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Chuck Klosterman: The Visible Man

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Chuck Klosterman ist ein Ausnahmeautor und gehört als Kolumnist mit zum scharfsinnigsten, was die US-Presse in Sachen moderne Medien- und Kulturbetrachtung zu bieten hat. In seinem neuen Buch «The Visible Man» versucht er sich erneut als Novellist, mit einem schmalen Bändchen, das aus der Sicht der Psychologin Victoria Vick geschrieben ist, aus deren eMail-Notizen und Gesprachsmitschnitten sich nach und das Protokoll eines seltsamen Patienten mit dem Pseudonym Y_____ hervorschält. Stilistisch greift Klosterman den Sound eines Briefromans aus, nur dass die Briefe eMails sind, die Victoria sich selbst schickt, als kurze Memos, ebenso wie die Einleitung des Buches aus einem Brief an den Verleger besteht, der ein bisschen Foreshadowing betreibt und die grundsätzliche Exposition der Buchstruktur leistet. Schon nach nur 10% des Buches wird der Charme dieser Konstruktion klar, wenn Klosterman Y_____ einen phantastisch Clownwitz erzählen lässt, der in den Notizen der Psychologin völlig auf Grund läuft, weil Victoria den Gag absolut nicht versteht. Spätestens hier wird klar, dass die Dynamik zwischen den beiden Protagonisten doppelbödig und spannend werden dürfte, die zwischen den eMails, Anmerkungen und Einträgen der fiktiven Autorin nur indirekt hervorblitzen kann. Klosterman vergeudet wenig Zeit und bringt effizient die technische und psychologische Basis für den Plot auf den Tisch: Y____ ist ein hochbegabter Wissenschaftler, der anfangs für das Militär und dann im Alleingang einen Tarnanzug entwickelt hat (inspiriert von Dicks «A Scanner Darkly»), den er nutzt, um ungestört das Leben anderer Menschen zu beobachten. Während wir als Leser dieser «Fermate»-artigen Konstruktion sofort folgen können, glaubt Victoria etwas beschränkt an Wahnvorstellungen, und das obwohl selbst in ihrer fiktiven Realität die Möglichkeit eines solchen «Stealth Suit» nicht zu absurd sei sollte. Victoria aber glaubt, ihr Patient habe sich in eine Comic-Phantasiewelt geflüchtet, in der er ein wissenschaftliches Genie und Superspanner ist. Aus der Meta-Perspektive des Lesers ist aber ad hoc sicher, das Y____ wahrscheinlich nicht lügt, sonst gäbe es das Buch ja gar nicht – weder das fiktive von Vick noch das reale von Klosterman… Mit dem Potential, genau mit dieser Gewissheit des Lesers spielen zu können. Dazu kommt, dass Y____ trotz aller Attitude, Wut und Arroganz sofort sympathisch ist. Er ist ein Nerd, vielleicht sogar der ultimative Nerd und seine smarten Beobachtungen, schärfer Humor, nicht zuletzt auch das Musik-Know-how bringen ihn sehr nahe an Klostermans eigenen «Sound». Er ist ein unsicherer, über-selbstreflektierter Stubenhocker, der zu viel über George Harrison nachgedacht hat und vor allem mindestens zehnmal smarter ist als seine Psychologin. Nachdem Vicky eindeutigen Beweis für die Wahrheit der Behauptungen von Y____ hat, stürzt sie entsprechend in eine Sinnkrise – ihr Weltbild als Psychologin lässt nicht zu, dass die Psychosen und Phantasmagorien ihrer Patienten wahr sind. Keine Traumwelten, keine Metaphern für tieferlegende Neurosen, kein Wahn – nur real. Schnell wird deutlich, das Y____ nicht zuletzt ein Vehikel für den Autor ist, um wunderbare Vignetten über die Einsamkeit zu präsentieren, denn der Nicht-unsichtbare-aber-auch-nicht-sichtbare-Mann schleicht sich mit Vorliebe in die Wohnung von Singles und spioniert deren Gewohnheiten wenn sie sich unbeobachtet fühlen aus. Y____ ganzes Dasein scheint in den Dienst dieses High-End-Voyeurismus gestellt, aus dem wir ab dem ersten Drittel Auszüge präsentiert bekommen, phantastische Vignetten, die Klostermans Short-Fiction-Qualitäten unterstreichen und die scheinbar mühelos zugleich berührend und hochkomisch sein können. Ebenso scheinbar beiläufig schmuggelt Klosterman nicht nur Geek-Nuggets ein (die letzte Lost-Staffel, Dick Grayson als Batman), sondern auch smarte kleine und größere Einsichten über die Art und Weise wie unsere Gesellschaft funktioniert, wie Durchschnittlichkeit und Langeweile unser Leben dominieren, wie wir uns öffentlich mit Lügen maskieren, und über allem die Frage, was eigentlich «normal» ist.

Was alles nicht bedeutet, dass es keine Handlung gibt – im Gegenteil. Nach dem mutigen eMail-Briefroman-Anfang wechselt Klosterman zunehmend in eine herkömmliche Erzählform und entwickelt vorsichtig so etwas wie einen Plot zwischen der Psychologin und ihrem Patienten (und ihrem Ehemann John)l komplett mit dem wahrscheinlich seltsamsten Date, das ich seit längerem in einem Buch gelesen habe. Und mit einer unterschwelligen, zunehmenden Bedrohlichkeit, die man vielleicht erwarten darf, wenn ein Mann, der sich unbemerkt in jedes nur beliebige Leben hineinschleichen kann, sich langsam in seine Psychologin verliebt und ihren Mann bedroht. Etwas abrupt wandelt sich das letzte Viertel des Buches in eine Art staubige Twilight-Zone-Episode, die in ihrer Herkömmlichkeit nicht wirklich um brillanten Anfang des Buches passt. Das zu klassische Dénouement unterstreicht ein wenig, wie sehr sich das Buch von dem sehr «anderem» Anfang der eMail-Erzählform nach und nach normalisiert und am Ende ziemlich erwartbar endet. Es wirkt, als habe Klosterman ab der Mitte des Buches Ansgar den Faden oder die Lust oder beides verloren und es einfach nach Strickmuster abgewickelt, was enorm schade ist. Denn der Anfang des Buches und vor allem der Mittelteil mit seinen Vignetten der von Y____ beobachteten Personen ist großartig.

So gut, dass man die ersten 100+ Seiten des Buches binnen kürzester Zeit wegliest, weil man wie Vicky von der Persönlichkeit, den Widersprüchen, den Anti-Charme und der Smartness von Y____ gebannt ist und mehr wissen will, bis Klosterman die Story vor die Mauer fährt und man eine 08/15-Horrorgeschichte geliefert bekommt, die abstruserweise gar nicht so weit weg ist von der Kevin-Bacon-Version von «Invisible Man», also die mit dem Cover versprochene Andersartigkeit zur Vorlage nicht einlöst. Das Ende liefe eben doch nur die Geschichte vom verrückten Wissenschaftler, der einer Frau nachstellt. Ähnlich wie auch Nicholson Bakers «Fermate», nur spürbarer, scheint es auch bei «Visible Man» schwierig. Sich am Ende den Schwung des Anfangs zu bewahren, wenn alles gesagt und getan ist, wenn das Mysterium um den Kern der Geschichte gelüftet ist. Auch die Doppelbödigkeit um die Tatsache, das Vick eine unzuverlässige, weil ihrem Patienten geistig unterlegene Berichterstatterin ist, schwindet spurlos und die Psychaterin wird eine glaubhafte Quelle, über die wir nicht mehr mit Y____ den Kopf schütteln wollen, sondern mit der wir plötzlich mitfühlen sollen. Erst ganz am Ende löst Klosterman das wieder auf, wenn er beschreibt das Vick ihre Beziehung mit ihrem älteren und Intellektuellen Mann viel besser findet, seitdem er im Rollstuhl sitzt, weil er sie jetzt braucht und sie gleichwertiger ist. Da blitzt ganz am Schluss noch eine Prise Boshaftigkeit auf, die das «Happy End» der Victoria Vick bei genauerem Lesen wunderbar vergiftet und die Figur wieder ambivalent für den Leser macht.

Insgesamt ist «The Visible Man» ein hochlesenswertes Buch mit einem furiosen Anfang, einem berauschenden Mittelteil, einem sehr schwachen Ende und einer Coda, die dem Leser noch breit grinsend den Mittelfinger entgegen reckt. Klosterman ist immer dann am besten, wenn er in der Camouflage des Romanciers trotzdem seine normalen Kolumneninhalte über Popkultur und Gesellschaft einflechtet und schwächelt, wenn er versucht, seinen inneren Stephen King von der Leine zu lassen. Hätte das Buch so mutig und anders geendet, wie es beginnt, wäre es herausragend… so ist es «lediglich» hoch lesenswert.

8. Januar 2012 15:51 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Chuck Palahniuk: Damned

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Chuck Palahniuks zwölfter Roman, «Damned», dient laut einem Interview der Verarbeitung des Todes seiner Mutter. Nicht, dass man davon etwas merken würde. Ganz im Gegenteil: der im Stil an Fynns Hallo-Gott-hier-spricht-Anna und Judy Blumes «Are you there God, It’s me, Margaret» erinnernde Text wirkt ebenso zynisch und sperrig wie alle anderen Werke von Palahniuk auch. Wer hier Trauerarbeit sucht, wird nicht fündig.

Highway to Hell
Die 13-jährige Madison, Tochter eines Jet-Set-Ehepaar, das ein wenig an Pitt/Jolie erinnert, gerät in die Hölle, weil sie angeblich an einem Joint gestorben ist (wir finden erst später heraus, woran sie wirklich starb). Die Hölle ist ein Ort, der uns zu uns selbst zurückführt, scheint es, denn hauptsächlich erinnert und Palahniuk hier daran, wie ekelig der menschliche Körper ist – mit Spermaseen, und Fußnägelfeldern. Aufgrund der im Verlauf der Geschichte zunehmend abstrusen Gründe, in die Hölle verbannt zu werden, ist die Hölle gut gefüllt, vor allem auch mit mit zahlreichen Prominenten der Weltgeschichte. Während der Autor im Rückblick mit gewohnt schwarzem Humor entfaltet, wie tragisch das Leben als Kind reicher Eltern offenbar ist, erleben wir zugleich die Abenteuer von Madison in der Hölle, wo sie unter anderem als Callcenter-Mitarbeiterin arbeitet, oder mit einer offensichtlich direkt aus dem «Breakfast Club» entsprungenen Runde von Mitstreitern die Hölle erkundet.

Ding Dong The Witch is Dead
Wie schon in seinem letzten Roman schreibt Palahniuk hier vergleichsweise halbherzig und verlässt sich zu sehr auf die üblichen Gimmicks und Tricks die er in den letzten Jahren als Autor entwickelt hat. Die Phrasierungen und die rhythmische Wiederholung bestimmter Formulierungen, die Schockeffekte, Mindfucks und Wendungen, die in Rückblenden und Zeitsprüngen enthüllte eigentliche Wahrheit hinter dem, was seine Figuren vermuten oder berichten, das gekonnte Spiel mit postmodern-medialen Versatzstücken, die er dem Leser augenzwinkernd hinwirft… wo Palahniuk sich früher als Autor mit jedem neuen Buch neu zu erfinden schien, greift er mit den letzten zwei oder drei Büchern auf eher vertraute Muster zurück.
Auf diese Art wirkt «Damned» passagenweise ein wenig wie auf Autopilot geschrieben. Vielleicht ist aber auch eine verwöhnte Einstellung, von einem Autor immer wieder zu erwarten, dass er seinen Stil mit jedem Buch völlig neu erfindet. Nur weil Palahniuk genau dies bisher über Jahre hinweg sehr erfolgreich gelungen ist, gibt es keinen Grund für ihn, einem einmal gefundenem «Sound» eine Weile lang treu zu bleiben – andere Autoren schließlich ändern ihr Schreibpattern nie. Palahniuk ist – ähnlich wie ganz wenige andere Künstler, Musiker oder Regisseure – ein Autor, bei dem man sich daran gewöhnt hat, dass er sich mit jedem Buch verändert, weiterentwickelt, revolutioniert. Vielleicht ist diese Erwartungshaltung aber zu begraben. Denn es ist ja durchaus gut, wenn ein Künstler nach langer Suche zu «seinem» Stil findet. Das Problem ist nur: Sobald die stilistischen Gimmicks in den Hintergrund treten, wird der Inhalt, die eigentliche Geschichte wieder wichtiger. Und die schwächelt leider bei dem an sich sehr gut lesbaren, amüsant im Stil eines Jugendroman geschriebenen Buchs, ein wenig. Was aber wenig heißt – ein wie nebenbei geschriebener Palahniuk ist immer noch stärker als andere Autoren in ihren besten Werken.

Pretty in Pink
Insbesondere, da Palahniuk keinerlei Angst vor dem Absurden hat und sich umso wohler zu fühlen scheint, je bizarrer die Situationen im Buchverlauf werden. So lässt er Madison kurzerhand den offenbar in der Hölle gelandeten Hitler K.O. schlagen und den vielleicht berühmtesten Oberlippenbart der Welt als Mini-Skalp ergattern, bevor sie auch noch der französischen Königin Caterina de Medici, Vlad den Pfähler, Caliguladen, Blaubart und anderen historischen Übeltätern den Garaus macht. So entpuppt sich «Damned» als post-mortales coming-of-age-Cabaret, in dem die kleine dicke Maddy Spencer wie in einem Videogame Gegner nach Gegner demütigt, Totems sammelt, eine Armee von Hölleninsassen gewinnt und sich zum zwar immer noch nicht schönen aber glitzernd-gefährlichen Schwan mausert. Es ist ein schwarz schillerndes Gegenstück zum normalen Jugendbuch, wo die jungen Helden ja auch immer wieder kleine Aufgaben und Hürden zu meistern haben, um ihre Ziele zu erreichen und eine Crew um sich sammeln – nur hier ist es halt Mord und Totschlag und die Crew besteht aus toten Soldaten und Söldnern Wie ein frischgeborener Dämon vernichtet Madison die alte Garde und schmückt sich ritualistisch mit den Ikonen des alten, rein irdischen Bösen – metatextuell begleitet von ihrer Erkenntnis, dass sie keine Figur in einem Roman ist, keiner festgelegten Narration folgen muss, sondern aus den Ketten ihrer Charakterisierung springen und sich neu erfinden kann in der Hölle… und dabei stets begleitet von den Einflüsterungen des blauhaarige Punks Archer. Und so mutiert Maddy zu einer politischen Kraft in der Hölle, zu einem menschlichen Teufel, der die Horden von Dschingis Khan und Hitler ebenso kommandiert wie die Kranken, die sie nebenbei als Hotline-Telefonistin from Hell davon überzeugt, dass es in der Hölle doch viel spannender sei als im Himmel und dass sie Maddy besuchen sollten, wenn ihre versagenden Nieren oder Hirntumore sie dahinraffen. Und dabei bitte die Süßigkeiten nicht vergessen, die in der Hölle als Währung funktionieren.
Natürlich gibt es am Ende – in bester Palahniuk-Tradition – neben der Enthüllung das wichtige Annahmen des Buches eine Lüge waren, auch einen Wendemoment, der die gesamte Geschichte kippen lässt. Diesmal erinnert die Sache besonders stark an Palahniuks Debüt «Fight Club», und der Autor zieht der im Buch immer wieder von der Hauptfigur beteuerten Unabhängigkeit komplett den Boden unter den Füßen weg, gibt ihr aber auch zugleich eine neue Aufgabe. «Dammed» endet, fast vorhersehbar, damit, dass Madison in den Kampf gegen Satan persönlich zieht und mit den Worten «to be continued».

A Man of Wealth and Taste
Das dünne Buch kommt, wie schon «Tell-All» davor, fast skizzenhaft schnell daher, liest sich einerseits süffig weg, wirkt andererseits frei improvisiert, mit Entwicklungen, die im Nichts enden und Wendungen die genau da her zu kommen scheinen, während Palahniuk seine Melodien und Motive aus der Tastatur herausarbeitet. Eine Tour de Force galligsten Galgenhumors, lässt «Damned» eigentlich kein Thema ungeschoren davonkommen. Religion, die absurde pseudo-grüne Konsum-Weltverbesserei von Maddy Hollywood-Eltern, der Gesundheitsfimmel, Politik – jeder kriegt hier sein Fett weg. Eine zentrale Botschaft aber ist, die Madison mehrfach wiederholt, dass all unsere Bemühungen, zu leben und am Leben zu klammern, vergebens sind, wir enden ohnehin in der Hölle. Egal wie gesund wir uns ernähren, egal wie viel wir joggen und radfahren, egal, wie oft wir uns nach verdächtigen Knötchen abtasten – am Ende kriegt der Tod uns ja doch alle. Und so steckt «Damned» voller wunderbarer Zeilen, Absätze, Gags und spitzzüngiger Abrechnungen und ist ein Paradebeispiel von Palahniuks Technik der Eskalation ins Absurde durch Wiederholung, aber es wird auch sehr deutlich, dass der Autor sich wegentwickelt von herkömmlichen Handlungsstrukturen und «Geschichten» oder gar «Charakteren» (die bei ihm kaum noch mehr als eine Skizze sind) und sich mehr und mehr auf möglichst bizarre Ideen verlässt, über die er frei improvisieren kann. Es gibt keinen zweiten Autor wie Palahniuk, insofern müssen uns die in vieler schmalen Büchlein, die er derzeit herausbringt, reichen, aber ein klein wenig darf man sehnsüchtig nach älteren Werken schauen, die ebenfalls bizarre und wilde Achterbahnfahrten waren, die aber dadurch intensiver wirkten, dass wir noch tatsächlich mit seinen Figuren mitfühlen konnten, weil sie mehr als reine Chiffren waren, die durch eine eher stenographische Handlung stolpern. Es ist vielleicht ein Kompliment, vielleicht auch ein Fluch, wenn man einen genialischen Künstler immer wieder an früheren Werken misst, aber mal ehrlich: Wer denkt nicht bei jedem neuen Radiohead-Album zuerst an «OK Computer» oder «Kid A» im Vergleich, wer wünscht sich nicht, dass das aktuelle Björk-Album doch vielleicht einen Hauch mehr nach «Homogenic» klingt? Was nicht heißt, dass «Damned» nicht komisch, ekelig, fesselnd, ultrasatirisch und durchaus sehr, sehr gut ist – und vielleicht Palahniuks, wenn auch auf verstörende Art, optimistischstes Buch – bleibt also zu hoffen, wenn es auch unwahrscheinlich scheint, dass es wirklich eine Fortsetzung gibt.

20. November 2011 10:55 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Jonathan Safran Foer: Tree of Codes

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Die Idee an sich ist natürlich nicht neu – zahllose Arbeiten haben sich bereits mit dem «Entstellen» von Büchern durch das Ausschneiden von Testpassagen befasst und Brian Dettmers Buchkunst geht eigentlich noch einen bedeutenden Schritt weiter – aber dennoch ist Jonathan Safran Foers «Tree of Codes» ein Buch zur Zeit. Dabei ist es nicht einmal sein Buch – es basiert auf Bruno Schulz «The Street of Crocodiles» (selbst der Titel ist nur ein Cut-Out des Originals)– Foer selbst hat nur durch Weglassen von Textstellen den Kontext der Worte geändert. Diese alte Technik von Textremix durch Wegnahme, durch Reduktion ist wiederum nicht neu, erzeugt aber immer wieder spannende Ergebnisse. Es führt weniger zu einer Komprimierung, zu einer Essenz von Text, sondern mehr von der Prosa zur Lyrik, zu einem schwebenden, fragmentarischen Text, der neue Assoziationen zulässt. Ich habe etwas ähnliches – nicht mit Schere und Papier, sondern digital – vor einem Jahr für ein Saisonheft gemacht, um auf einer zweiten Textebene Songs, Sachtexte und Wikipedia-Artikel zu verfremden, und der Effekt, der durch bloßes Weglassen einen Text verfremdet und auflädt, ist enorm… irgendetwas in unserem Gehirn scheint von den «Löchern» in Text angezogen, aufgefordert, sie mit eigenen Inhalten zu füllen. Es wirkt ähnlich wie der berühmte weiße Kreis auf einem Photo, etwa auf einem Gesicht, der aus einem bloßen Photo ein Geheimnis macht, das wir zu decodieren versuchen. So wie unser Gehirn «weiß», das aus der Rückseite der 6 bei einem Spielwürfel die «1» ist, versucht es auch hier, die weißen Flecken auf der Landkarte selbst zu füllen – und dieses Spiel kann oft spannender sein, als einen Inhalt fertig vorgesetzt zu bekommen. Das Gehirn liebt Assoziationen, Herausforderungen, Spiel und die Notwendigkeit, aus wenig Informationen ein «Ganzes» zusammenzusetzen – und in diesem Sinne ist «Tree of Codes» ein bemerkenswertes Spielzeug.

