding – natürlich gehört zu Design eine Idee, ein Gedankenansatz, ein Konzept, eine mentale Landkarte… und ich habe Tage, da beneide ich Bäcker, die jeden Tag das gleiche Produkt machen können und trotzdem meckert keiner. Wie Künstler ja mitunter auch, die unter dem Deckmantel von «Phasen» hundertfach die gleiche Idee variieren dürfen. Mach das mal als Designer, das gibt sofort Ärger, wenn Website B aussieht wie A, nur mit leicht anderen Farben. Es gibt diese Erwartung, Designer müssten immer das «Neue» entwickeln – und das kann auch gefährlich sein, denn «Neu» ist nicht immer besser. Manchmal gibt es Standards und erarbeitete Strukturen, die man auch wiederholen kann und sollte. Innovation ist kein Selbstzweck, sondern ergibt sich aus dem, was konkret zu lösen ist. Die Innovation folgt der Notwendigkeit, dem Auftrag. Es geht also nicht darum, «neu» zu ein, oder «pfiffig», sondern darum, die im Rahmen der eigenen Möglichkeiten (und des Briefings) beste Lösung zu finden. Die beste Lösung ist dann manchmal eben auch etwas, was noch niemand vorher gemacht hat – aber es kann nicht von Anfang an darum gehen, für sich selbst etwas Neues zu machen, die Innovation folgt einfach aus dem Projekt und seinen Bedürfnissen.

Insofern sind mit Ideenkonflikte denkbar egal. Von uns ist schon so unfassbar dreist gestohlen worden – da regt man sich schon manchmal etwas auf, aber vielleicht ist es auch Zufall «thinking along the same lines», wer weiß. Und zugleich kann ich mich doch auch nicht freisprechen, von Trends und visuellen Einflüssen angeregt zu sein und mitunter entwickele ich etwas und stelle fest, unbewusst ein Design, das ich vor Jahren gesehen und anscheinend mental abgelegt habe, zitiert habe. Passiert und oft genug kann man es noch auffangen, manchmal passiert dir aber eine Arbeit, die verdammt nach jemand anderem aussieht.

Ideen entstehen im Design also nicht im Vakuum – sie ergeben sich aus einem Mix aus dem, was dich selbst gerade umtreibt (also eben auch externen Inspirationen) und dem, was konkret zu tun ist, was strukturell die richtige Lösung ist. Am Ende entstehen dann wie bei Lego aus gleichen Elementen extrem unterschiedliche Lösungen, weil du unendlich kombinieren kannst, im Design gibt es sicherlich tausende von Faktoren, die ein Gesamtbild ergeben und wenn du virtuos an allen Reglern drehst, ist am Ende etwas eigenes da. Ich finde es längst gut, synästhetisch zu arbeiten – also etwa die Inspiration für ein Logo aus der Musik herzuleiten oder ein Editorial Design mit Rauschenberg zu begründen oder von einem bestimmten Schreibstil eines Buches zu einer Designlösung zu kommen – wie etwa der grandiose Stil bei Miranda Julys wunderbaren No One Belongs Here More Than You oder die unfassbare Verkürzung und Knappheit der Kurzgeschichten von Amy Hempel. Das ist völlig okayer kreativer Diebstahl, finde ich. Wenn man etwas visuelles direkt zitiert oder remontiert oder weiterentwickelt, dann nenne ich gerne auch die Quelle, wie einen Sample oder wie ein Remake. Auch das finde ich total okay. Wenn ich morgen auf die Idee komme, einen bestimmten Photographen in meinen Photos zu zitieren, ist das okay, wenn die Verbeugung erkennbar ist und wenn man vielleicht noch einen Dank an… in den Credits unterbringt. Insgesamt kommst du um den Ideenklau ja gar nicht herum, du stehst in einem Museum, siehst da einen Feuerlöscher an der riesigen weißen Wand und hast eine Idee für eine typographische Lösung, du siehst ein Kinderbuch aus den Fünfzigern und hast eine Lösung für eine Broschüre im Kopf. Beim Schauspielhaus Bochum hat mir Matthias Hartman mal erklärt, wie er sich sein Saisonheft vorstellt – anhand der Art und Weise, wie auf dem Homogenic-Album von Björk Elektronik und Klassik nahtlos verschmelzen und eben doch nie wirklich zusammenkommen – diese Nicht-Symbiose, nur eben mit Theater und Realität, wäre sein Ding. Über solche «synästhetischen» (nicht wirklich, ich nenne es nur so) Abspreizungen kommst du zu einer Form Kulturcrossover, die ich mehr als okay finde.

15. August 2011 16:17 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 20: SInd Designer feige?

hd schellnack

Ich sehe viele Designer die wie kleine Mäuse denken und gestalten obwohl sie mehr aus sich herauskommen wollen.

Ich finde gar nicht, dass Designer wie «kleine Mäuse» denken. Es gibt viele, die sehr reflektiert und ernsthaft ihren Job tun, in der ganzen Bandbreite vom Dienstleister bis zum «Auteur», und ich kenne auch einige, die sich eher zu wichtig nehmen (mich selbst möglicherweise eingeschlossen ;-D) – und auch ganz viele, die tatsächlich wichtig sind, aber sich selbst nicht sonderlich ernst nehmen, sondern überraschend sehr entspannte Menschen sind.

Aber ich weiß, was du meinst – auch wenn ich es etwas anders formulieren würde. Ich sehe derzeit sehr viele Designer, die «Zeitgeist» gestalten. Ich habe nach der Buchmesse vier Bücher auf dem Schreibtisch, davon haben drei ein Coverdesign, das fast identisch ist – und eins dieser drei ist sogar aus einem ganz anderen Verlag. In einem der Bücher merkt man, wenn man nicht aufpasst, kaum, wann der jeweils vorgestellte Gestalter beim Umblättern wechselt, weil die Arbeiten oft extrem homogen, also vielleicht auch sehr austauschbar sind. Nicht im Sinne von «gut» oder «schlecht» (die meisten Sachen sind schon sehr gut) – und die Arbeiten sind durchaus gar nicht anbiedernd – aber sie sind sich untereinander alle sehr ähnlich, das ist ein wenig erschreckend, das so wenig sui generis ist. Es gibt mehr Designer denn je und dann hast du ein Buch mit aktuellen Arbeiten aus ganz Europa in den Händen-… and they all look the same.

Und an diesem Punkt – und das sag ich nicht von der Kanzel herunter, sondern vielleicht, weil man ja auch selbst von diesen Trends mit erfasst ist und dem Ansatz erliegt, auch in diesem jeweils gerade angesagten Look zu arbeiten– müsste jeder Designer sich überlegen, wie er individuell aus der Bildermaschine herauskommt und seine eigenen Ideen umsetzt anstatt die im Web, auf Portfolio-Sites, in Lookbooks usw. kursierenden Ansätze nur weiter zu re-iterieren. Design ist natürlich gar keine Branche der originär «neuen» Idee – dieses Privileg bleibt der Kunst vorbehalten und der Wissenschaft. Im Gegenteil: Wir Designer sind immer schon Zitatemeister und Zweitverwerter gewesen, aber derzeit finde ich es, durch die Masse und durch die Wahrnehmbarkeit und Multiplikation im Web, etwas auffällig, wie einförmig mit etwas Distanz betrachtet viele Ergebnisse aussehen – und wie egal dabei der Inhalt ist bzw. vielmehr, wie gleich auch der Inhalt ist, all diese Sachen scheinen nur noch für Kulturmagazine und Museen und und und zu entstehen. Es ist in anderen Bereichen – Architektur, Mode, Musik, Film, Theater – nicht viel anders (wie viele Häuser sehen heute nach Foster oder HdM aus…?), dieses Schwarmhafte, wenn plötzlich alle das gleiche machen und zigfach enorm ähnliche Phänomene hervorbringen. Durch die Multiplikationsmaschine Internet werden heute aber subkulturelle Trends viel schneller zum Mainstream gemacht, in der Mode, der Architektur und im Design, weil die Akteure sich leichter und fast in Echtzeit über emergierende Richtungen informieren können. Dieses Coolhunting sorgt unterm Strich aber dafür, dass vom Studenten bis zum etablierten Büro plötzlich alle den neuen heißen Scheiß machen wollen – und so wird aus dem, was vor drei Stunden noch «Anti-Design» war, ruckzuck der neue Standard. Es ist heute fast unmöglich, noch «anti» zu arbeiten, weil die Bildermaschine es binnen kürzester Zeit zu «cool» umstrickt und multipliziert und somit zum affinen, bejahenden, verkaufenden Design wird. Die Designbranche ist so zu einer gewaltigen Echobox geworden.

Deshalb glaube ich auch nicht, dass es um «wilde» (du hast das ja nicht umsonst in Anführungszeichen gesetzt) Gestaltung geht, sondern um eine ansatzweise «eigene», was heutzutage tatsächlich unendlich viel schwieriger geworden ist. Wobei dies ein Reifeprozess ist… man findet sich ja im Lauf des Lebens, verortet sich. Aber ein wichtiger Schlüssel zu individuellerem – und damit insgesamt auch wieder vielseitigerem – Design, das nicht mehr in einer Perpetuum Mobile der Selbstkopie steckt, ist intellektuelle Neugier und Suche. Solange Studenten und Designer nur an der Oberfläche arbeiten – Styling betreiben, Farben, Formen, Flächen, Schriften, Bilder etc. – und es um «Wow, sieht das geil aus» geht, entstehen immer unweigerlich relativ gleiche Arbeiten, weil viel kopiert wird. Ich komme auch zu solchen Lösungen, wenn der Auftraggeber Zeitdruck macht und man binnen von ein zwei Tagen etwas entwickeln muss – daraus entsteht bei mir unweigerlich ein Rückgriff auf vertraute Ansätze oder ein (ja auch mal ganz schönes) Spielen mit den Ansätzen anderer. Ich muss auch zugeben, dass ich den Originalitätsbegriff im Design für völlig überbewertet halte – Design ist eine soziokulturelle Leistung, bei der es nicht um das total neue geht, sondern um die evolutionäre Entwicklung, die Neusynthese, die Abduktion, das Science-Fiction-Element, das «Was-wäre-wenn-ich…»-Angehen einer Frage.

Wenn Design aber tiefer geht, unter die Oberfläche geht, wenn es klug reflektiert, nachdenkt, provoziert oder streichelt und dabei die eigenen Stilmilltel souverän anwendet und zugleich immer wieder in Frage stellt, dann können die Ergebnisse sehr sehr spannend werden, weil es um mehr als reine Formfragen geht, und plötzlich die alte Angemessenheit von Problem und Lösung im neuem Gewande im Raum steht. Und diese Spannung ist intrinsisch Motivation und Freiheit genug.

Welche Voraussetzungen müssten gegeben sein, damit man die Scheu vor unbefangenen und „wilden“ Ideen/Gestaltungsansätzen ablegt und auch die Motivation mitbringt, diese umzusetzen?

Voraussetzung dafür, denke ich, ist Wissen. Wie gesagt, es geht nicht um «wild» – das ist ohnehin ein Begriff, der heutzutage nahezu wertlos ist. Was ist heute wild, was ist Punk, was ist Rebellion – heute ist in irgendeiner Form nahezu alles Mainstream, die Umarmung der Postmoderne ist unentrinnbar. Wissen… Neugier, Hunger. Viel Lesen, viel hören, viel schauen. Hinschauen lernen, nachdenken lernen. Designer sollten sich viel mit Philosophie, Soziologie, Psychologie, Pop und und und befassen, mit den Inhalten, mit Politik und mit Theater, Film und Kunst – mit allem. Neugierig bleiben und die Welt entdecken wollen. Und dabei das naive Spielen nie verlernen, Sandburgen bauen und diese schmerzfrei auch wieder einstampfen können. Und am Ende all dies sinnvoll – wie eine Waffe – in einen Kontext stellen können und anwendbar machen, nachvollziehbar machen, bündeln. Tatsächlich begründet gerade dieser breite Background, den man in eine Arbeit fokussiert, oft auch die Sprachlosigkeit von Gestaltern gegenüber dem Auftraggeber, der sich an einer Oberflächlichkeit stört… es ist nahezu unmöglich, die hunderte und tausende von intuitiven und rationalen Entscheidungen, die in sehr kurzer Zeit von Idee zu einem konkreten Ansatz führen, erläutern zu können, weil die Elemente wie an Fäden zusammenhängen und ein kohärentes Ganzes ergeben – eben eine «Gestalt». Und es ist zugegeben auch nach Jahren immer noch atemberaubend schwierig, mitunter unmöglich, dieses Mobile aus Erfahrung, Ideen und einem hochspezialisiertem Wissen um Kommunikationschancen, das kein Auftraggeber jemals haben kann, erklären und herunterbrechen zu können, ohne es völlig zu verstümmeln. Design soll und muss begründbar sein – und ich mag es sehr, wenn ich die Chance habe, Klienten den Weg zu Entscheidungen aufzuzeigen -, aber eine der Grundvoraussetzungen für effektive und erfolgreiche Kommunikationsdesign-Ansätze ist im Grunde das Vertrauen der anderen Seite, dass der Gestalter ja ein fast überzüchtetes Gespür für seinen Beruf hat und ergo auch das richtige tut, gerade weil er hartleibig gegen Änderungswünsche bleibt und an die Richtigkeit seiner Idee glaubt. Wann immer mir solche Menschen passieren – und es gibt in allen Branchen mehr Jasager als ich gut fände – vertraue ich deren Instinkt sofort, erkläre, was ich grundsätzlich will und weiß, dass der andere aus seiner intrinsischen Motivation und reichen Erfahrung heraus einen guten Job machen wird, der besser ist als das, was ich diktieren könnte.

11. August 2011 18:28 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.

Alex Leu fragt 19: Mut II

hd schellnack

In wiefern ist Mut im Rahmen einer Markenführung relevant?

Das hängt von der Marke ab. Ich glaube, dass es jenseits von Qualität, Preis und Service heute emotionale Qualitäten gibt, die eine Marke definieren. Für manche ist das eine progressive, mutige Note, andere zeichnen sich aber vielleicht auch durch sanfte, eher konservative Werte aus. Es ist ja immer gerade die Aufgabe, das herauszufinden. Mutig sollte eine Markenführung immer in dem Sinne sein, niemals stillzustehen, sich nie auszuruhen, und vor allem immer gegen den eigenen Strich zu arbeiten. Wer in seiner Markenführung keine Widersprüche und Brüche zulässt, ist hermetisch geschlossen und stagniert.

Vielleicht ist also gar nicht «Mut» das richtige Wort, sondern Neugier, Entdeckerdrang. Die Lust, etwas zu auf die Beine zu stellen, etwas zu bewegen, flexibel und spielfreudig zu sein. Ist das Mut? Oder ist das eigentlich eine Eigenschaft, die für Unternehmer ganz selbstverständlich sein sollte und nur vielleicht etwas in Vergessenheit geraten ist?

8. August 2011 10:00 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 18: Mut

hd schellnack

Was bedeutet für Sie Mut im Design oder als Designer?
Worin drückt sich das aus?

Mutig ist eigentlich ohnehin jeder, der sich als Selbständiger in diesem Metier ausprobiert und auf den sicheren Job verzichten…. Auf der anderen Seite sind Polizisten, Feuerwehrleute oder Krankenschwestern sicherlich mutiger, denn eigentlich riskiert man am Schreibtisch ja nicht viel und die meisten Medien, die wir so machen, sind kurzlebig, da darfst du auch mal Mist bauen. Den «Mut» einer Arbeit kann man auch nicht immer auf den ersten Blick einschätzen, denn der steckt im Prozess, nicht im Ergebnis. Wenn du eine besonders wild gestaltete Arbeit siehst, ist die ja nicht unbedingt automatisch «mutig», vielleicht im Selbstauftrag entstanden oder für einen Kunden, der es genau so wollte – auf der anderen Seite können relativ brav wirkende Kampagnen für die Agentur oder ihren Auftraggeber durchaus mutig sein, weil die Klienten relativ zur eigenen Position viel wagen. Mutig, finde ich, sollte immer der Auftraggeber sein – der Designer sollte ihn ermutigen. Design an sich ist aber nun echt keine Mutprobe.

5. August 2011 13:56 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 17: Gut und schlecht

hd schellnack

Wie schafft man es, sich selbst gut einzuschätzen?
Wann bin ich gut/schlecht?
Was unterscheidet einen guten von einem sehr guten Designer?
Was unterscheidet gute von sehr guten Arbeiten?
Was tut man gegen hohen Erwartungsdruck vom Vorgesetzten?

Wie man das immer schafft – indem man auf andere hört und sich selbst beobachtet. Es gibt aber auch Projekte, bei denen du am Ende wirklich nicht mehr weißt, ob das, was du hier gerade gemacht hast, nun gut oder schlecht geworden ist. Weil es durch zu viele Entscheidungen, Änderungen durchgegangen ist, immer hin und her und zu viele Nachtschichten. Da kann man erst mit etwas Abstand wieder drauf sehen und es neutraler beurteilen. Meist mag ich eigene Arbeiten gar nicht, muss ich sagen. Mit einigen Jahren Abstand findest du oft Details, die dich an etwas erinnern oder die dir gefallen, die gut waren oder die die Jahre gut überstanden haben… aber meist mag ich meine eigenen Sachen nicht sonderlich. Insofern kann ich wenig darüber sagen. Es geht vielleicht auch nicht um das subjektive «gefallen», sondern darum, ob die Ergebnisse in dem Moment funktionieren und Wirkung entfalten.

3. August 2011 10:05 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 16: Mappen und Studium

hd schellnack

Was für Projekte in der Mappe, erwarten Sie von einem frisch gebackenem Absolventen, der sich bei Ihnen bewirbt?

Wie gesagt, ich erwarte erst einmal gar nichts, sondern schaue und lasse mich überraschen. Manche Mappen sind sehr schlecht, andere so gut, dass man sich fragt, wieso er oder sie überhaupt noch einen Job suchen muss und sich ärgert, nicht 10 oder 20 solch exzellenter Leute hier beschäftigen zu können. Es gibt so unfassbar viel Talent da draußen. Toll ist natürlich in einer Mappe, wenn sie an sich schön gemacht ist, inzwischen also ja eigentlich die PDF gut aussieht, die Arbeiten erklärt sind, nicht nur gezeigt, wenn es also auch mal etwas Texte gibt – so schwer es fällt über die eigenen Sachen zu schreiben. Aber über die Texte kannst du sehen, ob er oder sie zu eitel und zu selbstgewiss ist, oder souverän und sicher die eigenen Arbeiten herleiten und begründen kann, selbstkritisch ist.

Ich freue mich über eine Vielfalt an Arbeiten, vor allem, wenn sie dann alle gut sind ;-). Wenn jemand Plakate, Editorial, Corporate und vielleicht sogar noch andere Sachen zeigt und die sind auch noch toll – wow. Ich freue mich, wenn er oder sie ein Faible für Typographie hat, gute Schriftauswahl, ein Händchen für Satz, vielleicht liebevolle Detailtypographie. Ich freue mich über ein Auge für den Umgang mit Bildern, über Arbeiten, die eine Art «Handschrift» haben, die aber nicht dogmatisch sind, sondern offen und neugierig. Ich freue mich über Arbeiten, die nicht verkopft sind, sondern ein bisschen realistisch bleiben, weil wir halt angewandtes Design machen und kein «Design for Designers». Ich freue mich also über die gleichen Sachen, die mich auch in Designbüchern und in Portfolios von Kollegen oder Künstlern freuen. Handwerk, Ideen, Virtuosität, Demut vor der Thematik, Selbstvertrauen in der Umsetzung, eine Prise Rock’n'Roll. Blood Sweat and Tears.

Die Eigenheit eines Studiums sollte doch sein, die Freiheit zu nehmen auch mal zu scheitern. Wie sollte man damit umgehen wenn ständig der Gedanke dahintersteht, dass die Arbeit auch bei Agenturen ankommt, die sich eher für erfolgreiche und praxisorientiere Projekte interessieren.

Nicht nur des Studiums – auch des Berufsalltags. Fallibilität ist das A und O guten Designs – Erfolg geht nur durch wiederholtes Scheitern.

Das Studium steckt ja in einer komischen Zwittersituation zwischen Selbstfindung und Berufsvorbereitung, wobei der Bachelor – siehe oben – das leider sehr in Richtung einer glorifizierten Mediengestalterausbildung verschiebt. Das kann man sicher nicht verallgemeinern – ein guter Designer wird auch seinen Bachelor so biegen, dass er seinen Freiraum für gute Arbeiten kriegt. Jeder Student muss dadurch heute sehr früh – am besten schon mit der Wahl der Hochschule, also vielleicht auch zu früh für den Einzelnen – entscheiden, ob er einen Job will oder Künstler werden will, bzw. wozu er tendiert. Ich glaube, es gibt im Design Bereiche, wo du mit einer quasi-künstlerischen Handschrift sehr gut durchkommen kannst, andere, wo es mehr um Handwerk und Ideen usw. geht. Jeder kann sich in diese Berufsfeld also quasi eine Art persönlicher Matrix der Lebenswünsche skizzieren, und in der Bandbreite der möglichen Ausformungen dieses Jobs seinen persönlichen Weg finden.

Und die FHs sollten – durch Spezialisierung, durch Dozenten, durch die Fächerangebote – diese Bandbreite dann auch insgesamt abbilden. Am Ende, ganz banal, brauchen wir Leute, die tolle Ideen haben und die diese auch phantastisch umsetzen können. Aber ob das nun für das CD eines Museums oder für Zahnpasta-Werbung ist, bleibt eine andere Frage. Ob Werber oder Künstler, du musst du einen guten Kopf haben und die passenden guten Hände dazu. Beides kann man im Studium lernen – und mal ehrlich, gemessen an anderen Fächern ist Design doch traumhaft einfach. Ich finde, man könnte in Sachen kultureller Bandbreite aber auch handwerklichem Können ruhig die Schrauben anziehen und weniger «lieb» sein. Ich habe BWL studiert und da ging es so rasiermesserscharf bösartig zur Sache, Durchfallquoten bei 90%, ein Bekannter hat Bauingenieur studiert, da sind im Hauptstudium auch nur noch verdammt wenige übrig – aber eben hoffentlich gute Leute – und die kriegen dann auch einen Job. Studium ist in diesen klassischen Berufen immer auch eine Art Selektionsprozess und schafft zugleich einen zum Berufsbild gehörenden Habitus.

Im Design wie in vielen anderen kreativen und sozialen Studiengängen ist das oft etwas sanfter. Ich habe als Dozent Kollegen gehabt, bei denen eine 3- wirklich die härteste aller Noten war, Studenten konnten Abschlussarbeiten zigmal nachreichen, bis es halt zum Bestehen reichte, an einer Schule ist in meiner ganzen Zeit dort nicht ein einziges Diplom durchgefallen, egal wie schlecht es war. Das gibt es nicht einmal in der Fahrschule. Übertrage diese nicht stattfindende Selektion einmal fiktional auf das Medizinstudium – wo würdest du dich wohler fühlen, bei einem Arzt, der sein Diplom fast geschenkt bekommt, oder bei einem, der durch einen rigorosen Auswahlprozess musste? Die Schulen dürften also ruhig auch mal ehrlich sagen: Du kannst das nicht, sorry, schau dich nach etwas anderem um, das hier ist einfach nicht dein Ding. Denn so viel Geld verdient man als Designer ja nun nicht, dass man es unbedingt machen muss, man kann auch in anderen Berufen glücklich werden. Ich glaube, es ist eine Funkion von Bildungseinrichtungen, den Menschen dabei zu helfen, herauszufinden, was sie wirklich gut können, wass ein Leben lang ein erfüllender Beruf sein kann. Es hilft ja niemandem, wenn die Studenten erst nach dem Studium selbst herausfinden, ob sie schwimmen können oder untergehen. Die Schulen schieben hier eine Verantwortung zum Markt, der dann den Schwarzen Peter kriegt – aber wie in anderen Bereichen ist es etwas unsinnig, Leute auszubilden in Bereichen, die die Masse an Bewerbern kaum unterbringen. Die Herausforderung eines guten Studiums ist also einerseits die Freiheit zu bieten, sich kreativ zu entwickeln und zu finden, andererseits auch so real die Wirklichkeit des Berufs abzubilden, dass jeder für sich selbst früh genug kann, ob er hier glücklich wird oder vielleicht doch noch rechtzeitig wechselt. Denn nach dem Studium zu entdecken, dass man vielleicht doch etwas ganz anderes hätte studieren sollen, ist einfach sehr spät – je eher man eventuell wechseln kann, umso besser. Ich denke, wenn man mit Herzblut Designer werden will, wird man immer einen Job kriegen – und kann dann auch rechtzeitig entscheiden, ob man eher in die künstlerische oder die angewandte Ecke tendiert.

2. August 2011 17:33 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 15: Zweifel

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Gab es interessante, radikale oder ungewöhnliche Lösungsansätze bei denen Sie Zweifel gehabt haben, ob das ankommt?

Zweifel habe ich immer. Als derjenige, der etwas entwickelt, hast du ja immer dieses «What if…» im Kopf, die Alternativen, die Varianten, den nicht gewählten Weg, den Remix deiner Ideen. Du hast ja meist nicht nur einen Ansatz, sondern mehrere und oft magst du auch mehrere gleich. Insofern gehört der Zweifel an der eigenen Arbeit für mich dazu, ist auch ein Antrieb. Wenn ich total zufrieden mit meinem eigenen Zeug wäre, müsste ich aufhören, die Unzufriedenheit ist ja auch eine Triebfeder.

Welche Bedenken hatten Sie? Beispiel: Regeln zu brechen, die man nicht kennt.
Die Bedenken sind ein zentraler Bestandteil des Nachdenkens über ein Projekt. Zur Forschung gehört für uns, die Regeln im Segment des Auftraggebers kennenzulernen (sie nicht zu kennen wäre ein Fehler) und zu überlegen, welche man davon sinnvoll brechen darf und sollte. Natürlich beleuchtest du also im Vorfeld ein Projekt von verschiedenen Seiten. Wenn du einen gewagten Entwurf machst – Schrift unleserlich, respektloser Umgang mit Photos, Plakat mit winziger Schrift, was weiß ich – hast du natürlich immer im Kopf, dass du die Rezipienten und damit die Kunden deines Auftraggebers aus ihrer Komfortzone herauszwingst. Das sorgt auf der einen Seite für einen Aufmerksamkeits-Stimulus, diesen «What the fuck…»-Moment beim Rezipienten, andererseits auch für Ablehnungseffekte, von bösen Briefen bis zum einfachen Text-nicht-lesen-weil-zu-anstrengend. Am Ende geht es um die Frage: Was ist angemessen? Du willst ja einen Kommunikationsprozess, und der ist ein Spiel, eine Verführung, ein Tanz. Da gehört durchaus dazu, zu überraschen, zu verblüffen, herauszustechen. Ist in der Mode ja auch so. Wir versuchen, einen Punkt zu finden, an dem der Klient seine eigenen Angsthürden überspringen kann. Der Punkt sitzt bei jedem ja an einer anderen Stelle… dieser Moment, wo sie etwas Angst haben, aber genügend Mut, es fliegen zu lassen und zu schauen, ob es funktioniert. Dazu gehört Vertrauen und es wird leichter, wenn man das Glück hat, wenn es zu Anfang bei einem mutigen Projekt auch schnell einen Erfolg gibt, ein positives Feedback. Da wir unsere Ansätze meist recht gut begründen können und selten rein visuell arbeiten, gelingt es uns aber schon recht oft, die Kunden ein Stück mitzunehmen, Ergebnisse zu produzieren, die zumindest gemessen an bisherigen Publikationen etwas weiter gehen, etwas mehr wollen.

Wie sind Sie in diesem Fall, damit umgegangen?
Dabei hilft vielleicht, dass wir nicht versuchen, rein oberflächlich «krass» zu sein – mich interessieren Trends im Design immer weniger. Die Andersartigkeit suchen wir oft eher im Ansatz, in der Idee, in einer Bildsprache o.ä., weniger in wilder Typographie oder Faux-Bauhaus-Looks. In dem Kontext ist interessant, dass wir mehr und mehr über Inhalte und Texte diskutieren, über Kommunikation eben, und weniger über den Look. Bei einer Homepage fragen wir uns nicht, wie die Buttons aussehen sollen, sondern welche Ressourcen der Klient hat, selbst aktiv eine spannende, lebendige Site zu gestalten, die verändert, spannend ist, sozial ist. Ich kenne zig Website-Redesigns, die Inhalte 1:1 übernehmen, und nur den «Look» ändern. Und nichts könnte verkehrter sein. Es geht doch vielmehr darum, Inhalte webgerecht zu machen, Besucher gekonnt zu führen und verführen und vor allem zu atmen, die Site nicht als Zusatzarbeit zu betrachten, sondern als Nabe der eigenen Prozesse und Aktionen, nicht als reine Informations- oder schlimmer Werbeplattform, sondern als nahtlosen Teil des eigenen Tuns, als einzigartige Kommunikationschance. Und hier, an dieser Stelle sitzt die Radikalität für mich, nicht im Look, sondern darin, die Auftraggeber zu einem anderen Denken über sich selbst zu verführen. Und dabei bricht man seltsamerweise genau so viel Regeln wie im Design an sich. Ein Zweifels-Punkt ist insofern also auch immer: Überfordern wir unseren Partner, ist das schaffbar?

Hatten Sie das dem Kunden präsentiert?
Bei dir geht es natürlich um die Frage, ob man einen Entwurf hat, den man selbst so radikal findet, dass man ihm den Auftraggeber nicht zeigt. Sowas kommt natürlich mal vor, ist aber eher die Ausnahme – Ziel von Design ist ein möglichst angemessenes Lösungssystem zu entwickeln, nicht möglichst krasses Portfolio-Zeug. Wenn wir also zu visuell radikalen Lösungen kommen, dann deshalb, weil wir denken, dass diese am besten eine bestimmte Attitude des Auftraggebers kommunizieren und ein Ziel erreichen. Wenn wir etwa beim ikf° in der Finanzkrise mit Bildern abgestürzter Vögel oder reichlich blutigen Bildern einer Hand-OP arbeiten, dann, um über solche visuellen Schocks bei einer mit Publikationen völlig zugeschütteten Zielgruppe eine Neugierde und Reaktion zu wecken.«Radikalität» – auch wenn ich das selbst nicht so nennen würde – ist also strategisches Werkzeug, wir überlassen das nicht dem Zufall.

Bei allen Zweifeln über die richtige Strategie beim Erreichen solcher Ziele gilt, dass wir sie offen und ehrlich kommunizieren und gemeinsam mit dem Klienten abklopfen, bis beide Seiten glauben, das richtige zu tun. Ganz sicher weiß man das nie, weil die beste Strategie natürlich immer erst in der Realität und nach einiger Zeit zeigt, ob sie richtig greift. Aber wichtig ist, dass wir unsere Zweifel nicht hinter verschlossenen Türen haben, sondern mit unseren Auftraggebern besprechen, um ihnen eine Chance zu geben, darauf zu reagieren. Wir «verkaufen» also nicht eine Blendadent-Fassade und haben insgeheim Zweifel, sondern kommunizieren unsere Ideen ehrlich mit Pro und Contra und beziehen den Klienten so wenn möglich in unseren Gestaltungsprozess mit ein.

11. Juli 2011 09:58 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 14: Auftraggeber

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Wie bewältigen Sie die Waagschale zwischen Ihrem Ideal, Anspruch oder Selbstverwirklichung in Verbindung mit einer möglichen Rationalisierung Ihrer Lösung vom Kunden?

Jeden Tag anders, ehrlich gesagt. Es gibt Tage, da verzweifele ich natürlich etwas daran, dass manche Ideen unverstanden bleiben oder Kunden uns im Prozess nicht genug vertrauen, dass wir nicht genug zu Ihnen durchdringen, uns vielleicht nicht gut genug erklären. Es gibt aber auch Tage, da kann ich pragmatisch und entspannt damit umgehen, wenn ein Entwurf nicht so realisiert wird wie von uns geplant. Von gutem oder schlechten Design geht ja nun auch nicht die Welt unter. Und es gibt Tage irgendwo zwischen diesen beiden Polen. Man darf auch nicht vergessen, manche Entwürfe gehen mit relativ geringen Veränderungen durch und manchmal sind die Änderungswünsche vom Auftraggeber auch Dinge, die uns herausfordern und das Endprodukt besser machen.

Es hängt bei mir persönlich auch immer vom Absender ab – bei einem Theater will ich mehr, bin anspruchsvoller in der Art wie man deren eigenen Zielgruppe gegen den Strich bürstet als bei einem Kunden, der vielleicht nicht aus dem Kulturbereich kommt und ein ganz handfestes Produkt verkauft, der Anspruch und die Ziele sind einfach anders. Beim Beispiel Theater sollten die Medien zum Ansatz dessen passen, was der Auftraggeber selbst auf der Bühne macht, sollten so neugierig und spannend, kritisch und begeisternd sein wie das Haus und seine Dramaturgie selbst. Insofern bin ich immer verblüfft, wie viele sehr brav gemachte Saisonprogramme es von durchaus mutigen Stadttheatern gibt, die vielleicht einfach nicht die Chance sehen, Print und online auch als eine Art öffentliche Bühne, als Raum für Experimente und Statements, Inszenierungen und Themen, zu sehen. In gleicher Art bin ich etwas hartleibiger, wenn das gesamte CD von uns kommt und vielleicht auch seit langem gepflegt wird, da weiß man natürlich sehr präzise, was geht und man eher versucht, zu verhindern… bei der Arbeit in bereits bestehenden Corporate Designs, die nicht von uns stammen, geht es eher darum, dem System mit einer Mischung aus Respekt vor dem Entwurf und Lösungskreativität zu begegnen, da sind Änderungswünsche nicht so schmerzhaft, sondern oft eine Chance, ein theoretisches Konstrukt im Alltag zu optimieren.

Die Spannung zwischen dem, was du selbst für richtig hältst und den Bedürfnissen von Auftraggebern ist tatsächlich Projekt für Projekt, Tag für Tag neu auszuhandeln, schwankt sogar beim gleichen Auftraggeber und innerhalb eines Projektes oft, je nach Tagesform, auf beiden Seiten. Klar ist, dass wir inzwischen bei unterhonorierten Good-Will-Arbeiten etwas weniger bereit sind, wenn wir uns verbiegen sollen und die Arbeit dabei faktisch schlecht wird. Dabei geht es weniger um «Selbstverwirklichung» als vielmehr um «Qualität» und wenn du schon wenig Geld bekommst, möchtest du natürlich saubere Arbeit machen – und etwas Spaß dabei haben. Unsere Pro-Bono-Jobs sind keineswegs auf Awards getrimmt und oft genau so marktorientiert wie unsere gut bezahlten Jobs – denn oft geht es ja gerade für die Jobs im Sozialen Bereich darum, dass du Wirkung erzielst und dein Partner mit relativ geringen Mitteln trotzdem professionell rüberkommt. Am anderen Ende der Skala weiß man, wenn man für eine große Firma oder Einrichtung arbeitet, dass im Räderwerk der Kompromisse keine große Chance existiert, etwas wirklich Mutiges oder «Anderes» durchzukriegen und geht dementsprechend an die Sache heran – versucht selbstverständlich, die Sache als Ganzes voran zu bewegen, ist aber auch nicht zerknirscht, wenn die Zeit eben noch nicht reif dafür ist, und versucht es weiter, mit dem langfristigen Ziel im Auge, den Klienten zu Mehr zu ermutigen.

Auf beiden Seiten ist dabei natürlich Geduld wichtig. Ich bin immer sehr froh, sehr dankbar, wenn der Klient Geduld mit unseren Einwänden und Versuchen, die Sache zu verbessern hat und die Vorteile dieses Vorgehens sieht. Uns ist sehr klar, dass der Auftraggeber manchmal einfach nur fertig werden will und wir freuen uns, wenn er unsere Angebote (die oft gar nicht direkt das Design betreffen, sondern auch Strategien, Budgets, Medienwahl oder Textentscheidungen) annimmt. Ich habe mit manchen Kunden, für die wir seit Jahren arbeiten, einen Art Knackpunkt gehabt, wo man sich vielleicht eben auch einmal ernsthaft streitet, an dem sich zeigt, ob die uns «nur» als austauschbaren Dienstleister sehen, den man bei Gegenwind abschießen kann – oder als eine Art Partner, der sich bei engen Deadlines die Nächte um die Ohren schlägt und deshalb auch ansonsten ernst genommen wird, weil er engagierter Teil des Erfolges ist. Es ist so, dass Klienten die in dieser Form positiv über die Zusammenarbeit mit uns denken, sehr oft auch die richtigen Ansichten im Hinblick auf die eigenen Mitarbeiter, Ziele und Kunden haben – und mit solchen Menschen kann man dann auch sehr gut zusammenarbeiten und schöne Erfolge produzieren. Wer seine Designer hingegen schlecht behandelt, wird wahrscheinlich auch ansonsten im Geschäftsgebahren keine guten Manieren haben und ich glaube, dass von einem «guten Karma» im Umgang mit Menschen auch der wirtschaftliche Erfolg abhängt (auch wenn ich das wahrscheinlich gegen zig reale Beispiele anglaube, in denen furchtbare Unsympathen wirtschaftlichen extrem erfolgreich sind).

Kann man Kunden Geduld beibringen?Ich glaube nicht daran, dass man Auftraggeber «erziehen» muss. Hinter dieser Vorstellung steckt eine gewisse Arroganz von Designern – als wären Klienten «unerzogen». Und das ist ja nun wirklich nicht der Fall. Was passiert – auf beiden Seiten – ist, dass man zueinander findet, neugierig aufeinander ist, voneinander etwas lernt. Ich glaube, meist lerne ich mehr von den Auftraggebern. Und ich respektiere auch ihren Mangel an «Geduld» – wir leben in einer Instant-Gesellschaft wo du alles direkt downloaden, streamen oder in 24 Stunden geliefert bekommen kannst. Es ist schwer, zu kommunizieren, dass Ideen dennoch nicht immer auf Knopfdruck produzierbar sind und reifen müssen – und dass auch sauberes Handwerk etwas Zeit braucht, trotz aller digitalen Werkzeuge. Dazu kommt dass «der Kunde» ja auch nie eine Person ist, sondern ein Kollektiv. Mir ist immer sehr bewusst, dass ein Entscheider, dem ich ein Design mache, dieses vor vielen anderen Vorgesetzten und Partnern vertreten muss, eventuell vor Mitarbeitern und Presse usw. Das lädt nicht immer dazu ein, so leichtfertig wie wir Gestalter zu entscheiden, da ist mehr Abwägung im Spiel, auch mehr Politik und entsprechend auch eine Prise mehr Angst als wir sie haben. Während es uns also «nur» um gutes Design geht, haben viele Entscheider weitere und andere Parameter im Kopf, die ebenso wichtig oder wichtiger sind. Man sollte also nicht dem Auftraggeber Geduld beibringen, sondern in erster Linie selbst Geduld entwickeln. Was nicht immer leicht fällt, wenn man das, was man so tut, mit Herzblut macht und persönlich als essentiell für den Erfolg des Partners sieht. Insofern ist es auch völlig okay, wenn beiden Seiten in einem Prozess mal der Geduldsfaden reisst – Hauptsache, man findet wieder zueinander. -Aber die Vorstellung, dass man sich Klienten erst «erziehen» müsste, finde ich seltsam. Dahinter steckt diese Idee vom «bösen Kunden», der die tollen Designs zerschießt und die armen Designer quält. Sicher gibt es solche «clients from hell» teilweise wirklich (die kann man aber garantiert nicht umerziehen). Aber generell gilt es, immer bei sich selbst anzufangen. Ich muss geduldiger werden, nicht der Auftraggeber. Wir Designer müssen uns besser erklären – und professioneller agieren. Wir Designer hängen schließlich auch oft in unserem ganz eigenen Elfenbeinturm aus Ästhetik und Spezialwissen fest, und können uns dem Laien kaum richtig erklären. Wer also «geduldige» Kunden will, muss wahrscheinlich auch vorher supergeduldig seine Ansätze und Inhalte und Prozesse erklären und als Mehrwert nachvollziehbar machen.

10. Juli 2011 13:10 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 13: Kritik

hd schellnack

In Designblogs herrscht eine Dominanz an Kritikern die Arbeiten stark kritisieren. Das verunsichert viele Studenten die sich dann fragen ob das was man tut den richtig sei oder nicht. Man fängt an in Regeln zu denken und das bremst die Kreativität. Was sagen Sie dazu und welchen Rat würden Sie den Studenten dazu geben?

«Richtig» oder «Falsch» sind seltsame Denkebenen im Design. Ich glaube, man kann sehr sehr gut auf der rein mechanischen Ebene kritisieren –schlecht gemachte Typographie, schlechte Photos, hastige Layouts, keine sauberen Grids und so weiter -, aber inhaltlich ist es schon schwieriger. Ich finde durchaus, dass man ein gutes Design, welches eine schöne Idee handwerklich sauber umsetzt, unterscheiden kann von durchschnittlichem oder sogar schlechtem Design. Das ist einfach so – und versierte Designer können das intuitiv, blitzschnell und vernichtend… wir müssen das können, denn das ist alltäglich unser Job, auf eine Arbeit sehen und sie «röntgen» und Schwachstellen entdecken und einen Mitarbeiter anweisen, was verbessert werden muss.

Wer diese Kritik nicht aushalten kann, sollte kein (zumindest kein bezahlter) Designer werden, denn in dem Job stehst du im angewandten Kommunikationsbereich immer vor einer Art Jury. Pitches, Korrekturen durch den Klienten, Designwettbewerbe, Peer Reviews im Büro – irgendeiner weiß es immer besser als du, irgendeiner stellt dich immer auf die Waage und irgendeiner schießt immer Löcher in deine Arbeit. Dieses permanente Säurebad ist nicht unbedingt schlecht, es hält dich wach und verhindert Bequemlichkeit. Am meisten hilft dabei, selbst der eigene schärfste Kritiker zu sein. Ich bin immer eher überrascht, wenn unsere Arbeit gelobt wird, weil ich eher auf das, was noch verbessert werden könnte, fokussiere als auf das, was bereits gut geworden ist.

Was die Kritik angeht – Ich sehe es so, wie ich selbst ja auch eine Band oder einen Autor kritisiere, wenn das dritte Album oder fünfte Buch irgendwie nicht so gut geworden ist wie die Vorgänger – man kann das als Attacke deuten (und wenn es zu oberflächlich bleibt, ist es das ja vielleicht auch), oder aber als eine Form von Auseinandersetzung einer Person, die sich für das, was du tust interessiert und an dessen Qualität interessiert ist, mit deiner Arbeit. Diese letztere Art von Kritik ist durchweg ohne Abstriche eine gute Sache. Vor allem, wenn ich handwerkliche Kritik oder eine Anregung kriege, wie etwas besser funktionieren kann. In diesem Sinne kann selbst destruktive Kritik hilfreich sein, solange sie ehrlich ist und im Detail begründbar.

Es ist eher schade, dass es für Design-Kritik kein sauberes Werkzeug, keine objektiven Kriterien gibt, selbst erfahrene Designer (und ich packe mich da an die eigene Nase) fallen immer wieder auf geschmäcklerische Argumente oder auf die «Hätte ich anders gemacht»-Schiene zurück, wenn sie andere Arbeiten beurteilen. Aber beides ist natürlich falsch. Man muss ein Werk aus sich selbst heraus auseinandernehmen, betrachten und sehen, ob es qualitativ gut ist. Und da fehlen uns Werkzeuge, die anderen Bereiche der Hermeneutik und Kritik längst entwickelt haben. Andererseits darf ich gar nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn die Parameter einer Designkritik aus den Elfenbeintürmen der Universitäten kämen, wenn wir Designer also den gleichen Was-will-der-Autor-sagen-Bullshit ertragen müssten wie die Künstler oder Schriftsteller es teilweise müssen. Jeder, der einmal in einem Museum bei einer Führung gehört hat, was da in die Photos oder Gemälde hineinmystifiziert wird, weiß, was ich meine. Ich weiß nicht – phantastisch wäre, wenn es eine Review-Kultur im Design gäbe, wie sie für Musik, Bücher, Filme und selbst Architektur längst selbstverständlich ist, die fest in den Alltag eingegangen ist, von der Rezeption der jeweiligen Erzeugnisse ja fast nicht mehr wegzudenken ist, egal ob die Künstler das nun immer mögen oder nicht. Vielleicht kommt das auch irgendwann, Design ist zunehmend Teil der Popkultur und wenn wir schon Modeblogs und Stylereviews haben, warum sollte dann nicht eben doch irgendwann ein neues Corporate Design auch in der «Zeit» verissen werden oder im Medienteil des Spiegel gelobt? Ich denke, da wird sich noch einiges entwickeln.

Beeinflusst Sie der Gedanke, was andere über Sie und Ihre Arbeit denken?
Ja sicher. :-D

9. Juli 2011 11:46 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.

Alex Leu fragt 12: Vorauseilender Gehorsam

hd schellnack


Wie gehen Sie mit dem Problem des vorauseilenden Gehorsams um? (Gedanken wie: Treffe ich den Geschmack anderer? Des Kunden? Der Öffentlichkeit? Markterfolg? Und der vll. damit verbundenen Rationalisierung während des Designprozesses.)

«Vorauseilender Gehorsam» klingt vorab so furchtbar negativ. Ich glaube, eine strategische Empathie -– also ein Einfühlen in die Ziele und Wahrnehmungen des Klienten und in die Wünsche seiner Kommunikationspartner/Kunden/usw., ist eine ganz ganz ganz entscheidende Säule unserer Arbeit. Es geht ja nicht um MICH. Als Designer bist du wie ein Psychologe zu allererst doch ein Problemknacker – und an dieses Problem kommst du nur heran durch eine Art Spiegelung. Du lernst den Klienten kennen, versetzt sich in seine Lage, seine Innenperspektive und gehst dann wieder zurück in die Außenperspektive und suchst Lösungen, Strategien, die funktionieren könnten. Stell dir vor ein Freund kommt zu dir, der sich in ein Mädchen verliebt hat und von dir Rat will, was er tun kann. Ist es dann vorauseilender Gehorsam, sich in seine Gedankenwelt hineinzuversetzen – und natürlich in die des Mädchens, um das es geht – und gemeinsam mit ihm zu überlegen, was er ganz konkret tun kann, um seine große Liebe von sich zu überzeugen? Als Designer tun wir nicht viel anderes. Insofern, jajaja, ich bin im Voraus unbedingt gehorsam. Ich versuche Briefings zu verstehen und gern auch besser zu verstehen als der, der sie verfasst hat, ich spreche bei Corporate Designs – sofern irgendwie möglich – mit so vielen Beteiligten wie ich nur kann, ich rede mit Entscheidern und Mitarbeitern, Mitgliedern und Kunden. Ich frage den Leuten Löcher in den Bauch. Ich will, dass die Dinge, die wir dann machen, funktionieren. Ansonsten produziert man bestenfalls leeren Zeitgeist, schlimmstenfalls Müll. Wenn du eine Website machst, willst du, dass sie auch bedienbar ist, der Besucher sich im Interface zurecht findet, sich nicht langweilt, dass aber auch die Texter und Redakteure der Site sie möglichst leicht pflegen können und gerne mit dem Interface arbeiten. Das ist nicht vorauseilender Gehorsam, das ist einfach der Job. In deinen Fragen schimmert immer der Designer durch, der eigentlich Artist ist und sich sozusagen knechten muss, um gutes Design zu machen. Ich sehe das gar nicht so – der Job des Designers ist, das die Dinge wirken, verständlich sind, einfach und angemessen funktionieren. So wie es der Job eines Architekten ist, ein Gebäude eben auch zu klimatisieren und den Aufzug funktionstauglich zu machen oder für ausreichend Licht zu sorgen – die Aufgabe ist nicht ein ikonographisches Dach, das ist die Kirsche auf der Sahne. Dass die Site nicht langweilig ist, das Gebäude gut aussieht, ist die Kür – und idealerweise sind Pflicht und Kür so eng verzahnt, so eins, dass am Ende eben eine «Gestalt» entsteht, die Einheit von Ästhetik und Funktion. Kriegt man nicht immer hin, aber das ist doch die Blaue Blume, der man als Designer ja immer nachjagt.

Dieser Gehorsam ist übrigens das größte Konfliktpotential mit dem Auftraggeber. Es gibt unweigerlich den Punkt, wo du zumindest meinst (man irrt hier ja auch mal), es besser zu wissen als er selbst, oder wo du über strukturelle Hindernisse frustrierst bist, weil du weißt, A und B und C müssen passieren, damit alles rund läuft… aber der Klient sieht es einfach anders und hat durchaus auch seine guten Gründe dafür. Du willst in seinem Sinne handeln, aber schlägst dabei andere Wege und interne Veränderungen vor, auch ganz jenseits der eigentlichen Gestaltung, die er vielleicht scheut. Anders gesagt: Du gibst dem Kunden nicht, was er will (oder zu wollen meint), sondern was er braucht (oder wovon du meinst, er brauche es). Das ist ein echter Knackpunkt. Kunden, die verstehen, dass Diskurse hier wichtig und produktiv sind, die deine guten Absichten schätzen, können nur gewinnen, weil genau an dieser Stelle durch produktiven Austausch ein unfassbarer Mehrwert aus einer einfachen Designaufgabe wachsen kann. Weil das abduktive Denken von Designern unglaublich gut darin ist, komplexe Probleme systematisch zu lösen und so Erfolgschancen zu generieren. Wir finden einfach ganz andere Lösungen und Antworten als etwa Betriebswirtschaftler oder Ingenieure, weil wir sprunghafter, intuitiver denken – im «Was-wäre-wenn»-Modus eben.

Uns ist mit den Jahren sehr klar geworden, dass es eine wertvolle Leistung ist, dem Klienten ein produktives «Nein» anbieten zu können, bestimmte Werte des Klienten zu bewahren, selbst wenn er das akut selbst kurzfristig vielleicht nicht gut findet ein «Nein, aber…» zu hören, sozusagen sein «Torhüter des Guten Geschmacks» zu sein. Wir haben mit diesem Ansatz sehr gute und natürlich auch ein zwei eher schlechte Erfahrungen gemacht – und wenn es so etwas wie Haltung oder Anspruch bei uns gibt, dann ist das immer die Hoffnung, als Partner auf Augenhöhe am Tisch zu sitzen, mit unserer Kritik verdient ernst genommen zu werden – einfach, weil wir uns viel Gedanken über unsere Klienten machen und beste Absichten haben – also nicht vorauseilend «gehorchen», aber absolut vorauseilend mitdenken.

Wann holen Sie, diese Gedanken ein?
So früh wie es eben möglich ist. Am Anfang von Design steht Strategie und Forschung – und da ist jeder Input von Klientenseite Gold wert.

Tun Sie die Dinge, weil Sie das so wollten, weil Sie glauben, dass es andere so «sehen» wollen, oder greifen Sie lediglich auf Ihr Repertoire zurück?
Weder noch. In dieser Frage gibt es keine positive Antwort – ich kann nur tun, was andere wollen oder auf ein irgendwie geartetes Standardrepertoire zurückgreifen? Wir tun die Dinge möglichst so, dass ein Dialog entsteht und aus einer Mischung aus Erfahrung in unserem Metier und Neugier auf neue Prozesse etwas entsteht, was dem Auftraggeber weiterhilft, ihm neue Wege und Lösungen aufzeigt und zu einem ganz greifbaren Erfolg führt. Nicht nur im kommerziellen Sinne, sondern auch im sozialen Kontext.

Haben Sie schonmal Ergebnisse präsentierst, hinter denen Sie nicht stehen?
Am Anfang eines Projektes nie. Ich bin schon aus Pitches ausgestiegen, weil einfach nichts Gutes vorhanden war und ich nicht mit schlechten Lösungen in einen Pitch gehen möchte. Am Ende eines Prozesses kommt es durchaus vor, dass der Auftraggeber so viele Kompromisse durchgeboxt hat, dass aus einer schönen Idee ein doch eher schlechtes Ergebnis geworden ist – wer kennt das nicht? Da kann man dann um Ablösung bitten und den Auftrag aufgeben oder es so gut es geht beenden. Manchmal gibt es auch Projekte, die wir «verloren» glauben und der Klient denkt um, kommt uns wieder entgegen. Manchmal finden wir mit etwas Abstand ein «schlimmes» Endergebnis eigentlich auch ganz okay. Und so weiter. Wie gesagt, so richtig zufrieden bin ich mit Endergebnissen ohnehin nie – es geht immer eher um den Prozess an sich. Ich lebe nicht, um sonderlich schicke Plakate oder Flyer oder Bücher zu machen, sondern ich mache den Beruf, um mit Leuten gemeinsam zu Ergebnissen zu kommen, die für beide Seiten ein Erfolg sind. Das ist ein Unterschied.

