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Bloc Party: Four

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Yeahbu…what? Dieses Joss-Whedon-Zitat ist die meine erste wahre Reaktion auf dieses Album. Nach dem letzten Weichspüler-Longplayer und Kele Okerekes Ausflügen in Richtung Kirmestechno haben sich Bloc Party nicht nur wieder zusammengerauft, sondern wirken auch wie re-energetisiert. Wütend, gitarrenlastig und verdammt heavy geben sich die Briten alle Mühe, betont live zu klingen, bis hin zu dokumentierten Aufnahmefehlern (über deren Authentizität man nur rätseln kann), in einer Aufnahme, bei der man Alex Newports Erfahrung mit At the Drive in und Mars Volta stets durchhören kann. Dabei ist Four alles andere als ein Back-to-Basics-Album. Das wäre auch ein Fehler gewesen, denn zu den Basics kann man nicht mehr zurück, die hat man zu gut schon beim ersten Besuch ausgereizt. Statt dessen ist Four rockiger, deutlich weniger verspielt, deutlich weniger »alte« Bloc Party (selbst die Single »Octopus«, die noch am ehesten nach den alten Wurzeln klingt, dekonstruiert diesen Sound durch Radiohead-artige Effekte in der Gitarre). Das Ergebnis hat keine Nostalgie für alte Fans im Gepäck und sagt auch der Reise in Richtung Charts Goodbye. In vieler Hinsicht wirkt es so, als sei dies das wirklich zweite oder dritte Album, so befreit und konsequent klingt hier vieles. Der Härtegrad dieses unpolierten, oft in seinen Gegensätzen fast unfertig wirkenden Albums wird die Fans spalten – und das ist auch nur gut so. Respekt vor einer phantastischen Band, die ich nach zwei Semi-Blindgängern schon fast abgeschrieben hatte, für ein ziemlich großes Comeback.

24. August 2012 14:09 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Heavy: The Glorious Dead

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Südstaatenflair aus den UK? Aber sicher! Sogar so sehr, dass US-Republikaner ihren Sound bei Veranstaltungen laufen lassen wollen, anscheinend selbst nicht ganz wissend, woher der Name «Tea Party» kommt, bis die Band die Nutzung untersagte. Fette Riffs, Retro-Sound, ganz und gar unbritisch schwüler Croon, und ein Gang so breit wie die ganze verdammte staubige Straße. Anders als die ähnlich gelagerten Black Keys sind The Heavy dabei aber deutlich weniger sperrig, eine seltsame Melange aus Pop, Gospel, Country, Blues und Rock, die aus so vielen verschiedenen Brunnen trinkt, dass man den Epigonen kaum böse sein mag. Revivalrock ist das sicher nicht, dafür eine warmherzige Wiederaufnahme von Sounds, die man ja schließlich auch nicht grundlos am Straßenrand liegen lassen sollte. Wenn die Ergebnisse so gut sind wie die Mitsing-Hymne »What makes a good man«, wer will da streiten, von wo die Musik geographisch kommt?

17. August 2012 16:47 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

The Hundred in the Hands: Red Night

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Zwei Jahre nach dem Debüt legt das Duo aus NY ein solides Album nach, das sperriger klingt als der Erstling. Wo jede andere Band vermutlich glatter, professioneller geworden wäre, überrascht »Red Night« mit verquerem Hall, seltsamen Delay und einer spürbaren Freude am Knöpfchendrehen, die mal fast amateurhaft um die Ecke kommt, bis bei Songs wie »Empty Stations« düstere Orchestersounds den Song auf eine Weise drangsalieren, die atemberaubend ist. Wummernde TB-Bässe, schwabbelige Drumssounds, die im Hall nahezu verschwinden, Gesang an der Grenze der Wahrnehmbarkeit – »Red Night« ist ein ambitionierter Alptraum, unwirklich, angreifbar. Ein Album, das zugleich brillant und nicht verortbar ist, bei dem sich kein Song einprägen will, das wie Nebel verschwunden ist, sobald ein Lied wie ein führerloser U-Bahn-Zug an dir vorbeigerattert ist. Mehr als das konkrete Lied bleibt ein Eindruck der Nuancen und der Farben, der völlig grenzenlosen Produktion, die so rücksichtslos mit deinen Gewohnheiten umgeht, dass das Songwriting darunter zerfetzt wird – oder wahlweise erst dadurch entsteht. Die Lieder sind Skizzen, minimal-maximale Kreidestriche, die erst in der digitalen Produktion zur Skulptur werden. Obwohl die Kompositionen eigentlich einfach, eigentlich Pop sind, entsteht so im Audio-Säurebad etwas gänzlich anderes, das am ehesten an die erste Begegnung mit Portishead erinnert, in dem Sinne, dass hier Sweet und Bitter, Pretty und Ugly mit solcher Wonne verquickt sind, dass du als Zuhörer nicht mehr sagen könntest, wie das eine ohne das andere denkbar sein könnte. Tolles Stück Musik, also.

16. Juli 2012 13:59 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Deus: Following Sea

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Es ist etwas verblüffend, wie schnell die Belgier Album um Album abfeuern können. Dieses hier ist wunderbar weit und ruhig, relaxt – ungewohnt entspannt sogar, fast einen Tick »unplugged«. Das kann bei einem an der Realsatire entlangkratzendem Track wie »Crazy about you« auch mal wehtun, verblüfft in »Quatre Mains« dann aber mit einem der tightesten Tracks der Band seit langem, mit fast Soundtrack-Qualität. Nicht jeder Song auf dem Album ist wirklich wirklich wirklich gut, aber sehr viele sind ausgezeichnet, verschroben, weitläufig, ohne jeden Druck. Es wirkt, als sei dies die Sorte Album, die man machen kann, wenn man die Plattenfirma erst einmal für eine Weile beruhigt hat und einfach im Studio driften kann, Spaß haben kann. Es klingt nach Resten, nach Demostimmungen, nach Experiment. Es klingt ziemlich gut.

3. Juni 2012 12:02 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Mark Lanegan Band: Blues Funeral

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Ob Ex-Screaming-Trees-Frontmann Mark Lanegan hier wirklich Begräbnisstimmung aufkommen lässt, wage ich zu bezweifeln. Songs wie »Quiver Syndrome« oder »Gravedigger’s Song« gehen schon ordentlich nach vorne. Dennoch – die Trauer in der kratzigen Stimme des Amerikaners wirkt Wunder, auch ohne die Sirene Isobel Campbell an seiner Seite. »Bleeding Muddy Waters« ist wunderbarer, purer Neo-Blues, der stillsteht und sich in seinen sechs Minuten dennoch phantastisch hochschraubt. Die Tracks wirken besser, je weniger sie produziert sind (die Drumcomputer in »Harbourview Hospital» und »St. Louis Elegy« nerven schon etwas, wobei letzterer Track grundsätzlich fast perfekt ist und die Retrodrummachine schon dazu passt), je mehr sie sich klassischen Bluestrukturen annähern, ohne so zu tun, als wären sie etwas anderes oder gar moderneres. Da darf man hoffen, dass sich Lanegan weiter in diese Richtung entwickelt, puristischer und ehrlicher wird, weniger Pop, mehr Sumpfdelta.

13. Mai 2012 11:41 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Blood Red Shoes: In Time for Voices

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Die Wahrheit ist ja, dass Laura-Mary Carter und Steven Ansell, keine Musik machen, die man nicht schon tausendmal gehört hätte und im Zweifelsfall auch besser. Straighter gitarrenlastiger Indierock mit großer amerikanischer Geste, viel Hall und in den besten Momenten ein straighter Flashback zum Sound von MTV 120 Minutes, die Pixies mit besserem Gesang (sorry, Frank). »Voiles« hat eine schöne Härte, eine klare Direktheit, die genau in die besten Songs der 90er-Gitarrenindie-Ecke geht. Psychedelisch, folkig, nicht sonderlich kompliziert, aber auch nicht sonderlich eingängig, Anti-Hymnen und dann das wunderbare »Je me perds« dazwischengeknallt, für das allein jeder gern den Preis des Albums zahlen sollte. Überraschend solide Platte, die ein wenig aus der Zeit klingt und daran erinnert, dass anscheinend heute die frühen Neunziger schon »Vintage« sind und es okay ist, die Kopie der Kopie zu sein. Aber *was* für eine Kopie das ist.

12. Mai 2012 21:32 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

PJ Harvey: Let England Shake

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Große Geste einer großen Sängerin: Was hat sich Polly Jean Harvey seit den ersten 4-Spur-Demos weiterentwickelt. Man darf von ihr mitunter angenervt sein – wie man eben von Tom Waits, Björk oder Florence & The Machine auch genervt sein darf -, weil PJ einerseits Konsens-Mainstream ist, andererseits immer eine etwas angestrengte musikalische Attitude an den Tag legt. Und trotzdem: Dieses Album ist schön überunterproduziert, wie etwas »Bitter Branches« bestens beweist, schwimmt im Hall und kann knochentrocken sein, kann folksy wirken (»England«) und trotzdem perfekten Pop produzieren (»On Battleship Hill«), und irgendwie ist es doch auch mal schön, dass ein Künstler auf England und nicht direkt auf die USA einschlägt in den Lyrics. »Let England Shake« ist wahrscheinlich nicht PJs bestes Album, aber es zeigt, dass den Einfluss von PJ auf modernere Acts und die Rückspiegelung dieser Einflüsse in die eigene Musik. Das Ergebnis ist ein sehr lebendiges, pulsierendes Album mit einer unterdrückten Wut, das ausgezeichnet in die Zeit passt.

1. Mai 2012 09:11 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Poliça: Give you the Ghost

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Das Jahr ist jung und es ist gefährlich, noch vor April schon ein «Album des Jahres» für sich selbst zu benennen, aber dieses Debüt legt die Latte für andere Platten sehr, sehr hoch. Die Ex-Roma di Luna-Folkpop-Stimme Channy Leaneagh ist nur auf den ersten Blick das markanteste an dem Sound dieses Projektes – ihre Stimme, die auf Liveaufnahmen makellos ist und keinerlei Korrektur bräuchte, ist durch ein an Autotune erinnerndes TC Helicon Voicelive 2-Effektgerät geschickt, und wird so selbst zum dominanten Soloinstrument der Musik, die ansonsten auf Ambiente Synthloops, Bass und vor allem auf zwei wunderbar tight zusammenspielende Drummer setzt. Die Verfremdung der Stimme nimmt ihr die sonst übliche Rolle, bricht die «Lead-Sänger»-Funktion auf, durch Delay und forcierte Modulation werden die Vokals eher zu einem instrumentellen Faktor, der sich nahtlos in die Musik einbettet. Auch die Abwesenheit klassischer Songstrukturen und Hooklines unterstreicht diesen irgendwo zwischen Jazz und frühem Trip-Hop anzusiedelnden Ansatz.

Das Gesamtergebnis bricht stilistisch mit vielen Grenzen, erinnert an Dub, Triphop, Pop, an die frühen Cocteau Twins oder Red Snapper, und doch an nichts davon. Die Tracks sind hypnotisch, sofort eingängig und doch alles andere als einfach. Sie drehen ein musikalisches Konzept auf den Kopf – der Gesang wird zum einlullenden, fast loop-artigen Werkzeug und die Drums gewinnen die Rolle der Druckmacher – wo sonst Gitarren für epische Momente sorgen, sind es hier die Schlagzeugpassagen, die beweisen, wie viel Dynamik sich aus zwei Drumkits dreschen lässt. Das alles klingt aber nie nach einem Gimmick oder einer aufgesetzt «anderen» Idee, sondern homogen, erwachsen, völlig wasserdicht und zugleich so selbstverständlich, als habe es diese Musik immer schon gegeben. «Lay your Cards Out» ist eine Klang gewordene Skulptur, eine kaum in Worte zu fassende Fluidität, wie aus einer anderen Welt und zugleich perfekte Weiterentwicklung von dem, was Elisabeth Fraser und Co vor Dekaden angefangen haben, gepaart mit einer aus dem Jazz stammenden Innerlichkeit, und «Amongster» zeigt die Härte, die hinter dieser hypnotischen Oberfläche schläft. Es ist Musik an der Grenze zur Selbstauflösung, in der nahezu alle Instrumente (mit Ausnahme des Basses) nicht mehr tun, wofür sie eigentlich gedacht sind, die zwischen Chaos und Wiederholung schwankt,

Der Klang ist immer in Bewegung und doch mesmerisierend ruhig, wie eine DNA-Helix, die sich in Zeitlupe um die eigene Achse dreht, von einer atemberaubenden Tiefe und klanglichen Skulptur, am ehesten vergleichbar mit den Best-of-the-Best von Massive Attack in dieser geschmeidigen Sexyness, aber dabei weniger geschliffen, weniger totproduziert, sondern ganz im Gegenteil von einer erfrischenden Direktheit, die gerade auch live absolut überzeugt. Es ist eine Musik, die eine funkelnde, schillernde, vielfarbene Düsternis projiziert, die so tanzbar wie smart ist, die nach dem ersten Hören dein Freund ist und nach dem hundertsten Hören nicht nervt, die atmet und bei der man jetzt schon ahnt, wie dieser Sound auf dem folgenden Album noch zu wachsen in der Lage sein kann, weil hier nichts eng und alles möglich ist. Immer wenn du denkst, an neuer Musik passiert nichts spannendes mehr, kommt eine Platte wie diese um die Ecke und beweist dir das Gegenteil. Bleibt die Hoffnung, dass die Band erfolgreich genug ist, um in Deutschland zu touren – es dürfte live ein absoluter Ohren- und Augenschmaus werden, denn unfassbarerweise ist die Combo auf der Bühne scheinbar noch besser als im Studio.

28. März 2012 18:17 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Mint Julep: Save your Season

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Hinter einem absolut atemberaubenden Cover verbirgt sich das erste «volle» Album nach zwei EPs von Keith Kenniffs Familien-Projekt Mint Julep. So schwerelos und leicht wie das fast gemäldeartige Plattenmotiv ist auch die Musik, die eine an Tycho erinnernde sonnige Shoegaze-Electronica bietet, dieses vielleicht auch einen Hauch zu unaneckende, zu sanfte Musik, die an schaumgebremste New Order erinnert könnte, die in Synth-Pads ertrinken. Geprägt wird der Sound von der kühlen, oft aus der Distanz von Delay-Effekten zu uns herangespülten Stimme von Hollie Kenniff, die diese träge 80er-Jahre-Laszivität verströmt, gekonnt etwas neben dem Beat hängt und einen Hauch trippyness in die Klangwolken streut, die wohltuend straighter sind als Kenniffs ätherische Goldmund-Klänge. Die Fusion aus Ambient und Indie funktioniert überraschend gut, erinnert an eine verschlafene Version von Metric und ruft sicher auch andere Vorbilder in bester Manier ins Gedächtnis, steht aber auch auf eigenen Füßen in dem weiten Terrain zwischen Pop und Indie sehr selbstbewusst. Der Sound des Albums ist insgesamt ein wenig zu dünn, zu hallig, zu drucklos, was bei den etwas mehr in Richtung Uptempo gehenden Stücken etwas schade ist. Zugleich gibt gerade dieser suppige Sound den Tracks eine Endlosigkeit, eine Verlorenheit und damit eine quasi akustisch in die Aufnahme codierte Melancholie, die etwa einen Track wie «Aviary» sofort zum Klassiker adelt, weil der Song klingt, als würde er aus einer vergangenen Dekade aus einem entfernten Radio herangeweht. «Save your season» ist ein Stück Neo-Cocteau-Twins, ein Designer-Schmuckstück, das ein wenig retro, ein wenig hipster ist und trotzdem wunderbarerweise der allzu berechneten, allzusehr auf verinnerlichte Twens schielenden Reißbrett-Klangwelt entkommt, weil die Platte zu den seltenen Alben gehört, die auch bei schnelleren Tracks nie die Melancholie und Schönheit ablegt.