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So entstehen Sätze wie: «Only a few people noticed the lack of colour as in black-and-white photographs. This was real rather than metaphorical – a colorless sky, an enormous geometry of emptyness…» Hat man sich einmal auf den fragmentarisch-tastenden Sinn der Worte eingelassen, entsteht aus dem Remix ein tatsächlich gut lesbarer Text, der in seiner kurzen, fast atemlos komprimierten Form zudem Lust auf das wahrscheinlich dagegen fast langatmig wirkende Original des polnischen Autors weckt – also durchaus eine ähnliche Funktion erfüllt wie ein Remix in der Musik, wenn ein Starremixer auf einen unbekannten Klassiker »verlinkt». Das Ergebnis ist eine gänzlich andere Geschichte – und durchaus auch literarisch ein interessantes Experiment… denn wo normalerweise ein Buch aus dem Nichts durch Aufschichten entsteht – wie ein Gemälde – ist dieses durch Wegnehmen, Wegschlagen, Abtragen entstanden… eher wie eine Skulptur.

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Zudem ist das Buch natürlich wunderbar sperrig. Es wird sich wohl kaum übersetzen lassen, ohne die Idee zu zerstören, es eignet sich nicht als Audiobuch, es eignet sich nicht für iBooks (außer evtl durch Schwärzungen), Kindle und Co. Es ist ein seltsames letztes Aufbegehren, das Buch als Objekt in dieser Form zu feiern, als physikalischen Ort von Worten, an die man Hand bzw. Schere anlegen kann, als Ort von Eselsohren und Randnotizen, mit dem spezifischen Gewicht, Geruch, mit einer vorgegebenen Schriftart, mit dem rauhen Werkdruckpapier, mit einem kunstvollen Cover, mit also der ganzen magischen «Gestalt» eben eines Buches… alles Dinge, die ein iPad nicht näherungsweise simulieren kann oder soll, auch wenn es durchaus Ansätze gibt. . «Tree of Codes» ist insofern auch ein Statement – ein Plädoyer für das Analoge, das Zerfallende, für das Fragile. Der Clou, das das individuelle Zerschnippeln von Papier natürlich bei einer Massenauflage zu einem aufwendigem Produktionsprozess führt, der das Buch alles andere als «nostalgisch» macht, sondern eher zu einem Stück High-Tech-Magie, ist dabei für den einzelnen Leser vielleicht sogar nebensächlich – der Leser darf sich in der Illusion wähnen, Safran Foer persönlich habe dieses Exemplar zerschnitten, jedes Buch ein einzelnes Werk. Es ist nicht wahr, aber es ist eine großartige Lüge.

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Das Ergebnis ist ein seltsames Buch-Objekt, das zugleich Kurzgeschichte, literarisches Experiment und Meta-Statement über Bücher an sich abgibt. Es ist wundervoll anzuschauen, es ist ein wenig anstrengend zu lesen – obgleich gerade durch das Abrutschen in eine tiefere Seitenebene mitunter neue spannende Kontexte entstehen, glückliche Mißverständnisse sozusagen -, und es erinnert uns in seiner ausgeschlachteten Form wie zerbrechlich Papier als Kulturträger eigentlich ist. Bei aller Liebe zum eReading ist es insofern eine schöne Erinnerung daran, dass uns Bücher auf Papier, diese aus Bäumen entstandenen Codeansammlungen, hoffentlich noch eine lange Zeit erhalten bleiben.

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12. Juni 2011 09:28 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . 3 Antworten.

Steve Martin: An Object of Beauty

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Musiker, Schauspieler, Comedian und offenbar Kunstsammler – Steve Martin ist scheinbar ein Multitalent und hat sich als solches ein großes Thema mit seinem 2010er Roman «An Object of Beauty» vorgenommen: die Kunst und den Kunstmarkt. Eingewickelt in einen verfilmungsfreundlichen Plot rund um Lacey Yeager, an deren Seite wir die New Yorker Up- und Downtown-Kunstszene der 90er und 00er Jahre durchlaufen, von Sotheby’s über den internationalen Kunstmarkt bis hin zur eigenen Galerie. Lacey ist eine Art moderne Holly Golightly, smart, etwas weniger wirsch als Capote’s Figur, sexuell klarer karriereorientiert, eins dieser Up-and-Coming-Mädchen, die es in New York zuhauf gibt und die eine pinkfarbene Version des amerikanischen Traums mit einer guten Prise Sitcom vermengt. Es wäre etwas gemein zu sagen, «Object of Beauty» ist Sex&The City in der Kunstwelt, und auch nicht ganz zutreffend, aber eben auch nicht ganz falsch. Die Rahmenhandlung, die auch fast beiläufig geschrieben wirkt, niemals wirklich so etwas wie eine greifbare Richtung entwickelt und erratisch über die Jahre zu springen scheint, dient Martin aber auch nur als Ausrede, über Kunst im Allgemeinen, die Kunstszene im Speziellen und ausgesuchte Künstler im Oberbesonderen zu fabulieren. Lacey ist sozusagen nur ein McGuffin, dem wir nachjagen, um in die verschiedenen Aspekte der Kunstwelt einzutauchen, von den geweihten Hallen des Auktionshauses, in dem Kunst zum Geschäft wird bis hin zur «Contemporary» Szene, wo nie ganz klar ist, ob man Kunst oder einen kryptischen Witz für Eigeweihte vor sich hat, und wo das Sammeln zum Hochrisikosport mutiert, weil niemand mehr die Szene überblicken kann. Martins satirische, aber liebevolle Seitenhiebe auf die Kunstszene gehören zu den Highlights des Buches, das eine schöne Textur der Kunstmarktentwicklung der letzten Dekaden bietet und anreißt, wie 9/11 oder die Finanzmarktkrise nicht die Kunst als solche, sondern den Handel berührt haben. Denn interessanterweise scheint sich der Sammler Martin weniger für die Kunst per se, als vielmehr für den Rummel drumherum zu interessieren. Was ja durchaus Trend ist – Sammler, Kuratoren, Galeriebetreiber, die Vermarkter, Katalysatoren und Trüffelschweine des Marktes scheinen heute wichtiger denn je zu sein, (Selbst-) Vermarktung zum Keyword der Kunstszene mutiert zu sein. Mit Lacey Yeager liefert uns Martin so eine Art Hans-Ulrich Obrist mit Brüsten, man sieht förmlich schon Anne Hathaway in der Rolle auf der Leinwand – «Object of Beauty» nutzt die Kunstszene so als Background wie manche Krimisendungen mit jeder Folge in eine andere Subkultur untertauchen, um dort ihren Fall zu lösen. Die Crux des Buches ist, dass es weder ein echter Roman noch eine echte journalistische Betrachtung der Kunstbranche der letzten Dekaden ist – der Hybrid, der im Ansatz immer wieder spannend zu werden verspricht, scheitert am Ende… das Buch könnte kaum nichts sagender enden. «Object of Beauty» gelingt weder eine beißende Charakterstudie der Profiteure und Karrieristen im Kunstmarkt noch ein an sich spannender Roman über Manhattanites-in-Love. Nicht Fisch, noch Fleisch verläuft sich die Handlung im Sande und Martin gelingt es nicht, die Magie zu schaffen, die es uns ermöglicht, mit einem an sich unsympathischen Charakter mitzufühlen. Je weiter sich das Buch hinschleppt, umso unsympathischer wird die Hauptfigur, desto schleppender wird ergo das Buch.

Für Kunstinteressierte ist das Buch natürlich dennoch spannend, in der gleichen Art wie Crichton-Bücher einen Hauch Chaostheorie in eine Hollywod-kompatible Rahmenhandlung einbetten, wird hier halt der Kunstmarkt und seine Besonderheiten als Plot-Background gebraucht – nur trägt der Plot an sich nicht und dient selbst nur als Background, um über den Kunstmarkt zu philosophieren. Dieser seltsame Kurzschluss in der Konstruktion des Buches macht aus «Object of Beauty» eine seltsam unbefriedigende Reise, auch wenn die vorbeiziehenden Betrachtungen, Gags und Einsichten das Lesen durchaus mehr als rechtfertigen. Das Buch ist scharfzüngig, oft scharfsinnig, es schlägt mit einem warmherzigen Grinsen auf die US-Sammlerszene ein und könnte tatsächlich ein ausgezeichnetes Buch gewesen sein, wenn Martin sich die Mühe gemacht hätte, nebenbei auch noch eine Art Handlung zu entfalten. So endet es aber als eine mal mehr mal weniger gelungene Aneinanderreihung einzelner Szenen die aber eben kaum ein großes Ganzes ergeben.

18. Mai 2011 19:55 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

William Gibson: Zero History

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Während unzählige Bücher mehr und mehr versuchen, die Gegenwart zu verstecken und spürbare Schwierigkeiten damit haben, Belletristik für eine Welt mit Smartphones, Facebook und Google zu schreiben, ist William Gibson einer der wenigen Autoren, der nicht in in romantische Vampir-Fantasien oder introspektive Charakterstudien ausweicht, sondern die Welt von vitalem Marketing, Pop und Hightech förmlich umarmt, um daraus seine komplexen Geschichten zu handwerken. Dabei gelingt ihm eine neue Form von Erzählung, die schon längst kein Genre mehr bedient, in der «normalen» Literatur ebenso zuhause ist wie im SF, im Krimi oder auch im Agentengenre. Und während eben all diese Genre (paradoxerweise allen voran eben die Science Fiction) an der hochtechnisierten Gesellschaft scheitern, betritt sie bei Gibson die Mitte der Bühne. Wer sich erinnert, wie oft etwa bei den X-Files zum passenden Zeitpunkt das Mobilfunknetz ausfallen musste, damit der Plot nicht in sich zusammen brach oder wer sich fragt, wie Chandlers Art von rabenschwarzer Detektiv-Erzählung heute, in Zeiten von Google, funktionieren soll, wird in Gibson die Antwort finden. Wo andere Autoren vor der technisierten Realität flüchten, war Gibson schon immer in ihr daheim – nur muss er heute nichts mehr mit Science Fiction ummanteln – seine Realität ist längst SF geworden, oder umgekehrt: Die Wirklichkeit hat seine Bücher eingeholt. Wenn Gibson heute von silbrig schimmernden fliegenden Pinguinen und Mantas schreibt, die als Ballons lautlos in der Luft schweben, vom iphone ferngesteuert, und als Überwachungssysteme funktionieren, ist man mit einigen Google-Klicks schnell bei Festo gelandet und stellt fest, dass hier nichts erfunden ist, sondern Gibson nur die etwas seltsameren Momente von Gegenwart für sein Buch nutzt, vernetzt und zu einer neuen Gestalt formt. Smartphones, Flughäfen, die internationale Kunst- und Modeszene, Celebrity-Leben, das Post-9/11-AgentenRevival, Twitter, Anti-Branding und virales Marketing sind nur einige der vielen Zutaten unserer Zeit, die Gibson virtuos zu einem Spiegelbild unserer Wirklichkeit amalgamiert, das über diese Wirklichkeit hinausweist und sie zugleich präzise abbildet. Gibsons Bücher funktionieren wie diese verzerrten Kirmes-Spiegel, wir sehen unseren Alltag seltsam verzerrt und verwirrend darin, sie ziehen uns den Boden unter den Füßen weg und finden die Dystopia nicht im großen gesamtgesellschaftlichen Untergang sondern vielmehr in den Abstrusitäten des spätkapitalistischen Alltags. Gibsons Leistung ist, dass wir uns in diesem Spiegelbild klarer und wirklicher sehen, dass seine Verzerrung ehrlicher ist als jeder normale Spiegel es sein könnte, konzentrierter und klarer.

«Zero History» darf nach dem dem etwas maueren «Spook Country» als ein meisterhaftes Buch gesehen werden, das die Energie und Komplexität, das globale und federleichte von Gibsons vielleicht bestem Werk, «Pattern Recognition», mühelos aufgreift. Tatsächlich ist das Buch gerade zu Anfang ein Genuss, weil man beim Lesen deutlich spürt, dass der Autor kein Ziel im Sinne hat, keinen Plot, keine Handlung im engeren Sinne, sondern einfach nur Konstellationen auf seinem Spielbrett erzeugt und selbst überrascht wirkt, als die Handlung sich aus dieser Figuration wie von selbst ergibt. So wirkt «Zero History» anfangs etwas unfokussiert – gerade dadurch aber brillant -, um im letzten Drittel dann derart Fahrt aufzunehmen, dass man sich (ganz Gibson-untypisch) in einem Hollywood-Thriller wähnt. Alle Charaktere sind so glaubhaft, so detailliert gezeichnet, bei aller Extravaganz, das man auch nicht aus der Kurve geworfen wird, wenn plötzlich der Hollis Henrys Ex Garreth auftaucht, der sich beim Hochhaus-Diving fast ums Leben gebracht hätte und der nun dine Art Hightech-Kur für Seinfeld Bein durchläuft. Die Kunst des SF-Autors ist vielleicht, die Abstrusitäten des modernen Lebens entspannt-plausibel beschreiben zu können, weil er das bereits an der noch einen Hauch absurderen Gesellschaft von Büchern wie «Count Zero» oder «Mona Lisa Overdrive» üben konnte. Wahrscheinlich brauchen wir einen Schriftsteller, in dessen Phantasie virtuelle japanische Popstars aus 3D-Druckern in die echte Welt rübermachen, um eine plausible Gestalt aus der Gegenwart zu destillieren. Man fragt sich, ob nicht auch Philip K Dick heute längst lieber über den Wahnsinn in der Normalität schreiben würde, anstatt über Parallelwelten.

Bei Gibson wird insofern greifbar, dass wir längst in einem Science-Fiction-Szenario leben – und manche seiner direkt aus den News gezogenen Details – wie etwa der Sammler-Boom im Bereich Vintage Clothing – wirken kaum weniger bizarr als Dicks seltsame und konsequente Gedankenexperimente mit Welten in denen die Zeit rückwärts läuft oder höchste politische und wirtschaftliche Entscheidungen mit dem I Ging getroffen werden. Das latente Gefühl, in einer hochgradig bizarren Wirklichkeit angelangt zu sein, ist bei der Lektüre von «Zero History» manifest. Umgekehrt ist man entsprechend wenig schockiert, wenn SF-Dystopiaschocker-Material wie eine tote Strahlungszone rund um ein nukleares Desaster fast schulterzuckend zur Normalität wird und man zur Tagesordnung übergeht. Strange Days.

«Zero History» ist unter diesem Aspekt – aber nicht nur unter diesem – ein herausragendes Buch. Gibson ist ein begnadeter Beobachter, der fast poetisch-nüchtern aus kleinen Details eine Textur, eine spürbare Vorstellung von Komplexität erschaffen kann und der dieses hyperrealistische Bühnenbild dann mit faszinierenden, schillernden Charakteren, die so outlandish wie glaubhaft sind bevölkert. Eine Welt voller Ex-Agenten, Extremsportler, Has-Been-Popstars, einer Gilde von Motorradkurieren, Technokraten und Vermarktern. Also wahrscheinlich die Welt, in der sich Gibson selbst oft genug bewegt, und die wir eigentlich jeden Tag entdecken können… wenn wir nur die Augen aufmachen.

16. Mai 2011 18:47 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . 3 Antworten.

Fritz J. Raddatz: Tagebücher 1982-2001

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Auf dem Rücken des 900 Seiten schwellenden Tagebuchbandes von Fritz J. Raddatz kündigt ausgerechnet Frank Schirrmacher das Buch als den «großen Gesellschaftsroman der Bundesrepublik» an. Und obwohl Raddatz Notizen in seinem Tagebuch sicherlich eine spannende Periode kultureller Erlebnisse im Niedergang des 20. Jahrhunderts abbilden, so entsteht natürlich in Wirklichkeit zu keinem Moment ein Roman, entsteht keine Erzählung schon gar keine «große». Das ist nicht der erste sich zu reinem Hype ergreifende Cover-Blurb, der den Umsatz ankurbeln soll, aber man fragt sich unwillkürlich ob Raddatz sich von solchem Kirmesgeschrei geschmeichelt fühlen mag oder sich zu Recht verarscht fühlen darf – ein Tagebuch ist ein Tagebuch und diese Tautologie, eigentlich diesen Genre-Unterschied darf man ruhig beherzigen. Raddatz Tagebücher sind nicht Der «Mann ohne Eigenschaften», aber das wären Musils Tagebücher eben auch nicht. Raddatz Erzählungen sind als Romane erschienen – dies ist kein Roman und er dreht sich auch nicht wirklich um Gesellschaft, schon gar nicht um die große Gesellschaft, wenn auch mitunter um die gehobene. Es geht vielmehr um den Raddatzschen Mikrokosmos, bestehend aus den Künstlern, Autoren, Freunden und vor allem Feinden, die ihm als Zeit-Feuilletonchef, Autoren und Mensch so über den Weg laufen. Das hier immer wieder über Jahre hinweg die gleichen Namen erscheinen, darf niemanden wundern, ebenso wenig die Tatsache, dass Themen wie Tschernobyl, AIDS oder Irakkrieg nur eine Art Randnotiz abgeben, individueller Selbstzweifel, ein Nicht-in-die-Welt-passen und eine Art permanenter Schwanzlängenvergleich mit seinem künstlerischem Umfeld aber enormen Raum bekommen und nahezu erschreckend gleichförmig über diesen großen Zeitraum immer sogar in ähnlichem Wortlaut wiederkehren, gerade so, wie die Zungeja auch immer wieder an den schmerzenden Zahn findet. Und das darf auch so sein, denn es geht eben nicht um Gesellschaft, oder gar um Wirklichkeit, sondern um Raddatzsches Innenleben.

Das, an sich, aber eben unzweifelhaft eine spannende Lektüre abgibt. Rasiermesserscharf, ehrlich, zynisch und humorvoll zugleich, analysiert er die Eitelkeiten seines Umfeldes, die Schwächen und Fehler, und enthüllt dem Leser so eine ganz seltsam intime Sicht auf die intellektuelle High Society deutscher Kunst aus zwei Dekaden. Wie eine seltsame Art Anti-Boulevard-Klatschformat spiegelt sich in Raddatz eine Kulturlandschaft, der es anscheinend wenig um das Machen geht, mehr um den Erfolg, die Titel, die Ausstellungen, das Geld. Es ist ein seltsamer Schattenkapitalismus der Kunst, der sich hier entfaltet, ein Versailles mit Intrigen, Mißgunst, Neid und einer wunderbar atemberaubenden Verlogenheit, derer der Autor selbst sich zwar geniert, aber ebenso bedient.

Zugleich ist interessant wie sehr sich Raddatz an seinen Peers misst. Was er anderen Autoren, etwa Hans Mayer, vorwirft, die eitle Egozentrik der Künstlerseele, die immer nur über eigene Erfolge plappern kann, bemerkt er an sich selbst scheinbar kaum, wenn er über Rückschlägen gekränkt ist oder literarische Anerkennung aufsaugt, wenn er seitenweise darauf verweist, dass eben er doch jenen oder diesen gefördert und entdeckt hat und dass er doch jenes oder dieses bewegt hat (stets ohne Dank natürlich) oder wenn er sich etwas kühn selbst neben Grass, Böll und Konsorten als «Stimme seiner Generation» verortet. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der Raddatz auf den stets so wahrgenommenen Mangel an Manieren, Wissen, Mobiliarsqualität, Gastfreundlichkeit, selbst noch die offenbar lieblose Weinwahl seiner Umwelt einprügelt und die Härte, mit der vernichtende Urteile fällt, bildet einen seltsamen Gegensatz zu der sanften Selbstliebe und der permanenten Frage, warum er nicht als wunderbarer Mensch akzeptiert wird. Vielleicht, weil die Umwelt eben doch nicht so blöde ist, die kalte Verachtung, die aus Raddatz Worten emporsteigt, zu riechen und zu erwidern.
Schaut man in die Seele eines solchen Egozentrikers, der aber zugleich ein kluger und durchaus stets auch gebender Mensch zu sein scheint, ahnt man bald, dass die drastische Abwertung nahezu jeder Person in seinem Umfeld die kaum verklausulierte eigene Unsicherheit mit zum Ausdruck bringt, Schutzmechanismus ist, man andere eben noch einen Hauch mieser finden darf als sich selbst. Es ist ein Mechanismus, den die meisten Menschen irgendwann nach der Pubertät ablegen.