Wie kann man mit dem vorauseilendem Gehorsam, positiver umgehen?
Ich kann an vorauseilendem Gehorsam erst einmal nichts negatives finden, wenn man ihn richtig versteht. Siehe oben. Zwischen einem egoistischen Diva-Gehabe und völlig meinungslosem Dienstleistertum ist ein großer Bereich, in dem jeder den subjektiv passenden Arbeitsstil und Erfolgsweg finden muss. Wir gelten mitunter als «schwierig», obwohl wir in Designdingen gar nicht Diva sind – du wirst bei uns nie hören, dass wir etwas machen nur weil es «besser aussieht». Wir können alles und jedes jederzeit begründen – bis auf vielleicht die letzten 10% Intuition, die man nicht erklären kann und die einfach Vertrauen brauchen. Wenn man ALLES erklären kann, ist die Magie weg. Aber wir machen fast nichts nur als Selbstzweck.

Wann und in welcher Dosis, macht der vorauseilende Gehorsam Sinn?
Immer – Vorausdenken, Kritik antizipieren (und dann auch mal trotzdem mutig sein), eigene Entwürfe konsequent durch ein Säurebad zu ziehen, bis sie funktionieren, ist ganz entscheidend. Selbstverliebtheit und Design passen nicht gut zusammen. Gut ist es dann, wenn es durch eine permanente beidseitige Revision gegangen ist – und wenn keine Seite meint, sich unbedingt durchsetzen zu müssen. Die berühmten Klienten aus der Hölle sind ja nur deshalb schlimm, weil sie unbedingt ihren Willen durchboxen wollen, ansonsten ist es immer okay, wenn andere Meinungen und Ziele, Absichten und Wege vom Auftraggeber kommen. Da kann man nur durch bereichert werden. Schlimm wird es nur, wenn aus dem Dialog ein Monolog wird und du zum bloßen «Umsetzer» degradiert wirst. Ich denke zB, wenn Kunden dir einen «eigenen» Entwurf schicken, wollen sie dich vielleicht gar nicht dirigieren, sondern nur – mit deinen Mitteln, wenn auch einfacher – eine Lösung kommunzieren, ohne lange Worte. Ich weiß aber, dass jeder – jeder! – Designer beim Anblick einer eMail mit Entwürfen, die der Auftraggeber «mal selbstgemacht» hat nicht weiß, ob er weinen oder wüten soll. Ausnahmslos ist das so. Ich glaube, der Klient will hier helfen und merkt gar nicht, wie schlecht das auf der anderen Seite ankommt. Hilfreich ist dann, wenn er sich nicht an den eigenen Entwurf klammert und für Dialog offen bleibt und andererseits der Designer aber offen und smart genug ist, das Problem (und die Lösung) zu sehen, um dass es hier im Kern geht. Das ist ein Prozess, der natürlich immer auch etwas Grundvertrauen braucht – deshalb läuft so viel Design nach Pitches nicht ideal, weil der Pitch ja sozusagen vom Start weg das ausgesprochene Mißtrauensvotum gegen die Designer ist, die quasi erst durch eine Casting-Hölle geschickt werden, bevor man überhaupt wirklich ins Gespräch kommt. Wenn man sich aber vertraut, ist dieses Ping-Pong von Ideen, Vorschlägen und Einwänden, Für und Wider, ein unfassbar befriedigender Weg zu gutem Design. Als Designer muss man sich von der 100%-Mein-Look-Kontrollfreak-Schiene doch sowieso lösen. Ansonsten kommst du spätestens bei Websites, die Klienten via CMS selbst pflegen, aus dem Weinen nicht mehr heraus. Aber eben hier wird deutlich, wie wichtig der Designer jenseits allem blöden «Branding-Hypes» als ganzheitlicher Berater geworden ist. Ein CMS macht aus einem Auftraggeber keinen «Webdesigner» oder Redakteur und PhotoshopExpress und eine Digikamera noch keinen Designer – aber eigentlich ist es doch cool, den Auftraggebern diese Werkzeuge nahezubringen und sie darin souveräner zu machen.

8. Juli 2011 09:28 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 11: Gewollt und nicht gekonnt

hd schellnack

Sollte radikale/ungewöhnliche/mutige Gestaltung nur denen vorbehalten sein, die sowas auch können?
Wie stehen Sie zu dem Konfliktfeld «Sieht aus wie Gewollt und nicht gekonnt»?
Gibt es für Sie ein Richtig und Falsch, wie man mit Gestaltung umgeht?
Was macht den Unterschied aus, dass die einen es können und andere nicht?

Ich bin ja selbst sozusagen «Laie», also ein Quereinsteiger, der von der Kommunikationstheorie in die Praxis rüber gemacht hat. Ich glaube, die Vergangenheit zeigt sehr klar, dass oft sogar gerade extravagante Gestaltungsansätze von Autodidakten stammen, mit David Carson als dem klassischen Vorzeige-Savant. In fast jedem kreativen Bereich hast du Talente, die nicht klassisch ausgebildet wurden. Man kann Design zwar sicher lernen, aber Kreativität, Ideenfindung und Talent lassen sich nicht in einem Lehrplan heranziehen, und das reine Handwerk kann man dann durchaus auch autodidaktisch im Handeln erlernen, meist durch fröhliches Scheitern. Auf der anderen Seite kann ein Talent natürlich unbedingt von einer Ausbildung, sofern es nicht verbogen (oder schlimmer: begradigt) wird, profitieren, von Input, Beratung, Inspiration, Zeit zum Experiment, einem Fundament, das die Intuition festigt und an dem man sich im weiteren Lebenslauf orientieren kann. Vor allem wenn man Design als Beruf ergreift ist Talent allein meist nicht genug. Wie beim Gesang oder bei der Schauspielerei ist eine gute Ausbildung für das lange Durchhalten-Können und für Professionalität wichtig, aber für «Kreativität» oder – wie du es nennst – radikale Gestaltung ist die FH oder Uni nun wirklich kein Garant.

Am Ende ist entscheidend, was auf dem Spielfeld passiert. Egal ob Quereinsteiger oder ausgebildeter Gestalter, wichtig ist die Idee/Strategie und eine in sich überzeugende Umsetzung. Um beim oben schon angeführten Carson zu bleiben – er hat sich in seinen frühen Arbeiten eine Rohheit und Dreistigkeit erarbeitet, in der Idee und Form kongruent gehen. Der frühe Carson, das ist ein umwerfend dreister, malerischer Umgang mit Typographie, ein phantastisches Gespür für Rhythmus, für Luftigkeit und Dichte. Und jede Menge Punk. Vieles davon wirkt heute ungelenk oder überzogen, aber für die damalige Zeit hat er – ebenso wie eben auch viele studierte Designer, die dekonstruktiv vorgingen – den Nerv getroffen. Hätte er ein klassisches Design versucht, wäre er handwerklich wahrscheinlich gescheitert, aber so passte es eben ideal zusammen, er hat sich sozusagen unangreifbar gemacht, indem er konsequent nach seinen eigenen Regeln spielte und am Ende dabei wundersamerweise eben nicht beschissen, sondern innovativ und energiegeladen aussah. Sein Stil ist seitdem von tausenden von Studenten kopiert – und meist kriegen sie es nicht wirklich hin. Anders gesagt: Wer weiß, ob Jimi Hendrix ein wirklich guter Gitarrist war? Hätte er auf Zuruf Jazz oder klassische Gitarre beherrscht, perfekt Flamenco gespielt – wäre er eine professionelle Studio-Kraft gewesen? Wahrscheinlich nicht. Aber Jimi Hendrix war nun mal der beste Jimi Hendrix, mit aller Konsequenz. Er war sein eigenes Original, sein eigenes Genre, völlig unangreifbar. Auf der anderen Seite gibt es natürlich studierte Studiogitarristen, die auf Knopfdruck nach Gilmore oder eben Hendrix klingen können und auch die klassische Zwölfsaitige problemlos vom Blatt meistern – die aber vielleicht nie ihre eigene Legende und Liga etablieren können. Im Spannungsfeld zwischen Handwerk und Genie ist ja durchaus Raum für diese beiden Pole (und die vielen Mischformen dazwischen).

«Sieht aus wie gewollt und nicht gekonnt» bedeutet dann daraus folgend oft, dass jemand etwas will, was er nicht kann, sich nicht auskennt, falsche Entscheidungen trifft, sich im Ton vergreift. Man muss immer das machen, was man machen kann, wo man selbst gerade ist. Ich mag zum Beispiel die Arbeiten anderer Designer, aber wenn ich versuchen würde, ihren Look 1:1 zu übernehmen, wäre das ein Desaster, es sähe schrecklich aus, weil ich diesen Stil ja gar nicht drauf habe, nicht von innen her kenne. Es würde ein peinlicher Cargo-Kult-Nachbau. Ganz generell ist es so, dass die Idee zur Umsetzung passen muss – und zu dem, was man selbst umsetzen kann. Hier gibt es eine Brücke zu der von dir beschriebenen inneren Haltung oder dem eigenen Stil… es ist immer gut, herauszufinden, was man gut kann und was man lieber sein lassen sollte. Was freilich immer nur durch Fehlschläge und Irrtümer machbar ist. Aber das, was man gut kann und gerne macht und dann auch schön macht… das ist wahrscheinlich die Schnittstelle von Wollen und Können, Handschrift und Haltung, Denken und Tun.

Für Studenten, aber auch für Quereinsteiger und langjährige Profis bedeutet das auch, die Lust am Spiel nicht zu verlieren und den Mut zum Fehlschlag zu bewahren. Der Job treibt dir diesen Mut ja aus – Deadlines, klare Briefings, rationale Arbeitsstrukturen, ergebnisorientiertes Arbeiten. Aber nur durch die Bauchlandung lernst du, wie du richtig fliegst. Ich habe das Studium immer als Chance für die Designstudenten gesehen, genau solche Fehlschläge zu produzieren, ohne sich zu blamieren und habe als Dozent viel Wert darauf gelegt, diese Fehlschläge auch mal ganz gezielt herbeizuführen. Wer nicht scheitert, hat seine Grenzen noch nicht erreicht und erkannt – wer scheitert und wieder aufsteht und was gelernt hat, ist aber doch auf dem richtigen Weg, oder? In der Fahrschule wäre so eine Taktik ein Desaster, klar, aber Design ist eben nicht so einfach wie Kuppeln-Schalten-Gasgeben. Das ist meine große Kritik am Bachelorstudium: Nicht genug Zeit und Raum für Fehlschläge, Irrflüge, Bauchlandungen auf einsamen Inseln. Unseren Praktikanten versuche ich immer zu sagen, dass sie bei uns sind, um zu scheitern, dass das Praktikum als Schleuse zwischen Studium und Beruf dazu da ist, im kontrollierten Umfeld zwar durchaus erfolgreich zu arbeiten, aber eben auch der Freiraum da sein muss, Mist zu bauen, tagelang ein einfaches Plakat nicht in den Griff zu kriegen und so seine Fähigkeiten zu schulen. Ich glaube, eine erfolgreiche lange Karriere ist die, wo man immer wieder und wieder und wieder das eigene Scheitern überwinden darf. Insofern sollte man keine Angst vor dem Fehlschlag haben, sondern ihn als Freund umarmen und mit ihm um die Häuser ziehen – am Ende der Angst kommen dabei meist überraschend hervorragende Ergebnisse heraus.

7. Juli 2011 09:56 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 10: Blockaden und Flow

hd schellnack

Was halten Sie von meiner These, dass Blockaden im Designprozess u.a. deshalb entstehen, wenn Die Aufgabenstellung oder der Weg den man darin gegangen ist, nicht mit deiner Haltung übereinstimmt und somit zu Blockaden und inneren Konflikten führen könnten?
Ist die Art und Weise, wie jemand ein Projekt instinktiv angeht (konzeptionell und visuell), in seiner Persönlichkeit begründet?

Ich kann dieser These zustimmen – und auch wieder nicht. Design ist ein ganz normaler Beruf und wir sollten in der Lage sein, nicht in jedem Prozess dieses Berufes ein Glücksversprechen, eine Selbstbefriedigung oder einen «Flow» zu erwarten. Wer mit dieser Haltung an den Beruf geht, wird auf Dauer einfach nicht glücklich damit. Es ist eine im höchsten Maße soziale Tätigkeit, in der du zwischen den verschiedensten Parametern abstimmen musst, oft mit mehreren sehr verschiedenen Partnern zusammenarbeitest und wie in der Politik ständig deine Ideen rechtfertigst, aushandelst, Kompromisse machst und auf ein bestmögliches (aber eben nicht immer ideales) Ergebnis hoffst. Ich bin selbst Perfektionist und nicht immer glücklich, wenn in meine Ideen oder Entwürfe eingegriffen wird, aber es ist nun einmal der Alltag. Nicht, weil der Kunde zahlt und Recht hat, sondern eben weil der Klient ja durchaus auch erfahren und in seinem Bereich bewandert ist und gute Gründe für seine Wünsche hat, die es zu respektieren gilt – und so hangelt man sich im Idealfall zu einem guten Ergebnis für beide, aber ein Solotanz ist es eben eher selten oder nie. Wer Designer sein will, wie man Sologitarrist oder Poet wird, wird an diesen Abstimmungsprozessen sehr sehr leiden. Wer Spaß daran hat, seine eigenen Perspektiven zu erweitern und andere an sich heranzulassen, wer offen für Spiel ist – der wird wahrscheinlich nicht leiden, im Gegenteil. Design unter den Aspekten der Spieltheorie zu betrachten ist gar nicht so verkehrt.

Auf der anderen Seite ist Design auch eines des wenigen Felder, in dem es genug Bandbreite und Vielfalt gibt, sich zu «finden» und einen eigenen Arbeitsethos zu haben. Man kann hier sicherlich sehr viel mehr von der eigenen Haltung einbringen als in vielen anderen Berufen, muss es oft auch – denn letzten Endes verkaufen wir mit unserer Kreativität auch unseren Enthusiasmus, unsere Begeisterung, und die entsteht aus der Kongruenz von Denken und Handeln, die muss glaubhaft da sein. Insofern ist es natürlich immer gut, wenn du dich für deine Arbeit inhaltlich begeistern kannst, weil die Lösung sich aus den Spurenelementen und Erinnerungen, Inspirationen und Quellen füttert, die dich auch als Menschen insgesamt prägen und ausmachen. Die Musik, die Filme, die Bücher, die Menschen, die Kunst, die Theaterstücke und Photographien – all das wird deine Arbeit formen, weil du deine kulturellen Inputs und Faszinationen darin zu etwas anderem transformierst. Insofern ist auf jeden Fall Konzeption und Gestaltung in der Persönlichkeit verankert, in dem Sinne, dass das, was dich als Subjekt formt auch deine Arbeit beeinflusst, du gehst ja an die gleiche Quelle zurück. Designer ist in dieser Hinsicht einer der genialsten Berufe der Welt, die Mischung aus subjektiven Einflüssen und objektiver Wirkung kannst du ansonsten nur in wenigen anderen Feldern so verzahnen.

Für mich persönlich mündet das darin, dass ich bestimmte Dinge tatsächlich nicht KANN. Wir sind beispielsweise irgendwie nicht das richtige Büro für Schweinebauchwerbung, weil ich dieses enge Gewusel à la Aldi-Flyer nicht hinbekomme, es sieht immer mies aus, wenn ich mich daran versuche. Und man wäre ja auch wirtschaftlich schlecht beraten, Dinge zu tun, die man schlecht oder nur sehr langsam hinbekommt, weil man sie nicht wirklich kann, oder? Und die zu können vielleicht ja auch nicht so erstrebenswert ist. Insofern macht es schon ökonomisch Sinn, wenn das Projekt zum Büro passt, einfach, weil man dann schneller (und für den Klienten somit preiswerter) arbeitet. Man tut, was man gut kann, und aus dieser Harmonie erwachsen dann effektiv und effizient die richtigen Dinge.

Ansonsten und ganz allgemein – siehe oben – fände ich es langweilig eine Kongruenz zwischen einer «Haltung» und Aufgaben zu suchen. Da macht man irgendwann nur noch das gleiche, Das ist so, als läse man nur Zeitungen, deren Meinung eh nur die eigene widerspiegelt, oder hört nur noch eine Richtung Musik. Es gibt kein besseres Rezept für die Stagnation. Umgekehrt ist es spannender – wenn man anhand eines Projektes die eigenen Haltungen und Ansichten überprüfen und erweitern kann.

6. Juli 2011 20:57 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Vorsicht Glas 06: Buy Low Sell High

hd schellnack

Mit Erscheinen der DMIG7 kommt natürlich meine Kolumne aus der 6. Ausgabe in der unredigierten Version (ich hab nur diese Fassung) hier ins Archiv, das Thema war «Hochwertig». Passt so gut zu den Fragen von Alex Leu in letzter Zeit, weil es in der gleichen Zeit entstand und den gleichen damaligen Gedankenstand widerspiegelt.

Der Chemiekasten Design
Im Gespräch mit Kollegen wird mir immer wieder klar, wie wunderbar breit gefächert unser Berufsfeld als Designer eigentlich ist. Ich kenne kaum ein Handwerk, das unter einer scheinbar klaren Bezeichnung so viele unfassbar verschiedene Ausprägungen einer Tätigkeit unterbringt. So definieren sich beispielsweise Designer, die aus dem Illustrativen zum Design kommen immer oft eher als eine Art Künstler, in der klassischen Werbung oder auch bei größeren Corporate-Design-Anbietern fließt hingegen gern ein strategischer oder betriebswirtschaftlicher Aspekt mit ein, manche Kollegen arbeiten fast nur auftragsbezogen, andere seit Jahren mehr oder minder frei, sind sich selbst der beste Auftraggeber. Was viele Designer aus den jeweiligen unterschiedlichen Bereichen dabei selbst oft als scharfe Gegensätze betrachten, die es auszufechten gilt, als gelte es, einen einheitlichen, nämlich ihrer eigenen Sicht entsprechenden und insofern «richtigen» Design-Begriff durchzusetzen, sehe ich eher als dynamische Morphologie einer Tätigkeit, die durch ihre Natur ganz einfach unterschiedlichsten Formen annehmen kann und vielleicht im Sinne der eigenen Weiterentwicklung auch muss. Unter dem Deckmantel «Design» gibt es eine Vielzahl von Subspezies, in denen sich jeder seine eigene Lebens-Nische schaffen kann, was insgesamt eine große Stärke dieser noch durch recht wenig Regeln standardisierten Branche ist. Ich selbst interpretiere meinen Beruf entsprechend natürlich auch meinen eigenen Interessen folgend – als eine Mischung aus Unternehmensberater, Sozialpsychologe, Architekt und Dramaturg. Und nicht zuletzt vielleicht auch als Chemiker… oder besser gesagt als Kind, das mit einem Chemiebaukasten experimentiert und dabei mal ein BUMM mit einer wunderbar dicken schwarzen Rauchwolke erzeugt, mal aber auch nur ein pfffff mit seltsam riechender Brühe als Ergebnis.

Niemand will hässlich sein
Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir alle, egal wie wir uns unseren Beruf selbst zurecht definieren, nach «hochwertigen» Arbeitsergebnissen streben. Niemand wird wirklich absichtlich schlechte Arbeit machen wollen – selbst der aggressivste Antidesigner versucht noch, auf möglichst ästhetische Art hässlich zu wirken, selbst Punk hat seine eigenen Regeln von miss- und gelungenen szene-eigenen Ästhetiken, die das Genre von Außenseitern schützen. Hochwertigkeit ist insofern kein neutraler, absoluter Begriff, sondern eine individuelle Definition, wie ja auch die vielen Diskussionen, die Gestalter mit Auftraggebern immer wieder haben zeigen – die persönlichen Definitionen von «erfolgreichem Design» sind einfach oft nicht kongruent. Während man über Geschmack eigentlich kaum streiten kann, sind individuelle Vorstellungen von Hochwertigkeit oft gut begründbar sehr unterschiedlich. Deshalb hilft die Auseinandersetzung dem Designer auch, zu verstehen, was der Auftraggeber unter einem Design versteht, das BUMM macht, und kann manchmal zu einem wichtigen Teil des Gestaltungsprozesses werden – form follows discourse. Denn während der Designer vielleicht nur eine möglichst ästhetische Lösung anstrebt, und für ihn ein Design hochwertig ist, dass einfach möglichst «gut» aussieht, kann der Auftraggeber verständlicherweise ganz andere Parameter für «hochwertig» haben – etwa ganz banal ein Design, dass den Umsatz ankurbelt. Ich glaube nicht an den immer wieder herbei zitierten Unterschied zwischen «Ästhetik» und «Umsatz», an den manche Kollegen, vor allem aber leider viele Klienten glauben – Design ist dann hochwertig, wenn es gut aussieht und wirkt. Und es ist eben nicht so, dass Holzhammer-Gestaltung besser verkauft (auch wenn viele Klienten das denken). Ein Blick auf die meisten Anzeigen zeigt, dass keine große Marke wirklich noch glaubt, mehr Umsatz zu generieren, indem Sie potentielle Kunden anbrüllt. Gute Gestaltung hebt den Umsatz, indem sie souverän wirkt. Die Frage ist: Wie kriegt man im Chemiebaukasten eine Mixtur hin, die nicht nur eine tolle Färbung hat, sondern auch noch ordentlich knallt?

Scheiße und Gold
Als Designer sind wir alle in der Lage, Scheiße zu Gold zu verwandeln, wir sind Meister des Lackierens und Kaschierens. Wie versierte Präparatoren können wir noch die schlimmste Leiche sexy aus dem Sarg winken lassen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber in unserem Studioalltag kommt es immer wieder vor, dass wir in der letzten Sekunde, wenn ohnehin alles brennt, aus mauen Texten und schlechtem Bildmaterial irgend etwas noch halbwegs überzeugendes zusammenmixen – Headlines umschreiben, Photos aufhübschen; aus zu niedrigen Budgets etwas melken, was nicht so ganz peinlich wirkt, wie es in der Preisklasse eigentlich sein müsste; ex post eine Strategie herbeizaubern, wo nie eine vorhanden war. Das ist so, das war immer so, das wird immer so sein, und ich fasse diesen Veredelungsprozess inzwischen auch als zentralen Teil der Arbeit auf – ein guter Koch muss immer auch mit armseligen Zutaten ein einigermaßen überzeugendes Gericht kochen können, ein Handwerker auch mit einem schlechten Werkzeug noch passable Arbeit abliefern.

Tatsächlich ist diese Verwandlung im Chemiebaukasten des Designs ein Prozess der Mehrwertschaffung. Längst übernehmen Designer die strategische Planung, positionieren Unternehmen durch konzeptionelle Ideen und klare visuelle Sprache, retten miserable Ansätze und werten fast en passant im Layout dann noch lese-feindliche Texte auf. Ein Designer, der sein Geld halbwegs wert ist, wird immer mittel- oder langfristig durch eine Mischung aus Enthusiasmus und Können einen spürbaren Mehrwert für eine Marke oder ein Produkt schöpfen, der nicht aus dem Unternehmen selbst kommt, sondern erst im nachgelagerten Veredelungsprozess entsteht. Das ist der banalste Kern angewandten Designs: Der Auftraggeber liefert Zinn und wir produzieren zwar natürlich kein Gold, aber zumindest doch soliden Stahl oder mit etwas Glück sogar Silber. Wenn man uns denn lässt.

Jeder von uns tut das. Wir Designer versuchen stets, den Klienten davon zu überzeugen, seine EIGENE Sache besser zu machen als er es eigentlich tut. Ich kenne keinen Designer, der stundenlang mit einem Auftraggeber über ein Logo debattiert, weil er das nun persönlich gerade zu seinem Glück braucht – wir alle tun das, weil wir wissen, dass der Kunde im Endeffekt von der durchdachteren Lösung profitieren wird, selbst wenn er das akut vielleicht noch nicht so sieht. Die Aufgabe des Designers ist ja schließlich, die Zukunft zu schmecken.

Was wir in diesem Prozess machen ist im Grunde Aktien niedrig kaufen und sie zu einem deutlich höheren Wert wieder verkaufen, wie Sanierer in ein marodes Unternehmen gehen, die Sache wieder ins Rollen bringen und mit Gewinn weiterverkaufen. Mit dem Unterschied, dass es nicht unser Gewinn ist, sondern der des Auftraggebers. Wir verwandeln Zinn in Silber und behalten das Silber nicht für uns, sondern bringen es brav zu demjenigen zurück, der uns das Zinn geliefert hat (gegen ein gemessen an der tatsächlichen Mehrwertschaffung meist eher moderates Honorar).

Ob bei der großen Markenbildung oder nur einem kleinen Internetauftritt – mit Wissen und Leidenschaft (Leiden und Wissenschaft) mischt der Designer Qualität aus den profansten Stoffen. Und oft fast beiläufig – ich erinnere mich an einen Fall, wo wir für ein großes Unternehmen einen Webauftritt machen sollten und in diesem Prozess heraus fanden, dass die Firma keinerlei Ordnung in ihrer Produktlinie hatte, was vielleicht erst auffällt, wenn man die Produkte in das navigierbar logische Gerüst einer Site strukturieren will und feststellt, dass es keine sinnvollen Produktgruppen gibt, Produkte teilweise doppelt existieren, andere wichtige Marktkategorien aber gar keine Produkte haben. Ergebnis des Prozesses war eine Bereinigung der Produktpalette, eine erfolgreiche Straffung von Marketingstrategien und mehrere komplett neue Produkte, die klaffende Lücken füllten und deshalb binnen kurzer Zeit erfolgreich liefen. Und ich bin sicher, ihr alle kennt solche Prozesse von «Abfallprodukten» des Designprozesses, die oft wertvoller für ein Unternehmen sind als die ursprüngliche Aufgabe, für die man engagiert wurde. Wir alle zaubern Teflon in unserem Chemiebaukasten. Hat der Auftraggeber offene Ohren und Interesse an Erfolg, mündet Design in Effekten, die weit über das Gestalten eines Geschäftsberichtes oder einer Website hinausgehen. Design ist angewandte Unternehmensberatung.

Die kommunikative Wasseraderfindung und Aufwertung, die gutes, engagiertes Design für ein Unternehmen oder eine Einrichtung bedeutet, ist so signifikant für deren Erfolg, dass Design (und eben nicht nur die Produktdesign) längst neben Preis, Qualität und Service der zentrale Faktor in der Wertkette von Produktion zu Verkauf ist. Design ist überraschend oft mehr als ein Deckmäntelchen, sondern offenbart eine Haltung der Unternehmen, die auf gutes Design setzen, die tiefer geht und die einen Respekt vor den Kunden sowie Liebe zum eigenen Produkt zum Ausdruck bringt.

Everything counts…
Aber das Chemiebaukasten-Kind in mir weiß, dass unsere Mixturen besser werden, wenn die Rohstoffe reiner sind. Insofern ist für mich die Frage nach wirklicher Hochwertigkeit immer eine Frage, die zu den Zutaten führt – Qualität entsteht immer am besten aus Qualität. So spannend es sein mag, aus Fast-Food-Zutaten ein gutes Gericht zu zaubern, so sehr weiß doch jeder Koch, dass erst frische Zutaten, eine einwandfreie Qualität von Gemüse oder Fleisch, kleinste stimmige Details in den Aromen, zu einem wirklich phantastischen Gericht führen. Detail ist alles, alles ist Detail. Auf unsere Arbeit übertragen sind es zunächst ganz offenbar lesenswerte, mit Liebe geschriebene und involvierende Texte und gute, ästhetisch sowie technisch einwandfreie Photos. Das klingt genauso einfach wie es ist, aber im Alltag ist unfassbar, wie viel Energie man in genau diese Banalität stecken muss. Wie oft habt ihr im Kleinen oder Großen schon versucht – immer mit der Angst im Nacken, den Auftraggeber mit eurem Interesse an den Details auch noch zu vergraulen – , Material nachbessern zu lassen oder selbst zu überarbeiten, selbst wenn es mit eurer ureigentlichen Arbeit nicht direkt verbunden ist, weil ihr einfach glaubt, dass diese Zutaten für ein überzeugendes Endergebnis essentiell sind? Ich würde wetten, jeder von euch tut das permanent und fragt sich in schwachen Stunden, warum man sich eigentlich so beherzt um Dinge kümmert, die dem Klienten scheinbar egal sind, anstatt den Shit einfach zusammenzuklotzen und stumpf das Geld zu kassieren. Aber macht euch nichts vor – gerade die Tatsache, dass ihr auf Qualität besteht, den Auftraggeber zu überzeugen versucht und motiviert, dass ihr Entwürfe ändert, nachbessert, Texte umschreibt, Bilder neu anfragt, Logos in Vektorqualität auftreibt und immer wieder und wieder an den Details schmirgelt und feilt… gerade diese Tatsache macht euch erst zu guten Designern. Es mag wie aufreibender Alltagskleinkram wirken, aber es ist die Essenz unserer Arbeit – Dinge besser machen. Nicht mit den Schultern zucken, nicht den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Kompromisse machen (und suchen), aber immer wieder jeden Morgen neu an den Schreibtisch zu gehen und um das Beste zu kämpfen. Die Qualitätssicherung im Kopf, der Versuch, immer das Bestmögliche herauszuholen und das Schlimmstdenkbare zu vermeiden. Designer wollen die Nutzbarkeit und die Wirkung dessen verbessern, was sie entwickeln – und das nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen.

Das große Ganze
Es ist insofern eine oft logische Konsequenz guten Designs, dass es langfristig auch ganze Prozesse beim Auftraggeber optimieren kann. Die Wertschöpfung am Ende hat das Potential, zurückstrahlen in die Produktion und Planung, wenn der Klient in der Lage ist, die Anregungen des Designers intelligent aufzugreifen und umzusetzen. Der Design-Chemiker schließlich nimmt ja das Produkt in seinem Labor unter die Lupe, zentrifugiert es, findet die Essenz, aber auch die Schwachpunkte und kann aktiv helfen, die Markenkommunikation drastisch aufzuwerten. Tatsache ist, dass Design erst dann messbar wirken kann, wenn es als Planungsparadigma gedacht wird und nicht nur als «Hoppla, wir müssen ja auch noch Werbung machen»-Notlösung am Schluss stattfindet. Eine solide Zielgruppen- oder Marktanalyse, eine saubere Strategie mit stets evaluierbaren Zielen, ein diesen Zielen und dem Unternehmensvolumen angemessenes Budget, aber auch ein ehrlich gutes Produkt, ein motivierter Verkauf und guter Service – all diese Zutaten sind für erfolgreiches Design entscheidend, sie sind Aspekte des ganzheitlichen Designs und sollten aus der Perspektive des Designs kritisch betrachtet werden. Je solider das Fundament, umso wirksamer kann Design wirken. Natürlich kann man mit einer schicken Package auch furchtbaren Müll verkaufen – aber langfristig funktioniert das nicht, in Zeiten von Online-Foren zur Bewertung von tatsächlicher Nutzererfahrung mit einem Angebot weniger denn je. Echte Substanz entscheidet, die Einheit von inhaltlicher Qualität und im Marketing gegebenen Versprechen. Ziel eines guten, integrierten Designs ist also eben nicht, Zinn in Stahl zu verwandeln, sondern dafür zu sorgen, dass da von Anfang an gutes Erz gefördert wird, das Ziel ist Ehrlichkeit. Ein guter Designer wird sich also für jedes kleine Detail dessen interessieren, was er am Ende «verpacken» soll – und ein guter Auftraggeber weiß, wie wertvoll der Input eines engagierten Designstudios für sein Unternehmen ist. Auch wenn der Begriff des «Design Thinking» inzwischen ziemlich abgenutzt ist – in der Praxis ist es so simpel wie nahe liegend, und auch keineswegs neu, von Anfang an und in jedem Lebensprozess einer Einrichtung darüber nachzudenken, welche Ziele man hat und wie man sie evolutionär und langfristig erreicht. Will Gestaltung am Ende erfolgreich sein und begründbar funktionieren, tut der Auftraggeber sich immer selbst den größten Gefallen, wenn es von Anfang an eine Philosophie des runden Tisches gibt, in der er und sein Designer im Diskurs die beste Lösung erarbeiten, sich an die Essenz der gemeinsamen Hochwertigkeit heranarbeiten. Egal, was man tut, ob Schrotthandel oder Theater, Autobau oder Architektur – es gibt immer mehrere passende Weg, in seinem Feld die bestmögliche Arbeit zu tun. Design ist die Landkarte, mit der man diese Wege findet, denn die Manifestation von Intelligenz in der Konzeption, Produktion und im Marketing ist nun einmal ein Designprozess. Was liegt näher, als Designer, deren ureigenstes Interesse es ist, Prozesse so reibungslos und funktional wie nur eben möglich zu gestalten, und die ja schon am Ende der Kette einen spürbaren Mehrwert schaffen, von Anfang an einzubinden? Design, von Anfang an richtig gemacht, erzeugt Hochwertigkeit als Folge von Aussiebungsprozessen, von Optimierungen, von kritischem Denken und Besser-Machen-Wollen. Designer sind die Wissenschaftler des Alltags, die von dem Trieb beherrscht sind, die Dinge optimieren zu wollen. Das Richtige ist dabei dann das Funktionierende ist das Schöne ist das Erfolgreiche – es gibt keinen Gegensatz mehr zwischen «verkauft sich» und «sieht gut aus»

Auf dem Maskenball der Verpackungskünstler
Derzeit geht es bei Design sehr viel um die Oberfläche, den Style. Das mag daran liegen, das primär auf Schaueffekte setzendes Design, das keine Auseinandersetzung fordert, sich in reizüberfluteten Pitches, in rasant durchgeklickten Online-Portfolios und bei hektischen Jury-Entscheidungen einfach besser durchsetzen kann. Die Folge ist, dass heute ganze Design-Lookbooks wie aus einer Hand aussehen, obwohl sie eine ganze Schar verschiedener europäischer Designer aus unterschiedlichen Ländern präsentieren… die halt nur mehr oder minder auffällig identisch gestalten, Echos von Echos in der Echokammer des größten Lookbooks von allem – dem Internet. Es mag auch daran liegen, dass die erfolgreichen Designer weniger und weniger Zeit (und Budget) haben, sich wirklich intensiv und lange mit einem Re-Design einer Marke o.ä. zu befassen und oberflächliche, eben vor allem visuell funktionierende, aber kaum mehr begründbare Lösungen entwickeln. Es mag auch sein, dass genau diese Lösungen in Pitches am einfachsten funktionieren, wenn selbst die Auftraggeber über individuelle Farbvorlieben sprechen und nicht mehr über konkrete Kommunikationsziele, wenn alles im Nebel persönlichen Geschmacks zerstäubt wird. Diese Ästhetisierung von Design, von der sich niemand ganz freisprechen kann, produziert natürlich wunderschön anzusehende Arbeiten von herausragenden Designern/Illustratoren. In diesem Segment von Design als eher visueller Leistung lässt sich Hochwertigkeit sicher an subjektiven oder modischen Parametern festmachen. Es kann keinen Zweifel geben, dass wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Methoden entwickeln werden, um in Form einer aktiven Designkritik über diese ästhetische Dimension von Design urteilen zu können, wie wir heute Film- oder Plattenkritiken schreiben. Grafik-Design wird sich wie Kunst, Photographie oder Architektur als visueller Kulturfaktur etablieren und sich noch mehr als bisher einen Weg in Magazine, Galerien und Museen bahnen. Ich mag diesen Aspekt von Design per se, aber manchmal beschleicht mich die Angst, dass diese Spezies von Design sich ungesund vervielfältigt und allzu dominant wird, es nur noch um modische Launen, um den Gestalter-als-Künstler geht, nicht mehr um die «Sache», die es zu verbessern gilt, nur um subjektive (und damit unangreifbare) und weniger um objektive Vorstellungen von «Hochwertig». Es ist eine resignierte Haltung, die ich hinter manchen Arbeiten vermuten, die nur noch kommentieren oder schlicht sperrig-«anti» sind (wohlgemerkt alle auf recht gleiche Art), oder die auf der anderen Seite nur noch Nichtigkeiten schön verpacken wollen – so als könne man nicht mehr die Kraft aufbringen, das große Ganze besser zu machen. Man kommentiert die Misere, aber als Beobachter, passiv, cool, eben rein ästhetisch. Was sich in den 90er Jahren noch wie ein Befreiungsschlag anfühlte – raus aus dem Korsett des Sachzwangs, rein in den Posthistorismus -, führt heute in ein oft seltsam unterkühltes Spiegelkabinett, in dem narzisstische Verkleidungskünstlern sich einander gleichgültig smarte Insider-Zitate zuflüstern. Es ist eine seltsamer Fin-de-siècle-Maskenball und nach fast zwei Dekaden hat kaum noch jemand die Kraft, wirklich zu tanzen und im Halbdunkeln sehen alle Gäste verdammt ähnlich aus.

Design als Mission
Versteht mich nicht falsch – ich finde es toll, wenn es im Design einen großen Bereich visueller Arbeiten gibt, die frei und abenteuerlich sind, die ohne Leine spazieren gehen. Ich bin vielleicht nicht ganz sicher, ob dieser Bereich derzeit so mutig und frei ist, wie er sein müsste – aber Design-als-Kunst ist ein wichtiges Feld, keine Frage. Aber wenn es um «Hochwertigkeit» geht, komme ich immer wieder zurück zu einem anderen, etwas älteren Designbegriff, dem ich eine Renaissance wünsche. Während Dieter Rams (und leider im nur geringeren Maße der großartige Hans Gugelot) gerade wieder en vogue ist, weil Jonathan Ive den reinen Look des Braun-Designs bei Apple aufgreift, sind es tatsächlich die Thesen hinter dem Design von Rams, die man ähnlich auch bei Bill oder Aicher wiederfinden kann, diese Ideen des Designs der sechziger Jahre, eines soziopolitischen Ansatzes, der aus meiner Sicht einen verblüffend Weg zu einem anderen Begriff von «Hochwertigkeit» zeigt.

«Hochwertig» ist hier nicht das, was modern ist, oder gefällt, was einer ästhetisch-künstlerischen Vorstellung des Designers entspricht sondern das, was evolutionär funktioniert, sich durchsetzt, was also bleibt. Dieses Designer fungiert als permanenter Innovations- und Verbesserungszyklus, als Schumpeterscher Prozess von Selbstkritik, Hinterfragung, Erneuerung. Es ist nur zwangsläufig, dass ein derart an der Nützlichkeit orientiertes Design einen Hunger hat, sich in betriebliche Aspekte einmischen will, die auf den ersten Blick nichts mit «Grafik» zu tun haben. Dieses Design hat stets den Beigeschmack des Missionarischen, weil es ganzheitlich denkt und Nutzungsaspekte eines Produktes ebenso ernst nimmt wie die Usability einer Homepage. Es ist einfach die logische Fortführung jenes Denkens, dass uns als Designer im Detail um Verbesserungen kämpfen lässt. Es ist der Kampf der Chemiebaukasten-Kindes um die besten, pursten Zutaten für das größtmögliche BUMM, eine Art Askese des Guten. Um Rams noch einmal zu zitieren: «Weniger, aber besser.» Unterm Strich ist dieses Design der anstrengende und oft ohne Frage auch frustrierende Versuch, im eigenen Arbeitsethos, in Gesprächen, im Umfeld immer wieder nach Vernunft und Angemessenheit zu suchen, die Prinzipien des eigenen Entwerfens auf das Umfeld auszuweiten. Die Vorstellung von «hochwertig» endet hier nicht bei Schriftwahl und Druckveredelung. Keine Frage, dass die Design-Missionare sich hierbei nicht selten aufreiben, frustriert sind, ausbrennen, in die Lehre flüchten oder nach und nach zu den schlimmsten «Wer zahlt hat Recht»-Zynikern mutieren. Weil die Welt sich in ihrer Komplexität nicht rigide entwerfen und steuern lässt ist der Ingenieurs-Ansatz eines Otl Aicher im Grunde zum Scheitern verurteilt, zu statisch, zu steif, wo der Ansatz der reinen Ästheten zu schlaff, zu hedonistisch, zu pseudo ist. Weil Design immer ein sozialer Prozess ist und eben nicht wie Wissenschaft in einem durchgehend kontrollierbaren oder wie Kunst in einem zutiefst individuellem (ergo auch kontrollierbaren) Umfeld stattfindet, sondern in einem Spannungsfeld von widersprüchlichen und oft fehlerhaften Kommunikationen, Wünschen, Zielen ist ein hartes Streben nach «Exzellenz» eine perfekte Strategie zum Unglücklichsein. Ein Designer wird niemals die Resonanz und Tiefe der Arbeit eines «echten» Künstlers erreichen, ohne sozusagen unbemerkt das Feld zu wechseln – andererseits wird niemals ein Designer auch nur eine ganze Firma re-organisieren und verbessern können, von der Gesellschaft als solche ganz zu schweigen. Aichers Designer als Weltentwerfer und flammender Erzieher würde heute an der eigenen Rigidität und Freudlosigkeit ersticken.

Come together
Die Zerteilung des Designs in Ästheten und Moralisten, Stylisten und Ingenieure, Realos und Fundis, ist nun schon so alt wie die Entdeckung des Selbstbewusstsein des Designs im Jugendstil oder Dada oder Bauhaus, das dürfte sicher ein 100 Jahre altes Thema sein – und es wäre überfällig, diesen Gegensatz als Reichtum zu verstehen. Ja, wir haben derzeit sicherlich zu viele reine Stylisten, syntaktische Meister ohne Inhalte, aber die Austauschbarkeit der meisten Arbeiten ist auch für die Protagonisten der Szene greifbar. Auf der anderen Seite wird auch der strengste selbsternannte «Informationsarchitekt» erkennen müssen, dass Kommunikation eben kein Haus ist, keine Architektur hat, sondern arationalen Aspekten folgt, die man spielerisch und explorativ integrieren kann. Auch Freude an der Nutzung sind eben «objektive» Funktionsfaktoren. So ist zu hoffen, dass die Ästheten auf der Flucht aus dem ermüdenden Nihilismus ihrer Arbeit weiter nach tieferen Inhalten suchen und die Moralisten ihrerseits die Magie des Spaßes und die Leichtigkeit des intuitiven Spiels entdecken. Was seit Jahren wie zwei unvereinbare Lager scheint, kann in der Fusion eine dynamische, lebendige Idee von angewandtem Kommunikationsdesign ergeben, eine Art Dritten Weg als Ausweg aus der Sackgasse, in der die Branche steckt. Design als Kreuzzug funktioniert ebenso wenig wie Design als Cocooning in die Heile Ich-Kuschelwelt. Ein dritter Weg zwischen missionarischem Eifer und nonchalanter Oberflächlichkeit ist eine Chance, sich in aller Bescheidenheit wieder im Sinne Aichers als Weltverbesserer zu verstehen, ohne dabei wie Wile E. Coyote ohne jeden Lerneffekt immer wieder an der Unmöglichkeit dieser Aufgabe zu scheitern. Eine Chance, aus dem nihilistischen Anti-Design herauszukommen, das nichts erschafft, nur cool sein will, sondern die Energie und die Leidenschaft und auch die Wut der Gestalter wieder in positive, die Zukunft suchende Entwürfe zu leiten. Anstatt die Gegenwart müde zu dekonstruieren würden wir so wieder die Zukunft (mit-)gestalten.

Und unsere Suche nach Hochwertigkeit könnte dabei ganz neue Dimensionen erreichen…

5. Juli 2011 11:54 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 09: Angst und Mut

hd schellnack

Wann empfinden Sie etwas als Angst und wann als Herausforderung?
Wann und wo stellt sich für Sie der Punkt ein, an dem der Mut überwiegt?
Wie verhält es sich, wenn Ihnen ein Projekt besonders wichtig ist?
Angst vorm scheitern: Wie gehen Sie damit um?
Wie sollte man mit hohen Ansprüchen positiv umgehen?

Das ist immer beides gleichzeitig da, Angst und Mut gehören zusammen. Da wir immer wieder gerne Sachen machen, die wir vorher nicht gemacht haben, oder Dinge produzieren, die etwas experimentell sein, hat man natürlich immer wieder die Sorge, ob es auch gut geht. Wenn der Drucker Angstschweiß hat, wird man irgendwann auch selbst natürlich etwas nervös. Diese Angst würde man sicher los, wenn man nur noch die gleichen Dinge tut, insofern ist diese Angst eben auch eine gute Sache. Manchmal werden Projekte eben erst gut, wenn die Gefahr besteht, dass man auch daran scheitern könnte. Wobei ich finde, dass im Design diese Gefahr recht gering ist – ein misslungenes Experiment bedeutet ja keine einstürzenden Neubauten mit einigen Toten, sondern nur eine schlappe Broschüre oder ein verdrucktes Plakat. Davon geht die Welt nicht unter, weswegen man gerade in der etwas schnelllebigeren Designwelt auch den Mut zum Fehlschlag ruhig haben kann.

Geschäftlich hat man, befürchte ich, immer Angst. Ich denke immer, die ist nur da akut, wo ich jeweils gerade bin, aber das ist natürlich Quatsch. Derzeit sind wir zu groß, um studentische Preisstrukturen zu haben, die Kosten sind höher als bei Kollegen, die allein im Homeoffice arbeiten – auf der anderen Seite schätzen uns kapitalstarke Klienten immer noch als zu «klein» ein und gehen lieber zu Großagenturen, selbst wenn diese offensichtlich zu groß und teuer für diese Auftraggeber sind. Und dieser Spagat macht einem natürlich schon mal Sorgen. Man glaubt dann, wenn man erst einmal 8 oder 10 Leute im Team hat und mehrere sechsstellige oder sogar siebenstellige Etats fährt, verschwindet die Angst vielleicht. Aber das ist natürlich nicht wahr – das Rad wird nur größer, der Druck nimmt zu, mit den Möglichkeiten wächst auch die Fallhöhe. Wenn du 100 Mitarbeiter hast, kämpfst du genauso um Etats und hast genauso die Sorge, Mitarbeiter gehen lassen zu müssen, wenn Aufträge ausbleiben. Same same, aber auf einem anderem Niveau. Tatsache ist, dass sich an dieser Art von existentiellem Stress seit den Anfangstagen nichts geändert hat, ausser in der Höhe der Beträge, um die es geht. Wenn man nicht angestellt ist, gehört das irgendwie wohl dazu – und als Angestellter hat man ja im Grunde die gleiche Sorge, im Gewand der Angst vor der Arbeitslosigkeit. Ruhig schlafen können in dieser Hinsicht nur noch Beamte.

Als Designer hat man – je nachdem wie man tickt – neben dieser existenziellen Angst sicher noch die Ebene einer Scheiternsangst im gestalterischen Sinne. Wie jeder Kreative fragt man sich, wie relevant das eigene Tun ist. Ich bin da mit den Jahren entspannter geworden. Wir produzieren keine Kunst, sondern bedrucktes Papier, da sollte man bescheiden sein. Die Relevanz liegt in der eigenen Zufriedenheit und im Erfolg für den Kunden, in dem Gefühl, mit guten Leuten an guten Dingen zu arbeiten und im Kleinen ein paar Parameter in die richtige Richtung zu schieben, ohne gleich die Welt dabei retten zu wollen oder das Design des 21. Jahrhunderts zu revolutionieren. Wer das von sich selbst erwartet, hat ohnehin ganz andere Probleme :-).

Kann man mit hohen Ansprüchen auch negativ umgehen? Ich habe kein Problem mit meinen Ansprüchen. Ich habe mit den Jahren gelernt, mich nicht völlig zu zerfressen, man kann nicht alles kontrollieren, muss auch mal loslassen können – zumal bei den meisten Projekten immer viele Menschen mitentscheiden und man deren Meinung auch respektieren sollte. 100% Perfektion geht nicht in Kollaborationen. Ich merke immer noch, wenn sehr viel von mir persönlich in einem Projekt steckt, dass ich dann ganz schön gereizt reagieren kann, wenn man mir am Ende des Wegs die letzten 10% oder 20% versalzt und ich meinen «Willen» nicht durchsetzen kann. Das Ding ist nur, dass das gar nicht gesund und gut ist – richtig ist, sich einzubringen und zu engagieren, aber auch loslassen zu können und die Meinung anderer zu respektieren. Ich glaube inzwischen an eine Politik des doppelten Vetos – eine Arbeitsbeziehung ist dann gut, wenn wir dem Klienten nichts aufzwingen und er jederzeit «Nein» sagen und steuern kann, und wenn wir aber bitte eben auch jederzeit «Nein» sagen dürfen und man uns nichts aufprügelt. Aus dieser Kombination entsteht zwar mehr Arbeit, bis man eine für beide Partner sinnvolle Lösung gefunden hat – aber wenn beide Seiten sich die Mühe machen, sind am Ende auch wirklich alle meist zufrieden und es ist eben dennoch kein Kompromiss-Design, sondern eins, das man gemeinsam im Dialog entwickelt hat. Leider gibt es immer noch Auftraggeber, die es fast als Sport sehen, den Designer etwas vorschreiben zu müssen, ihn «brechen» zu können. Ich finde das immer schade, wenn wir unser Veto-Recht nicht wirklich kriegen, da es ja sozusagen per Definition nicht um unser subjektives ästhetisches Empfinden geht, sondern um saubere, erfolgreiche Arbeit im Sinne des Auftraggebers… und um die Tatsache, dass wir ja dafür bezahlt werden, uns intensiver mit visuellen Auftritten und Details zu beschäftigen und mehr Know-How zu haben. Wer da Beratung ablehnt, aus welchen guten Gründen auch immer, tut sich eigentlich selbst keinen Gefallen, ebenso wie wir immer gut damit fahren, auf die Experten, mit denen wir zusammenarbeiten, zu hören.

11:19 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 08: Motivation

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Wann treibt Sie ein Projekt besonders an?
Würden Sie sagen, dass viele Ängste eliminiert werden, wenn man sich mit etwas beschäftigt oder auf eine Weise löst, was man ziemlich gut kann, mit dem man sich voll identifizieren kann und Spass macht?
Sollte man sich vorwiegend mit Projekten beschäftigen, mit denen man sich identifizieren kann? (übereinstimmung mit Selbstkonzept, Haltung, Interesse etc.)

Wir sind immer erst mal hochmotiviert. Ich kann beim besten Willen nicht sagen, dass ich in A- oder B-Projekte unterscheide. Schneller kannst du Sachen angehen, bei denen vieles bereits vorliegt oder geklärt ist, wo die Vorarbeit erledigt ist, aber das hat nichts mit der reinen Motivation zu tun. Du verlierst diese intrinsische Motivation nur dann, wenn du merkst, dass der Auftraggeber, in dessen Sinne du ja arbeitest, aus eigenen Gründen nicht mitzieht. Das passiert, wenn etwa interne Politik entscheidender wird als das faktische, langfristige Ergebnis. Oder wenn du merkst, dass jemand seinen frühen Feierabend wichtiger findet als ein überzeugendes Resultat, wenn Leute in eine Angestelltenmentalität wegducken und keine Leidenschaft entwickeln. Das passiert und manchmal ist das sogar gerade ein Grund, noch motivierter zu sein – aber zugegeben, manchmal drückt das auch auf die eigene Motivation, klar.

Umgekehrt freuen wir uns immer umso mehr, wenn wir unsere Partner wachküssen, mitreißen und man am Ende etwas geschaffen hat, was für diese Firma oder Organisation wirklich anders, brennender, intensiver ist – wenn da auf einmal Aufbruchsstimmung kommt und sich dann idealerweise auch noch Erfolg einstellt. Du merkst, es kommen bei mir immer wieder unternehmensberaterische und psychologische Faktoren hinein – Motivierung, Hierarchiefreiheit, die richtigen Dinge auf die richtige Art tun, Spaß und harte Arbeit kongruent kriegen und so weiter. Das macht unfassbar Spaß, wenn du über die Jahre zum Berater wirst, zum echten Partner, zum Vertrauten, zum «Freund» und deutlich mehr leistest als nur den gestalterischen Verpackungsprozess ganz am Ende einer Leistungskette.

Persönlich bin ich außerdem jemand, der es mag, gerade im kulturellen Sektor, wenn etwas gegen den Strich gebürstet wird. Ich mag es selbst als Konsument, wenn mich etwas herausfordert und freue mich also, wenn Theater, Museen usw. mit uns Projekte anschieben, die nicht allzu affirmativ und glatt sind, sondern die Ecken haben, widerborstig sind, die nicht so einfach wegkonsumierbar sind, die mehr wollen als nur Tickets verkaufen, die irgendwie verwirren oder verärgern oder mehr Zeit fordern als ihnen zusteht, die also das leisten, was Theater und Kunst und Kultur auch generell machen – zur Auseinandersetzung einladen.