8. Januar 2012 16:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Dillon: This Silence Kills

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Schon das sepiagetränkte Cover läßt intuitiv an Björk denken – wer den Vergleich mit der Isländerin scheut, hätte wahrscheinlich eine andere Photostimmung gewählt. Die in Berlin wohnende und aus Brasilien stammende Dominique Dillon de Byington scheut ihn nicht – und hat auch keinen Grund dazu. Während Björks neues Album Biophilia zwar intellektuell-abstrakt vielleicht spannend ist und mit seinem düsteren Orgel-Clustern irgendwie sicher auch spannend ist, hat sich die Isländerin mehr und mehr von der Musik als solches verabschiedet und stilisiert sich, nicht immer auf festem Grund, als Gesamtkünstlerin. Dillon spürt man den Willen zur Kunst mit jedem Track sicher auch an, und auch das Phototage-Buch auf ihrer Website deutet in diese Richtung. Wie so viele andere digitale Musiker dieser Tage ist die Grenze zwischen Klangdesign und anderen künstlerischen Outputs fast unsichtbar geworden, etwas böse gesagt scheint es keinen Unterschied für die postadoleszenten Artists zu machen, ob sie Gedichte und Songs schreiben oder Photos und Videos machen, die Werkzeuge sind ja relativ identisch geworden. Es gibt eigentlich reichlich Gründe, Dillon inzwischen zahllosen vergleichbaren Girl-Music-Produkten nicht zu mögen, wäre da nicht die Tatsache, dass ihr Debut »This Silcence Kills« von vorn bis hinten Spaß macht. Die mal minimalistische, mal elektronisch-naiv angedickte Klanglandschaft, die zirpende, wispernde, trällernde, brüchige, rauchige, kindliche Stimme, das ist alles eigentlich gar nicht so sehr Björk, sondern (wenn man schon unbedingt Vergleiche braucht und klar braucht man die) eher Joanna Newsom auf etwas harmloseren Drogen. Anders als jene aber hat Dillon bei allem Hang zu verkopften Anklängen eine sehr solide Ader für Pop, eine Vielzahl von Einflüssen und Quellen und Interessen, die sich in den verschiedenen Tracks manifestieren und eine sehr junge Neugierde, die Prätentionen à la eben Björk verhindern, »TSK« bleibt immer und vorzüglichst eine Pop-Platte zwischen Kammermusik und etwas Dancefloor, zwischen unterkühlt-bohèmer Pose und urbanem Mainstream, umso überraschender, wenn man bedenkt, das der Kölner Tamer F. Özgönenc von MIT co-produziert hat, der aber vielleicht dafür sorgt, dass »TSK« zu keinem Moment süßlich oder anbiedernd bleibt, sondern immer bei sich ist und dich als Zuhörer eigentlich nicht braucht, etwas kratzbürstig sein kann. Das ist eine etwas prekäre, schwebende Position und ich bin gespannt, ob sich die so leicht und so gelungen auch in Zukunft halten lässt, aber für ein Debutalbum stimmt an «This Silence Kills» eigentlich alles. Produktion, Texte, Variation, Klarheit, Eingängigkeit, Uneingängigkeit – wunderbar austariert, nie glatt, nie nervig. Eigentlich ist dieses Album also im Kern irgendwie auch deprimierend – wenn deutsche Musik so gut, so nahezu makellos sein kann (und es ist ja nicht nur Dillon, die ausgezeichnete Musik liefert hierzulande), wie entschuldigt man dann die »Musik«, die im Radio als deutsche Produktionen per Heavy Rotation zum kleinsten gemeinsamen Nenner erklärt wird? Schade – denn gerade diesem Album hätte man mehrfaches Platin und Preise aller Art gern gegönnt.

6. Dezember 2011 19:34 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Niobe: The Cclose Calll

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Das sechste Album, das die Kölnerin Yvonne Cornelius (die man u.a. auch als Mouse-on-Mars Vokalistin kennt, etwa bei »Send me Shivers«) unter dem Pseudonym «Niobe» veröffentlicht hat, ist ein Geschenk. Mal abgesehen davon, dass nichts an diesem Album «deutsch» wirkt, nicht der Gesang, nicht die Produktion, nicht die Musik, nichts – mal abgesehen davon, ist dieser Produktion kein Stil unterzuschieben, keine Richtung, kein eindeutiges Flair, mit Ausnahme einer puren Kreativität, die einen erst vermuten lässt, man hätte einen Soundtrack oder eine Anthologie erstanden. Da knallen Chanson und Stockhausen aufeinander, Jazz und Radiohead, dekonstruktives Hörspiel und lupenreine Singer/Songwriter-Kompositionen, Akustikgitarren und Schlafzimmer-Sample-Loops, große Sounds und urplötzliche Intimität, da verstellt die Sängerin die Stimmen, wandelt sich in verschiedene Charaktere – ich habe selten ein Album gehört, das sich noch schlechter fassen lässt. Was anderen Leuten zum musikalischen Bauchladen, zur Krimskrams-Produktion missraten würde, ist hier aber in jeder Sekunde überzeugend, durchdacht, lupenrein und mit jedem Song atemberaubend. Man kann eigentlich keinen Song herauspicken, weil jeder so einzigartig und so anders als der jeweils nächste oder vorangegangene Track ist, jeder Song liebevoll geschliffen zu kleinen Miniaturen, zu akustischen Kurzfilmen, gesungenen Hörspielexperimenten. Auf einem Album so verschiedene Songs wie »The Stillness«, »As Long as I can fly«, »Does he Gallop O Walk» zu finden wäre schon ungewöhnlich – aber hier ist einfach jeder einzelne Beitrag so einzigartig, unverkennbar und absolut grundlegend anders, dass man nicht ganz weiß, ob man Yvonne Cornelius Heiratsanträge oder die Adresse eines charmanten Psychologen schicken sollte… Denn es kann nur entweder Genie oder Wahnsinn sein, was hier am Werk ist auf diesem ganz, ganz großartigen Stück Musik.

4. Dezember 2011 19:29 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Gem Club: Breakers

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Das aus Somerville kommende Duo Christopher Barnes und Kristen Drymala präsentieren auf ihrem Debüt eine verinnerlichte, atmosphärische Musik, die die Grenzen zwischen Kammermusik und Indie auslotet. Zeitlupenhafte, gern durch Hall und Delay gejagte Klavierakkorde, überhaupt endlos weiter Raumhall, schleppender Gesang aus der Tiefe des Raums, ein Minimum an Percussion – in der Summe ergibt das eine sich aktuell anfühlende, unterm Strich aber zeitlose Musik zum Mitleiden und Selbstmitleid-Haben, die weniger durch instrumentale Virtuosität überzeugt (obwohl das Duo klassisch ausgebildet ist) , als vielmehr durch eine schleppende und zugleich schwerelose Unterwasser-Melancholie, eine phantastisch schillernde Trübheit, eine freudige Trauer, die an Mike Mills «Beginners» erinnert – und nicht ohne Grund als eine Art innerer Soundtrack durchgehen kann. Mysteriöse Texte, hypnotisch wiederholte Pianoriffs und Refrainzeilen, das Falsettnuscheln von Barnes… »Breakers« ist eine Platte die sich sehr, vielleicht auch zu sehr anstrengt, geheimnisvoll und nebelig zu sein, schleppend und winterlich. Das Ergebnis ist Musik wie ein Stein, der vom Wasser in runde, aber keineswegs makellose Form gewaschen wurde und dessen mattschwarz schimmernde Oberfläche dazu einlädt, ihn in die Hand zu nehmen, sein Gewicht zu spüren und ihn nicht wieder loszulassen. Wer spätestens bei »Lands« noch klar weiß, ob er weinen oder sein Gesicht breit lächelnd zum Himmel richten soll, wer nicht verwirrt eigentlich beides zugleich tun möchte, hat kein Herz. »Breakers« ist die Sorte Album, die es nur selten gibt und die selbst Gem Club nur dieses eine Mal so hinkriegen werden – es zu wiederholen wäre langweilig und redundant, etwas zu verändern wäre ein Rückschritt. Umso gespannter darf man darauf warten. Und hoffen, dass es bald schneit, weil dieses Album wie gemacht ist, um mit diesem Soundtrack durch Schneetreiben zu gehen.

18:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Dakota Suite: The Hearts of Empty

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Chris Hooson und seine Dakota-Suite-Crew produzieren ihre Alben schneller, als man sie kaufen kann. «The Hearts of Empty» ist noch gar nicht so alt, da steht schon «the side of her inexhaustible heart» bereit, wenn auch noch nicht bei iTunes verfügbar. Auf «The Hearts of Empty» präsentieren die Zeitlupenmusiker von Dakota Suite ausgesprochen jazzig, die in nur wenigen Tagen eingespielte Platte weht durch den Raum wie eisiger Wind, verhallt, entfernt und doch schneidend. Die reduzierten, betont einfachen Kompositionen sind dabei allerdings alles andere als echter klassischer Jazz, sondern Jazz gefiltert durch Hoosons Ohren, melancholisch, verloren, eine Art Twin-Peaks-Soundtrack, der niemals verwendet wurde. Die Tracks sind so reduziert, dass sie fast Loops sein könnten, Darlings Cellofragmente etwa, über die fast nur noch die Drums Leben hauchen. Es ist ungemein mesmerisierende Musik, seidig und geschmeidig, wie dahin driftender Schnee oder gefrorene Flüsse, eine Klanglandschaft, die fast nicht vorhanden ist, in der immer wieder vertraute Motive aus dem Nebel ragen, in einer seitlosen, verlorenen Zugfahrt entlang der Küste und durch brachliegende Industrie-Innenstädte, durch Schnee und Regen. Ein Minimum an Elektronik und Ambientsounds reichert die 14 Tracks dieses Slowcore-Soundtracks an, der so ausgesprochen gut zum Wetter draußen passt. «The Hearts of Empty» ist eine wunderbare Platte, ein zu Musik geronnenes Stück Depression, eine Musterübung an Reduktion und Langsamkeit, die «meditativ» zu nennen freundlich untertrieben wäre. Es gibt sicher noch einige weiter verinnerlichte Alben, aber es sind sicher nicht sehr viele.

27. November 2011 21:21 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Katzenjammer live Zeche Bochum

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Es ist für mich immer wieder überraschend, wie unberechenbar voll oder leer Konzerte sind. bei Bands, wo ich mit ausverkauftem Haus rechne, ist man unter sich, bei anderen Acts ist die Bude überraschend gerammelt voll – so auch hier bei Katzenjammer, in einer recht ausverkauft wirkenden Zeche, in der sich ein Publikum tummelt, das ich so gemischtesten gesehen habe. Vielleicht ist dieser Mix der Grund, warum das Publikum zwar frenetisch applaudiert, mitsingt und offenbar bester Laune ist, aber im Grunde kein bisschen tanzt oder mosht, obwohl ich das durchaus schon bei Bands erlebt habe, wo die Musik weniger zum gegenseitigen anrempeln einlud als hier. Vielleicht liegt es auch daran, dass man so von den Treiben auf der Bühne hypnotisiert ist, dass man nicht durchs Tanzen wertvolle Sekunden aus dem Blick verlieren will, denn das norwegische Quartett liefert eine Art «Reise nach Jerusalem mit Instrumenten» ab, wodurch nahezu jede der Musikerinnen jedes Instrument einmal spielt, nur Anne Marit Bergheim bleibt dem Schlagzeug fern, das meist dann doch von Solveig Heilo bedient wird, die sich charmanterweise dabei jedes mal die hochhackigen Stiefel an- und ausziehen muss und die am Schlagzeug meist nebenbei mindestens noch in zweites Instrument mit bedient, sei es Glockenspiel, Akkordeon oder Trompete. Bei so viel Multi-Instrumentalismus wird trotz Musikstudiums natürlich nicht jedes Instrument mit der gleichen Virtuosität bespielt, aber das tut dem Soundmix der Katzenjammer Kids keinen Abbruch, im Gegenteil, das Unperfekte, dafür aber umso energischere passt perfekt in den musikalischen Reisekoffer der Band. Denn das Spektrum kann im Konzertverauf durchaus mehr beeindrucken als das ja ohnehin schon überzeugende 2008er Debüt «Pop» vermuten lässt. Neuere Tracks wie God’s Great Dust Storm und Lay Marlene zeigen die Combo jenseits der reinen Gutelaunemusik als herausragende Sängerinnen, die mit den geringste Mitteln Gänsehautstimmung erzeugen können oder Swamprock-Stimmung herbeizaubern können, um im nächsten Moment Country oder Balkangrooves heraufzubeschwören.