Und dieser Mechanismus macht die Tagebücher schwer verdaulich, man schaut fast täglich in den Abgrund der Raddatzschen Unzufriedenheit und möchte den Mann bereits nach den ersten zweihundert Seite aus einer Zeitmaschine zaubern, durchschütteln und ihn bitten, sich zu entspannen, glücklicher, offener zu sein, den Misanthropen einzumotten. Denn in den Momenten, in denen in den Einträgen Glück und Zufriedenheit durchblitzen (und zugegeben, wer führt schon ein Tagebuch über die kleinen guten Momente? Tagebücher sind ja doch eher Orte der Selbstzerfleischung), zeigt sich ein grandioser Beobachter mit einen unfassbaren Auge für kleinste Sinnhaftigkeiten und Symbole, der mit wenigen Kohlestrichen eine Landschaft, eine Situation, einen Menschen erfassen kann. Es ist dieses Talent, trotz aller Redundanzen auf den 906 Seiten, die das Buch lesenswert macht – der Einblick, wenn auch gefiltert, in die Seele eines Egozentrikers, eines paradoxen Menschen, der im Mittelpunkt steht und sich doch ausgeschlossen zu fühlen scheint.

Insofern sind die Raddatzschen Tagebücher eben kein Gesellschaftsroman, sondern Charakterstudie eines Kulturschaffenden, der mit sich hadert, ständig Existenzangst zu haben scheint und selbst in relativer Abgesichertheit noch unter monetärem Vertigo zu leiden scheint. Es ist eine Langzeitstudie des Kreativen zwischen Selbstvermarktung und Selbsthass, in der sich wahrscheinlich viele andere Autoren, Musiker und Künstler wiederfinden werden. Und zugleich ist es ein oft unschöner Einblick in einen subjektiven Ekel vor der Mediengesellschaft, den Raddatz fast ausnahmslos angesichts seiner Umwelt verspürt. Ob Gräfin Dönhoff, Schmidt, Augstein, ob Brasch oder Hochhuth, sie alle kriegen ihr Fett weg, wenn Raddatz sich über die Zeit-Redaktion, die Frankfurter Buchmesse oder die Autorenwelt im allgemeinen ausläßt. Selbst Balzac wird gebeckmessert, was umso bizarrer wirkt, als das Raddatz sich furchtbar aufregt, wenn andere Lordsiegelbewahrer die Giftspritze auspacken, wie etwa Peter Zadek.
Es ist ein wunderbares, oft auch anstrengendes, mitunter nervendes, gottlob immer wieder eben auch sehr lohnendes Gebirge, durch das man dem Reiseführer Raddatz hier folgt und es ist vielleicht Symbol seiner seltsamen Mischung aus Eitelkeit, Größenwahn und eben doch Ehrlichkeit (und Mut zu oft aus heutiger Sicht etwas naiv wirkenden homoerotischen Altherrenphantasien) und tatsächlicher Größe, das dieses Buch noch zu Lebzeiten erscheint, viel Freunde macht man sich mit solcher Offenheit wahrscheinlich nicht.

Es ist kein großer Gesellschaftsroman, der hier entstanden ist – und die Entscheidung des Autoren oder des Rowohlt-Verlages, nur die Tagebücher zu veröffentlichen, die irgendwie aber dazu gehörenden anderen Essays in der Zeit und andere, spezielle Tagebücher nicht zu publizieren (was dann aber endgültig im Umfang eine Bibel ergeben hätte) macht das Werk ganz im Gegenteil eher etwas löchrig, weil immer wieder Kontexte und Inhalte fehlen, die man sich zusammensuchen muss (was man oft nicht unmittelbar kann). Aber es ist trotz des Volumens und der eher mäßigen Typographie ein wunderbares kleines und oft intimes Buch, das einen starken Sog entwickelt, das man oft nicht «wegen», sondern «trotz» liest und doch nicht aus der Hand legen mag. Und das allein ist schon eine große Leistung für diese Tagebücher eines offenbar bewegten und bewegenden Lebens.

15. April 2011 19:36 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

Bret Easton Ellis: Imperial Bedrooms

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Es ist immer schon schwer gewesen, Ellis als normalen Romanautor zu verstehen – seine Bücher wirken eher wie Fluchten aus dem Alltag des Autors selbst, durch die Seitengasse raus in eine Welt voller Sex, Drogen und Gewalt – die eben diesen Alltag zugleich seltsam treffend und über Ellis selbst hinausgehend beschreiben, als leer und verbraucht, als eben einladend zu seltsam brutalen Fluchtphantasien. Was liegt in einer Welt, in der sich Yuppies über die Frage, ob die Gürtelfarbe zu den Schuhen passt, näher, als in ein Paralleluniversum fliehen zu wollen, in dem es noch um die primitivsten Impulse geht, in dem es noch um die grundsätzliche Existenz geht?

Im Grunde ergeben Ellis Werke eine Art Biographie, eine fiktionale Brechung, eine Art Remix seines eigenen Lebens. Und zugleich zeichnen sie die Pulslinien des Lebens einer ganzen amerikanischen Generation auf, die von einem abgestumpft-dekadenten Campusleben («Less than Zero», «Rules of Attraction») kommt, in einem oberflächlichen und von verzerrten Wettbewerb gezeichneten Job arbeitet («American Psycho», «Informers»), deren oberflächliches Leben von zu viel Medien und vom Terrorschock aus der Bahn kommt («Glamorama»), die ins Cocooning flieht, in die Suburbs und, dort mit dem eigenen Altwerden nicht klarkommend, die Vaterkomplexe aufarbeitet («Lunar Park»), und schließlich in einer Art Midlife-Crisis die alte Jugend wiederzubeleben versucht (eben jetzt «Imperial Bedrooms»). Die Hauptfigur in Ellis Oevre ist – mit wenigen Ausnahmen und trotz verschiedener Namen und Details – eigentlich immer die gleiche und immer ist sie ganz nah an ihrem Autor.

«Imperial Bedrooms» treibt diese Fusion von Autor und Protagonisten auf die Spitze und beginnt mit einer Art Betrachtung der (schlechten) Verfilmung von Ellis erstem Buch, «Less than Zero», durch eine der «echten» Handlungsfiguren des Buches, Clay. Clay, als Ich-Erzähler, beschwert sich, das ein Freund als Autor des Buches (das auch von Clay als Ich-Erzähler berichtet wurde) die Original-Geschichte shanghaied und verfälscht hätte – eine grandiose Farce, denn im Laufe des Buches wird sehr deutlich, dass es kaum einen Unterschied zwischen dem Clay in Bret Easton Ellis erstem und letzten Buch gibt und dass genau diese Figur – die ebenso gut Patrick oder Victor heißen könnte – sich lediglich von einem ausgebrannten, disillusionierten Teen zu einem kaum weniger kaputten Erwachsenen gemausert hat, der trotz oberflächlichem Erfolg als Drehbuchautor offenbar sinn- und antriebslos durch das Leben und die Handlung driftet, fast eher von ihr getrieben wird als selbst Antrieb zu sein.

Während des Lesens – und auch Wochen nach dem Weglegen des Buches – war ich mir nie sicher, ob Ellis hier nach dem eher schwachen, wirren Lunar Park zu alter Form zurückfindet, sich nicht länger gegen seinen eigenen Stil sträubt, wo er sozusagen gegen sich selbst anschrieb, sondern den kalten, harten, hedonistischen Sound seiner eigenen Sprache akzeptiert… oder ob er sich hier eher selbst kopiert, den Gestus von «Less than Zero» bloß reproduziert, wie ein alternder Rockstar sein erstes Album früher oder später ja stets noch einmal neu einzuspielen versucht, mit kaum getarnten «neuen» Songs.

Die distanzierte, minimalistische Beschreibung von Sex und Gewalt – wenn auch bei weitem nicht so drastisch wie in «American Psycho» -, die sich überlagernden Schichten von Realität und Illusion, die Drogentrips, das permanent Übernächtigte, Überfeierte – all das stimmt tonal überein mit Ellis besten Büchern. So wie Ellis mit «American Psycho» ein dystopisches Bild der Wall Street ablieferte, Werwölfe im Anzug vorführte, so gelingt ihm auch hier eine schillernde Fabel von Hollywood im Niedergang, ein düster-sonnendurchflutetes Wüstenlabyrinth aus Sex und Drogen und kaputten Beziehungen, das Ellis herabschreibt wie Chandler auf Ecstasy, zu einem wirschen Krimi ohne Sinn und echte Auflösung verquirlt, bei dem Ellis (wie als Persiflage des üblichen Crime-Buches) alle Protagonisten von «Less than Zero» noch einmal aus dem Hut zaubert, und sei es nur, um Clay paranoide Warnungen zuzuzischen. Im Verlauf des Buches wird zunehmend unklarer, ob Clay Opfer oder Täter ist oder beides und die Grenzen zwischen ihm und Bateman verschwinden schließlich vollends, während Clay mehr und mehr aus der Bahn gerät und der Leser mit ihm in einen schizoiden Abgrund abrutscht, von Chandler zu Burroughs. Es ist seltsam, dass Ellis, der sich zu «Lunar Park»-Zeiten in Interviews so ausdrücklich von den Gewaltexzessen in «American Psycho» distanzierte und diese als Batemans Eskapismus-Phantasien abtat, Clay hier aber in einem viel intensiveren Maße zum Psychopathen mutieren lässt und diese Art Split zwischen Bruce-Wayne-Partyanimal und eiskaltem Folterer-Animus noch pathologischer betreibt als jemals zuvor. Clay wird von Ellis als Produkt einer kalten Jugend beschrieben, als Produkt eines wertlossen und narzisstischen Lebens. Er ist Stellvertreter einer ganzen Generation von frat boys, die immer noch leben, als sei das Leben eine Campusorgie, die nie ihren eigenen Kern gefunden haben – und Clays Freunde scheinen keinen Deut besser zu sein. Erwachsene ohne echte Jobs, deren Leben eine endlose Party ist, bei denen Großeltern, Eltern. Kinder oder Geschwister kaum vorzukommen scheinen, für die Sex und Macht und Genuß zentrale Lebensinhalte sind, die wie entkoppelt von den Gefühlen normaler Menschen wirken, die immer noch Zombies sind.

Ich habe vor Jahren einen Auszug von «Less than Zero» in einer George-Romero-Zombie-Anthologie entdeckt und es war die ausnahmslos beste Geschichte in diesem Buch, die ihren kalten Horror nur aus einer Art Rahmenwechsel zog. Die Tatsache, dass die gleichen Inhalte des Campusbuches hier nun hirnlosen, gefühlstoten Zombies zugeschrieben wurden, ist so verblüffend wie einleuchtend – im Grunde schreibt Ellis immer über die Zombies unserer Gesellschaft, selbst wenn diese zu unseren Stars, Vorbildern und soziokulturellen Leadern zählen. So stumpf wie Ellis Schreibstil – das permante Prügeln mit der nackten Faust auf tiefgefrorenes Fleisch – sind auch seine Charactere, sie sind wie schillernde Eismeteore im Weltall, geheimnisvoll, attraktiv, gefährlich, kalt, fremd, tiefgefroren ohne Vergangenheit und Zukunft. Und meist sind sie ebenso tödlich, wenn man Ihnen zu nahe kommt.

Es ist nach «Lunar Park» grandios, Ellis wieder bei seinem ureigenen Sound zu finden. Es mag als Autor wichtig sein, neue Stile auszuprobieren, aber die Tatsache ist, dass niemand Ellis’ Stil so gut kann wie er selbst. Viele Autoren haben sich seit den 80er Jahren an dem flachen, stumpfen und dennoch scharfkantigen Flair seiner Texte versucht, die wenigsten haben die Härte und Klarheit, die dieser Stil braucht, um dich zu erreichen. Es ist schwer, Gefühl durch das Weglassen von Gefühl, Tiefe in der Zweidimensionalität, Mehr durch Weniger zu erreichen. Mit anderen Mitteln als etwa eine Amy Hempel oder ein Chuck Palahniuk, aber durchaus mit dem gleichen Ergebnis, zeigt das schmale «Imperial Bedrooms» Ellis als einen versierten Minimalisten, der weder lineare Handlung noch ein «Ziel» in seinem Buch braucht, bei dem es auf Abrgünde, Beziehungen, Reaktionen ankommt, der wie ein moderner Camus den durch die Handlung taumelnden Clay zeigt, der am Ende Opfer seiner selbst ist.

«Imperial Bedrooms» erinnert im besten Sinne an J.G. Ballards Dystopien, im höchsten Maße an die sexuelle Gleichgültigkeit von «Crash», die Lebensmüdigkeit, das Thrillseeking als letzten gebliebenen Antrieb, überhaupt aufzustehen, die Fetischisierung des Lebens. Wo Ballard oft noch einen exogenen Anlass brauchte, um die Zivilisation entgleiten zu lassen, wird bei Ellis allerdings die Dysfunktion von Gesellschaft und Individuum zum Normalzustand. In keinem seiner Bücher treffen wir intakte, unverbogene Protagonisten, eher zeigt er uns das Beckettsche Limbo, die zeitlose Zwischenhölle, als Aspekt des alltäglichen Vegetierens. Ellis Figuren sind lebende Kadaver, die müde durch die offenbar gelegte Sinnlosigkeit von Liebe und Leben taumeln, die amoralisch agieren, weil die Moral sich als Fata Morgana erwiesen hat. In den Scherben von Ellis düsterem Spiegel können wir uns nie ganz wieder finden – keine wirkliche Person ist je so zerstört und innerlich gestorben wie Ellis Figuren -, und dafür können wir dankbar sein… das in den Splittern aber nahezu holographisch eine nur zu wahre Metapher auf den westlichen Kristallpalast in die Luft projeziert wird, das ist Ellis Büchern unabsprechbar, er ist die Stimme des amerikanischen Alptraums.

17. Januar 2011 20:28 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Chuck Palahniuk: Tell-All

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Chuck Palahniuk ist der einzige Autor, der mich nicht überraschen würde, wenn er einen Roman aus Sicht eines Virus in Morsecode schreiben würde, ehrlich. Nach dem meisterhaften «Rant» und dem wunderbar verschrobenen «Pygmy» kommt er mit «Tell-All» wieder mit einem ganz neuen Sound daher. Das Buch ist aus der Perspektive von Hazel Coogan geschrieben, der Haushälterin der Hollywood-Legende Katherine Kenton. Mit seltsamen Überlagerungen der Erzählung und bizarren Wendungen mutiert das Buch zu einem gesprungenen Spiegel, dessen Puzzleteile fast widerwillig die Handlung bloßlegen. In typischer Palahniuk-Manier ist nicht alles, wie es aussieht, sind Erzählfiguren zuverlässig unzuverlässig, und der Plot eskaliert in rasanter Weise zur brutalen Persiflage. Als Hollywood-Hommage geschrieben, verwendet die Geschichte immer wieder Drehbuchjargon und wirft in einer solchen Art mit Namedropping um sich, das man vermuten darf, Palahniuk hat eine Lohnliste des Goldenen Traumfabrik-Zeitalters in seine Story schmuggeln wollen. Fiktion und Realität gehen nahtlos ineinander über, Filmdreh und Privatleben umarmen sich tödlich, Gier, Neid und Schönheitswahn sind allgegenwärtig und die Dreiecksbeziehung zwischen den beiden Damen und dem mörderischen Beau Webster Carlton Westward III ist an Surrealität kaum zu überbieten.

Bemerkenswert ist, wie Palahniuk hier eine Handlung, die aus einer Art perfider Screwballkomödie kommen könnte, mit nahezu charmanten Betrügern und Gegenbetrügern, die sich gegenseitig ums Leben bringen wollen, in ein zutiefst dekonstruktives Korsett bringt und zu einer wirschen Groteske umformt, die nun mal typisch für seinen Stil ist. «Tell-All» ist dabei nicht so episch wie Rant, nicht so schräg und krank wie «Pygmy», nicht so schnell wie «Snuff», und das Namedropping-Tourette nervt nach einer Weile ungeheuer – und dennoch fühlt sich das Buch richtig an, winkt wie Zombies die Geister vergangener großer Hollywood-Streifen hervor, glüht mit der Energie der alten Traumfabrik, nur eben durchs Palahniuks kranken Geist gefiltert. Es ist ein bisschen spannend, ein bisschen witzig, ein bisschen absurd – und vielleicht ist ein von allem dann eben auch ein bisschen zu wenig, um wirklich ein großes Buch zu ergeben, was es mit unter 200 Seiten vielleicht auch gar nicht sein soll. «Tell-All» fühlt sich mehr an wie eine gestreckte Kurzgeschichte, eine Novella, ähnlich wie «Snuff» eine schnelle manische Skizze voller Wendungen und Irrungen, die das Buch trotz des hier teilweise schwer verdaulichen Schreibstils immer spannend halten. Neben Lullaby vielleicht Palahniuks schwächstes Werk, aber selbst schlechte Bücher von diesem Autor sind nun mal immer noch besser als das meiste, was andere Leute in ihrem ganzen Leben schreiben.

8. Januar 2011 10:53 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Elisabeth Rank: Und im Zweifel für dich selbst

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Wer Elisabeth Rank als Bloggerin kennt, dürfte von diesem Debut der Autorin wenig überrascht und doch überrascht sein, denn obwohl der Sound ganz eindeutig der gleiche ist, gelingt ihr das nicht zu unterschätzende Kunststück, ihren sensiblen Stil, der von der Vignette, dem oft hingehauchten und geheimnisvoll-alltäglichen lebt, auf rund 200 Seiten zu strecken, ohne dass es sich nach «Extended Club Mix» anfühlt. Wer die Intensität ihrer Kurzform kennt, den wird nicht verwundern, dass «Und im Zweifel für dich selbst» ebenso sensibel wie wuchtig ist, einerseits fast zerbrechlich, so dass du fast behutsam umblätterst, mit diesem Gefühl von Vorsicht, dass man vielleicht aus Kirchenbesuchen kennt, andererseits brutal in dem Versuch, Gefühl zu kommunizieren.

Durchbrochen von Rückblenden und Vignetten, erzählt Rank eine Art Roadmovie über Tonia (die Ich-Erzählerin) und ihre Freundin Lene, deren Freund Tim bei einem Autounfall gestorben ist und deren Leben verrutscht ist. In diese Coming-of-Age-Struktur ist eine Art Beziehungskrise von Tonia eingewebt, die auf der Reise, im Schutz von schlechtem Handyempfang und Abgeschiedenheit entdeckt, dass sie nicht bei ihrem Freund Friedrich Verständnis und Hilfe sucht, sondern bei Vince. Drum herum webt Rank kleine Erlebnisse und Begegnungen, Miniaturen, die oft alleinstehend stark sind, oft etwas bemüht den generellen emotionalen Tonus des Buches metaphorisch ummanteln und unterstreichen sollen/wollen. Was mitunter schade ist, denn das braucht es kaum. Rank erzählt auch so erfolgreich die Gesichte einer Entrückung, die schwer zu greifen ist. Unwillkürlich erinnert das Buch an Joss Whedons Buffy-Folge, in der die Mutter der Serienfigur stirbt, in der Whedon den Mantel von humorvollem Teenie-Drama-Abenteuer-Fantasy rigoros abstreift und unerwartet eine ernsthafte, phantastisch Lynch-esque Episode produziert, die von schrägen Kameraeinstellungen, surrealem Ambiente und einem tiefen Gefühl der Unwirklichkeit durchzogen ist, als sei die Welt, die Serie als solche, mit dem Tod von Buffy Summers Mutter völlig aus der Bahn geworfen und entglitten. Ähnlich entschieden wirft Rank ihre Figuren aus dem urbanen Alltag und es ist nicht ganz sicher, ob die Autorin wirklich die Flucht an die Küste wählt oder ob sie fast amüsiert beobachtet, dass ihre Figuren diese etwas klischeehafte, dem Kino entliehene «Flucht» als Lösung wählen. Vielleicht muss auch einfach nur etwas passieren, um die Handlung loszutreten, die an sich nur eine Ausrede, ein McGuffin ist, um in die Gefühlswelt von Tonia und Lene einzutauchen, um die Verarbeitungsprozesse der trauernden Freundin und ihres Umfeldes mitzuerleben.