Insofern interessieren uns auch nicht nur Projekte, mit denen wir uns ohnehin identifizieren. Zwar gibt es gewisse moralische Faktoren, die passen müssen – als Büro versuchst du natürlich für Kunden zu arbeiten, die Dinge tun, die sozial und moralisch integer sind, die die Gesellschaft insgesamt voranbringen -, aber wir haben keine Angst davor (im Gegenteil), Projekte zu starten, die uns völlig fremd sind, die auf den ersten Blick nicht zu passen scheinen. Es ist also nicht so bei uns, dass wir weniger «Ängste» haben, wenn wir in vertrauten Gewässern schwimmen – sondern wir fühlen uns auch im tiefen Wasser ganz wohl, solange der Kunde uns das Vertrauen und die Zeit leiht, hier schwimmen zu können.

Wichtiger Teil ist da eben auch die Neugier auf das Neue. Und die befriedigst du nicht, wenn du immer in den gleichen Gewässern schwimmst. Es ist schwer, Auftraggeber zu überzeugen, wenn du in ihrem Segment eigentlich keinerlei Erfahrung hast, aber gerade dieses fremdelnde, ganz frische, suchende Element des Designs macht dann besonders Spaß – neue Zielgruppen, neue Regeln, die man beachten und brechen kann, neue Abenteuer. Und daraus erwachsen Ergebnisse, die dann für die Branche meist relativ wegweisend sind. Die Erfahrung ist nicht selten, dass das, was wir dann sozusagen «neu» erfinden, weil wir uns frisch mit einem Marktsegment und seinen Problemen befassen, binnen kurzer Zeit von anderen Firmen in diesem Bereich übernommen wird.

Mit der «Identifikation» ist das so eine Sache. Wir haben bestimmte, fast unausgesprochene, aber klare, ethische Regeln. Wir wollen für Projekte und Produkte arbeiten, die ein positives Vorzeichen haben. Die der Gesellschaft etwas geben. Aber das ist nicht so platt, wie es klingt – und darf es auch nicht sein. Identifikation darf nicht heißen, den eigenen Vorurteilen oder Paradigmen zu folgen, sonst lernt man nichts mehr dazu und stagniert. Man muss offen bleiben, die Meinungen ändern dürfen. Wir haben etwa für die von uns im Vorfeld ja nicht unkritisch gesehene Chemiebranche gearbeitet, weil die Jugendstiftung eines großen Branchenunternehmens rundum und ohne jeden Zweifel eine phantastische Sache war – und der Partner auf der anderen Seite in jeder Hinsicht genau die Sorte Person, mit der du einfach gern arbeiten willst, war. Identifikation ist wichtig, darf aber nicht zur Beengung des Sichtfeldes oder der Neugier auf neues führen. Sonst verkümmert man. Je verschiedener die Aufträge sind, umso spannender ist das Arbeiten – eine der ganz großen Sachen an diesem Job ist doch, hinter die Kulissen verschiedenster Branchen und Bereiche schauen zu dürfen und sich etwas einarbeiten zu müssen. Wir wissen natürlich nie so viel von Schauspiel wie ein Intendant oder vom Banking wie ein Professor, aber sich mit diesen Bereichen befassen zu dürfen, berufsbedingt in diesen Feldern forschen zu dürfen, ist ein großes Geschenk, das man als Designer nun mal hat. Man lernt einfach lebenslang sehr viel.

4. Juli 2011 12:12 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 07: Autorenschaft

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Inwiefern ist Autorenschaft im Design relevant?
Welche Rolle nimmt die Kommunikation, „eigener“ Arbeiten (Autorenschaft im Design), in der Schaffung eines bevorzugten Kundenprofils ein?
Für wie wichtig halten Sie, dass Designer, eigene Botschaften und Inhalte kommunizieren und neben der Arbeit für Kunden, als Designautor in Erscheinung treten?

Das muss wirklich jeder für sich entscheiden. Die Branche hat genug Spielraum vom dumpfsten Dienstleisterdenken bis hin zur Selbstwahrnehmung als unantastbarer Künstler, dem keiner reinzureden hat.

Lustigerweise unterstellen mir manche Auftraggeber gern diesen Künstlerhabitus, wenn ich bei Änderungswünschen mal etwas bockig reagiere. Nichts könnte weiter weg von der Wahrheit sein. Ich habe mich nie als Künstler verstanden und der Kick als Designer ist für mich nicht, mich «selbst zu verwirklichen», sondern ganz konkrete Probleme zu lösen – und das heißt manchmal auch, dem Partner gegenüber in seinem eigenen Interesse eine Meinung zu vertreten.

Ich denke eher wie ein Ingenieur oder Architekt oder Wissenschaftler. Ich komme von der Studienzeit her aus der Kommunikationswissenschaft, der BWL und der Unternehmensberatung und sehe Design insofern nicht als graphische Spielerei, sondern als soziales, psychologisches und wirtschaftliches Kommunikationswerkzeug. Innerhalb dieses Rahmens lege ich aber durchaus viel Wert auf eine Art Co-Autorenschaft, auf eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, auf Argumente und Austausch. Wir finden schon sehr wichtig, beraten zu können und zu dürfen und das bedingt eine Co-Autoren-artige Zusammenarbeit. Hat man nicht immer, aber es bringt ohne Zweifel die besten Ergebnisse.

Ich bin immer getroffen, wenn Klienten uns als reine Grafik-Hansel betrachten, denen man Inhalte und sogar gestalterische Details vorgeben kann, vor allem, wenn dies ohne strategisches Nachdenken geschieht, also ohne Herleitung in Abstimmung mit den Zielen. Insofern suchen wir immer den Dialog und kümmern und intensiv um an sich grafik-ferne Themen… andere Marketingbereiche, Produktqualität, Service, Innenarchitektur, Corporate Language, Struktur, Inhalte und Tonalität von Texten. Da kann es passieren, dass ich einem Vorstandsvorsitzenden sagen muss, dass es eigentlich egal ist, wie liebevoll wir die Verkaufsmedien gestalten, solange der Innendienst sich unfreundlich am Telefon meldet oder selbst bei großen Anfragen nicht serviceorientiert reagiert. Das Ergebnis ist dann vielleicht eine Schulung – und das Geld ist besser investiert als eine Printmaßnahme, die nur dazu führt, dass mehr Leute unwirsch am Telefon begrüßt werden :-D. Und es ist natürlich für uns immer wieder eine schöne Erfahrung, wenn solche Ratschläge wirklich angenommen werden – und dann auch oft greifen und ein besseres Ergebnis bringen. Design ist für uns eben nicht nur «Grafik», sondern Optimierung von Prozessen zu einem gewollten Erfolg hin.

Es ist ein Ansatz von Design als Organisationspsychologie an der Schnittstelle zwischen unserem Auftraggeber und seinen Kunden, also wirklich keine Kunst. Es geht für uns immer sehr intensiv um die Sache an sich, um eine gewisse Ehrlichkeit im Auftritt einer Marke, und damit um Erfolg für unsere Klienten… nicht so sehr um die visuelle Selbstbefriedigung, auch wenn natürlich bei manchen Projekten ein grandioser Look ein wichtiger Erfolgsfaktor ist, weil es Aufmerksamkeit bringt und damit die Response-Chancen.erhöht. Klar soll es also am Ende gut aussehen, aber das ist dann ein Ergebnis von richtigen Entscheidungen und guten Prozessen, das Optische ist sozusagen für uns der Ankunfts- nicht der Ausgangspunkt der Reise.

«Autorenschaft» sehe ich also nicht als das rein visuelle. Kunstbücher sehen automatisch besser aus als Flyer für eine Partei – aber was ist wirklich wichtiger? Sollte man nur Plattencover machen und hippe Magazine, weil es dann automatisch sexy-modern wird… oder ist es nicht doch eben spannender, da zu arbeiten, wo gutes Design viel schwieriger und weniger selbstverständlich zu erreichen ist?

Es gibt viele Kollegen, die neben den Auftragsarbeiten auch «eigene» Arbeiten machen – Magazine, Bücher, Plakate – und ich finde das großartig und die Ergebnisse sind toll, aber mit ganz wenigen Ausnahmen kommen wir nicht dazu. Ich würde dann auch eher schreiben als «Layouten». Ich muss auch zugeben, ich finde das ein wenig wie die Sache mit «Arbeit» und «Urlaub». Ich mache wenig Urlaub, weil ich meine Arbeit nicht wirklich als belastende «Arbeit» empfinde. Was ich mache, macht mir Spaß und meist sind selbst Urlaube ein Anlass, sich Inspirationen zu holen. Ich brauche keine «Flucht» vom Beruf. Insofern brauche ich auch eigentlich kein Projekt, um mich selbst zu verwirklichen, weil ich das in meiner Arbeit tue und eigentlich auch immer im ausreichenden Maße darf und kann oder sogar soll. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich gut wäre in einer Arbeit, in der mich kein Spielpartner zu Kompromissen oder Umdenken oder Problemlösungen anregt, sondern wo ich nur mit selbst gerecht werden müsste, ich fände das vielleicht sogar langweilig. Das, was mir persönlich an der Arbeit Spaß macht, kann ich eben am besten im Dialog mit einem Auftraggeber machen, wo auch ein Ziel des Spiels in Sicht ist. Kompromisse und «botched jobs» tun dann natürlich weh, aber den «Urlaub» von der Realität im Design brauche ich eigentlich nicht, ich mag die realen Jobs so wie sie sind und habe kein Zwei-Klassen-Denken. Denn dazu führt das doch vielleicht irgendwann, oder? Zweitklassig gemachte Auftragsarbeit for the money und dann volle Energie für erstklassige «Eigen»-Aufträge – keine Ahnung, wie man das kommunizieren will, auch im Team intern. Mein Ansatz ist eher: Jeder Auftrag eines Kunden IST ein eigener Auftrag und ist A-Liga, egal wie groß oder klein. Ich habe da diese Karate-Kid-Mentalität: Es gibt keine sinnlosen Tätigkeiten, man kann selbst Aufträge, die sich auf den ersten Blick unspannend anhören, spannend machen. Und genau das ist doch die Definition von Design – Dinge besser machen als sie akut sind.

Es braucht auch diese Spannung, finde ich. Ich fand David Carson absolut großartig, als er «Ray Gun» gemacht hat. Da gab es Inhalte, eine Redaktion (wenn auch keine sehr mächtige), da gab es spürbar eine Reibung und eine Aggressivität, man hatte das Gefühl, der Mann testet die Grenzen dessen aus, was er machen darf, wie weit er gehen kann, der spielt mit den Möglichkeiten des «Briefings». Ohne diese Grenzen, in totaler Freiheit, wirkt Carson auf mich heute vergleichsweise weniger spannend – als würde ihm etwas fehlen, woran er sich abarbeiten kann – die Oberfläche ist gleich geblieben, aber es fehlt eben etwas, wogegen er rebellieren kann – die Normen eines «normalen» Musikmagazins. Du solltest als Designer also nie denken, dass Grenzen dich einengen – sie zünden die Kreativität, weil sie sich zwingen, um diese Grenzen herumzudenken. Das mag paradox klingen – aber ich glaube, dass die Auftraggeber von diesem Ansatz, sich auch mal gegen das Briefing zu stellen und darüber hinaus gehen zu wollen, enorm profitieren. Ich mag das bei Ingenhoven immer sehr: Der kriegt in einem Wettbewerb ein sehr konkretes Briefing für ein Bauwerk, recherchiert und entdeckt vielleicht eine bessere Lösung – und geht dann damit in den Wettbewerb. Da werden aus einem Hochhaus zwei … oder aus vier Blockgebäuden eine lebendige Gesamtstruktur, oder sie finden eine bessere städtebauliche Lösung als ursprünglich vorgesehen. Das deckt sich enorm mit meinem Denken, im Sinne des Auftraggebers anders zu denken und andere Lösungen anzubieten, auch auf die Gefahr hin, dass man diese etwas mehr erklären muss und es ein komplexerer «Pitch» wird als wenn man nur brav die Vorgaben abarbeitet.

Anders gesagt – ich habe in den letzten Jahren viele Theatersaisonhefte gesehen, die exakt gleich aufgebaut sind und sich nur oberflächlich-ästhetisch unterscheiden. Photos der Darsteller, Stücktexte, Serviceinfos und drumrum halt etwas Grafik Design. Wenig eigene Botschaft und das Design etwa so wie man es auch bei einer normalen Broschüre in der Industrie hätte. Das ist der Standard und das ist eine einfache Sache. Ich mag das aber nicht. Ich finde zum einen Theater ist ein Ort von und für kreative Haltungen und Botschaften, die darf und soll ein Jahresheft zeigen, und zum anderen sehe ich die Rolle eines Designers am Theater nicht passiv, sondern aktiver, mutiger – da hat mich das Schauspielhaus Bochum ziemlich verzogen, zugegeben. Insofern mag ich beispielsweise enorm, was Anselm Weber in Essen gemacht hat, von A bis Z, da hat alles gestimmt, Ansatz, Design, Denken, Projekte, einfach großartig. Ob in Bochum oder jetzt in Bielefeld – wir genießen da ein wenig Vertrauen und können deshalb in den Medien eigene Ideen, Ansätze, Themen, sogar Texte einbauen. Man «shanghait» sozusagen die Medien und macht sie sich – völlig im Interesse des Auftraggebers – zu eigen. Da muss ich dann natürlich immer damit leben, dass das Marketing, die Dramaturgie oder Intendanz als Redaktion und Absender auch mal «Nein» sagen oder andere Richtungen gehen wollen, aber das ist doch auch sehr okay dafür, an dieser Stelle als Mit-Autor tätig werden zu dürfen, in dem Kontext und ein ansonsten etwas blutarmes Medium spannender zu machen. Das ist ein spannender gemeinsamer Prozess, ein Herantasten, und natürlich gibt es auch in Bielefeld noch Darstellerbilder und Stückinfos, aber etwa im letzten Saisonheft eben auch deutlich mehr. Und dieser Prozess macht mir mehr Spaß als zwanzig eigene Magazine zu machen – ich finde es spannender, Wandel zu gestalten, Partner zu überzeugen, Fort- und Rückschritte zu erleben als die totale Freiheit zu haben… ganz ehrlich, ich befürchte, die würde mich etwas langweilen.

2. Juli 2011 17:13 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 06: Haltung & Struktur

hd schellnack

Wie kann ein Designer innerhalb einer Agenturstruktur seine eigene Haltung folgen?
In dem er sich die Agentur aussucht, mit dem er sich am ehesten identifizieren kann?

Wie gesagt, ich glaube, dass man als Designer keine Haltung vorweg haben, sondern in der Arbeit entwickeln sollte. Am besten sogar gemeinsam. Und entwickeln kann man eine Haltung nur durch Fehler, durch Widerspruch, durch Erfolge und durch Feedback.

Es gibt bei uns für einen Designer insofern grundsätzlich zwei «Hürden». Die eine bin ich – beziehungsweise ist das gesamte Team, weil wir in der Entwurfsphase nur Sachen herausgeben möchten, an die wir auch selbst glauben. Die andere Hürde ist in der Zusammenarbeit der Auftraggeber mit seinen ganz eigenen berechtigten und auch mal vielleicht schwierigen Wünschen. Beides ist für Studenten, die an der FH oft vielleicht eher milde Kritik und viel Freiraum für ihre eigene Kreativität bekommen haben, sehr ungewohnt. Für mich ist es das eigentliche Salz der Arbeit, ich bin, auch wenn es mal punktuell schwierig wird, sehr «client-centric» orientiert und kein Künstlertyp. Aber wenn man es anders gelernt hat, bekommen viele Designer bei uns eine Art kognitive Dissonanz. Auf einmal müssen sie ihr Talent funktional einsetzen, gezielt, strategisch und nicht egozentrisch für eigene Interessen und Ansätze, aus dem Spiel ist Ernst geworden. Sie wählen nicht mehr selbst die Ziele und Mittel, sondern kriegen diese per Briefing oder neutralem Sachzwang einer Design-Mission vorgegeben. Sie setzen nicht selbst individuell Parameter, sondern müssen diese durch Forschung und Analyse ermitteln und dabei möglichst neutral, ehrlich, evaluierbar bleiben, sie müssen schon intern alles und jedes immer wieder begründen und nach Schwachstellen durchleuchten lassen. Ich weiß selbst nur zu gut, wie schwierig dieser Gangwechsel sein kann und ich weiß auch, dass manche Studenten das gar nicht packen und deshalb einen eigenen Weg finden müssen, der sie vielleicht eher in Richtung Kunst und Selbstverwirklichung führt. Ich finde es super, dass es inzwischen Künstler/Designer gibt, einige davon sind gute Freunde und ich finde diese Grenzgänger unfassbar wichtig – aber mir geht es nicht um Design für uns oder für mich, sondern um soziales Design mit einer Wirkung. Wir haben sicher eine Haltung und wir wollen sicher auch gute Gestaltung – aber die Haltung ist die, dass es nicht selbstverliebt sein darf, sondern dem Auftraggeber helfen muss und die gute Gestaltung ist dabei einfach nur das beste Mittel zu diesem Zweck. Ich bin beileibe kein Jasager, der alles macht, was der Geldgeber fordert – fast eher im Gegenteil, viele Kunden empfinden uns vielleicht sogar eher als kritischen Partner -, aber wir sind nicht kritisch, weil wir für uns was «Schönes» wollen, sondern wir sind kritisch – auch uns selbst gegenüber -, weil nur dadurch ein am Ende hoffentlich gutes Ergebnis entsteht.

Intern gilt, dass ich mehr als offen für Ansätze und Haltungen, Inputs und Konzepte bin, ich will einfach nur, dass es gut ist und auch gut gemacht. Da ich selbst relativ wenig auf einen bestimmten Stil festgelegt bin, kriegt man mich auch begeistert, wenn man gut argumentiert, fundiert begründet und gute Arbeit gemacht hat, ich bin immer mehr als froh, wenn Mitarbeiter ihr eigenes Ding machen, nicht Dienst nach Vorschrift, nicht versuchen, es «mir» recht zu machen, es geht nicht um mich. Die meisten Ergebnisse bei uns sind inzwischen hochgradig gemeinsam erarbeitet, jeder schaut auf alles drauf, jeder gibt Input, jede Meinung wird ernst genommen, egal ob Praktikant oder Inhaber, wir sind weitestgehend hierarchiefrei in dieser Hinsicht. Am runden Tisch muss sich halt das beste Argument, der beste Entwurf durchsetzen – nicht als «Wettbewerb» gedacht, sondern als Diskussion, als gemeinschaftliches Arbeiten. Am Ende ist es dann nie hundertprozentig «dein» Produkt, sondern eine in der Peer-Kritik gereifte und geänderte, hoffentlich dabei besser gewordene Fassung. Es ist wie bei einer Band, im Idealfall wie bei einer guten Band, in der die Summe mehr ist als die Teile. Das betrifft auch meine Entwürfe, ich habe schon Logos oder Editorial-Sachen, an die ich sehr glaubte, weggeworfen, weil die anderen sie mies fanden und die besseren Argumente hatten. Das gewährleistet, das «But I like it…!» nie wirklich ein Argument sein kann, es geht nie um persönliche Eitelkeiten.

Ich glaube, durch diese Art Innenrevision kannst du mit der Zeit als Mitarbeiter sehr sehr gut auf Augenhöhe mit den Klienten diskutieren, weil du ja die Arbeiten mit geschaffen hast, aber auch, weil du intern immer wieder üben musst, deine eigenen Ideen argumentativ zu untermauern. Du kriegst nach und nach diese Idee in den Kopf, dass du eben kein «Autor» bist, der von bösen Kunden an der freien Entfaltung gehindert wird, aber eben auch kein reiner «Dienstleister», der immer ja sagen muss. Alles ist Prozess, alles ist nach Möglichkeit Diskurs – das ist mitunter anstrengender als Dienstleistung total oder 100% Künstler-Attitude, aber wenn es funktioniert, ist es grandios, und es funktioniert sehr oft. Gibt immer auch mal einen Punkt, wo man sich mit Kunden dann auch stark reibt, aber wie Karin Schmidt-Friderichs mal sagte: Wo Reibung ist entsteht Glanz. Und nahezu ausnahmslos ist nach einem Konflikt-Punkt auch wieder Harmonie da.

Das unseren Designern natürlich alles nichts, wenn der Klient wirklich völlig beratungsresistent ist und schlechte Ergebnisse unilateral erzwingt, aber es macht dich als Designer realitätsbewusster und weniger eitel, sicherer und selbstbewusster. Die Haltung des Büros (die eben auch ganz anders sein kann als meine ganz individuelle) entspringt insofern auch immer wieder aus diesen Gesprächen, und wird zu einer Art «ausgehandelter» Gruppenhaltung. Wir sind klein genug, um solche Prozesse erfolgreich leisten zu können. Ab zehn Leuten ist das organisatorisch schwierig und selbst in Sub-Units orientierte größere Designbüros sind schon zu bürokratisch aufgestellt, haben echte «Angestellte», keine Familie mehr, weil dort der einzelne immer ersetzbar sein muss, das ist Teil des Systems, people come&go. Bei uns nicht. Bei mir ist keiner ersetzbar, wenn jemand geht, klafft eine Lücke, aber andererseits weiß hier hoffentlich eben umgekehrt auch jeder, dass er Teil des Ganzen ist, wichtig ist. Und seine Haltung, wie immer die auch sein mag, eben einbringen und entwickeln kann (und soll).

1. Juli 2011 20:24 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.

Alex Leu fragt 05: Portfolios

hd schellnack

Inwieweit erwarten Sie von Bewerbern, eine erkennbare Haltung?
Inwieweit sollte sich ein Bewerber in eurer Haltung und Stil ähneln?

Ich erwarte von Bewerbern und Portfolios erst einmal vorab gar nichts, sondern gehe offen an jede neue Bewerbung. Der einzige Weg, eine Haltung beim Erstkontakt zu beurteilen ist ja das Portfolio und vielleicht das Anschreiben. Wenn die Zeit ist, sehe mir die Portfolios konzentriert allein und in einem zweiten Schritt noch einmal mit dem Team durch und wir reden gemeinsam darüber – immer ein schöner Anlass, generell über aktuelle Tendenzen im Design zu reden.

Beim Portfolio geht es für uns um ganz verschiedene Aspekte – hat er oder sie kreative Ideen, ist die Typographie in den Details liebevoll gemacht oder schluderig, stimmt das Handwerk, ist da eine Vielfalt in den Medien und Richtungen zu entdecken, kommt er oder sie nett rüber und so weiter, ist die Mappe und das Anschreiben glaubhaft und ehrlich? Formbriefe, bürokratische Lebensläufe, ominöse Zeugnisse und künstlich aufgeplusterte Portfolios mögen wir meist nicht – je persönlicher und ehrlicher, mit allen Schwächen und Stärken, umso schöner. Einfach so sein, wie man ist, dann klappt es am besten. Ich selbst mag es sehr, wenn Arbeiten nicht nur gezeigt, sondern auch etwas erklärt werden, wenn möglich ohne das, was ich «Diplom-Sprech» nenne, also Texte, die alles künstlerisch aufblasen und eher wirken wie Eigen-Interpretation. Aber ganz sachliche Case Studies, Hintergründe, Motivationen und so etwas – super.

Einen allzu festen Stil oder eine visuelle Attitude bei jemanden Mitte 20 fände ich fast eher seltsam. In dem Alter schon dogmatisch zu sein, wäre ja ziemlich schade. Obwohl man natürlich vielleicht auch gerade mit 20 viel enger und strenger ist / denkt als später im Leben. Mit 20 bist du viel brutaler in deiner Ablehnung von Musikrichtungen und Kleidungsstilen, steckst mehr in Schubladen und Peerdenken. Das lockert sich erst mit den Jahren und Begegnungen und Entdeckungen, wenn man sich als Person dehnt. Idealerweise bringt Alter ja Toleranz und Neugier. Mit 25 denkst du, alle Antworten zu haben, mit 40 oder 50 genießt du eher die Tatsache, eigentlich noch nicht mal ein paar Fragen zu kennen und immer wieder neue zu entdecken. Insofern finde ich Neugierde besser als Haltung – oder Neugierde gut ALS Haltung.

Ich habe auch gelernt, dass ein Portfolio im Zweifelsfall sehr sehr wenig über einen Bewerber aussagt, außer bei den ganz schlimmen Fällen. Nicht nur, weil ab und zu auch mal etwas Arbeit dazugeschummelt wird, sondern auch, weil du nie beurteilen kannst, was wie betreut wurde an der FH, wie viel Zeitdruck war (bzw nicht war), bei Arbeiten in Agenturen, wer da wirklich was gemacht hat… und so weiter. Ähnlich wie bei Photographen, die auf ihrer Site aus 1000en Bildern die 20 besten zeigen, die nur leider keinen Rückschluss auf die Praxistauglichkeit zulassen, so zeigen Designer-Portfolios oft kaum, wie gut jemand vor Ort im Büro mitarbeiten kann.

Wichtiger als eine visuelle Sprache, wichtiger als eine «Haltung» ist mir also eher der spürbare generelle Spaß an der Sache und die Ernsthaftigkeit in der Umsetzung, die Frage ob jemand ins Team passt, mit mir klarkommt, sich als Designer im Kontext gut einbringt und entwickelt. Auf keinen Fall interessiert mich, ob die Einstellungen und Haltungen meine eigenen widerspiegeln, im Gegenteil. Ich brauche keine Mini-Mes, sondern im Gegenteil Leute, die andere Fähigkeiten und Sichtweisen an den Tisch bringen und mich ergänzen – denn mich gibt’s ja schon. Die menschliche Chemie muss grundsätzlich sicher stimmen – nicht nur bei mir, bei allen im Team -, aber meist finde ich es spannend, wenn ein Praktikant oder Mitarbeiter eben neue Dinge einbringt, unseren Horizont ein bisschen erweitert, etwas anders tickt. Wir sind alle recht verschieden gemischt hier – und das macht den Reiz der Arbeit aus und bringt mehr Vielseitigkeit in den Ergebnissen. Denn am Ende möchte ich natürlich, dass jeder Designer zum einen das tut, was der Auftraggeber braucht und zum anderen «seine» Lösungen findet. Vielleicht gibt es deshalb auch kaum einen House-Style bei uns, weil ich sehr dran hänge, dass die Designer – die sehr eng mit «ihren» Klienten zusammenarbeiten, auch ihr eigenes Ding machen und stolz darauf sein wollen.

28. Juni 2011 12:13 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.

Alex Leu fragt 04: Awards

hd schellnack

Wie wichtig sind Awards?
Sind Wettbewerbe das Maß aller Dinge? Oder ist das auch mal zu hinterfragen?

Schwer zu sagen. Da ich Design nie studiert habe und insofern immer etwas mit meiner «Berufung» hadere, freue ich mich wahnsinnig, wenn eine kompetente Jury eine unserer Arbeiten lobt. Nicht aus persönlicher Eitelkeit, sondern weil man ja selbst stets etwas «schwimmt» mit den Ergebnissen (man kennt ja selbst immer die Alternativen und Kompromisse auf dem Weg sehr gut und kann Endergebnisse kaum noch neutral betrachten), so dass es schon gut tut, wenn es jemand anderes mag – ganz egal ob Jury oder jemand auf der Strasse, der dein letztes Saisonheft lobt.

Auf der anderen Seite sind die grossen Awards natürlich finanzielle Unternehmungen. Da fragst du dich automatisch, wenn du gewinnst, was das noch bedeutet – und wenn du nicht gewinnst fragst du dich das erst recht. Insofern hat Bruce Mau generell schon recht, dass Wettbewerbe ungesund sind. Da geht halt eine Jury durch einen Raum mit 1000 tollen Arbeiten, natürlich ist da nicht möglich, sich mit den Zielen und Methoden jeder Arbeit zu befassen, solche Preise sind also ganz unweigerlich etwas oberflächlich, ich war oft genug selbst in einer Jury, um das zu verstehen. Ich mag Awards also, aber ich nehme sie nicht zu ernst. Wir haben ein Jahresbudget für solche Sachen und damit hat es sich, wir nehmen da beileibe nicht alles mit und reichen nicht um jeden Preis alles ein. Zumal uns Awards keine Klienten bringen, bisher nicht einen einzigen. Ich hab keine Ahnung ob andere Büros über die Award-Quote Auftraggeber kriegen, bei uns ist das kein Faktor. Manchmal befürchte ich fast, es schreckt Leute ab, weil sie denken, wir wären teuer – dabei sind wir ja ein recht preiswertes Büro für den Umfang und unser Know-How.

Was uns sehr freut ist allerdings, wenn man den Klienten zu einer relativ mutigen Sache anstiftet und diese dann auch wirklich ausgezeichnet wird. Einfach, weil der Mut dann noch einmal von außen gelobt wird. Oft ist das nicht nötig, weil mutige Ansätze mittelfristig direkt ihre eigenen Erfolge bringen – gute Presse, Imageaufwertung, Besucherzahlen, Umsatz, was auch immer – , aber kurzfristig finde ich, hat der Klient diesen Schulterschlag einer Jury einfach verdient. Ich freue mich insofern meist mehr für den Auftraggeber als für uns selbst, denn ohne gute Klienten gäbe es keine Awards, insofern sind wir sehr dankbar dafür… jeder gewonnene Preis ist eine Arbeit, die unterm Strich ja nur aufgrund des Klienten gut werden konnte.

27. Juni 2011 12:30 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.

Alex Leu fragt 03: Selbstvermarktung

hd schellnack

Wie kann sich eine Agentur oder ein Designer vermarkten bzw. nach außen kommunizieren, um ein bevorzugtes Kundenprofil zu schaffen?
Hat die Kommunikation der eigenen Haltung in der Schaffung eines bevorzugten Kundenprofils, eine Rolle gespielt?

Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Während es ein leichtes ist, Auftraggeber zu beraten, habe ich persönlich natürlich Probleme mit dem Selbst-Marketing und mit dem Erfolg von nodesign, dem Wachsen von der Ein-Mann-Show zum Büro, ist das ein wichtiges, immer wiederkehrendes Thema. Wie wächst man, wohin will man, wie kriegt man die passenden Klienten? Wir machen keinerlei Akquise-Marketing, haben über eine Dekade keine Form von Homepage gehabt (und die jetzige ist auch nicht besonders gut), wir machen keine Pressearbeit, versenden keinen Newsletter, machen kein eigenes Magazin oder profilieren uns über ein Buch bei einem namhaften Verlag. Selbst der Büroname ist irgendwie latent «anti». Und es läuft ja trotzdem gut, so dass man langsam aber solide wächst – so, dass man es selbst fast nicht merkt, bis man mal zurückdenkt, was in den letzten sechs Jahren eigentlich wirklich alles passiert ist. Und natürlich willst du immer auch «mehr». Ich fände ein größeres, noch kommunikativeres Team schön – wir sind jetzt bei fünf Leuten, ich fände acht optimal) und auch entsprechend neue Kunden, wir alle hätten Lust auf einen Verlag oder ein Museum, weil das in den letzten Jahren zu wenig bei uns war. Wir finden vor allem ja auch die ganz handfesten Unternehmen gut, Werkzeugmacher oder so etwas, bodenständiger Mittelstand, eine gute, ehrliche Firma, die ein positives Produkt, das man ehrlich und überzeugt bewerben kann. Während viele Büros ein Traum-Kundenprofil haben, bin ich so neugierig, dass ich mich eigentlich nicht nur auf Kultur – auch wenn das sicher unsere Stärke ist – verengen würde. Ich glaube, wir sind nicht so sehr auf eine konkrete Tätigkeit oder einen Designbereich spezialisiert als vielmehr auf einen Typus von Kooperationsansatz oder ein Denken – die meisten unserer Auftraggeber bisher wollten Erfolg, wollten Wandel, hatten Leidenschaft und, egal ob Unternehmen oder Institution, hatten etwas zu geben. Ob Theater oder Uhrenmanufaktur, Partei oder Architekturbüro – wenn da eine Idee, ein Tun oder ein Produkt ist, das wirklich ein positives Vorzeichen hat für die Gesellschaft, und wenn die Macher selbst daran glauben und intensiv daran arbeiten, ist es stets ein Traum, hier als Designer seinen Teil beizusteuern.

Insofern stehen wir fast genau so wie Studenten oder Berufsanfänger immer wieder vor der Frage, wer wir sind, was uns besonders macht in einer heillos überlaufenen Branche und wie man sich selbst kommuniziert. Was zudem schwierig ist, weil man sich selbst ja eher kritisch betrachtet, bei jedem Job im Nachhinein im Team Fehler analysiert, die man in Zukunft vermeiden sollte – und sich auch ehrlich gesagt insofern selbst anpreisen kann. Die Frage trifft mich insofern ins Mark, weil dieser Prozess für uns ansteht, wenn wir weiter wachsen wollen, weil ich die Vermarktung der meisten anderen Büros nicht 1:1 für uns passend finde und noch nicht so genau weiß, wie wir das anpacken sollten – das ist ein gerade laufender Prozess bei nodesign, der auch hochspannend ist und die gesamte Struktur des Büros umfasst. Der beste Weg ist hier wahrscheinlich, einfach ehrlich zu sein und nicht zu verkrampft drüber nachzudenken, sondern einfach zu machen.

26. Juni 2011 10:04 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.

Alex Leu fragt 02: Spezialisierung

hd schellnack

Teil 2 der Fragen von Alexander Leu an mich:

Wie sollte der Designnachwuchs in der heutigen Zeit, die Waagschale zwischen der Interdisziplinarität und der Spezialisierung umgehen?
Inwieweit muss der Designnachwuchs „alles“ können, um der Interdisziplinarität in Zukunft gerecht zu werden?
Sollte man sich im Studium und Job spezialisieren um so zu besseren Ergebnissen zu kommen? (Statt zuviel und dann doch nichts richtig zu können)
Inwieweit sollte man seinen Interessen/Herzen folgen, auch wenn diese gegen einen Trend und Anforderung der Zukunft spricht?

Ich finde ja, man darf nie ganz Spezialist sein. Ideal, als Menschentypus, ist ja irgendwie, um meinen alten Professor Dieter Krallmann zu zitieren, der «Allround-Dilettant». Klar, du brauchst irgendwann den perfekten Programmierer, den grandiosen Photographen und so weiter… – und um in einem bestimmten Feld wirklich großartig zu sein, muss man sich darauf spezialisieren –, aber in den meisten Fällen wird sich herausstellen, dass der Photograph auch noch nebenbei ein begabter Musiker ist oder der Programmierer sich für Mathematik begeistert, und so weiter. Solche Querinteressen hat jeder und man sollte sie auch pflegen, denn sie bereichern die Arbeit. Reines Spezialistentum brennt aus, weil man immer das gleiche macht und am Ende geht es dann nur noch darum, wo man mit diesem Immergleichen das meiste Geld abgreifen kann.

Bei meinen Studenten oder Bewerbern hier fand ich immer toll, wenn sie sich sich möglichst breit umschauen. Manchmal ist es wichtiger für einen Studenten, sich mit Film oder Musik auseinanderzusetzen, aus der eigenen Enge herauszukommen, als nur der CSS-Crack zu werden. Wichtig ist gelernt zu haben, wie man lernt, wie man sich weiterentwickelt, wie man sich selbst immer wieder herausfordert.

Auf der anderen Seite mag ich natürlich aber auch Studenten, die das klein bisschen Werkzeug, dass der Beruf nun mal mit sich bringt, auch beherrschen. Einfach, damit das Werkzeug die Arbeit unterstützt und nicht die Arbeit nur so gut oder schlecht wird, wie die dann eben entsprechend gute oder schlechte Beherrschung eines Tools es eben zulässt. Wer schlecht Gitarre spielt, wird keine guten Songs damit schreiben können – aber wer keine Songs im Kopf hat eben auch nicht, egal wie virtuos er theoretisch Saiten zupfen kann. Beides muss vorhanden sein. Analog muss im Design Forschung, Marketingdenken, Strategie und eben Kreativität plus die Fähigkeit, all das zu einem visuell überzeugenden Ergebnis zu bringen, zusammenkommen. Ich komme ja von der Kommunikationsforschung zum Design – und vielleicht war für mich das «Grafische« als solches nie allein wichtig, ich habe das stets als grandioses Werkzeug empfunden, Change Management in Einrichtungen zu betreiben oder eben Verhalten zu verändern im sozialen Kontext. Ich habe Design nie als Selbstzweck verstehen können, weil ich nicht vom Formellen dahin komme, nicht vom Zeichnen, Malen, Setzen. Mich interessiert die Bottom Line. Es ist für uns meist eher etwas schade, dass wir von Auftraggebern oft «nur» als Designer angeheuert werden und zu selten ein dezidiertes Strategie- und Forschungsbudget da ist… «Research» macht uns allen enorm Spaß und führt zu Design, das am Ende kraftvoller und funktionaler ist. Ich sehe zwischen Beratung und Kreation keinerlei Grenze, man sollte das nicht trennen, ganz im Gegenteil – Design nur als «Umsetzung» zu verstehen vergeudet Chancen, auch für kleine Unternehmen und Einrichtungen. Ein guter Designer mit Strategie-Know-How ist so etwas wie ein Mini-McKinsey für seine Auftraggeber und kann zudem nicht nur Probleme analysieren, sondern auch kreative Lösungen anbieten.

Für Designer ist wichtig, Lösungen zu entwickeln, zu denken. Ob du die dann in Indesign oder in HTML umsetzt, ist zunächst unwichtig, wobei es natürlich extrem hilft, mit diesen Instrumenten umgehen zu können, um die Parameter, innerhalb derer die Ideen umgesetzt werden, sozusagen die «Physik», die Gesetze und Möglichkeiten, zu verstehen. Interdisziplinär muss dabei also zu aller erst das Denken sein, die Interessen, die Sicht.

Im Beruf folgt man natürlich seinen Interessen und wird sich unweigerlich etwas spezialisieren, weil man bestimmte Dinge oft und gut macht. Man kriegt ja – im besten Sinne – so etwas wie Routine, und die bringt Effizienz. Was grossartig ist, solange man in dieser Routine nicht versackt.

Insofern bin ich stets etwas irritiert, wenn ein Diplomand hier anfängt (mit einem ausgezeichneten Diplom) und nicht die wirklichen Basics von Indesign kennt. Oder schlecht vorbereitet ist auf das Tempo und die eigentlich recht geringe Chance für «Egozentrik» im Designalltags, wo man eben nicht sechs Monate an selbstgewählten Themen sitzt, sondern unter Zeitdruck lösungsorientiert und positiv in das Denken von Auftraggebern und deren Kunden kommen muss. Interdisziplinärität, die ich mir insofern wünsche, wäre eine Balance aus ganz handfesten Fähigkeiten mit den geistigen und greifbaren Werkzeugen der Arbeit, die ja nun so kompliziert nicht sind im Vergleich mit anderen Branchen – und die Souveränität, die diese Beherrschung mit sich bringt, gepaart mit Neugier, Interesse an … eigentlich allem. Designer ist einer der wenigen Jobs, der dich immer wieder dazu zwingt, Forscher oder Reporter zu sein, dich in andere Belange und Welten einzudenken, Lösungsstrategien zu entwickeln für dich an sich fremde Bereiche, und diese Fremdheit sozusagen auch für andere zu übersetzen, also den eigenen Lernprozess universal zu kommunizieren, eine Art Interface zu finden zwischen der Innenperspektive eines Klienten und der Aussenperspektive seiner Zielgruppe und Umwelt. «Interdisziplinär» ist für mich kulturelle Neugier, Grenzenlosigkeit, Hunger, die Bereitschaft, sich zu vergessen und neu einzutauchen, alte Antworten zu vergessen und erst einmal neue Fragen an Land zu ziehen, gepaart mit der Fähigkeit, die in diesem Prozess dann entstehenden neuen Antworten kompetent umzusetzen.

25. Juni 2011 17:00 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.

Alex Leu fragt 01: Stil

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Vor knapp einem Jahr hat Alexander Leu bei uns angefragt, ob ich ihm für sein Diplom einige Frage beantworten kann, die er in dieser Form auch anderen Designern geschickt hatte. Da mir schreiben über Design meist nicht schwerfällt, sind da einige ausufernde Antworten bei herumgekommen, die ich in den letzten Tagen gefunden habe. Damit solche Sachen nicht ganz verloren gehen, stelle ich die Fragen und Antworten nach und nach leicht gekürzt ins Blog, da sie in dem Umfang ohnehin niemals im vollen Umfang publiziert werden können – und so habe ich in zehn Jahren etwas, worüber ich lachen oder den Kopf schütteln kann. Die Antworten sind relativ zügig – um das Flair eines «echten» Interviews trotz Fragebogens für mich selbst zu simulieren – auf dem iPad heruntergeschrieben, werden also eventuell Tippfehler oder logische Fehler haben, sorry. In der Tradition von dem hier und dem hier also rund 25 Fragen zum Thema Design zum Mit-Beantworten…

Wie relevant ist eine eigene visuelle Sprache/Stil? (Designer und Agentur)
Ist das für einen Designer in eurer Agentur/in der Praxis von Bedeutung?
Sollte das Projekt- und Kundenabhängig sein?

Ich fühle mich mit dem Wort «Stil» immer etwas unwohl. Stil ist aus meiner Sicht in einem Designprozess die vielleicht unwichtigste, oberflächlichste Komponente. Den eigenen Stil zu ernst zu nehmen, bedeutet oft, dogmatisch zu werden und die eigene Sichtweise auf die Bedürfnisse des Kunden zu projizieren oder diese sogar mit der eigenen Handschrift zu überschreiben. Das klappt vielleicht, wenn man für einen spezifischen Stil gebucht wird oder nur für Klienten arbeitet, die ohnehin den gleichen Geschmack haben wie man selbst, aber anderenfalls ist es ein wenig arrogant und auch langweilig, alles von vornherein besser zu wissen. Wichtiger finde ich Dinge wie Idee, Struktur, Strategie, Arrangement, Diskurs. Wie etwas aussieht, folgt weniger «meinem» persönlichen Stil, sondern muss eine Antwort auf die Ziele und Anliegen des Auftraggebers sein, muss zu ihm passen, nicht zu mir. Eine fixierte Handschrift zu haben, wenn man in einen neuen Auftrag geht, ist eigentlich eher ein Horror für mich, man hat die Antworten dann schon, bevor überhaupt die Fragen auf dem Tisch sind und für Überraschungen und Entdeckungen ist kein Raum mehr. Es ist gefährlich, wenn deine Entwürfe für ein alternatives Musikmagazin ziemlich genau so aussehen wie deine Entwürfe für eine Bank – wie es bei Carson der Fall war, als er nur noch ein «Stil» war. Seine frühen Arbeiten bis zur Mitte der Raygun-Phase sind ja großartig, suchend, wütend, frech und vor allem unfassbar entschlossen, alle Regeln zu brechen. Später ist da ein bestimmter «Look», der sich wie Mehltau über alles legt, diese Vernacular Typography, die selbst die Regel geworden ist. Stil kann also auch eine Falle, ein Stillstand sein.

Was natürlich nicht heißt, dass man nicht unweigerlich mit den Jahren Vorlieben und Muster entwickelt, die die eigene Arbeit einfärben, weil sich ja deine eigenen Interessen darin niederschlagen. Wenn ich das bei mir entdecke, bin ich meist etwas erschrocken und versuche, jemand anderes im Büro noch einmal über die Sache nachdenken zu lassen, weil ich vielleicht zu sehr im Autopilot-Modus geflogen bin. Ich bin immer froh, wenn etwas am Ende nicht zu sehr nach «mir» aussieht, sondern nach einer Art Idealform, einer Zukunftsprojektion, des Auftraggebers. So wie der Klient ehrlich ist – aber positiv in die Zukunft gedacht, Form gewordener Wandel. Ich bin ein großer Fan von Bill Cahan, dessen Arbeit man durchaus schon wiederkennt, der sich aber fast chamäleonartig und klug in den Dienst seines Auftraggebers stellt und diesen meist unfassbar gut aussehen lässt – wie ein Schneider, dem es weniger um die eigene Eitelkeit geht und vielmehr darum, das Kleid so zu couturieren, dass die Dame darin möglichst umwerfend ankommt. Mein Designdenken ist insofern wahrscheinlich näher am Handwerklichen als an der Kunst, ich brauche das Briefing, den Konflikt, die Probleme und Kanten eines realen Auftrages, um dann zu einer Lösung zu kommen, die das alles halbwegs sinnvoll und kreativ löst. Ich mag auch bei Architekten diese Bauten nicht, die eine Art Manifest des künstlerischen Genies des Architekten sein wollen, und die dann nebeneinander gebaut oft nur noch albern wirken, wie etwa im La-Defense-Stadtteil von Paris. Wichtiger sind doch Häuser, in denen die Menschen gerne wohnen oder arbeiten, die von INNEN gut sind, nicht von außen, die sich einfügen, die auch in ein paar Jahrzehnten noch gut aussehen, weil sie angemessen und sinnvoll sind, uneitel eben. Das ist für mich der Inbegriff eines modernen Designs, das angemessen und nutzerorientiert ist. Dogmatischer «Stil» stört da nur, richtig ist doch eher, was gut funktioniert. Dieses Design entwickelt dann auch oft nicht mehr ein einzelner «Autor», es entsteht idealerweise kooperativ, spielerisch zwischen mehreren Parteien, ist nicht autokratisch, sondern demokratisch. Dieser Weg zum Konsens ist manchmal anstrengender (auch für den Klienten, der sich ja mehr engagieren und erklären muss), als einen fertigen «Style» auf die Dinge zu bügeln, aber die Ergebnisse halten viel länger und lassen sich meist besser implementieren.

Was keineswegs zu verwechseln ist mit «Der Kunde hat immer recht». Meine Vorstellung ist, dass am Runden Tisch keine Hierarchie stattfinden kann, alle gleichberechtigt sind und das beste Argument gilt, die Recherche, das Nachdenken, die beste Lösung. Wer sich darauf einlässt – und der Prozess ist keineswegs so anstrengend oder unspassig, wie es hier vielleicht klingt, es ist eher ein kreatives Spielen, eher Voneinander-Lernen und Neugierde – wird am Ende Designergebnisse haben, die wirkliche Antworten geben und die in die Tiefe hinein tatsächlich funktionieren. Alles andere ist ein bisschen oberflächlicher, so eine Art Designshopping – wie beim Kaugummiautomaten: Oben Geld rein, unten Logo raus. Manchmal geht das nicht anders, etwa weil ein Klient diesem gründlicherem Dialog-Prozess leider keine Chance gibt, dann muss man versuchen, den Prozess selbst bürointern in Gesprächen zu simulieren, und die eigene Arbeit selbst immer wieder zu hinterfragen und durch ein Säurebad zu ziehen – aber aus meiner Erfahrung ist nichts mehr wert als langjähriges gemeinsames Suchen nach überzeugenden Antworten.

Die Tendenz zu einer rigiden eigenen Handschrift zu umgehen, sich selbst weiter herauszufordern und nicht mit der immer gleichen Schrift oder der immer gleichen Ästhetik zufrieden zu sein, bedeutet auch, sich in anderen Feldern umzuschauen. Was machen Künstler, Architekten, Musiker, Autoren, was erweitert und inspiriert dich? Und es heißt auch, in den Kleiderschrank zu greifen und immer mal wieder andere Anzüge auszuprobieren. Sprich, munter zu klauen und zu sehen, ob man Elemente selbst aufgreifen und weiterentwickeln kann oder sich vielleicht schön an ihnen reibt. Ich finde nicht doof, irgendwann zu sagen, dass man hier mal versuchen kann, von Vignelli oder Aicher, dort mal von Brodovitch oder El Lissitzki oder dem frühen Brody oder Saville zu lernen (der ja seinerseits der größte und genialste Klauer vor dem Herrn war), weniger im Sinne einer 1:1-Übernahme ihres Stils, sondern indem man an ihr Denken heranzukommen versucht, an den Drive dahinter, eben an die Idee der Sache, die man dann in den eigenen Kontext integriert… ein bisschen wie eine Coverversion eines Liedes, das man durchdringt, versteht, dekonstruiert und anders wieder zusammenfügt. Am Ende hat man vielleicht etwas vom Songwriting des Orginals verstanden, etwas gelernt. Wie gesagt, das betrifft bei mir inzwischen andere Designer als vielmehr Ideen aus ganz anderen Bereichen – Architektur, Kunst, Theater, usw

Bei mir ist es so, dass wenn Kunden sagen, dieses oder jenes sähe ja typisch nach «mir» aus, ich mir Sorgen mache und mich sofort hinterfrage. Andererseits ist das nach fast 20 Jahren vielleicht unvermeidbar, bestimmte Muster zu haben. Das beste Mittel dagegen ist eine Art Unruhe, eine eingebaute Tendenz, die Dinge weiterzuentwickeln. Das geht vor allem bei Kunden, mit denen man lange und gut zusammenarbeitet prima – wir haben in solchen Partnerschaften fast immer eine Art Evolutionsbauplan eingebaut, ein sich veränderndes Design, das sanft, flexibel und stetig die Morphologie ändert und so spannend bleibt. Nur so verhindert man, dass man sich selbst langweilt und nur noch Routine abliefert.

24. Juni 2011 15:06 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . Eine Antwort.

Langsame Revolution

hd schellnack

Ein Jahr nachdem das iPad den Auftakt zu einer globalen neuen Digitalisierungswelle bei «Print»-Medien ausgelöst hat, reibe ich mich als Leser (aber auch als Designer) immer wieder an seltsamen und frustrierenden Elementen dieses Umbruchs, die einzeln jeweils sicher erklärbar sind, kollektiv aber den Buchmarkt und die Anbieter von Hard- und Software vor wichtige Herausforderungen stellen. Ein kritischer (und sehr subjektiver) Blick auf den Stand der Dinge im Bereich des e-Lesens:

Hardware. Ich hatte letztens bei einem Besuch auf dem mediacampus frankfurt die Chance, mehrere aktuelle eReader in der Hand zu halten. Als iPad-Nutzer eine geradezu schockierende Erfahrung. Unhandlich (mit Ausnahme des Thalia-Readers, der ein sehr süßes Format hat, für «Buch» allerdings einen Tick zu klein ist), ein entsetzlich billiges Aldi-Plastik-Feeling, langsam, medial unflexibel, reines Schwarzweiß… da kommt wenig Freude auf. Das Buch ist ein sehr haptisches Medium und Buchleser häufig Menschen mit einem Gespür für schöne Gegenstände und gute Dinge. Das sollte man beim Design von Endgeräten durchweg im Kopf haben und nicht taiwanesischen Plastikschrott anbieten. Je näher der Reader an das Gefühl eines «Hardcovers» herankommt – und je näher auch die digitalen Buchdateien dies emulieren, nicht durch sepia-Hintergründe, sondern im Handling – desto erfolgreicher wird sich das Angebot durchsetzen. Ich denke auch, niemand hat wirklich Lust, einen längeren Text grau auf grau zu lesen? Die Schrift mag ja «scharf» sein bei vielen Readern, aber sie wirkt pixelig und hat in jeder Hinsicht die Anmutung einer Kinder-«Zaubertafel». Die Bedienung der Software, die sinnfrei wirkenden Hardware-Tasten und viele andere Details der Reader erinnern an die Frühzeit des Computers. Ästhetisch ist das iPad somit fast singulär der einzig annehmbare Weg derzeit. Das iPad aber ist noch zu dunkel in der Sonne, zu hell in der Nacht, reizt die Augen zu sehr beim Lesen als aktives Display gegenüber dem «passiven» Papier und braucht dringend eine höhere Auflösung (iPad3 wird Retina-Display haben). Richtig perfekt ist derzeit noch keine Lösung, Jan Tschichold würde an all diesen Geräten verzweifeln. Das iPad ist noch am nächsten dran und trotzdem einige Jahre von «perfekt» entfernt. Seltsamerweise tut dem Gerät auch die Verschlankung von iPad zu iPad2 nicht wirklich gut. Obwohl für die meisten anderen Anwendungen ein Fortschritt, ist das Pad als Buch jetzt zu surreal dünn, zu scharfkantig, zu sehr Glasscheibe. Ein leichteres, aber voluminöseres Gerät wäre an sich überzeugender. Hier haben wir noch einige schwierige Jahre vor uns – in Sachen Interface ist kein Reader dem «echten» Buch gewachsen. Was zugleich auch heißt, das für andere Firmen als Apple noch Raum wäre, ein markttaugliches Angebot zu konzeptionieren – die begeisterte Reaktion auf den dann leider nie realisierten Courier-Entwurf von Microsoft zeigt das sehr deutlich. Monopole sind nie gut und es wäre erfreulich, wenn ein Hardware-Anbieter sich des Themas Digitales Lesen und Schreiben ganz neu und offen stellen würde.