Das alles geschieht mit einer wirbelwindigen Freude an der Arbeit und einer so gekonnten Animation des Publikums, das man fast Angst hat, auf ein zweites Konzert zu gehen, denn so gut wie beim ersten Mal, wo alles noch echt und gestellt und spontan wirkt, ist es dann ja nie mehr wieder. Was die Sache aber über alle Maßen glaubhaft macht ist das jedes Mitglied der Katzenjammercombo von Anfang bis Ende ein breites Grinsen im Gesicht batike tatsächlich spürbar gern auf der Bühne steht, was man ja beileibe nicht über jede Band sagen kann, die sich oft genug nur noch von Gig schleppen und ihr Publikum insgeheim oder offen verachten. Es ist vor allem diese Freude, die die herausragende musikalische Arbeit durchdringt und überstrahlt und ehrlich macht – das hier, so will es scheinen, ist Popmusik in diesem magischen Moment vor dem Ausverkauf, bevor es nur noch um Singles und Charts und Interviews geht und bevor die bleierne Müdigkeit der Tour sich über alles legt, bevor man in der Enge eines Nightliners entdeckt, dass man sich eigentlich nicht riechen kann. Das hier ist der magische Moment einer jungen Band in einem fremden Land vor einem vollen Haus und der Glaube daran, dass man mit der eigenen Musik andere Köpfe in Brand stecken kann. Das hier ist also das, was wir sehen und erleben wollen, wenn wir zu einem Live-Konzert sehen

Bemerkenswert ist dabei vor allem auch der unfassbare Klang der Band. Ich kenne Bands, die – egal wie groß oder klein die Venues sind, in denen sie auftreten – nahezu verlässlich beschissen klingen und das über Jahre hinweg und ich kenne Bands, deren Sound gerade mal so «serviceable» ist, aber wenig mehr, in denen der Soundman während des Konzerts nicht stattzufinden scheint. Nicht so hier. Schon nach wenigen Klängen des Warm-Up-Act Unni Wilhelmsen, die zum grossen Finale noch einmal mit auf die Bühne kam, ist klar, dass der Tonmann weiß, was er tut und die einzelne Dame auf der Bühne mit geschickten Delay- und Halleffekten perfekt «gross» klingen lässt. Und auch in dem wilden Klanggewusel von Katzenjammer, in einer Flut von analogen Instrumenten, einem permanenten Wechsel von Sounds, verliert der Sound nie den Überblick, alles bleibt transparent und klar, Effekte kommen perfekt auf den Punkt und die Einzelleistungen summieren sich zu einem enorm kraftvollen Klang, den man so nur live fühlen und hören kann und den man auf keiner Aufnahme der Welt einfangen kann, wo jeder Basston dich trifft und vier Stimmen zu einer werden.

Ein interessanter Aspekt der Überalterungsgesellschaft ist das im Publikum teilweise Leute stehen, die deutlich über 50 oder 60 sind (und es auch ein paar Kinder gibt). Ich denke, das wird seltsamerweise normaler werden. Die Leute, die in den 70ern Postrock oder Punk gehört haben oder in den 80ern Wave und Goth steigen ja nicht alle auf Robbie Williams und WDR2 um, sondern werden auch heute noch Alternative hören und entsprechend zu Konzerten gehen. Ich sehe das in letzter Zeit immer öfter und es ist ein spannender Trend, weil gesellschaftlich ja eigentlich kam ausgetestet ist, was es bedeutet, wenn Rockkultur «alt» wird. Hier, zu dieser Musik, die sich auf alte Wurzeln berufen kann und die zugleich so naiv-jung-frisch klingt, passt genau dieser Brückenschlag perfekt, es ist die Musik zu der ältere Damen ihre goldarmbandbehängten Arme in die Luft werfen nach etwas Wein und zu der Kids herumhüpfen, Musik die keine LED-Wand und keine Lasershow braucht und die vielleicht gerade als Kontrast zu der gleichzeitig in Düsseldorf laufenden Riesenproduktion, die ja eher gänzlich ohne musikalischen Inhalt auskommt, daran erinnert, worum es bei der ganzen «Live»-Sache eigentlich geht… um Menschen, die zusammenkommen um zu feiern.  

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16. Mai 2011 18:37 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Kaizers Orchestra Köln Stollwerck

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Es gibt einen Moment in dieser Show, der bemerkenswert ist. Etwa in der Mitte der Show, nachdem die Band nach dreijähriger Deutschland-Pause mit einigen Klassikern das Publikum, das von dem mehr als famosen Vor-Act Jarne Bernhoft ohnehin bereits aufgewärmt war, in Schwung gebracht hat, senkt sich eine Beamer-Leinwand vor dem gewohnten roten Vorhang über das gewohnt von Birnchen illuminierte als Schwarzweiß-Logo der Kaizers. Fast zeitgleich nimmt Keyboarder Helge Risa die vertraute Gasmaske ab – und tatsächlich signalisiert das einen Bruch im Konzert. Die Norweger spielen konzentriert en bloc Tracks von ihrem neuen Album, Violeta Violeta I, und wirken dabei wie verwandelt. Die Melange aus Ompa-Rock und Folkloregrooves, obwohl auf dem Album evolutionär noch vorhanden, tritt in den Hintergrund – ein Bruch der beim reinen Hören der exzellenten Platte fast nicht auffällt, im direkten Gegensatz live aber sehr deutlich wird. Die Musik wird erwachsener, weniger Sturm& Drang, die ganze Attitude der Band scheint gereifter, weg von der Party-Anmache bei den Ansagen, hin zu einem sehr konzentrierten Spielen, zu einem britisch-amerikanischeren Sound, der die Gitarren mehr betont (die sehr souverän die auf dem Album von Streichern gespielten Parts ersetzen), irgendwo zwischen Pop und Indie, sehr viel normaler als der «gewohnte» Kaizers-Sound und in der Tat sehr viel weiter entwickelt. Die Band gibt sich Raum für psychedelische Streifzüge in den Nummern, wirkt bei sich, international wie selten zuvor und obwohl die Tracks so hintereinander eine gewisse Selbstähnlichkeit entfalten, steht da auf einmal eine Gruppe auf der Bühne, die spürbar – und sei es nur für einen Teil des Abends – aus der eigenen Legende, aus dem eigenen Exoskelett heraus will. Hier werden nicht alibihaft ein paar aktuelle Nummern zwischen die «Greatest Hits» geschummelt, man kann greifen, dass hier etwas vorgestellt wird, was Ottensen und seinen Leuten – selbst wenn er sich mit «this is almost a popsong» fast entschuldigt – wichtig ist.

Umso trauriger, dass den Kaizers genau das passiert, was jedem etablierten Act an diesem Punkt passiert – das Publikum zieht nicht, oder nicht nennenswert mit. Wie bei Bowie in den Neunzigern, als er mit «Outside» tourte und konsequent keine etablierten Hits spielte, was das Publikum, das anscheinend nur «Fame», «Let’s Dance» und «Space Odditty» hören will, wenig goutierte. Es ist seltsam dass die Fans einer Band oft wenig bereit scheinen, die Entwicklung der Musik mitzutragen und neugierig auf neue Tracks und deren Live-Interpretation sind, sondern vielmehr erwarten, dass die Musiker als eine Art Partykapelle, eine lebende Jukebox, jeden Abend ihre Instrumente auspacken und Jahr für Jahr immer wieder die gleichen Songs performen. Die Stones sind längst an einem Punkt angekommen, wo sie zu ihrer eigenen Coverband geworden sind, anderen Bands geht es kaum besser – ich kann es mir nicht anders als entsetzlich vorstellen, wochenlang jeden Abend die gleichen Sachen herunterzufackeln, die man schon seit Jahren spielt, Songs, die man selbst wahrscheinlich längst nicht mehr hören kann, die auch in keiner Weise für den Jetzt-Zustand einer Bandentwicklung, für den aktuellen Geschmack, für die heutige Zeit stehen. Statt dessen bedienen die Lieder nur die Nostalgie der Zuhörer, das Kenn-ich-Kann-ich-mitsingen-Feeling, es ist live, aber in Wirklichkeit ist es die schlimmste aller Konserven. Und so spielen Kaizers, wieder nach einem fast greifbaren Bruch mit hochfahrender Leinwand und wieder hervorgeholter Gasmaske, im dritten Akt des Konzertes einen Hit nach dem anderen – und das Publikum geht wieder mit. Es scheint, als sei eine Art Abmachung im Raum, die besagt, dass die Band ihre neuen Songs zwar spielen darf, aber danach bitte nur noch die vertrauten Hits wie «Maestro». Was die Band auch tut, allerdings so leidenschaftslos und professionell wie es nur eben geht. Bis auf wenige Momente Augenkontakt mit der Balustrade und einem glaubhaften Lächeln wirkt Ottensen wie ein Musikroboter, der die vertrauten «Ja klar»-Shout-Outs aus dem Publikum zaubert, der auf Knopfdruck die gute Laune produziert, der wie ein Karnevals-Act ein Könner darin ist, den Saal zu kontrollieren, der aber zugleich nur die Freude eines Handwerkers an solider, ihn innerlich aber kaum berührender Arbeit zeigt. Wo Janove bei den neuen Liedern seine Stimme ausprobiert, hochschraubt und mit geschlossenen Augen konzentriert einen Text vermitteln will (den ohnehin in Deutschland nur 15% des Raumes verstehen), gibt er im Partymodus eine Art norwegischen James Brown, der eben gute Miene zum stets schlechten Spiel macht und ein guter Profi ist, der versteht, dass er von seinem Publikum lebt. Und dieses wie kein Zweiter routiniert in die Höhe schrauben kann.

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Vergleicht man das Konzert mit der 250-Prosent-Tour, zeigt die Band sich bei ihren Klassikern weniger ausschweifend, zieht routiniert wie alte Zirkuspferde die gleichen Gags durch, als wäre es kein Konzert, sondern eine Theaterperformance. Expeditionen, Improvisationen finden kaum statt, die Soli sind knapp und aufs nötigste reduziert, Breakdowns wie bei der letzten Tour, wo Passagen gern mal ausgedehnt und genossen wurden, finden nicht statt, es geht darum, möglichst viel Hit in möglichst überschaubare Zeit zu komprimieren. Es muss für Musiker ein seltsames Dilemma sein, Fluch des eigenen Erfolges, wenn ein Publikum nur noch bestimmte Wiederholungen erwartet, eine Leistung für das Geld erwartet, und du diese Erwartungshaltung als Mainstream-Act auch noch erfüllen musst – aber dann wieder von Nörglern wie mir kritisierst wirst. Wobei es mir weniger darum geht, dass Kaizers nun etwa 1:1 die Playlist bisheriger Konzerte aufgewärmt haben, ich frage mich einfach, wie sich das für die Band selbst anfühlt. Vielleicht ist es auch einfach, als würde man eine Art Wanderarbeiter sein, der eben drei Monate im Jahr quer durch Europa fährt und… arbeitet… und dann hat man sein Geld verdient und hat den Rest des Jahres halbwegs Ruhe und macht eine Platte, die man wichtig findet, um wieder einen Anlass zu haben, als Wanderarbeiter zu reisen, und so geht das weiter, bis es nicht mehr weitergeht. Wer weiß. Weit entfernt vom künstlerischen Nimbus des «Musikers» ist das sicher allemal – aber die Illusion verliert sich ohnehin schnell, wenn man einmal in einen Tourbus schaut. Wie es ist gibt die halbe Stunde Material aus Violeta Violeta den Blick frei auf eine Band, die mehr ist als eine Art besserer Karnevalskapelle, die zur Belustigung des Publikums funktioniert – für einen kurzen Moment ist da eine Band, die aus Spaß an der eigenen Musik auf der Bühne ist und die nicht routiniert zocken, sondern sich erst in den neuen Stücken einrichten müssen, die sich mehr anschauen, die nicht performen, sondern spielen, die einfachere, aber auch ehrlichere Musik machen und die per Video-Projektion etwas davon ablenken, dass sie so gar keine Lust haben, diese Songs durch Anmachsprüche, Mitklatsch-Animationen oder Rock’n'Roll-Posen zu versauen. So einfach Helges Geste ist, sich die (Gas-)Maske vom Gesicht zu nehmen, aus der Rolle zu treten und nur «echt» als Musiker auf der Bühne zu stehen – statt als ironisch gebrochene Rock-Theater-Figur, so bildhaft ist sie auch – und vielleicht ist das auch der Grund, warum Risa im dritten Akt des Konzerts fast ironisch-gelangweilt wirkt und sich resigniert in die Rolle des irren Keyboarders zurückzieht und wieder Produkt wird.

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Dieses Dilemma betrifft alle kreativ Schaffenden, zumindest die, die es «geschafft» haben, von ihrer Arbeit zu leben. Ob Musiker oder Künstler, Designer, Autor oder Architekt – du wirst mit einem Stil, einem «Sound» identifiziert. Es gibt nur wenige, die sich so freigeschwommen haben, die finanziell und inhaltlich so unabhängig sind von Käufern, von Marketing, von Presse, von einem «Funktionieren» im System, dass sie machen können, was immer sie wollen und scheinbar dennoch – oder dann gerade wegen dieser Unabhängigkeit – Erfolge feiern. Und vielleicht ist dann auch wieder diese Unberechenbarkeit das, was das Publikum erwartet, also berechenbar. Es muss ein schwieriger Gradwandel sein, diese Berechenbarkeit zu liefern, ohne so zu stagnieren, dass man sein Publikum wieder langweilt – oder schlimmer noch sich selbst. Bei Kaizers Orchestra ist in Köln zu spüren, dass die Band sich in der letzten Dekade musikalisch weiter entwickelt hat, einerseits – vielleicht paradoxerweise – einem Rockpop-Mainstream näher gekommen ist, weg von diesem Tom-Waits-Sound, der die Band prägte, andererseits aber emotional ehrlicher und tiefer geworden ist. Und diese gewachsene Band, ist genau an der Bruchstelle, an der schon größere Künstler gescheitert sind – an dem Lagrangepunkt, wo die Band zwischen kreativem Schwung und den Wünschen der Plattenfirma und des Publikums festhängt, vielleicht hängenbleiben kann für eine gewisse Zeit, irgendwann aber wahrscheinlich in eine der beiden Richtungen driften wird – dem Druck entkommend und der eigenen Kreativität entgegen oder in Richtung Pflichterfüllung. Letzteres ist meist einfacher, befriedigt mehr Gemüter, bringt meist auch mehr Erfolg, geht aber für viele Bands gegen die eigentlichen Gründe, warum man einmal Musik machen wollte. Ich habe selten ein Konzert einer Band gesehen, das genau diesen Moment frei von Frustration und Tour-Fatigue so präzise festhält, die Gegenüberstellung von «Weiter wie bisher» und «Entwickeln wir uns weiter» so klar gegenüber – und dazu die erwartbare Reaktion des Publikums… und bin tatsächlich gespannt, für welchen Weg sich Kaizers Orchestra entscheiden werden.

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Wenn aber auch The Human League im KulturSpiegel gerade verkünden, die alten Hits als «Dienstleistung am Publikum» zu spielen, hat man eine Ahnung, wie sehr sich die Rolle der Musiker in den letzten drei Dekaden verändert hat, wie stark der Erfolgs- und Überlebensdruck ist, wie sehr sich der musikalische Wunsch nach Ausdruck zu einem Beruf verändert hat, der nach klaren Parametern abzulaufen hat. Mir fallen weniger und weniger Ausnahmen ein, wie etwa Radiohead oder zu einem geringeren Grad Massive Attack, die Erfolg und eine gewisse Sperrigkeit miteinander verbinden und trotzdem die Hallen vollkriegen. Eine gute Entwicklung ist das nicht.