Die eine, verzeihbare, Schwäche des Buches ist, dass es unbedingt etwas sagen will. Einem Debut-Roman, zumal dieser Qualität, darf man ein bisschen Sturm und Drang einfach verzeihen, aber es ist glasklar, dass Rank es eigentlich nicht nötig hätte, so viel Rücksicht auf ihre Leser zu nehmen. Auf verschiedensten Ebenen bemüht sie sich, symbolisch, metaphorisch, direkt und indirekt, Bedeutung zu schaffen, große Gefühle durch Beschreibungen und Simile herbei zu schreiben. Und da Rank phantastisch schreiben kann, gelingt ihr das auch meist. Ihr kurzer, mitunter auch sparsamer Stil, der plötzlich eruptiv-ausufernd werden kann, das glaubhaft wie aus dem Moment geschrieben wirkende, der zwar mitunter etwas an die Neon, aber insgesamt sehr aus der Gefühlswelt heutiger Twens kommende Klang – all das funktioniert wunderbar. Und gerade weil das so ist, würde ich mir manchmal etwas weniger wünschen. Ein Stück mehr Ray Carver oder Amy Hempel, ein Stück Wortdiät (sagt gerade der richtige, ich weiß). Wenn Hempel über das Sterben schreibt, reichen ihr wenigste Zeilen, das nackteste sprachliche Gerüst, um den Leser zu zerquetschen, wenn Carver vom Tod einer eingeschlafenen Beziehung schreibt, reichen drei Striche, eine hingehauchte Skizze, ein scheinbares Nichts an Handlung, um alles gesagt zu haben. Ganz an dieser Sparsamkeit ist Rank nicht, muss sie vielleicht auch nicht sein, wird sie vielleicht auch nicht sein, aber während des Lesens gibt es immer so Stellen wo du denkst: Lass das, das ist zu viel, streng dich weniger an, ich habs ja auch so kapiert. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich generell mit deutschen Büchern immer etwas probleme habe, sie zu direkt finde, zu aufdringlich – der Filter des Englischen hilft ja manchmal, das kennt man von Liedtexten, Enzensbergers Erkenntnis, dass Love immer noch anders klingt als Liebe, gilt ja nach wie vor. Das alles ist also eine vorsichtige, schwache Kritik an einem Buch, dessen teilweise Angestrengtheit du sofort vergisst, wenn Rank einen dieser phantastischen Sätze raushaut, die einfach völlig perfekt dastehen und die du zwei, dreimal lesen und jedesmal gut finden kannst.

Und im Zweifel für dich selbst ist ein herausragend geschriebenes Buch, das erfolgreich die Episoden und Miniaturen der Blog-Autorin auf die größere Bühne des Romans transferiert und hoffentlich den Auftakt einer Karriere als Schriftstellerin markiert, ich würde nämlich nur zu gerne lesen, wohin es Rank in ihrem fünften, sechsten, siebten Buch treiben mag, wenn sie mit weniger Arbeit den gleichen emotionalen Impact zu erreichen versteht.

7. Dezember 2010 11:47 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Benjamin v. Stuckrad-Barre: Auch Deutsche …

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Der große rote Button, der das Cover verunstaltet, erklärt dem Käufer, dass man an diesem Buch nicht vorbeikommt, wenn man die Republik im «neuen Millennium» begreifen will. Schreibt der Spiegel, auch wenn nicht beisteht, wer es im Spiegel verewigt hat. Im neuen Millennium!!!! Also nicht Jahrzehnt, oder Jahrhundert – Mensch, gleich im neuen Jahrtausend. Wer sich von diesem Coverblurb nicht gleich verschrecken lässt, findet unter dem ansonsten wunderschönen Umschlagmotiv in einem schön gestalteten und mit wunderbar schlechten Photos durchsetzen BuchTexte, die BvSB für Rolling Stone, BZ und Welt geschrieben hat. Und wer glaubt, Deutschland nur zu verstehen, wenn er sich mit Stuckrad-Barres seltsamer Faszination für Udo Lindenberg auseinandersetzt oder liest, was der Autor von Merkel oder Westerwelle hält, der hat eventuell sowieso ein Problem.

Aber selbst wer dem Hype misstraut bekommt ein seltsames Gebinde angeboten – vielleicht unumgänglich bei einer Textsammlung -, das die teilweise grandiosen, spitzfindigen und nach wie vor gottseidank auch mal noch halbwegs bösen Texte von Stuckrad-Barre neben eher eine eher sinnfreie Selbstbespiegelung stellt. Was an sich gar nicht so schlimm wäre, würde BvSB nicht an einer Stelle des Buches explizit auf Bloggern und anderen Netzautoren herumhacken und sich als Professsioneller abgrenzen – dabei aber völlig übersehen, dass Themen wie «Ich gehe mit Moritz von Uslar Platteneinkaufen» leider so ganz und gar Blog-Material sind und das die Echolot-Funktion, die Stuckrad-Barre bei Kempowski so liebt, heute eben eine ist, die verstärkt (mal besser, mal schlechter) online stattfindet. Und da, in der geduldig-kurzfristigen Textflut online, ist dann auch weniger schlimm, wenn der Autor sich vergreift oder verhebt… in einem Buch mit ausgewählten Texten ist das eher unschön. Denn so großartig Stuckrad-Barre funktioniert, wenn er sich am Alltag abarbeitet oder kleine Momente in Zeitlupe beleuchtet, so sehr verhebt er sich, wann immer er in die Politik geht und so sehr blamiert er sich, wenn er über Musik schreibt. Das ist natürlich ganz subjektiv – aber wenn ein Autor, der mit seiner These, Oasis sei die beste Band der Welt, schon vor Jahren jeden Credit bei mir verzockt hat, sich seitenweise über Grönemeyer, Westernhagen, Udo Lindenberg und Heinz Rudolph Kunze ausläßt und diese auch noch hochjazzt, dann kriege ich nach einigen Seiten echt das Problem ihn noch ernst zu nehmen, wenn er sich über Politker auslässt. Will ich von jemanden, der Udo Lindenberg offenbar anbetet wissen, was er von Cem Özdemir hält beziehungsweise geb ich einen Scheiß auf diese Meinung? Nicht wirklich – und so, interessanterweise, entkräften sich die Texte gegenseitig. Zumal BvSB im Bereich Politik überraschend versagt. Häme gegen einen schwachen SPD-Kandidaten, eine Form von wortloser Hilflosigkeit gegenüber Angela Merkel … und bei Guido Westerwelle nach den Aknepocken zu fragen mag der Autor vielleicht arg frech finden, es ist leider nur total platt… an Politikern ist das Private das unspannendste, und beim Westerwelle mag man drüber spekulieren, inwieweit Minderwertigkeitskomplexe und sein Habitus zusammengehen, aber darum geht es Stuckrad-Barre nicht. Ganz im Gegenteil gerät seine Schreibe, die bei den Linken noch so spitz war, bei der FDP förmlich zur Liebeserklärung an Westerwelle, zur Gefälligkeitstexterei, die zu verniedlichen, vermenschlichen sucht, und das im Wahlkampf.

Ansonsten krankt dieses Buch etwas an einer Krankheit, die BvSBs Texte ab und zu durchzieht – dieses Namedropping-Schreiben, als sei der Autor unsicher, ob ein Text nur seinetwegen gelesen würde. Und so taucht er ein in eine Welt von Promis und Prominenten, von tatsächlich spannenden Menschen, denen die kurzen Texte eher nicht gerecht werden und von eher unspannenden Menschen, die durch die Artikel nun auch nicht interessanter wirken als vorher. So nähert sich Stuckrad-Barre hier leider einem seltsamen Boulevard-Journalismus, einer Hausbesuchs-Mentalität, einer Heranschmusung an Kir-Royal-Verhältnisse, einer raffinierteren Form von Klatschjournalismus, der dessen ureigene Balance zwischen Ehrfurcht und Spott beibehält, aber eleganter präsentiert.

Und das ist insofern schade, als dass «Auch Deutsche unter den Opfern» zugleich auch zeigt, dass Stuckrad-Barre deutlich besser sein kann, als er sich hier zeigt. Ich weiß nicht, wie glücklich er als Autor mit der Baby-Schimmerlos-Nummer ist (und wenn die Antwort «sehr» ist, dann okay, mehr davon!!!), aber als Leser bin ich gefesselt, wenn er sich in Alltag und Kleinkram vertieft, am Oberflächlichen kratzt und darunter Katzengold hervorkommen lässt, wenn er im Kempowski-Modus mit Pokerface die Fakten für sich stehen lässt, und sogar auch, wenn er mit heiliger Wut in die Tasten schlägt. Ich mochte das Live-Album, ich mochte (weitestgehend) die Remixe, aber das hier mag ich nicht. Ich mag nicht den unten durchdröhnenden Sound der Springer-Presse-Gesinnung, ich mag nicht das seltsame «IchIchIch (und der durch Funk und Fernsehen bekannte oder in Berlin gerade hippe XY/)», das einem da aus den Zeilen entgegen dringt, das seltsam unnötig Selbstdarstellerische, Unentspannte. Es ist, als sei der Autor aus deinem Element, aus seiner sonstigen Souveränität, aus der Lässigkeit und müsse sich beweisen. Und hier geht die ohne jeden Zweifel vorhandene Qualität von Stuckrad-Barre unter, weil seine Stärke das Respektlose bleibt, das schneidend-analystische Skalpell. Nur ist es in diesem Werk seltsam stumpf – weil er entweder auf Opfer einsticht, die sowieso schon blutend am Boden liegen (Steinmeyer) oder es bestenfalls dabei belässt, ein wenig vom Ruhm seines Gegenübers geblendet, in der Tischplatte damit herum zuschnitzen und kleine Herzchen in das Holz zu kratzen. Das ist nur leider zu wenig für einen Autor, der an sich so viel mehr könnte.

Und so wirkt «Auch Deutsche…» seltsamerweise eher wie eine Sammlung von Blogeinträgen aus der Welt der Schönen und Schnellen, die allzu kurzfristig und beiläufig sind und denen gerade aufgrund ihrer größeren Nähe zur Prominenz eine Zeitlosigkeit abhanden gekommen ist, eine Tiefenschärfe, die vorher da war. Was alles nicht schlimm ist und vielleicht dem Charakter der Texte als reine Auftragsarbeiten geschuldet sein mag. All das bildet aber sicher eben genau nicht den Zustand Deutschlands in diesem Jahrzehnt, geschweige denn Jahrtausend ab, sondern eben nur die Sicht der Berliner Springer-Presse auf das Land und vielleicht die Sicht des ja ebenfalls zu AS Mediahouse gehörenden Rolling-Stone auf «deutsche Musik» – und all das legt bestenfalls die Enge dieser Blickwinkel offen.

16. Oktober 2010 17:15 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Max fragt 07

Wissen Sie in der Regel, was Sie hoffen?

Max Frisch, Fragebogen.

31. Juli 2010 16:02 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

Max fragt 06

Was bewundern Sie an Frauen?

Max Frisch, Fragebogen.

4. Mai 2010 18:53 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

Max fragt 05

Was fehlt Ihnen zum Glück?

Max Frisch, Fragebogen.

9. April 2010 09:56 Uhr. Kategorie Leben. Tag , . Eine Antwort.

Max fragt 04

Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht: wie erklären Sie es sich, daß es nie dazu gekommen ist?

Max Frisch, Fragebogen.

2. April 2010 17:05 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 2 Antworten.

Max fragt 03

Wann haben Sie aufgehört zu meinen, daß Sie klüger werden,oder meinen Sie’s noch? Angabe des Alters.

Max Frisch, Fragebogen.

1. April 2010 11:07 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . Keine Antwort.

Max fragt 02

Wem wären Sie lieber nie begegnet?
Max Frisch, Fragebogen.

31. März 2010 09:48 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 4 Antworten.

Max fragt 01

In Anlehnung an Steffi fragt und Chuck fragt kommt diesen Frühling eine Fragenreihe von Max Frisch, aus seinem großartigen Fragebogen-Buch von Suhrkamp. Natürlich nicht alle – kauft euch schön das Buch -, aber auszugsweise. Die Fragebogen von Frisch sind grandios, mal sehen, ob die Sache bei euch ankommt :-D.
Los geht’s:

Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert? Warum?

30. März 2010 09:57 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , . 3 Antworten.

Audrey Niffenegger: Her Fearful Symmetry

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Nach dem Erfolg von The Time-Travellers Wife (gutes Buch, böser Film) liegt auf Audrey Niffeneggers zweitem Roman sicherlich nicht nur seitens des höchstbietenden Verlags eine hohe Erwartungshaltung. Ähnlich vielschichtig wie der der in der deutschen Übersetzung leider völlig beiseite gelassene Original-Titel ist die Handlung, die auf den ersten Blick deutlich linearer und einfacher wirkt als die von Time-Travellers Wife – und tatsächlich versucht sich Niffenegger hier nicht an einem großen Opus durch mehrere Jahrzehnte, sondern erzählt eine bemerkenswert kleine Geschichte, die sich im Groben auf zwei miteinander vernetzte Handlungsstränge verlässt. Da ist zum einen die Nebengeschichte um Martin und Marijke Wells, in der der Zwangsneurotiker und Kreuzworträtselautor Martin, der seine Wohnung kaum verlassen kann, seltsame Ticks aufweist und nahezu lebensunfähig erscheint, von seiner Frau verlassen wird und im Laufe des Romans versucht, diese zurückzugewinnen. Und da ist Robert Fanshawe, der ein Buch über Highgate Cemetery zu schreiben versucht und dort als Touristenführer arbeitet. Seine Liebhaberin Elspeth Noblin, mit deren Krebstod das Buch eröffnet, überlässt ihre Wohnung den beiden Zwillingstöchtern ihrer eigenen Zwillingsschwester Edwina, die ein Jahr in London leben müssen, ohne ihre Eltern in die Wohnung zu lassen, um das Erbe antreten zu können. Was sich anhört wie ein schlechter Boulevardroman mit doppelten Zwillingen – und was mitunter auch vor allen in der Auflösung hart an der Grenze zur Verwechslungskomödie liegt -, entwickelt sich passend zur Friedhofsstimmung schleichend zum Geisterroman à la Peter Straub. Elspeths Geist, in ihrer Wohnung zunächst hilflos gefangen, erlebt den Einzug der exzentrischen Zwillinge Julia und Valentina mit, entwickelt zunehmend die Fähigkeit, wie ein Poltergeist mit der echten Welt in Kontakt zu treten und schmiedet schließlich mit Robert und den Zwillingen einen Plan, zurück ins Leben zu kommen.

Vieles an dem Buch ist irritierend – ganz abgesehen von den Steven-Spielberg-Anklängen und der pseudobarocken Stimmung, die das Buch durchzieht, verlässt sich Niffenegger oft auf völlig unrealistische Wendungen und Entwicklungen, die ihren oft kapitelweise brachliegenden Handlungsfluss dann wieder abrupt in Bewegung setzen. Die Beziehung von Julia und Valentina, bereits zu Beginn unrealistisch konstruiert, wird im Verlauf des Buches so zugespitzt, dass der gesunde Menschenverstand beim Lesen des Buches einfach mal draußen bleiben darf, ähnliches gilt für Roberts Verhalten, dessen Romanze mit Valentina bestenfalls wirsch hingeschrieben wirkt. Und dennoch ist das Buch gerade wegen dieser Fehler charmant, es folgt einer traumhaften Unlogik, in der die Charakter wie von unsichtbaren Fäden entlang einem klassischen Gothik-Plot entlanggetrieben werden, mit allen kleinen Tragödien, die dazugehören. Robert neigt von Anfang an dazu, ein ausufernder Mensch zu sein, dessen Friedhof-Buch über 1000 Seiten lang wird, weil er sich in den Leben der Toten immer tiefer verstrickt, deren Biographien zu fesselnd findet, um auch nur eine auszulassen oder zu kürzen – da ist es doch nicht abwegig, dass dieser Mann sich auch in die jüngere Version seiner toten Liebhaberin verguckt und selbst dann nicht zurückschreckt, als Elspeth und Valentina Pläne schmieden, Valentinas Tod vorzutäuschen. In klassischer, aber sehr kammerspielartig auf nahezu ein Zimmer reduzierter Form, Horrormanier eskaliert Niffenegger die Handlung und je mehr Elspeth ihren geisterhaften Zustand kontrollieren und auf ihre Umwelt einwirken kann, umso mehr wird deutlich, dass dieses Buch kein allzugutes Ende nehmen dürfte.

Audrey Niffenegger gelingt es, mit Charakteren zu hantieren, die im Großen und Ganzen durchweg unsympathisch sind. Julia und Valentina wirken so farblos wie ihre stets weiße Kleidung, Robert ist für eine gewisse Zeit lang ein alter Lüstling, und Elspeth, die stets als unsichtbare Entität im Kern der Handlung steht, ist manipulativ und im weiteren Verlauf des Buches auf eine egoistische Art durchaus auch als böse zu bezeichnen. Einzig Martin, der OCD-Kandidat aus dem oberen Stockwerk, kommt berechenbar paradoxerweise als einzig halbwegs vernünftige Figur über – tatsächlich wird er umso «normaler», je mehr den anderen Figuren die Normalität entgleitet. Martin, dessen Geschichte Niffenegger so lakonisch wie anrührend erzählt, ist sicher ein Highlight des Romans, auch wenn er gegen Ende unter die Räder des langsam losratternden Geisterzuges gerät und das Denouement  seiner ganz eigenen Befreiungsgeschichte überhastet und leider auch etwas berechenbar wirkt, wenn er als Kontrapunkt zum Niedergang der anderen Protagonisten in ein vages Happy End fährt. Robert und Elspeths Geschichte, obwohl beide bekommen, was sie sich am Anfang des Romans zu wünschen glauben, verläuft weniger positiv – die Beziehung der reinkarnierten Elspeth-in-Valentina ist für Robert nicht zu ertragen. Fast symbolisch befreit er sich mit der Fertigstellung seines Buches aus dem Dschungel der Leben der Verstorbenen und verlässt Elspeth.

In traumartiger Logik führt Niffenegger durch die eben komplett unlogische Handlung, die sich so absurd wie zwingend entfaltet, die durch massives Foreshadowing auch eine fast neurotische Zwangsläufigkeit erhält, die Anklänge von Kafka und Konsorten enthält. Niffenegger spielt nicht gegen die Klischees des Geistergenres an, sondern macht sich die rigide Moral der Geschichten zunutze, um eine moderne Variante zu stricken, die ihre Nähe zu Geschichten wie The Monkey’s Paw von William Jacobs kaum verbergen will. Die viktorianische Moral blitzt an allen Ecken und Enden des Buches hindurch – mit wenigen Ausnahmen werden fast alle Figuren zu Opfern ihres eigenen Wunschstrebens – und oft liest sich Fearful wie eine durchaus gelungene Variante des magischen Realismus à la Jonathan Carroll, allerdings auf kleiner Bühne gespielt, wo Carroll (leider) inzwischen oft zu theatralisch wird. Denn Niffeneggers Buch lebt nicht von der abstrusen und à priori stets berechenbaren Geschichte, sondern wie bereits ihr Debut von guter Beobachtungsgabe, interessanten Charakteren und der Fähigkeit, das Unmögliche nahezu lapidar und damit greifbar zu Papier zu bringen. Obwohl der Roman durchweg einen leicht surrealen Diane-Arbus-Touch hat, samt einem Friedhof voller Geister, Zwillingen mit gespiegelten Organen, einer abstrus Shakespeare-esque anmutenden Eifersuchts- und Verwechslungsgeschichte, und obwohl es Niffenegger am Ende mit Valentinas Geist auf dem Friedhof leider übertreibt und in Harry-Potter-Gefilde abdriftet, schafft die Autorin es meist, im Orginaltext zumindest, ihre Charakter in all der unglaubwürdigen und abstrusen Geschichte glaubhaft und authentisch wirken zu lassen. Martin dient dabei sicher als Anker in die Realität – obwohl er dieser am meisten entrückt ist -, aber auch Robert und seine Kollegen wirken sympathisch und «echt» und führen uns so etwas lakonisch durch die Gallerie der Seltsamheiten, die sich im Verlauf des Buches eröffnet. Was schon beim Timetraveller den Kitsch und die Unglaubwürdigkeit in Zaum hielt – und insofern im Film, der alle sympathischen Details medial verwischen muss, weil er nicht die Zeit und Weite eines Buches hat – funktioniert auch hier, und man mag Niffenegger wünschen, dass eher ein David Lynch dieses Buch verfilmt.