Kaufen. Es ist immer noch eine Art Horrortrip, spontan ein eBook zu kaufen. Es wirkt fast so, als solle man in semi-legale Graubereiche hinein gezwungen werden, wenn man als Nutzer auch nur den geringsten Anspruch stellt – wie etwa den Wunsch, ein gekauftes Buch auf dem eigenen Lesegerät nutzen zu können. Als deutscher Nutzer ist es schwierig, legal ein amerikanisches Buch – das ich «auf Papier» bei Amazon problemlos binnen 24 Stunden erhalte – als ePub zu kaufen. In Apples iBook-Store gibt es ofiziell keine 50 englischen Bücher… verdeckt sind es einige mehr, aber das Angebot ist erschütternd schlecht. Und auch bei den deutschen Büchern ist die Auswahl deutlich zu klein – Apple hat hier viel zu wenig kleine Verlage im Programm, die Bücher erscheinen deutlich nach den Print-Angeboten, die Vorteile einer digitalen Buchhandlung (Große Auswahl, da keine Lagerfläche, niedrige Preise und hohe Geschwindigkeit) kommen nicht zum Zuge.
Das zugleich die wachsende Zahl der Websites, Foren und Blogs, auf denen Bücher illegal zum Download angeboten werden, explodiert, zeugt von großer Nachfrage, die die Verlage und legalen Anbieter einfach nicht befriedigen. Es ist wie mit dem iPhone und dem Jailbreak – je mehr Apple mit jeder iOS-Fassung ganz einfache Wünsche der Nutzer befriedigt, desto weniger werden diese zu aufwendigen Tricks greifen, um die Funktionalität ihrer Geräte auszureizen. Je einfacher man also digitale Bücher kaufen kann, umso weniger Chancen haben die illegalen Quellen.
Bei Comics, einem fluideren, überschaubaren aber der Buchbranche nicht unähnlichen und insofern als Erfahrungsfeld besonders spannenden Bereich, zeigt sich das besonders drastisch. Der interessierte Leser bekommt nahezu jedes Mainstream-US-Comic am gleichen Tag von ungezählten internationalen und illegalen Quellen in perfekter Qualität in zwei Standard-Reader-Formaten als One-Click-Lösung. D.h. die illegale Vertriebslösung ist an Komfort – abgesehen von der langen Suche und Werbeeinblendungen natürlich – kaum zu überbieten im Hinblick auf das Endergebnis, weist aber einen ungemütlichen Weg dorthin auf, der zudem den Makel des Illegalen aufweist. Kein Konsument von Büchern, Musik, Filmen oder eben Comics will, dass die Macher leer ausgehen. Die Verlage aber – die die Direktmarktstruktur schützen und vor den in den USA durchaus recht mächtigen Retailern Angst haben – setzen auf proprietäre Lösungen, die geradezu bizarr inpraktikabel sind. Selbst der Vorstoß von DC, ab September monatlich 52 Hefte day&date, also am gleichen Tag wie die Printversion, digital zu veröffentlichen, ist nur ein halbherziger Schritt – wenn die Formate nur in geschlossenen Systemen verfügbar sind, wird es wenig nutzen, zumal der Preis bei Erscheinen auf Höhe der Printausgabe liegt. Das schützt die Händler, schadet aber den Verlagen und damit den Autoren und Kreativen. Offene Formate wie CBZ oder CBR, einfache Download-Möglichkeiten, kein DRM und attraktive Angebote für Subskriptionen sind die Lösung. Hier ist übrigens aus meiner Sicht eine große Chance für kleinere Verlage oder Strukturen, ihre Hefte nicht als Webcomics, sondern in ein einem bewährten Format per Blogsystem und Paypal in Echtzeit abzusetzen und die etablierten Strukturen zu umfahren. Flatrates wären gerade für Comic-Publisher, in denen mehrere Hefte ja meist zusammengehören und eine Art «Universum» bilden, zudem eine attraktive Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen und alte zu binden. Wichtig ist aber, nicht nur einen digitalen Zugang mit proprietären Readern zu geben, sondern Zugang UND Besitz zu ermöglichen und auf offene, einfache Formate zu setzen. Oder zumindest beides anzubieten, also eine Art Unterschied zwischen «Streaming» bzw. Miete und «Download» bzw, Besitz anzubieten, wie es im Video- und Musikbereich längst getan wird.

DRM. Kaufe ich ein normales Buch, so kann ich es weiterverleihen, beliebig oft. Kaufe ich ein eBook, etwa ein DRM-geschütztes ePub bei iBooks oder Borders, kann ich das nicht tun. Hier verliert sich ein wichtiger Aspekt von Buch – das Weitergeben, weiterempfehlen, Teilen. Nook ist da einen (halbherzigen) Schritt weiter, sicher, aber generell ist diese Paranoia ein Malus für das eBook-Genre, der zudem auch nur für «legale» Bücher gilt, also wieder den Graumarkt stärkt. Der AppStore und iTunes beweisen, dass gerade DRM-freie Medien und der Verzicht auf Seriennummern/Aktivierungen usw. umsatzsteigernd wirken und die meisten User ein Modell wie das des AppStore – ein Account, mehrere Nutzungen möglich – akzeptieren. Es ist also vielleicht nicht klug, gerade angesichts der Erfahrungen der Musikindustrie, immer noch auf Rights Management zu setzen. Rückt den Nutzer in den Mittelpunkt der Anstrengungen, nicht den Raubkopierer. Wer einen Supermarkt hat und diesen mit Selbstschussanlagen und Stacheldraht gegen Einbrecher zu schützen versucht, wird wohl auch nicht viele Kunden mit diesem charmanten Auftritt für sich gewinnen. DRM kills your business.

Formate Die Formatvielfalt – mobi, lit, ePub, PDF und und und – fühlt sich an wie die frühen Tage von Video mit VHS, Beta und Video2000. Warum es diesen Formatkrieg gibt (und das PDF und textbasierte Formate tatsächlich unterschiedliche Vorteile bieten) ist so offenbar wie schade (anscheinend haben die Hardwareanbieter immer noch nichts aus VIdeo- und DVD-Formatkriegen gelernt, so unfassbar das scheint), aber alle Beteiligten – Konsumenten wir Produzenten – können nur von einheitlichen Standards profitieren. Das offene System zumindest halbwegs klarer Standards im Web kann hier Vorbildcharakter haben. Zumindest die XML/HTML-basierten Formate sollten weitestgehend identisch werden. Die flexible Orientierung an populären und simplen Standards ist immer sinnvoll in Umbruchszeiten (es sei denn man hat wie Apple die Marktmacht, eigene Standards einfach durchzudrücken, wie etwa bei iTunes Audio- und Videoformaten… aber diese Macht hat derzeit eigentlich keine andere Unternehmung und selbst Apple musste sich immer wieder dem Markt anpassen, um Erfolg zu haben).

Preise. Warum kostet Wolfgang Büchers wunderbares «Hartland» als ePub im Grunde ebensoviel wie als Hardcover? Obwohl es hier keine materialle Produktion, keine Lieferung, keinen Grossisten, keine Retouren, keine Lagerhaltung gibt und man sozusagen also ein «ideales» Gut hat, das alle Nebenkosten eines realen Objekts nicht mehr aufweist? Das Argument ist nicht neu – und über kurz oder lang werden die Verlage sich dieser (ja berechtigten) Frage stellen müssen und sich möglichst einheitlich auf ein Modell einigen müssen. Hier zu blockieren, auf Zeit zu spielen und erst einmal Anlaufinvestitionen in eine (allerdings nicht sonderlich teure) neue Technologie mitzunehmen, ist nachvollziehbar – aber die Zeit verrinnt. Gut beraten wäre die Branche, schnell ein klar am Kunden orientiertes Modell zu entwickeln. Ich kann verstehen, dass Verlage und vor allem auch Sortiment die identischen Preise phantastisch finden – sie verzögern den Wechsel der Leser zum digitalen Endgerät und sichern so die bestehenden Strukturen – und die Buchpreisbindung hierfür instrumentalisieren. Ich bin auch dankbar für jeden Job, der durch diesen Ansatz gerettet wird. Nur – der Arbeitsplatz wird nicht dauerhaft gesichert, der Wandel kommt sowieso und mit Verzögerung nur umso gewaltiger und durchschlagender. Unnachvollziehbar hohe Preise erzeugen zudem nur einen Graumarkt, an dem dann niemand mehr etwas verdienen wird. Fair Play auch bei den Preisen ist hier ein essentieller Ansatz, den zukünftigen digitalen Markt zu meistern.

Lesen. Man darf sich nichts vormachen – so phantastisch es ist, Bücher digital zu verwalten – kein Regalplatz, grandiose Markier- und Lesezeichenwerkzeuge, Text-Kopierfähigkeit, diverseste Ordnungsmöglichkeiten, so eben doch noch relativ unangenehm ist das Lesen an sich. Neben dem Display ist ein Hauptgrund die Software, die nicht nur generell zu wenig typographisch einwandfreie Schriften bietet sondern eigentlich nur eine winzige Font-Auswahl mit zudem wenig Features. Wichtig wären mehr Schriften, Open-Type-Fähigkeiten und vor allem eine stärkere Möglichkeit für die Gestalter, auch bei textbasierten eBooks Designvorgaben zu machen. Also Schrifteinbettung, optionale Einschränkung der Fluidität des Content und feste Schriftgröße, Zeilenabstand usw (eine Art Designer- vs- Usermode wäre ja denkbar, bei dem ein Buch aussieht wie für das Device «geplant», der Nutzer aber davon abweichend natürlich individuelle Einstellungen vornehmen kann). Sinnvoll wäre eine Balance zwischen Designvorgaben und der Möglichkeit für den Nutzer, gezielt einzugreifen, anstelle des jetzigen Design-Vakuums, bei dem man als Designer in etwa so effektiv arbeiten kann wie im Web vor 10 Jahren. Ich würde gern als Designer eines eBooks gern typographisch und im Layout sehr viel mehr machen können als eine Art aufgebohrte Textverarbeitung. Der erste kleine Schritt hierhin wäre vielleicht eine Möglichkeit geben, eigene Schriften sicher und lizenzrechtlich einwandfrei einzubinden. Ein weiterer Schritt, zudem ein lukrativer, wäre eine kleine Applikation, die gezielt und absolut sicher nur eBooks gestaltet und in der Applikation bereits verschiedene Reader simulieren kann – eigentlich eine Goldidee für den App-Store. Ein Zwischenschritt wäre, PDF deutlich besser in iBooks zu integrieren – GoodReader zeigt ja, das Textauswahl, Markieren und Notizen auch in PDF schnell und einwandfrei funktionieren. So wie es jetzt ist, braucht es beim digitalen Buch keine Designer mehr, das kann jeder Verlagspraktikant (leider!) selbst – und so sehen die Ergebnisse noch aus. An die Schönheit eines gut gesetzten gedruckten Buchs kommt das elektronische Pendant nicht näherungsweise heran. Noch gilt also, dass das Archivieren von Büchern digital mehr Freude bereitet als das Lesen – und das sollte sich mittelfristig drastisch ändern, denn es ist so, als könnte man in iTunes Musik nur in 64 kbit /s und frei von Bässen und Höhen hören oder als könnte das Schlagzeug jedes beliebigen Albums sich nur auf die fünf Drumsounds von Garageband beschränken.

Adobe. Beim Stichwort Gestaltung – es ist ein wenig seltsam, dass man eBooks fast besser in ausgerechnet Pages «layouten» kann als in InDesign, das von zahlreichen kleinen Bugs und einem Adobe-typisch komplizierten Workflow geprägt ist. Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit ist Adobe derzeit scheinbar dabei, alle sich anbietenden Möglichkeiten einer Re-Etablierung als wichtiger Softwareanbieter zu ignorieren. ePub, PDF und andereAusgabe-Formate (also auch non-Adobe-Formate wie mobi oder lit) sowie Magazine-Apps müssen leicht, mit einem gewissen Spaßfaktor und ohne zusätzliche horrende Kosten (wie derzeit bei Digital Publishing) als integrierte Features der Creative Suite angeboten werden. Ansonsten verliert Adobe in diesem Bereich ebenso wie zuvor bei Flash und HTML. Nachdem Dreamweaver und Flash rapide an Bedeutung verlieren, und der Macromedia-Zukauf insofern rückblickend verspielt wirkt, bleibt Adobe noch die Printgemeinde mit Illustrator, Photoshop und Indesign. Erstere werden inzwischen teilweise von preiswerterer und schnellerer Software ersetzt (z.B. Pixelmator), die zumindest für Nicht-Profis zu einem Bruchteil der Kosten 80% der Leistung liefert. Aber selbst aus professioneller Sicht ist zumindest der Geschwindigkeitsunterschied zwischen 64-bit Pixelmator und 64-bit Photoshop verblüffend, auch wenn um PS de facto fast kein Weg herum führt derzeit. Das Potential eigener iPad-Apps hat Adobe bisher nahezu vollends unterschätzt. Setzt sich dieser Trend ungebrochen fort, wird es Adobe in 5 bis 10 Jahren nicht mehr geben. Der Zeitpunkt war nie besser, die Adobe Creative Suite samt aller Funktionen und Lizensierungsmodelle, Preispolitik und Offenheit von Strukturen genau JETZT komplett neu aufzustellen und zu überdenken, mit einem kritischen Blick auf die Stärken von Adobe und die Zukunft von Designproduktion in Print, im digitalen Publishing (in all seinen Formen) und in der möglichst nahtlosen Zusammenarbeit mit Programmierern. Ride the Wave, Adobe, don’t drown in it.

Es ist eine langsame, schmerzhafte Revolution, die sich hier vollzieht – nicht nur aus Branchensicht, sondern eben auch aus Sicht der Nutzer. Was Not tut, ist Beratung und Kommunikation. Die Verlage und Anbieter müssen sich – über Berater, über Workshops, über Verbindungen wie den Börsenverein, an strategischen Orten wie der Buchmesse – schnell und ehrlich mit ihren Kunden und den Lesern kurzschließen und mutige Strategien entwickeln, die gleichzeitig langfristig und flexibel/schnell sein müssen. Wer dies tut, wer das Produkt am Abnehmer orientiert, wer seine Strategie an der wirklichen Zielgruppe – dem Käufer, nicht dem «Dieb» – orientiert, der wird überraschende Erfolge feiern. Zugleich brauchen wir auf der produzierenden und die Verlage beratenden Seite des Geschäfts bessere und standardisiertere Werkzeuge für e-Medien, die erwachsen und ausgereift sind und effizient in den Workflow hineinpassen und als Medium per se überzeugen. So interessant diese Zeit des Umbruchs, der Irrwege und Experimente ist, so teuer und anstrengend ist sie auch – es wird Zeit, dass das junge eBook zumindest in die Teenagerjahre kommt. Und der iTunes-Store allein kann auf Dauer nicht der einzige Weg sein, die Verlage können an Monopol- und Oligopol-Strukturen nicht interessiert sein. Nie war die Zeit besser – für Verlage, Produzenten, Vertrieb und Sortiment – sich auf eine gemeinsame Strategie entlang der Kundeninteressen zu einigen.

17. Juni 2011 08:09 Uhr. Kategorie Buch, Design, Technik. Tag , , , , , , . 13 Antworten.

Beausage

Basierend auf einem alten Blog-Eintrag habe ich Ende 2010 einen kurzen Artikel für Neuwerk – x mal Nutzen, einer sehr schönen Publikation der Burg Giebichenstein, geschrieben. Während der erschienene Artikel von der Redaktion gottseidank etwas bereinigt und insofern besser ist, habe ich nur noch meine letzte, von den Lektoren sicher zu Recht noch stark kritisierte, Textfassung parat, die aber auch so in dieser Form irgendwie ganz gut ins Blog-Archiv passt…

Beausage.
Oder: Warum Design erst durch den Nutzer schön wird.

Die Schönheit der Abnutzung
Jeder von uns kennt diese Gegenstände – die bequemgelaufenen Dr.Martens, die löchrige Jeans, der geerbte Kolbenfüller, die alte Omega, das mit Kaffeeflecken und alten Notizen übersähte Buch, der uralte Fahrradsattel. Alltagsobjekte, deren Ästhetik geprägt ist von Abnutzung, einer gewissen Abgewetztheit, einer Nutzungsgeschichte. Für diese Entstehung einer bestimmten «Schönheit» durch Be- und Abnutzung prägte der amerikanische Fahrrad-Guru Grant Petersen den Begriff «Beausage» (sprich: Bjusätsch), ein Kunstwort aus «Beauty» und «Usage», um zu beschreiben, dass natürliche Materialien wie Leder, Baumwolle, Metall oder Holz schöner altern als synthetische Stoffe, die eher «Junk» werden (eine schöne Parallele zu Rem Koolhaas Analyse moderner kommerzieller Architektur als «Junk Space»). Laut Petersen ist einigen Materialien eine gewisse Ehrlichkeit schlichtweg inhärent. Leder altert, Polyester vermüllt. Echtes Chrom am Auto ist zeitlos – aufgedampftes Chromfinish hingegen kratzt ab und legt das billige Plastik darunter frei. Ein Cellulose-Füller gewinnt Charakter durch Abrieb, ein Plastik-Füller bleicht aus. Genähte Ledersohlen erzählen eine Geschichte von gegangenen Wegen, Gummisohlen lösen sich auf. Ein Backsteingebäude altert schöner als ein Betonbau. Beausage hat insofern auch etwas mit intensiver Benutzung und liebevoller Pflege zu tun, mit dem subjektiv-überfunktionalen Fetisch von Alltagsobjekten, mit Dingen, die uns ans Herz wachsen, mehr werden als «nur» ein Notizbuch oder eine Uhr.
Dabei geht es keineswegs um den Oberflächeneffekt der Patina, der «guten alten Zeit». Der Unterschied zur naiveren Nostalgie wird greifbar, wenn Architekten in hilflos antagonistischer Geste zum Modernismus versuchen, «Retro» zu bauen und dies mit modernen Budgets und Materialien tun müssen – das Ergebnis ist meist ein ohne Not auf Alt getrimmter Camouflage-Bau, der wenig mit der würdevollen Aura eines Gebäudes zu tun hat, das tatsächlich Jahrhunderte durchlebt hat und in jedem von Wind und Regen rundgeschliffenen Stein einen Teil dieser Geschichte trägt. Beausage ist also nicht das Wiederaufkochen klassischer Formalästhetik, sondern das Vorhandensein einer materiellen Ehrlichkeit und emotionalen Bindung im Design selbst, einer Idee von Angemessenheit im alltäglichen Gebrauch. Unter den richtigen Bedingungen kann also auch ein hypermoderner Entwurf Beausage entwickeln. Es geht keineswegs um ein Auf-Alt-Styling, im Gegenteil – Beausage ist die Idee einer langlebigen und real greifbaren Substanz, die mit dem Benutzer langfristig in Dialog treten kann und in der Modifikation dazugewinnt. Beausage ist insofern auch eine Form sozialer Interaktion mit einem Autorenwerk, wobei der Autor in diesem Fall der Designer ist, ganz unabhängig von der Frage, ob Kommunikations- oder Produktdesign – und auch von der Frage, ob der Absender diese Interaktionsmöglichkeit semantisch intendiert, also bewusst ins Design «codiert», etwa durch die Materialwahl, oder diese autonom emergiert, weil der Nutzer eine persönliche Beziehung zu einem Gebrauchsgegenstand oder einem Medium findet und dieses sich durch die Benutzung verändert.
Allein dieser Aspekt ist bereits für Architektur und Produkt-Design beachtenswert, wenn es um «Emotional Design», die Frage nach dem Potential einer emotionalen Aufladung von Gebrauchsgegenständen geht, die sich eben nicht oberflächlich herbeigestalten lässt, sondern aus einem Gespür für authentische Materialien und die Alltagsanwendbarkeit erwächst – Beausage ist intendierbar und sozusagen in der DNS eines Mediums oder Objektes latent verankerbar.
Zugleich hat Beausage auch einen erklärenden Aspekt – Abnutzung veranschaulicht Funktion. Der Trampelpfad im Feld markiert den besten, sichersten Weg durch den Wald. Der abgewetzte Siebdruck auf den Tasten eines Cassettenrecorders zeigt, welche Funktionen die wichtigsten des Gerätes sind, etwa um aufzunehmen oder abzuspielen. In einem oftgelesenen Buch zeigen Eselsohren, Kaffeeflecken und Notizen/Unterstreichungen schnell den Weg zu den wichtigen Passagen. Hier bekommt Beausage eine funktionale Dimension. Die Dinge sehen nicht nur besser aus, je länger man sie benutzt (bzw. altern ehrenvoll), ihre Benutzung wird auch zur sich materiell manifestierenden Bedienungsanleitung». Beausage ist insofern auch ein über den Lebensraum des Designs gehender «clandestiner» Tauschprozeß zwischen dem Designer und dem Benutzer, bei dem der Designer sich anhand eines fiktionalen Nutzers einen langfristigen Nutzungsprozess vorzustellen versucht – während der tatsächliche Benutzer die latenten Möglichkeiten des Entwurfs seinerseits im explorativen Spielprozess entdeckt und für sich selbst weiterentwickelt… durchaus auch, indem er selbst kreativ in das Design eingreift, etwa durch Modding und Remixing. Spätestens hier wird der subjektive, eventuell sogar gegen die Sender-Intention gehende Charakter von Beausage offenbar: Die Autobauer in Wolfsburg mögen einen mit allerlei Plastik verspoilerten Golf nicht geplant haben oder in ihrem Sinne finden, für den Nutzer aber stellt diese Form von Individualisierung einen wichtigen Ästhetikaspekt Fahrzeugs dar. Des einen «Verschandelung» ist des anderen Beausage – sie verlangt also Toleranz(en) im Design, ebenso wie Ansatzpunkte für die eigene Kreativität des Nutzers.

Die digitale Devolution
Wichtig für modernes Design ist die Frage: Lässt sich die Idee einer Beausage von der analogen Welt der greifbaren Objekte in die «digitale» Welt der Simulacra übertragen, in der es die von Petersen postulierten Materialien überhaupt nicht mehr gibt? In der Objekte immer unwichtiger und «Medien» rasant entstofflicht werden? Können wir also analog zum intuitiv einleuchtendem Beausage im Produktdesign zu einem ähnlichen Brgriff im eher immateriellen Kommunikationsdesign kommen?
Die Entwicklung der letzten vier Dekaden kann man sicher als schleichenden Abschied von der analogen Welt bezeichnen. Otl Aichers Kritik der Digitaluhr wirkt heute immer noch zutreffend und Walter Benjamins Beschreibung der schwindenden Aura von «Kunst» in mechanischen Reproduktionsprozessen findet in der Echtzeitverfügbarkeit nahezu aller medialen Erzeugnisse als Download eine fast surreale Überspitzung, wenn jeder beliebige Inhalt «ubiquitous» wird, global exponential vervielfältigt ins Unendliche. Auch die Produktion von Medien und Objekten ist zunehmend digital geworden: Bücher schreibt der Autor mit der Textverarbeitung, Gebäude werden mit CAD-Software geplant, Musik entsteht mit virtuellen Instrumenten am Laptop, Filme werden mit Digitalkameras aufgezeichnet, einzig die bildende Kunst scheint sich noch den Anachronismus primär haptisch erfahrbarer Entstehungsprozessen zu gönnen – obwohl natürlich hier auch längst der theoretische Akt, die Idee, zentral ist, nur sekundär das materielle Unikat.
Musik, Film, Text, Bild, Spiel, eine durch Twitter oder Facebook usw. hochtechnisierte Fassung sozialer Interaktion und natürlich auch die postindustriell-entmaterialisierte Form der Arbeit sind im universellem Konvergenzmedium tragbarer Client-Computer angekommen, die alle bisherigen Medien überschreiben könnten.
Der Haken: Digitale Meta-Medien nutzen sich nicht ab. Während man auf einer Vinylplatte schon am Knistern hört und an den Kratzern sieht, welchen Song man am liebsten hörte (Beausage), ist eine MP3-Datei auch nach hundertfachem Hören immer noch im «état orginal», ebenso wie ein iBook keine Kaffeeflecken und Eselsohren kennt. Das Gehäuse des iPhone mag zwar noch Gebrauchsspuren aufweisen, die verschiedenen simulierten Medien darin nicht mehr. Der Inhalt ist in einer Art reverser Dorian-Gray-Fabel angekommen, in der das Bild eben nicht mehr altert, sondern nur noch der Betrachter davor.
Auf dieses Defizit reagieren digitale Programme derzeit durch die Simulation von Alter. So wie die frühe Typographie ihren gegenüber der Handschrift sterilen Charakter durch das Einbringen einer «Kursiven» zu bemanteln versuchte, simuliert die Software heute eine Art Pre-Worn-Look. Auf dem iPad bricht Apple sogar selbst mit den sonst eher minimalistisch-klaren hauseigenen GUI-Ansätzen und liefert mit Pages, Numbers, iCal, iBooks und Notes den leicht kitschig anmutenden Versuch, analoge Medien nachzubilden. Diese Virtualisierung findet vor der Folie der Hilflosigkeit gegenüber einem neuen Trägermedium statt, das nicht richtig «echt» sein kann, aber als Blackbox auch nicht mehr wirklich mit herkömmlichen Betriebssystem-Interface-Metaphern übersetzt werden kann. So versucht Apple, einerseits nach «echtem» Kalender/Buch/Notizblock auszusehen, indem es Leder- und Holzoberflächen, Metallklammern und Pageflips zitiert, die tatsächliche Bedienung kommt aber nicht ohne Interface-Krücken wie Tastatur und Touch-Klicks aus. Tatsächlich wird genau hier der Übergang von analoger zu digitaler Welt besonders greifbar, weil in der Nachahmung umso deutlicher wird, was den Simulacra fehlt – Haptik, Abnutzung, Reaktivität. Simulierte Medien mögen aussehen wie ihre analogen Gegenstücke, aber sie bleiben hinter kaltem Glas und können nur soweit «reagieren», wie ihre Programmierung es zulässt. Dieses seltsame Zwitterdasein erinnert an das frühe Fernsehen, das eher abgefilmtes Theater war, bevor das Medium durch Trial-and-Error eine eigene Art von Semantik entwickelte. Dem Metamedium iPad etwa aber fehlt (noch) ein eigener Zeichenschatz, deshalb shanghait es den der «echten» Medien ebenso wie den von MacOSX – ein transitorischer Zustand, der zeigt, wie jung und damit auch innovationsoffen das Interfacedesign in diesem Bereich noch ist.
Es wird die Aufgabe zukünftigen Designs (das sich mehr und mehr zu einem Amalgam aus Mediendesign und Programmierung entwickeln könnte) sein, auf diese gegenwärtige Devolution analoger Wesenhaftigkeit im digitalen Pendant zu reagieren, sei es durch überzeugendere Simulationsstrategien (d.h. höhere Auflösungen, glaubhafteres Sampling, virtuelle Realität) oder durch innovativere, komplett neue Interaktionsfiktionen, die jenseits der bisherigen Simulacra stehen und diese überschreiben. Hier liegt zugleich die Chance, der postmodernen Infragestellung von «Authentizität» eine neue Wendung zu geben, indem unweigerlich die digitalen Medien die Frage nach Original und Fälschung, Echtheitund Künstlichkeit ganz neu beantworten müssen. Und so wie in der analogen Welt jede Uhr, jeder Stuhl einen Schöpfer (ergo, ob er sich so nennt oder nicht, einen Designer) hat, so hat jedes virtuelle Medium, jedes virtuelle Objekt einen Interfacedesigner. Da im digitalen Bereich jede Form von Objekt eine Software ist – auch ein virtuelles Notizbuch ist nur ein Programm – wird das Mediendesign im digitalen Bereich das Produktdesign übernehmen, denn hier müssen selbst in der analogen Welt selbstverständliche «autonome» Details wie das Umblättern einer künstlichen Buchseite definiert und gestaltet werden. Will diese vollends durchgestalteten Hyperrealität überzeugen, muss sie hin zu einem neuen Begriff von nutzerzentriertem Design, zu Beausage.

Beausage als Simulation
Für virtualisierte Medien ist Beausage insofern ein Schlüsselbegriff, wenn es darum geht, Abnutzung als Designaspekt zu begreifen. Als Beispiel sei das Spielzeug Furby genannt, ein kleiner Spielzeug-Kobold, der mit einer simplen Software «Lernprozesse» simuliert, bei dem sich Furby durch wiederholte Kommunikation die Sprache seines Besitzers scheinbar aneignet. Die Furby-Software, die aber nur spracherkennungsbasierte Reiz-Reaktions-Muster erlaubt, ist zu solchen komplexen Lernprozessen gar nicht in der Lage. Deshalb simuliert der Furby das Lernen, indem nach einer Weile des Spiels das Programm in eine zweite Phase geht, in der Furby mehr «kann» und neben der Furby-Kunstsprache auch Deutsch gelernt zu haben scheint. Wenn Furby also nach einer Weile bilingual singt und spricht, ist die Simulation des Lernens so glaubhaft (selbst wenn man den Trick dahinter kennt), dass die aktive Nutzung des Spielzeugs «belohnt» zu werden scheint, auch der eingeweihte User lässt sich auf die Illusion ein.
Will man Metamedien wie das iPad (das nur ein Vorgeschmack auf leistungsstarke Thin Clients gibt, die den Nutzer unsichtbar mit dem Äther verweben) also ummünzen zu einem «Hyper»-Medium, geht es um eine authentische (im Sinne von «hinreichend überzeugend gelogener») Interaktion mit der Software. Die Programme, vereinfacht gesagt, müssen telepathisch werden und den Benutzer miteindenken, wahrnehmen, auf ihn eingehen, sich reaktiv anpassen – oder zumindest so wirken. So wie Seife in hundertfacher Nutzung geformt wird, werden auch ätherische Medien als nächste große Hürde die (Ab-)Nutzbarkeit, die Formbarkeit durch den Nutzer einplanen müssen. Dabei reicht es aber langfristig keineswegs, wie beim Furby, eine Art Pseudo-Dialog zu liefern, die reine Simulation einer Antwort, die der Absender vorweg eingebaut hat.
Was auf den ersten Blick als antikommunikatives Einplanen des Nutzers als Schaltmoment in vorab vom System abgesteckten Wahlmöglichkeiten kritisierbar wäre, muss mit der Entwicklung zunehmend künstlich-intelligenter Softwares mehr werden. Bereits heute animieren etwa digitale Spiele nicht mehr bestimmte Verhaltensweisen Bild für Bild – etwa die Verformung von Metall bei einem Autounfall – sondern basieren diese Bewegungsabläufe auf der mathematischen Zugrundelegung simulierter Naturgesetze, durch die jeder Crash anders verläuft, anders wirkt, unberechenbar wird. Es ist also denkbar, dass sich der Turing-Test eben nicht nur auf simulierte Kommunikation mit «Menschen» erstreckt, sondern auch auf die Interaktion mit virtuellen Gegenständen und Medien. Will man das Hypermedium als perfekte Illusionsmaschine begreifen, die vom Touch-Screen zur Touch-World führt, ist neben einer die Wahrnehmung auf weitere und überzeugendere Kanäle verteilende Panorama-Erweiterung (taktiles Feedback, 3D, VR-Brillen, auditive, eventuell olfaktorische Ergänzungen, langfristig also die Verwischung von fact und fiction auf biokybernetischem Weg) die Beausage entscheidend – sie wird zur authentischen Interaktionschance im simulierten Setting. Der von Science-Fiction-Autoren wie Stanislaw Lem (Der futorologische Kongress), Neil Stephanson (Snowcrash) oder William Gibson (Virtual Light) vorgedachte «Cyberspace» (den Lems deutsche Übersetzung wunderbar passend «Homikry» nennt) braucht ein Umdenken im Designprozesses, der bisher immer noch auf eine einseitige Kommunikation, ein lineares Sender-Empfänger-Denken, eine zu simple Idee von Autorenschaft als Monolog setzt. Wir Designer denken immer noch in Strukturen, in denen wir alleine Entscheidungen treffen und der Nutzer keine Eingriffschance hat. Wenn dies in einer zunehmend virtuellen Welt, in der nahezu alles «Design» ist so bleibt, können zum einen die Designer die Komplexität von nötigen Vorweg-Entscheidungen kaum leisten, zum anderen aber wird vor allem der Nutzer zum Opfer extrem eingeschränkter Handlungsoptionen. Um beim Beispiel des eBooks zu bleiben – hier kann der User erst dann zB durch Umknicken einer Seite Lesestellen markieren oder auf die Seite kritzeln, wenn Interfacedesigner und Programmierer dies vorsehen, im Zweifelsfall also vielleicht nie.
Die Idee von Beausage ergibt hier neues Designer-User-Modell, das den Anwender à priori zum zentralen Faktor einer hochflexiblen und -komplexen Narration macht. Der Designer (der ja heute meist nicht mehr alleine agiert, sondern im Verbund mit Programmierern, Autoren, usw.) formt hier die möglichen divergenten und vielfältigen User-Reaktionschancen zu einem kohärenten Ganzen, das ausreichend stringent ist, um eine frustrierende Verzettelung in der multi-vektoralen Konfigurationenvielfalt zu vermeiden, er schafft also zugleich Vielfalt und Einfachheit und versucht, den User zu involvieren, mit ihm «ins Gespräch» zu kommen. Das Design von morgen ist kein Monolog mit voreingebauten Antworten, sondern ein von der Fiktion zur Realität übergehender Dialog mit real implementerten Feedbackchancen für die Nutzer.

Design als Spiel
Bereits auf der allereinfachsten Ebene (etwa der Simulation eines authentisch alternden digitalen Notizbuches, eines virtuellen Moleskine) bedeutet dies eine neue Form von Bescheidenheit und Zurücknahme auf Seiten des Gestalters – ganz anders als bisherige Design-Paradigmen, die nach der perfekten, transzendental «reinen» Form suchen, die der Designer allein kontrollieren kann.
In der digitalen Form muss Beausage vorweggenommen werden, oder vielmehr antezedierend im Design eingeplant sein, da es keine echte raumzeitliche Materie mehr gibt für Verwitterung oder Abnutzung. Die falsche «Authentizität» muss also als Potential im Design angelegt sein – und zwar so unberechenbar, dass der Benutzer die Simulation nicht mehr durchschaut, sondern in einer Art augenzwinkernden Übereinkunft über das Simulacrum als «echt» akzeptiert. Man kommt hier von der platonischen Superexistenz, dem Versuch, in Design eine unangreifbare, absolutistische Wahrheit abzubilden, zu einem dialogischen Modell von Versionen, Interpretationen, gemeinsamen Wegen und Umwegen… ergo zum Spiel.
In der Programmierung digitaler Spiele ist es längst normal geworden, das Nutzerverhalten vorwegzunehmen und in seinen Entscheidungsmustern und -potentialen vorwegzunehmen, also selbst effektiv in die Rolle des Spielers zu schlüpfen. Viele Spiele entwickeln ihr Potential erst in der wiederholten Benutzung, wenn andere Entscheidungen neue Reaktionen der Software bedingen, jede Spieliteration einen (scheinbar) anderen Verlauf nimmt. Im Design von Interfaces, Software und Applikationen ist diese Idee nach wie vor tabu, die Programme sind meist nicht reaktiv.
Ein Grund hierfür liegt in der Tatsache, dass Designer (wie Programmierer) versuchen, den Dialog zwischen Mensch und Software erfolgreich und berechenbar zu halten. Das Ergebnis ist, dass die Möglichkeiten des Users vorselegiert sind, beschnitten, möglichst eindeutig und somit erwartbar/codierbar bleiben. Der Zufall hat keinen Raum in Microsoft Word. Für den Benutzer bedeutet dies, dass die Software ihn nicht überraschen kann – positiv wie negativ – und sich aber eben auch nicht nicht an ihn «anschmiegt». Es gibt zwar einige eng eingegrenzte Ansätze (etwa lernende Menüs, die nur häufig benutzte Befehle anzeigen), aber in toto ist Software oft noch ein Monolog. Wenn aber das Verschwinden analoger Medien und Objekte nicht zu einer formalen und inhaltlichen Wahrnehmungsverarmung führen soll, hat die Vorstellung von Kommunikationsdesign als steuerbaren Prozess keine Zukunft. Was übrigens auch bedeutet, dass der Rezipient und Nutzer sich vom Gedanken eines «perfekten» Designs verabschieden und die Idee eines permanenten Beta-Testes akzeptieren müsste, Beausage entsteht. Schon jetzt gibt es im Webdesign und bei Applikationen oft keine finale Form mehr – digitaler Inhalt bleibt wie Teig, unendlich verformbar, ergänzbar, flexibel. Remix wird zum Dauerzustand, der Prozess als gemeinsames heuristisches Erleben wichtiger als eine solide «Statik». Der Weg, so einfach ist das, ist das Ziel geworden. Und das Ziel ist mehr denn je Involvement, Auseinandersetzung, Aufmerksamkeit, Spaß. Im Spiel geht es darum, einander interessiert genug zu halten, um im Spiel zu bleiben, zu Geben und zu Nehmen.
Unnötig zu betonen, dass sich in diesem abstrakteren Verständnis von Beausage als Ästhetik, die erst durch den dialogischen Designprozess zwischen Gestalter und Benutzer über die Zeit entsteht, wie geschaffen ist, um Social Media «designbar» zu machen – indem nämlich nicht die sozialen Medien kontrollierbarer werden, sondern der Designprozess umgekehrt sozialer, ergebnisoffener, spielerischer. Beausage-Design ist Fuzzy-Design.
Das Modell eines solchen Designs ist ein fluides Spiel, natürlich intentional gesteuert und mit parametrischen Vorgaben, aber ergebnisoffen, neugierig, evolutionär. Der Designer entwickelt sich weg von der finiten Form, hin zur Freude an der Unberechenbarkeit, die Benutzer andererseits weg von mechanischem Bedienen, hin zum explorativen Entdecken von Möglichkeiten und Veränderungen, hin zu einer Co-Autorenschaft (gemeinsam mit anderen Nutzern). Ansatzweise ist das bereits jetzt zu betrachten, wenn etwa ein Website-Redesign in Echtzeit durch Anregungen und Kritik der Leser demokratisch mitbestimmt wird – die generellen kooperativen Möglichkeiten in einem materielosen Medium, das jede nur denkbare Form emulieren und auch abstrahieren kann, sind aber langfristig kaum auszumalen. Denkbar wäre nicht zuletzt der Schritt von der reinen Virtualisierung bestehender Medien zur Abduktion, einer spekulativ-sprunghaften Emergenz komplett neuer Kommunikationsrhetoriken, die den chamäleonartig flexiblen Möglichkeiten des Digitalen überhaupt erst wirklich gerecht wird. Der Designer wird sich, zugespitzt, loslösen von der mechanistischen Selbstwahrnehmung eines Uhrwerkers oder Schreiners und sich als sozialer Mediator und Katalysator begreifen, als Auslöser, Begleiter, Psychologe, Sozialarbeiter, Futurologe, Geschichtenerzähler und so weiter.

A New (Design-)Deal
Natürlich ist es ein weiter Schritt von der charmanten Abnutzung von Leder oder Metall hin zu solchen kommunikativen Idee von Design, das nicht mehr dem Paradigma des einsamen Autoren folgt, sondern die Benutzung zum integralen Bestandteil des Entwurfsprozesses macht, in dem Ästhetik nicht mehr einseitig vorgegeben ist, sondern spielerisch erarbeitet wird. Aber für angewandtes Kommunikationsdesign – also nicht nur in Form von Gedankenexperimenten über Software und Medien der nächsten Jahre, sondern right here, right now – ist die Vorstellung von einem Design, das erst beim Nutzer reift, zentral. Denn abgesehen von dem Bereich des entstehenden «künstlerischen» Grafik-Designs, der sich in der nahen Zukunft mehr und mehr in Richtung Kunstmarkt und Galerien bewegen wird, wird es für ein sozial orientiertes, auf Wirkung bedachtes Kommunikationsdesign entscheidend sein, den Nutzer nicht zu bevormunden und zu lenken, sondern zu antizipieren, zu motivieren, zur Interaktion einzuladen.
Beausage im abstrakten Sinne eines teleologischen Designansatzes, der den Sinn und Zweck des Designs – die Benutzung, die Abnutzung, den Lebensprozess – und weniger die oberflächliche Ästhetik in den Mittelpunkt stellt, ist insofern möglicherweise die nächste große Hürde unserer technologisch und geschmäcklerisch in einer Art übersättigten Fin-de-siècle-Agonie liegenden Branche, die sich zwischen Zitaten und (selbst zum Zitat gewordenen) Anti-Designs quält. Zugleich liegt hier der Ausweg aus dem bedeutungslosen Konsum-Kuscheldesign, das nur noch Kaufimpulse schaffen soll und die Tätigkeit des Designers zunehmend unter ein sozial negatives Vorzeichen stellt.
Erst wenn wir versuchen, die Vorstellung von Ehrlichkeit, die gutes Leder von billigem Polyester unterscheidet, kann sich Design als relevante gesellschaftliche Wirkungskraft freischwimmen, die einen sozialen (und nicht nur ökonomischen) Mehrwert schafft. Der Begriff der Beausage würde sich dann von einem rein materiellen Begriff in einer immateriellen Welt wandeln und etwas über die Intentionen und die Offenheit eines Designangebotes-Aussagen, über seine Bespielbarkeit, Formbarkeit, Entwicklungs- und Ausbaufähigkeit, Reaktivität, nicht zuletzt über die Frage, ob ein gestalterischer Ansatz «billig» wird oder gut altert, an Schönheit gewinnt. Dazu gehört natürlich auch die Chance, über die Vorstellung von «user-driven» Design eine Form von Designkritik, also überhaupt erst ein Instrumentarium für die Bewertung von Design jenseits von «Cool» und «It sucks» zu erarbeiten. Hier liegt die Möglichkeit für die im digitalen Interface verschmelzenden diversen Design-Subkategorien, aus der geschmäcklerischen Ecke der Dekorateure hinauszukommen und soziale Relevanz zu gewinnen. In einer digitalen Simulacra-Welt, in der eben alles gestaltet ist, können die Gestalter die Verantwortung für die Bedeutung und Folgen ihrer Arbeit selbstbewusst tragen.
Wobei der Weg zu diesem Ziel selbst immer ja nur als Spiel, als Reise, als Forschung mit allen Erfolgen und vor allem Irrläufern zu sehen ist – und insofern mehr Spaß als Arbeit sein sollte. Insofern: Game on.

14. März 2011 21:14 Uhr. Kategorie Design. Tag , , , , , . Keine Antwort.

Ordnung ist das halbe Leben…

Jetzt, wo die sechste Design-Made-In-Germany raus ist, kommt die letzte Vorsicht-Glas-Kolumne hier kurz ins Archiv:

Vorsicht Glas 4:
Ordnung ist das halbe Leben… die andere Hälfte ist Unordnung

Kommt man auf das Thema Ordnung, scheint es oft nur schwarz und weiß zu geben. Die Welt teilt sich in Ordnungsfanatiker und Chaoten plus natürlich jene Chaoten, die gern Ordnungsfanatiker wären (seltsamerweise gibt es kaum Ordnungsfanatiker, die gern chaotisch wären, der Ordnungsfimmel scheint also gesellschaftlich Zielcharakter zu haben). Ich habe das nie verstehen können, schon weil es »Ordnung« nicht gibt, sondern nur die Annäherung daran. Kaum mit dem Aufräumen fertig, sammelt sich schon wieder Staub und Detritus, kaum ist die Mailbox entrümpelt, kommt neuer Spam, auch ein sortierter Bücherschrank ist nur von kurzer Dauer, bis die neuen Titel sinnvoll einsortiert werden müssen und der Platz zu eng wird usw. Jeder Ordnungsakt trägt also schon den nächsten in sich. Ordnung ist demnach kein Endzustand, sondern ein Prozess, kein Ziel, sondern eine permanente Methodik des Auslesens, Bewertens, Sortierens. In der digitalen Welt lassen sich Ordnungszustände tatsächlich in Form von Archiven als »Ziel« mittelfristig stabil erreichen, aber auch hier ist jede kleine Veränderung der Struktur, jeder Neuzugang, jede Erweiterung von Parametern eine Herausforderung – weswegen viele IT-ler in großen Firmen Veränderungsprozessen meist konservativ gegenüber stehen. Jede neue Ordnung ist für sie nämlich zunächst eine Unordnung in der Datenstruktur.

Ordnung als Prozess ist der alltägliche Kampf gegen Erosion und das schleichende Gift der Broken-Window-Theorie, nach der die inkrementale Ansammlungen schleichender kleiner Unordnungen irgendwann zum Chaos führt. Zu ernst genommen, kann dieser Prozess aber zu einer paranoiden Furcht vor jeder Form von Veränderung und Restrukturierung führen, alles, was das gewohnte System verändert, ist wie ein Virus abzuwehren.

Im Spannungsfeld jenseits der Extreme von Messie-Syndrom und Waschzwang findet sich ein dynamischer Kreislauf von Aufbau, Veränderung, Zerfall, Re-Iteration, ein nicht enden wollender Lebensprozess. Endgültige Ordnung wäre in einem solchen Kreislauf starre Stagnation. Wer Ordnung als Endziel betrachtet, hat gute Chancen, unglücklich zu werden, an dem zu hohen Ziel zu scheitern, zum Kontrollfreak zu mutieren, »ungemütlich« zu sein. Entspannter lebt, wer versteht, das Unordnung Teil des Seins ist, nahtlos zu »Ordnung« gehört. Beide sind nicht Antipoden, sondern ein Integral.
Das hat nicht nur mit der Frage zu tun, wie der eigene Schreibtisch aussieht – sondern auch mit Design als Vorgang des »Ordnens«. Designer – wie Architekten, aber anders als »echte« Künstler – sind mit Lösungen, Wirkungen und dem sinnvollen Gliedern von Elementen verschiedenster Art befasst, angefangen mit Typographie, die die Welt in Buchstaben zerlegt und sie von oben nach unten, links nach rechts in eine scheinbare »Ordnung« bringt. Designer haben deshalb in ihrer Arbeit oft den Blick auf Ordnungssysteme als anzustrebender Endzustand. Ein Corporate Design ist für sie oft ein gefrorener Zustand, in einem Manual, einem Regelwerk, festgehalten. Und wehe, da macht jemand Unordnung und benutzt nicht die Hausschrift oder macht das Logo kleiner als 1/21tel der Seitenbreite. Der Designer kämpft immer (ohnmächtig) gegen die Windmühlen der Entropie, die von allen Seiten an seiner perfekten Ordnung zerren. Das Marketing will einen Störer, die Sekretärinnen gestalten selbst einen Newsletter in ComicSans, der CEO ist etwas älter und will eine größere Schrift, die nicht ins Raster passt. Uns Designer bringt das zum Verzweifeln – denn wir sind gewohnt (wenn wir sauber arbeiten) von der ersten Sekunde an zu gliedern, zu rationalisieren, Entscheidungen zu treffen, den Optionen-Dschungel zu reduzieren und Klarheit zu generieren. Nach den ersten Skizzen legen wir meist schon das Regalsystem eines Rasters an, damit alles einen »Sinn« hat und jedes Bausteinchen am rechten Ort liegt – und die digitale Arbeitsumgebung unterstreicht dieses Gefühl, Ordnung herstellen zu können. Und wie jeder Sammler, der in seiner Vitrine sorgsam alle Objekte ausgerichtet und abgestaubt hat, werden wir unfroh, wenn da jemand auf einmal alles anfasst und zerzaust. Die Folge ist, dass heute zu viele Corporate Designs wie Powerpoint-Templates wirken, austauschbar und ein wenig langweilig, vor allem bei größeren Unternehmen, weil sie mit einfachsten Strukturen versuchen, die Unordnung in den Griff zu kriegen, Design zu schaffen, das auch der dümmste anzunehmende User noch handhaben kann. So herablassend und gleichförmig sieht es dann aber natürlich auch aus. Am Ende solcher Prozesse stehen antiseptisch saubere Informationsarchitekturen, – clean wie Küchen, in denen alles glänzt und blitzt, in denen man aber nicht essen kann (geschweige denn zu kochen wagt), weil man Angst haben muss, Fingerabdrücke zu hinterlassen. Ich habe CD-Prozesse erlebt, in denen Geschäftsleiter laut überlegten, ob man nicht gleich einen unternehmensweiten unzweideutigen Dresscode festschreiben solle – der neurotische Wasch- und Ordnungszwang ist also nicht nur bei Designern verbreitet, sondern auch bei Arbeitgebern, die sich natürlich erst recht alles steuer- und kontrollierbar wünschen (auch den Designer selbst). Diese Form von »Ordnung« ist nur leider das Ende jeder Innovation – und zudem nervenaufreibend für alle Beteiligten.

Ob im Alltag oder im Design – es hilft, Ordnung nicht als festen, materiellen Zustand auf Dauer zu begreifen, sondern als flüchtiges Ziel, als Blaue Blume. Zentral ist, dass die Unordnung ein integraler Bestandteil, sogar ein Sinn der Ordnung ist. Wir spülen nicht, um saubere Teller für immer in den Schrank zu stellen – sondern, um davon essen zu können. In diesem Zweck des Tellers ist das nächste Schmutzig-sein unabwendbar eingebaut. Der Teller muss sowohl dreckig als auch sauber sein dürfen, um als Teller zu funktionieren. Ein nur sauberer Teller ist Wanddekoration, ein nur benutzter Teller ist zum Essen zu unhygienisch. Design, verstanden als bewusste Balance von Ordnungs- und Unordnungszuständen, kann das verstehen und anstelle einer toten (latent faschistoiden) »Endordnung« auf ein kybernetisches, navigatorisches System setzen, das permanent Ordnung und Unordnung, die Energie von zerstörerischen Kräften und von systemischen Selbstregelungsvorgängen, neu austariert.

Im Idealfall heißt das, dass du als Designer langfristig mit einem Kunden zusammen arbeitest und – vor allem – sein Vertrauen genießt und nicht nur als Architekt eines Systems fungierst (womit unweigerlich jedes Design anfängt), also eine eigene gestalterische »These« umsetzt, sondern mittelfristig das selbstgeschaffene System offen für äußere Einflüsse hälst. Das heißt, dass du nachfragst, Feedbackschleifen ermöglichst und mit Schumpeterscher Zerstörungsfreude zum Advocatus Diaboli der eigenen Arbeit wirst, die selbstgeschaffene Ordnung in Frage stellen und durch eine Antithese redefinieren kannst. Um so in der Synthese, also durch das Beibehalten guter Elemente des Systems-Eins und durch die Aufnahme neuer Einflüsse und Unordnungsfaktoren, die mit der Zeit emergieren, zu einem System-Zwei kommt.

Die evolutionäre Balance zwischen einer systemischen, wiedererkennbaren Identität und dem Verhindern von Stagnation ist die Hauptaufgabe eines guten, lebendigen Corporate (und natürlich auch Editorial) Designs. Übrigens auch im Web, wo diese Prozesse schneller und leichter stattfinden als jemals zuvor, weil die Feedbackpotentiale erhöht sind. Hier ist das »Aushandeln« von Nutzbarkeit und Design zwischen Anbieter und Nutzer bereits weiter etabliert. Im Web gibt es keine gefrorene Ordnung mehr, sondern eine permanente Adaption an Entropieeffekte durch Updates und insofern ein klares Verständnis dafür, dass Designer und Programmierer langfristigen Service bieten, ideal durch einen Rahmenvertrag. Der Übergang vom Designverständnis weg von einer punktuellen »Putz« Maßnahme hin zu einer langangelegten kultivierenden »Gärtner«-Tätigkeit ist hier bereits einen Schritt weiter, selbst wenn der Kunden Inhalte selbst via CMS einpflegt.

Diese Sicht von »Ordnung« nicht als Zustand, sondern als Prozess bzw. von »Unordnung« (also dynamischen, unberechenbaren Input) als kreativen, unverzichtbaren Bestandteil von Kommunikation ist also ein Paradigmenwechsel für Corporate Design, der allein durch den zunehmenden Umzug auf fluide (und auch soziale) Medien unverzichtbar wird. Der Weg führt uns von mechanistischen und manipulativen Ordnungs- und Lernmodellen, die den Nutzer/Empfänger als passives Element einplanen, zu einer kybernetischen und organischen Idee von Design als DNS und Hyper-Kohärenz eines Unternehmens/Vorhabens, bei dem Mitarbeiter und Kunden zu wichtigen Schaltmomenten in einer Art komplexen Spiel werden … und nicht länger als »Unordnung« missdeutet werden.

Gute Nachrichten für uns Designer – denn die Zusammenarbeit wird hierdurch im Idealfall intensiver, offener, vernetzter und spannender… und wir alle sind befreit vom virtuellen Ordnungswahn der letzten Dekaden. Der Designer wandelt sich von der Putzkraft zum Organisationspsychologen.

20:54 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 2 Antworten.