Vielleicht ist es auch nur «Band Fatigue», vielleicht habe die Kaizers einfach zu oft gesehen. Aber dass es auch anders geht, beweisen Steve Wilsons Porcupine Tree, die sich mitten in der Tour entscheiden, nicht die Songs des Backkatalogs zu spielen, sondern vor einem völlig begeisterten Publikum live Stücke des kommenden Albums «live» zu proben. Mutig und in jeder Hinsicht ein einzigartiges Konzert. Auch Jazzer wie Herbie Hancock beweisen, dass es im Rahmen einer einzigen Tour nicht nur machbar, sondern auch musikalisch enorm wichtig ist, mehr zu tun als nur ein oder zwei Songs auszutauschen oder die Setlist dezent zu modifizieren – Hancock hat vor einigen Jahren in fast jeder Stadt die Lieder nicht nur neu zusammengestellt, sondern enorm andere Interpretationen geliefert, faktisch fast jeden Abend improvisiert. Von diesem Mut einer Jazzlegende, die ja ebenso gut allabendlich den gleichen Summs spielen könnte, darf die Popbranche sich gern eine Scheibe abschneiden. Es ist auch eine Erziehungsfrage, das Publikum aus der Jukebos-Erwartungshaltung wieder heraus zu bringen.

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Konkret war das also ein Konzert mit einer unfassbar guten Vorband – wobei Bernhoft wirklich genau in dieser Form, solo mit seinem Boss MC50 Looper, unfassbar ist und wahrscheinlich mit großer Besetzung nicht mehr so singulär unglaublich phantastisch sein dürfte sondern «nur» noch ein guter Soulact, und ein akustisch leider vergleichsweise schlecht abgemischtes Konzert von Kaizers mit einem wunderbaren Mittelteil, der perfekt die Stimmung eines der vielleicht besten Alben dieser Band widerspiegelte. Und zugleich eben eine Lehre über die Sollbruchstellen einer Musikerkarriere. Mit zwei Zugaben und einem erschöpfenden, bei aller theoretischen Kritik mitreissenden Programm, dennoch wie immer ein Beweis, das die Kaizers zu den besten Liveacts in Europa zählen dürften.

Nach dem Break noch eine Handvoll Photos…

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28. März 2011 10:57 Uhr. Kategorie Live. Tag . Keine Antwort.

Pieter Nooten: Here is Why

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Und noch ein Lebenszeichen aus den 80s: Pieter Nooten ist nicht nur Kopf der um 1985 spannend gewesenen Clan of Xymos, sondern hat vor allem 1987 mit dem kanadischen Ambient-Musiker das phantastische Album «Sleeps with the Fishes» unter dem 4AD-Label veröffentlicht, eine bis heute hinreissend vorsichtige, sich herantastende Einspielung, die ganz wunderbar im Gegensatz zum Waverock von Xymox steht und die Jahre deutlich besser überlebt hat. Sein 2010er Album «Here is Why» knüpft an diesen Klassiker sehr direkt an und lässt Nootens Liebe zu This Mortal Coil in frischem Glanz erscheinen, gebrochen durch die Ambient-Entspannungsmusik-Ästhetik, die Nooten jahrelang verfolgt hat. Insofern ist «Here is Why» oft einen Hauch zu Chill-Out, zu sehr wie ein warmes Bad – aber sei’s drum, andererseits fällt Nooten nie in die Falle, wirklich nach aufgewärmten 80s zu klingen, sondern einen durchaus modernen introspektiven Sound zu fahren, der nicht so sparsam ist wie etwa James Blake, der aber durchaus mit sanftem Minimalismus auskommt, mit einem Moll-Schauer nach dem anderen. «Here is Why» ist kein abwechslungsreiches Album, und die glockigen Synthwolken gehen einem in ihrer Perfektion nach einer Weile auch gern mal auf die Nerven, weil einfach alles zu weich, zu formlos, zu schwebend ist – aber genau diese Trance ist natürlich auch Ziel der Musik, eine Art Suche nach einer hypnotischen Schönheit, einer Art schimmernden Perfektion. Tatsächlich ist Nooten das auf «Fishes» einen Hauch kantiger, unsicherer, unsauberer und insofern natürlich besser gelungen, die Fehler gehören zur Perfektion – paradoxerweise klingt «Here is why» runder und perfekter und genau das ist der Makel des Albums, es ist zu selbstgewiss, es tastet sich nicht mehr im Dunkeln voran, es steht bereits im Licht. Da ist kein Sound zu laut oder leise, kein Gesang im Keller vernuschelt, alles ist geschliffen und digital-genau. Wo er es auf «Fishes» meist geschafft hat, seine Sounds ein bisschen zeitlos klingen zu lassen, erwischt man sich bei «Here is Why» sicher dabei, dass man den Künstler im Studio oder vorm Laptop sitzen sieht und überlegt, welche Soundmodule wohl im Einsatz waren. Abgesehen davon ist «Here is Why» ein sehr fluides, sehr angenehmes Stück Musik, ein geschlossenes und gelungenes Werk, das man sicher nicht in jeder Lebenslage hören kann, so wenig wie einem immer der Sinn nach grünem Tee steht, das aber ohne weiteres geeignet ist, dich aus der Welt zu ziehen, wenn du es brauchst, in Nootens Little Slumberland. Und mehr muss ja vielleicht gar nicht sein.

16. Februar 2011 19:34 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Legendary Pink Dots: Seconds Late for the Brighton Line

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Vom Neo-Goth zum alten Gothic – die Legendary Pink Dots um Edward Ka-Spel gehören, 1980 gegründet, haben eigentlich nie wirklich aufgehört, mit ihren Veröffentlichungen in immer wieder wechselnder Besetzung die Grenzen experimenteller Musik auszuloten und irgendwo zwischen New Wave und zutiefst introvertierten, fast krautigen Soundexperimenten ihr Feld zu beackern. Obwohl die Dots in den 80ern sicher zu den New-Wave/Goth-Bands gehörten und mit dem Tear-Garden-Projekt ja sogar recht eindeutig einen Klassiker des Genres produziert haben, sind sie nie in die Falle geraten, ihren alten Sound aufzukochen, sich retro zu verpuppen oder sich nach den «alten Tagen» zu sehnen, sondern sind immer einfach Vehikel der Reisen und Wanderungen von Ka-Spel gewesen. Wie gut das sein kann, beweist «Seconds Late for the Brighton Line», das mit dem 13-minütigen Schlußtrack «Ascension» eine fast harmonische Seite der Dots zeigt, eine Nummer wie aus einem Filmscore. Und überhaupt fühlt sich das Album wie ein Soundtrack an, introspektiv, traumwandlerisch, mit Ka-Spel als Führer durch die schattigen Gärten seiner Neurosen, mit dem gewohnt halb gesprochenen, halb fistelnd hingeflüsterten Texten, Brüchen, Klangexperimenten, fast ohne Beat. Etwas schade ist, dass einen Hauch zuviel mit Synth gearbeitet wird – «Hauptbahnhof 20-10» etwa fehlt ein wenig die Authentizität von einem Song wie dem grandiosen «The Lovers» von 1984, weil das Piano einfach zu schlecht klingt – so sehr der Song ansonsten daran erinnern will oder soll. Abgesehen von solchen Details, der vielleicht einen Hauch zu glatten Produktion, die den Dots etwas die Naivität, die Einfachheit, nimmt – es klingt alles zu gewollt, zu gekonnt, es ist zu sehr am Rechner entstanden, es gibt keine Fehler, Zufälle, Brüche – ist das Album durchgehend gelungen. «No Star too far» zeigt, dass die Dots zwar inzwischen ganz schön elektronisch und «ambient» klingen, aber dennoch immer noch in der Lage sind, Schmerzgrenzen auszutesten oder mit minimalistischen Mitteln einen wunderschönen Song zu erzeugen. Tatsächlich hat «Seconds Late…» oft den Appeal eines Best-of und verbindet Ansätze, die von den Pink Dots kennt, hier ein Hauch von Lisa’s Party, dort ein Anflug von «Geisha Mermaid» oder der kindergeburtstagsartige Gesang à la «Louder After 6», hier ein simpler Appregiator-Groove, der aus «Love Puppets» hätte kommen können, nicht zuletzt sogar eine Textzeile, die «15 Flies in the Marmelade» zitiert. Was keine Kritik ist, sondern nur zeigt, wie bei aller Vielseitigkeit homogen und nach wie vor relevant das Werk der Legendary Pink Dots ist. In diesem Sinne ist «Seconds Late for the Brighton Line» ein mehr als gelungenes Lebenszeichen.

19:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Zola Jesus: Stridulum II

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Noch einmal die Rubrik «Verhallter Frauengesang» (die ich ja sehr schätze), aber eine ganz andere Sorte als der Dreampop von Bee’s Garden. Zola Jesus a.ka.Nika Roza Danilova wirkt deutlich verkopfter, die Stimme nicht hingehaucht, sondern in Siouxie-Stimmlagen hochgeschraubt und viel näher an der Ästhetik von Eben This Mortal Coil und Consorten, näher am der Goth-Geste, und nicht ohne Grund mit dem Knife-Soloprojekt Fever Ray auf Tour gewesen. Striudulum II ist ein ambitioniertes Album, das alles andere will, als einlullen. Danilova singt sich nicht selten ihren Schmerz aus dem Körper, über Klanglandschaften, die an XiuXiu oder Bat for Lashes erinnern, aber kühler, entfernter sind, einsamer wirken. Bei der Britin Natasha Khan ist da eben eher ein Hauch von Sehnsucht im Spiel, bei der aus Russland stammenden Danilova eher Schmerz, Einsamkeit, Dunkelheit, Verzweiflung. Stridulum ist entsprechend eine intensive Platte, die nie wirklich «unangenehm» oder unhörbar wird – im Gegenteil, das Album wächst mit jedem Hören -, die Musik wird nie so frostig wie Cold Cave oder Blessure Grave, die 80s-Anklänge sind auch deutlich erträglicher. Es gibt einige echte Höhepunkte auf dem Album, wie etwa Manifest Destiny, und einige etwas nichtsagendere Tracks – «Sea Talk» oder «Tower», die sich zu sehr in Dark-Wave-Synthiewolken verlieren und etwas langweilig hinschleppen, müde sind -, aber alles in allem ist Stridulum eins der besseren NeoGoth-Alben, offensichtlich inspiriert (und nicht immer ganz an das Original heranreichend), aber mit dem Herz am richtigen Fleck.

18:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

David Sylvian: Sleepwalkers

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Sleepwalkers ist eine Anthologie der Zusammenarbeiten von David Sylvian in letzten Jahren, darunter bereits veröffentlichte Tracks, die zusammen mit Ryuichi Sakamoto oder Nine Horses entstanden sind. Vor allem bei Nine Horses dürfte ohnehin jeder Sylvian-Fan die kompletten Veröffentlichungen haben. Als Sammlung zeigt das Album schön die Bandbreite von Sylvians Arbeit von Sachen, die «fast» Popmusik sind hin zu sperrigen, ambitionierten Konstruktionen aus klassischer Musik und Gesang, der an Rezitation grenzt. In seinen letzten Alben hat sich Sylvian mehr und mehr dem Experiment, dem «Fringe» seiner eigenen Musik zugewandt, ist unzugänglicher geworden, insofern ist Sleepwalkers eine gute Erinnerung daran, wie viel Lebendigkeit und Energie bestimmte Kolloboratoren aus Sylvian herauskitzeln können und wie oft ihm eigentlich die Fusion aus Intensität und Emotionalität gelingt, die auf seinen Soloalben einem kühlen Intellektualismus gewichen ist. Die Bandbreite der Musik, zusammengehalten durch den markanten, unirdisch schönen Gesang, macht Sleepwalkers, selbst wenn man die meisten Tracks schon kennt, zu einer mehr als hörenswerten Compilation und zu einem wichtigen Lebenszeichen von Sylvian. Für Fans ohnehin ein Must-Buy, für Einsteiger neben Everything and Nothing ein Album, das sich gut in jedem Plattenschrank macht.

14. Februar 2011 07:50 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Laetitia Sadier: The Trip

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Stereolab-Sängering Laetitia Sadier bringt nach zahlreichen Seitenprojekten und -trips auf ihrem ersten Soloalbum keine großen Überraschungen. Softe Gitarren, Synths, Drumbeats und der verlorenfrankoanglophoner Gesang über zeitlos schönen Harmonien – im Grunde also eine straightere Version von Stereolab oder Monad. Der Grundsound ist mehr live-orientiert, klingt einen Hauch frischer und weniger narzisstisch als das, was Stereolab inzwischen so machen, was vielleicht an der sehr direkten, mitunter fast billig wirkenden Produktion wirkt, die klingt, als habe sie das Album in der Küche am Laptop eingespielt. «The Trip» klingt intim und bescheiden, mit wenigen Überraschungen («Un Soir, Un Chien»), die dann aber umso schöner sind.

07:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Wolf People: Steeple

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Es ist schwer bis unmöglich, sich dieses Debütalbum anzuhören und nicht sofort an Led Zeppelin, Sabbath, Deep Purple und so weiter zu denken – der leicht folkig angehauchte Rocksound der Briten steckt knietief in Geschichte, der Opener «Sillbury Sands» lässt daran keinen Zweifel aufkommen. Die Sounds, das Flair, Jack Sharps Vocals – nichts an dieser Platte klingt modern oder gar neu. Im Gegenteil, Steeple ist ein verkiffter Trip zurück in die Vergangenheit, die auf diesem Album dennoch seltsam modern klingt, vorangetrieben von Tom Watts komplexen Drumgrooves, die hier und da ein wenig an Jack White erinnern, hier und dort dann wieder massiv an Ian Paice oder natürlich John Bonham. Steeple ist die Sorte Platte, die du in der Plattensammlung deiner (Groß-)Eltern ebenso gut hättest finden können, die Sorte psychedelischer Rock, der auch nach 40-50 Jahren noch überraschend gut klingt. Wolf People haben dem Oevre der von ihnen zitierten Bands eigentlich nicht viel hinzuzufügen, noch bauen Sie auch nur näherungsweise eine Brücke in die Jetztzeit, sondern scheinen vollauf damit zufrieden, eine möglichst authentische Kopie abzuliefern, eine Coverband ohne Coversongs zu sein. Die Band tut das mit großem kompositorischen und spielerischem Geschick, kommt aber über Retro-Prog-Rock zu keinem Moment hinaus. Muss ja vielleicht auch manchmal nicht sein – Steeple ist eine Platte, die man sich ausgezeichnet anhören kann, die sehr ehrlich, sehr direkt, ausgezeichnet gespielt daherkommt und die eine famose Bluesstimmung verbreitet, eine Art druckvoll-lasziver Traurigkeit, ein echtes erdiges Rockalbum, wie man es eben nicht mehr so oft zu hören kriegt, schön authentisch produziert und eine Platte, die eben nicht mehr sein will, als sie ist. Und diese Art von Bescheidenheit macht Spaß beim Zuhören.