Als solches ist Her Fearful Symmetry eine Fata Morgana, ein Buch, das so tut, als sei es eine (durchaus mitunter schlechte) Geistergeschichte, das aber realiter eine (durchaus mitunter gute) schwarze Moralgeschichte ist, die sich um Verlust und Liebe dreht und diese Zustände durch ihre surreale Überspitzung zu beleuchten versucht. Fast en passant, verborgen in der Geistergeschichte an der Oberfläche, entspinnt Niffenegger so eine multifacettierte Geschichte um Befreiung und Individualität – nicht nur in den Konflikten der Zwillingszwillinge Elspeth und Edwina/Julia und Valentina, sondern auch in Robert – der nicht nur seinem Mammutprojekt, sondern auch der Trauer und der vergorenen Liebe zu Elspeth entkommen muss – und in Martin, der sich schlichtweg von sich selbst und seiner Wohnung befreit und sich dabei ebenso selbst betrügt (Vitaminpillen…) wie alle anderen Protagonisten auch… nur mit mehr Erfolg, vielleicht, weil seine Ziele reiner sind. Alle Figuren sind von Trauer, Schuld, Wut oder anderen Gefühlen gefangen… und selbst wenn es auf tragische Art und Weise passiert, sie alle versuchen sich zu befreien. Die Frage ist eben nur, ob «frei» auch immer «glücklich bedeutet».

27. Februar 2010 10:28 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Nice Eating

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Schlechtes Photo, aber tolles Cover. Und tatsächlich, wie man bei Foer und diesem Look direkt intuitiv raten kann, wieder von dem grandiosen Jon Gray.

12. Januar 2010 07:23 Uhr. Kategorie Design. Tag , , . 2 Antworten.

Steve Toltz: A Fraction Of The Whole

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Steve Toltz Debut erinnert nicht ganz von ungefähr ein wenig an Marisha Pessls Special Topic in Calamity Physics. Ambitioniert, verspielt, wortgewaltig arbeitet auch Toltz sich an einer skurrillen Vater/Kind-Geschichte ab, die über Kontinente, Generationen und sämtliche erzählerische Finessen hinwegführt. Die Geschichte des hochintelligenten, aber menschenscheuen und seltsamen Martin Dean wird von seinem Sohn Jasper erzählt, aus der eigenen Erinnerung, aus Tagebüchern, aus Briefen, in einer kaum zusammenzufassenden Eskalation bizarrer Eingebungen und Eskapaden, aus denen man ohne weiteres auch drei Bücher hätte machen können, allein die Geschichte von Terry und Martin Dean wäre einen eigenen Band wert gewesen. Auf fast 800 Seiten und in einem wahren Meer von Subplots diesen furiosen Schreibstil homogen durchzuhalten ist nahezu unmöglich und so gibt es ohne Zweifel einige Stellen im Buch, wo Toltz das Tempo oder die Richtung und auch mal den Faden seines ohnehin nie ganz tighten Plots verliert, aber nie den Witz, die Verve oder das Händchen für das stets wartende herzzerbrechende nächste Desaster, das nahezu unweigerlich aus Martin Deans Ideen entsteht. Seine Leser führt Toltz auf eine atemlose Reise, vorbei an schillerndsten Figuren, am Handbuch für das perfekte Verbrechen, an Europa, durch Gefängnisse, StripClubs und Gangsterlager in Thailand, an zerschellenden Liebesbeziehungen und dem vielleicht dysfunktionalsten Vater/Sohn-Gespann in der Literaturgeschichte, durch zahllose Plot-Loops, die nahezu hysterisch aufeinandergetürmt sind und durch einen wahren emotionalen Sturm, der mal zum Weinen lustig, mal einfach nur zum Weinen ist. Das Buch ist im besten Sinne stürmisch und wechselt nahezu freihändig zwischen langen, dichten Passagen, die Jaspers oder Martins parforce Ritt durch eine unterm Strich doch recht misanthrophische Philosophie voranbringen und einem leichtfüßigen, fast an John Irving erinnernden Erzählstil, der abstrakterweise oft genau dann einsetzt, wenn die eigentlich Handlung am düstersten und morbidesten ist, etwa wenn Martins langjähriger «Freund» Eddie ein ganzes Dorf vergiftet, um endlich in die Fußstapfen seines Vaters als Arzt treten zu können. A Fraction of The Whole wird dem Titel mehr als gerecht – das Buch ist ein Cocktail aus Einzelteilen, die ihre Geschichte aus verschiedensten Perspektiven beleuchten und eben doch nie wirklich ein ganzes Bild ergeben. Jede der Figuren hat ihre eigene Geschichte in diesem Buch, jede Seite hat ihren eigenen besonderen Satz, der mehr als einmal wirklich bemerkenswert ist, jedes Kapitel schillert in anderen Farben, man hat nie das Gefühl, sich durch einen dicken Wälzer kämpfen zu müssen – obwohl man in der Tat recht lang an Fraction of a Whole liest, weil das Buch zwar wie eine Fata Morgana sehr leichtfüßig scheint, aber nicht immer leicht ist und zahlreiche Passagen und Zusammenhänge hat, die man sich auch erarbeiten muss, zumal unter dem Wirbelsturm der Handlung auch eine religiöse und philosophische Betrachtung mitstattfindet.

Fraction ist ein besonderes Buch, ein besonderes Buch, über das man sich gelegentlich ärgert oder in dem man nicht vorwärts kommt, das man aber ebenso oft kaum aus der Hand legen mag, weil man im Sog der skurrilen Handlung und im Bann der faszinierenden Figuren gefangen ist. Die Sorte Buch, bei der man sich mittendrin irgendwann besorgt fragt, ob der Autor diese Wucht, diese Energie noch ein zweites Mal hinkriegt, ohne sich zu wiederholen – denn hier sind mindestens Ideen für zehn Bücher verpulvert, als gäbe es kein Morgen mehr. Bleibt zu hoffen, dass  Toltz in Sydney längst an seinem zweiten Buch werkelt, das hoffentlich genau so funkelnd, glühend, düster und grell ausfällt.

11. Januar 2010 10:38 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Eine Antwort.

Zwillinge bei der Geburt getrennt

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Links das UK-Random-House-Cover des neuen Buches von Audrey Niffenegger, hier auch mit dem Originaltitel Her Fearful Symmetry, der eine im Hinblick auf den Buchinhalt wunderbare Anspielung auf William Blakes The Tyger ist, und mit einem Photomotiv das fast perfekt die beiden Protagonistinnen und Highgate Cemetery einfängt.

Links das deutsche Cover mit verschwundener literarischer Anspielung und … einigen Blümchen. Ein Cover, das wahrscheinlich preiswerter war als die ganzseitige Anzeige in der Zeit, in der ich die deutsche Fassung entdeckte.

Es gibt Tage, da verstehe ich deutsche Verlage nicht so wirklich.

(Und ja, über die Typographie kann man in beiden Fällen streiten ;-))

1. Dezember 2009 23:17 Uhr. Kategorie Design. Tag , . 6 Antworten.

Chuck Palahniuk: Pygmy

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Man kann Chuck Palahniuk vorwerfen, was man mag, langweilig ist der Mann nicht. Obwohl es in seinem Schreibstil gewisse Elemente gibt, die eben «typisch» für ihn sind, rüttelt kaum ein anderer Autor so entschlossen an den Käfigstangen seiner Kreativität. Egal ob die Geschichte an sich oder die Stilmittel, Palahniuk ist Grenzgänger des Machbaren. Nachdem Snuff gegenüber seinem grandiosen vorletzten Buch Rant nahezu normal war – sofern man ein Buch über einen Selbstmordversuch qua Gangbang «normal» finden will – ist Pygmy stilistisch wieder völlig befremdlich. Kurz gefasst erzählt es die Geschichte einer Gruppe von Kinderterroristen aus einem nicht näher bezeichneten aber fernöstlich anmutenden Staat, die in Amerikas scheintote Vorstadtwelt eingeschleust werden, aus der Sicht eines der Terroristen in Spe, der wegen seiner Körpergröße nur Pygmy genannt wird. In einem an Everything is Illuminated erinnernden, dabei aber deutlich weniger elegant verstümmelten Englisch, das oft an die Grenze des Verständlichen geht. Es ist in erster Linie ein sprachliches Experiment, das einerseits nach klaren sprachlichen Regeln zu funktionieren scheint, andererseits ablative Sprünge in der Sprachentstehung zulässt, wodurch ein seit Clockwork Orange nicht mehr so verwirrender restringierter Sprechcode entsteht, der an Boshaftigkeit und Bissigkeit kaum zu übertreffen ist. Durch diesen kleinen Kunstgriff gelingt es Palahniuk, die vertraute Suburban Reality zu brechen, zu rephrasieren, neu zu entdecken und was wir in der Sprache des Fremden über uns selbst herauslesen, ist erschreckend – Palahniuk liefert den Soundtrack eines verwesenden Landes, das bizarr und fremd wirkt wie aus der Twilight Zone gezerrt.

Das es dem Autor dazu gelingt, ein seltsam fragiles Buch über das Erwachsenwerden, die erste widerwillige Liebe, widerborstige Teenager und Leistungsdruck in der Schule zu formulieren, mithin die Zutaten von Peter Parker, Spider-Man modern zu remixen und aus dem «anderen» Helden eben einen «anderen» Schläfer-Terroristen zu machen, ist bewundernswert – das Buch liest sich als hätten Stan Lee, Kierkegaard, Nietzsche und Mao sich eines nachts im LSD-Rausch eine Comicfigur erdacht. Dazu passt, dass Pygmy seine Berichte wie ein Blog oder wie ein monatliches Abenteuerheftchen nach Hause an den Staat schickt, der sich in der Rückblende als seltsam stählener, elternmordender Gegenentwurf zum Individualismus entpuppt, vor dessen Folie Pygmys harsche Kritik am American Way of Life, an der Familie, an Walmart und an der Religion einen surrealen Schattenwurf bekommt, weil ihr ein Gegenmodell fehlt (und so verwundert es nicht, das Pygmy im Verlauf des Romans etwas weicher und menschlicher wirkt und in seiner dysfunktionalen Adoptivfamilie ankommt).

Gekonnt wie immer verpackt Palahniuk seinen Blick auf die Freakshow des Lebens in ein neues Format und bliebt sich so zugleich treu und doch frisch. Die Thematik des Buches, die Art, wie Palahniuk mit Motiven, Dopplungen, Phrasierungen und anderen Tricks meisterhaft eine sprachliche Melodie entwickelt, sind vertraut – und dennoch schafft der Autor es, in seinem immerhin zehnten Buch keine Langeweile, keine Stagnation aufkommen zu lassen. Palahniuk scheint unter dem Druck zu stehen, sich und uns immer und immer wieder beweisen zu müssen, dass er kein One-Trick-Pony ist. Und entsprechend schraubt er auch die Geschmacklosigkeit und Absurdität des Buches in immer neue Höhen – mit einer umwerfend geschmacklosen Vergewaltigung, mit einer Gastfamilie, wie man sie sich bizarrer kaum vorstellen kann, mit einer Schule, die eher wie ein Freakzirkus scheint… Palahniuk erreicht hier sicher nicht die schwindelerregend turmhohe Surrealität, die Rant zum Meisterwerk macht, aber Pygmy wirkt in jeder Hinsicht weniger barock als Rant, mehr wie eine kleine, trotz 250 Seiten enorm schnelle Satire, die vor allen Dingen immer wieder abenteuerlich komisch ist, selbst wenn der Humor mitunter auch mal schmerzhaft derb wird. Unrealistisch, durchgeknallt, eine perfide Achterbahnfahrt durch die Gelüste und Unsicherheiten eines Teenagers im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ist Pygmy schwer zu lesen, pädophil, gewalttätig, voller Dildowitze, hysterisch, verdrogt, geschmack- und respektlos und doch voll zarter, zerbrechlicher Momente, die immer wieder kurz durchblitzen, eine Tour de Force, die sicher manchen Leser vergraulen dürfte – aber die tatsächlich jede Sekunde ein Genuss ist.

12. Oktober 2009 19:10 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Edward St. Aubyn: Some Hope

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Edward St. Aubyns semi-autobiographische Patrick-Melrose-Trilogie Some Hope ist ein zurecht von der Kritik gefeiertes Buch – das bittere, zynische und zugleich hochkomische Portrait einer Jugend, die durch Mißbrauch gezeichnet wird, die schließlich in den Drogentrip und zu einer Art von Läuterung führt, ist kalt, luzide und analytisch. Und ließ mich dennoch überraschend kalt. Vielleichtist mir der Stoff zu britisch, zu stiff, abgehandelt, vor allem das erste Buch Never Mind liest sich stellenweise wie ein etwas braverer Tom Sharpe, wenn auch die Bosheiten und Wortgefechte brilliant getimed sind. Vielleicht auch nur, weil es mir nie gelang, zu einer der Figuren eine Beziehung aufzubauen, selbst zum jungen Patrick nicht, weil sie grell flirrende Grosz-Karikaturen bleiben, die der Autor in kurzen Vignetten ein- und ausblendet und nur mit grober Kohle zu Papier bringt. Das zweite Buch, Bad News zeigt die Folgen von Akt I, einen suizidalen, im Wortsinne lebensmüden Patrick, der sich gelangweilt zwischen Restaurants, Hotels und der Drogenbeschaffung die Zeit vertreibt und eine Irvine-Welsh-esquen Trip erlebt. Der dritte Teil schließt den Kreis und kehrt zum episodenhaften Erzählstil von Never Mind zurück und zu den oberflächlichen Petitessen der Upper Class, diesmal mit feinem Bleistift statt mit Kohle festgehalten, mit mehr Graunuancen und feineren Details – und einer schreikomischen Princess Marger. Das Problem ist, das man die Ennui und Leere der (britischen) Oberschicht und die Frage nach der Existenzberechtigung einer Gesellschaftsklasse, die so ausgebrannt und zynisch ist, dass ihr Lebensinhalt die jeweilige gegenseitige mehr oder minder elegante Demütigung zu sein scheint, bereits mehrfach und zum Teil beileibe auch nicht schlechter gelesen hat – so dass man beim Lesen der Trilogie immer wieder eine Art lähmendes Deja Vu zu haben scheint. Das gilt insbesondere für Bad News, vielleicht weil die nihilistische Mischung aus New York, urbanen Lifestyle und Drogen erschreckend an eine Art verwässerten, milderen Bret Easton Ellis erinnert. In einem Buch voller egozentrischer und verbogener Charaktere fällt es dem Leser schwer, eine Identifikationsfigur zu finden, zumal vor allem Patrick Melrose selbst oft in die Rolle der Nebenfigur gedrängt ist und die Bühne frei machen muss für die schillernde Snobshow der High Society, deren Figuren aber selbst oft oberflächliche Pappcharaktere bleiben, die einander demütigen und übereinander lästern, ohne dass eine grundlegende Motivation für das Verhalten der Figuren erkennbar ist – anscheinend reicht dem Autoren schon allein die Zugehörigkeit zum Geldadel, um Menschen zynisch und kalt werden zu lassen. Bei aller Bewunderung der grandiosen Dialoge und der scharfen Beobachtungsgabe von St. Aubyn, mutieren seine Figuren beim Lesen nach und nach zu Kasperlefiguren, denen der Puppenspieler nur seltendie Illusion echten Lebens einhauchen kann. Wodurch zugleich auch die Empathie mit Patrick Melrose ausbleibt, der kein Mitleid auszulösen vermag, sondern wie ein gequältes Insekt unterm Mikroskop ausgestellt bleibt, irritierend, fremd. Dazu kommt, dass der dritte Teil nach dem furiosen Bad News seltsam sanft und ausgebremst wirkt, vielleicht passend, um das Lebensgefühl eines geläuterten Ex-Junkies zu reflektieren, sicher aber kein Höhepunkt einer Trilogie, sondern mehr ein Nachgedanke.

2. Oktober 2009 08:52 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Thomas Lehr: 42

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Der Weltuntergang ist eigentlich eine Forte der englischsprachigen Literatur, die sich im Grunde vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg ausgiebig, unweigerlich oft als SF-Spekulation und insofern unweigerlich oft trashig, mit dem Thema einer post-apokalyptischen Gesellschaft befasst hat. Richard Mathesons I am Legend, Stephen Kings The Stand oder John Wyndhams The Day of the Triffids sind nur wenige Beispiele für ein ganzes Literaturgenre, das mit verschiedenen Mechaniken die Menschheit mal mehr, mal weniger auslöscht, um an den Kern menschlicher Daseinsfragen zu gelangen. Stets ein Spiegel latenter gesellschaftlicher Ängste, haben viele dieser Bücher gerade in den 50er und 60er Jahren natürlich den nuklearen Holocaust aufgegriffen, heute sind es vor allem vor allem bakterielle und genetische Spielarten des Science-gone-wrong-Genres, mit denen sich die Leser gern gruseln, ganz zu schweigen vom Trend zur von Menschenhand verursachten Naturkatastrophe.

Thomas Lehr bedient sich in seinem Buch 42, dessen Titel passenderweise nichts mit Douglas Adams Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu tun hat (weil Lehr die Anhalter-Trilogie nie gelesen hat und erst von seinem Verlag von dem zufälligen Apropos des Titels erfuhr), sondern mit der 42. Sekunde, in der die Zeit einfriert und zugleich mit der Doppeldeutigkeit von 42 als japanisches Symbol für den Tod, nur scheinbar dieses Genres. Der Grundplot seines Buches – nach einem Unfall im CERN-Reaktor steht sie Zeit weltweit still, bis auf für eine Handvoll Überlebender – eignet sich bestens für einen Roland-Emmerich-Film und erinnert vielleicht nicht von ungefähr an Philipp K. Dicks Eye in the Sky.  Die Überlebenden durchlaufen eine fast an den Umgang mit schwerer Krankheit erinnernden Ablauf von Schock, Orientierung, Missbrauch, Depression und Fanatismus, der das Buch grob gliedert. Die rund 70-köpfige Gruppe spekuliert während ihrer Odyssee durch die gefrorene Zeit frei und hochkontrovers über die Gründe und technischen Bedingungen ihrer neuen Existenz, einige Mitglieder missbrauchen ihre neu gewonnene Macht über die still stehenden Menschen um sie herum ausgiebig, und am Ende zahlreicher Abenteuer kommt nach einem plötzlichen kurzen ruckhaften Weiterticken der Zeit um wenige Sekunden ein Großteil der Cernies-Gruppe erneut zusammen, um ein finales Experiment namens Fönix zu wagen, das sie in die Zeit vor dem Unfall zurückschleudern soll.