All Tomorrow’s Parties

hd schellnack

Ich war am vorletzten Samstag auf einer Hochzeit. Nicht als Gast, als Zaungast. Die geschlossene Gesellschaft war keineswegs geschlossen, von der Balustrade der Bar konnte man herabblicken auf die überschaubare Hochzeitsgesellschaft, die zu Best-of-the-80s-Musik tanzt. Fast hypnotisierend ist dabei die Beamer-Diashow, die überlebensgroß Photos aus dem Leben des Brautpaars aus eine Wand wirft. Nach 15 Minuten kennst du die beiden, ohne sie zu kennen. Sie lieben Hunde, wandern mit robusten Rucksäcken und wetterfester Kleidung, machen Inselurlaub, haben ein Kind, photographieren gern und zumindest semi-professionell, ihre Haare waren früher länger und braun, heute ist es ein pragmatischer blondierter Kurzhaarschnitt, er trägt zur Nickelbrille einen Look, der an einen gereifteren Peter Lustig mit mehr Haaren erinnert, die Haare werden auf den Bildern länger und grauer, ein niedlicher Hund erscheint in immer mehr Bildern und macht Kunststücke, Freunde, Erlebnisse, Urlaube und intime Momente huschen in meist sehenswerten Photos an uns vorbei. Nach einer Weile wiederholen sich die Bilder zufallsbasiert – nicht ohne den bei solchen Dingen wahrscheinlich absolut unverzichtbaren Ausfall, der die Diasoftware hinter dem Ganzen kurz sichtbar macht, bevor jemand den Fehler bemerkt und die Bilder wieder weiterlaufen.

Nach einer Weile fängt man gemeinsam an, über das fremde Leben zu diskutieren, das man da sieht. Man schaut herab in die Etage darunter, sucht unter den Gästen den Jetzt-Zustand von Braut und Gatte als Abgleich zu den Bildern, welches der Kinder ist den das eigene, ah, da ist ja tatsächlich der Hund von den Photos. Ist er wirklich älter als sie oder wirkt das nur – welchen Beruf haben die beiden wohl? Wie haben sie sich kennengelernt. Ist er Pädagoge oder fällt man da nur auf einen Look hinein? Nur mühsam kann man sich davon abhalten, Google zu bemühen – es bringt ja bei den meisten Leuten doch nichts, nach Ihnen zu suchen. Trotz oder gerade wegen der mangelnden Information hat man nach der dritten vierten Runde Photos langsam das Gefühl, die beiden seit Jahren zu kennen, sympathisch zu finden und es wird immer schwerer, sich nicht mal eben die Treppe abwärts zu begeben und beiden zur Heirat zu gratulieren. Die Photos inszenieren die beiden als reise- und lebensfreudiges Paar, selbstbewusst und lustig, tierlieb, gute Eltern – niemand würde bei einer Hochzeit ja auch die bösen Photos aus dem Archiv zaubern.

Die Diashow wird zur Affirmation der Beziehung zu zugleich zu einer Art Erzählung, deren logische Konsequenz die Heirat zu sein scheint. Die Aufeinanderfolge glücklicher, privater Momente suggeriert, dass ja nichts anderes als «happily ever after» denkbar ist. Streit und Unglück verschwinden im folgerichtigem Zwang von Hunden, Kindern, Urlauben, Schnappschüssen. Ganz banal greifbar für einen Moment der Wunsch, die eigene Autobiographie rückwirkend zu verbiegen, zu verklären, Sinn privater Photogaphie ist nicht die Dokumentation des eigenen Lebens, sondern die Rechtfertigung, die Verschleierung. Wir photographieren uns nicht, wenn wir weinend am Küchentisch sitzen, die ungewaschene Wäsche und das ungespülte Geschirr landen nicht im Photoalbum, erst recht nicht auf einer Hochzeit. Photos zeigen kein Leben, sondern die ZDF-Vorweihnachten-Vierteiler-Version eines Lebens. Photographie ist nicht ein ehrliches Memento, sondern eine Orwellsche Geschichtsklitterungs-Maschine, ein kruder Cargo Cult, in dem wir ein glückliches Leben zusammenstückeln und dabei den Regeln folgen, die uns Filme vorgeben – unsere ganze Idee davon, wie ein glückliches Leben aussieht, welche Momente Glück definieren, sind nur durch Bilder aus Filmen, Fernsehen, mit etwas Glück Büchern geprägt. Vielleicht haben wir keine Vorstellung mehr von Bildern, die sich nicht innerhalb solcher präfabrizierten Angebote bewegen.

Es ist, als würde man durch eine Facebookpräsenz in dreidimensionaler Realität gehen. Die öffentliche Party, die öffentliche Zurschaustellung von Musikgeschmack, die iPhoto-Imagestream glücklicher Momente, gelungener Bilder, erfolgreicher Inszenierungen. Auf die eine oder andere Art machen wir das alle, zumindest so lange wir so seltsam sind, unser Leben online festzuhalten. Ich kann mich nicht erinnern, auf Facebook jemals Photos von einsamen Nerds, die vor ihren Rechnern nachts um 3.00 versumpfen, gesehen zu haben. Obwohl die statistische Wahrscheinlichkeit für genau dieses Bild (plus minus eine Stunde) doch verdammt hoch wäre. Statt dessen suggeriert Facebook eine Welt als Erfolgssequenz, funktioniert als Marketingmaschine für Jedermann. Oft genug funktioniert gerade Facebook – jedenfalls sehr viel mehr als Blogs oder selbst Twitter – dabei nicht mehr als Reflexion, sondern nur noch als Ankündigung. Es wird nicht berichtet, wie ein Film oder eine Platte oder ein Buch oder eine Party ist… es wird nur noch die reine Existenz verkündet. YouTube-Videos dokumentieren den eigenen Geschmack, Photos und Posts machen den nächsten Urlaub oder die Wochenendplanung öffentlich. Während Blogs meist rückblickend operieren und einen fast Wochenzeitungs-Charakter haben und während Twitter in seiner Sontaneität auch mal Raum für Frustrationen und Gaga-Inhalte hat, wirkt Facebook zunehmend anders – es die leibhaftge Party, die ewige Genussmaschinerie, Wie unser Hochzeitspaar wird hier das Leben zum Inszenierungsmaterial, das dramaturgisch gefeilt sein kann, darf und muss. Was in etwa so langweilig ist, wie es sich anhört.

Auf seltsame Weise wird das Web so zu einem Zerrspiegel des echten Lebens. Wie bei einem cleveren Modehaus, dessen Spiegel dich einen Tick besser aussehen lassen, versuchen (wir) alle, uns öffentlich zu vermarkten, bewusst oder unbewusst zu branden, bewusst oder unbewusst in einem Wettbewerb um das spannendste Leben mit den meisten Zuschauern. Jeder ist sein eigener TV-Sender, jeder sein eigener Programmchef. In Facebook, wie bei unserer Hochzeit von der wir als Follower von der Balustrade herab zusehen, geht es um eine Parallelwirklichkeit, in deren grellen LED-Licht Schatten weich und diffus werden. Würde sich ein Außerirdischer sein Bild der Menschheit anhand von FB-Profilen machen, er würde eine Brave New World erleben, deren Bewohner hochkreativen und erfüllenden Berufen nachgehen, deren Photos wie ein permanenter Kindergeburtstag wirken. Unser Außerirdischer müsste die Foren an den Rändern besuchen, wo die Namen plötzlich verklausulierte Chiffren sind, die modernen Speakeasy-Bars, wo wie in einer Spiegelwelt auf einmal wieder alle depressiv und an der Welt erkrankt sind, Leben und Job nicht in den Griff kriegen, sich gegenseitig nicht «liken», sondern bedauern, in eine Art Gegenstück zum GB-Wettbewerb um den effizientesten Hedonismus stehen, nur, dass es hier eben darum geht, wer am berechtigtsten am Ende ist. Hier gibt es kaum Photos, interessanterweise. Niemand scheint interessiert, sein Unglück in Bilder zu formen – vielleicht kennen wir auch nur weniger photogerechte Metaphern für die Misere, vielleicht kommen unsere medialen Vorbilder dafür nicht aus Filmen, sondern aus Büchern. Wie photographiert man Depressionen?

Ein bisschen Musikgeschmack, ein paar Photos – unser ganzes Leben wird zu einer solchen offenen Hochzeit. Wenn du dich im Web umschaust, findest du überall solche Affirmationen des eigenen Lebens – der letzte Urlaub, die Weihnachtsphotos, das gewonnene Handballspiel mit der Mannschaft, die Party bei Anna und so weiter. Obwohl es noch relativ schwer ist, eigene Schulkollegen meiner Generation in dieser Form online zu finden, dürfte es den Teens von heute in einigen Jahren leicht fallen, ihr ganzes Leben im Web abgebildet zu haben. Facebook, Flickr und deren Nachfolger, die Allgegenwart von digitalen Kameras und die zunehmende Möglichkeit, Photos sofort online zu teilen, werden dafür sorgen, dass Photos nicht mehr im heimischen Photoalbum oder auf der Festplatte landen, sondern online geteilt werden. Das eigene Leben zu dokumentieren wird trotz allen Debatten um Datenschutz und Privatsphäre immer normaler, weil die Software es enorm einfach macht und weil der Suchtfaktor natürlich enorm ist.

Und darin steckt ja auch Potential, die phantastische Vorstellung in einer Gesellschaft zu leben, in der zwar jeder immer noch ein Recht auf seine Geheimnisse und Intimsphäre hat (und haben muss), wo aber mehr und mehr Menschen die Gardinen von den Fenstern nehmen und freiwillig öffentlich(er) werden. Das ist ein seltsamer Gegentrend zum realen Leben – vielleicht sogar eine Reaktion darauf -, wo öffentliches Zusammentreffen schwieriger wird, weil der öffentliche Raum zunehmend funktionalisiert wird, aus der Agora wird ein Shopping Zentrum, aus dem Dorfplatz wird Junkspace. Während öffentlich informelle Zusammenkünfte von Fremden kompliziert geworden ist (wer sich jemals an einen Restauranttisch zu Fremden setzen wollte, kann dies wahrscheinlich bestätigen), nimmt die virtuelle Teilhabe am Leben Fremder fast reziprok zu, vielleicht, weil sie weitestgehend antiseptisch zugeht, man sich nicht wirklich auseinandersetzen muss – sondern nur ausstellt bzw. durch die Galerie des ausgestellten Lebens klickt.

Und diese Sterilität wird in Zukunft ein kritischer Punkt des virtuellen Lebens werden. Der Trend vieler Menschen, zum Showmaster des eigenen Lebens zu werden und nach den Regeln modernen viralen (eben nicht virilen) Marketings das eigene Dasein zu hypen, ist in der Zusammenschau deprimierend. Da entsteht eine Leistungsgesellschaft der guten Laune, in der Urlaub und Freizeit zu Elementen der Selbstvermarktung mutieren. Es geht nicht mehr darum, Urlaub zu machen, es geht darum, einen aufregenden Urlaub zu haben und den zu dokumentieren. Und möglichst viel Leute, wie früher Onkel Otto, in die Diashow zu bringen. Dass das ebenso spießig ist wie eben jene nachbarlichen Diaabende, in der der Wohlstandsbürger der Fünfziger seinen ersten Auslandsurlaub mit der Straße und den Angehörigen teilt, ist dabei evident. Auf Facebook wird nicht gedacht, nicht geteilt, es wird ausgestellt. Es ist ein profaner Dorf-Marktplatz des Lebens, im Wortsinne voller Stände und Fressbuden, keine Agora. Darüber, ob dieser sanfte Druck das Leben zu erleben, zu genießen und diesen Genuss zu propagieren, nicht im Umkehrschluss auch zu Stress führen kann, zu dem Gefühl, das eigene Leben sei angesichts der flickernden Leistungsshow online langweilig und grau, weil man nicht jeden Tag aus einem anderen Lokal oder Land postet oder sich in den jeweils coolen Bars seiner Stadt eincheckt, darf langfristig spekuliert werden. Gibt es da draußen schon die ersten Leute, die ihren Samstag verplanen, damit sie bloß in ihrem sozialen Netzwerk etwas zu posten haben? Wenn FB und Co eine Art Coolnesstransmissionsriemen sind, was ist mit denen, die zwischen die Zahnräder gelangen?

Wichtiger aber ist die Frage, ob es in der Hochzeitsgesellschaft langfristig nur Alkohol und Tanzen gibt, oder ob da irgendwo auch Tische stehen, an denen man reden wird. Facebook ist im Grunde – wie jede große Feier – eine anti-intellektuelle Veranstaltung, die wechselseitigen Monologe auf dem Niveau dessen, was man hinkriegt, wenn man sich vor dröhnender Musik aus Bassboxen ins Ohr brüllt und am nächsten Tag heiser nicht mehr weiß, was man da geredet hat, wichtig kann es nicht gewesen sein. Wichtiger als die Inhalte ist, sich gegenseitig auf den Rücken geklopft zu haben. Facebook ist diese Hochzeit, nur ohne Musik, ohne Alkohol, sie ist der Geist einer Party, die fleischlose Abstraktion und insofern wie eine Online-Fortschreibung der Funktion von Sitcom-Serien nur die Simulation von Leben und Freundeskreis. FB ist der Laugh Track deines Lebens.

So grandios es ist, in einer offeneren, stalkenderen Gesellschaft zu leben, in der du Leute nicht mehr aus den Augen verlierst, sondern sie statt dessen zu Radiosendern werden, die dich mit Bildern und Tönen, Wortfetzen und Stimmungen immer wieder etwas mysteriös über den Status Quo ihres Lebens aufklären, und so eine Art Rest-Teilhabe ermöglichen, so wenig ist das doch.

Ich lese gerade Raddatz Tagebücher, die letztes Jahr bei Rowohlt erschienen. Und in der Lektüre dieser oft eitlen und selbstverletzten Notizen ist es ein seltsamer Gegensatz zu der Lebensdokumentation, die ich tagtäglich online erlebe. Nicht nur, dass Twitter und FB längst in den Händen professioneller (Selbst)vermarkter ist, die ihr Produkt oder ihre Einrichtung monoton hypen und nach und nach zu einer Art Spam mutieren, vor allem aber wird deutlich, wie sehr Raddatz ein Selbstgespräch führt, das lang und oft verhangen ist, immer wieder zu den gleichen Themen kommend, wie egal im Grunde äußere Umstände sind, wie es nicht darum geht, dass er in Paris ist, sondern darum, wie es ihm dort geht. Seine Tagebücher sind Orte von Zweifel an der Welt, Zweifel an anderen, Bitterkeit, verletzter Eitelkeit, kindischen Gefühlen – und bei aller Kritik im Detail, ist der Mut, solche Texte, die keineswegs immer klug und umwerfend, sondern oft engstirnig und egozentrisch sind, zu veröffentlichen, bewundernswert. Mir ist in den letzten Monaten aufgefallen, wenn man Leute im realen Leben trifft, die man länger nicht gesehen hat und deren «Leben» man nur via FB/Twitter/usw kennt, wie weit dieses virtuelle Bild und die Realität dahinter divergieren. Du denkst, du bist einigermaßen up to date und was gewissen Fakten angeht bist du das sogar so sehr, dass es Gespräche eindämmt, weil man bestimmte Vorgänge bereits kennt, aber die zu den Vorgängen gehörenden Gefühle, Ängste, Hoffnungen, sind nie bis in die angeblich so sozialen Medien gekommen, vielleicht weil man die eben doch nicht in die Arena der Kommentare und Like-Buttons stellen will, vielleicht aber, viel profaner, weil es ja auch sonst niemand tut. FB ist ein Angeber-Medium, in der jeder sein Leben zur Leistungsschau tuned, zur eigenen Pressekonferenz, wer will da mit Zweifeln kommen? Ich frage mich, wenn morgen jemand zum Berserker wird und 20 Schüler umbringt oder nur sich selbst aus dem Leben hievt, wie viele Freunde und Angehörige sagen: «Aber bei Facebook war er doch immer gut drauf…» FB ist längst ein an sich durchaus spannender, aber eben verfälschender Teil eines zunehmend unehrlichen Umgangs mit der eigenen Biographie geworden, die ganz effizient-kapitalistisch eben nicht aus Fehlschlägen, sondern nur aus Siegermomenten, richtigen Entscheidungen, einem tollen Job und einem erfüllten Leben zu bestehen hat. Wenn du nacheinander drei vier Leute getroffen hast, deren innere Gefühlswelt deutlich grauschleieriger bis schwärzer ist als die «öffentliche» Variante, dann fragst du dich, wie viele Leute diesen Maskenball mitspielen. So wie ein Verlag verkaufe Bestseller und gewonnene Awards herausstellt, aber die schlechten Umsatzzahlen von Buch XY und andere Existenzprobleme mal lieber schön weglässt, so wie Museen ihre Veranstaltungen hochjazzen, aber die eigene Finanzkrise oder Streitereien mit Künstlern nicht so gern kommunizieren, so gehen wir inzwischen auch privat mit unserem gesamten Leben um. Es ist eine Art dauerhafte, in Echtzeit durchgeführte kosmetische Operation. Wie ein Photograph im Krieg permanent nach Motiven sucht, suchen wir nach «Lebensmomenten», die es festzuhalten, zu dokumentieren gilt, Ich war dabei. Ich war dabei.

Das kann nicht ewig gutgehen. Die Verleugnung oder Verdrängung von Problemen, das weiß jeder psychologische Laie, sorgt nur dafür, dass die weggedrückten Affekte sich auf anderer Ebene, meist unbewusst, ihre Bahn suchen. So verblüfft doch schon, dass wir einerseits inzwischen nahezu penetrant von Burn-Out und Depressionsartikeln und Büchern beschossen werden (Burn-Out ist ja das neue AIDS) – und andererseits hat jeder ein Leben aus Glücksmomenten? Facebook ist eine Art Regression, es erinnert an Huxleys Soma-Parties, es weht ein Hauch von Freizeit-Taylorismus durch die virtuellen Flure. Auf Dauer wird das nicht genug sein. So wie im echten Leben der beste Moment jeder Party die Gespräche am Morgen danach sind, so wie jede echte Beziehung diese Kaffeehaus-Momente braucht, wo man sich gegenseitig wirklich austauscht, so braucht das virtuelle öffentliche Leben mehr als Millionen von kleinen Fernsehsendern, die rund um die Uhr Superhappiness propagieren.

Der große Sprung in den Social Media also wird sein, zu lernen, darüber öffentlich zu reden, worüber man schwer sprechen kann, worüber man schweigen möchte. Während in den Medien der Geist der geschützten Privatsphäre umher weht, geht es in Wirklichkeit darum, einen entscheidenden, mutigen Schritt der Öffnung zu machen. Auf Facebook rechtfertigt sich das eigene Leben als das «richtige» Leben, indem es glücklich ist, einer Art unausgesprochenem Drehbuch von Konsumteilhabe folgend – in Wirklichkeit ist hier nur ein gesellschaftsweites Potemkinsches Dorf in Aufbau, das wir alle Bild um Bild, Like um Like errichten. Die große Chance von Social Media aber ist, Freud und Leid zu teilen – die Trauer aus den Darkrooms der Depriforen herauszuholen, das Leid nicht auf Radio-Call-In-Shows zu domestizieren. Was hätte ich bei dieser Hochzeit darum gegeben, wenn es nur ein Bild gegeben hätte im Bilderstrom des Glücks, das diesen Eindruck trübt oder in Frage stellt, die eigene Inszenierung kurz aushebelt und durchschaut. Es wäre ein Durchblitzen von Intelligenz und Reflexion gewesen, wenn hier zumindest die eigene Lüge als selbst-bewusste Tat gestanden hätte. Wenn nur für einen Moment die Heuchlerei nicht wie Mehltau über der ganzen Veranstaltung liegen würde. Nicht weil ich denke, dass die beiden, die hier geheiratet haben, nicht wirklich so glücklich und «richtig füreinander» seien wie die Photos suggerieren sollen – sondern im Gegenteil, weil die Suggestion eine Beleidigung ist. Das echte Leben und eine echte Beziehung hat mehr Dimensionen als Urlaub, Hunde und Nachwuchs. Das Auszublenden ist nicht nur Verleugnung, sondern vor allem auch die Weigerung anzuerkennen, dass die schlechten Momente integraler Teil der guten Momente sind. Dass es nicht Sinn einer Beziehung oder gar des Lebens ist, immer gut drauf zu sein. Dass es nicht Sinn des Lebens ist, für andere gut drauf zu sein. Es ist bedenklich, wenn wir in der Freizeit, wenn auch auf andere Art, ähnlich anfangen zu funktionieren wie im Beruf, wenn Menschen gezwungen sind, Schwäche Furcht und Unsicherheit, immer weiter ins Innere zu tragen. Wirkt es konstruiert, wenn ich befürchte, dass die Leute, die bei FB am erfülltesten wirken, am ehesten ihre Frustrationen und Probleme bei einem Therapeuten abladen werden müssen, weil ihr Freundeskreis zunehmend nicht mehr versteht, dass diese Leute überhaupt ein Problem haben könnten?

Wenn Social Media wirklich sozial sein will – und hier ist eine Chance für eine Welt nach Facebook – muss es mehr geben als eine Art Plattform der Guten Laune, einen permanenten Musikantenstadl effizient genutzter Freizeitmaximierung. Politik muss mehr bieten als «Tritt unserer Gruppe bei», Teilhabe am (virtuellen) Leben von Bekannten und Freunden darf dreidimensionaler sein als es jetzt ist, durchaus auch mal verstörender und damit ehrlicher. Bei der Wahl, ob unser Leben online eine Art Verschleierungsstrategie wird oder in einer Form von Selbstreflektion und Austausch mündet, in einem System, in dem die Beteiligten nicht mehr nur Links und «Yay!»s austauschen, sondern auch Hilfe und Strategien, wird entscheidend sein, wie lange wir uns als Gesellschaft selbst belügen wollen, wie hart und wie lange wir den Bruch zwischen oberflächlicher «Happiness» und den komplexeren Gefühlen hinter verschlossenen Türen durchhalten wollen. Wir haben gelernt, die Party mit der Welt zu teilen – die nächste Frage ist also, ob wir auch die Kraft haben, den Kater gemeinsam zu meistern.

24. Januar 2011 09:03 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 4 Antworten.

Geduld

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Der wunderbare Schnee der letzten Wochen hat etwas, was lange brodelt, seltsamerweise nicht abgekühlt, sondern zum Kochen gebracht – den Volkszorn. Die Bürger empören sich darüber, dass die Städe trotz Haushaltssperren und schließenden Theatern die Straßen nicht picobello freihalten, nicht genug Streusalz verwenden, nicht oft genug die Straßen wie einen Döner abschaben, dass Müllfahrzeuge sich nicht durch Straßen zwängen, durch die kleine Kfz schon kaum noch sicher kommen und der Müll mal zwei oder drei Wochen liegt. Klaus Kunze, Chef der Essener Entsorgungsbetriebe, gibt in seinem Interview mit Der Westen einen Einblick in die vielen Parameter, die er zu jonglieren versucht – durchaus sympathisch -, und wird in den Kommentaren (der hysterisierten Form des Leserbriefes) dafür angegeifert und persönlich beschimpft. Die Bürger fangen sogar an, Klagen gegen die Entsorgungsbetriebe verschiedener Städte vorzubereiten.

Wegen etwas Schnee, wohlgemerkt.

Zugegeben, um Weihnachten ist etwas dumm, wenn Müll liegenbleibt, weil gerade da viel Papier anfallen kann (obwohl das ja auch schön den Überkonsum verdeutlicht und uns einen Geschmack des eigenen Giftes gibt). Zugegeben, Autofahrten um den 24.12. waren nahezu undenkbar und haben meist mehr als doppelt so lange gedauert und waren oft von der Angst geprägt, in irgend eine Leitplanke zu schliddern. Aber haben wir uns schon so weit von der Natur entfernt, dass wir mit dem Wetter auf Kriegsfuß stehen? Den Sommer bekämpfen wir mit Klimaanlagen und ruinieren dabei unsere Gesundheit, im Winter verlangen wir offenbar, dass ad hoc ein Normalzustand wieder hergestellt wird. Meine Nachbarn haben im Grunde ganztägig gegen den Schnee angefegt und geschippt, damit ihr Teil der Straße (und auch nur ihrer) bitte immer noch so aussieht, als sei Frühling, als sei gar kein Winter. Gut, dafür gab es dann vor ihren Häusern keine Parkplätze mehr, weil sich irgendwann meterhohe Schneeberge am Straßenrand auftun, aber der Bürgersteig als solcher war blitzeblank. Immer. Die Tatsache, dass man auf gefallenem Schnee an sich ausgezeichnet gehen kann – im Wald fegt ja auch niemand und man kann dort bestens unterwegs sein – spielt bei diesem Fegewahn keine Rolle. Es geht nicht um die Begehbarkeit der Straße oder um gesetzliche Vorschriften. Es geht um den Kampf gegen die Natur. Es scheint auch niemand auf die simple Idee zu kommen, sich zusammenzutun und die Straße einfach gemeinsam selbst vom Schnee zu befreien, wenn die Entsorgungsbetriebe die Seitenstraßen nicht streuen. Soviel Anonymität muss selbst in Wohnvierteln sein, wo jeder Nachbar alles über den anderen weiß.

In den USA wäre das übrigens undenkbar. Dieses paternalistische Staatsverhältnis – ich zahle Steuern, dafür musst du mich rundum verwöhnen. Es ist in einem Land wie Amerika vielleicht einleuchtender, vielleicht ticken die Menschen auch nur anders, dass der Staat sich nicht um die Weite des Landes, um jedes Detail kümmern kann. Also machen die Leute es, ganz dem Let’s-Do-It-Mythos einer Nation verpflichtet, die den Wilden Westen erobert hat, einfach selbst, adoptieren Autobahnabschnitte, fegen die eigene Straße, beschneiden die eigenen Bäume. In Deutschland scheint aber schon die Vorstellung, einen Müllsack zum Recyclinghof selbst fahren zu müssen, eine Zumutung zu sein.

Vor allem aber auffallend ist die Ungeduld mit der Natur, die einfach daherkommt und sich in die Planbarkeit des Lebens einmischt. Wer über beheizbare Gehwege sinniert, hat sich endgültig für ein Leben entschieden, das ebenso gut unter einer Plastikkuppel über der Stadt stattfinden könnte, die Regen, aber auch zu viel Sonne, Wind und Schnee, einfach abhält. Mit anderen Worten mutieren wir zu Terrariums-Tierchen, die neurotisch reagieren, wenn ein Parameter der künstlichen Umwelt zu stark variiert wird. Die Wirklichkeit macht uns nervös. Ein zwei Tage ist der Schnee ein Ah-Ereignis, danach manifestieren sich nur noch Ärgernisse, weil der Terminplan derangiert wird. Wenn das Leben ein Güterbahnhof ist, darf uns eben keine höhere Macht die Logistik verhageln. Und da wir in einer Welt leben, in der selbst die Freizeit per Terminplaner organisiert wird (und per Facebook dokumentiert), ist das Leben nun mal ein Güterbahnhof, sorry, lieber Schneemann.

Es ist verblüffend. Die gleichen Bürger, die sich sonst permanent um den eignen Burn-Out zu sorgen scheinen (dem gefühlten Buch- und Pressethema Nummer Eins derzeit), sehen den Schnee nicht als naturverordnete Auszeit, sondern burnen noch ein wenig intensiver dagegen an, wutschäumend. Anstatt Termine zu reduzieren (eine Ausrede hätte man ja), zu Hause zu bleiben, vorm Schneefenster mit etwas Heißem in der Tasse ein gutes Buch zu lesen oder unter der dicken Decke zu kuscheln, wird in den Leserbriefen ein Kryptofaschismus der eisfreien Straße deklamiert, das totale Schneefrei gefordert. Dahinter steckt nicht nur eine unfassbare Entfremdung von der Natur und ihrem Rhythmus, sondern auch eine Ungeduld, die uns alle erfasst hat und der die Realität als solche total egal geworden ist.

Und in der Tat, wir sind verwöhnt. Alles hat sich beschleunigt. Gute Zeiten, um ein fußwippender Ungeduldsmensch zu sein. Amazon liefert nicht mehr nur binnen 24 Stunden, was an sich ja schon verblüffend genug ist, sondern binnen eines Tages bis 18 Uhr. Downloads, die vor zehn Jahren noch den ganzen Tag gebraucht hätten, sind heute ohne Kabel in wenigen Minuten auf dem Rechner. Man kocht nicht mehr stundenlang, sondern blitzdingst sich in Minuten ein Essen aus der Microwelle. Auch im Restaurant denken wir uns anscheinend nichts dabei, wenn Sauerbraten, ein Fischgericht und ein Schnitzel seltsam schnell, seltsam gleichzeitig aus der Küche kommen, selbst wenn die Teller wärmer sind als das Kartoffelpüree – die Frage, wie ein Sauerbraten ernsthaft in 5 Minuten halbwegs seriös gemacht sein soll, stellt man besser nicht. In den Fast-Food-Ketten warten entsprechend schon viele Gerichte verpackfertig vorbereitet auf uns, damit man sie direkt am Autoschalter ordern kann, whambam, von der Bestellung zum Dinner in 2 Minuten, das Herabschlingen braucht kaum länger. Wir tippen nicht mehr mit der fehlerhaft-langsamen Mechanik einer Schreibmaschine, sondern direkt mit Rechtschreibkontrolle eingebaut, verschicken keine Post mehr über zwei drei Tage, sondern eMails im Sekundentakt, Gigabytes davon im Jahr (wären es Postbriefe, wir würden jedes Jahr Schränke von Aktenordnern mit dem ganzen Hin und Her füllen). Wir teilen unsere impulsiven Gedanken unserem Freundeskreis in Echtzeit mit, just in time, kein Warten mehr, es der Freundin morgen am Telefon zu erzählen, sie hat es schon bei Facebook gelesen. Abgeordnete twittern Abstimmungsergebnisse, bevor wir sie aus den Zeitungen lesen, die mit einem Tag Verspätung gegenüber der Newsflut in unseren RSS-Readern sowieso furchtbar lahm wirken. Navigationssysteme bringen uns schnell uns sicher ans Ziel, kein minutenlanges Kartenwälzen mehr vor der Fahrt, kein Verfahren, reinsetzen und losfahren und jederzeit im Blick, ob man es noch pünktlich schafft oder nicht. Notizen schreiben wir nicht mehr ab, eine Software macht das für uns. Medien konsumieren wir nicht mehr in Ruhe, wir zappen zwischen den Kanälen und Angeboten, schnell gelangweilt, wenn eine Handlung oder Information zu langsam kommt, keine neuen Impulse auf uns eindonnern. Dass manche Prozesse einfach physikalisch und mechanisch sind und Zeit brauchen wollen wir zunehmend nicht mehr hören. Für uns Designer bedeutet das oft, dass ein Kunde nicht versteht, warum die 100-seitige Broschüre nicht doch in einem oder zwei Tagen gedruckt werden kann – und oft werden Termine so gebaut, dass man sich wirklich eine Art Digitaldruck in hohen Auflagen wünschen muss. Bei Korrekturen wird, kaum sind die Mails angekommen oder kaum die Änderungswünsche durchgegeben, kaum eine Stunde später nachgefragt, wo die neuen Fassungen bleiben. Egal, wem du heute eine Mail schreibst, wenn sie eine gewissen Länge erreicht und Dinge erklärt, beschleicht dich schon beim Absenden das Gefühl, niemand wird sie wirklich lesen – nicht ohne Grund gibt es ja längst Software, die dem Empfänger den eingehenden Text in eine Kurzfassung zusammenschnürt. Und dass Ideen und Kreativität sich in keinerlei Zeitplan pressen lassen und einfach auch etwas Ruhe brauchen, ist nahezu eine Tabu-Aussage geworden.

Jeder hat es eilig, wenn er nicht gerade als Kind oder Rentner außerhalb des Systems steht und sich das Irrenhaus-Treiben amüsiert anschauen darf und wie Hans-Jochen Vogel amüsiert-schockiert die SMS-Sucht der Kanzlerin aus dem Altersheim heraus kommentieren kann, als zugleich etwas befremdlich wirkendes Symbol einer vergangenen Ära von Schreibmaschinen und Aktenordnern. Aber selbst die Pensionäre, man sieht es in Stuttgart, haben keine Geduld mehr, sich die Umbaumaßnahmen für einen Bahnhof anzusehen, den sie nie mehr nutzen werden. Das gleiche Gefühl, das sich gegen den Winter positioniert – bitte keine Störungen in der Komfortzone – ballt sich hier gegen Bagger und Kräne. Es mag Sachgründe für und gegen S21 geben, aber im Kern geht es um die Frage, wie viel Geduld und Veränderungs-Elastizität wir noch aufbringen können. Selbst die Integrationsdebatte lässt sich auf Ungeduld reduzieren, leider – es scheint, als brächten Sarrazins Jünger den muslimischen Einwanderern nicht die Geduld entgegen, sich langsam in eine Balance zwischen Identität und Integration zu finden. Obwohl dieser Prozess Dekaden braucht und durchaus erfolgreich läuft, scheinen wir als Gesellschaft die Energie zur Hilfe, die Ruhe und Reife für diesen Prozess nicht mehr aufzubringen und zucken nervös zwischen Realitätsverschleierung einerseits und hysterischen Überfremdungsängsten andererseits. Die Wutbürger wippen nervös mit dem Fuß, als wäre ein generationenüberspannender Vorgang ein zu spät kommender Zug, der unser Effizienzkorsett zum Platzen bringt. Wir haben keine Zeit für gesellschaftlichen Wandel, also lehnen wir ihn ab.

Längst sind wir nicht nur ungeduldig, wir fiebern der Zukunft entgegen. Trailer, Leaks und Websites verraten uns Details von Büchern, Filmen und Serien bevor sie überhaupt fertig geschrieben oder gedreht sind, neue Alben kursieren im Web, während die Musiker noch im Studio stehen, Apple stellt Software vor, die erst in einem Jahr überhaupt erscheint – wir werden permanent mit einem Hunger auf das nächste kommende Ding, das nach der nächsten Ecke auf uns wartet, aufgeladen. Wir sind nie mit dem zufrieden, was jetzt ist, sondern hecheln ungeduldig schon der nächsten Etappe entgegen. Ich bin da keine Ausnahme, habe schon als Kind zuerst das Ende vom Krimi gelesen und mag bis heute Spoiler über alles – dieser präkognitive Blitz, der ja immer nur ein Teil des Ganzen ist und der erst Sinn macht, wenn man dann das Buch tatsächlich liest oder den Film sieht. Mein Hang zu Multitasking und Ungeduld ist so alt, wie ich zurückdenken kann – aber wenn solche ADHS-artigen Eigenschaften in der gesellschaftlichen Psyche massenhaft aufblühen, sind es nicht mehr unbedingt positive Features, im Gegenteil.

Wir entwickeln uns nicht nur zu einer hektischeren und oberflächlicheren Gesellschaft, wie von zahlreichen Autoren oft etwas kurzsichtig prognostiziert (wie in Schirrmachers unsagbar schlechtem Buch), sondern vor allem zu einer permanent wütend-ungeduldigen. Witterungsbedingte Verspätungen und Verkehrsengpässe lösen bei vielen Menschen offenbar Gefühle aus, die aus dem Anlass heraus nicht zu erklären sind. Es mag daran liegen, dass in ohnehin unsicheren Zeiten die Bürger angesichts der großen Unwägbarkeiten bei den kleinen, alltäglichen Chaos-Momenten überzogen reagieren, sich sozusagen blitzableitern am Entsorgungsunternehmen, wenn es in Wirklichkeit um die Großbanken geht, die Deutsche Bahn für die Terrorismus-Angst und Wirtschaftskrise büßen muss. Es mag auch sein, dass wie in so vielen Dingen 40% besser zu ertragen sind als 90% – je besser es uns geht, umso schärfer nehmen wir die immer kleiner werdenden Restunterschiede war. Unsere Welt ist schneller geworden, die Befriedigung eines Wunsches nahezu aufschubfrei… umso schlimmer ist vielleicht, wenn doch einmal etwas nicht so läuft, wie man es gewohnt ist. Wo sich unsere Großeltern von Krieg und Wiederaufbau nicht haben beirren lassen, scheint uns schon eine vereiste Autobahn aus der Balance zu bringen.

Natürlich kann es kein Zurück zur Ruhe geben, und ich wäre der letzte Mensch, der das propagieren würde. Die Welt wird schneller und das ist in der Natur unserer Evolution, nicht erst seit einigen Jahren, sondern seit Anbeginn der Geschichte. Eskalation ist menschliche Natur. Dennoch darf man nicht vergessen, das Muße, Ruhe und Nichtstun entscheidende Lebensfaktoren sind. Es ist erwiesen, dass Ideen eine Inkubationszeit brauchen. Informationen sammeln, nachdenken, drüber schlafen, Ideen kommen lassen, das ist die Mechanik der Kreativität -, und das gleiche gilt für das Leben als solches. Es sollte hyperaktive Phasen geben, aber auch Abschaltphasen, Anspannung und Entspannung, Dehnung und Erschlaffung, in sinnvoll-weichen Sinusbewegungen. Ein Gummiband, das immer nur gedehnt wird, reißt nun mal. Das hat nichts mit Burn-Out-Moden zu tun, sondern ergibt sich aus dem Kreislauf der Natur, wo wir solche Wellen immer wieder sehen, das Auf- und Absteigen, Anwachsen und Zurückgehen, Ebbe und Flut. Es schadet also nicht, diese Gegensätze als gut zu sehen und Hemmungen wie Schnee oder verspätete Züge entspannt als Gang der Dinge, als unweigerlichen Bestandteil des Seins zu begreifen, nicht als Hindernisse, die es zu bekriegen gilt. Es ist gut, wenn es schneit und wir langsamer werden müssen. Es ist okay, wenn Müll mal ein paar Wochen länger liegen bleibt – umso mehr wissen wir zu schätzen, wie unsichtbar und reibungslos die Infrastruktur normalerweise läuft. Erst durch das Ausbleiben des reibungslosen Funktionierens wird das uns umgebende Versorgungssystem spürbar, sichtbar. Erst wenn die Bahn zu spät kommt, verstehen wir die Logistik, die dieses Netzwerk normalerweise vorantreibt. Im Scheitern wird also auch die Schönheit eines bestehenden Systems spürbar. Wer den Schnee nicht genießt, sondern sofort manisch solange fegt, bis wieder der Asphalt sichtbar wird, hat vielleicht tatsächlich ein Problem, die Welt zu genießen. Und ist es nicht eigentlich ein tolles Abenteuer, über Schnee und Eis zu schliddern auf der Autobahn, nachts um Drei – kann man das bei aller Panik um das schöne Blech nicht auch mal genießen?

Liebe Leserbriefschreiber und Straßenfeger, liebe Armbanduhrchecker an den Flughäfen, liebe Schlangenvordrängler – ich bin ja genau so ungeduldig wie ihr, genauso übertaktet, genauso unfähig mal ein paar Stunden ohne Twitter oder RSS, ohne Mail oder Medien klarzukommen. Ich verstehe euch ja. Aber es gibt Situationen, da ist es gut, den inneren Kontrollfreak in den Schrank zu stellen und das Leben nicht als Fließband misszuverstehen. Es gibt Brüche, Pausen, Unwägbarkeiten unter der ja nur scheinbar glattgezogenen Zivilisationsfassade, und die kleinen alltäglichen Störungen können als Erinnerung daran dienen, wie fragil die Balance unseres Alltags ist und wie groß der Luxus, den wir genießen. Wir erleben meist keine Orkane, keine Sturmfluten und noch hat uns niemand Hochhäuser weggesprengt – lasst uns verschneie Straßen und rutschige Gehwege, Warten am Bahnhof und unklimatisierte Züge als homöopathische Dosen der Risiken wahrnehmen, die wir gebändigt haben.

Auf keinen Fall aber sollten wir uns nach einer 100%ig kontrollierbaren, klimatisierten, beheizten Welt sehnen, in der es keine Überraschungen mehr geben kann und alle Züge immer pünktlich fahren, alle Briefe immer zeitig eintreffen, es wäre die langweiligste aller Existenzen.

12. Januar 2011 11:46 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 13 Antworten.

Wider die Masse

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Ob Stuttgart 21 oder GAP – es scheint, als lebten wir in Zeiten glorreicher direkter Demokratie. Da gehen Bürger auf die Straße, um einen teuren Umbau ihrer Stadt zu verhindern und da greifen Konsumenten in die Tastatur, um einer Bekleidungsfirma das neue, so schrecklich moderne Logo auszutreiben.

Ist Protest Dialog?
Wer das als tatsächliche Demokratie, als Dialog zwischen Einrichtungen und Bürgern empfindet, der irrt nur leider. Was sich auf den ersten Blick geeignet hervortut, um Manager oder Politiker aus dem Elfenbeinturm herauszulocken und mit der Außenwahrnehmung zu konfrontieren, entpuppt sich als Fata Morgana. Ebenso wenig wie 100 Kritiken auf Amazon ein Buch nun besser oder schlechter machen, so wenig wie 1000 Affen jemals jenseits der Statistik wirklich einen guten Roman schreiben würden, so wenig wie 100 Laien gemeinsam den einen Experten ersetzen (oder wer würde den Chirurgen beiseite schieben, um sich von 10 Krankenschwestern die Herz-OP machen zu lassen, die sich das gern auch zutrauen würden?)… ebenso wenig ersetzt Schwarmintelligenz und der medial geballte Ausdruck von Meinungen tatsächlichen Diskurs und Dialog, Abstimmungsprozesse und tatsächliche Entscheidungen.

Dabei geht es gar nicht um die Frage von Richtig oder Falsch, also darum, ob Stuttgart nun einen Kopf- oder Durchgangsbahnhof braucht oder ob nun das neue Gap-Logo besser war als das alte (beide sind ja nun einmal gruselig) und es geht nicht einmal wirklich um Argumente, die es auf beiden Seiten bei all solchen Anlässen in solch großer Zahl gibt, das man schon Experte sein muss, um in der Flut der Argumente noch den Boden zu sehen. Es geht vielmehr um die Frage, ob es wirklich so ist, dass die Vielen unbedingt Recht haben.

Und ich würde sagen: Nein.

Ist die Mehrheit die Mehrheit?
Das fängt bereits damit an, das insbesondere online die Frage berechtigt ist, was «viel» ist. Es ist erwiesen, dass sich via Twitter, auf Blogs, auf Foren, per Mail etc. eher eine kleine Online-Minorität lautstark (und gern multipel) hervortut, die keineswegs für eine reale Mehrheit sprechen kann. Da wird dann eine Fernsehserie gelobt, die aber mangels Einschaltquote eingestellt werden muss, oder aber ein Buch in Grund und Boden verdammt, das sich aber atemberaubend gut verkauft. Das gleiche Phänomen gibt es auch jenseits der virtuellen Beteiligung, wenn etwa bei dem bayrischen Volksentscheid zum Rauchverbot bereinigt eine erschreckend kleine Anzahl von Bürgern überhaupt teilgenommen hat und das prozentuale Ergebnis in Wirklichkeit so ist, dass man sich fragen muss, welche Legitimität ein solcher Entscheid mit 13,9% eigentlich haben kann, denn Mehrheiten sehen anders aus. Auch in Stuttgart nehmen – gemessen an der Anzahl der Betroffenen in Stadt und Land – prozentual so wenig Bürger an dem Protest statt (zumal gemessen an den Bürgern, die die Regierungen gewählt haben, die dieses Projekt seit zwölf Jahren ja nun alles andere als clandestin durch alle Institutionen vorantreiben). Nur weil es vor den Kameras nach «vielen» Menschen aussieht oder nur weil auf einer Site hunderte von Kommentaren eingehen, drückt sich hier in Wahrheit oft nur eine Minderheit aus, die nur suggeriert, ihre Meinung habe ein Mehrheitsrecht. Natürlich geht es in der Demokratie nicht um die «Mehrheit», sondern es geht (aus meiner Sicht) auch ganz ausgeprägt um den Schutz von Minoritäten, um die Abwägung und Aushandlung widersprüchlicher Interessen – aber es kann nicht um den Schutz einer Minderheit gehen, die in dem Selbstverständnis agiert, sie sei die Mehrheit und habe das Recht sozusagen qua Masse eingebaut.

Hat die Mehrheit Recht?
Dazu kommt, dass ich der Masse zutiefst misstraue. Die Masse kauft nämlich Musik in die Charts, die ich furchtbar finde, sieht Filme, die ich nicht mag, liest Bücher, die ich für Schundliteratur halte (wenn sie überhaupt liest). Wer einen Blick auf das Fernsehen wirft, das Medium des kleinsten geringsten Nenners, das schlimmste aller Massenmedien, kann keinen Zweifel am kollektiven IQ der Menschen haben – er ist gerade hoch genug für Supernannys und Soaps, die schwierigeren Angebote müssen in das Arte- und 3Sat-Ghetto verbannt werden. Die Masse, Pardon, hat keine Kultur. Das soll nicht arrogant klingen, so weitab vom Mainstream bin ich ja nun auch nicht und es geht nicht um die Frage, ob mein Geschmack nun besser ist. Aber wenn Lady Gaga zur größten globalen Künstlerin wird und Stephanie Meyers aseptische Vampire die Buchcharts anführen, dann kommen mir Zweifel am Verstand der «Masse». Die Masse, das ist der Mob beim Fussball, der nur noch in Sieg oder Niederlage unterscheidet. Die Masse, das sind die Leute, die in München dabeistanden, als 1938 die Hauptsynagoge abgerissen wurde und die dabei noch gejubelt haben. Ich habe ein Problem mit der Masse, die bei der kleinsten Gelegenheit mit Fackeln und Heugabeln vorm Schloss steht und will, dass das Monster verbrannt wird. Wenn es nach der Masse ginge, mit Verlaub, würden wir heute noch die Guillotine als Form der öffentlichen Unterhaltung haben und die Sklaverei wäre nicht abgeschafft. Die Geschichte würde stillstehen. Wer sich mit Organisationspsychologie und Massensoziologie befasst, weiß, das «Respekt vor der Masse» fast ausnahmslos als Angst gemeint ist. Die Loveparade hat tragisch und drastisch gezeigt, in welchen Pattern und Wogen sich Massen bewegen und wie rücksichtslos, wie wenig altruistisch oder am Gesamten, sondern wie kumuliert-egoistisch sie teilweise – durchaus auch ohne dies individuell zu wollen oder wahrzunehmen – agieren.

Woher hat die Mehrheit ihre Meinung?
Edward Bernays hat die Verführbarkeit der Mehrheit bereits in den zwanziger Jahren auf den Punkt gebracht: «Wir werden regiert, unser Verstand wird modelliert, unser Geschmack geprägt, unsere Vorstellungen werden vorgegeben weitgehend von Männern, von denen wir noch nie etwas gehört haben.» Was Bernays damals noch etwas unbefangen von den Machtstrategien seines späteren Bewunders Goebbels «Propaganda» nennen durfte, heißt heute anders, die Mechanismen allerdings haben sich kaum verändert, bestenfalls verfeinert. Wer heute sagt, dass Unternehmen und Einrichtungen auf die Mehrheit zu hören hätten, muss sich die Frage gefallen lassen, wie diese Mehrheit eigentlich ihre Meinung/en bildet und wie haltbar und belastbar dieser Boden ist, wie «richtig» die Meinung der Mehrheit ist, wie anfällig der Mob für Verführer und Demagogen ist. Hat Theo Sarrazin mit seinen absonderlichen biologistisch-gestrigen Thesen zum IQ schon Recht, nur weil sein Buch sich gut verkauft – oder haben die weniger selbstgewissen Kritiker recht, die auf die Löcher im fauligbraunen Käse seines Buches hinweisen? Stimmen Fakten, nur weil sie die Bild als auflagenstarkes Blatt druckt? Tatsache ist doch vielmehr, dass die Mehrheit der Menschen auf einfach(st)e Antworten, auf reduktionistische Ideen, auf Schwarzweißmalerei fliegt wie die Wespe auf den Sonntagskuchen – das uninformierte, dumpfe «Gefühl» ist der Aggregatzustand der Menge, das Erahnte, Faktenfreie, das Klischee. Es ist erwiesen, das den Menschen das langfristige Planen und Denken nicht liegt, sie agieren kurzfristig, nehmen spätere Nachteile in Kauf, um sich «jetzt» auszuleben – da ist es verständlich, wenn die akkumulierte Masse von Menschen dies besonders betreibt, und ohne Konsequenzen, Bedingungen, Vernetzungen und Unabwägbarkeiten zu argumentieren versucht, zurückgreift auf die einfachsten und damit falschen Argumente, die seltsam oft auf ein «Wir gegen Euch» hinauslaufen. Politiker sind korrupt, Beamte sind faul, Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg, Frauen gehören an den Herd, der Islam ist böse und und und… die Liste rassistischer und reaktionärer «Meinungen» des Mob ist so lang wie armselig. Es ist keineswegs so – so sehr man sich das wünschen würde – das in der Menge die Menschen zu einer abgewogenen und richtigen Entscheidung kommen (auch wenn «Wer wird Millionär» das suggeriert), sondern im Gegenteil: Nur das simpelste, primitivste Meme kann sich durchsetzen, der resistenteste und renitenteste Virus verbreitet sich am besten, je stumpfer desto besser. Es ist kein Zufall, dass ein Ex-Sponti und Grüner wie Joschka Fischer, kaum an die Macht gekommen, absolut gegen direkte Demokratie war – was auf den ersten Blick nach Wendehalsmanöver aussieht ist vielmehr die Erkenntnis, dass die Menge einfach nicht das Richtige will und jedes ambitionierte Projekt ausbremst.

Wohin geht die Mehrheit?
Nirgendwohin. Der Mob kann sich nur für 0 oder 1 entscheiden. Komplexe Sachverhalte überfordern ihn. Stuttgart zeigt sehr schön wie verschiedenste Partikularinteressen gebündelt ein großes «Nein» als einzige Option ergeben, von Protestlern, die den Bahnhof an sich okay finden, aber mehr Trassen und Finanzierungssicherheit fordern hin zu Komplettverweigerern ist jede Couleur dabei. Wer da als Politiker mit den Prostestierenden verhandeln will, dürfte angesichts des Kaleidoskops von Meinungen Freude haben. Am Ende bleibt von den Einzelstimmungen nur ein großes Verhindern über, ein Beharren auf den JETZT-Zustand. Am Ende ist dies das Einzige, worauf die Masse sich einigen kann – selbst wenn «Jetzt» auch alles als ideal sein mag, scheint es doch ausnahmslos besser als die Unsicherheit dessen, was kommen könnte. Jede Abweichung von der Normalität wird abgelehnt und wenn die Masse eins gelernt hat, dann, dass jede Veränderung ihr schaden könnte. Der Mob kann nur zwei Dinge: Nach Blutopfern rufen und den Stillstand bewahren. Es ist die Multiplikation des Sankt-Florians-Prinzip: Überall, bloß nicht bei mir. Die Leute wollen eine schnelle, effiziente Bahn – aber bitte keine Bauarbeiten in ihrer Innenstadt. Die Leute wollen grünen Strom – aber bitte keine Windkrafträder oder Hochleistungsstromleitungen in Ihrer Nähe. Die Leute wollen einen leistungsstarken Staat – aber niedrige Steuern. Jeder will ein König sein, keiner regieren. Und so kann die Masse ein neues Erscheinungsbild zwar schlechtreden, aber keinen schlüssigen Gegenentwurf formulieren, auf den sie sich einigen könnte. Die Masse, insofern, ist das ultimative Konsensdesign, das ultimative Gremiendesign, das sich selbst so zerredet, bis es nicht mehr stattfindet und man nur noch in der Geste des perpetualen Stillstands gefriert. A lot goes on, but nothing happens. Jeder Autor von Serienliteratur – ob Buch, TV oder Comic – kennt das Phänomen seines Publikums: Es beschwert sich, wenn nicht genug Wandel stattfindet, aber sobald sich dann tatsächlich etwas verändert, steht der Mob an den Toren und hämmert mit den Fäusten heulend aufs Holz. Das Ergebnis ist die sogenannte «Illusion of Change», die Illusion des Wandels, das Prinzip «Wasch mich, aber mach mich nicht nass». Jeder Designer, der mit Gremienentscheidungen zu tun hat, weiß nur zu gut, was das bedeutet: Wir brauchen ein neues Logo, aber kann es so aussehen wie das alte?