29. Januar 2011 19:50 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Anika: Anika

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Es gibt in letzter Zeit einiges an spannenden «Neo-Goth»-Einspielungen, die nicht wie so viele andere Produktionen den Sound der 80er einfach stupide fortführen, sondern für heute neu erfinden, umdenken – und die zugleich ein spannendes Gegenkonzept zur Allgegenwart eines poliert-perfekten Sounds skizzieren. Vom unscharfen Albumphoto (auf dem die namensgebende Sängerin kaum zu erkennen ist) zum Lo-Fi-Sound bis zur Simplicity des Namens – alles an diesem Album wirkt fast trügerisch nicht-vorhanden, verweigert sich. Der Sound von Beak (d.h. von Geoff Barrow von Portishead) geht hier einen Schritt weiter in die Richtung, die Barrow schon beim letzten Portishead-Album angedeutet hat – eine Art musikalisches Antidesign, mit verhallten Sounds, kaum wiedererkennbaren Coverversionen, alten Drummachineklängen und einer Sängerin, die so verdrogt-angeödet wirkt, als sei sie zu ihrem eigenen Debut gezwungen worden. Anika wird viel mit Nico und Velvet Underground verglichen, aber ich persönlich muss viel an Malaria! und Konsorten denken, an diese nervöse Schläfrigkeit. Das in kürzester Zeit live eingespielte (und dennoch entschieden unlive wirkende) Album ist ein seltsames Hybrid aus 60s und 80s, rebellisch und widerborstig. «End of the World» zeigt sehr schön diesen Früh80s-Spirit, der an frühe Some-Bizarre-Einspielungen erinnert, dieses wunderbar -hilflose Homerecording-Feeling, als die komplette Produktionspower eines großen Studios noch nicht in ein Laptop passte. Hilflos eiernde Drums, zu leiernde Gitarren, keinerlei ernsthafte Songstruktur und ein Gesang, der klingt, als käme er aus dem Badezimmer der Wohnung nebenan. Schöner und schlechter kann man doch kaum Musik machen. Selbst wenn man Annika Hendersons grandios deutschbritisch irrlichternden Nichtgesang wegnimmt, dieses kleinmädchenhaft-erwachsene, unschuldig-laszive, androgyn-attraktive Stimmlein, das wie verhext durch die Songs irrt und tastet, in den Tonlagen wunderbar schiefgreift und dennoch sofort dein Herz erobert, selbst ohne all das, liefert Beak eine grandiose Produktion, die die Coverversionen abstruserweise nach alten Roxy Music klingen lässt oder nach anderen alten britischen Acts in ihrer besten Phase. Es ist so abstrus, so wunderbar, wenn «Yang Yang» von Yoko Ono auf Klangwelten à la Brian Eno trifft, wenn Bob Dylan nach ganz ganz ganz alten (prä-Midge-Ure) Ultravox in Dub-Stimmung klingt und die gesamte Produktion so wirkt, als wäre sie mit einem Vierspur-Tascam eingespielt. Ich habe selten so grandios wunderbar miese Drumsounds gehört, es muss fast schwer sein, so unsagbare Produktion heute ja bewußt überhaupt hinzukriegen, wo es so leicht geworden ist, «gut» zu klingen. Alles an diesem Album ist wunderbar, obwohl es in keiner Sekunde neu oder wegweisend ist – das tolle hieran ist, das du die ganze Zeit das Gefühl nicht los wirst, eine verlorene Perle des Jahres 1981 in deiner Plattensammlung wiederentdeckt zu haben, eine Platte, die diese Rohheit, Authentizität und Underground-Schlamperei hat, die hier eben ganz und gar nicht authentisch ist, sondern reines Zitat, das sich fröhlich bei dem Sound der fiesesten Peel Sessions der späten 70s, frühen 80s bedient, mal nach John Foxx, mal nach Joy Division klingt – so wunderbar unterproduziert, dass einem vor Freude das Herz zerbersten mag, eine Platte, die dich wieder berühren kann, weil sie unschuldiger und schlechter und damit (zumindest scheinbar) glaubhafter wirkt als so vieles, was heute sonst verfügbar ist. Das grundlegende Gefühl dieses Albums ist eine Dünnwandigkeit, eine Verunsicherung, eine Wackeligkeit, als sei die Musik so dünn, so seltsam psychedelisch, dass sie jederzeit in Fetzen gehen könnte – eine Zerbrechlichkeit, die einfach selten geworden ist und die deshalb so wertvoll scheint.

28. Januar 2011 19:40 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Broken Bells

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Und noch einmal der Danger Mouse Brian Burton, diesmal nicht mit Sparklehorse sondern mit dem Shins-Sänger James Mercer, und ähnlich wie bei «Dark Night of The Soul» ist das Ergebnis eine Mischung aus naiv-minimalistischer Electronica, perfekter Produktion und psychedelischem Folk, die überraschend wenig nach «dem» Danger Mouse Sound klingt, sondern eher nach eine Fortführung des brütenden, introspektiven Sounds der Sparklehorse-Coproduktion, nur homogener, vielleicht auch nicht ganz so depressiv-introspektiv. Wo «The Ghost Inside» nahezu Hitqualitäten hat, sogar stark an die Gorillaz erinnert, gibt es etwa mit «Citizen» ein verschlepptes, melancholisches Stück Traurigkeit – und dieser Stimmungsmix zeichnet das Album insgesamt aus. Es ist unweigerlich etwas sonniger als «Dark Night», aber ebenso unweigerlich doch ein Herbstalbum, zu dem die Regentropfen hörbar gegen das Glas schlagen. «Broken Bells» zeichnet sich durch eine feinere Melancholie aus, in der wie Drogenflashbacks die gute Laune der Beach Boys hinein blitzen kann, wie alte Super-8-Filme aus der Kindheit, so wie sich immer seltsame Retro-Momente in den fast nahtlosen, wunderbar naiven und doch perfekten Mix aus elektronischen und akustischen Sounds mischen. Broken Bells, wenn man so will, ist die Light-Version des «Congratulations»-Album von MGMT, es geht zur gleichen Quelle, kommt aber mit einem leichteren Gebräu zurück. Das Paradoxe an diesem Album ist, dass Trauer selten so mitnehmend und eingängig klang – wo «Dark Knight» dich im Wortsinne wirklich ins tiefste Dunkel führt, bringt dich «Broken Bells» eher auf einen verstaubten Dachspeicher, wo seltsame Spielzeugpuppen und seltsame Kisten liegen, in die dich die Musiker immer mal wieder hineinblicken lassen. Hier ein Orgelsound, dort ein Gesangsfetzen, ein Drumcomputerbeat – irgendwie klingt vieles auf vertraute Art unvertraut, auf eine innovative Art Vintage, was eine zeitlose Melange ergibt, ein Album, das schwer zeitlich festzunageln ist. Die Schattenseite davon ist, das kein Track auf dem Album wirklich mitreissend, wirklich frisch oder mutig klingt, bei aller schönen Poesie kein Klang, keine Harmonie, kein Nichts, was dich vom Stuhl wirft und begeistert. «Broken Bells» plätschert ungemein gekonnt, hochgradig ausgefeilt und wunderschön vor sich hin und stirbt in dieser Schönheit auch ein wenig. Es ist Folk auf Valium, Pop auf LSD, es ist ein großartiges Album, wenn du es hörst und danach bleibt seltsamerweise wenig zurück – nicht einmal ein Kater.

15:10 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Danger Mouse and Sparklehorse: Dark Night of the Soul

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Nach etlichem Hin und Her 2010 endlich auch offiziell veröffentlicht, nachdem mit Mark Linkous im März des letzten Jahres eine Hälfte von Sparklehorse verstarb, ist «Dark Night of the Soul» genau das, was der Titel verspricht: Ein nur von wenigen Lichtscheinen («Little Girl», «Angel’s Harp» und «Pain») durchbrochener Trip in die schwarzen Untiefen eines Musikers, dessen Freitod deutlich macht, dass grandios traurige Musik eben auch einen hohen, einen unter Umständen ultimativen Tribut fordert. Das mit zahlreichen namhaften Folk- Psychedelia- und Indiestars eingespielte Album liefert den Soundtrack zur Introspektion, verletzte und verletztende Musik, denen man die lange Produktionszeit anhört und die dennoch spontan und frisch wirken. Das sicher beeindruckendste Stück des Albums ist der letzte und zugleich namensgebende Track, gesungen von David Lynch, der klingt, als hätte man die Essenz aller Lynch-Filme (und aller Lynch-Soundtracks) auf einen einzigen, schleppenden Song konzentriert, der so dunkel und so schwer ist ein ein Schwarzes Loch. Schleppende Gitarren, elektronisches Ambient-Gekratze und die stellaren Gast-Vokalisten machen dieses Album zu einem absoluten Must-Have, und es überraschend, wie kohärent diese mitternächtliche Anthologie trotz der so unterschiedlichen Sänger klingt, wie homogen das Ganze zusammenkommt. «Dark Night» ist wie ein Sammlung von Kurzgeschichten verschiedener Autoren, die mal härter, mal weicher schreiben, aber sich doch so stilistisch auf ein Thema konzentrieren, dass man nie ganz sicher weiß, wo Einflüsse beginnen und enden, wo das Eine in das Andere fließt, wer Steuermann und wer Ruderer ist. Es ist etwas schade, dass ein so dunkles und doch so erhebendes Album nun nur Nachruf zweier großartiger Musiker sein kann und Mark Linkous der Trick nicht gelungen ist, sich an seiner eigenen Kreativität aus dem Sumpf der Depression zu ziehen…

13:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Von Spar: Foreigner

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Bei von Spar ist einfach jedes Album eine Überraschung. War ihr Debüt frischer und relevanter Indie-Disco-Pop-Punk, haben sich die Kölner nach dem Weggang von Thomas Mahmoud fast unzugänglich auf die Reise ins Ich gemacht und ein Album herausgebracht, das Klaus Schulze gut als Alterswerk zu Gesicht gestanden hätte. Und «Foreigner» zeigt wieder eine Verwandlung, eine erneute Umstrukturierung der Band und vielleicht das endgültige Wachstum zum «Projekt». War «Von Spar» ein Experiment in klanglicher Geduld, eine Zeitlupenaufnahme, eine Studie in Bernstein, macht Foreigner wieder deutlich mehr Spaß. Natürlich, das Album ist eine unverhohlene Verneigung vor der frühen deutschen Elektro- und Krautrockszene, es klingt wie ein «Best of» von Winfried Trenklers «Rock In» oder «Schwingungen». Aber neben Tangerine Dream, Grosskopf, Can, Grobschnitt, Schulze, Göttsching schimmern auch Pink Floyd und Jarre durch – überhaupt scheint «Foreigner» auf durchaus wohltuende Art eine Fusion modernen Postrocks und alter elektronischer Musik zu sein… und einer Band aus Köln steht das ja auch bestens zu Gesicht.

Dabei ist «Foreigner» trotz aller sofortigen Vertrautheit alles andere als Recycling und Wiederaufkochen bereits gehörter Musikfragmente. Natürlich ist die erste Reaktion, nach der generellen Verblüffung, nach Vorbildern und Bezugspunkten zu suchen, diesen Drumsound wiederzuerkennen, jenen Arpeggiator. Aber in Wirklichkeit mixen Sebastian Blume, Jan Philipp Janzen, Christopher Marquez und Phillip Tielsch so munter so verschiedene Einflüsse zusammen, dass das Endergebnis eher eine Art Bogen, eine Cinemascope-Gesamtschau elektronischer Musik wird. Einflüsse von Rock, Techno, Kraut, konkreter Musik, 80s Quietschiepop – was du willst, du wirst es finden, wunderbar produziert und programmiert, liebevolle Soundfrickelei und keine Sekunde langweilig. «Foreigner» ist die Sorte Album, die man gedacht hatte, nicht mehr zu hören. Es ist keine elektronische Musik, die sich dem Zeitgeist nett macht, es ist aber auch keine Vangelis-artige Wellness-Scheiße, keine elektronischen Billigsoundwolken, es ist nicht Laptronica, kein Schlafzimmerpop – es ist völlig seriöse, ernsthafte Suche nach Musik, in vollem Wissen um die Wurzeln und ohne klares Ziel, Hauptsache die Reise macht Spaß. Und die macht eine Menge Spaß, trotz der Düsternis, die das Album durchnebelt.

Von Spar dürften mit diesem dritten Album die ausnahmslos beste deutsche Band sein. Mit dem Debüt haben sie ein Genre übertroffen, ein neues geschaffen und dieses auch gleich wieder als Scherbenhaufen für alle Epigonen und Wannabes zerstört, mit dem Zweiten haben sie eine Ernsthaftigkeit und Innerlichkeit gefunden, die man eher aus Skandinavien erwartet hätte und jetzt produzieren sie ein staatenloses, zeitenloses Album, das zugleich unfassbar klar verortet klingt, das sofort vertraut ist, dich sofort eingefangen hat, und doch smart genug ist, um mit jedem Track wieder zu überraschen. Das Album ist, ohne jede Frage, ein Monolith, eine Platte, die man immer und immer wieder hören kann, ein Ding für immer, eine große Liebe, mit der du Autofahren oder Spazierengehen wirst, damit einschlafen oder dich in langen Dialogen damit unterhalten wirst. «Foreigner» ist eins der absolut besten Alben des letzten Jahres – und man kann nur hoffen, dass die nächste Platte eben wieder ganz anders wird.

19. Januar 2011 12:22 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Eine Antwort.

M.I.A.: Maya

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Es ist so leicht. M.I.A. nicht zu mögen. Die aufgesetzten Botschaften, die Attitude, der ganze Raggamuffin-Industrial-Sound, das ganze Globalisierungsthema. Dennoch ist ihr drittes Album ihr bisher bestes. Und das nicht nur, weil sie die Leute mit dem poppigen XXXO – ein Track, der genau das ist, wogegen er protestiert – in ein Album zieht, das alles andere als leicht konsumierbar ist. XXXO ist wirklich das Hugs-and-Kisses-Ding, eine federleichte Radionummer, die den M.I.A.-Fan eher irritieren dürfte, den beiläufigen Käufer aber vielleicht dazu verführt, ein Album zu kaufen, das ambitionierter kaum sein könnte. Es ist nicht schwer, die Flut digitaler Information unseres Zeitalter hier musikalisch widergespiegelt zu sehen – wie eine Lawine kommt diese Musik auf dich zu und überrollt, überfordert dich, bis an den Rand mit kleinsten Details vollgestopft, sexy und herausragend und zugleich auch anstrengend und schmerzhaft. Es ist die gleiche Sorte Schmerz/Lust in dieser Musik, die man vielleicht von Mark Stewart und seiner Maffia kennt oder von manchen Arbeiten von Adrian Sherwood, oder auch von frühen Thrash-Metal-Tracks. Es ist eine moderne Verkörperung von adoleszenter Wut, mit Distortion auf nahezu jedem Instrument, mit einem digital-native-Sound, einem modernen Ghetto-Sound aus dem Laptop, der ohne Rücksicht auf Regeln primitive und zugleich hypnotische Musik hervorbringt. Unter dem Wust elektronischer Bässe und Sounds, nervöser Samples und hektischer Drumbeats ist es mitunter schwer, die Musikerin wahrzunehmen, die nicht selten gegen die Kakophonie anzuschreien scheint, die so irritierend und «too much» ist wie das Artwork des Albums.