Aber der apokalyptische Nebelschleier dient nur als theoretisches Exoskelett des Buches – anders als Wyndham und Konsorten geht es Lehr selten darum, eine postapokalyptische Gesellschaft zu analysieren oder nach einem «clean slate event» eine Rückkehr zu besseren Werten zu propagieren. Vielmehr nutzt Lehr den Stillstand der Zeit – und damit das Zusammenfließen von Zeit zu einem im Endeffekt handlungsfreien Raum – für eine kaustische Analyse seiner Protagonisten. Der Form halber gibt es gesamtsoziale Ansätze sicher an einigen Stellen, wenn etwa einige der Überlebenden versuchen, in einem Dorf eine neue Sozialform aufzubauen (die aber prompt zum Scheitern verurteilt ist, die Illusion einer heilen Welt hat keinen Halt), aber primär folgt Lehr seinem Helden Adrian Haffner eher in eine Art Isolation, eine Art Meditation, auf eine fast spirituelle Wanderschaft, die ihn quer durch Europa führt, wo er nicht nur seine eigenen Erfahrungen mit dem Mißbrauch macht, den das Leben in der photographierten Zeit mit sich bringt, sondern auch seine Freundin Karin im Bett mit einem Nebenbuhler entdeckt. Den Haffner prompt so im Fenster des Hotels platziert, dass dieser wie Schrödingers Katze zwischen Leben und Tod quantelt, in einem ähnlichen Schwebezustand wie Haffner selbst. Lehr entspinnt dazu eine seltsame Dreiecksbeziehung zwischen Adrian und zwei weiteren Chronifizierten, Boris und Anna, mit der Haffner bereits vor der aus der Fugen geratenen Zeit eine kurze Affaire hatte. Hier, wie an anderen Stellen, entpuppt sich 42 als Liebeserklärung an Autoren wie Frisch, Kafka, Mann, Döblin, Musil, Grass und nicht zuletzt Joyce. Als reichen die wenig sanften Stream-of-Consciousness-Anspielungen nicht, lässt Lehr seinen Helden sogar tatsächlich auf dem Berliner Alexanderplatz herumirren, und auch andere Anspielungen auf den Zauberberg (in dem ja mehrfach auf die Relativität von Zeit eingegangen wird), die Blechtrommel, den Mann ohne Eigenschaften und zahlreiche andere Werke ziehen sich wie ein roter Faden durch 42 – so sehr, dass man fast von einer literarischen Gesamtverbeugung sprechen kann, die aber stets so eigen und elegant bleibt, dass Lehr weit entfernt von Entlehnungen oder Plagiarismus ist, im Gegenteil. 42 schafft das Kunststück, den zitierten Idolen oft durchaus gerecht, verläuft vielschichtig und bleibt trotz des fast völligen Fehlens einer linearen Handlung immer spannend. Streckenweise schwer zu verstehen, weil späteres Wissen nötig ist, um frühere Handlungen zu verstehen, setzt sich das Buch beim Lesen wie ein Puzzle schmerzhaft langsam zusammen und ergibt erst am Ende eine Art Gesamtansicht, die fast sofort ein zweites Lesen verlangt, um nach Indizien und Hinweisen zu suchen. Meisterhaft hantiert Lehr mit Foreshadowing, mit Sprachwitz, aber auch mit der großen Geste, die bei vielen Schriftstellern heute entweder in Vergessenheit geraten oder zur Karikatur geronnen ist. Mit der beklemmenden Ernsthaftigkeit russischer Autoren seziert Lehr seinen Protagonisten als amoralisch und oft unsympathisch, wenn auch gemessen an seinen Leidensgenossen fast noch harmlos und tragisch.Zugleichspielt Lehr fast zu wortgewaltig mit den möglichkeiten gefrorener Zeit, erfindet immer neue Wortkonstruktionen und -ballons für den Zustand, und beweist so nicht nur seine eigene Sprachmacht, sondern eben auch, dass es einen Grund hat, wenn Eskimos ungezählte Begrifflichkeiten für Schnee haben… er ist ihr zentraler Lebensraum, und so entwickeln auch die Chronifizierten oft etwas unbeholfen ganz neue Worte für ihre neue Chronosphäre. Nur selten vergreift sich Lehr im Ton, etwa wenn er fast burlesk über Haffners sexuelle Eskapaden schreibt, der zunächst unbeholfen, fast wie ein onanierender Teenie, den Trockensex mit den zeitgefrorenen Restmenschen entdeckt und sich bei Frauen so bedient wie die Cernies auch in Sachen Essen und Trinken zu Parasiten geworden sind – sie nisten sich in Hotels und Schlössern ein und leben von Mundraub und Diebstahl, Sex mutiert zu einer Art tragikomischer Vergewaltigung. Lehr nutzt den Trick der gefrorenen Zeit für eine zeitlupenlangsame, wie ein komplexer Kristall gefertigte Analyse menschlicher Moral in einer Situation, die zugleich Allmacht und Ohnmacht bedeutet. Entsprechend manisch-depressiv agieren die Anti-Helden in Lehrs Buch, festgehalten von Haffners Blick, der für einen gelernten Journalisten seltsam ausscheifend und unsachlich wirkt und im Rahmen des finalen Fönix-Experimentes in einem an die Psychedelia-Episode in 2001 erinnernden massiven Textblock kulminiert, der eine halluzinogene Zeitreise umfasst. Am Ende des Romans schließt Lehr den Zirkel nahtlos, lässt seinen Protagonisten an den Anfang des Buches zurückkehren und dort eine dramatische Entwicklung machen, die das Buch mehr als rechtfertigt und zu Recht aus dem stets wackeligen SF-Konzept befreit: FHaffner entdeckt auf Photographien die Leichen von sich und seiner Gruppe im zerfetzten Delphi-Schacht, umgekommen bei dem ursprünglichen Unfall. So kippt, förmlich auf der letzten Seite, im Stile des klassischen Mindfucks, das gesamte Buch zur Geistergeschichte, zum Purgatorium und viele der Ungereimtheiten entpuppen sich als im höchsten Maße sinnvoll im Kontext der klassischen Poltergeistphänomene. Es ist ein schriftstellerischer «Sleight of Hand», ein Zaubertrick-Kunststückchen, mit dem Lehr aufs großartigste seinem Buch den Teppich unter den Füßen wegzieht und es zugleich als genrefrei definiert – und nicht zuletzt die Doppelbödigkeit des Titels absolut rechtfertigt. Dass sich zumindest bei mir schon früh der Verdacht eingeschlichen hat, dass Haffner und Konsorten nicht in der Zeit gefangen sind, sondern vielmehr SIE stillstehen als Geister in einer Welt, die nur für sie gefroren scheint, sich in Wirklichkeit aber weitergedreht hat, während sie nur noch als Schatten in einem Abbild stillstehen, ist dabei wenig störend, weil Lehr mit genau dieser Unschärfe meisterhaft spielt.

42 ist die Sorte Buch, die man liebt, hasst oder nach der zwanzigsten Seite gelangweilt aus der Hand legt. Es ist ein monomanisches, etwas selbstverliebtes Buch, in dem Thomas Lehr in langen, mäandernden Sätzen den Stillstand von Zeit tatsächlich greifbar macht, in der Sprache wie sonst selten als intensives, schmerzhaftes Werkzeug genutzt wird. Es ist ein anstrengendes, süchtig machendes Buch, das man ohne großen Umwand als Meisterwerk mit kleinen Mängeln deklarieren darf. In fast hingerotzten Details verbergen sich tiefe Schätze, aus denen andere Autoren ganze Bücher gemolken hätten. Andererseits entwirft der Autor in den kontemplativ langen Strecken der erzwungenen Introspektionein Gemälde des modernen Menschen, der plötzlich in einer technoisierten Welt der Technik entrissen wird, und als dessen größter Feind in der Nullzeit sich die Langeweile, die Beschäftigung mit sich selbst entpuppt. Im Spiegelkabinett des ewigen Gleichseins gefangen, der ultimativen Postmoderne, in der alles relativ, alles gleich und ohne Konsequenzen ist, entblättert Lehr einen Übermenschen à la Nietzsche, der sich wie ein Blitz in der schneckenhaft stillstehenden Welt bewegt, der – à la Bakers Fermata – alles und jeden nach Belieben ohne Grenzen manipulieren kann. Bei Lehr entpuppt sich dieser eben a-soziale Übermensch als armes Würstchen, der wahlweise sinnloser Perversion anheim fällt oder sich pathetisch in Selbstmitleid wälzt. 42 nutzt insofern die ausgesetzte Zeit, um die vielbeschworene conditio humana in aller Ruhe beleuchten zu können und vielleicht zu zeigen, dass die wirkliche Apokalypse die Einsamkeit ist.

14. August 2009 10:12 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Eine Antwort.

Douglas Coupland: Girlfriend In A Coma

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Girlfriend in a Coma ist ein seltsames Buch, interessant am ehesten unter dem Aspekt, einem Autor bei dem Versuch zuzusehen, aus seiner schriftstellerischen Nische zu entkommen. Es fühlt sich an, als würde Coupland versuchen, eine Art magischen Realismus à la Jonathan Carroll zu schreiben. Nicht umsonst beginnt das Buch mit einem Ich-Erzähler, der sich als Geist vorstellt, im Grunde das gesamte Thema des Buches in einem Satz zusammenfasst – um dann für 2/3 des Buches wieder zu verschwinden. Im folgenden widmet sich Coupland Richard und Karen, die nach ihrem ersten Sex mit Richard für die nächsten 17 Jahre in ein Koma fällt (Sex is bad, kids!). Angesichts des schon bei den Smiths entliehenem Buchtitels schickt und Coupland durch ein mit Morrissey-Zitaten angereichertes Nichts )wohlgemerkt, die Zitate erscheinen auch schon in den 70s, also bevor es die Band eigentlich gab, präkognitiv sozusagen), in dem der Freundeskreis damit beschäftigt ist, nichts zu tun. Coupland wärmt hier seine stillstehende posthistorische Generation X auf, die sich durch die Siebziger und Achtziger schlagen, Supermodels werden und trotzdem in ihre Heimatstadt Vancouver zurückkehren, bei den X-Files arbeiten, Heroin nehmen, um die Welt reisen um die großen Antworten zu finden und irgendwie eine Menge machen, ohne das wirklich was passiert. A lot goes on but nothing happens, das ist dann auch das Feeling des ersten Teils des Buches, in dem Couplands quintessentielle Slacker wie zerbrochene Spielzeuge durch den Plot gezogen werden, als lebende Kritik an der durchhängenden, nichts aufbauenden Generation, für die sie stehen. Hätte Coupland es bei diesem mitunter etwas langatmigen, in seiner Boshaftigkeit aber auch faszinierenden Part gelassen, wäre Girlfriend ein zumindest halbwegs erträgliches Buch geworden. Im zweiten Teil erwacht Karen aber unter mysteriösen Umständen aus ihrem Koma – da hat anscheinend wirklich jemand zu viel X-Files gesehen -, begegnet der Tochter, die sie im Koma geboren hat, allerlei mysteriöse Dinge geschehen – und kurz darauf steht die Welt still. Während zuvor nur metaphorischer Stilstand herrschte und die Protagonisten ihre Leben nicht voll auszuleben schienen, leben sie jetzt in einer postapokalyptischen Welt, wo ihre negativen Tendenzen – Drogen nehmen und Faulenzen – voll zum Vorschein kommen. Anstatt eine neue Zivilisation aufzubauen, wie sich das für postapokalytische Amerikaner (well, Kanadier eigentlich) gehört, hängen sie einfach ab und schauen sich Videos an… bis ihnen der Geist von Jared die Leviten liest und eine Chance gibt, die Welt wiederzubeleben, wenn sie ihr Leben ändern.

Progress is Over heißt ein Kapitel des Buches, und ebenso stumpf ist auch Couplands Message: Fukoyamas Ende der Geschichte ist Unsinn, unsere Generation muss sich anstrengen, gewinnt den US-Pioniergeist zurück, you have a mission. Raus aus der Postmoderne, rein in die Kartoffeln. Während der erste Teil des Buches Coupland auf Autopilot zeigt, gibt es in der Mitte einen klaren Bruch,so als würde sich der Autor mit seinem eigenen schriftstellerischen Werkzeug langweilen und mal etwas ganz anderes probieren wollen, was an sich großartig wäre – der stets extra-lakonische, popkulturzitierende Gen-X-Schreibstil wird ja auch schnell anstrengend -, nur leider hat Coupland ganz offensichtlich einfach gar kein anderes Werkzeug. In übelster Manier entwickelt er eine pseudo-mystische, pseudo-übersinnliche Geschichte, die Plumpheit kaum zu überbieten ist. Während der erste Teil des Buches langsam ist, aber durchaus seine Momente hat, ist der zweite und dritte Akt so derart amateurhaft geschriebene Stephen-King-Fanfiction, das man es kaum glauben mag: Das Ende wirkt, als habe Coupland es übernächtigt ohne jede Planung und mit einem massiven Hangover auf einem Nachtflug nach Japan geschrieben, es macht weder im Sinne einer bündigen Handlung einen guten Eindruck, noch ist die moralische Botschaft in diesem unfassbaren Holzhammer-Härtegrad erträglich.

Coupland präsentiert die Gegenwart gemessen an den Träumen der 17-jährigen in den Siebzigern als Alptraum. Mit Karens Augen erleben wir eine Welt des Stillstandes, der zerbrochenen Träume, von zuviel Medienkonsum, Drogen, Selbstzweifeln, inmitten vergifteter oder zielloser Ambitionen, in der sich ihre Freunde bestenfalls durchhangeln oder eine Art gleichgültiges Pausen-Dasein ohne Ziele führen, in der das Vakuum von exzessivem Technologiegebrauch gefüllt wird. Der Kunstgriff, Karen zwei Dekaden überspringen zu lassen, sollte absolut reichen, um eine deutliche Kritik an der lethargischen Jetztzeit und den Verlust von Idealismus und Unschuld der Jugend zu ermöglichen. Anscheinend fand Coupland seine Botschaft aber noch nicht eindeutig genug, deshalb bekommen wir im zweiten Teil Visionen, den kompletten Weltuntergang – mit Ausnahme von einer handvoll Leuten in Vancouver, hust, die zufällig unsere Protagonisten sind, these things happen – kryptische Geister/Engelserscheinungen von Jared, der seinen Ex-Freunden teilweise schreckliche Dinge antut, aber sie anscheinend nur wach rütteln will. Am Ende wird die Welt wieder hergestellt, wie sie war kurz bevor Karen aus dem Koma erwachte und der Freundeskreis von Richard, Linus, Wendy und Co hat eine göttliche Mission zu erfüllen… als Leser bleibt man hingegen kopfschüttelnd zurück, weil man zusehen durfte, wie ein Autor seinen etablierten Schreibstil verwirft, um essentiell noch schlechter zu schreiben. Couplands postmoderne, oft sardonischer Stil à la Microserfs ist eine Sache, die man durchaus kritisch sehen kann, aber DEN beherrscht er wenigstens – während der unbedarfte eindimensionale Stil gegen Ende des Buches bestenfalls als Experiment eine Art Anti-Coupland zu erfinden interessant sein kann, aber nun wirklich keine Publikation wert ist. Faktisch sagt Coupland in Girlfriend recht deutlich, das der Stil, wegen dem man seine Bücher bisher eigentlich gelesen hat, aus seiner Sicht Müll ist, die Haltung dahinter falsch ist und jetzt alles anders werden muss… nur, dass anders und neu hier eben nicht besser ist, sondern ein entsetzlich transparenter und anstrengender Hau-Drauf-Stil aus einem Schreibkurs für Anfänger.

Es ist natürlich wichtig, dass Autoren sich ausprobieren und weiterentwickeln. Aber ich habe selten einen so hölzernen, zweitklassigen moralinsauren Exkurs gelesen, der so voller Selbsthass und Hass auf die eigene Generation und Zeit steckt, der sich kaum mehr um ein narratives Gerüst kümmert, sondern statt dessen die Form eines langen – dazu noch aus dem Jenseits offiziell authorisierten – Vortrag über den Sündenfall der Menschheit annimmt. Letztenendes wird die Kritik auch im ersten Teil des Buches unter dem «alten» Coupland deutlich, aber niemals so plump und einfältig wie in Part II unter Coupland 2.0. So beginnt das Buch durchaus vielversprechend und endet als Volldesaster – und das ist noch um einiges schlimmer als ein Buch, das wenigstens die Fairness besitzt, von der ersten Seite an Müll zu sein… da weiß man wenigstens, woran man ist. ;-)

11. Mai 2009 09:11 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . 2 Antworten.

Coming Soon: Pygmy

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Chuck Palahniuks neues Buch – jetzt vorbestellen :-D.

20. April 2009 06:41 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

R.I.P. JG Ballard

Gerade kam von Thomas die Mail -  mit einem dicken :-( überschrieben -, dass J.G. Ballard tot ist. Einer der wenigen Autoren, denen man ein Adjektiv zugeschrieben hat («Ballardian»), leben wir längst in einer Welt, die Ballard fiktional beschrieben hat – die kleinen Übertreibungen und Zuspitzungen und Surrealitäten in seinen Romanen sind Alltag geworden. Wenn du hörst, dass jemand seine Tochter für Dekaden in einen Keller sperrt, wenn du hörst, was nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans (übrigens bis heute) passiert, wenn du von Amokläufern an Schulen läufst, wenn du über den seltsamen Fetisch Auto nachdenkst, der in der für diese Branche überfälligen Branche künstlich am Leben erhalten wird, weil wir anscheinend eine Gesellschaft ohne Autp unvorstellbar finden, wenn du von Terrorattacken in Mumbai hörst… dann sind das alles typische Ballard-Themen – und entsprechend seiner intensiven Auseinandersetzung mit dem Leben in der (Post)-Moderne gehört Ballard zu den wenigen Autoren, die Künstler, Musiker, Filmemacher und sogar Philosophen inspiriert hat. Ballard starb gestern im Alter von 78 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung.

06:36 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Keine Antwort.

Michael Chabon: The Final Solution

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Nach dem furiosen Yiddish Policemen’s Union zeigt Chabon hier eine andere Seite seiner Kreativität – er erspinnt einen letzten Fall für den misanthrophen und in Sussex zurückgezogen lebenden, fast vergessenen Sherlock Holmes, der durch einen grauen Papagei, der mysteriöse Nummern rezitiert und schon bald zum Fokus eines Mordfalls wird, aus dem Ruhestand gelockt wird. Obwohl Chabon dabei keineswegs nahtlos in die Haut von Sir Arthur Conan Doyle schlüpft, merkt man dem Buch doch die tiefe Versunkenheit in den Holmes-Kanon an, die Detailfreude, und die Tatsache, das Holmes (vielleicht aus Copyrightgründen) nicht einmal beim Namen genannt wird, ändert wenig daran, dass Chabons Pastiche (die schon vom Namen an The Final Problem erinnert und von kleinen Illustrationen abgerundet ist) ein Vergnügen ist, das zugleich moderne Sensibilität hat und doch an die Abenteuer des «echten» Holmes anzuschließen vermag.

Das dünne Buch hat knapp den Umfang einer Novella oder längeren Kurzgeschichte, die Handlung rund um das Birdnapping ist kaum minder durchschaubar und selbst die Auflösung der Ziffernketten, die der Papagei endlos herabbetet, bereits im Titel in schönster Doppeldeutigkeit vorweggenommen, ist angesichts des Zeitraums, in dem der Roman spielt, absehbar. Dennoch geht Chabon deutlich verschlüsselter, und insofern vielleicht respektvoller mit Holmes um als vielleicht Laurie King (The Beekeepers Apprentice), und strikt zugleich elegant die die meisten seiner Bücher durchziehendes Themengebiete ein – Vater/Sohn-Beziehungen und die jüdische Geschichte, verkörpert durch den stummen jüdischen Jungen Linus, dem der Vogel (Bruno) gehört. Chabon lässt den altersschwachen Holmes mustergültig zu einem letzten Bravourritt aus dem Ruhestand, weniger um den Mordfall zu lösen, sondern eher, um sein Versprechen zu halten, dem Jungen seinen Vogel zurückzubringen. Alt, aber mit der vertrauten Arroganz gegenüber der Polizei, körperlich gebrechlich, aber mental immer noch einen Schritt voraus, führt uns Holmes durch das Buch, bis Chabon mit einem verwirrenden und zugleich bestechenden Kunstgriff ein Kapitel aus der Sicht des entführten Vogels erzählt – nur eines der vielen Details, das gewährleistet, dass der Autor niemals zu einer Doyle-Kopie wird, durch das schnell klar wird, dass es hier nicht um eine reine weitere Holmes-Pastiche geht, sondern die Figur nur ein Mittel zum Zweck ist, um eine tiefer mitschwingende Miniatur-Fabel über das menschliche Elend zu ermöglichen.

Wie schon bei The Yiddish Policemen’s Union nutzt (und sprengt) Chabon Genrekonventionen, vertieft sich sinnierend in Bienenkolonien, taucht in die Untiefen des Ehelebens ein, stellt das kleine Verbrechen in den größeren Kontext einer grandios absurd anmutenden Spionagegeschichte, eines ausgebombten Londons und zugleich vor die Folie der größeren Verbrechen in den Konzentrationslagern des Dritten Reichs. Es ist ein Buch, dass bei aller Kürze voller verfolgenswerter Symbole und Motive ist, ein eigenes kleines Detektivwerk, in das Chabon immer wieder Hinweise und Andeutungen versteckt, selten ganz Klartext schreibt, sich stilistisch in die mäandernden Satzstrukturen des 19. Jahrhunderts zurückzieht und doch ganz seinem Stil treu bleibt. Ihm gelingt so nicht nur ein der trauriges, tiefgründiges Postscriptum zu Doyles Werk, sondern auch ein verspielter, ironischer und melancholischer Rückblick auf das Detektivgenre an sich, das heute längst in der ermüdenden Flut uneleganterer Thriller versunken ist. The Final Solution ist ein brillantes und zutiefst kluges Spiegelkabinett, das auf knapp 130 Seiten mehr Tiefgang erreicht als andere Bücher mit dem dreifachen Umgang jemals erträumen können.

1. März 2009 20:22 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Michael Chabon: The Yiddish Policemen’s Union

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Wie auch in The Final Solution versucht sich Chabon in The Yiddish Policemen’s Union erfolgreich an Genreliteratur, in diesem Fall an Hard Boiled Crimefiction à la Dashiell Hammet oder auch Raymond Chandler. Ein Genre, dass zugegebenermaßen eigentlich keine weiteren Epigonen braucht, die den ohnehin ausgetretenen Pfad noch breiter trampeln. Würde man für jeden angeblichen «nächsten» Chandler einen Euro kriegen, man wäre ja mehr als reich.

Das Ding ist nur: Chabon ist wirklich gut. Wirklich gut. Zum einen, weil er seine kleine schwarze Geschichte in ein völlig wunderbares, historisch mehr als surreales Setting setzt, zum anderen, weil er die Ticks und Tricks von Hammet und Chandler nicht einfach nachahmt, sondern versteht und liebevoll-ironisch wendet. Es ist faktisch die Sorte, bei der dir jedes Kapitel, jede Seite mindestens einmal Respekt vor der schieren Phantasie oder dem handwerklichen Können des Autors abfordert.