Gestaltet die Mehrheit Zukunft?
Nein, so leid es mit tut. Die Zukunft ist fast ausnahmslos gegen den Mob entstanden. Die Sklaverei, die der gute Cicero noch völlig okay fand, ist in Amerika nicht abgeschafft worden, weil die Masse schlagartig fand, dass diese Einrichtung barbarisch ist, sondern sie geht auf eine Handvoll Menschen zurück, die schließlich in Abraham Lincoln einen Fürsprecher fanden, der den 13. Zusatzartikel zur US-Verfassung nach mehreren Anläufen und nach dem Sezessionskrieg durchsetzte. Norbert Bolz hat einmal festgehalten, dass die Masse der Menschen nicht weiß, was sie sich (im Hinblick auf Produkte) an Innovationen wünscht – die Konsumenten selbst hätten niemals den Walkman erfunden, wahrscheinlich auch keine Mobiltelefone oder Computer. Jede politische und technologische Innovation geht von Individuen aus und hat sich erst mit der Zeit als «vernünftig», als neuer Status Quo, etablieren können. Bei fast jeder technischen Neuerung sagt der Mob: «Wozu brauch ich DAS denn?» Ein Telefon ohne Kabel, eine Kamera am Handy, ein Computer ohne Maus und Tastatur? Kunstdünger? Automobile? Genforschung? Alles neue, alles «fremde» wird abgelehnt und muss sich erst beweisen. Was an sich nicht schlimm ist – aber wer von der konservativen Masse, die alles allochtone prinzipiell ablehnt, tatsächlich Impulse, die nach vorne deuten erwartet, der kann aber lange warten. Und vergebens. Zukunft geht nicht vom Aggregat aus, sondern vom Individuum, vom Querdenker, vom Mutigen, vom Typus des Entdeckers. Von diesen wahnwitzigen Menschen, die neue Kontinente entdecken oder unter atemberaubenden Kosten und hohen Opfern Menschen zum Mond emporschießen. Die Bücher schreiben, die erst einmal keiner versteht und die sich nicht verkaufen, die Bilder malen, an denen keiner zeitlebens etwas verdient, die Theaterstücke schreiben, bei denen das Publikum empört den Saal verlässt, die sich ihre Instrumente selbst zusammenbauen und seltsam heulende Geräusche aus ihren Gitarren frickeln oder elektronisch-ungewohnte Klänge generieren, die mit einem Hüftschwung ganz Amerika empören, die mit einem Kleiderschnitt eine ganz Ära von weiblichen Rollenklischees beenden. Es sind die, die die Masse stets für «Spinner» hält, als Außenseiter deklariert, oft sogar massiv sanktioniert, die Kultur und Wissenschaft voranbringen, weil sie die Grenzen austasten und verschieben. Es sind kurzum Individuen, mit all ihren Fehlern und Träumen, die die Zukunft schmieden, nicht die amorphe Masse. Die Masse kann seine Impulse geben, sie kann sich auf keine Ziele einigen, sie kann nicht langfristig denken, sie kann nur stumpf reagieren und verneinen. Sie kann in Previews dafür sorgen, dass Filme zu einem Happy End umgeschnitten werden müssen, aber sie kann keine Filme machen. «Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht; Drum besser wär’s, dass nichts entstünde» – so mephistophelisch ist die Mehrheit, die in toto nicht versteht, dass Stillstand aber unweigerlich Entropie bedeutet. Wer dem Mob die Zügel in die Hand gibt, bewegt sich dem Mittelalter entgegen. Die Menge der Deutschen wollte keine Rechtschreibreform (inhaltlich ganz zu Recht, wie ich fand und finde) – aber einige Jahre später zeigt sich, dass man damit ja doch ganz gut leben kann. Der Leidensdruck, ist die Veränderung einmal durchgeführt, sinkt ja doch immer wieder schneller, als gedacht. Wird in Stuttgart der Bahnhof gebaut (vielleicht sogar durch die Proteste etwas durchdachter, etwas weniger sparsam, etwas langfristiger geplant), so wird er in 10 bis 30 Jahren der neue Standard sein, die neue Normalität darstellen. Und wenn er in 100 Jahren durch einen neuen ersetzt wird, werden wahrscheinlich wieder die Bürger protestieren gegen diesen Umbau.

Ist die Mehrheit demokratisch?
Es ist ein Irrglaube, dass direkte Demokratie «demokratisch» ist. So falsch es auch ist, demokratische Teilhabe aus ein Kreuzchen alle vier fünf Jahre zu beschränken – und sich selbst dieser Teilhabe zu entziehen -, so falsch der Mangel an Möglichkeiten für den Einzelnen ist, sich in die Politik einzubringen und diese als Interessant zu erfahren, so unrichtig ist eben auch die Vorstellung, dass Volksentscheide und Protestaktionen etwas mit Politik zu tun haben. Einer gewählten Regierung eine demokratisch erarbeitete Entscheidung abpressen zu wollen, einem Unternehmen die Markenidentität endogen aufzudrücken – das ist nicht «Demokratie» und schon gar nicht Marketing oder Branding. In der Politik gilt, dass es eine gerade in Deutschland fein tarierte Machtstruktur der Instanzen gibt – Gerichte, Parteien, Land, Bund und so weiter – die in oft langwierigen Prozessen konsensuale Entscheidungen herbeizuführen versucht. Diese Prozesse versuchen bereits, Mehrheiten abzubilden und sind genau deshalb oft so melassig-langsam und schaffen keine wirklichen Reformen. Demokratie ist aber genau diese Ausverhandlung und Entscheidungsfindung, Checks and Balances, die am Ende ein immerhin halbwegs tragbares Ergebnis rechtfertigen und Peunalen für Fehlentscheidungen implementiert haben – per Abwahl oder Rücktritt. Aber dieser komplexe und schwierige Prozess ist von Mengen nicht zu leisten – welche Meinung hat denn eine Mehrheit zur Frage, ab welchem Alter Kinder in den Kindergarten sollen (und ist diese Meinung von Experten geteilt?) oder zur Energieversorgung unseres Landes in 50 Jahren (und ist diese Meinung technisch und finanziell realisierbar?) So mangelhaft die repräsentative Demokratie ist – die Alternative wäre ein Alptraum, das Regime des kleinsten gemeinsamen Nenners, des Gartenzaunanstreichers, des Nachbarns, der durch die Gardinen späht und überprüft, ob du deinen Müll auch säuberlich trennst. So traurig die gegenwärtige Politik ohne Visionäre, der Sachverwalter und Realisten, sein mag – eine Alternative, in der eine stumpfe Mehrheit über Theatersubventionen und Kunstprojekte, Bildungskanon und Sozialhilfe entschiede, wäre ein Grund, das Land zu verlassen.Denn die Diktatur der Vielen wäre keine Spur erträglicher als die Diktatur eines Einzelnen.

Machen Massen Marken?
Man könnte sich zu der Annahme verführen lassen, dass doch aber in der Welt des Massenkonsums die Massen sinnvoll die Zügel halten könnten. Die Abertausenden von Menschen, die bei IKEA kaufen, müssten doch am besten wissen, wie die Marke aussehen soll, oder? Es macht doch nur Sinn, wenn GAP jetzt zusammenklappt und binnen kürzester Zeit unter öffentlichem Druck ein Logo vom Tisch nimmt. Ehrlich gesagt, macht es ebenso viel Sinn wie auf die Forderungen von Erpressern einzugehen – man hofft auf ein kurzfristiges gutes Ende und etwas Ruhe, weiß aber, dass man sich langfristig ein großes Problem eingehandelt hat, weil man ab jetzt immer und jederzeit erpressbar ist. Natürlich ist es richtig – goldrichtig sogar – wenn du als Marke auf deine Marktpartner hörst und sensibel ihre Wünsche wahrnimmst. Darauf unweigerlich zu hören, ist aber schlicht und ergreifend Feigheit vor dem Freund. Ein Musiker, der ein mutiges, seinen bisherigen Sound verlassendes Album herausbringt, sollte nicht unbedingt zurück in alte Gewässer, nur weil die Umsätze zurückgehen, sondern weiter daran arbeiten, sich ein neues Publikum zu erarbeiten, das seine Experimente zu würdigen weiß. Ein Autor, der dem Publikum gibt, was es will – frei von Überraschungen -, wird es nicht lange glücklich machen, weil er langweilt. Die Kraft einer Marke ist ihre Autorität – und diese Autorität bedeutet, Entscheidungen aus einer inneren Überzeugung heraus zu treffen und zu diesen Entscheidungen dann zu stehen. Im Einzelnen Zugeständnisse, in der Sache auf Kurs. So wie von Guttenberg sich inzwischen zweimal mit dieser Methode Respekt verschaffte – Opel und neuerdings die überraschend einfach wirkende Abschaffung der Wehrpflicht -, so schafft sich auch ein Unternehmen dadurch Respekt, dass es auf Linie bleibt. Wer sein Logo nicht aus kurzfristigen Gründen ändert, sondern einer klaren inhaltlichen Linie für die Zukunft folgt, ist gut beraten, diese Linie auch durchzusetzen. Es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass die Masse eine starke Marke macht – tatsächlich zieht umgekehrt eine starke Marke die Masse an. Ein beliebter Politiker ist nicht der, der dem Volk nach dem Mund redet, sondern jemand, der einigermaßen glaubhaft seinem inneren Kompass folgt – und analog gewinnt eine Marke dadurch an Magnetismus, dass sie souverän und «cool» ist, autonom reagiert und den Weg führt. Unter diesem Aspekt ist es sehr richtig, dass Apple stets gründlich abwägt, wann sie dem Gegreine der Masse nachgibt (und etwa Bumper gratis verteilt) und wann sie die Marke gegen den Mob auf Spur halten. Denn es ist ja beileibe nicht so, dass Marken, die ihren Zielgruppen in den Hintern kriechen, erfolgreicher wären als solche, die dies nicht tun. Im Gegenteil. Stark sind Marken, die den Weg vorgeben und sich souverän darauf verlassen, dass die Herde größtenteils mitgehen wird und die Nörgler verstummen. Eine Marke, die «der Allgemeinheit» nachläuft, wird unweigerlich zu amorphem Mittelmaß degenerieren. Umgekehrt wird eine starke, individuelle Marke, vielleicht paradoxerweise gerade weil sie Ecken und Kanten hat, eine Gefolgschaft anziehen. Nicht zuletzt, weil sich jeder in der Masse ja nach «seiner» Individualität sehnt, nach einer Identität in der Konformität (siehe etwa NIKEID).

GAP erweist sich also im Zweifelsfall einen Bärendienst und wird es – nachdem es einmal ein Logo zurückgezogen hat – fast unmöglich schwer finden, einen Entwurf zu finden, mit dem die «Masse» dann auch zufrieden sein kann. Den einen wird jede Änderung des Bestehenden zu viel sein, den anderen wird das dann noch bestehende Quentchen Wandel nicht ausreichend sein – und letzten Endes auch den Relaunch nicht rechtfertigen. Es ist ein Zeichen schlechten Managements, nicht nur ein Logo herauszubringen, an das man offenbar selbst nicht glaubt und das intern nicht mehrheitlich getragen wird (und das, am Rande, auch einfach gut ist), sondern dieses auch noch beim erstbesten Gegenwind wieder einzukassieren. Es gibt grandiose und phantastische Wege, die Konsumenten und Partner in Entscheidungsprozesse eines Unternehmens einzubinden und ein soziales Geflecht in die Außenwelt zu etablieren – und ich bin der erste, der solche Prozesse der Verankerung in der Wirklichkeit goldrichtig findet -, aber wer sich von Neinsagern seine Markenidentität und das Design diktieren lässt, verliert seine Glaubwürdigkeit. Und nichts wäre für eine Marke wichtiger als die eigene Unanfechtbarkeit, Deutungshoheit, Wahrheitskompetenz. Deshalb müssen Marken den Dialog mit Individuen suchen – und fördern -, aber nicht zum Subjekt von Mehrheiten werden. Denn Marken sind Leuchttürme, keine Nichtschwimmer.

13. Oktober 2010 15:58 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 9 Antworten.

Vorsicht Glas 04: Eintauchen / Auftauchen

Wie immer bei erscheinen einer neuen DMIG kommt der Text aus der Vorausgabe hier ins Archiv, wo ich ihn besser finden kann:

VORSICHT GLAS III
EINTAUCHEN, AUFTAUCHEN

WILLKOMMEN IM ÄTHER
Jeder schreibt dieser Tage über die Revolution iPad und die Auswirkungen, die es auf Webdesign, Lesen, Video, Musik, einfach alles haben wird… und vielleicht auch tatsächlich hat, wenn auch wahrscheinlich anders, als die Autoren derzeit vermuten. Aber ich habe mir letztens etwas gekauft, was auch flach ist, auch eine Glasoberfläche hat, aber aus meiner Sicht deutlich revolutionärer ist, auf eine ganz unscheinbare Art und Weise. Die Withings-Waage ist ein zunächst unscheinbares Gerät zum Messen von Gewicht und Muskel-/Fettanteil, und kommt mit deutlich weniger Marketing-Getöse daher als das «magische» iPad, ist aber tatsächlich einer der ersten Vertreter des «Internets der Dinge» – denn die Waage sendet nach einer nicht ganz einfachen Installation und Kontoeinrichtung ihre Daten direkt per WLAN auf einen Server, und von dort zum Beispiel auf diverse iPhone-Fitness-Applikationen. Sie ist der erste, wie so oft bei wahrhaft umwälzenden Veränderungen eben total harmlos wirkende Vorbote einer neuen Dimension von Internet, die die visuelle Metapher des «World Wide Web» ersetzen wird, das selbst ja vor gut zwei Dekaden das textbasierte Net-Paradigma abgelöst hat. In einem nicht ganz unzynischen Artikel wurde vor kurzem das iPhone (und damit auch das iPad) kritisch als eine Art «Fernbedienung» für das Leben gedeutet. Aber die Wahrheit ist eher, dass es (noch) die Fernbedienung für eine neue Form von Internet-Nutzung ist, deren Dimension sich erst schemenhaft abzeichnet.

Der große Unterschied zwischen dem www und dieser neuen Form von Internet ist zum einen die Mobilität des Nutzers – dieser Shift ist etwa so wichtig wie der Unterschied zwischen Mobiltelefon und dem alten Wählscheibentelefon in der Diele am Telefontischlein, das von den Nachbarn gern auch mal mitbenutzt wurde. Gowalla, Foursquare und -zig andere Dienste machen deutlich, wie sich Geodaten perfekt für eine komplett andere Wahrnehmung von Internet eignen. In einem schönen Stadtviertel zu sein und eben per ImmobilienScout-App herauszufinden, was es denn hier an Wohnungen gibt, ist nicht vergleichbar mit einem «statischen» Internet. Analog ist der Erfolg von Twitter und anderen sozialen Netzwerken natürlich darauf zurückzuführen, dass man mit mobilen Geräten jederzeit eine kurze Notiz versenden kann.

Zum anderen ist die in den nächsten Jahren hinzukommende starke Vernetzung von Alltagsobjekten ein entscheidender Faktor. Die seit einigen Jahren kursierende Vision des Kühlschrankes, der via RFID ermittelt, dass die Milch abgelaufen ist und dem User – dann eventuell über die Schnittstelle iPhone – direkt einen entsprechenden Vermerk auf die Einkaufsliste macht, die wiederum mit dem Einkaufswagen im Supermarkt kommuniziert, der seinerseits den Einkaufsbetrag der Kasse mitteilt, die flugs den Betrag von unserem PayPal-Account abbucht… das ist ja kaum noch Science-Fiction, sondern eher das, was Trixie Bedlam Paleo-Futurismus nennt. Auch hat Apple bereits vor über einem Jahr Programminterfaces für Messgeräte für z.B. Blutdruck oder Glukose vorgestellt – und wenn man sich anschaut, wie erfolgreich eine ja offenbar nicht wirklich ernsthafte Software wie Sleep Cycle bereits war, ist absehbar, wie erfolgreich solche Angebote sein werden. Dass zugleich sehr ernsthaft über die Möglichkeiten des Robotereinsatzes in der Altenpflege nachgedacht wird, mag da nur noch Fußnote sein – bis wir kollektiv so weit sind, haben wir uns längst an elektronische Vollüberwachung gewöhnt.

Der durch die Urbanisierung, durch einzelne Wohnungen und Häuser modular gewordene Mensch, der längst das Gefühl für ein soziales «Ganzes» verloren hat, wird so in einen neuen technologischen Scheinkontext eingebunden, der auf eine seltsame neue Art Isolation und Eingebundenheit ??? hier fehlt ein verb! , in der wir uns selbst zunehmend als Sims-Charaktere erleben dürfen. Die Trennung zwischen der realen Welt und der ästhetisierten Scheinwelt, deren Vorhandensein früher durch mediale Unzulänglichkeiten gegeben war, hebt sich auf. Statt schwarzweißer Fernsehbilder mit niedrig denkbarster Zeilenauflösung haben wir dreidimensionales Kino in 4K-Qualität, statt karger textbasierter Suchmaschinen auf einem Monitor am Arbeitsplatz haben wir kabellose Augmented-Reality-Software in der Hosentasche. Nicht ohne Grund ist «Iron Man», der zynische alkoholkranke Tony Stark, der im AR-Interface seiner Rüstung so ultravernetzt wie grundeinsam ist, der Held unserer Dekade. Diese Permeabilität von Realität und dem, was man früher vielleicht mal Virtuelle Realität genannt haben dürfte, führt zu einem Multitasking-Solipsismus, in dem «Internet» nicht mehr als ein Raum wahrgenommen wird, den man betritt. Internet ist inzwischen das, wo wir permanent sind, es umgibt, umspannt uns. Adieu World-Wide-Web, hallo Äther.

Das grandiose an diesem Wechsel ist, dass er bereits stattgefunden hat. Wir sind zu nah dran, aber eine nach lange Zeit besuchende Tante würde zu dem kleinen Internet sagen: «Mei, bist du aber groß geworden!» Während viele Webdesigner noch hämen, dass Print ja tot sei, merken sie kaum, dass ihre eigene Tätigkeit längst in einem viel tragischeren Umfang unnötig geworden ist – weil das Web der Zukunft kein graphisches Interface in der jetzigen Form mehr haben wird.

DIE BAND SPIELT BIS ZULETZT…

Für die Designer der kommenden Generationen bedeutet dieser Übergang einen Paradigmenwechsel, wie wir ihn in der kurzen Lebenszeit unserer Profession noch nicht erlebt haben, eine Art postindustrielle Revolution. Design ist in den letzten Jahrzehnten – kontaminiert von ihrem pragmatischen Ausfluss Werbung – als steuerbare Kommunikationsspielart verstanden worden. Egal, mit wie vielen Worten man es verbrämen mag, im Grunde ist Design oft nur der ästhetische Zuckerguß über Edward L. Bernays’ «Crystallizing Public Opinion». Aus der unschuldigen Kunst der Typographie, die nur die Lesbarkeit erleichtern wollte, ist eine hochspezialisierte Profession geworden, die nur ungern zugibt, dass bei allem Gerede um Farben, Schriften und Formen (und bei aller Tendenz zur leeren reinen Formalästhetik, Design-for-Designers) im Grunde immer noch um Absatz, um Erfolg, um Manipulation, um Propaganda geht, ergo um Einwegkommunikation. Wie ein Auftraggeber es letztens so schön formulierte, um Handlungsanweisungen. Sei es der Weg zur nächsten Toilette am Airport, die Verknüpfung einer bestimmten «Idee» mit einer Marke oder der simple zielgruppengerecht kodierte «Kauf mich»-Befehl. Wir gestalten ein Buchcover nicht, um die Menschheit zu retten – wir (bzw unser Klient, der Autor oder Verleger) will mehr Bücher verkaufen. Wir gestalten eine Broschüre oder ein Plakat nicht, um Kunst zu machen, wir wollen ein bestimmtes «Meme»????? besetzen, forttragen oder implementieren. Der dahinter steckende Gedanke – ob nun bewusst oder nicht – ist natürlich arrogant und besserwisserisch, die Unterteilung der Welt in Schäfer und Herde, Leiter und Geleitete. Es ist ja kein Wunder, dass auch ein Joseph Goebbels sich von Bernays Methodik anstecken ließ – Steven Heller hat ja weitgehend in Iron Fists dargelegt, wie wunderbar Diktatur und Corporate Design zusammengehen.

Diese Zeiten – so paradox es klingen mag – erreichen derzeit ihren Zenith und Untergang zugleich. Selten wurde mit Marketing und Gestaltung so vielschichtig und gekonnt versucht, Meinungen und Entscheidungen zu beeinflussen, selten war so viel «Design» wie derzeit. Wir werden bombardiert mit Werbebotschaften, Markenphilosophien, mit emotionalen Impacts, die uns wie einen Flipperball in diese oder jene Ecke tillen wollen. Und das zweifelsohne auch mit Erfolg. In unserer postrationalen Welt sind die Sieger dieses Designkrieges um die Aufmerksamkeit die, die am Ende ein positives «Image» auftürmen können, am Wühltisch der Konsumentscheidungen erfolgreich. Warum wir diesen Anzug tragen, jene Milch trinken, dieses Laptop nutzen – all das sind in einer übersättigten Welt natürlich längst Entscheidungen am oberen Ende der Bedürfnispyramide, die kaum noch mit dem inhärenten tatsächlichen Nutzen der Ware zu tun haben, sondern mehr mit ihrer mythischen Aufladung, böse gesagt dem «Wellness»-Faktor. Man darf sich nichts vormachen: Natürlich sind wir von Design verführbar und auch verführt. In einer Gesellschaft, in der Sein und Konsum wie ein Gordischer Knoten verwoben sind, stellt Design zugleich die Wände des Labyrinths – und auch den Ariadnefaden, an dem wir uns entlang hangeln. Konsumentscheidungen sind zu einem kunstvoll-bizarren Tanz zwischen Verführern und Verführten geworden, zwischen Aufklärung und Verbrämung, in dem schon der Kauf einer einfachen Milch zu einem Jonglageakt wird. Nie war so viel – und so widersprüchliche – Propaganda wie heute.

Und eben darum strahlt viel Design heute eine hechelnde Fin-de-siècle-Müdigkeit aus. Die Firmen wechseln und überarbeiten ihre Namen und Logos, Verpackungen und Werbekampagnen zunehmend rascher aus, wanken wie ein Junkie auf der Suche nach dem nächsten großen Kick von einer Agentur zur anderen, von einem Pitch-Fever ins nächste. Das klassische Grafik-Design wird immer mehr zur ästhetischen Onanie, alles sieht irgendwie gleich, irgendwie gut, irgendwie hip aus – es bedeutet aber auch nichts mehr, in der Echokammer endlosen Recyclings ist die inhaltliche Ebene hinter der formalen Geste verloren gegangen. Wie viele andere Aspekte allgegenwärtiger Popkultur nerven Werbung und Design durch Überangebot, und da diese Flut anders als Musik und Film eher unfreiwillig konsumiert wird, ist die Ablehnung umso ausgeprägter. Der Versuch, Werbung zur komplexen multimedialen Immersion aufzubrezeln – wie bei iAd abzusehen – wirkt vor diesem Hintergrund nur umso fehlgeleiteter. Ist der erste Kick, die erste Neugierde, die Novelty, aufgebraucht und ist erst einmal jede zweite App mit einer Werbe-Zusatz-Applikation belastet, wird der Rollback der Verweigerung nur umso spürbarer ausfallen. Die noch am ehesten funktionierende Werbung sind die nahezu unsichtbaren, dezenten Werbe-Text-Links bei Google, die interessanterweise ohne jede Gestaltung auskommen. (Noch…)

Wie die Band an Bord der Titanic spielt die Werbeindustrie bis zuletzt, lauter und schneller als jemals zuvor, hier noch ein Störer aufs Cover, da noch das Logo größer, hier die Headline größer, dort noch etwas mehr Sex-Appeal in den Geschäftsbericht. Die Passagiere haben sich leider aber längst auf den Weg in die Rettungsboote gemacht.
Der Sprung zur Äthergesellschaft ändert auch hier vieles: wenn Werbung nicht mehr in klaren Realitäts-Subcompartements stattfindet – ergo ausblendbar ist, sondern durch den Äther plötzlich so allgegenwärtig wie ultraindividualisiert sein könnte, verschiebt sie sich vom Background Noise zu einer essentiellen Bedrohung.

DER DESIGNER ALS FICTIONAUT
Es ist ein altes Klischee, dass gutes Design eine «Geschichte» erzählt. Tatsache ist aber, dass aktuelles Design eher das Gegenteil versucht – es überschreibt und negiert Geschichte, in dem Versuch, die Marke ewig jung und frisch zu halten. Nur hat ein Dorian Gray eben keine Geschichte, er ist zeitlos. Er hat keine Zukunft, keine Vergangenheit, er will nur die ewige Jugend. «A lot goes on but nothing happens…» – dieses Paradigma von Design wird sich ändern müssen. Design von morgen wird nicht nur «Storyweaving» sein, sondern ein komplexer narrativer Vorgang im Dialog mit dem Auftraggeber und dem Empfänger, der von Anfang an nicht als passiver Teil eines mechanischen Vorgangs, sondern als gleichberechtigtes Element eines enorm volatilen chemischen Prozesses zu denken und einzuplanen ist. Nun ist Tofflers «Prosumer» ein alter Hut – obwohl niemals so wahr wie in Zeiten von Google – aber ohne Frage stellt der Äther die Arroganz einer selbstdefinierten Elite, die «Handlungsanweisungen» und «Navigation» vorgibt, sehr definitiv in Frage. Wie langweilig und baukastenartig wirken die meisten Webdesigns heute, die sich eine wie auch immer zu definierende gute User-Navigation auf die Fahne schreiben, die aber nur das stets gleiche System re-iterieren, das ihnen die Software vorgibt. So wie uns die wie vom Fließband purzelnden immer gleichen Romantic Comedies mit ihren austauschbaren Darstellern und absehbaren Happy Ends langweilen, so öden auch diese ewig gleichen Webdesigns mit ihren ausgelutschen Metaphern von Menüs und Untermenüs, Tags und Links.

Es ist bezeichnend, dass iPhone und iPad dieser Gleichförmigkeit primär eine Art Turboboost verleihen. Apples rigide Store-Politik und der schiere Kontrollfetischismus, der auch bei zahlreichen verschiedenen Apps für ein möglichst homogenes Erscheinungsbild des OS sorgen sollen, frustriert bereits jetzt zahlreiche Entwickler und wird in Zukunft einer der größten Angriffspunkte im Kampf Android vs Apple sein. Der Erfolg von eher «erzählerischen» Apps wie Swanko Lab oder Hipstamatic, die zwar die gleichen Effekte bieten wie zahllose andere Photo-Applikationen, die aus der schwachbrüstigen Kamera des Smartphones eine Art neuzeitliche Lomo zu machen versuchen, zeigt, dass neben dem reinen Nutzen einer Software eben auch ihr spielerischer, emotionaler Aspekt ausschlaggebend ist. Hipsta und Swanko erzählen natürlich die gleiche Lügengeschichte wie alle Emulatoren – das schwache Abbild analoger Photographie im digitalen Gewand – dies aber mit so viel Konsequenz, Charme und gestalterischem Know-how, dass ein Hybrid zwischen Spiel (mit ungewissem Ausgang) und Software mit Nutzwert entsteht. Bleibt zu hoffen, dass sich solche Ansätze gegen Steve Jobs’ Puritanismus auch in Zukunft durchsetzen können.

Bereits heute beginnt gutes Design sich von einem dogmatischen Orientierungssystem zu einem offenen Spielsystem umzudefinieren, weil es die immersive Natur des eigenen Tuns begreift. Ein Designbegriff, der sich nicht mehr in den Käfig des World-Wide-Web oder von Print stecken lässt (oder analog in die Gestaltung von Waschbecken und Autolenkrädern) liegt nahe… schließlich müssen wir uns fragen, was Menschen dazu bringt, bereitwillig stundenlang einen Text zu lesen oder sich einen Film anzusehen und dafür sogar auch noch zu bezahlen. Und so merkt man gutem, langfristigem Design oft an, dass es eine Art Handschrift oder Idee oder eine Art von Autorenschaft hat. Über die Jahre entwickelt es sich, mutiert, irrt, springt wie ein Jump’n'Run-Charakter, es entwickelt ein Protagonisten-Flair. Es kann uns überraschen, verärgern, amüsieren, involvieren. Das kann so simpel funktionieren wie die Lucky-Strike-Identität, die so stoisch wie fluide wirkt, die so wenig zu wollen scheint und gerade deshalb so langen Atem beweist (abgesehen von den eher traurigen Package-Redesigns). Das kann aber auch so komplex sein wie die Fernsehserie «Lost», die eins der wasserdichtesten Designs hat, das man sich denken kann, die nahezu architektonisch wirkt, ein seltsamer Mix aus perfekter Planung und kreativen Sprüngen. Designer werden von Autoren solcher Langzeit-Narrationen lernen, ebenso wie natürlich von Spieleentwicklern, die längst die Einheit von Erzählen und Gestalten verkörpern, auf die Designprozesse sich auch zubewegen. Ein digitales Spiel, das den User auf Stunden binden soll, immer wieder vor den Monitor locken will, das gar erwartet, dass der Spieler Regeln, komplexe Bedienungsabläufe und Lösungsmuster erlernt und trotz wiederholten Scheiterns an einer Spielhürde nicht aufgibt, muss in einem Maße «Involvement» generieren, von dem Design noch weit entfernt ist. Games müssen erzählerisch mit verschiedenen Frustrationsniveaus umgehen, zugänglich sein und doch nicht zu einfach sie haben sich längst (wie etwa in der Demo-Szene) der Idee geöffnet, dass der User selbst aktiv in seine Spielumgebung eingreift und diese weiterentwickeln darf – dieser Aspekt ist inzwischen oft expliziter Bestandteil des Spielreizes.

Diese Idee eines interaktiven Spiels unter dialogischen und fast echtzeitlichen Multi-User-Bedingungen, bei denen bestenfalls noch eine dünne Membran den «Programmierer» vom «Anwender» trennt, es aber dennoch eine (zum Teil aber oft teambasierte) klare und vom Empfänger auch gewünschte Autorenschaft gibt, findet sich eben so auch in erfolgreichen Fernsehserien wieder – beim bereits angeführten Lost etwa gehört das Spiel der Zuschauer um die Hinweise und Rätsel der Serie zum Reiz des Formats, ebenso gab es mehrere zwischen den Staffeln angesiedelte Alternative-Reality-Game-Formate, die die Grenze zwischen Spielformat und herkömmlicher Serie endgültig durchtrennen.

Dieser Mix aus Erzählung, Exploration, Immersion einerseits und Dialog, Teamwork und Offenheit andererseits ist ein deutlicher Schritt weg von der heutigen «Narration» von Design, die immer noch zu sehr von der Auteur-Idee eines einzelnen Urhebers getragen ist, der ein Werk erzeugt, mit dem die Empfänger dann gefälligst zu leben haben, oder das sich nach realitätsfernen Marktforschungs-Vorgaben richtet, die jede Innovation ersticken und dem alten, eben besserwisserisch-manipulativen Modell anhängen. Auch, man mag es hoffen, Corporate Design als Einbahnstraße aus Agenturvorgaben in endlosen Maßketten und Anwendern, die früher oder später der eigenen Kreativität und Naivität folgend, dieser Vorgaben verlassen und somit das militärische CD-Konzept ad absurdum führen (bis es nach einer Weile der Erosion wieder von einer anderen Agentur «relauncht» werden muss, in der Hoffnung, dass es jetzt aber bitte endlich «greift»), dürfte sich gegen einen von Anfang bis Implementierung spielerischen, gemeinsamen Umgang mit der Firmenidentität austauschen lassen, der der gähnenden Langeweile völlig austauschbarer Baukastenlooks im CD-Bereich ein Ende setzt.

Das narrative Design ist open-ended, lebendig, eher eine endlos formbare Skulptur als ein finites «Werk», eher eine Umgebung, ein «Space» als ein spezifischer Ort oder Punkt. Es will nicht mehr verkaufen oder erklären oder dich in diese oder jene Richtung schieben, es will dich in erster Linie erst einmal einbinden, aktivieren, unterhalten, verwirren oder begeistern, einverleiben. Es wird die Grenze zwischen Druck, Print, Lokal und Mobil, Öffentlichkeit und Privatem auflösen. Der Designer als «Fictionaut» taucht ein, tauscht sich aus, taucht auf und hat Stories im Netz. Neben Vektorkurvenziehen und Pixelschubsen gilt es also kulturelles Wissen, Lesen, Hermeneutik, Soziologie, Gruppenpsychologie in den Designbegriff einzubringen – letzthin die Fähigkeit, Spannungsbögen zu erzeugen, Metakontinuität zu wahren, Kohäsion über verschiedenste Plattformen, Cliffhanger zu inszenieren, Handlungen und Identitäten zu entwickeln.

Im Webdesign wird sich diese Tendenz fortschreiben. Mach man sich nichts vor – «Design» im Webbereich ist nicht, eine bunte Site aus Baukastenmodulen in Joomla zusammen zu puzzeln. Design im Webbereich ist, Facebook geschaffen zu haben oder Twitter. Also eine Idee zu haben – und deren diverse Technologien überspannende konkrete Ausformung – und die Gestalt dieser Idee über die Zeit hinweg auszubauen. So wie die erste Staffel einer Serie dabei vielleicht etwas schlechter ist als die zweite (und die siebte vielleicht schlechter als die erste), so ist auch Webdesign heute ein langfristiger Prozess, der ideal transparent und echtzeitig verläuft und auf Input von Usern dynamisch reagiert. Anregungen, Ideen, Bugs – schon heute ist auch eine herkömmliche Site nicht mehr ohne eine Art öffentlichen Betatest denkbar… der Relaunch vom Fontblog hat das exemplarisch gezeigt und dabei vorgemacht, wie so etwas simples wie ein Blog zur Kommunikation von Machern und Nutzern werden kann, zu einer gemeinsamen Untersuchung der Geschichte um die es sich hier eigentlich dreht. Analog zeigt eben die Vernetzung eines simplen Haushaltsgegenstandes wie einer Waage mit einem Webspace und mobilen Applikationen mit Einbindung von Online-Community sozusagen in embryonaler Form, wie aus dem einfachen Akt der Gewichtsermittlung so etwas wie eine gemeinsame Story werden kann. Denkt man sich diese Vernetzung weiter, wird deutlich, wie ganzheitlich Designprozesse in Zukunft in das Leben hineinspielen, welche gegenseitige Einflussnahme hier möglich wird und wie zentral es ist, hier Vertrauen und Transparenz durch Glaubwürdigkeit zu schaffen. Die Äthergesellschaft ist eine Tauschgesellschaft von sozialen Akten, deren Regeln noch ungeschrieben sind, aber es zeichnet sich jetzt schon ab, dass «Echtheit» und Vertrauenswürdigkeit von Marken an Wichtigkeit für die Bereitschaft der User, Informationen zu teilen, immer wichtiger werden. Und für dieses Vertrauen müssen die Marken erst einmal selbst «sharen».

Es ist nach wie vor wahnsinnig schwer bis unmöglich, Auftraggeber von dieser Form fiktionalen Designs zu überzeugen. Die Aufgabe einer hierarchischen Kommunikation mit klaren Zielvorgaben, das einfach Machen um des Machen willens, das oft Afunktionale ist Marketingprofis nur schwer zu erklären. Meine alte These, dass Erfolg in der Werbung bedeutet, möglichst fast keinerlei klare Konsumanreize mehr in den Auftritt zu nehmen, auf Zielgruppenaffinität und Handlungsanweisungen zu verzichten, sondern nur «zu sein» (Zen-Design, wenn man so will), einfach als Unternehmen zu atmen, auf der anderen Seite aber den Konsum, so er denn freiwillig erfolgen will, so angenehm und wunderbar und einfach wie überhaupt eben möglich zu machen, ist heute so akut wie in den letzten Dekaden nicht mehr.

Mit der Auflösung der World Wide Web zu einem Äther-Internet, mit dem Nachlassen der Relevanz von Fernsehen, Radio und Print als zentralen Informationsmedien sterben die Strukturen einer reinen Sender-Empfänger-Kommunikation langsam aber sicher ab. Jede neue mediale Iteration hat schnellere Feedback-Zyklen möglich gemacht, bis wir bereits mit dem Web in einer Fast-Echtzeit-Reaktanz angekommen sind. Das «Internet der Dinge» wird die Gesellschaft tiefer spalten als jeder andere Sprung zuvor – in Mitmacher und Verweigerer, in Datenpreisgeber und Intimsphärenschützer, in Stoiker und Springer. Und weil alte Medien nicht sterben, wird es weiterhin Printanzeigen und Bücher geben, Plakate (wenn auch als animierte Displays), und natürlich auch Websites, die statisch sind, die nicht wachsen oder mutieren – und die vor allem alles immer schon besser wissen als ihre Besucher. Ob sie dem Modell eines Bundesbahn-Fahrplans oder dem eines TV-Senders folgen, solche Sites dürften und dürfen auch gerne aussterben. Emergieren und entfalten mögen sich hoffentlich Modelle, die zum Mitmachen, Mitspielen, Miterzählen einladen – Designs, die ein Lagerfeuer im Wald anzünden und auf Gäste warten und bei denen der glaubhafte Spaß an der eigenen Sache greifbar wird.

Eintauchen, auftauchen, Beute mitbringen, zubereiten und dann teilen – das jahrhundertealte Prinzip aller guten Geschichtenerzähler wird in Zukunft die Designwelt bestimmen. Weg vom Oberflächenaffekt, dem Crack-Hit der Designszene, dem schnellen BlingBling, aber auch weg von der kurzatmig schubsenden Manipulation (aber nicht von der Lüge, so sorry – alle guten Stories sind natürlich nicht ganz ehrlich), hin zu einer modernen Form kollektiver Narrationskultur, die wir im Äther gemeinsam formen, verformen und weiterspinnen, reflektieren und permanent modellieren.

Die Zukunft könnte also hoffentlich kaum spannender werden…

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Nachbemerkung: Die Vorsicht-Glas-Texte sind tatsächlich nur lautes Nachdenken über Design und die eigene Arbeit und die Zukunft… meist in einem Rutsch geschrieben und entsprechend ausufernd, ungeordnet, unstrukturiert. Sie sind nicht mit einem echten Essay zu verwechseln, auch wenn es so niedergeschrieben verdächtig danach aussieht – insofern denkt euch am besten ein Gespräch in einer verrauchten Kneipe morgens um sechs als Umfeld, dann stimmt der Ton schon eher. Sie sollen nicht belehren oder besser wissen, auch wenn es manchmal so klingen mag. Und morgen kann ich vehement das Gegenteil behaupten.

7. September 2010 09:44 Uhr. Kategorie Design. Tag , , , , . Keine Antwort.

Analogue Thinking

Auch wenn ich zum Mindmapping inzwischen Omnigraffle auf dem iPad verwende – obwohl das Programm nach wie vor recht buggy ist und wichtige Features fehlen -, ist es doch immer wieder überraschend, wie gut es funktioniert, mit mehreren Leuten einfach mit Zetteln auf einer großen Wand zu arbeiten. Was zu Recht zum etwas belächelten Workshop-Klischee geworden ist, die Arbeit mit Post-Its, funktioniert nach wie vor ausgezeichnet, wenn man eine Story zu entwickeln versucht. Ich kenne nach wie vor kein digitales Mittel, dass so quick and dirty, intuitiv und schnell ist wie die gelben Zettelchen, Ausdrucke, Transparentpapier und und und. Vielleicht, weil man schneller schreiben kann, einfacher verwirft, oder weil die größere Fläche und das haptische Manipulieren das Gehirn eben doch mehr anregen als Vektorboxen schieben, weil das tatsächliche Malen auch für einen Selbst die Visualisierung und Klärung von Gedanken erleichtert, die Ordnung und Inspiration schafft… – es geht wenig über das Malen und Kleben an einer großen Wand, wo man aus Alternativen und Möglichkeite und vielen What-Ifs eben doch schnell ein If-Then konzentrieren kann. Danach geht digital fast alles schneller und besser – festhalten, in Form klopfen, Mindmapping, Projektplanung und und und… aber bisher habe ich (und als bekennender Digitalfreak kann ich fast nur sagen: leider) immer noch keine Software gefunden, die Stift und Papier völlig ersetzt.

2. September 2010 01:08 Uhr. Kategorie Leben. Tag , , , . 2 Antworten.

Stuttgart 21

hd schellnack

Durch die Pressekonferenz am Montag zu Stuttgart 21 – dem von Christoph Ingenhoven (und ursprünglich Frei Otto mit-) entworfenen neuen Stuttgarter unterirdischen Bahnhof, dessen Bauarbeiten Anfang August begannen – und die zum Teil ja heftigen öffentlichen Reaktionen darauf, kommt mir in den Sinn, wie schwer es heute für Architekten und Designer ist, das Neue und vor allem das Nicht-Mittelmäßige, das Nicht-Gewohnte zu kommunizieren. Manche Kommentare zum Bahnhof – bei denen man oft das Gefühl nicht los wird, als würden hier recht viele Dinge, politischer Filz, DB-Geschäftemachereien und eben ein neues Gebäude, das mit all dem letzten Endes nicht ursächlich verbunden ist, sondern nur zum Symbol der Aufregung hochgejazzt wird – machen deutlich, wie sich viele Menschen im Vertrauten und im Bekannten eingerichtet haben. Alles, was diese Tapetenhaftigkeit verändert, wird in Zeiten, in denen ohnehin alles im Flux ist, umso vehementer (und verständlicherweise) angegriffen, oft in einer verwirrenden pseudoökologisch-neokonservativen Haltungsmixtur, in der sich eine greifbare Modernisierungsangst artikuliert.

Ob Elbphilharmonie oder Stuttgart – natürlich ist es falsch, wenn Architekturprojekte zu Bereicherungsmaschinerien für Privatiers und Finanziers, aber auch Baufirmen oder Politikern mutieren… aber dieser Prozess, das inzwischen nahezu jede öffentliche Vergabe einem Labyrinth gleicht, in dem am Ende eben doch egoistische Interessen obsiegen, kennen wir auch vom Autobahnausbau – aber wir würden wegen der Privatisierung von Teilstrecken oder endlosen Baustellen nun doch wohl nicht die Autobahnen als solche in Frage stellen (obwohl das mehr Sinn macht, als einen modernen Bahnhof zu verhindern, finde ich).

Ich war letztens selbst im schönen Stuttgart und konnte sehen, dass der Stadtkern durch die Idee eines unterirdischen, infrastrukturell nahezu unsichtbaren Bahnhof, der urbanen Freiraum schenkt, nur gewinnen kann. Man mag argumentieren, dass diese in ihrer Mitte hochgradig zugebaute Stadt dadurch auch nicht mehr zu retten ist, aber jedes bisschen zählt. Man hat in Essen beim Abriss am Limbecker Platz gut gesehen, wie wunderbar ein großer Freiraum sein kann, eine Lunge, ein Park, ein Ausblick ohne Hochhäuser – bis dann ein großes Shoppingcenter den freien Ausblick nahm und damit erst (unfreiwillig) umso deutlicher machte, wie wichtig ungestörter, ruhiger Blick für eine Großstadt eben ist.

Insofern wirkt es etwas verstörend, wenn eine Mixtur aus «Unser-Dorf-soll-schöner-bleiben»-Haltung und einem etwas falsch verstanden konservativen Ökologismus nun in einer grundlegend anti-modernen Haltung schockgefroren verharrt, wo wir eine Art Zweite/Dritte Moderne nicht nur dringend brauchen, sondern in neuer, weniger dogmatischer Form, doch längst auch ansatzweise deutlich erahnen können. Es wirkt schon verfehlt, wenn ein Architekt, der fast als Pionier einer offenen, sachlichen und zugleich eben doch deutlich am Menschen orientierten Architektur ausgerechnet von den Grünen angegriffen wird, die in der Rolle der reinen Bestandswahrer auch generell eher falsch wirken und mit einer Verhinderungsmentalität auch auf die sinnvollere Mit-Gestaltungsoption verzichten, S21 betont noch mehr zu einem «grüneren», also zukunftstechnologischeren Projekt zu machen.

Wir kennen das selbst als Designer – die Mühsal der Veränderung. Was immer du machst, wenn es einen wirklichen grundlegenden Wandel nicht nur oberflächlich sondern im Denken und Handeln bewirkt, wenn es ungewohnt oder etwas «anders» ist, kannst du darauf wetten, es werden sich Bestandswahrer melden, die ihre Formulare im «gewohnten» Look haben wollen und den (oft auch sehr verständlichen) «Das-war-doch-immer-so-warum-ist-das-jetzt-anders»-Chor anstimmen. Der Clou ist freilich, dass man genau weiß, in zwei Jahren beschweren sich eben die gleichen Leute, wenn das dann erneut «vertraute» neuere Design weiterentwickelt und verändert wird. Es gibt einfach Menschen, denen jede Veränderung, jeder Fortschritt, jede Unsicherheit Angst macht, denen die Mehrarbeit, sich auf neue Prozesse… selbst wenn diese, einmal verarbeitet, unweigerlich vorteilhafter sein mögen… einzulassen, nicht vermittelbar scheint. :-D Erik Spiekermann hat hieran einmal begründet, dass sich das Mittelmaß deshalb so oft durchsetzt (und nicht das «Gute»), weil es am wenigsten begründet werden muss, am leichtesten verstanden wird, weil die Nomenklatura am wenigsten für «schwierige» Ideen kämpfen muss, weil man nichts hat, woran man sich reiben kann. Aber: «Nur wo die Dinge sich reiben, entsteht Glanz» (dank an Karin Schmidt-Friderichs ;-D).

Nun geht es mir weniger um die Frage, ob S21 ein gelungener Entwurf ist – ich persönlich finde, allein die Tatsache, dass so viele Menschen einen doch inzwischen recht alten, durch zig Kompromisse und bürokratische Mühlen gegangenen Ansatz immer noch als «futuristisch» bezeichnen, spricht hier fast für sich, ebenso wie mich eine Architektur anspricht, die uneitel genug ist, sich nahezu unsichtbar zu machen und unter der Erde zu verstecken. Würden wir von Koolhaas, Hadid, Foster oder Libeskind diese Art von Zurückhaltung erwarten dürfen, deren Ästhetik sich fast nur noch technologisch-teleologisch artikuliert, in Form von Lichtaugen, deren Form der Funktionalität folgt, an deren klarer Gestalt sich Designer wie Aicher oder Rams kaum würden reiben können. Obwohl ich die Elbphilharmonie von HdM als «Signature Architecture» durchaus auch sehr mag – das Gebäude ist visuelle aber sicher etwas eitler als S21 -, geht es darum, dass wir Projekte wie Stuttgart oder Hamburg brauchen. Trotz absurder Mehrkosten (die es einzudämmen und zu kontrollieren gilt), trotz aller stets auch richtigen Bedenken. Wir brauchen eine Kultur der Zukunft in unserer Architektur, unserer Technologie, unserem Design – eine Idee von einem «Morgen», auf das unsere Architekten hinbauen, auf die wir Designer zugestalten – in Form von Produkten und Bauten, die die Zukunft vorwegträumen, die eine Fuller-esque Entschlossenheit zum Anderen haben. Das Wichtige an S21 ist nicht ein Lichtschacht oder die Frage, ob man einen alten Bahnhof abreisst oder nicht – sondern der futuristische Gestus, der Mut, nicht eine U-Bahn, sondern einen ganzen Bahnhof unter die Erde zu verlegen, eine komplexe, unsichtbare Maschinerie unter die Stadt zu legen in einem technologischen Zauberstreich der Bevölkerung einen Open Space zurückzugeben, einen Ort zum Flanieren oder Entspannen, und zugleich eine fast magische Aufwertung von Technik zu ermöglichen, die im Endeffekt elegant und leicht zu verschwinden scheint. Aus den ehemaligen Kathedralen der Moderne sind inzwischen Schmuddelorte geworden, Supermärkte mit Gleisanschluss. Und wenn auch S21 auf Dauer sicher eben doch auch wie jeder Bahnhof ganz banal ein Ort für Bäckereien und Drogeriemärkte, Dönerstände und Pissoirs sein dürfte – wer mag bei den Renderings und Zeichnungen aus dem Büro Ingenhoven nicht von einer Zukunft träumen, in der wir umweltfreundlich mit blitzschnellen Zügen sauber und effizient von einem unterirdischen Terminal zum nächsten sausen, ohne die Welt darüber mit Gleisen zu vernarben?

Tatsache ist, wir brauchen solche Objekte des Träumens, die uns ermöglichen, Reisen und Verkehr anders zu denken, die eine an Stanley Kubrick gemahnende Ästhetik in die Profanität des ICE-Alltags suggerieren. Ein Projekt wie S21 – mit allen Fehlern und allen Kompromissen – ist das Versprechen einer Zukunft, in der Bahnfahren sexy ist. Und ebenso wie wir Bike-Designer brauchen, die das Fahrrad zum «coolen» Objekt machen, zum dem Auto vorzuziehenden, besseren Fortbewegungsmittel, so brauchen wir eben auch Architekten, die unterirdische Zukunftswelten denken, in denen Reisen zu einer futuristischen Vision wird. Auch wenn der reale Bahnhof unweigerlich dieser Vision nie gerecht werden kann.

Es ist an dieser Stelle nicht meine Aufgabe, über die komplexe und widersprüchliche Sinn- oder Sinnlosigkeit einer Untertunnelung zu sinnieren, das Thema finde ich auch denkbar langweilig, zumal es die Architektur nicht tangiert. Wer glaubt, ein Architekt könne solche Entscheidungen maßgeblich beeinflussen, sollte überlegen, warum das Büro Ingenhoven seit ewiger Zeit um diesen Bahnhof kämpft – ein Architekt hat denkbar wenig Einfluss auf Entscheidungen eines Bahn- oder Landeschefs. Auch als Designer habe ich bestenfalls indirekt Einfluss auf die Wege, die ein von uns betrautes Unternehmen geht – man kann zureden und einflüstern, inspirieren und anregen, aber man hat keine Macht, man ist ja Dienstleister.

Die Angst, die man haben muss, ist, dass die Kommunen unter der Negativ-PR, wie wir sie in Hamburg und Stuttgart gerade erleben, unter dem Hype von Bürgerbefragungen und Protesten und Pressespektakel in Zukunft falsch reagieren. Richtig wäre, ganzheitlicher und transparenter zu planen und Verfilzungen und Geschäftemacherei zu unterbinden. Falsch wäre, in einer Art Schreckstarre gegenüber der Öffentlichkeit zu verharren und auf stadtplanerischen Mut zu pfeifen. Denn eins muss klar sein: Am Anfang sind meist immer alle dagegen. Es gibt einen Impuls bei den meisten Menschen, der das Neue ablehnt – selbst dann, wenn das «Alte» offenbar kaum noch richtig funktioniert, umso mehr, wenn es noch passabel zu laufen scheint – und lieber in gewohnten Bahnen bleiben möchte.

Wir leben, vereinfacht gesagt, in anti-idealistischen, anti-utopistischen Zeiten. Das ist, gegenüber den Zwanziger Jahren, ein großer Verlust. Man mag sagen, dass aus den großen Utopien jener Zeit die Monster von Stalinismus und Faschismus geboren wurden, aber schaut man sich den Beginn des letzten Jahrhunderts an, ist man verblüfft über die künstlerische und soziale, literarische und musikalische Energie, die sich an der Gegenwart (auf)reibt, die in die wildesten Richtungen gegen die Wirklichkeit fabuliert und weit entfernt ist von dem traurigen Realpolitik-Umgang, den Kultur heute mit der Gesellschaft pflegt. Wir sind eine Welt, in der das kleine Zahnrad wichtiger scheint als der große Wurf, in der das Wort Reform leider einen schlechten Beigeschmack bekommen hat, in der schon die Idee einer anderen Gesellschafts- oder Wirtschaftsorganisation selbst angesichts massiver Wirtschaftskrisen unvorstellbar scheint.

Stuttgart ist das Opfer schlechter Planung und schlechter Öffentlichkeitsarbeit, einer antibürgerlichen Politik, die dafür jetzt wahrscheinlich zurecht das Echo bekommt. Es ist verständlich, den sichtbaren Ausfluss dieser Politik – den Bahnhof – zum Prügelknaben zu machen, aber es ist auch falsch. Die Reaktion der Politik wird sein, weiter business as usual zu machen, weiter hinter verschlossenen Türen zu dealen – aber in Zukunft auf städtebaulichen Mut zu verzichten und auch architektonisch im Kleinklein zu bleiben. Es wird immer und ausnahmslos schwer sein, die Öffentlichkeit von Gebäudeentwürfen à la Morphosis und Sauerbruch Hutton zu überzeugen, so wie es nicht einfach war, die sperrige Ästhetik des Eisenmann-Mahnmal zu kommunizieren. Halbwegs mutige Architektur ist nichts für den kleinsten gemeinsamen Nenner, sie begeistert erst mit etwas Abstand und muss überzeugen dürfen, braucht Zeit. Selbst vernünftige, zukunftsweisende, wenig symbolische Architektur wie die eines Christoph Ingenhoven, der ja eher dazu tendiert, seine Gebäude fast unsichtbar in die Natur einzubetten, sind noch anders genug – futuristisch genug -, um diese Zeit zu brauchen.