Es ist bemerkenswert, einerseits eine so süßliche Pophymne wie XXXO abzuliefern und andererseits ein so sperriges Album dagegenzustellen, dass keinerlei Mainstream-Appeal haben dürfte und die schon nicht eingängigen ersten beiden Platten der Künstlerin in Sachen Härte und Sperrigkeit problemlos in den Schatten stellt. Maya ist ein smartes, witziges, böses Album, das scheinbar mühelos die verschiedensten musikalischen Einflüsse durch die digitale Wurstmaschine dreht und einen seltsam ortlosen Globalista-Beat daraus macht, eine Weltmusik, die keine Welt mehr braucht und insofern natürlich der ideale Kommentar zu einer Welt ist, in der indische Gesangsstrukturen, amerikanischer Hiphop, europäischer Techno-Industrial, Breakbeat, japanischer Cheesepop und Ragga problemlos zu einer Suppe zu verrühren sind, die am Ende auch noch gut schmeckt. «Maya» ist ein dystopischer Soundtrack zur ausklingenden Dekade, eine schleifende, zersetzende, eitle, größenwahnsinnige und ganz wunderbare Einspielung, das Monument einer geschrumpften Welt, die bedrohlich und überwältigend wirkt, voller Sounds, Sirenen, Maschinen, Explosionen – eben der Welt, die uns jeden Tag umgibt.

4. Januar 2011 11:38 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Deftones: Diamond Eyes

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Es ist natürlich ein Problem für jede Band, das eine perfekte Album schon längst herausgebracht zu haben. Oasis oder auch Bloc Party hätten nach dem Debut eigentlich schon aufhören dürfen, und die Deftones haben mit «White Pony» sicherlich ein im Grunde nicht mehr zu überbietendes Album herausgebracht. Auf ihrem sechsten Studioalbum zeigt sich die Band aber durchaus nach dem etwas mauerem letzten Album vor fast drei Jahren wieder gewillt, den eigenen Gipfel noch einmal erklimmen zu wollen. «Diamond Eyes». Nachdem die Band das im Grunde fertig eingespielte «Eros»-Material mit dem 2008 verstorbenen Bassmann Chi Cheng ins Regal stellte und ein ganz neues Album einspielte, scheint es einen Befreiungsschlag gegeben zu haben. Obwohl der Titeltrack sehr nach dem epischen Pop-Metal der Deftones klingt, entfaltet das Album eine Bandbreite, die der Vorgänger einfach nicht hatte und kann mit CMND/CTRL zumindest für die Strophe sogar wieder richtig Biss entwickeln. Aggressiv, wütend, traurig, episch, mit Blick für das ganz kleine Sounddetail ebenso wie für die bandtypische große Geste, schlagen die Deftones hier eine Brücke zwischen Melodie und Wucht, die im Metal seltener geworden ist. Das Problem der Band – die große Selbstähnlichkeit der meisten Songs, die immer wieder ein ähnliches Thema zu variieren scheinen – löst «Diamond Eyes» natürlich nicht, aber das Album klingt frischer und lebendiger als etwa «Saturday Night Wrist», und zeigt die Band absolut in Kontrolle des eigenen Klangs, dem immer wieder neue Nuancen abgetrotzt werden. Obwohl es immer wieder Momente gibt, die ein wenig vertraut klingen, ist andererseits auch immer wieder spürbar, wie neues Territorium erobert wird, wie Riffs und Sounds einen deutlichen Tick härter werden, wie die Band ihr Melodrama mit mehr Wut ausstattet. Chino Morenos Vocals fliegen wie immer über die Klippen und Abgründe der Metal-Landschaft unter ihm, die selten so zerklüftet und harsch war wie bei «Rocket Skates», dem zweifellos bestem Track des Albums, das insgesamt einen mitreissenden Trip durch eine ebenso unbewohnbare wie hinreissende Landschaft bildet. Man hört, dass dieses Album schneller entstanden ist als der Vorgänger, mehr gemacht als gedacht ist. «Diamond Eyes» ist kein experimentelles Album, sondern eher eine Definition des eigenen Sounds, eine Rückversicherung, ein Beweis der eigenen Lebensenergie, die Reaktion auf Chengs Koma, die Konsolidierung als Reaktion auf einen externen Schock. In einem Moment, in dem dem die Band sich gepflegt hätte auflösen können, findet sie in ihrer reinsten Form neu zusammen, ohne den eigenen Sound zu hinterfragen, ohne sich kaputtzudenken – und das Ergebnis ist ein Album, das «White Pony» nicht nur das Wasser reichen kann, sondern es zumindest streckenweise fraglos übertrumpft.

29. Dezember 2010 18:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Bonaparte: My Horse Likes You

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Bonapartes Pferd mag mich und ich mag Bonaparte. Das zweite Album von Tobias Jundts Berliner Zirkustruppe, eingeleitet von einer Art Overtüre und mit «The End»besiegelt ist so theatralisch und überspannt, wie dieser Rahmen vermuten lässt – ein wirsch blubberndes, nervöses Album das einen feuchten Pferdedung auf Genres gibt. Irgendwie ist das Kunst, irgendwie Indie, irgendwie sicher auch Pop und irgendwie egal, hauptsache auf die Zwölf. Ob mit fast jazzigen Noten wie «My Horse likes You» oder dancefloor-elektrisch wie «Computer in Love» oder «Technologiya». mal mit einem Hauch Rage Against the Machine bei «L’Etat C’est Moi», mal eine Prise Charles De Goal bei «Fly a Plane Into Me»und so weiter – es ist spürbar, wie wenig Jundt und sein Kollektiv sich festlagen lassen wollen, verbindendes Element ist bestenfalls der leicht gelangweilte, leicht hyperaktive Gesang, den der Schweizer über die Tracks scheuert, der ein wenig an The Streets oder The Fall erinnert, dieses famos nöhlende Timbre, das wie die Songs nervt irgendwie fast nervt, aber eben immer auch nur fast. Bonaparte strengen sich mitunter etwas an, immer «anders» zu klingen, aber die Anstrengung lohnt sich tatsächlich… selbst wenn man das Gesamtkonzept der Truppe außer Acht lässt, entsteht hier sehr saubere, sehr lebendige Popmusik, die sich selbst nie sonderlich ernst zu nehmen scheint und deren Brillanz bei allem Humor aber immer wieder durchscheint. «My Horse likes you» ist diese Sorte Platte, die dich sofort begeistert, dann langweilt und dann nach mehrfachem Hören erst richtig funktioniert, die vor allem weniger durch einzelne Songs als im Ganzen überzeugt, im Gegensatz einzelner Songs… so sehr, dass man sich fragen darf, ob der dritte Wurf dann nicht direkt eine Art Konzeptalbum werden müsste oder eine Art Oper. Aber Jundt wird schon was einfallen, um sich selbst zu toppen…

18:00 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Dead Weather: Sea of Cowards

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«Sea of Cowards» ist das zweite Album der Superband um Jack White und Alsion Mosshart und definitiv eine der besten Platten des ausklingenden Jahres, eine wütende, kochende, stampfende, brodelnde Platte, die sehr seriösen Blues-Rock liefert und ähnlich wie die Black Keys einen sehr alten Sound sehr neu und frisch wirken lässt. Die Songs sind einerseits sparsam instrumentiert, anderseits nahezu überbordend voll, der Sound explodiert fast in deinen Ohren, jedes Instrument ist am richtigen Ort und kämpft dennoch darum, ganz vorn, ganz bei dir zu sein. Nach dem etwas arg improvisiert wirkenden Vorläufer schafft dieses Album es, ohne kompositorisch wirklich «neu» zu sein, grandiose Energie aus Zeppelin-Beats, Beefheart-Weirdness, Purple-Orgelorgien, aus eigentlich allen denkbaren Blues, Swamp, Rock und Metal-Klischees zu melken, dabei sogar deutliche White-Selbstzitate zu liefern und trotzdem großartig zu sein. Die Stücke mäandern etwas selbstähnlich durch das Album, voller dröhnender Drums von White, Dean Fertitas klirrender Keyboards und spitzer Gitarren, jedes Instrument bis an den Pegel ausgereizt und vor allem Mossharts Gesang (der fast oft kaum von Whites zu unterscheiden ist), peitschend, punkig und bei aller Wut trotzdem sexy, verkauft die Stücke. Die düstere schwüle Südstaaten-Stimmung der Nummern wirkt weniger berechnet als die White Stripes, mehr als würden hoch talentierte Zirkustiere jenseits einstudierter Tricks Amok laufen und das Publikum zerfleischen und zerstampfen, lebendig auffressen. Ob tiefschwarze Synthpop-Anklänge wie bei «The Difference between us» oder wütender Stomp wie bei «Jawbreaker», «Sea of Cowards» gelingt es, Vielfalt in die klangliche Einheit zu bringen und eine schier unfassbare Live-Energie in ein Studioalbum zu packen. Es macht Spaß, diese Platte zu hören und sie wächst mit jeder neuen Runde, wo andere Einspielungen anfangen zu langweilen, hörst du hier Nuancen und Zwischentöne heraus, die dich für die Mühe belohnen, durch die Höhen und höheren Höhen dieses Audio-Gebirgszuges zu kraxeln. Nach dem reinen Fun-Album «Horehound» zeigt sich The Dead Weather auf dem Nachfolger tatsächlich zu einer echten Band gereift, die endlich das einlöst, was wir uns eigentlich von jeder Indie-Supergroup erwarten, ohne es je gekriegt zu haben: Musik, die nicht mehr aus dieser Welt ist.

9. Dezember 2010 10:29 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Black Keys: Brothers

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Man kann auf die Makellosigkeit dieses Albums nicht deutlich genug hinweisen: Nichts an «Brothers» ist verkehrt. Von der Typographie auf dem Cover bis zum letzten Gitarrensound, alles ist makellos, fast atemberaubend perfekt, ohne perfektionistisch zu sein. Patrick Carney und Dan Auerbach gelingt hier ein seltsamer sonischer Sprung aus ihrem Bluesrock-Limbo in einen größeren musikalischen Kosmos – das Album klingt wie ein Meilenstein, wie ein letztes Album eines grandiosen, vergessenen Künstlers, wie ein Echo. Es mag an Produzent Danger Mouse liegen, für den Genresprünge fast eine alltägliche Fingerübung geworden sind, aber selten hat etwas so sehr nach Alternative und zugleich nach tiefsten Deltablues zugleich geklungen, außer vielleicht «It Still Moves», dem herausragend halligem Album von «My Morning Jacket». Aber Danger Mouse hat eigentlich nur einen Track – «Tighten Up» – richtig ernsthaft mitgestaltet, insofern ist es doch anscheinend die Band selbst und Hauptproduzent Mark Neill. Aufgekratzt und zugleich unfassbar lässig bedienen sie sich bei den Beatles, Jimi Hendrix, bei Curtis Mayfield und bei dem modernen Bluesfeeling von Jack White, aber die Mixtur, die dieser Cocktail am Ende ergibt, ist so anders als die Zutaten, dass man nur staunen kann.

Der Sound ist hier tight und dort unendlich weit, hier fuzzboxig und kratzig, dort plötzlich völlig präsent und druckvoll, und das alles ohne Brüche, ohne Kanten, ohne irgendwelche Spuren, wie ein Monolith, der so selbstverständlich dasteht, als wäre dies nicht das sechste, sondern sechzigste Album. Obwohl völlig anders, erinnert es am meisten noch an das grandiose, bis heute unendlich weite «Spirit of Eden» von TalkTalk, das nach über zwei Dekaden noch so relevant und berührend ist wie am ersten Tag. «Brothers» gelingt, auf ganz andere Art, ebenfalls das Kunststück, nach dem wir alle trachten – Kunst zu erzeugen, die sich selbst vergessen hat. Nichts an diesem Album klingt mehr gewollt oder gezielt, alles ist so selbstverständlich, so locker und präzise und zugleich so unhinterfragbar an der richtigen Stelle, dass es wirkt, als sei die Platte genau so aus dem Himmel gefallen. Wo du bei anderen Aufnahmen durchaus mal ins Fragen gerätst, warum diese Gitarre nun jenen Sound hat, warum der Gesang so weit hinten im Mix ist, wieso solche Hallwolken versprüht werden, kommen hier solche Fragen nicht auf – mit traumwandlerischer Sicherheit sitzt jeder Pinselstrich, stimmt jede Farbe, die kleinste Nuance erscheint zugleich durchdacht und wie zufällig eben richtig, ganz unaufgeregt eben da, wo sie hingehört. Es ist die Sorte Selbstverständlichkeit, von der du in deiner Arbeit als Designer nur träumen kannst – diese Form von unscheinbarem Dasein, diese Unsichtbarkeit, die das Zeichen wahrer sublimer Perfektion ist.

Wie die Keys Bandbreite und Klarheit fusionieren, ist inspirierend – das Album klingt stets eindeutig etwas «retro», mal mehr nach Soul, mal mehr nach Glam, mal mehr nach Blues und zugleich ist der Sound hochgradig ehrlich, erdig, unfassbar aktuell und akut. Was Aloe Blacc in die Charts bringt, ist hier von dem Duo aus Ohio mehr als vorweggenommen. Die Musik hat durchweg ein inneres Licht, eine Helligkeit und Energie, die durch die bewusst dreckige Produktion, durch die verzerrten Rhodes und Gitarren, das verhallte Drumkit, hindurch scheint. Es ist, als würdest du ein Album aus den 1960ern hören, das 2050 produziert wurde, eine Klangskulptur, die so offensichtlich Hommage an so viele verschiedene Inspirationen ist, das man keine Sekunde böse sein mag, sondern begeistert über die so vitale Wiedergeburt eines Stils von Rock ist, der zugleich so pur und so offen für neue Einflüsse sein kann. «Brothers» ist nichts weniger als ein Meilenstein einer ohnehin ausgezeichneten Band, ein Album, das völlig zeitlos scheint und sich hoffentlich in 50 Jahren noch ebenso aufrichtig anhört wie heute.   