Chabons Erzählung spielt vor dem hintergrund einer fiktionalen alternativen Geschichtsentwicklung, in der die jüdischen Flüchtlinge am Ende des zweiten Weltkriegs nie nach Israel gingen, sondern – einem tatsächlichen historischen Vorschlag von Harold Ickes folgend, der in unserer Wirklichkeit nie vollzogen wurde – nach Alaska gingen. Der historische Dreh- und Angelpunkt ist ein Autounfall des Kongressabgeordneten Dimond, der in der echten Welt die Ansiedelung der Juden verhinderte, in Chabons Realität aber gemütlicherweise stirbt. Vor dem Hintergrund dieses einen Todes ändert sich die Welt drastisch – der zweite Weltkrieg verläuft anders, Kennedy wird nie ermordet, der Nahe und Ferne Osten sehen komplett anders aus. Chabon reißt die Alternate History nur an, und widersteht meisterhaft der Versuchung, mit Autorenstolz auf die andere Zeitleiste immer wieder zu verweisen, Referenzen auf die veränderte Geschichte werden nur beiläufig gemacht, mit einer reduzierten Trockenheit, die zum einen andere Autoren dieses What-If-Genres niemals so absolut meistern (mit der möglichen Ausnahme von Dicks The Man in the High Tower) und insofern mit einer absoluten Überzeugungskraft. Chabons Welt fühlt sich vom ersten Moment an real an – was vielleicht daran liegt, dass er diesen Roman im Grunde zweimal geschrieben hat, die erste Fassung mit komplett anderer Handlung und aus der Ich-Perspektive erzählt, so dass er im grunde schon zu Beginn der Revision fst im Sattel seiner fiktionalen kleinen Welt sitzt.

Die «Frozen Chosen» landen in der eisiggrauen Welt von Sitka, wo sich die verschiedenen Gruppierungenin ihren Vierteln niederlassen und nicht die hebräische Sprache, sondern Yiddish sich als Umgangssprache etabliert – was dem Buch einen Touch von Clockwork Orange verleiht, das smarte Spiel mit Fragmenten einer mutierten Sprache. So wie Burgess in Clockwork russische Sprachelemente verballhornt in seine fiktionale Sprachwelt eingebaut hat, hat Chabon die europäisch geprägte jüdische Sprache mutiert und in einen modernen, zudem slanggeprägten Noir-Umfeld angesiedelt und so eine ganz neue Sprache für einen Krimi erfunden. Was zunächst seltsam klingt – und tatsächlich mitunter einen Blick in das beigefügte Glossar nötig macht – entwickelt sich bald sprachlich zu einem komplett überzeugenden linguistischem Camouflage, das die Illusion von Chabons veränderter Welt perfekt abrundet. Der Alaska-Lösung steht zudem vor dem Aus, nach fünfzig Jahren wird die «vorübergehende» surreale Heimat der Juden aufgelöst, deren ganzes Volk die europäische Shtetl-Kultur nahtlos in die Eislandschaft Alaskas transferiert hat, wird durch einen Federstrich der USA heimatlos.

Vor diesem Hintergrund entfaltet sich die Geschichte des Polizisten Meyer Landsman, der ganz im klassischen Noir-Stil am Ende seiner Nerven ist, getrennt von seiner Frau Bina Gelbfish, die inzwischen seine Vorgesetzte ist, alkoholabhängig, in einem abgewrackten Hotel wohnend, in dem ein Mord passiert und der Junkie Mendel Shpilman, der sich unter dem Namen Emmanuel Lasker eingebucht hat, tot aufgefunden wird, neben sich Heroin und ein ungelöstes Schachproblem. Obwohl ihm der Fall bald entzogen wird, taucht Landsman zusammen mit seinem getreuen Partner  Berko Shemets immer tiefer in den Fall hinein, tritt auf die richtigen falschen Füße, gerät in Lebensgefahr und wirbelt durch einen Plot, der sich – weit über normalen Crime hinausgehend – schon recht bald um Weltpolitik, Intrige, jüdische Geschichte und den Messias dreht. Und natürlich, wie so oft bei Chabon, um Väter und Familie. Mit brillantem Understatement schreibt sich Chabon durch einen rasanten, keine Sekunde langweiligen und vor allem hochkomplexen Plot, der immer wieder mit Chandleresquem Humor aufwartet, selbst kleinen Nebenfiguren eine emotionale Tiefe verleiht, und der – und das ist ein kleines Wunder – am Ende nicht in einer Enttäuschung endet, was angesichts des sich auftürmenden Plotmonstrums im letzten Drittes des Buches nahezu undenkbar scheint. Das Meyer am Ende einen bescheidenen, nur bittersüßen Sieg heimfährt und das Ende als solches offen bleibt, ist dabei die Kirsche auf der Sahne – so und nicht anders muß dieses Buch enden, vielleicht bei einem Comic-Nerd wie Chabon nicht ganz zufällig stark erinnernd an das Finale von Alan Moores Watchmen. Chabon beginnt in den tiefsten Tiefen des menschlichen Daseins, führt uns an Landsmans Hand zu welterschütternden Veränderungen und möglicherweise zu der Frage, ob es einen Gott gibt, um dann am Ende wieder auf das menschliche Maß hinabzugleiten, nahtlos, überzeugend, glaubhaft. Was anderen Büchern so sanft und bruchlos niegelingt – etwa Smillas Gespür für Schnee – ist hier eine Achterbahnfahrt, deren fröhlich-irnoischer Umgang mit Chandlerismen (Chabon kürzt hier etwa seine sonst ausufernde Prosa deutlich ein, um den knochentrockenen Flair Chandlers besser hinzukriegen, außerdem tauchen gerade im Mittelteil des Buches vertraute Settings aus Chandler-Büchern auf), mit übertriebenen Metaphern etwa, die helle Freude ist. Nie hat jemand Chandler so weiterentwickelt, so zweckentfremdet, so ironisch gebrochen und zugleich eine so handwerklich meisterhafte Verbeugung hingelegt. Wo andere simulieren und imitieren, schmilzt Chabon Hammet und Chandlers, aber eben auch Burgess und Dicks, Werkzeuge ein, amalgamiert sie mit überraschenden und stimulierenden neuen Komponenten und zieht mit komplett neuen, wenn auch vage wiedererkennbaren Waffen ins Feld. Die schiere Ich-will-in-die-Hände-klatschen-vor-Freude-Begeisterung angesichts dieses meisterhaften Umgangs mit Sprache, mit Plot, mit Charakteren, gegen die all die endlosen Serienschreiber blass und fade wirken, macht Policemen’s Union sicher mit Abstand zu einem der besten Bücher, die ich 2008 gelesen habe (neben Rant, Austerlitz  und No one belongs here more than you). Fast schade, dass es keine Fortsetzung geben wird, die Figuren hätten es mehr als verdient.

14. Dezember 2008 13:26 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . 10 Antworten.

Jonathan Carroll: The Ghost In Love

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Was kann ich über Jonathan Carrolls neuestes Buch schreiben, was nicht schon zu Glass Soup gesagt wurde? Wenig. Mehr und mehr scheint es, Jonathan Carroll ist in einem Loop gefangen, gezwungen, immer und immer wieder die gleichen Wege zu gehen, die gleichen Runden, wie ein Tiger im Käfig. The Ghost in Love liest sich wie ein Resampling alter Bücher von Carroll, bis in kleinste Details hinein. Sogar die Tatsache, dass es grandios beginnt und im weiteren Verlauf zunehmend enttäuscht, ist ein Markenzeichen seiner letzten Bücher gewesen. Das erste Drittel des Buches ist voll der typischen wunderbaren Figuren, die aus Carrolls Kopf entspringen und so greifbar und dreidimensional, mit ihren kleinen Ticks und Flairs auf die Seite kommen. Wie kann man einer ersten Zeile wie «The ghost was in love with a woman named German Landis» widersehen? Leider wird aus der Geschichte um der den Carroll-übloichen seltsamen Frauennamen tragenden German, ihrem kürzlich verstorbenen aber noch quicklebendigem Freund Ben Gould, seinem Geist Ling und seinem sprechenden Hund Pilot recht schnell eine verquaste Gut-gegen-Böse-Fabel, in der vieles wirkt, als würde Carroll einfach rauflosschreiben, was ihm gerade in den Kopf kommt. Es gibt durchaus gelungene Wendungen und wie immer bei ihm herausragende Sequenzen, aber alles in allem wirkt die Handlung einfach zunehmend absurd  bis an den Punkt, wo man als Leser einfach nicht mehr engagiert ist. Schicht um Schicht häuft Carroll Fantasyideen übereinander, und die schiere Kreativität der Konzepte an sich wird durch ihre Masse ertränkt. Am Ende hat man das Gefühl, ein Treatment für einen teuren Hollywood-Effekt-Fantasy-Film zu lesen, eine Geschichte, die eine bloße Aneinanderkettung von Highlights ist, die ohne jede Konsequenz und Bedeutung aufeinandergeschichtet werden, zusammengekittet von einem Hauch Esoterik,  so dass im Grunde nie wirklich eine Erzählung entstehen kann. Dass die Bösewichte der Geschichte wie aus einem King-Roman übriggeblieben wirken, und dass die ganze Story am Ende irgendwie zu einer sinnlosen Antiklimax kommt, macht die Sache nicht besser.

The Ghost in Love zeigt den Autor in der Sackgasse seines Genres angekommen. Ich meine, wie oft kann man von dem Mensch gewordenen Tod und Geistern, von Fabelwesen, Wiedergeburt und sprechenden Hunden schreiben? Im Sinne der Eskalation von Carrolls lebhafter Phantasie ist dieses Buch sicher ein Höhepunkt – selten hat der Autor so ohne jede Rücksicht seinen Magic Realism bedient, in dem die Realität freilich kaum noch stattfindet, nur noch einen kurzen Korridor bildet in eine Welt, in der Carroll seinen seltsamen Fetischen fröhnt und immer wieder, wie in einer gigantischen Echokammer, die gleichen Ideen präsentiert, minimal verwandelt. Das Surreale, in seinen alten Büchern ein hinter der echten Welt pulsierendes, formendes Etwas dominiert inzwischen sein Schreiben fast komplett und obwohl die Idee, in ein zunehmend absurdes Geisterspiel einzutauchen eigentlich reizvoll klingt, gelingt es Carroll nicht, der Sache Drive zu geben. The Ghost in Love ist eine reine Eskalationsstudie, etwa so spannend wie ein Videogame, in dem jedes Level identisch ist, nur eben … mehr, dichter. Carroll entwickelt einige seiner Ideen weiter – die Verz-Wesen tauchen wieder auf, und aus einzelnen sprechenden Hunden wird hier eine ganze Legion der Superhunde – aber mehr ist nicht immer besser, und die eigentliche Geschichte um den Geist Ling tritt im Verlauf des Buches aufs Absurdeste in den Hintergrund, man kann als Leser förmlich spüren, wie mit Carroll die Gäule durchgehen bzw wo er ins Stocken gerät.

Es ist zum Verzweifeln. Carrolls Kunst ist es, aus Alltagsbetrachtungen, aus kleinsten Details, Magie zu weben. Er kann das wie kein zweiter. Wer sein Blog liest, weiß, das Carroll die Gabe eines großen Schriftstellers hat und in wenigen Zeilen eine enorme Tiefe erreichen kann. Hingeworfene Skizzen zufälliger Begegnungen erhalten bei ihm eine Resonanz, die phantastisch ist. Aber in seinen Büchern fokussiert er mehr und mehr auf entrückte Hollywood- Special-Effect-Plot und weniger und weniger auf das, was ihn lesenswert macht: Glaubhafte Charaktere und Situationen, die irgendwann ins leicht Unwirkliche kippen. Diese prekäre Balance macht Outside the Dog Museum zu einem so unglaublich wirksamen Buch – der langsame Slide, die ruhige Hand beim Übergang von Realismus zur Surrealismus. Davon ist bei Ghost in Love nichtsmehr zu spüren, man ist als Leser ab dem ersten Kapitel bereits jenseits der Realität und ganz in Carrolls Obsessionen.

Carroll hat Humor, Tiefe, Melancholie und Beobachtungsgabe – aber es mangelt ihm hier greifbar an einer erzähenswerten Geschichte, und darüber tröstet auch schichtenweise «Weirdness»nicht wirklich hinweg. Ich bleibe dabei, es ist an der Zeit, das angestammte Wasser und das sichere Genre zu verlassen, um nicht zur Selbstparodie zu werden. William Gibson und James Ellroy sind zwei Beispiele für Autoren, die ihre jeweiligen Stützräder abmontiert haben und sich in Richtung Belletristik freigefahren haben -  und mit Pattern Recognition bzw American Tabloid  kleine Meisterwerke geschaffen und sich komplett neu definiert haben. Es wäre vielleicht an der Zeit, dass Carroll den gleichen Weg geht, bevor er zur Selbstparodie mutiert.

13. Dezember 2008 14:16 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . 3 Antworten.

Audrey Niffenegger: The Time Traveler’s Wife

Vorweg: The Time Traveler’s Wife ist ein SF-Roman. Der grundsätzliche Twist, dass der Protagonist Henry DeTamble (ein vielleicht etwas grobes Wortspiel… Tamble erinnert an «tumble», und Henry stolpert ja tatsächlich durch die Zeit) durch einen genetischen Defekt in Stressmomenten hilflos durch die Zeit geschleudert wird, ist sicherlich grundsätzlich eine Science-Fiction-Idee, wenn auch Zeitreise längst eine auch im Mainstream verbreitete Vorstellung ist, aber das Buch an sich ist alles andere als SF im engeren Sinne. Niffeneggers Roman-Debut ist vielmehr eine tragische Liebesgeschichte, die durch das Zeitreise-Gimmick eine zusätzliche Tiefe und Resonanz gewinnt. Clare Abshire lernt ihre große Liebe Henry erstmals mit sechs Jahren kennen, als Henry, 36, nackt in einer Lichtung am Anwesen ihrer Eltern erscheint. Bei ihrer Heirat ist Clare 22, Henry ist 30… also sechs Jahre, bevor er Clare erstmals getroffen haben. Als die beiden sich 1991 in Echtzeit erstmals treffen – Clare ist 20, Henry 28 – hat dieser Henry Clare niemals zuvor gesehen, während sie ihn bereits seit 14 Jahren kennt und bereits mit ihm geschlafen hat. Die Timeline des Romans ist komplex gewoben und selbst wäre der Roman per se durchschnittlich, würde dieser narrative Kniff Spaß machen. Aber Niffenegger liefert auch jenseits des Gimmicks eine kraftvolle Geschichte ab. Der Roman nutzt die Idee der Zeitreise auf mehreren Ebenen als cleveres Erzählmittel – beispielsweise wenn Henry Clare schwängert, nachdem er sich hat sterilisieren lassen oder am Ende, wenn Henry sein eigenes Todesdatum weiß, oder in der Art und Weise, wie Henrys Tod bereits relativ zu Beginn des Buches stattfindet -, begeistert darüber hinaus aber auch als «normale» Belletristik. Die Geschichte von Henrys Eltern, die Tragödien, die Henry und Clare durchmachen, der Tod von Clares Mutter sind der Stoff, aus dem tragische moderne Romane gestrickt sind – und Niffenegger gibt all diesen Events einen eigenen, distinktiven Tonfall, der gerade dem, was Clare und Henry gegen Ende des Buches passiert emotionale Wucht verleiht. Die Baby-Träume und die Fuß-Träume der beiden sind ein seltsames Stilmittel, ebenso die Gedichte, die Clare von ihrer Mutter findet, und schwächere Autoren wären auf diesem dünnem Eis eventuell gescheitert, aber Niffenegger bringt uns souverän durch das Tragische ebenso wie durch das Euphorische ihres Romans. Es hilft sicher, dass Clare und vor allem Henry coole, liebenswerte Menschen sind, die ihre Zeit mit Iggy Pop und den Violent Femmes verbringen, und sich mit Aktienbetrug, Kunst, Taschendiebstahl und viel Sex durchs Leben schlagen. Es ist schwer, die beiden nicht zu mögen und so steckt man schnell tief in der Geschichte, die – metaphorisch dünn mit dem SF-Konzept ummantelt – im Kern die Geschichte einer Liebe im Angesicht einer tragischen Krankheit ist, deren Verlauf unweigerlich tödlich enden wird. Schon früh im Roman deutet Niffenegger an, wie Henry sterben wird und die Unweigerlichkeit seines Todes, dessen Datum lange Henry lange vor seinem tatsächlichen Ableben kennt, macht die verbleibende Zeit der beiden, um so wertvoller. Unter der Geschichte des Zeitreisenden steckt die Story einer wartenden Frau, die sich mit der Krankheit ihres Geliebten arrangiert und selbst nach dessen Tode weiter wartet, bis zum wunderbaren Schlussmoment des Buches. Henry ist ein Zeitreisender, aber er könnte ebenso gut Epilepsie oder Schizophrenie haben, es würde für die emotionale Wucht des Buches keinen Unterschied machen. Niffenegger überzeichnet nur ein Element, macht die Idee der Zeitreise als genetischen Defekt sehr real und greifbar, und entwickelt von da aus mit präziser Logik ihre Geschichte.

The Time Traveler’s Wife steckt voller grandioser Szenen, die oft an Fermata erinnern, aber weniger detailvernarrt geschrieben sind. Niffenegger gelingt trotz der Komplexität der Geschichte, die immer wieder in einzelnen Fragmenten ineinandergreift und zu sich selbst zurückführt, eine schnelle, niemals zurückblickende Schreibe, die trotzdem nie vereinfacht. Aus den philosophischen Konsequenzen ihres Plots – gibt es einen freien Willen oder ist die Zukunft vorbestimmt – entwickelt Niffenegger einen mutigen Fatalismus für Henry, der schnell merkt, das er seine Zukunft zwar nicht wirklich verändern, aber durchaus sein Leben bestimmen kann. Was passiert, passiert, weil es passieren muss – und gemeinsam mit Clare wächst Henry an dieser Feststellung.

Dicht gewoben, ohne überladen zu wirken, sprachlich kompetent und so unterhaltsam wie tiefgründig, ist The Time Traveler’s Wife (übrigens ist der Titel, vielleicht zufällig, eine schön Verbeugung vor The Astronaut’s Wife) bei allen tieftraurigen Momente ein liebevolles Buch, bittersweet und ehrlich – bleibt zu hoffen, dass Audrey Niffenegger bald die Zeit findet, ihr zweites Buch fertigzustellen.

14. Juli 2007 10:44 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . 3 Antworten.

Bret Easton Ellis: Lunar Park

Bret Easton Ellis habe ich auf etwas seltsame Art und Weise kennengelernt, nämlich mit einer Kurzgeschichte in einem trashigen Zombie-Paperback, in dem er einen auszug von Less than Zero unter Pseudonym veröffentlichte. Und tatsächlich ist Ellis’ Geschichte der postmodern gelangweilten Studenten eine der besten, treffendsten Zombie-Stories schlechthin und vor allem erscheint das ziellose übersexuelle Drug-Drifting der Jugendlichen durch den Rahmenwechsel wirklich wie eine Zombiegeschichte, was vice versa Less than zero zu einer Zombiegeschichte über eine ganze Generation definiert. Ellis gehörte bereits mit Less than Zero und The Rules of Attraction zu einer neuen Generation herausragender Amerikanischer Novellisten, der mit einer kalten, neutralen, beschreibenden, fast wortlosen Sprache eben diesen Zustand seiner Altersgenossen zu Papier brachte, die Verlorenheit, die Sinnlosigkeit und das Alleinsein, die Frustration und die ewige Suche nach dem nächsten Kick. Keiner beschrieb seinerzeit besser als er das nebeneinander von Dekadenz und Abgrund.