Es ist insofern der öffentliche Protest, der selbst wieder unweigerlich den Weg des kleinsten geringen Nenners gehen muss und vereinfacht, der die bestehenden Strukturen nicht hinterfragt, sondern eher verfestigt, Fronten verhärtet, Kommunikation ausbremst. Die eventuelle Verfilzung von Politik und Wirtschaft wird eher nach Wegen suchen, noch verborgener, noch sicherer im Untergrund zu werkeln, ohne negative öffentliche Meinungsäußerungen zu provozieren, bestenfalls werden PR-Profis versuchen, in Zukunft Großprojekte vorzukommunzieren und die Citoyens zu «steuern». So verständlich und richtig der Protest der Bürgerschaft gegen eine Politik ist, die scheinbar entfesselt operiert und dafür selbst infrastrukturellen Unsinn in Kauf nimmt, so falsch ist der Komplettprotest. Wichtiger und zentraler wäre, die aktiven Bürger mehr in die Politik zu bringen, stärker zu involvieren und zu gestaltenden Kräften der Stadt zu machen – sprich, ein anderes Denken über Politik einzufordern anstatt einen Kopfbahnhof. Aber vielleicht ist es einfach einfacher, gegen etwas zu sein, als für etwas. Gegen braucht noch keine Antworten, keine Utopien, keine Ziele, für ist schon deutlich schwieriger. Zentral aber wäre, dass sich Bürger, Politiker, Unternehmen und auch Architekten an einen Tisch setzen und über die Städte, das Zusammenleben von morgen nachdenken. Während der jetzige Protest den Status-Quo zementieren will, nur gegen den Wandel an sich zu sein scheint, wäre es doch deutlich spannender, offene Netzwerke zu spannen, in denen der Jetzt-Zustand hinterfragt, durch das Säurebad der Zukunft gejagt und mit Mut und Energie an der Urbanität von morgen gewerkelt wird. Stuttgart könnte dafür ein guter Einstieg sein, Hamburg ebenso. Wichtig ist, den berechtigten Unmut der Bürger zu etwas Positivem zu formen und die Protestler zu fordern, mehr als nur ein «Nein» zu liefern, sondern eine positive, langfristige, zukunftsgerichtete Energie zu stiften, die uns endlich aus dem postmodernen Permafrost befreit.

Bild: Ingenhoven Architects.

27. August 2010 10:06 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 17 Antworten.

Tod und Spektakel

hd schellnack

Eigentlich wollte ich zum Desaster auf der Loveparade nichts schreiben, weil es in den Medien, Blogs, auf Twitter und Facebook ja genug Meinungen und genug Anklagen gibt. Jenseits von der reinen Schuldfrage, die sich jetzt wahrscheinlich zu einem Kampf zwischen Veranstaltern/Stadt einerseits und Angehörigen der 19 Opfern andererseits entwickeln wird, wenn es um die Frage gibt, ob die Vorbereitung ungenügend war oder individuelles Fehlverhalten vorlag, haben mich ein paar Sachen angesprungen:

Die Abnutzung von «Trauer»
Es ist verblüffend, in welchem Maße eine medial, in Presse und Medien vielfach gespiegelte Anteilnahme öffentlicher Personen sich zumindest für mich persönlich abnutzt. Abgesehen davon, dass man vielleicht unterscheiden muss zwischen dem empathischen allgemeinen Schock über die Un- und Todesfälle auf der Loveparade und der persönlichen, unmittelbaren also eben echten Trauer, weil ein geliebter Mensch gestorben ist, muß man nicht sonderlich zynisch sein, um in den öffentlichen formelhaften Trauerbekundungen vieler Politiker – allen voran der neue Bundespräsident, der hier zumindest unbewußt eine Profilierungsoption zu sehen scheint – einen Hautgout zu finden, weil sie nur die falschen, weil endlos abgegriffene Worte, finden. Die Art und Weise, wie Politiker und Medienfiguren heute zunehmend öffentlich auftreten – stets unangreifbar vorbereitet, geschliffen, gefasst, immer bereit, nie zu sehr bei sich selbst, immer in der Rolle – scheint deplaciert, wenn es doch gerade darum ginge, die Maske abzulegen und Mensch zu sein, nicht Funktion. Dass dies kaum noch gelingt (auch weil jeder Fehlgriff authentischer Trauerbekundung medial und vom politischen Gegner ausgeschlachtet wird und es insofern sicherer ist, die professionelle Hülle gar nicht mehr zu verlassen) und eben auch «Trauer» und «Betroffenheit» in der Öffentlichkeit zu einer Art Kabuki geworden sind, ist die Tragödie in der Tragödie.

Schleichendes Gift vs Schockzustand
Tucholsky wird das Zitat über den Krieg zugesprochen, nach dem der Tod eines Menschen eine Katastrophe sei – Hunderttausend Tote aber, das ist eine Statistik. Auf erschreckende Weise belegt die Duisburger Loveparade diesen resignierten Satz. Die 19 Todesopfer von gestern sind ganz sicher unfassbar… aber sie nehmen sich bescheiden aus gegen die 4152 Menschen, die 2009 auf Deutschlands Straßen im Verkehr ums Leben kamen (und diese Zahl ist ein historischer Tiefstand). Der plötzlich eintretende, unfallartige, unerwartete Tod betrifft und stärker als das schleichende, uhrwerkartige Risiko, das wir eingehen, wenn wir eine Autobahnauffahrt herabfahren. Das ist so schrecklich wie verständlich, der unsichtbare tröpfelnde Tot von fast 5000 Einzelnen bleibt unsichtbarer, 19 Opfer in einem medialen Spektakel sind präsenter. Und dennoch, ohne miteinander aufrechnen zu wollen, was nicht aufgerechnet werden kann: Wer jetzt (als nicht unmittelbar Betroffener) im gehobenen Stammtisch-Reflex nach Verantwortlichen und Konsequenzen ruft, sollte vielleicht zumindest kurz innehalten, darüber nachdenken, dass eben auch Verkehrsopfer Eltern, Kinder, Geschwister oder Geliebte sind und genau so wichtig, nur dass die Zahl der Toten hier über zweihundertmal größer ist. Der Tod einer überschaubaren Zahl von Menschen im Brennglas mag dramatischer erscheinen, aber diese Dramatik – und Dramaturgie – des Todes darf nicht davon ablenken, dass es einen noch viel größeren Wahnwitz gibt als den eines überfüllten Partyevents mit eventuell mangelnden Sicherheitsvorkehrungen. Nur weil etwas medial fokussiert ist und etwas anderes eben nicht, wird das im Schatten liegende nicht weniger real und prekär als das, worauf die Scheinwerfer gerichtet sind.

Schuld
Es ist interessant, dass wir bei keiner Tragödie ohne die Schuldfrage auskommen. Wir brauchen Terroristen bei Anschlägen wie Olympia 1972 oder beim World Trade Center 2001, gegen die man dann konternd einen sehr sichtbaren Krieg führen kann anstelle der realen komplexen und dekadenlange Dynamiken, die irgendwann zu bösen Konsequenzen führen, wir brauchen selbst bei Naturkatastrophen Verantwortliche, und seien es nur die gewählten Politiker, die dann nicht schnell genug reagiert haben oder nicht kompetent genug waren. Und vorgewarnt, gewiss, hat immer irgendwie irgendwer irgendwo – das ist die Norm. Auch vor 9/11 und Katrina wurde selbstverständlich gewarnt. Nur, würde man auf jede Warnung hören und entsprechend reagieren, man wäre völlig paralysiert… schließlich wird auch Wochentakt das Weltende prophezeit und zwar seit Jahrhunderten. Warnungen zu ignorieren, ob im Nachhinein zurecht oder nicht, ist Grundlage jeden Handelns. Tatsache ist aber, dass Schuld ein quasi «antropomorphisches» Konzept ist, wir projizieren auf ein komplexes Feld von Zusammenhängen, die chaotisch zusammenwirken, nachträglich ein Antlitz, eine menschliche Logik, eine nur scheinbar rationale Ordnung von Ursachen und Wirkungen, die am Ende dann den Strohmann des «Verantwortlichen» ergeben. Den gibt es aber meist nicht wirklich.
Im konkreten Fall scheint es ein Gemisch vieler Faktoren zu geben. Ein Veranstalter/Sponsor, der nach einer ausgefallenen Veranstaltung unbedingt 2010 «seinen» Event haben als Werbefaktor wollte, eine Stadt, die sich bitte nicht die gleiche Blöße geben wollte wie das als Spielverderber angegriffene Bochum zuvor, ein Bundesland, das in Rahmen von Ruhr2010 fast atemlos von einem Event zum anderen hastet und dieses eben auch unbedingt in der Rekordschau dabeihaben wollte, Medien, die eben auch noch einen Riesenevent als Partner begleiten/hochjazzen wollten, eine naiv-überforderte Behördenschaft mit blindem Optimismus gegenüber der Handhabbarkeit von Besucherzahlen und Menschenmenge, mit der Duisburg realiter wohl eher unerfahren sein dürfte – und nicht zuletzt auch die Besucher selbst, deren persönlicher Rausch-Hedonismus im Aggregat der Masse unvermittelt schnell den Charakter zum unkontrollierbaren Moloch wechseln kann, wo jeder potentiell Täter und Opfer zugleich ist, ohne dies wirklich zu wollen.

Dennoch suchen wir jetzt den einen Spieler, der am Ende in der Public Relation die meisten Fehler macht und medial so schlecht dasteht, dass er den Schwarzen Peter in den Händen behalten wird und den Zorn und die Trauer der Hinterbliebenen auf sich zieht. Die Stadt und der Veranstalter haben bei der gerade gelaufenen Pressekonferenz bereits so viele Fehler gemacht, dass jeder PR-Berater verzweifeln dürfte, ehrliche und überzeugende Krisenkommunikation sieht anders aus. So oder so bringt ein «Schuldiger» aber niemanden zurück ins Leben… und die Suche nach einzelnen «verantwortlichen» Individuen verschleiert nur das systemische Problem der Großveranstaltungen.

Spektakel
Ein Event, das an seiner eigenen Größe spürbar zusammenbricht, ist geradezu sinnbildlich für unser Zeitalter des «Zuviel». Wir leben in einer Gesellschatft, in der «Feiern» immer mehr zu einem Massenphänomen wird, das Bedürfnis, große Gefühle in der großen Masse zu teilen, ist enorm. Millionen von Besuchern – das sind Zahlen, die nicht nur Veranstalter wollen, um Umsatz und Sponsoring/Werbeeinnahmen zu realisieren, das sind vor allem die Zahlen, die die Medien anlocken und Berichterstattung, Platz in den Zeitungen, Zeit in Radio und TV, bringen, das vielleicht höchste aller Güter – Aufmerksamkeit – generieren. Und so wird heute ein Massenspektakel an das andere gereiht, der nächste, noch extremere Kick liegt immer um die nächste Ecke. Allein im Ruhrgebiet waren da binnen einer Woche die A-40-Still-Leben-Aktion mit bis zu drei Millionen Besuchern, Bochum Total mit (an drei Tagen) einer Million und jetzt Duisburg mit – je nach Quelle – 150.000 bis 1,5 Millionen Besuchern. Abgesehen von der Frage, wie eine relativ kleine und nicht finanzstarke Stadt wie Duisburg logistisch eigentlich binnen sieben Tagen zwei solche Massenveranstaltungen erfolgreich managen wollte, wird hier deutlich, dass unsere Sucht nach Spektakel, nach Hyperventilation im Massenrausch, wie jede Sucht auch ihren Preis hat.
Es wäre vielleicht klug – auch wenn diese Hoffnung sich wahrscheinlich als zu optimistisch herausstellen wird – wenn man Duisburg als Anlass nimmt, über Megaevents und ihren Sinn als Ganzes nachzudenken. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei diesen Riesenstrukturen etwas schiefgeht, ist fest mit eingebaut und enorm hoch, zumal Herdentrieb, Alkohol und andere Faktoren die Besuchermasse zusätzlich unberechenbar macht. Es ist eher Glück, wenn bei WM-Halbfinalen, gesperrten Autobahnen oder gigantischen Konzerten nicht mehr passiert – aber Glück ist wie Seife, jedesmal, wenn du es benutzt, wird es etwas weniger.
Ob Architektur, Kunst, Kultur oder Alltag – ein Ausstieg aus dem pornographischen, nach immer mehr Steigerung und Eskalation fordernden System des Spektakels tut not. Das große Event, dass den Einzelnen in die Passivität zwingt, zum Vieh macht, das den Dialog und das wahre Austauschen unmöglich macht und nur das besoffene (in jedem Sinne des Wortes) kybernetischer Aufgehen in der Masse, im Sportpalast-Mob der Neuzeit, ermöglicht, in dem es nur noch um Konsumieren und Ausscheiden zu gehen scheint, um eine tröstende Form von Anonymität in den Schlangen vor Bierwagen und Chemotoiletten, um diese seltsame Vereinzeltheit in der Masse. Vielleicht sollten wir wieder lernen, dass Fußball auch mit 10 Leuten ansehbar ist, dass kleine Konzerte schöner klingen als Sportstadien-Gigs, dass weniger mehr ist. In Duisburg entpuppt sich auch das Scheitern einer hedonistischen Überflussgesellschaft, wie falsch die «großen» Events sind. Lieber in die kleinen Clubs, die versteckten Ausstellungen statt die gehypte Eröffnung, die Tante-Emma-Läden statt der Einkaufszentren gehen. Wenn es einen Schuldigen gibt an den Todesfällen gestern, dann ist es ein System von überproportioniertem Junk, der Partizipation unmöglich macht und der entleerten Langeweile des täglichen Arbeitenmüssens (oder schlimmer, des nicht Arbeitendürfens) nur immer extremere Stimulationen und Eskapismen entgegensetzt. Und ein System, das bei alledem, in dieser ständigen Beschleunigung, der immer härteren Fahrweise, permanent die perfekte Funktion vorgaukelt, dessen Risiken aber unabwägbar sind.

Spektakel im Spiegelkabinett
Die Bank gewinnt immer – und die Bank sind in unserer Zeit die Medien. Die großen Zeitungen, TV-Sender und Radiostationen sind längst als mediale Partner Teil des Systems, das immer bombastischere Zerstreuungsangebote produziert. Sie erreichen hier ihre (jeweiligen) Zielgruppen sowie relativ hohe Auflagen oder Einschaltquoten, eine symbiotische Fusion von Eigenwerbung und Programmfüllung. Ob Kölner Karneval oder Loveparade ist dabei fast egal, dabeisein ist alles. Und wie beim Autorennsport geht bei alldem für die Medien nicht nur um den Sport an sich, sondern auch um das Warten auf das Event im Event – den Moment, in dem ein Formel-I-Wagen aus der Spur reißt, sich überschlägt, Flammen schlägt und es um Leben oder Tod des Fahrers geht. So wie auch ein terroristischer Akt erst zu einem solchen in der medialen Echokammer wird, entsteht auch hier die soziale «Tragödie» aus den individuellen Schicksalen erst durch das immer wieder neue Spiegeln in den Medien, die in immer neuer Iteration die kaum vorhandenen Informationen melken. Augenzeugenberichte, Tweets, Interviews – selten dürfen Medien sich so relevant und «echtzeitig» fühlen wie in der Katastrophe, wenn sie den Hunger nach den letzten Informationen kaum noch schnell genug stillen können, wenn sie tatsächlich gebraucht werden. Auf seltsame, vielleicht unvermeidbare Art werden die Medien so selbst noch in der einfühlsamsten und reflektiertesten Art de Berichterstattung unweigerlich zu Voyeuren/ Vampiren/Profiteuren. Und umgekehrt entsteht erst durch diese geballte Aufmerksamkeit überhaupt erst der «Event», über den weiter zu berichten es sich lohnt, als eine Art kurzlebiges mediales Perpetuum mobile. So selegieren die Medien, was uns berührt und zu Trauer veranlasst, weil sie diese 19 Verstorbenen unter das Brennglas ihrer Aufmerksamkeit ziehen, und zugleich vielleicht andere Tragödien anderenorts ausblenden. Erst die Medien machen die persönliche Tragödie zur «Tragödie» auf der gesellschaftlichen Bühne, erst sie schaffen aus den Fakten eine Narration mit Opfern und Tätern, Helden und Schurken. Erst ihre Aufmerksamkeit erzeugt unsere Aufmerksamkeit. Diese Multiplikation mag unbewusst und unabwendbar sein, den Gesetzen des medialen Marktes gehorchen, wirklich gut ist sie beileibe nicht immer. Ob Kachelmann, Bundespräsidentenwahl, Schweinegrippe oder Loveparade – es geht in unseren Medien immer und fast nur noch um den sich selbst fütternden Hype, das Junkfood in der Informationswelt. Was übrigens mit dem Internet eher schlimmer geworden ist, selbst dort, wo Auflagen/Einschaltquoten bzw. Clickrates eigentlich so gar keine Bedeutung mehr haben. Das Ergebnis ist eine mitunter hysterische Hyperfokussierung, eine Echokammer von Empörung und Entrüstung, die das ursprüngliche Quentchen an Information per Hyperlink-Loops verstärkt und verstärkt, bis das Echo wichtiger ist als das Signal.

Am Rande
— Man lernt: Zahlen sind flexibel. Wenn man es als Veranstalter für die Medien und Sponsoring/Werbepartner braucht, kommen zu einer Loveparade eben gern 1,5 Millionen Besucher – jetzt, wo es eher darum geht, eben zu kommunizieren, dass es keine Überfüllung des Loveparade-Areale gegeben hat, spricht man von einem Bruchteil dieser Besucherzahl. Wäre gestern keine Katastrophe passiert, hätte man die Zahl freilich hochgerechnet. Und das beste: Scheinbar weiß es tatsächlich niemand genau – was zugleich auch Angaben über Besucherzahlen in Vorjahren oder bei anderen Massenevents denkbar unglaubwürdig erscheinen lässt. Frei nach dem vermeintlichem Churchill-Bonmot: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.

— Ist es nicht seltsam, dass wir Vergnügen privatisieren – also individuellen Spaß wollen und fordern und auch den Umsatz/nutzen, der mit Partys gemacht wird an private Firmen leiten – die Verantwortung dafür aber weitgehend beim Staat suchen?

— Natürlich stellt Rainer Schaller als Personalunion von Veranstalter und Hauptsponsor die Loveparade ein, sie war eine reine Werbeveranstaltung für sein Unternehmen McFit und der positive Imagetransfer für den Körperkultdiscounter dürfte sich wohl vorerst erledigt haben. Und natürlich ist die Loveparade, wie sie hier stattfand, nicht näherungsweise zu verwechseln mit dem tatsächlichen Berliner Rave-Festival, sondern eine seicht-vulgäre Freiluft-Massenparty mit Klingelkirmestechnomusik für die breite Masse, eine feiste und fratzenhafte Parodie dessen, worum es am Anfang mal ging. Berechenbar wie leicht vulgär ist dabei Matthias Roeinghs (Dr. Mottes) Seitenhieb auf Schaller, der ihm ja «seine» Loveparade komplett abgekauft hat.

— Am Ende, jenseits aller Medien, aller Tweets, aller surrealen Pressekonferenzen, der sirrenden Schuldzuweisungen und den Gründen sind 19 Leute tot, das ist keine «Katastrophe» und keine «Tragödie», wie die Medien es gern formelhaft bezeichnen (siehe oben… und ich ja auch, denn natürlich ist es eben doch eine Tragödie), das sind vor allem 19 ganz individuelle unfassbare Verluste, in Familien, unter Freunden. Das kann man medial nicht aufbereiten und die Trauer der Angehörigen nicht nachempfinden. Aber man kann sich vorstellen, die eigenen Freunde oder Geschwister verloren zu haben, dieses erstickende Gefühl, dass dein Sohn oder deine Tochter nur mal eben weggehen, um etwas in der Sonne zu feiern und nicht mehr, nie mehr, zurückkommen werden. Man kann sich vorstellen, wie es sein muss, wenn ein Lebenspartner sich in der Masse verirrt und du bleibst alleine überlebend zurück, von einer Minute zur nächsten mit deinen ganzen Lebensplänen allein. Oder vielleicht kann man sich das eben auch nicht vorstellen. Dieses Loch kannst du nicht in Worte fassen und die Vorstellung, die man sich selbst davon macht, wird der sprachlosen echten, greifbaren Wirklichkeit wahrscheinlich nicht näherungsweise gerecht.

25. Juli 2010 14:42 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 62 Antworten.

Ist TV-Land abgebrannt?

hd schellnack

Es wirkt in den letzten Monat etwas verzweifelt, wie die TV-Sender ihre Shows canceln und neue Konzepte herankarren und wieder absetzen – eins der neuesten Opfer bei ABC ist beispielsweise David Goyers Flashforward. Die zum Teil aufwendig produzierte offensichtlich langfristiger angelegte Serie, die Lost beerben sollte, endet nicht nach den geplanten drei oder vier Staffeln, sondern inmitten offener Handlungsstränge. Andere Opfer der letzten Zeit gibt es reichlich, die Liste umfasst 35 Sendungen. Darunter zahlreiche Shows, die einige mehr oder minder erfolgreiche Seasons hinter sich haben. Woran liegt dieser Einbruch?

Er zeugt nicht nur von wirtschaftlichen Problemen – Instantshows und Trash-TV sind einfach billiger, selbst American Idol dürfte weniger kosten als ein Pilot einer guten Serie -, sondern auch vom Ende eines TV-Zeitalters (oder zumindest einem sehr gravierenden Umbruch). Während Sendungen wie American Idol (und all die anderen Casting Shows) noch vom Live-Faktor leben, ähnlich wie Sport-Events, vom Mit-Abstimmen oder von dem Informiertsein / Mitredenkönnen am nächsten Tag, funktionieren die relativ komplexen Serien, die auf dem Season-Konzept aufbauen, wie es Twin Peaks (eigentlich die erste Revolution im TV), X-Files oder auch Buffy etabliert haben und das Lost oder Breaking Bad perfektioniert haben, durchaus auch dann gut wenn nicht sogar am besten, wenn man sie in einem Rutsch schaut – also am Ende einer Staffel. Ein Echtzeit-Sehen ist also nicht notwendig. Während einerseits TV-Serien sich in den letzten Jahren als extrem gutes Erzählformat bewiesen haben, gerade weil sie längeres Format haben und differenzierte Charaktere und langfristige Handlungsbögen erlauben (gegenüber der 3-Stunden-Grenze im Kino, das einfach mehr verdichten muss), verlieren diese anspruchsvolleren Formate den «casual viewer», der einfach nur mal ohne große Vorbereitung 45 Minuten etwas Entertainment will. Für diese Gruppe von Zuschauern reicht die Krimifall-der-Woche-Serie, die relativ statische Charaktere durch immer wieder andere, aber selbstähnliche Konstellationen jagt, eine Serie mit der Dichte von Twin Peaks oder Lost dürfte hier eher abschreckend sein und spricht eher eine spezifische Fan-Audience an. Die aber ist zum einen global, meist eher vorm Rechner als vorm Fernseher anzutreffen und zum anderen von der Jetztzeitigkeit des Webs auf «Ungeduld» programmiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Zielgruppe, bei der Hunderttausende von Teilnehmern bei Lost etwa an einem Alternate-Reality-Game online teilnahmen, die finale Staffel überhaupt noch zur Sendezeit im TV schaut, ist mehr als gering. Die Einschaltquoten von Lost liegen hinter American Idol, und dennoch ist es die meist heruntergeladene Serie weltweit im Moment. Nur hilft das ABC wenig.

Solange die Sender solche «Mythos»-Serien aber weiter nach Einschaltquoten und Nielsen-Ratings beurteilen, werden diese Fanbase-orientierten Serien scheitern, da die TV-Entscheider einen zentralen Paradigmenwechsel der Konsumgewohnheiten ihrer früheren Zuschauer verpassen. Ein Blick auf die Websites nahezu aller US-Sender verrät, wie hilflos der amerikanische Fernsehmarkt mit dem Fernsehen umgeht. Während im Schatten der Serie Lost eine verwobene und verwirrende Wiki rund um die Serie von Fans betrieben wird, bleibt es bei ABC bei Rückblicken und etwas Flash-Gedöhns. Dabei ist Lost, mit ARG-Ansätzen und J.R. Abrams genereller Tendenz zu multimedialer Verwebung seiner diversen Projekte noch durchaus Leitstern, während andere Serien noch stiefmütterlicher behandelt werden. Für FOX, CBS, ABC und Co ist der Zuschauer immer noch das Pantoffeltier vor dem Fernsehbildschirm – das spiegelt ganz wunderbar akut wieder, wie ungelenk viele andere Branchen mit dem medialen Wechsel der letzten Dekade umgehen. Tatsache ist: von der wahrscheinlich großen globalen (und illegalen) Zuschauerschaft hat eine Serie wie Flashforward oder Dollhouse beim jeweiligen Sender gar nichts – und zwar, weil der Sender diesen Zuschauern keine Chance gibt, gezählt zu werden.

Kurzfristig ist der erste Schritt, auf der eigenen Homepage aktiver zu werden und das Web als Kanal zu begreifen. Ob Werbefinanziert oder gegen (moderate) Bezahlung – die Sender sollten den Download aktueller Folgen und alter ganzer Staffeln anbieten. Warum das ganze Geld nur iTunes geben? Staffelpässe mit Extras, eine solide Betreuung der Serie und der Fanbase, eigene Blogs und Wikis, sind erste Möglichkeiten, sich auf das Web einzustellen. Denn wenn erst Technologien wie WiMax/LTE mobiles Internet auf VDSL-Tempo bringen, sollte man vorbereitet sein – ab diesem Zeitpunkt wird es kein Fernsehen, wie wir es in den letzten Jahrzehnten kannten, mehr geben.

Zugleich birgt dieser Umbruch enormes Potential für die Sender, das sie derzeit verschleudern. Wenn «Mythos»-Serien, zudem weltweit, Fans binden, ergeben sich hier Wertschöpfungsketten, die bisher weitestgehend brach liegen, weil es im engen Fernsehraum zwei Probleme gibt: Sendezeit und Produktionskosten. Ersteres ist im Web non-existent, da jeder Zuschauer sich seine Sachen selbst zusammenstellt. Letzteres ist eine Entwicklungsfrage – es kann keinen Zweifel daran geben, dass die Produktion von Film in den nächsten Jahren unglaublich billiger wird. Noch ist es eine bemerkenswerte Ausnahme, wenn die 5DII für den Dreh eines Staffelfinales eingesetzt wird – aber der Einsatz von preiswerteren digitalen Kameras sowie der Preisverfall bei computergenerierten Effekten dürften die Produktionskosten von Serien deutlich senken. Zumal inzwischen eine Zuschauergeneration heranwächst, der Stars weitestgehend egal sind bzw. die ihre Stars selbst generiert.

Warum also nicht in Zukunft – analog zu Direct-to-DVD – in einem direkt für das Web produzierten Format arbeiten? Warum hier nicht weg von dem System, Serien so lange laufen zu lassen, wie es eben geht… was entweder zu abrupten Absetzungen führt oder – schlimmer noch – im Erfolgsfall zu endlos in die Länge gezogenen Formaten, die längst über ihren eigentlichen Spannungsbogen hinweg künstlich am Leben erhalten werden? Warum das Internet nicht als eigenständiges Medium begreifen und entsprechend arbeiten? Warum, kurz, also nicht Geld mit der globalen Fangemeinschaft von Figuren und Serien verdienen anstatt sich an ein anonymes TV-Publikum mit dem kleinsten geringen Nenner zu verheizen und in endlosen Zugeständnissen an die Marketingleute von Großsendern das Herz der ursprünglichen Geschichte zu verkaufen? Vielleicht hätten wir dann auch wieder mehr als nur Cop- und FBI-Shows (plus Mystery-Element bitte) mit möglichst vielen Explosionen und mehr grandioses Format wie eben Breaking Bad, das in der Tat vergleichsweise preiswert zu produzieren wäre.

Online ergibt sich die Chance, auch mit kleinen, feinen Formaten und einer relativ überschaubaren Zielgruppe langfristig stabile Formate zu etablieren, die unabhängig von Quotendruck trotzdem Geld verdienen – zudem eventuell ohne Druck durch die Werbeindustrie. So ließe sich – was bei Lost ja erstaunlich gut funktioniert hat – ein Vorgehen denken, bei dem die Länge eines Stoffes von vornherein grob festgelegt ist und eine Geschichte in dieser längeren Narrationsform vollendet werden kann, um dann als Gesamtwerk abgeschlossen zu sein. Anfang, Mitte, Ende. Zugleich wären auch Mini-Serien denkbar – wie dereinst von Wild Palms vorgemacht. Der Stoff, die Story bestimmt den Umfang, nicht umgekehrt. Was HBO noch im TV weitgehend erfolgreich vormacht, wird im Web deutlich einfacher und zugleich umfassender realisierbar – nicht nur für die großen Sender, sondern vor allem auch für Kreative selbst. Dave Sim hat vor einigen Dekaden begonnen, das creator-owned-publishing von Comics vorzuleben, das Web und die modernen Produktionstechnologien ermöglicht es jetzt den Autoren, Regisseuren und Machern selbst, mit eigenen Produktionsfirmen als Start-Up zu eigenen Online-Sendern zu mutieren, sei es über Deals mit iTunes oder direkt über die eigene Site. Hier ist die Chance, sich auch im Langformat einer Serie vom Moloch TV zu lösen und – wie im Film – zu einer Trennung von «großen» Produktionsfirmen und «Indies» zu kommen, die die besseren, mutigeren Stoffe mit weniger Budget aber mehr Freiheit realisieren… und wie im Filmbereich dürfte auch hier ein reger Crossover zwischen beiden Bereichen herrschen. Schaut man sich an, dass viele Cash-Cows der Filmindustrie bereits heute ihr Handwerk in TV-Serien erlernt haben, wird einem schnell klar, wie lebhaft sich Film und Indie-Web-Serien gegenseitig befruchten dürften.

Das Seriensterben in den USA bringt eine der wenigen halbwegs nativen Kulturleistungen der USA ins Wanken – die Langzeitnarration in Form von Comics und TV-Serien. Aber tatsächlich ist es kein Aufbruchssignal, über bestehende Kommunikationsstrukturen nachzudenken, bevor die Symptome noch ernsthafter werden. Endlose Casting- und Trash-Shows sind kein Ausweg. Ein Ausweg wäre aber, wenn die Leute, die eine Geschichte zu erzählen haben, sich neuer Wege bemächtigen, diese zu vermitteln. Man stelle sich vor, ein Bryan Fuller, ein JJ Abrams oder ein Joss Whedon würden mit einer guten Crew online loslegen (erste Ansätze gibt es ja inzwischen), ordentlich vorfinanziert, als Crossoverprojekt aus (Web)-Serie, Comic, Merchandise, Film, Buch und und und… um ganz ohne Kompromisse der eigenen Vision folgend im großen Stil Geschichten erzählen zu können. Es wäre die nächste Evolutionstufe – und zugleich die Vorbedingung für den nächsten Schritt, ein vollwertiges, interaktives, dynamisches Erzählmedium, das kollektive Gruppennarration, Einwirken in die Erzählung, also Teilhabe zulässt, eine neue und offene Struktur von Storytelling, die mehrere Enden und Bifurkationen zulässt. Bei Lost ist diese Teilhabe – in Form eines komplexen Dialogs zwischen Autoren und Zuschauern und einer wahren Deutungsorgie von Hinweisen in der Serie – bereits in Gang, die tatsächliche Leistung der Serie ist, dass sie primär nicht mehr an sich unterhält, sondern selbst Anlass zur Unterhaltung schafft, anregt statt abstumpft, kaleidoskopisch statt eindimensional ist – im Grunde ist Lost bereits längst mehr ein Onlinephänomen als eine herkömmliche TV-Serie. Die Frage ist nur, wie man den Enthusiasmus der Fans in Geld umwandeln kann, eine Transformation, die aber nicht mehr über herkömmliche TV-Kanäle funktionieren kann, sondern (auf ganz unterschiedlichen Wegen) perfekt über das Internet (oder als jeweilige Kanal-App fürs iPad usw bzw über einen eigenen Sender-Bereich bei iTunes). Mittelfristig, keine Frage, lassen sich hier Summen verdienen, an die jetzige TV-Serien werbefinanziert nicht heranreichen. Und zugleich lassen sich preiswert kleine Konzepte entwickeln, als «Playground» für den kreativen Talente-Nachwuchs.

Gute Aussichten also, wenn nur jemand endlich den ersten wirklich erfolgreichen Schritt auf den neuen Kontinent machen würde.

Vielleicht sollte David Lynch sich eben doch noch mal an Twin Peaks setzen und ein zweites Mal eine Revolution stiften.

18. Mai 2010 20:07 Uhr. Kategorie Online, Stuff, Technik. Tag , , . 3 Antworten.

Vorsicht Glas 2: Psychologie

Vorsicht Glas ist eine Kolumne von mir bei Design Made in Germany. Die Texte sind meist etwas ausufernde und mäandernde Stream-of-Consciousness geschrieben, Momentaufnahmen eines eigenen Spekulierens und Nachdenkens über Design, über die eigene Arbeit, über unser Arbeitsfeld. Auch wenn sie manchmal so klingen, weil in einem Satz rausgeschrieben und dann eben mit Wucht, wissen die Texte nichts besser, prophezeien nicht wirklich etwas ernsthaft, haben keinen mahnenden Zeigefinger und morgen kann ich alles schon wieder ganz anders sehen – es ist einfach lautes Nachdenken, die Sorte Gerede, die du nachts in verrauchten Räumen hörst. Die Texte erscheinen immer erst bei DMIG und dann erst hier, als Archiv. Da ich gerade am dritten Text sitze (und dabei Patrics Geduld wahnsinnig strapaziere), hier der zweite fürs digitale Gedächtnis:

Neuromarketing

Die Tatsache, dass Design viel mit Psychologie zu tun hat, liegt zunächst auf der Hand. Wer für komplexe Blackbox-Systeme Interfaces gestaltet – ob Straßenschild, Computerbetriebssystem oder Corporate Design – muss sich mit Wahrnehmungspsychologie, Aufmerksamkeitssteuerung, Chancen von Perzeption und Feedback auseinandersetzen, um nicht in Schönheit zu sterben. Gutes Design ist, wenn es funktioniert.

Trotzdem ist Design selbstverständlich keine echte empirische Wissenschaft – einen allzu ernst gemeinten Bogen von Psychologie oder gar Psychoanalyse zum Corporate Design zu schlagen, wäre wahrscheinlich eine Frechheit. Schon bei der berühmten Farbpsychologie merkt man schnell, wie subjektiv die meisten Aussagen oft sind und wie wenig die Ausbildung Designer heute darauf vorbereitet, die neuronale Wirkung gestalterischer Faktoren zu untersuchen. CD ist aber durchaus ein wichtiger Faktor in der Gestationsphase und der späteren Ausdifferenzierung von Unternehmen, und zumindest im küchenpsychologischen Sinne agiert ein gutes Designbüro hier stets auch in einem unternehmensberaterischen Kontext und kann von der angewandten Psychologie entsprechend viel lernen. Nun bedienen wir Designer uns noch selten neurologischen Erkenntnissen und entscheiden graphische Lösungen immer noch intuitiv-ästhetisch, weniger nach dem neusten Stand der Hirnforschung – was sich in den nächsten Jahren vielleicht zunehmend ändern wird. Die Werbebranche beginnt – sich der Orwellschen Implikationen wohl nur halb bewusst – Erfolg und Misserfolg eines Motivs in Zeiten immer kleinerer Aufmerksamkeitschancen nicht nur von Umfragen, sondern eben auch vom Dopamin-/Serotoninspiegel einer Testgruppe abhängig zu machen, um den Kunden zu überzeugen, dass sein Etat gut angelegt ist. Nimmt man eine gute Portion Marketing-Augenwischerei beiseite, bleibt die neurologische Untermauerung von Werbung im Kern vor allem eine Art Hightech-Bebilderung einer alten Erkenntnis: Design wirkt. Gutes Design – von der Schriftwahl bis zur Kampagnen-Visualisierung – schafft Narrationen, die Identifikation stiften sollen. Und wie jedes Buch, jeder Film, jeder gute Song wirkt Design insofern auch unbewusst, im subjektiven Trübwasser von Geschmack, Mode, Erinnerung, Inszenierung. Design ist insofern auch ein ganzheitlicher Prozess, eine zum Kunden (oder zu einem Produkt) passende Geschichte zu erfinden – und diese muss unweigerlich einen psychologischen Aspekt haben.

Story

Neben den zahlreichen visuellen Entscheidungen, die ein Designer trifft – Papier, Veredelung, Farben, Typographie, Proportionen usw. – und die nach wie vor den Mittelpunkt der meisten Studiumsangebote ausmachen, sind wir vor allem im besten Sinne «Storytellers». Die schönste Gestaltung wirkt seelenlos, wenn sie keine Erzählung bieten kann. Unter diesem Aspekt sind Firmen, die sich online preiswert nur ein Logo entwerfen lassen, so schlecht beraten. Sie haben dann am Ende mehr oder minder ein Bildchen – aber wozu? Wo ist die Geschichte? Erst durch einen in aller Regel langjährigen und gemeinsamen Prozess – der oberflächlich betrachtet nicht ganz weit weg ist von einer Art Therapie – erfinden Klient und Designer gemeinsam diese Geschichte, die Identität eines Unternehmens, das an sich ja oft in dieser Hinsicht vorher ein «blank» ist. So wie ein Schauspieler sich nur auf der Leinwand, in seiner Arbeit, erfinden kann – durch die richtigen Rollen – so kann ein Unternehmen nur durch eine konsequente Identität in seiner Außenkommunikation zu einer Geschichte werden, die der Kunde erkennt, mag und deren Fortsetzung er hören will. Weshalb wir ungern von «Branding» reden – das klingt verdächtig schnell und mechanisch, Stempel drauf und fertig, nächste Kuh bitte. Passender ist eher im Kontext einer «Story» zu denken, die langfristig läuft, die atmet und die insgesamt eine Marke erzählt. Und das ist ein im höchsten Maße alltagspsychologischer Prozess, der eine Brücke spannt zwischen dem an sich ja nüchternen Unternehmensziel, Profit zu machen, und den Wünschen der Endkunden, die sich in eine Marke verlieben dürfen wollen.

Gute Werbung und erfolgreiche Design-Ansätze erzählen dabei natürlich keine neuen Geschichten – es ist ein seltsamer Irrglaube, dass gutes Design stets «neu» sein müsse – sondern die richtigen Geschichten, die passenden, die angemessenen. Dabei stellt sich zum einen die Frage, welche Story die Kunden unserer Klienten eventuell hören wollen, denn obwohl die Zielgruppe zur allzu Heiligen Kuh des Marketing geworden ist, sollte man sein Publikum ja nun wirklich aus den Augen verlieren. Zum anderen ist aber die Frage, welchen Film wir als Drehbuchautoren für genau diesen Schauspieler schreiben können. Aus Woody Allen einen Action-Helden machen zu wollen, funktioniert eben nicht. Andererseits war es für Arnold Schwarzeneggers Karriere vielleicht ja essentiell, sich selbst in Komödien parodieren zu können, in seiner Story mehr Facetten als nur den Conan/Terminator-Typus zu entdecken, aus dem rituellen Stereotyp herauszubrechen. Es geht also eben doch um die Anwendung von Entwicklungs- vor allem aber sozialpsychologischen Erkenntnissen im Alltag. Was auch Verantwortung bedeutet, ganz banal weil hier die Chance zu Manipulation und Missbrauch liegt. Wie jeder Autor können wir Designer unsere Kraft der Verführung ehrlich einsetzen und mit besten Absichten handeln – oder wir können lügen und verführen. Da ein Designer allen Vorurteilen zum Trotz mit seiner Arbeit mehr tut als nur mehr oder minder hübsche oder hässliche Schilder und Papiere zu entwerfen, sollte es zur Ausbildung gehören, ein gewisses Maß an Verantwortung für das eigene Tun zu entwickeln. Wie PR-Spezialisten, wie Massenmedien-Autoren, wie eben auch auf der individuellen Ebene die Psychologen, sind wir in einem größeren oder kleineren Ausschnitt der Wirklichkeit daran beteiligt, Meinungen zu bilden, zu (ver)formen, und zu hinterfragen. Für uns gilt insofern der hippokratische Eid, keinen Schaden anzurichten.

Therapie

Womit wir bei einer zweiten Ebene von Design sind. Denn es geht nicht nur darum, eine Geschichte psychologisch gut aufzubereiten und die narrativen Tricks des Unterbewussten zu kennen, Spannung oder Humor, Pathos oder Leidenschaft heraufzubeschwören – es geht auch um die Arbeit an der Substanz, um «Therapie».

Das klingt hochgestochen. Um deshalb gleich die Luft herauszulassen: Designer sind keine klinischen Psychologen, auch wenn viele Design-Firmen ihre Leistung gerne nach mehr klingen lassen möchten und sich selbst fast tiefenpsychologische Kompetenz zusprechen. Kaum ein Designer hat Psychologie studiert und angelesenes Wissen gilt nicht, ein NLP-Buch ersetzt keine Praxiserfahrung. Selbst als Ex-Psychologiestudent würde ich mir niemals anmaßen, ernsthaft einen Kunden oder eine Firma zu «therapieren», das ist auch nicht der Job eines Designers. Dennoch gab es einen Grund, warum ich von der unternehmensberaterischen Laufbahn zum Design gewechselt bin: Design ist angewandte Organisationspsychologie, es wirkt nicht nur als Marketing-Instrument nach außen, sondern kann mittelfristig auch ganz entscheidende Inneneffekte haben, weil wir als Designer Identität und Kommunikation eines Unternehmens prägen – also auch die Motivation der Mitarbeiter, die Führungspsychologie, die Kultur und den Habitus des Ganzen. Wir erreichen das durch die Kumulation oft fast beiläufig wirkender Prozesse – durch die Wahl von Worten und Bildern, über die eine Firma mit Kunden und Mitarbeitern kommuniziert und in denen sie sich selbst definiert. Corporate Design ist für uns deshalb nie ein Prozess, der – was überraschend viele Auftraggeber glauben – aus dem Erstellen einer Wort-/Bildmarke, einer Website und eines Haufen Papiers besteht, sondern wirklich erfolgreich immer nur als enge Zusammenarbeit in der alltäglichen Anwendung denkbar ist, idealerweise also weit über das hinausgeht, was die eigentliche klassische Grafik-Designer-Tätigkeit ist. Aus meiner Sicht liegt hier ein entscheidender Unterschied zwischen dem Grafik-Design alter Prägung und einem Kommunikations-Design, das sich bis heute immer noch sehr gut aus den Ideen und Ansätzen eines Otl Aicher füttern kann und eben die «Lebensprozesse» eines Unternehmens abbildet… und formt. Es ist ein kleinteiliger und langsamer Ansatz, in der viele kleine Texte, viele Bilder, viele Medien irgendwann eine «Gestalt» bilden, eine ganzheitliche Idee, die deutlich mehr als die Summe ihrer einzelnen Elemente darstellt. Die wahre Tätigkeit von Design ist der Versuch, dieses Puzzle zusammen mit dem Klienten – und seinen Mitarbeitern und Kunden – dynamisch zusammenzusetzen.

Gespräch

Überraschenderweise ist gerade dieser Aspekt der Design-Tätigkeit zunehmend schwerer geworden. In einer Zeit von Pitches und von einem zutiefst asymmetrisch gewordenen Verhältnis zwischen Auftraggeber (was schon ganz anders klingt als Klient) und Dienstleister (was schon ganz anders klingt als Berater), in einer Zeit, in der Auftraggeber nur schwer verstehen, dass Design auch Analyse und Zeit zum Nachdenken braucht – und man in 14 Tagen einfach nicht immer eine wirklich gute Lösung entwickeln kann, zumal nicht einseitig in Vorausleistung und ohne jeden Dialog –, in einer Zeit, in der sich die meisten Entscheider darauf versteifen, selbst keine Zeit mehr zu haben, und schon gar nicht für solche Nebensachen wie den gesamten Auftritt und die Kommunikation ihres Unternehmens, ist es schwieriger geworden, einfach ins Gespräch zu kommen. Es ist ein wenig so, als würde ein Klient zum Psychotherapeuten sagen, er solle die Diagnose und Therapie bitte alleine leisten, ohne Anwesenheit des Klienten, und das bitte bis nächsten Dienstag. Was wir für ein Arzt/Patient-Verhältnis bizarr klingt – ebenso wie die Idee, dass ein Patient dem Chirurgen ins Messer greift und die Klinge selbst führt («Ein bisschen mehr rechts oben, danke!») – ist im Verhältnis von Design-Erzeuger zu Design-Abnehmer oft normal geworden.

Als ich mich vor knapp zehn Jahren beim Bochumer Schauspielhaus bewarb, saß ich mit Kaffee und Arbeitsproben mit zwei Leuten auf dem Boden und wir haben uns entspannt unterhalten. Heute wäre in der gleichen Situation eine Beamer-Präsentation, angespannte Nerven, Leistungsdruck und Fütter-mich-Haltung sowie Ermüdungserscheinungen nach zig Präsentationen beim Auftragvergeber, kein Mit- sondern eher ein Gegeneinander. Faktisch so, als würde ein Patient erst einmal zehn Therapeuten showtanzen lassen, bevor er den Mut fasst, sich doch einem davon tatsächlich anzuvertrauen («Ihr Kollege meint, ich sei manisch-depressiv, was haben Sie denn so zu bieten?»). Keine Situation, in der du als Büro noch kontroverse Meinungen vertreten kannst und mit unangenehmen Wahrheiten auftrittst, so nötig das an sich vielleicht wäre, sondern eher eine, in der man von vorneherein defensiv auftritt. Die Idee, sich mit einer Deutschland-sucht-den-Superstar-Casting-Methode den passenden Partner zu suchen, wie in einer Art bizarrem Speed Dating, ist nach wie vor erschreckend. Weniger für uns Designer, wo es eher zu Routine- und Abschleifungsprozessen führen dürfte, sondern aus meiner Sicht primär für den Kunden selbst, der sich so unbewusst, aber quasi systematisch um die Chance eines auf Augenhöhe operierenden externen Partners/Beraters beraubt und Design auf ein «Erledigen» begrenzt. Das mag ein Spiegelbild genereller gesellschaftlicher Zerfallsprozesse sein, ein Analog zur Bindungsangst, das Supermarkt-Syndrom, bloß nichts in den Einkaufswagen zu legen, es könnte ja noch ein besseres Angebot kurz vor der Kasse kommen, Zapping nicht als TV-Konsum, sondern als Lebensparadigma. Schade ist es aber allemal, denn ganz unabhängig von der strukturellen Größe sowohl des Kundenunternehmens als auch des Designbüros – am Ende hängt der Erfolg davon ab, dass eine recht kleine Gruppe von Menschen gemeinsam Innovation und Erfolg will, Veränderung will, eine gemeinsame glaubhafte Gestalt der zukünftigen Form der Unternehmung entwickelt. Und dieser Prozess braucht eben hierarchiefreie, lebendige Kommunikation.

Denn ein Aspekt von Design ist sicher, dass nahezu jedes Unternehmen seine eigenen Komplexe hat – die einen mögen sich notorisch überschätzen, andere haben Minderwertigkeitskomplexe (und man mag argumentieren, dass auch die Größenwahnsinnigen ja nur ihre Komplexe hyperkompensieren). Ein großer Bestandteil der Arbeit ist, die Stimmungslage einer Unternehmung zu sondieren, indem man herumgeht und Meinungen einfängt, Workshops macht oder besser Einzelgespräche, ideal [h1] an der Kaffeemaschine auf dem Flur. Embedded Analysis. Die Ticks und Neurosen des Unternehmens einfangen, das Innenbild verstehen, einfach neugierig sein. Sich fragen, warum etwa ein internationales Untenehmen mit einer überschaubaren Führungsmannschaft von nur fünf Menschen es schafft, dass diese fünf Leute nie persönlich miteinander ins Gespräch kommen, obwohl sie auf der gleichen Etage sitzen. Überlegen, wie man einen Design-Prozess anschieben kann, der das ändert. Wie das Produkt am Ende aussieht, wird dabei fast zweitrangig, zentrales Moment des Designprozesses wird die Änderung der Unternehmenskommunikation an sich, das Entstehen neuer Ideen durch ad-hoc-Gespräche, das Öffnen längst verstopfter Adern, die Motivation, der Erfolg.

Viel davon ist Reden. Reden, überzeugen, immer wieder gegen die intrinsische Müdigkeit von Unternehmen – «So sind wir halt, das kann man nicht ändern» – ankämpfen. Viel davon ist Schamanismus, der Versuch dem Unternehmen eine Art Leben, eine Aura einzuhauchen, ohne dass man diesen Versuch wirklich bis ins Letzte methodisch festlegen könnte (oder sollte). Viel davon ist Liebe – man kann nur gut für ein Unternehmen arbeiten, das man auch mag, an das man glaubt. Und viel davon ist tatsächlich ein psychologischer Ansatz, der Symptome sucht, in Gesprächen analysiert, der Ticks und Neurosen ortet und dann nach einer geeigneten Therapieform sucht. Und die ist nicht eine geprägte und vergoldete Visitenkarte oder ein Geschäftsbericht mit der zigsten lustigen Variation eines Tortendiagramms, sondern eine langfristige Erzählung. Man redet in der Branche gern von «Markenarchitektur» – aber auch das suggeriert einen schnellen und dann abgeschlossenen Prozess. Entwurf, Richtfest, Einweihung, Einzug und Tschüss. Die Verantwortung ist aber idealerweise eine ganz andere, langfristigere, bei der die Designer eben im Zweifelsfall auch das Facility Management machen. Wenn man schon mit den Vergleich mit der Architektur sucht, dann vielleicht eher im städtebaulichen Bereich, wo schon längere Planungszeiträume, Anwohner sowie demographische und finanzielle Veränderungen dafür sorgen, dass das Drehbuch weniger festgeschrieben ist. Die Geschichte einer Marke ist ein lebendiger Prozess über Generationen (und insofern auch über mehrere Designer-Generationen hinweg), eine Art interaktive Erzählung, in der der Autor immer wieder durch Einflüsse von außen vor neue Herausforderungen gestellt wird, weil seine Charaktere und Situationen sich ganz anders entwickeln als vielleicht geplant – Corporate Design ist langsamer, fraktaler und vor allem holographischer als Architektur es jemals sein könnte.

Projektion

Im Idealfall schaffen wir dann als Designer eine Art Rolle, eine Maske, die glaubhaft auf unseren «Darsteller» abgestimmt ist. Es ist nicht das oft zu schlechte Eigenbild des Auftraggeber, aber es ist auch nicht das häufig zu optimistische «So will ich sein»-Bild, diese zumeist nur aus Klischees bestehende Briefing-Projektion, die selbst das naivste Publikum nicht schlucken würde. Ich werde oft bei Sitzungen seltsam angesehen, wenn ich Sätze sage wie «Meine Vorstellung von Ihrer Firma ist…», woher nehme ich die Frechheit, eine Vorstellung einer Firma zu haben, die ich erst seit wenigen Wochen kenne, wenn mein Gegenüber doch schon seit Jahren dort ist? Zumal mein Bild dann vielleicht auch noch von dem abweicht, was der Auftraggeber mühsam in geführten Mitarbeiter-Workshops erarbeitet hat.

Aber natürlich ist das die Chance, sogar das Privileg von Design: Von außen kommen, neugierig sein, basierend auf dem Rohmaterial eine neue, bessere Geschichte erfinden und diese dann gemeinsam ausfeilen. Die Neugier des Außenseiters ermöglicht überhaupt erst die Innovation und den Enthusiasmus, der noch nicht vom Mehltau innerer Strukturprozesse überzogen ist, nicht die Hornhaut von zig Fehlschlägen hat, nicht dieses «Been there, done that…»-Syndrom. Aus diesem Enthusiasmus heraus erwächst eine Story, eine Rolle, in die – mit etwas Zeit und Glück – der Kunde dann tatsächlich hineinwachsen kann. Und sich im Idealfall aus seiner Blockade befreit («Das geht nicht, weil…») und sich wieder entfalten kann.

Und ja, da sind wir beim billigsten Dale-Carnegie-Ansatz von der Macht des positiven Denkens, aber die Praxis gibt dem Ansatz absolut recht: Eine Firma, die sich besser kommuniziert, wird auch besser, das tatsächliche Gesicht kann in die projizierte Maske erfolgreich hineinwachsen. Mitarbeiter, Prozesse, Service und langfristig sogar Produktqualität können einem glaubhaften (d.h. nicht lügenden) Design nach und nach gerecht werden, die Minderwertigkeitskomplexe und Neurosen verschwinden. Aus dem Entlein ist so natürlich kein Schwan geworden, aber eben die bestmögliche Ente. Die Leistung des Designers ist es, den Partner (als abstraktes organisatorisches Konstrukt, aber eben auch die tatsächlichen Entscheider als Personen) zu dieser Projektion eines positiven Bildes zu befähigen, zu enthemmen, zu beflügeln. Es ist die Arbeit von Propheten. Ein positives Zukunftsbild, eine angewandte Science Fiction zu entwickeln, zu dem der im Alltagsgeschäft gefesselte Kunde oft gar keine Zeit mehr hat – und dann die Überzeugungsarbeit zu leisten, die für die selbsterfüllende Prophezeiung nötig ist.