6. Dezember 2010 20:03 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 3 Antworten.

ChkChkChk: Uebel und Gefährlich Hamburg

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Es ist winterlich kalt in Hamburg und das Ambiente des Uebel & Gefährlich ist auch nicht gerade tropisch-warm, sondern wirkt eher einem dystopischen Gefängnisfilm entsprungen – und vielleicht ist das der Grund, warum die New Yorker bei diesem Gig seltsam verkühlt wirken, vielleicht liegt es auch an den teils tragisch bedingten Umbesetzungen der letzten beiden Jahre, die sicherlich eine Auswirkung auf den Sound von ChkChkChk haben dürften. So oder so, gemessen am Kölner Konzert von 2007 wirkt die Band verhalten, es ist fast symbolisch, dass Nic Offer Shirt und Hose anbehält, und auch ansonsten scheint er eher das Partyanimal zu spielen als es wirklich zu sein. Er flirtet ein bißchen mit einem bauchfreien Groupie in der ersten Reihe, der er einige Tanzschitte zeigt, er posiert wie der junge Jagger, er springt über die Bühne, er macht die Publikums-Anheizer-Sprüche, aber es wirkt etwas routiniert, unecht. Was vielleicht verständlich ist, wenn man sich den Tourplan der Band ansieht, die nahezu pausenlos auf wirschem Kurs durch Europa tourt – wer bei dem Programm und mit so wenigen Offdays noch aufrichtig spontan auf der Bühne ist und nicht bloß «funktioniert» muss übermenschliche Energiereserven haben. Entsprechend fehlt es an den ekstatischen Momenten, denen die Energie aus allen Poren strahlt – diese explosiven Steigerungen, in denen die Band ursprünglich mit unfassbarer Geduld das letzte Prozent Kraft aus ihren ProgressiveFunk-Nummern melkt.

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Aber auch mit 75% haben die !!! genug Power, um die frierenden Hamburger auf die Tanzbeine zu bringen und den dreiviertelvollen Raum ins Schwitzen zu bringen. Wer es nicht besser kennt, dürfte trotzdem mehr als zufrieden den Saal verlassen – die einzig wirklich maue Nummer war die letzte Zugabe, die schon eine gewisse Kehraus-Qualität hatte, ansonsten ist jeder Track Uptempo, trocken und minimalistisch nach vorn geprügelt, belebt von den psychedelischen Gitarren von Mario Andreoni, die zu den bemerkenswertesten Features dieses Konzertes gehörten. Andreoni schraubt sich mit Delay und Effekten zu einer phänomenalen Funk-Schrammelei hoch, die mal an New Order, mal an Niles Rogers erinnert und in den besten Momenten den Sound mühelos dominiert.
Es mag daran liegen, dass vor dem Konzert eigentlich nahtlos die Talking Heads liefen – aber tatsächlich fällt bei dem Konzert auf, wie sehr sich !!! Elemente des Sounds von David Byrne & Co aufgreifen und sich zu eigen machen. Wo die Talking Heads aber unterküht und intellektuell daherkommen, abstrakt und nicht selten kopflastig, fusionieren !!! das zackige Bassgerüst der Heads, die schwirrenden Gitarren und den fast körperlosen Gesang zu einer Art Indie-Funk, der mitunter wenig Bandbreite bietet, selbstähnlich bleibt, aber deutlich mehr für die Tanzfläche geeignet ist. Daran, dass draußen der Schnee rieselt, denkt in diesen zwei Stunden jedenfalls keiner, auch wenn der Schweiß nicht so von der Decke tropft wie man es von Chks bisher kannte.

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2. Dezember 2010 11:39 Uhr. Kategorie Live. Tag , . Keine Antwort.

Melissa auf der Maur: Köln Kulturkirche Live

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Es gibt so etwas wie zu cleanen Rock. Zu professionell, zu gekonnt, zu geschliffen, zu cerebral und zuwenig gelebt. Und es gibt Rock, der trotz aller Fehler und Shortcomings aufrecht steht, mit diesem Schmuddelkind-Grinsen, der nicht funktionieren sollte und doch bestens geht. Es ist selten, an einem Abend beide Spielarten so Rücken an Rücken zu erleben, aber das Konzert von Melissa auf der Maur und Heroes&Zeroes in der Kölner Kulturkirche verläuft genau entlang der Demarkationslinie zwischen Zombierock und gelebter Musik. Es ist weniger ein Konzert als vielmehr eine Studie zweier verschiedener Arten, Musik live zu produzieren.

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Denn die in ihrer Heimat erfolgreiche Vorband Heroes&Zeroes, die in der Kulturkirche vor halbvollem Haus spielte, wußte sich die hallige Akustik der Kirche zunutze zu machen und brillierte mit einer unfassbaren Klangfront, die man den drei Männern kaum zutrauen würde, selbst wenn jeder der Musiker zusätzlich zu Gitarre, Bass oder Schlagzeug einen alten Synth vor sich aufgebaut hatte. Mit dem Albumsound kaum kongruent, produzierten die Osloer einen gewaltigen, göttlichen Krach irgendwo zwischen Indie und Rock und Metal, einen dichtgewebten Noiseteppich, in dem du oft genug nicht sagen kannst, wo der Bass anfängt und die Gitarre aufhört, wo Hans Jørgen Undelstvedt seine Stimme elektronisch mit einer Art Kaos-Pad durch Filter und Delays jagt oder wo andere Effekte den Sound dominieren. Das Ergebnis ist eine Musik irgendwo zwischen The Cure und Red Sparrowes, die die Band mit großer Freude – vorweg Lars Løberg Tofte am Bass und Drummer Arne Kjelsrud Mathisen – in den Raum pumpt und dabei spürbar selbst einen Heidenspaß hat. Kein Wunder also, dass ich mir nach dem Gig noch eine CD (Dead Media, yay!) der Band kaufte. Unprätentiös, direkt, erdig, laut und wunderbar noisy – natürlich kann keine CD diese Qualitäten einfangen, das Album ist viel leichter und konsumierbarer, aber dennoch: Was für ein Konzert, was für eine Energie und Leidenschaft. Großartig.

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Und was für ein Gegensatz zum Hauptact des Abends, der Ex-Hole/Ex-Smashing-Pumpkins-Bassistin Melissa auf der Maur. Deren allzugewollte Überinszenierung beginnt bereits mit einem Film, der vor dem eigentlichen Konzert läuft, dramatische Musik vom Band, die abrupt abbricht und einen seltsamen Gegensatz abgibt zu den vier Gestalten, die auf die Bühne kommen, auf der Maur mit einem Glas Rotwein in der Hand. Die Jungs in der Band tragen schwarze Einheitskluft, mit einem M markeirt, Corporate Clothing, vielleicht eine ironische Brechung der Tatsache, dass hier scheinbar drei angemietete Musiker der Chefin zuarbeiten, vielleicht auch nur der Versuch, das (in der Tat ausgezeichnete) Branding von MadM, das ohnehin die Bühne dominiert, weiter durchzuziehen. Der Effekt ist nur leider, dass Auf der Maur tatsächlich ein wenig wie ein kalkuliertes Produkt wirkt, eine Art multimediale Gesamtinszenierung, die einfach einen Hauch zu gewollt, zu durchdacht, zu gekünstelt ist. Dieser Eindruck zieht sich durch – die Band spielt einen Hauch zu sauber, zu Mucker-mäßig, zu glatt, in einem etwas an AC/DC-Bluesrock auf Stereoiden erinnernden Sound, und der etwas unkontrollierbare Sound der Umgebung tut diesem allzu cleanen Rock nicht gut. Außer dem Drummer wirken die Musiker ein wenig gelangweilt, vielleicht verständlich, wenn man nicht nur eine Tour durch zig Länder in Europa auf dem Buckel hat, sondern dazu noch in einer nicht ausverkauften durchaus recht kleinen Location spielt. Auf der Maur selbst scheint es nicht anders zu gehen, es gibt Momente, wo sie sich spürbar sammeln muss, um etwas Show zu machen, in sich geht, um irgendwoher die affektierten Showgesten und die einstudierten Rockposen hervorzuzaubern, mit denen sie sich durch den Abend rettet. Am deutlichsten wird dies bei ihren «Duett» mit Glen Danzig, das als Halbplayback läuft. Das Publikum reagiert trotz an sich guter Stimmung plötzlich ein wenig irritiert, als die Band unvermittelt die Bühne verlässt, MadM eine längere, leicht konfuse (der Rotwein wirkt) Ansprache hält und dann von Band (bzw aus dem Rechner) der komplette Song läuft, mit diesem etwas schlechterem Sound, den Aufnahmen über eine Live-PA oft haben, während Auf der Maur dazu singt und mit den Armen in der Luft gestikuliert, als sei sie auf einem Videoset oder im Zwischenfall der 80er Jahre und würde durch den Nebel wabern. Es ist also alles ein wenig zu viel, zu gewollt, zu aufgesetzt, zu sehr L.A. Es treffen hier fast zwei Modelle von Musik aufeinander. Da ist einerseits das Modell von Rockmusik als Inszenierung für das Publikum, von erlernten Posen und musikvideo-kompatiblen Gesten, eine Musik nicht für sich selbst, sondern für das Publikum, für den Erfolg, Musik, die geliebt und konsumiert werden will und dafür alles tut, was getan werden muss. Es ist Brand-Rock, mit Logos, Hyperstlisierung, mit Fransen am Bühnenoutfit, die jede Geste überbetonen, mit der gewollten Coolness, die so uncool wirkt. Auf der anderen Seite das Trio aus Oslo, das durch das Publikum mitunter fast gestört wirkt – der Sänger singt mit geschlossenen Augen, die Blickkontakte finden mehr in der Band als zwischen Band und Zuschauern statt, der Sänger wendet sich, wenn er an seinem Effektgerätepark steht, sogar fast mit dem Rücken zum Publikum, die Drums stehen am Bühnenrand, den anderen Bandmitgliedern zugewandt. Es gibt wenig Ansagen, es gibt keine großen Gesten, es ist jederzeit klar, dass es um die Musik geht, nicht um die Verpackung von Musik, um die eigene Erfahrung des Musik-Machens, nicht um das Abliefern eines fertigen vorgeplanten Produktes, das man als eine Art Jukebox Abend um Abend abzuliefern hat und zu dessen Produktion man sich eine Handvoll Leiharbeiter hinzuzieht.

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Es ist fast charmant, wenn an einem einzigen Abend zwei so grundlegende Modelle von Musikperformance aufeinanderprallen mit so unterschiedlichen Ergebnissen und du als Zuschauer begreifst, das diese Modelle nicht nur für dich selbst als Rezipient eine Rolle spielen, sondern vielleicht auch für die Performer auf der Bühne. Denn die Frage. ob es für Heroes&Zeroes ein guter Abend war, hängt für diese Art von Band vielleicht gar nicht so sehr davon ab, wie voll es war oder wieviel T-Shirts man nach dem Gig verkauft hat, sondern vom eigenen Spiel, von der Frage ob der Bass im dritten Lied gut war oder davon, wie gut das Solo am Ende abging. Für MadM ist das Publikum die einzige wirkliche Größe geworden – ein guter Gig hat nichts mit der eigenen Musik zu tun, sondern mit der Venue-Größe, der Reaktion der Gäste, dem Marketing-Impact des Ganzen. Wer sich ernsthaft auf eine Live-Bühne stellt und zu einem Halbplayback singt, bei dem ist klar, dass es eben nicht mehr um das eigene Machen von Musik live genau in dem authentischen Moment geht, sondern nur um die möglichst saubere serienartige Reproduktion eines vor Monaten im Studio entstandenen Werkes. Die Qualitätsfrage entscheidet sich bestenfalls an der Auflösung von Spontaneität, also daran, wie präzise man dem Studio-Vorbild nahegekommen ist, wie wenig man Modifikationen, Erweiterungen, Änderungen in der gemeinsamen Bühnenimprovisation erarbeitet hat. Heroes hingegen haben ihr Studiomaterial bis an die Grenze der Unkenntlichkeit entstellt, auf den Raum reagiert, aufeinander, und haben eine noisige, aber schwingungsvolle Improvisation der eigenen Musik, einen fast jazzig-lässigen Umgang mit dem eigenen Material, bewiesen. Auch wenn ich natürlich auch eher wegen MadM anwesend war, deren aktuelles Album ja tatsächlich auch großartig ist, ist die Vorband insofern in jeder Hinsicht der Gewinner des Abends, sind von der Bühne in meinen Plattenfundus gewandert, während ich ein Auf der Maur-Konzert wahrscheinlich nicht wieder besuchen würde, einfach, weil mit bloßen Händen greifbar ist, wie sehr sie das, was sie da auf der Bühne machen muss, selbst anödet. Wieso sollte es mich dann mehr interessieren?

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29. November 2010 20:34 Uhr. Kategorie Live. Tag , . Keine Antwort.

Meshell Ndegeocello: Devil’s Halo

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Die Bassistin Meshell Ndegeocello als Ausnahmetalent zu bezeichnen, wäre eine maßlose Übertreibung. Wenn Sie nicht gerade ihr immenses Können am Viersaiter in den Dienst legendärer Jazz- oder Rockgrößen stellt, komponiert und produziert sie Soloalben, die mit einer so lässigen Pose über alle Genregrenzen hinweg springen, dass andere Musiker nur neidisch werden können. Ob introvertiert oder aggressiv, HipHop oder Jazz – Ndegeocello bewegt sich jenseits allen Schubladendenkens, neugierig auf neue Musik und andere Ufer, immer eine Herausforderung für den Hörer und zugleich ein Geschenk. Ihr nach zig Labelwechseln inzwischen achtes Studioalbum, «Devil’s Halo», macht mit dem ersten Song «Slaughter» klar, dass es krachend laut wird – die Musik kann man nur als einen seltsamen Mix aus Soul, Blues und Indierock bezeichnen, mal Uptempo und mit krachen verzerrte Gitarren, mal laid-back und relaxt, mit einem Hauch Sade-Feeling («Die Young»). Darunter Tracks, die sicher an die ruhigeren Töne älterer Alben anknüpfen, aber eben durchaus auch eine hektisch flirrende Nummer wie «Lola». Mitunter kratzt das Album dabei leider mit dem Bauch an der Landebahn der Beliebigkeit und scheint nicht richtig abheben zu wollen – es wird nie wirklich Jazz oder wirklich Soul oder wirklich Pop oder wirklich Rock, immer nur eine Melange davon, und wie das mit Melange so ist, sie schmeckt ein wenig nach Starbucks. Da sind zu viele softe Keyboardwolken, die das Potential des Gesangs und der Kompositionen – die mit eben weniger von allem viel besser, viel eher Joni Mitchell wären – unterminieren, da sind zu viele Gesten, die gewollt wirken und auch gekonnt sind, aber nie richtig zusammenkommen, kein Design, keine Gestalt ergeben. Dabei ist der grundsätzliche Ansatz – minimale Bandbesetzung, mehr Druck, mehr Rohheit – goldrichtig. Es hätte nur einen Hauch mehr Minimalismus gebraucht, eine Spur mehr Mut zum Ungehobelten, zum rohen Klotz. Denn das Album, mit unter 40 Minuten ohnehin konzentriert, enthält phantastisch starke Stücke, die aber ab und zu doch an dir vorbeifliegen, einen seltsamen Tick zu seifig sind, die zu wenig Kante haben, um sie gepackt zu kriegen und festzuihalten. Der Parforceritt zwischen allen Genres führt hier zu einem Drift, einer Unverortbarkeit – irgendwie bleibt «Devil’s Halo» ein wenig überambitioniert, ein wenig nebelig. Dennoch gibt es immer wieder einzelne Momente, eine großartige Stimme und eine in den guten Momenten phantastisch funktionierende Band, die das Album in die größte Nähe zu «Bitter», dem vielleicht emotionalsten und ehrlichsten Album von Ndegeocello stellen. Nach den vielen Experimenten seit Cookie wirkt «Devil’s Halo» fast wie ein Rückgriff, aber nicht wie ein Rückschritt, auf die Tatsache, das in der Musik Dieter Rams Design-Paradigma «Weniger, aber besser» auch absolut zeitlos treffend ist.