Und genau diese Thematik setze er in American Psycho fort. Es mag Leute geben, für die American Psycho in erster Linie ein Serienkiller-Buch ist, aber abgesehen davon, daß die stupide Aneinanderreihung von Pornographie, extremer Gewalt, Markennamen, dem stupiden Alltag von Bateman und einigen dazwischengestreuten Band-Reviews nun eigentlich jeden Slasher-Fan zu Tode langweilen sollten, ist doch relativ offensichtlich, daß die wahre Aussage des Buches auf einer Metaebene stattfindet, nicht einmal so sehr zwischen den Zeilen – wie noch bei Hemingway oder Carver – sondern ÜBER den Zeilen, ein ganzes Stockwerk höher sozusagen. Egal ob man Bateman tatsächlich als Killer zuläßt, wir im Grunde also einen modernisierten Werwolf-Roman vor uns haben, oder ob man der Theorie folgt (die Ellis in Lunar Park bestätigt), daß Bateman nur eskapistischen Gewaltphantasien nachhängt…die wahre Aussage des Buches liegt in der Oberflächlichkeit, dem Statusgeprotze und der sozialen Regelenge der 80er Jahre. Ellis nähert sich einem zutiefst hedonistischem Jahrzehnt der Kälte und der Mißgunst, der Drogenexzesse und der AIDS-Angst, der Eitelkeiten und der Angst, ohne jeden direkten Kommentar, ohne jedes eigene Urteil. Wie Amy Hempel und zahlreiche andere Autoren beschreibt er nur, die Exegese bleibt dem Leser überlassen, der in den Text hineininterpretieren mag, was er will. Während solche Ansätze bei anderen Autoren, wie etwa Ellis Mitstudentin Donna Tart oder inzwischen auch bei Ellis kraftloserem französischen Kontrapunkt, Houellebecq, schnell in grobmotorische transgressive Moraldramen à la Dostojewsky abrutschen, bleibt Ellis auf diesem dünnen Eis traumwandlerisch sicher. Die ihm oft vorgeworfenen Schwächen, keine dreidimensionalen Protagonisten zu entwickeln geschweige denn eine fortschreitende Handlung, greifen ins Leere. Die Tatsache, daß keiner seiner Charaktere das ZEUG zum Protagonisten hat und das Geschichte nicht mehr stattfindet, die Bücher also in der Posthistoire gefangen bleiben, sind bereits Teil der Metaaussage. Eben die Tatsache, daß im Grunde nichts mehr passiert, niemand sympathisch oder gar «menschlich» ist, macht American Psycho so wuchtig.

Vor diesem Hintergrund darf es nicht verwundern, daß es auch bei Lunar Park weniger um die Handlung im Erdgeschoß des Buches geht. Um hieran jeden Zweifel auszuräumen, greift Ellis zu einem vexierspielartigen Kunstgriff und baut sich selbst als fiktionales Ich des Buches ein, beginnt mit einem vernichtenden Rückblick auf seine bisherigen Werke und seine Drogenexzesse. Was sich hier liest wie ein fast absurd komisches Benjamin-Stuckrad-Barre-Deja-vu ist in Wirklichkeit größtenteils erfunden, schon beginnend mit den Auflagen seiner Bücher. Der Protagonist Ellis basiert nur vage auf dem Autor Ellis. Die Story an sich ist schnell erzählt: Ellis wohnt mit seiner Frau, einer berühmten Schauspielerin, und zwei Kindern (davon nur eins von ihm) in Suburbia, schlägt sich durch die Alltagsqualen des Vatertums und wird heimgesucht vom Geist seines Vaters und von einem Dämon, während sein Sohn einem Kult verschwindender Jugendlicher beitritt. So platt wie der Plot ist auch der stilistische Kunstgriff, daß Buch nach dem einleitenden pseudo-autobiographischem Kapitel stilistisch als Hommage an Stephen Kings Schreibstil zu verwirklichen. King hat zahllose junge Autoren unserer Generation (mit)geprägt, und nicht umsonst finden sich bei vielen modernen Grenzgängern Anspielungen auf Kings frühe Werke (bei Palahniuk beispielsweise deutlich in Lullaby, bei Carroll in den Kleinstadtszenarios usw.), niemals zuvor aber so deutlich wie hier. Lunar Park ist eine Melange aus mehreren King-Klassikern, Shining und Stark blitzen deutlich auf, Elemente aus Carrie, zahlreiche Motive aus den 70er-Jahre-Kurzgeschichten, am Ende deutlich sogar Cujo. Bis ins Detail imitiert Ellis Kings Stil, die kursiv gesetzte «innere Stimme», die langatmige Herstellung von «Alltag» in den dann das Unbekannte einbrechen kann, die Einbindung von Kindern als Unschuldssymbole und das «Monsterspielzeug» (der Terby). Anders gesagt: Es ist erbärmlich. King per se ist schon wirklich schrecklich, ein blasses Imitat unerträglich. Sich Seite um Seite durch einen anämischen Geisterplot blättern zu müssen wird auf der ersten narrativen Ebene wirklich nur durch den phantastischen Anfang und das atemlose monologische Ende wieder ausgeglichen. Die Verwandlung des Hundes und der Kampf gegen das Terby-Monster sind aber so bodenlos schlecht, daß man Kraft braucht, um an diesen Stellen nicht einfach aufzugeben. Es ist plot-getriebener als American Psycho oder Glamorama, eigentlich Ellis erster Versuch, eine «echte» Story zu erzählen, mit Spannungsbogen, Handlung, normalen Dialogen usw. In diesem Sinne ist es ihm passabel gelungen, etwas dezidiert untypisches abzuliefern. (Daß Ellis sich hierbei selbst perfekt selbst persifliert, etwa wenn der fiktionale Ellis an seinem nächsten Buch arbeitet, macht diesen Wunsch nach einem neuem Stil nur deutlicher.) Bliebe man also rein im ersten Stockwerk, ist es unterm Strich dennoch eins seiner schlechtesten Bücher.

Aber natürlich spielt sich auch hier das wahre Buch ein Stockwerk höher ab, schließlich schreibt Ellis mit all seinen Büchern lediglich eine Ausrede, um im Metatext die Auseinandersetzung mit seinem Leben und dem akuten Zeitgeist zu betreiben. Und hier, auf dieser Ebene, geht es nicht nur um das Vater-Sein (ein Motif, das im Buch mit dem Holzhammer kommuniziert wird), sondern um die Fortsetzung von Less than Zero und American Psycho mit anderen Mitteln, an anderer Lebensstelle. War Less ein Buch über das Studentensein und Psycho eines über das professionelle High Life in New York, so dreht sich Lunar Park um den Vorstadt-Alptraum, um das Haus, den SUV, die Kinder, die Privatschule, die Shopping Mall. Um die amerikanische Idylle. Der Horror ist nicht die Geistergeschichte, sondern der Alltag DAVOR. Und wie er in Psycho den amerikanischen Traum der Wallstreet zerlegt, demontiert Ellis hier die Fassade des Familienlebens. Dahinter kommen überforderte Kinder auf surreal überpsychologisierten Eliteschulen zum Vorschein, Kinder, die mit Psychopharmaka ruhiggestellt und mit Konsumartikeln überfüttert sind, und die sich zugleich nach einer Flucht aus dieser Scheinwelt sehnen, nach einem härteren, echteren Leben. Dahinter entdecken wir hilflose, überforderte Eltern mit Bindungsproblemen, die von ihren eigenen Ängsten und Trieben derart hin- und hergezerrt sind, daß sie handlungsunfähig scheinen, deren Leben das Ziel, das Zentrum abhanden gekommen ist. Für die bestenfalls die Kinder noch ein «Projekt» sind, weil ansonsten bereits alles getan, gedacht, erledigt wurde. Von ihnen selbst, von den Generationen vor ihnen. Ellis beschreibt eine Welt in Bernstein, in der die Langeweile, die bereits seine anderen Bücher prägt, sich nahtlos fortsetzt und vom Vater auf den Sohn überträgt. Wobei Robby, Ellis fiktionaler Sohn, diesem Teufelskreis nur dadurch entkommt, daß er aus der Welt verschwindet, selbst zum «Geist» wird. Dieses eskapistische Grundbild taucht immer wieder auf, von der ersten Mummenschanz-Party bis zum völligen Zusammenbruch der Welt des fiktionalen Ellis (dem der echte Autor nebenbei noch einen in das Buch eingebauten fiktionalen Autor zur Seite stellt, um die Verwirrung endgültig zu machen, so daß wir final drei BEEs haben, den fiktionalen Charakter, den fiktionalen Autoren und den realen Autoren). Irrlichternd, aber sicheren Fußes, bewegt sich Ellis in den Untiefen der Welt der Desperate Housewives, den Barbecues, den Schultreffen, dem sinnlosen Dozentenjob, der Schreibblockade, der Enge und der Frustration. Als die Dämonen und Geister dann das Leben des fiktionalen BEE aufmischen, ist es fast, als würde er selbst ausbrechen, als würden nur noch solche supernaturale Horrorwesen überhaupt eine Chance bieten, aus der suburbanen Falle auszubrechen. Ist bei King der Einbruch des Horrors in den Alltag eine Bedrohung, so wirkt er hier vielmehr befreiend. Der Einbruch des ID in die Normhaftigkeit des Superegos wirkt wie ein Katalysator, der nur den inneren, längst vollzogenen Zusammenbruch, nach außen sichtbar macht.

Auf der Metaebene ist es also am Ende ein Buch über Einsamkeit, die Unfähigkeit des modernen Menschen, wirklich zu kommunizieren, der man auch im Scheinidyll jenseits der Großstadt eben nicht entkommen kann, über die klassische Suche des Midlife-Crisis-Helden nach Liebe (woher auch immer), über die Erkenntnis, nicht besser zu sein als die eigenen Eltern, stehengeblieben, stagniert zu haben. BEE flechtet hier nicht umsonst am Ende ein langes, wehmütiges Band angesichts der cinematographisch wegwehenden Asche seines Vaters, rückwärts in die Zeit. Themore things change, the more they stay the same. Der Protagonist Ellis ist der gealterte Patrick Bateman, der ja seinerseits der gealterte Clay war (nicht ohne Grund tauchen Charaktere aus älteren Büchern auch gerne namentlich in den jeweils neueren auf, in diesem Buch tatsächlich ausdrücklich Bateman und Clay, die Ellis das Leben schwermachen, gerade so, wie würden diese Bücher dem realen Ellis in jedem Interview wieder unter die Nase gerieben werden). Der Nihilismus, der frühere Bücher noch fröhlich durchtränkte, ist hier für die Charaktere selbst schal geworden, der Drogenkonsum nicht mehr berauschend, nur noch be- und vernebelnd, die Orientierungs- und Hilflosigkeit von Ellis nur noch verstärkend. Was real ist und was Fiktion, kann der BEE in Lunar Park schon längst nicht mehr unterscheiden. Während Clay die Leere unter dem Glitz von LA nur ahnt, zu überdecken versucht, während Bateman noch dagegen blutig zu rebellieren versucht, hat sich der Ellis-Charakter in Lunar Park bereits melancholisch in sein Schicksal gefügt, hofft – wie jeder Vater – nur noch, daß sein Sohn es einmal besser haben wird. Lunar Park ist bei weitem nicht so morallos, kraftvoll und wütend wie andere Bücher von Ellis, die Trennung der Stockwerke nahezu hermetisch, man liest die Metageschichte fast der eigentlichen Plot-Story zum Trotz – es zeigt einen gereiften Autoren am Scheideweg der Unzufriedenheit mit seinen eigenen limitierten schriftstellerischen Mitteln, auf der Suche nach einer neuen Botschaft, der dennoch nahtlos an seinen Erstling anknüpft und die Zombies an den Pools von LA hier und heute durch die Zombies in den Gärten jeder nur denkbaren Vorstadt, jeder nur denkbaren Gated Community ersetzt. Am Ende geht es also immer noch um die hirntoten Monster in uns allen.

15. Oktober 2005 12:20 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

Beausage

Bei metacool bin ich über den Begriff Beausage gestolpert. Diego Rodriguez bezieht sich hier auf eine Worschöpfung von Grant Petersen, der damit die Ästhetik bezeichnet, die die Stufen eines Amphitheater durch die Abnutzung von tausenden von Füßen gewonnen haben, die die Motorhaube eines Ferrari 250 durch den Steinschlag gewinnt oder ein Fahrradsattel, der sich durch die Abnutzung an seinen Benutzer anpaßt. Anders als Patina oder Nostalgie, obwohl mit beiden sicher verwandt, geht Beausage ein Stück weiter und macht die Abnutzung zum integralen Bestandteil der Schönheit eines Objektes, es wird schöner durch die Benutzung. In William Gibsons großartig vielschichtigen Roman Pattern Recognition gibt es ein analoges Motiv in der reproduzierten Buzz Rickson MA1-Jacke der Coolhunterin Cayce Pollard (in der diese Beausage-Eigenschaften künstlich eingearbeitet sind, wie etwa die unsauberen Nähte). Das Buch war so erfolgreich, daß Rickson sogar eine spezielle Pattern-Recognition-Version in schwarz herausbrachte (Gibson schreibt im Buch, daß Pollards Jacke schwarz ist… es gab aber nie eine schwarze Version. Nach dem Buch war die Anfrage jedoch so groß, daß die Firma kurzerhand eine schwarze Version nachlieferte. Form follows Fiction.
Das Truetalk-Blog verknüft diesen Begriff mit dem japanischen Konzept von wasi-basi, einer Zen-Ästhetik-Vorstellung, die mit der Mangelhaftigkeit, der Inperfektion von Gegenständen zu tun hat. Die Bescheidenheit und Erdverbundenheit nicht-perfekter Gegenstände verleiht ihnen ihre Transzendenz. Wir alle kennen solche Gegenstände. Werkzeuge, die unsere Großeltern bereits benutzt haben. Der Unterschied zwischen einer sterilen fabrikneuen S-Klasse und einem liebevoll erhaltenen, aber eben doch unweigerlich benutzten 300b. Beausage hat etwas mit dem Wissen zu tun, daß solche Gegenstände nicht anonym gefertigt sind, nicht Teil eines gänzlich effizienten Produktionsprozesses, sondern Ergebnis einer liebevollen Planung und Durchführung. Beausage hat dabei auch etwas mit Materialien zu tun – Grant Petersen, der den Begriff prägte, hält fest, daß klassische, echte Materialen Beausage entwickeln, während modernes künstliches Material eher «Junk» wird (was schön zu Rem Koolhaas Analyse moderner kommerzieller Architektur als der Schaffung von Junk Space paßt), Leder altert, Polyester vermüllt. Beausage hat etwas mit dieser seltsamen Balance zwischen Benutzung und Pflege zu tun, letzten Endes mit dem Fetisch von Alltagsobjekten, mit Dingen, die uns am Herzen liegen. Nicht zuletzt auch mit einer Ehrlichkeit, die einigen Materialien einfach inhärent ist, anderen eben nicht. Ein Cellulose-Füller ist etwas anderes als ein Plastik-Füller. Genähte Ledersohlen unterscheiden sich von geklebtem Gummigemisch. Ein Backsteingebäude wird immer schöner altern als ein Betonbau.

Bei Jonathan Carroll sind es oft Uhren und Füller, die als solche Kulturfetische dienen, in Outside the Dog Museum sind es Türen und Leitern die zugleich als weitere Symbole dienen, aber auf einer Ebene als Symbol der handwerklichen Liebe dienen, die Morton Palm in diese Alltagsobjekten steckt). Bei mir ist’s mein altes Leder-Notizbuch, ein Hochzeits-Memorabilia. Nahezu jeder Mensch hat solche Herzens-Gegenstände. Und sie alle sind abgenutzt und haben Patina, haben Geschichte. Sind Fetisch-Objekte. Denen man die Liebe, die in ihrer Produktion und ihrer täglichen Benutzung steckt, ansieht.

Allein dies ist bereits fürs Produkt-Design entscheidend bei der Frage um die emotionale Aufladung von Gebrauchsgegenständen… aber Beausage geht noch einen Schritt weiter. Abnutzung erklärt schließlich auch Funktion. Der Trampelpfad im Feld zeigt den besten, sichersten Weg nach Hause. Der abgewetzte Siebdruck auf den Tasten eines Cassettenrecorders zeigt dir, weilche Tasten du drückst, um aufzunehmen oder abzuspielen. Hier bekommt Beausage eine funktionale Dimension. Die Dinge sehen nicht nur besser aus, je länger man sie benutzt, ihre Benutzung wird auch zur materielle emergierenden «Bedienungsanleitung».

Im digitalen Zeitalter, in der Patina immer öfter nur ein Fake ist (wie das Chromfinish an meinem Cooper gegenüber dem echten Chrom an meinem alten Amazon), wird Beausage zum Gegenpol einer durchindustrialisierten, oberflächlich gewordenen globalisierten Produktion, aus der die Controller Jahr um Jahr das Herzblut gepresst haben. Manufactum lebt gut von diesem Gegenpol, von der Vorstellung, daß es noch «gute Dinge» gibt, die ehrlich hergestellt sind und dementsprechend ehrlich altern werden, die Charakter entfalten können und allein durch ihre Materialität und die Liebe zum Detail unser Leben bereichern, meditative wasi-sabi-Objekte werden.

Hier sehe ich eine Überlebensnische für zumindest viele Luxusartikel. Porsche muß niemals wie Toyota agieren, weil die Autos mit Liebe gebaut werden. Die Verbreiterung der Produktpalette ist da fast eher ein langfristiges Problem. Ein SUV und ein Family-Van verwässern die Identität, die Magie, die Tradition des Produktes. Und das wird sich bitterst rächen. Denn diese ephemeren Qualitäten, die kaum ein Manager wirklich versteht, werden in einer Welt von mehr und mehr streamlined products immer wichtiger werden. Das Unangepasste, das Rauhe… das eben, was gut altert, schön verwittert. Ein echter Dodge Pickup sieht erst gut aus mit ein paar Beulen, beim X3 heult der Junior-Bankangestellte beim ersten Kratzer. DAS ist der Unterschied. Das Authentische, das sich eben nicht in einer Fabrik in Taiwan faken läßt. Das auf Benutzung ausgelegt ist. Das für Benutzung gebaut ist. In Zeiten, wo Produkte nach der Garantiefrist einfach auseinanderfallen und Ersatzteile fast so teuer sind wie ein Neugerät, klingt das wie ein Sakrileg. Oder wie eine Lösung.

Zugleich ist zu überlegen, wie sich Beausage in die Welt von Print und Screendesign einbringen läßt. Beim Buch gibt es Beausage natürlich, Bücher werden schöner, je abgelesener sie sind. Ich liebe mein Obey The Giant umso mehr, je öfter ich hineinkritzele und notiere. Das Buch ist ein Museum von Gedanken, die Poynor auf mehreren Flügen bei mir ausgelöst hat und wird insofern mit jedem Lesen schöner. Bei Imagebroschüren und Visitenkarten ist das sehr viel schwerer zu sagen… meist sind diese Sachen druckfrisch am schönsten. Man sollte überlegen, wie man den Alterungsprozeß, die Abnutzung aktiv in das Design einbinden kann, und sei es nur als kleines Experiment, indem etwa Schrift erst nach einiger Zeit sichtbar wird oder Man Seiten herausreißen muß, um bestimmte Inhalte lesen zu können..

Screen ist noch viel kritischer, schließlich können Websites kaum altern,w erden sie doch alle zwei bis fünf Jahre komplett überarbeitet. Hier finde ich aber die Idee, das die Benutzung aktiv die Site beeinflußt, interessant. Die Trampelpfad-Analogie. Bei der Rütgers Stiftung, (eine Site, die inzwischen nicht mehr lebt, sehr schade, eine völlig einzigartige FLash-Site ist zugunsten eines mageren Template-Designs aus der Kiste ersetzt worden. ) haben wir dies bereits ansatzweise umgesetzt… die Menüstruktur ergibt sich aus den zuletzt geklickten Items des Besuchers. Auch Farbe und Menüform sind modifizierbar und werden per Cookie gespeichert, die Site verformt sich also durch Gebrauch. Bei Kais Power Tools (Prä-Corel) gab es eine analoge Idee. Erst als fleißiger User kam man an bestimmte Programm-Features heran, quasi als Belohnung. Das Programm wurde also durch regelmäßige Nutzung tatsächlich besser.

Die Idee wäre weiterzuspinnen… wie wäre es mit einer Site, die komplett nicht durch einen Nutzer, sondern ganz «demokratisch» durch die Bewegungen und Vorlieben ALLER Besucher verändert wird? In der tatsächlich Trampelpfade entstehen? Stelle ich mir spannend vor. Beausage als Interface-Konzept; der Trampelpfad, das Abgewetzte als User-Metapher für ein materieloses Genre… das klingt zunächst einen Versuch wert.

Dieser Blog-Eintrag ist übrigens auch Beausage. Beim Eingeben habe ich einmal, heute morgen, das Fenster versehens geschlossen, ohne abzusenden. Vorhin ist mir der Artikel einmal abgestürzt. Jetzt ist er das dritte Mal aus dem Kopf geschrieben und dabei etwa viermal so lang geworden wie der Eintrag von heute früh. Schlecht für euch Armen, die ihr das hier eventuell tatsächlich lest, aber gut für meinen Kopf.

28. Mai 2005 19:27 Uhr. Kategorie Leben. Tag , . 3 Antworten.


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