Um dieser Kärrnerarbeit gerecht zu werden, bräuchte es eigentlich eine solide psychologische Vorbereitung im Studium. Wobei natürlich die berechtigte Frage ist, was ein Studium – zudem als Bachelor – denn eigentlich noch alles leisten soll. Auf den Umgang mit spezifischer Software vorbereiten, ästhetisches Fingerspitzengefühl, Handwerk, Innovationshunger, Kulturgeschichte, crossmediales Denken vermitteln und dazu auch noch Betriebswirtschaft und Psychologie trainieren? In einer Zukunft, in der die unreflektierte, rein subjektiv ästhetische Gestaltung wahrscheinlich eher den Amateuren und Hobby-Crowdsourcern überlassen sein wird, in der begründbares, strategisches Design also an Bedeutung gewinnen wird, kann es aber leider gar keine andere Wahl geben. Noch ist es branchenüblich, bei der «Autorenschaft» im Kommunikations-Design an eine visuelle Strategie zu denken, die dem Designer alleinige Obhutschaft über das Aussehen seines Werkes verleiht – aber in Zukunft wird es eben auch darum gehen, als Teil eines «Autorenkollektivs» jenseits der reinen visuellen Oberfläche aktiv zu sein und langfristig an der psychologischen Gestalt eines Klienten mitzuwirken. Wer Kommunikation dann ganzheitlich gestalten will, wird also neben Saville, Brody und HardWerken wahrscheinlich eben auch Adler, Reich, die Perls, vielleicht auch Watzlawik, Mead, Luhmann, Parsons und andere im Regal stehen haben. Und sich nicht ganz zu unrecht als eine Art Kommunikations-Therapeut verstehen.

26. April 2010 15:15 Uhr. Kategorie Design. Tag . 2 Antworten.

Der Beginn der Äthergesellschaft

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Schon wieder der iPad, der nicht nur hier, sondern ja auch auf Twitter gerade monothematisch bei mir ist – aber ich stieß heute morgen auf einen Tweet von Erik Spiekermann, der als Reaktion auf die plötzliche Apple-ist-gefährlicher-als-Google-Welle den iPad als eine Art Fernseher bezeichnet, den man zudem ja durchaus nicht kaufen müssen.

Zum einen werden ihn ganz viele Leute nicht kaufen. Apple gewinnt mit iPod, -Phone und eventuell auch dem -Pad an Boden, ist aber immer noch kein Massenprodukt, einfach von der Preisstruktur her. Es wird billigere Pads geben, die die bei Windows und Linux offeneren Vertriebswege anbieten werden und nicht glorifizierte Verkaufsbuden für iTunes sind. Zum anderen ist tatsächlich beachtenswert, mit welcher Verve Jobs – dem man vielleicht zu Recht unterstellt, hier seinen Abgang von öffentlicher Präsentation bei Apple abgeliefert zu haben – derzeit nahezu jeden großen Namen  seiner Branche disst. Microsoft seit eh und je, aber in der Keynote gab es einen unter die Gürtellinie gehenden Vergleich zwischen dem Kindle und dem iPad, der Bezos sicher nicht glücklich gemacht hat, und kurz darauf erklärt Jobs Google als Böse und Adobe als faul, denen der Umgang mit Carbon und vor allem Flash derzeit auch nicht allzusehr gefallen dürfte. Jobs Schläge gegen HDMI und BluRay bei der MacBook-Präsentation noch frisch in Erinnerung, darf man sich fragen, wie ausgeprägt der Größenwahn in Cupertino inzwischen ausgefallen ist oder ob Jobs und Co nur die These des «Viel Feind, viel Ehr» auf die Spitze treiben wollen. Als Consumer will ich möglichst offene und kompatible Systeme, die miteinander auskommen und austauschbar sind – und Apple driftet, bei aller Genialität der Produkte, langsam aber sicher zurück in die Inselmentalität der 90er. Das ist ganz akut aufgrund der schieren Marktmacht sicher gut durchhaltbar, langfristig aber an sich keine für den Kunden akzeptable Lösung, weil sie immer wieder – uns schon seit Einführung des ersten iPod – zu massiven Interessenkonflikten und absichtlich funktionsbeschnittener Hardware führt.

Zentral ist aber, dass Erik dem iPad vielleicht etwas Unrecht tut, wenn er es als eine Art Mini-TV abtut. Tatsächlich ist das Pad bei allen Mängeln und v1.0-Problemen ein Paradigmenwechsel oder vielmehr die konsequente Deklination des stattgefundenen Wechsels mit dem 3G-iphone, der aber mit dem Pad erst richtig greifbar wird. Bereits mit dem 3G iphone ist das Internet von einem Ort, in dem man sich einloggt, zu einem Äther geworden, der einen permanent umgibt. Mit dem iphone, idealerweise (in der Realität scheitert es am crappy UTMS-Netz), ist man immer bereits im Internet und verlässt es nicht mehr. Man ist immer sozusagen mitten IN Googleville. Dieser Wechsel – ebenso wie der zu einer direkten Interaktion via Touchscreen, was in Sachen Interface ebenfalls ein Quantensprung ist, dessen Konsequenzen noch gar nicht zu Ende gedacht sind -, der so klein und bescheiden in Form eines «Telefons» daherkommt, nimmt mit dem iPad auf dem Sofa und Konferenztisch, aber auch auf dem Küchenschrank und im Bett seinen Platz ein. Der Rechner als solcher existiert nicht mehr – als Idee eines Gerätes, das man einschaltet und gezielt benutzt, um damit zu arbeiten oder sich zu unterhalten. Er wird «überschrieben» durch ein Konvergenzmedium, das always on und always there ist. Alles noch sehr eingeschränkt – selbst bei angeblichen 10 Stunden Batterie – aber die Idee ist da: Ein «Computer», der keiner mehr ist, sondern so selbstverständlich wie eine Armbanduhr wird, so selbstverständlich wie eine elektronische Verlängerung der eigenen organischen Wahrnehmung. Das iPad ist die Vorstufe eines «eingebauten» Internets.

Wobei es – und damit wird eine alte Prophezeiung von mir wahr – das Web mit dem iPad in seiner bisherigen Form auch nicht mehr geben wird, oder nicht mehr lang. Aus drei Gründen. a) Erstens werden herkömmliche Homepages an Bedeutung verlieren und funktional ersetzt. Es ist heute eigentlich schon wichtiger, in der Sozialsphäre des Webs präsent zu sein als eine klassische Site zu haben. Facebook, Twitter, Youtube, Myspace, WordPress, Squarespace – das Angebot ist so groß, dass man nicht nur fast kein Webdesign mehr braucht, sondern eigentlich gar keine Homepage mehr. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, zeichnet sich aber ab und wird sich intensivieren, wenn sich die Communties einerseits öffnen, andererseits Massenphänomen werden, ein Netz im Netz. Der geradezu atemberaubende Erfolg von Facebook in den letzten beiden Jahren sollte da für sich sprechen. b) Das Web wird als Konvergenzmedium alle anderen Medien vereinnahmen. TV, Radio, Buch, Theater, Musik – all das wird aus dem Äther kommen. Das Internet wird kein eigenes Medium mehr sein, sondern ein Äther. So wie wir bei Luft auch nicht mehr die molekulare Zusammensetzung hinterfragen, sondern einfach atmen, wird die Trennung im Web von Inhalten, Speichermöglichkeiten, Formaten zunehmend hinfällig werden (aus Usersicht!), es wird einfach nur bedeuten, Information und Medien jederzeit abrufbereit zu haben. c) Wir werden diesen Äther anders wahrnehmen. Das iPad ist der erste Schritt in diese neue Wahrnehmung. Bereits hier und beim iPhone sind die meisten Programme webbasiert und rufen ihren Inhalt quasi verdeckt von Servern ab. Als User aber nimmt man diese Programme – noch durch das mangelnde Multitasking und schlechte Rechenleistung sehr klobig – eher als Sprung zwischen Sendern oder Tätigkeiten wahr, die simultan sein werden, wenn man erst einmal die Power hat alle zentralen Apps gleichzeitig on zu haben. Wir werden also IMMER geocachen, immer Hinweise aus unserer Umwelt kriegen, immer Twittern/Facebooken/Flickrn, und das alles in Echtzeit. (Wenn ich heute höre, dass es Marketingleute gibt, die «Web2.0-Strategien» verkaufen, wird mir seltsam – es wirkt so, als würde jemand eine Strategie zum «Atmen» anbieten und vermarkten. Es gibt kein Web 2.0, es gibt schon gar keine Strategie, es gibt nur den Sprung in eine neue Form, über Kommunikation zu denken, sich loszulassen, sein Leben online abzubilden – und idealerweise non-manipulativ, was all die Strategen gern völlig außer Acht lassen… wer das Web als verlängerte Ladentheke oder interaktivere Visitenkarte begreift, hat’s noch nicht kapiert.)  Wir werden ohne Nachdenken Videoclips schauen, ohne dafür eine App zu starten, warten zu müssen oder ins «Web» zu gehen. Es wird alles einfach aus dem «Äther» eines extrem schnellen kabellosen Funknetzes gezogen werden. Zugleich wird sich die – stetig effektiver werdende – Hardware unseres «Pads» (und das ist hier nur die Metapher für ein Universalgadget, das eine Körper-Web-Schnittstelle darstellt) mit anderer Hardware mehr und mehr verzahnen. Bluetooth, vor allem RFID, und andere kabellose Technologien werden den gesamten Haushalt, unser Auto und natürlich auch den Körper nahtlos verzahnen. Wer jetzt schon sieht, dass eine Fakeware wie SleepCycle ein Verkaufsschlager wird, kan nsich ausmalen, was passiert, wenn iPhone/Pad TATSÄCHLICH physiologische Prozesse abbilden können und sich nachhaltig in unsere Gesundheit einmischen werden. Nike+ und das von Apple vorgestellte Blutdruck-API-Hardwaregerät sind hier nur ein Vorgeschmack. Das iPad ist das Gerät, dass unsere Vorstellung von «Computer» und «Internet» auflöst, zermahlt. Wer jetzt darüber nachdenkt, dass so eine «einfache» Gerätschaft ideal für die Großeltern sei, hat den Clou verstanden – das Pad ist der erste Computer, der relativ leistungsfähig GAR kein Computer mehr ist. Noch ist das Gerät klobig und funktioniert eher wie eine Art Fernbedienung, wo man für jeden «Kanal» (itunes, Facebook, ein Spiel, ein Buch. eine Notiz, ein Film…) einen groben Knopf drücken muss und selbst so ist die schiere Bandbreite der medialen Angebote unfassbar. Der nächste Schritt, nach einer langen Phase der Optimierung, wird sein, auch noch diese Knöpfe wegzulassen, symbiotischer zu werden. Für viele Nutzer, aber sicher für die kommenden Generationen, wird das iPad so selbstverständlich und natürlich sein wie für uns Stift und Papier, und die Frage, was ein «Computer» ist – also das Fremdeln mit der Hardware – wird nicht mehr stattfinden. Jeder iPhone-User wird das bestätigen können, die «Experience» ist ganz anders als die am Rechner, in jeder Hinsicht. Das Pad ist eben genau ein vergrößertes iPhone, aber die zusätzliche Akku/Rechen/Bildschirm-Power dürfte ein Gamechanger sein. For better or worse -  iPhone und -Pad sind einer der drastischsten Paradigmenwechsel seit einigen Dekaden, sicherlich noch so wenig raffiniert wie die erste Lok oder das erste Automobil oder die kruden Flugmaschinen der Wrights. Aber die Idee ist im Raum. Tatsächlich ist der Elefant im Raum so groß, dass Apple ihn nicht wird kontrollieren können. Bereits jetzt werden iPhones gehackt, bereits jetzt lässt sich das sehr gesandboxte OS durch die Nutzung eigener Web-Ressourcen recht weiträumig umfahren. Zugleich ist das iPhone-OS das simpelste Betriebssystem, einfach nur ein minimales Interface für Apps. Es ist fast zu befürchten, dass es so einfach nicht lange bleiben kann – aber bisher ist es an Stabilität kaum zu toppen. Wann habt ihr euer iphone das letzte Mal wirklich AUSGESCHALTET? Das iphone ist der erste Computer, der «always on» und immer dabei ist, aber die kleine Bruttofläche des Bildschirms macht es für viele Dinge unbrauchbar. Ergo das iPad, das auch nur ein Babyschritt zu einer besseren Lösung ist – für Apple aber den langfristigen Abschied vom Desktop-PC einleitet.

Das iPad ist insofern kein glorifizierter Fernseher sondern so eine Art Cargo-Cult-Version der SF-Idee eines symbiotischen Computers, eines wirklich Personal Computers. Womit sich die Kritik, dass das Web – der Äther – zu allwissend, zu intrusiv, zu nah an uns herankommend ist, weitgehend erübrigt. Deine Unterhose weiß auch zu viel über dich – und so intim und privat wie die Unterbekleidung, wie die Luft, die man atmet, wird der «Äther» auch sein. Es wird die komplette Transparenz geben, weswegen wir auch neue Umgangs-Regeln und neue Respektsformen miteinander auch aber auch durch die den Äther vage dominierenden Anbieter untereinander und uns Usern gegenüber werden finden müssen.  Und ja, das klingt natürlich bedrohlich nach Huxley. Und in einer von egoistischen Politikern und Konzernlenkern geführten Welt darf man diese Gefahr nie unterbewerten. Den Prozess aufhalten wird man aber kaum können – hier wären die religiösen Fundamentalisten die letzte Bastion der Antitechnologie – ebenso wenig wie man Feuer oder Rad aus der Weltgeschichte ausradieren hätte können. Die Katze, mit anderen Worten, ist aus dem Sack – und das ehemalige «Internet» wird zum vollwertigen exogenen Körperorgan, zur Sinneswahrnehmung, zum Gedächtniselement, zum Teil unserer gesamten Wahrnehmung von Welt, so wie wir das Lesen über die Jahrhunderte längst als weit über die Informationsaneignung hinausgehendes Paradigma des Denkens, des analytischen Zerlegens und Ordnens von Wirklichkeit, oder auch die Sprache an sich als quasi-fiktionale Brechnung und Greifbarmachung von Welt angenommen haben. Was gerade passiert, mit Ächzen und Gurgeln, ist die Geburt einer neuen Sprache, eines neuen medialen Systems zur Weltaneignung, zum Denken – und der sprunghafte, hypertextuelle Charakter, der so viel kritisiert ist, zeichnet ab, wie sehr wir uns von der Links-Rechts-Oben-Unten-Geradlinigkeit der Gutenberg-Denke verabschieden werden, die ja sogar unsere Wahrnehmung von Zeit und Leben so entscheidend geprägt hat.

Es klingt hochgestochen, weil der iPad natürlich nur ein Symptom ist, wie der VHS-Rekorder oder das Radio oder die Filmkamera nur ein Symptom ist – aber in diesem Jahrhundert beginnt die neue Moderne, die unser gesamtes Denken verändern wird.

4. Februar 2010 08:46 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , . 21 Antworten.

Die nackte Gesellschaft

hd schellnack

Bei der weiteren Lektüre des arg durchwachsenen Schirrmacher-Payback fällt mir auf, dass nicht nur Schirrmacher, sondern auch Spiegel und andere Medien immer wieder den sozialmedialen Exhibitionismus auf Twitter, Facebook, MySpace et al kritisieren – und dabei versäumen, dass dieses Phönomen relativ wenig mit dem Web zu tun hat. Das große Ausziehen hat schließlich schon ordentlich vorher begonnen – auf RTL II, Pro7 und anderen TV-Sendern, in Radioshows, lange vorher in Homestories von Prominenten in der Yellow Press. Letztendlich sind die sozialen Netzwerke, in denen nahezu jeder relativ unverblümt sein mehr oder weniger spannendes Privatleben preisgibt (was ja nun immer noch besser ist als die langweiligen Versuche, Twitter oder Facebook als Marketingplattformen misszuverstehen), nur die konsequente Fortführung eines Prozesses, der seit Dekaden läuft. Der Exhibitionismus hat zunächst natürlich nur und dabei eskalierend Prominente betroffen, die berichtenswert erschienen, deren Leben zugleich auch radikal genug ist, um Auflage damit zu machen. Die Klatschpresse ist dabei fast so alt wie Hollywood – und dank Arztwartezimmern und Friseurlädchen bis heute existent. Ihr TV-Pendant in Sendungen wie Explosiv machte schnell klar, dass der Stoff der Paparazzi lange nicht ausreicht, um den Hunger der vor den Fernsehern verblödenden Konsumenten zu befriedigen. Befeuert vom Erfolg von Radioshows, in denen ganz normale – und meist überraschend unnormale – Menschen ihr Leben und ihre Probleme offenlegen (meist unter dem Deckmantel der «Beratung» und «Hilfe» durch einen Moderator), kam es bereits vor über 15 Jahren zu einer reinen Flut von TV-Shows, in denen nicht Prinzessin Caroline von Monaco, sondern eben die Gisela aus Gelsenkirchen über die Probleme mit der Ehe berichtete. Der simplen Eskalationstechnik des Fernsehens folgen, wurden die Daily Talkshows (dem radikaleren US-Vorbild folgend) bald zu mitteralterlichen Ersatzhandlungen längst verlorengegangener Dorfkultur. Im neuen «Tribe» der TV-Dorfbewohner wurde der Pranger aufgestellt, wurde gebeichtet, wurden Perversionen zur Show gestellt, wurde Mitleid, Verständnis ebenso wie Intoleranz und Haß greifbar. Die Privatsender der 90er wurden eine Art Ersatzkirche, in der – stets durch Casting gefiltert und mit zunehmender Masse der Sendungen eben auch durch die Redaktion manipuliert – die säkularisierte Gesellschaft ihren Hunger auf ritualisierte Handlungen befriedigen konnte. Und nicht zuletzt auch eine ordentliche Portion Voyeurismus – denn warum sollte das Leben eines Kölner Mechanikers nicht genau so spannend sein wie das eines New Yorker Schauspielers? Der bedeutende Switch, der hier stattfindet, ist, dass sich mit der Zeit qua Identifikation auch jeder selbst vorstellen konnte, auf der Plattform des Fernsehens Starqualitäten zu haben – nach dem Motto: Was Zlatko Trpkovski kann, kann ich auch. Die Auswirkungen dieser Enthemmung zeigt die nach den Daily Talks und nach Big Brother einsetzende Flut von Casting-Shows, an denen – geben wir es zu – die Masse der sich öffentlich zum Affen machenden untalentierten Wannabes doch im Kern spannender ist als der tatsächliche Sieger von DSDS. Interessant an den Castings ist die teilweise grandiose Differenz zwischen Selbstbild und Außenbild der Bewerber, die selbst nach desaströsen Jury-Bewertungen noch fast trotzig von sich behaupten, ihren eigenen Weg zu finden – aus der Niederlage ein Rebellentum zu melken verstehen, anstatt ihre Selbstüberschätzung in den Griff zu kriegen und sich mit einem Leben in der grauen Masse abzufinden.

Das Selbstverständnis, etwas besonderes zu sein, Talent zu haben, ist die zwangsläufige Konsequenz eines für heute 20jährige schlicht lebenslangen Bombardements mit Werbebotschaften, die genau diesen Inhalt haben: DU bist besonders (denn du kaufst unser Produkt). Tritt man einen Schritt zurück und hält sich vor Augen, dass eine Welt, in der jeder sich für «special» hält eine Welt voller Mittelmaß und Armseligkeit sein muss, wird schnell deutlich, warum Castingshows und inzwischen auch die meisten B-Promis eher eine unwirkliche, peinliche Berühmtheit haben, oft eher dafür berühmt sind, eben besonders dumm oder besonders dreist zu sein. Anders ist etwa Sido nicht zu erklären. Die Botschaft ist: Wenn du nur laut genug trommelst und dreist genug bist, ist es völlig egal, ob du Talent hast.

Das Web mit dem bösen Zusatz 2.0 bringt das einfach nur auf die nächste Plattform. Die Technologie des Internets gegenüber dem TV oder Radio bedingt, dass jeder selbst zum Sender werden kann. Podcasting, Youtube-Video, Blog, Social Networking – die Hürde eines Castings ist einfach ausgeschaltet, Plattenfirmen und TV-Einschaltquoten spielen keine Rolle mehr. Wenn jemand zeigen will, wie begabt der eigene Papagei Stimmen imitieren kann, ist es kein Problem mehr, das mit der Handykamera binnen kürzester Zeit online zu haben. Und da nahezu jede Webplattform nach der Logik der Freakshow funktioniert und gerade die besonders peinlichen oder schrillen Beiträge höchste virale Wirkung aufweisen, funktioniert das sogar auch noch -  und der Sender, in seinem verbogenen Selbstbild gefangen, wird dadurch in seiner Handlung bestätigt und produziert mehr Futter für sein Publikum… ein perfekter Kreislauf. Ein Star ist insofern inzwischen nicht mehr (nur) der, der besonders beachtenswerte Leistungen erbringt, sondern oft einfach der, der besonders grell und peinlich oder doch zumindest penetrant und hartnäckig ist. Und tatsächlich bringt dieses System immer wieder Phänomene hervor, denen der Crossover in die «alten» Medien wie TV oder Print gelingt, die unterschwellig eben doch noch als die exklusiveren wahrgenommen werden – eben, weil sich dort nicht jeder Zurschaustellen darf und kann, weil also die Aufmerksamkeit knapper und fokussierter ist.

Warhols famous fifteen minutes sind insofern nicht nur längst Wahrheit, sondern längst überholt. Heute ist jeder sein eigener Star, sein eigener Agent, oft auch sein eigenes Publikum. Die Tendenz, das eigene Leben öffentlich zu leben und eine neue virtuelle Art von Bürgerschaft und Öffentlichkeit zu etablieren, ist damit aber nicht allein zu erklären. Neben dem schieren Exhibitionismus/Voyeurismus-Tandem gibt es eben auch eine andere Unternote von Facebook, Twitter und Co.

Diese zweite Funktion ist hauptsächlich durch die Fragmentierung der hypermobilen Gesellschaft zu erklären, in der zugleich Netzwerke – berufliche wie private Seilschaften – zwangsläufig im Gegenzug an Bedeutung gewonnen haben. Diese werden als Tauschsystem auf den Online-Börsen gehandelt und sind tatsächlich zu einer Währung mutiert, bei der viele Follower/Netzwerkangehörige (egal ob echt oder falsch, bekannt oder anonym) in Ruf und sogar Geld verwandelt werden können,  in einer Art Meinungsführerschaft ohne Meinung münden können. So sind Facebook/XING/StudiVZ/ICQ et al nicht nur  eine Möglichkeit, mit eventuell beruflich umgezogenen oder sonst nicht real greifbaren Freunden in Kontakt zu bleiben, sondern zugleich eine Art eBay der Bekanntschaften, inklusive kleinen Fenstern in die jeweiligen Leben, eine Art Monitorraum des sozialen Netzwerkes. Wer ist mit wem zusammen, wem geht es gut oder schlecht, wer macht gerade was – alles jederzeit abrufbar, bis hin zu der Musik, die jemand gerade bei last.fm hört. Neben dem auch hier betriebenen Selbstdarstellertum ist dies tatsächlich eine der bizarren Umstände der modernen Arbeitswelt, in der diejenigen, die überhaupt noch Arbeit haben, schlichtweg zu viel davon haben – und mithilfe von Facebook und Twitter eine Art virtuellen Freundeskreis etablieren und managen können, der handlicher ist als individuelle Mails oder gar Telefonate. Ohne über den qualitativen Verlust oder Gewinn durch diesen Wechsel spekulieren zu wollen, geht es hier in erster Linie um einen Zeitvorteil – und die Folge ist eine auf zeitliche Dauer gesehene «Ausstrahlung» des eigenen Lebens. Aus der Summe einzelner kleiner Äußerungen, Anmerkungen und Kommentare ersteht das Puzzle eines Daseins. Das auch für den Betroffenen selbst rückblickend durchaus spannend sein kann – eine Art Tagebuch, das sich selbst schreibt.

Nun haben Kritiker natürlich recht, dass die Auswertung und Kreuzverbindung all dieser Spurenelemente für kommerzielle Zwecke hochkritisch zu betrachten ist. Profiling ist selbst unter mehr oder minder demokratischen Umständen eine problematische Sache, man mag nicht darüber nachdenken, was eine Diktatur mit all diesen gedankenlosen Ich-Fetzen, die die meisten Menschen im Web hinterlassen und die – einmal gespeichert – nie wieder verschwinden werden, auch nach Dekaden noch detailliert abrufbar, tun würde. Schon heute darf ein 18jähriger darüber nachdenken, ob sein StudiVZ-Profil wirklich richtig für den gewünschten Job im Vorstand bei Volkswagen ist. Und wahrscheinlich gibt es längst ungezählte Menschen, die ihre Social-Media-Aktivitäten auf solche Zielbilder hin betreiben und genau das Profil virtuell betreiben, das zukünftige Arbeitgeber sehen möchten.

Nun ist sicher die Genanalyse das (noch) größere Problem – faszinierend ist aber, dass Schirrmacher und andere Kritiker diesen Trend am Internet festmachen, denn da kommt er nicht her. SMS-Netzwerke und TV-Narzistenplattformen gab es weit vor Web 2.0, das einfach nur die Schleusen weiter öffnet und selbst nur einen Zwischenstand darstellt zu einem Zustand, den vage der (leider recht mäßige) SF-Film «The Final Cut» vorweg nimmt… eine Welt, in der multimedial über einen implantierten das gesamte Leben aufgezeichnet wird und in der die Frage, wer dieses Material eigentlich editiert und wie es editiert wird, zentral ist. Nimmt man die Summe von Google, Evernote, Facebook, Twitter, Flickr, Youtube, last.fm und anderen Plattformen sind wir von einem solchen kompletten «Rememory» nicht mehr weit entfernt. Auf dem Weg in die komplett nackte Gesellschaft stehen wir bereits heute in Unterhose da – und die Frage ist eigentlich nur noch, bei wem sie noch halbwegs über den Knien sitzt und bei wem sie schon an den Fußgelenken hängt.

Schirrmachers Fehler ist, diesen Trend sozusagen schuldhaft an einem medialen Wandel festzumachen. Nicht das Internet ist schuld am Lebensstriptease, es ist umgekehrt vielmehr Ventil, Multiplikator und insofern Werkzeug eines generellen Trends in der (westlichen) Gesellschaft, die Privatsphäre abzuschaffen. Wo in den 80ern noch eine staatliche Volkszählung zum Massenaufstand geführt hat, geben die Leute heute im Radiotalkshows ihre intimsten Details frei und fragen sich (scheinbar) keine Sekunde, ob der Bäcker drei Straßen weiter nicht doch die Stimme und die groben Lebensumstände wiedererkennt und am nächsten Morgen vielleicht etwas seltsam schaut. Dieser Trend zum «Hört her…» steht im auffälligen Kontrast zur (urbanen) Isolierungsstrategie der gegenwärtigen Arbeitswelt, in der man vielleicht täglich mit Leuten aus New York chattet, den eigenen Nachbarn aber kaum mehr kennt, im Kontrast also zu einem gesellschaftlichen Degradationsprozesses, in dem klassische Vernetzungen wie Familie, Nachbarschaft, Religion, Politik, Arbeitsplatz etc. ihre Bedeutung verlieren. Wer Single-Freunde hat und sieht, wie schwer es offenbar ist, in der«echten» Welt ungezwungen andere Leute (nicht nur in romantischer Hinsicht) kennen zu lernen, staunt andererseits über das surreal schnell-beliebige «Add as Friend» von Facebook. Es scheint fast, als fange die virtuelle Welt eine in der Realität verloren gehende Bindungsfunktion auf – anders ist das Aufblühen der verschiedensten Communities, die sich entweder gar nicht mehr über gemeinsame Inhalte oder nur über vageste Hobbys/Zustände von Photographieleidenschaft bis Pro-Ana definieren, kaum zu erklären.

Es ist also nicht so, dass die Menschen aus Beliebigkeit online ihr Leben preisgeben, oder aus schierem Exhibitionismus – es ist vielmehr das Tauschgeschäft einer (emergierenden) neuen Form virtueller Aufmerksamkeit, die (mehr schlecht als recht) die zunehmende öffentliche Unmöglichkeit von Nähe aufzufangen versucht. Der Exhibitionismus ist insofern eine kommunikative Währung – und zugleich eine Form von Multilog, der einen verlorengegangenen öffentlichen Diskurs ersetzt. Die nackte Gesellschaft im Internet ist das surreale, durchaus überzeichnete (weil junge) Pendant zur real-«coolen» Gesellschaft, in der außer Small Talk öffentlich weniger und weniger geht, in der letztlich auch der exogene Druck auf das Individuum immer höher wird und entsprechend die Abkapselung zunimmt. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Menschen da draußen im Alltag zu funktionieren scheinen, um anonym im Internet in irgendwelchen Foren Ängste und Wünsche zu artikulieren, für die es real nicht einmal mehr im engsten Freundeskreis und in der Familie, wo Erwartungen und Rollen dem offenen Diskurs entgegenstünden, kommunikativen Raum gibt. Insofern übersieht, ja verwechselt, Schirrmacher den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung – das Web verursacht den Wunsch nach Transparenz nicht, es artikuliert ihn nur. Und Schirrmacher übersieht zumindest die Chance, aus der Möglichkeit der offenen Kommunikation im Web auch wieder zu erlernen, kommunikative Kompetenz, den Wunsch nach Mitteillung und Austausch, in die non-virtuelle Welt zurückzuübertragen. Die Hoffnung ist also, dass die Gesellschaft irgendwann nicht aus lauter Individuen besteht, die mit Facebook und Twitter ausgestattet vor ihren iphones vereinsamen, sondern dass wir die geknüpften Netzwerke zurück in die Wirklichkeit ziehen können.

24. Januar 2010 14:18 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , , . Keine Antwort.

Mehr Liebe in 6:40 Minuten

hd schellnackDrüben im Fontblog brennt immer noch etwas die Debatte nach Johannes Erlers schönem Designdiskurs-Beitrag. Und die erinnert mich doch extrem an den Sommer 2009 und das Typo-Panel. Da man inzwischen schon etwas bange ist, im FB noch in den Thread weiter mitzuschreiben (obwohl es toll ist, zB Sandys Beiträge zu lesen!!!), und ich Jürgen Sieberts Blog auch nicht unnütz noch mit Bildern und Links zumüllen will, poste ich hier mal kurz meine 20 Pecha-Kucha-Charts von der letzten Typo und hoffe, dass die Nachkommen von Hergé Nachsicht mit mir haben, ich habe die Bilder aus tiefer Zuneigung zu seinen Figuren verwendet :-D.Ich will damit nicht sagen, dass ich in irgendeiner Form eine Idee oder einen Ansatz zu einer Lösung hatte oder hätte, aber irgendwie kann es sinnvoll sein, meine Idee von damals – so vage und wechselnd die ohnehin ist und war – kurz im Notizbuchwerkzeug Blog festzuzurren.

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12. Januar 2010 19:59 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Eine Antwort.

Vorsicht Glas: Just say No

Auch aus der Rubrik«Wir sammeln alte Texte im Blog» ein Text aus der dmig 02, aus der Glosse «Vorsicht Glas», die ich mal so genannt hatte, weil ich bei der Glosse mit ordentlich Scherben rechne :-D. Und um ein Feedback nach der Veröffentlichung gleich vorwegzunehmen: Natürlich sage ich keine Sekunde, dass kleine Firmen kein Erscheinungsbild brauchen, ganz im Gegenteil. es geht eher um Ehrlichkeit, Transparenz und Angemessenheit und darum, dass Design immer mehr zu einem Aufbläh-Werkzeug wird, was schade ist, weil wir Designer so keine Möglichkeit haben, die echte Identität unserer Klientenzu kristallisieren.

Just say no

Corporate Design ist schon eine seltsame Erfindung. Was als strategisches Ausnahme-Werkzeug zur Sicherung von Unternehmensidentität und -kommunikation großer Marken begonnen hat, ist heute ein verwaschener Allroundbegriff geworden – so sehr, dass es uns nicht selten passiert, von einer Ein-Mann-Firma angerufen zu werden, die ein Corporate Design wünscht. Dass heute jedes Unternehmen, aber auch relativ kleine Kultureinrichtungen und sogar der Teehändler um die Ecke nach «seinem» Corporate Design verlangt, zeigt, wie sehr die Vorstellung von der Notwendigkeit einer visuellen Identität offenbar in den Alltagsgebrauch eingegangen ist. Selbst wenn dieses Bild dann vom Neffen mit CorelDraw und funky Display-Schriften aus den Frühachtzigern am Inkjet umgesetzt wird oder man sich sein Logo von Hunderten von Galeeren-Vektorbiegern per Crowdsourcing umsetzen lässt – was von vornherein mit der gewünschten Individualität rein gar nichts zu tun haben kann.

Natürlich braucht die Deutsche Post ein bündiges Erscheinungsbild, das nicht nur die Kommunikationsprozesse des Unternehmens rationalisiert und bündelt, sondern auch ein zukünftiges Eigen-Wunschbild des Unternehmens nach außen kommuniziert und zugleich als Zielmaßstab nach innen projiziert. Natürlich lässt sich die Effizienz von strategischen Kommunikationsmaßnahmen bis ins Detail auch für kleine und mittelständische Unternehmen plausibel belegen. Corporate Design ist wichtig für Firmen, bei denen der persönliche Kontakt durch eine abstraktere, a-individuellere Kommunikation ersetzt wird. Es ist eine Folge der Managerial Revolution, in der die großen Unternehmen die bekannten Gründerköpfe verloren haben, in der man nicht mehr aus dem Bauch heraus wusste, wer denn nun Krupp oder Siemens leitete, in der Macht und Verantwortung im bürokratisch-arbeitsteiligen Geflecht vieler Führungskräfte, die letztendlich ja auch nur Angestellte sind, unverortbar und gesichtslos wurden. Wenn man nicht mehr weiß, wer wie lange warum und mit welchen Werten ein Unternehmen wie die Post führt, und wenn man nicht mehr den stets gleichen Ansprechpartner vor Ort hat ist es gut, sich als Kunde an etwas gelb-schwarzer Farbe und einem Posthorn festhalten zu können.

Aber CD ist kein Wunderheilmittel, und Designagenturen sind keine reisenden Händler, die Zaubertränke im Wilden Westen verkaufen – oder sollten es zumindest nicht sein. Wir alle wissen, dass das schönste Logo umsonst ist, wenn Produktqualität und Service aus Kundenperspektive dieser Versprechung nicht gerecht werden. Wir alle wissen, dass der beste Imageprospekt nicht den Umsatz heben kann, wenn die Innendienst-Verkäufer sich unhöflich am Telefon melden und den potentiellen Kunden eigentlich als Belästigung betrachten. Es ist eine Banalität des Designalltags, dass sich Scheiße ja nur schwer in Gold verwandeln lässt. Im Idealfall sind CD (und vor allem CI) also Chancen, an den Stellen, die eigentlich gar nichts mit Design zu tun haben, als Designer formend mitzuwirken und eine Firma als ganzes mit zu verbessern, demokratisch als Partner mit zu modellieren, mit der Geschäftsführung und den Mitarbeitern gemeinsam den Laden nach vorn zu pushen. Dabei ist es keineswegs so, dass ein Logo und eine neue Hausschrift diesen Prozess ausmachen oder auch nur abbilden, vielmehr sind sie Anlass, vielleicht sogar Ausrede, um Dinge neu zu denken, zu hinterfragen, zu optimieren – und zugleich das Versprechen, dass die Firma sich gibt: In Zukunft sind wir so gut wie unser neuer Auftritt. 
 Es gibt in der Branche immer wieder eine Diskussion, gerade angesichts von Online-Logo-Anbietern, darüber, dass ja schließlich auch Tante Emma mit ihrem kleinen Laden sich ein Logo leisten müssen könnte, ohne gleich zu einem «arroganten und überteuerten Designer» zu gehen. Dieses Argument birgt einen schrecklichen Denkfehler in sich, es erhebt nämlich das ein «Logo» zu etwas, was Identität und Individualität eines kleinen Laden ausmachen kann – und sei es um den Preis, sich die Bildmarke von 300 völlig Fremden gestalten zu lassen. Der Gedanke ist etwa so abwegig wie die Vorstellung, das aus einem anonymen Pitch mit einem austauschbaren Briefing für zehn oder zwanzig Agenturen so etwas wie eine einzigartige «Identität» entstehen kann. Was Tante Emma wirklich braucht, ist vor allem gute Ware und einen netten Service, Persönlichkeit und Qualität eben, und der Laden brummt. Ein Logo ist hier im Grunde völlig überflüssig, weil sie selbst ja die Identität ihres Ladens verkörpert. Es macht keinen Sinn, wenn ein Blumenladen an der Ecke mit der gleichen Logik zu operieren versucht wie Fleurop, zumal Fleurop via Corporate Design nur von der Tatsache ablenkt, dass es eben gar keine Tante Emma mehr vorzuweisen hat, ergo den persönlichen Bezug zum alltäglichen Kunden verloren hat.

Anders gesagt: Ein Laden, der sich kein Corporate Design leisten kann, braucht sehr oft einfach auch gar keins. Wer aber eine Struktur mit mehreren Angestellten und ein anonymeres Vertriebssystem aufweist, für den sind die Investitionen in ein strategisch gut durchdachtes virtuelles «Gesicht» nicht nur tragbar, sondern absolut überlebenswichtig, da sie den persönlichen Auftritt essentiell ersetzen müssen.

Was nun keineswegs heißt, dass kleine und kleinste Kunden kein Design brauchen – schon ein winziges Café oder ein Geschenkeladen kann von gut gemachtem Design durchschlagend profitieren – aber es geht hier weniger um Logo und Visitenkarten als vielmehr um stimmige Medien, die langfristig glaubhaft zu der eben intimen Essenz passen als eine «Corporation» vorzugaukeln. Klein ist sexy, warum sich also größer machen, als man sein müsste und dabei eine der eigenen Stärken – die unmittelbare Kundennähe – verspielen? Einen guten Designer erkennt man insofern heute manchmal auch daran, dass er sich weigert, seine Arbeit zu machen – und einen schlechten daran, dass seine Antwort auf ein Problem darin besteht, einmal gelernte Pattern blind durchzuziehen – Logo, Visitenkarte, Briefbogen, Broschüre, Homepage. Oft geht hier die Idee einer angemessenen, zweckorientierten Lösung schlicht verloren. Ähnlich wie manche Architekten scheinbar auf jedes Problem mit einem neuen Haus reagieren wollen oder Wissenschaftler auf jede Technik-Krise mit noch mehr neuen Erfindungen – auch, wo es manchmal besser wäre, nichts zu tun oder außerhalb der etablierten Muster zu denken – scheinen Designer naturgemäß in Grafik-Design immer die erste Lösung zu sehen, die man semi-vorgefertigt aus der Aktentasche zieht, egal ob der Anlaß es hergibt oder nicht. Da wir uns inzwischen aber alle Kommunikationsdesigner nennen, sollten wir erkennen, dass weniger Design eben oft im Endeffekt mehr Design ist. In einer von mal mehr mal weniger gut gestalteten Marken durchfluteten Welt, die auf phantasievoll-nervige Kunstnamen und poppige Eyecandy-Logos setzen, ist die Aufgabe des Erscheinungsbildners eben auch, einfach einmal «Nein» zu sagen. Nicht jeder Friseurladen muss nach einer globalen Kette, nicht jedes Café nach Starbucks aussehen. In einer Gesellschaft, in der die technischen Werkzeuge von Design digital entfesselt und demokratisiert sind, in der (vor allem schlechtes) Design also Amok läuft, das oberflächliche Styling überhand nimmt, ist es paradoxerweise vielleicht die Aufgabe der Designer, Türsteher im Club des guten Geschmacks zu sein. Und als solcher schüttelt man eben meist den Kopf, wenn da jemand unschicklich auf dicke Hose machen will.

Nach all den Jahren, wo wir Designer versucht haben, Gestaltung durchzudrücken und in der Corporate Design von der Lufthansa bei Uschis Sonnenstudio angekommen zu sein scheint, ist vielleicht die Zeit, dass wir nicht mehr Design brauchen, sondern weniger. Ganz im gesamtgesellschaftlichen Sinne: Wir müssen die Idee des quantitativen Wachstums zugunsten einer qualitativen Entwicklung aufgeben. So wie ein Bugatti-Spoiler an einem Kleinwagen albern wirkt, ist oft auch ein Corporate-Style-Logo an einem kleinen, sympathischen Betrieb eher peinlich, wären Bescheidenheit und Humor und ein solider «Look» ehrlicher und erfolgreicher. Schon Dieter Rams wußte, dass gutes Design so wenig Design wie irgend möglich ist. Selten war das so wahr wie heute.

6. November 2009 18:20 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 6 Antworten.

Kultursymposium NRW: Bilder

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Beim Clownfisch-Kultursymposium am NRW-Tag in Wuppertal ging es trotz etwas chaotischer Umstände ganz wunderbar kreativ und spaßig zur Sache. Bewusst offen gehalten – dem interdisziplinären Anlass entsprechend, aber auch, weil ich glaube, dass man allein über die Definition von «Kunst» trefflich jahrelang streiten kann, geschweige denn über die Schnittstellen verschiedener Bereiche dazu – warfen sich die Designprofis Markus Hanzer, Chris Rehberger und Martin Woodtli die Bälle zu, die von den Kulturprofis Olaf Bargheer und Reinhard Wiesemann sowie dem Architekten Björn Syffus souverän angeschnitten zurückgeflankt wurden. Ich selbst war noch im Urlaubsmodus und etwas vergrippt, aber die auch bewusst als Modus gewählte leicht verpeilte Art (T-Shirt statt Anzug, Bier statt Wasser) passte eigentlich auch sehr schön zum Kunstcluster in den Elba-Hallen und das Ambiente drum herum, wo Improvisation und Humor-trotz-allem an der Tagesordnung standen. Christian Hampe und Beate Blaschczok haben hier aus eigener Initiative und ohne große Fördermittel eine auf 200o Quadratmeter weitgehend überzeugende Ausstellung/Performance organisiert … und das allein zeigt, wie sehr Kunst, Design, Bau, Kultur und all die anderen Kreativberufe von den einzelnen Menschen leben, die etwas bewegen wollen.

Vor etwa 150 Zuschauern haben wir gut zwei Stunden lang durch die verschiedensten Themen gewildert – und genau diese Sprunghaftigkeit kam bei vielen Zuschauern, die nachher zu mir kamen, ganz gut an. Und nur so kann man auch den gebündelten meinungsstarken Talente gerecht werden, zumal alle Themen/Fragen, die ich mir im Vorfeld notiert hatte, auch ganz natürlich und wie selbstverständlich behandelt wurden. Dass es in der Kürze der Zeit nicht tief ins Fleisch der Themen geht – und wir paradoxerweise am wenigsten über Kunst gesprochen haben, vielleicht weil die beiden geladenen Künstler nicht erschienen – tat der kontroversen, vielstimmigen, im Kern aber doch sehr harmonischen Diskussion keinen Abbruch. Allein, dass klar wurde, wie heterogen der subjektive Kunstbegriff unweigerlich ist/sein muss, macht die Sache wertvoll – ganz zu schweigen davon, dass den weitestgehend jungen Zuschauern auch recht vielstimmig ein Bild in die Wirklichkeit von »Kreativwirtschaftlern» und den Widersprüchen, die dieses Leben mit sich bringt, gegeben wurde. Dass das Publikum rund 180 Minuten zugehört und anschließend mitdiskutiert hat, obwohl draußen Sonne und Bier warteten und obwohl es im Kunstcluster unendlich viel zu entdecken gab, ist ein echtes Geschenk und spricht für die Entertainment-Qualität der sechs Gäste.

Olaf hat die Sache eigentlich besser zusammengefasst als ich es je könnte -  insofern bleibt mir noch einmal ein herzlicher Dank an die geduldigen und wunderbaren Gäste für den Talk und einen sehr netten Abend – trotz der wirklich miserablen Musik bei der EinsLive-PlanB-Party :-D.  Jeder der eingeladenen Gäste bedeutet mir aus den verschiedensten Gründen etwas – mit Ausnahme von Olaf, den ich auf begeisterte Empfehlung von Nicole Lohrisch eingeladen habe und der dem vorauseilenden Lob wirklich mehr als nur gerecht wurde -  und ich habe mich sehr gefreut, so unterschiedliche Temperamente nebeneinander versammelt zu sehen und fand hinreissend, wie lebhaft und eben UNkonferenz-ig das Gespräch war. Vielen Dank, Leute!

(weiterlesen …)

4. September 2008 16:54 Uhr. Kategorie Design. Tag , , . 3 Antworten.

/ Soapbox / 05 / Pitch As Pitch Can

hd schellnack

Gerrit berichtet in seinem Weblog gerade von seinen Pitch-Erfahrungen und die übliche Aufregung um das Thema wird spürbar (auch von meiner Seite). Erik Spiekermann, Tibor  Kalman und zahlreiche andere Designer haben sich ausgesprochen deutlich über die Nachteile von Wettbewerben um Aufträge geäußert – aber was sind eure eigenen Erfahrungen?

Ich bin immer hin- und her gerissen bei der Sache. Einerseits sind Wettbewerbe für die Designer völlig neben dem, was sie eigentlich tun, und die Kunden kriegen entsprechend nur frustrierende Dosenware, andererseits kann es ja auch Spaß machen, völlig frei über ein Thema nachzudenken und ohne viel Kommunikation mit dem Kunden einfach mal eine fiktionale Idee zu entwickeln. Ich fand das bei Architekten eigentlich immer sehr reizvoll, wenn ein Team mehr oder minder einfach mal recht frei über einen Bahnhof, Flughafen oder ein Hochhaus nachdenken kann – und die Ergebnisse freier, als sie vielleicht wären, wenn sie im Kundendialog entstehen. Weniger Kompromisse, mehr reines Design. Und es ist ja auch spannend, sich auf ein total neues Thema stürzen zu dürfen, sich einzuarbeiten und es zu durchleuchten.

Neben der Frage, ob ihr grundsätzlich Pro oder Contra Pitch seid, interessieren mich vor allem persönliche Erfahrungen – gute wie schlechte. Wie geht ihr einen Wettbewerb an, wie präsentiert ihr am liebsten, wie sind eure Erlebnisse in diesem Bereich.

Last not least – was sind die Alternativen und wie kommuniziert man sie? Entzieht ihr euch dem Wettbewerbswahn? Macht ihr nur unter bestimmten Bedingungen mit? Was ist eure eigene Lösung im Umgang mit diesem Thema?

Stellt euch auf die Soapbox, meckert oder feiert und sagt eure Meinung. Let’s exchange stories :-D.

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Die Soapbox gibt es jeden Mittwoch – eine Frage zum Bereich Design im weitesten Sinne, um die wir uns hoffentlich wortstark streiten können. Steigt auf die Seifenkiste und sagt eure Meinung in den Kommentaren. Wenn jemand einen Vorschlag für ein Thema hat, freue ich mich drauf: schellnack@nodesign.com.

3. September 2008 11:27 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 3 Antworten.

/ Soapbox / 04 / Sind wir zu Billig?

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Direkt aufbauend auf die Frage, ob wir als Designer organisiert genug sind, folgt natürlich die Frage nach dem Geld, denn darum geht es bei Organisation ja oft.

Design ist zur Massenware geworden – und die meisten Kunden, gerade kleinere Kunden, haben oft das Gefühl, das, was wir machen, eigentlich selbst zu können. Flugs CorelDraw gekauft und losgelegt, noch ein Paket 500-Schriften-für-99-Euro dazu und fertig. Die Geiz-ist-Geil-Mentalität ist längst in unserer Branche angekommen,  in der die Agenturen sich um Etats rangeln und die Drucker ebenso wie Studenten und Rentner ihre Dienste als Mediengestalter anbieten. Während die High-End-Läden noch halbwegs saftige Preise nehmen können von den großen Kunden ist im mittleren und unteren Segment ein blutiger Preiskrieg ausgebrochen – und selbst bei den großen Werbe- und Designagenturen geht längst die Angst um. Nicht ohne Grund war Clemens Schedlers Beitrag zu dem Thema auf der Typo vor ein paar Jahren vielbeachtet und nicht ohne Grund ist es immer wieder ein Thema bei AGD/BDG – Kundenwerbung, Preisverhandlung sind immer wieder bei den Seminarangeboten .

Auf der anderen Seite – soll Design nicht demokratisch sein? Warum sollten wir mehr verdienen als Friseure oder Goldschmiede? Ist es nicht gut, wenn im Konkurrenzdruck die Preise fallen – wir freuen uns ja auch über den Sinkflug von Telefonkosten oder billiger werdende Elektronikgeräte? Warum sollten sich unsere Kunden nicht auch über den gleichen Effekt in der Dienstleistung freuen dürfen? Ist billiges Design in der Wirkung den so viel schlechter als teures?

Was meint ihr? Ist Design austauschbare Billigware? Fühlt ihr euch fair bezahlt? Schaden die Kunden sich mit der Preisdrückerei selbst? Was kann man tun, selbst aber auch als Branche, um den Wert der Ware zu betonen?

Stellt euch auf die Soapbox und lasst in den Kommentaren Dampf ab – raus mit euren Erfahrungen in Verhandlungen.

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Die Soapbox gibt es jeden Mittwoch – eine Frage zum Bereich Design im weitesten Sinne, um die wir uns hoffentlich wortstark streiten können. Steigt auf die Seifenkiste und sagt eure Meinung in den Kommentaren. Wenn jemand einen Vorschlag für ein Thema hat, freue ich mich drauf: schellnack@nodesign.com.

20. August 2008 10:18 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 31 Antworten.

Was treibt Designstudenten an – Leidenschafft, Erfolg oder Geld?

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Wer mich etwas kennt, weiß, dass ich mich langsam mit der Frage beschäftige, was ich nach der Ruhrakademie so als Dozent mache, und da ich an der RA für mich persönlich (und hoffentlich auch für die von mir betreuten Studenten ;-)) sehr viel erreicht habe von dem, was ich dort im Rahmen der Möglichkeiten erreichen konnte und wollte, stellt sich für mich die Frage: What’s next? Insofern denke ich, wenn mal Freizeit ist, viel darüber nach, was Design in Zukunft bedeutet, für Studenten, aber auch gesamtgesellschaftlich und wie man bestimmte Metaziele, die weit über schicke Diplomarbeiten hinausreichen, erreichen kann.

Dazu passend fand ich im Creative-Review-Blog ist eine Gesprächsrunde zwischen 15 Studenten der LCC, ihren Dozenten und Jonathan Ellery festgehalten, die sich um die Zukunftshoffnungen und -ängste von Designstudenten im soziokulturellen Kontext dreht. Klingt nach sehr motivierte, guten Studenten, einem guten Studium, einer gut ausgerichteten Schule. Sehr interessanter Lesestoff über Design im Spannungsfeld von individuellem Ausdruck und Auftragsarbeit. Sehr spannend auch Nina Kleins Ansatz, dass sie lieber in London als in Deutschland Design studierte,weil sie Design nicht als Handwerk, sondern als intellektuelle Herausforderung lernen wollte.

Hier nur einige Auszüge:

The conversation started, as most conversations about design do, with attempts to define graphic design. Is it now even an obsolete term?

There’s beauty and pleasure in designing something as deceptively simple as a letterhead.

The design community needs to understand its influence and effect in socio-political terms

With neither a brief nor a client, how can this work claim to be graphic design

I chose to study in London, rather than Germany because I knew that I would be taught design as an intellect­ual activity and not as a craft, she said. The briefs I’ve worked on have had very few restrictions and rarely dictated a format for the outcome. I’ve learnt to question everything, to develop strong concepts and to communicate these effectively. With my work, I might not end up selling a product but, instead, give someone a new perspective on a subject they might not have considered before

Courses are not really equipping us with the entrepreneurial skills we need to get out there and make things happen

I love that graphic design encourages me to observe the world more carefully drawing me into territories that I don’t know much about. I think this partly explains why design is so unique and why designers always seem so passionate about their work

A solution is successful if it answers the brief – but the client should be just a little scared to use it.

They’ve seen through the self-initiated, egotistical bollocks that wallpaper the pages of some design magazines and crave a sense of purpose to define their work and, there­fore, in a way, their own moral selves

28. Mai 2008 14:18 Uhr. Kategorie Design. Tag , . Eine Antwort.


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