15. November 2010 19:26 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The National: High Violet

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Kein Zweifel: The National sind die neuen R.E.M. Genauso schmusig und gefühlig die Stimme von Matt Berninger, genauso groß die Gefahr spätestens mit dem nächsten oder übernächsten Album in der endlosen Selbstwiederholung zu landen. «Bloodbuzz Ohio» dürfte dann als «Loosing My Religion» der US-Band gelten, die nach «Boxer» auf ihrem fünften Album einen gefühlvollen Sound für eine breite Zielgruppe gefunden haben. Der Vergleich hinkt etwas, aber tatsächlich fühlt sich «High Violet» ein wenig nach «Out of Time» an, dem großen und erfolgreichen «Brückenalbum» von R.E.M., das die Band weg von der Studentenband und hin zu Stadionact führte. Was eine Platte ja nicht automatisch schlecht macht – «Out of Time» ist das vielleicht letzte gute Album von Stipes und Co. Und auch «High Violet» ist ein ausgezeichnetes Werk, weniger introvertiert als das Vorgängeralbum, epischer, melodischer, weniger subkutan, mehr in Cinemascope gedreht. Eine Platte der großen Gesten und der Rock’n'Roll-Stereotype, großes Kino mit zahlreichen Gastmusikern, die für ein fast orchestrales Feeling Sorgen, oder für Kammermusik-Zwischentöne.

Formal ist die Platte eine Art Meisterwerk der Band, in sich makellos geschlossene Americana-Nummern, stets von Bryce Dessners singendem, atmenden, komplexen Drumwork vor der Langeweile gerettet, geschmückt von Berningers tiefer Unter-die-Haut-Stimme, immer gerade lässig genug, um in der Schmerzenspose nicht zur Bono-Karikatur zu verkommen, lakonischer, cooler zu sein. «High Violet» zeigt eine Band auf der Höhe ihres Schaffens, die die eigenen Mittel bis an die Grenzen ausgereizt, an den Scheitelpunkt von Indie und Mainstream getrieben hat und genau auf diesem hauchdünnen Eis geht, diese paar Sekunden hat, in denen Widescreen-Rock eben geht, ohne peinlich zu sein. Das kann nur für ein Album gelingen, und dies hier ist dieses Album. Berningers düstere, oft kryptische Texte bilden den Gegenpol zu der National-typischen Musik zwischen Epos und stillem Kämmerlein, alles, aber auch alles hält sich im Lot, vertieft den typischen National-Sound, ohne dabei je wirklich langweilig zu werden (was ein ziemliches Kunststück ist angesichts des sehr engen Horizonts der Band), alles wirkt noch glaubhaft und pur genug, aber andererseits geschliffen, gereift, gekonnt, souverän. Nach so einem Album darf man mit viel Glück noch ein Werk mit ähnlicher Balance erhoffen, danach greifen entweder selbstzerstörerische Effekte («Let’s do something completely different»), was meist noch recht spannend sein kann, oder das unweigerliche Soloalbum des Sängers – oder schlimmstenfalls eine Band in der ewigen Feedbackschleife. Wie eben R.E.M., die fast bewundernswert stoisch seit zehn Jahren immer wieder das gleiche Album veröffentlichen, und niemanden scheint es überhaupt zu stören. Möge den National-Brüdern dieser Vorhof der Hölle erspart bleiben.

18:49 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Foals: Total Life forever

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Der brillante Trick des zweiten Albums der britischen Ausnahmeband ist, dass sie alles gleich und zugleich alles anders machen. Weil sich der schnelle, komplexe Sound von «Antidotes» ja bereits auf dem Debutalbum schon zu wiederholen drohte, nimmt «Total Life forever» konsequent den Druck raus und wendet sich der großen emotionalen Geste zu. Der Bruch ist nicht so hart wie zwischen dem ersten und zweiten Album von The Cure, von fröhlichem Gitarrenpop zu introspektiver Melancholie, aber so wie Yannis Philippakis Gesang hier seltsam an einen weniger nörgeligen Robert Smith erinnert, so ist auch hier ein fast exponentieller Wachstumssprung greifbar, ein fast schlagartiges Verschwinden von Naivität. Zugleich, anders als bei The Cure, verlieren die Foals nicht ihre Unschuld, im Gegenteil, TLF klingt harmonischer, weicher, weniger militärisch als der Vorgänger, hat insofern auch deutlich mehr Mainstream-Appeal (obwohl die Auskopplungen aus dem Erstling in den UK-Charts erfolgreicher waren). Wo «Antidotes» allerdings ein durchweg starkes Album hatte, ohne einen einzigen Durchhänger, gibt es aus TLF durchaus Tracks, die mittenmang etwas Müdigkeit entwickeln, nicht richtig aus dem Quark kommen wollen, die die Band nicht ohne Grund live mit deutlich mehr Energie spielt. Man merkt bei manchen Songs, dass sie sich im Studio zu sehr im technisch machbaren, im Sound an sich, in der Hallsuppe, verirrt und verwabert haben und eigentlich eine Energydring-Infusion bräuchten. Andere Songs, «Spanish Sahara» und «This Orient» sicher mit großem Abstand vorneweg, haben eine Emotionalität, einen Aufbau, eine Energie, die auch ohne großes Tempo auskommt und die zum Weinen schöne Moment haben, weil die Band nahezu mühlelos Dynamikwechsel, Crescendi, das atmende Auf- und Ab eines Songs beherrscht und dabei auch noch Harmoniewechsel und dichte kompositorische Layer abliefert, dass dir die Luft wegbleibt. Während die eher straighten Einspielungen wie «Black Gold» und «Miami» eben eher zeigen, dass lineare Stücke nicht die Stärke der Band sind, die normale Pop-Komposition zwar funktioniert, aber der Experimentierfreude der Briten nicht genug Freiraum gibt. So wirken manche Songs unnötig kommerziell und brav und unter diesem Oberflächeneindruck geht fast verloren, wie grandios die Gitarrenarbeit von Jimmy Smith ist, wie perfekt Bass und Schlagzeug funktionieren, wie makellos und doch nie langweilig die Truppe aus Oxford arbeitet. «Total Life Forever» klingt schwüler, wärmer als Antidotes, flirrend vor Hitze und zugleich ein wenig träge, relaxt, wie ein Nachmittag am Strand. Es ist sicher kein Zufall, wenn Anspielungen wie Miami oder Spanien oder Orient auftauchen – die Platte wirkt internationaler, größer, erfahrener als der Erstling, sie klingt im Verhältnis zu «Antidotes» wie The Police’s «Zenyatta Mondatta» zu «Regatta de Blanc» – aufgeräumter, abgeklärter, durchaus auch kommerzieller, irgendwie an der Schwelle zu etwas Anderem und Neuem. Da darf man nur hoffen, dass die Foals nicht auf diesem Hängematten-Soundtrack des zweiten Albums kleben bleiben, so schön er ist, sondern uns auch mit dem dritten Album mit einem neuen, wieder gewandelten und erneut gewachsenen Sound begeistern.

6. November 2010 16:43 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Two Doors Cinema Club: Tourist History

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Keine Frage, die Iren von Two Door Cinema Club sind auf «Tourist History» so eng auf den Spuren von The Foals, dass es schon knirscht. Wie auch die Wombats und viele andere Bands, haben sich TDCC von dem schnellen, nervösen Mathletic-Schichten der Engländer anstecken lassen. Der Unterschied ist hauptsächlich, dass das Trio um Alex Trimble ein wenig synthetischer klingt, einen Hauch androgyner, als hätten Phoenix ein Foals-Tributealbum eingespielt. Was vielleicht nicht verwundert, immerhin saß bei der Produktion des Debuts Phillipe Zdar an den Reglern, der auch für Phoenix’ aktuelles Album verantwortlich zeichnete. Das Ergebnis ist ein recht mainstreamiges, durchweg gut gelauntes, gut tanzbares Album, das das Gehirn weiträumig umfährt und sofort auf die Beine zielt. Schnelle, zackige Beats, schwirrende Gitarrenlayer und der sehr an eine eben britische Variante von Thomas Mars erinnernde Gesang ergeben ein sommerliches Album, das Hit an Hit liefert. Das Ganze hat keine Sekunde den Tiefgang, die Resonanz der Kompositionen der Foals, die Dichte, die vibrierende Energie, die Gefährlichkeit und kluge weltmusikalische Subnote… aber es ist perfekte, fröhliche Popmusik mit perfektem Lauftempo und manchmal ist das einfach auch genug, wie das fast beängstigend erfolgreiche Airplay von «I can Talk» bestätigt. «Tourist History» ist wie ein gutgelaunter Film mit einfachem Plot und klugen Nerd-Insiderwitzen, schnellen Schnitten und perfektem Timing – und dann ist auch egal, ob man diese Sorte Film schon mehrfach ähnlich und vielleicht sogar einen Hauch besser gesehen hat, denn von manchen Sachen kann es einfach nicht genug geben.

16:18 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Knife feat. Mt. Sims: Tomorrow, in a Year

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Im Auftrag der dänischen Theatergruppe Hotel Pro Forma ist «Tomorrow, in a Year» von The Knife entstanden, das vorsichtig gesagt eher untypisch für das Oevre von The Knife oder Karin Dreijer Andersson ist, wenn auch das Melodrama, das die sonst eher elektronische Musik von Knife und Fever Ray auszeichnet, hier höchst gelungen in einen klassischeren Kontext gerückt ist. Thema des Stückes ist Darwins Evolutionstheorie, das The Knive mit zahlreichen Gästen, darunter Matthew Sims, Janine Rostron, Kristina Wahlin, Lærke Winther oder Jonathan Johansson plus zahlreichen Instrumentalisten umsetzt. Das Ergebnis ist weder Pop noch Oper, weder tanzbar noch Hochkultur, sondern eine Art Hörspiel-Cutup, eine auditive Erfahrung, die mal anstrengend, mal mitreissend ist, aber zu jedem Moment – vor allem intensiv unter Kopfhörern gehört – faszinierend. Die Platte ist so anders zu allem, was die Dreijers bisher produziert haben, dass man sich unwillkürlich fragt, wie die beiden danach jemals wieder zu normalem Pop zurückfinden wollen, ohne dass es ihnen zu einfach vorkommt. Sperrig, schmerzhaft einerseits, orchestral-grandios andererseits ist Tomorrow, In A Year ein Lynchesquer Soundtrack, der auch ohne die Bildinszenierungen und Tanzperformances dazu in eine eigene Welt entführt, in der es blubbert, quietscht, hämmert und dröhnt, in der die Mechanik des Lebens zu einem pumpenden Maschinenpark wird, durch dessen dunkel beleuchtete, schwach fluoreszierende Eingeweide uns die Musiker führen. Mitunter wird das auch etwas zu lautmalerisch, wie etwa in «Letter to Henslow», andererseits schafft ein Track wie «The Height of Summer» eine durchaus stabil begehbare Brücke zum bisherigen Output der Geschwister. Herausragender Track und nicht umsonst als «Single» ausgekoppelt ist «Colouring of pigeons», eine elfminütige, wunderbar gelungene Fusion aus klassischen Elementen und Popattitude, aus einer an die kanadische Band Moev («Crucify Me») erinnernden Basslinie, KDAs Gesang, dem Mezzosporan von Kristina Wahlin, und einer hyperaktiven Percussion. Ambitioniert, verrückt, gekonnt ist «Tomorrow, in a Year» ein mutiges Konzeptalbum, das den scheinbar unstillbaren Hunger der Dreijers nach Experiment, Ungeschliffenheit, Andersartigkeit unterstreicht und die vielleicht bisher beste Arbeit der beiden darstellt.

15:53 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

We Have Band: WHB

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Der ruhige Anfang des Debutalbums des Londoner Pop-Trios mit dem seltsamen Namen ist sicher als Irreführung zu verstehen, idenn schon mit dem zweiten Track «Buffet» geht die Sonne auf, schält sich aus hypnotischen Bassnoten ein langsamer, aber ekstatischer Sound heraus, der klingt, als habe Mogwai die Elektronik für sich entdeckt. Song 3, «Divisive», schließlich führt uns zu dem vertrauten We Hsve Band-Sound, erinnert an ihre fulminante Fassung von West End Girls und bringt uns den irgendwie monotonen, irgendwie lebendigen Discopopindie, für den WHB bekannt sind, eine seltsame Mischung aus Talking Heads, Hot Chip, frühen Depeche Mode und TV on the Radio. Die NuWave-Songs von dem Ehepaar Thomas und Dede WP und Darren Bancroft sind strukturell meist einfach gestrickt, meist ist nach dreißig Sekunden überraschungsfrei klar, in welche Richtung die Reise geht, und die Reise geht meist stramm geradeaus. Unter dem androgynen Gesang perlen wunderbare Sequencer und nervöse Drumbeats, dezente Samples und ein bisschen Gitarre und Bass, um den Sound zu erden. Man merkt der Produktion schnell an, dass sie mit Gareth Jones einen der ganz großen Reglerdreher an Bord hat, der den Londonern einen knochentrockenen, unverspielten, kristallklaren Sound verordnet, der unter der Oberfläche exzellent mit perkussiven Grooves arbeitet. Natürlich produzieren WHB diese Sorte smarte selbstreflektierte 80s-Elektro-NuShoegaze-Hipster-Disco, natürlich wird eben gerade bei den ernster gemeinten Tracks klar, dass die Bands nicht ganz den Tiefgang fürs «Ernste» hat – aber ein Track wie «Honeytrap» macht deswegen keine Sekunde weniger Spaß und ist nicht weniger zum Tanzen oder Joggen geeignet und gehört mit seinen einpeitschenden fast mechanischen Vocals am Ende definitiv zu den Highlights des Albums, smooth und dennoch die richtige Dosis Kratzigkeit. In den besten Momenten kommen We Have Band ihren Vorbildern nahe, kriegen diese Prise androgynen Sex-Appeal mit Indieflair zusammen, erinnern an die Anfänge der Pet Shop Boys, an mittelfrühe New Order, dieser Mix aus roher «Fuck-let’s-do-it»-Haltung und ungeschliffenem Talent, das aus schiefen Tönen und monotonen Beats etwas eigenes zimmern kann. In ihren schlechtesten Momenten treiben die Songs allerdings etwas ziellos vor sich hin, sobald die Band vom Gaspedal geht. WHB bringen die richtige Musik für die Party, keine Frage, aber ob unter der All-Nighter-Fassade noch mehr Substanz lauert, ob die Band mehr kann als einer festen Formel folgen, wird wohl eher das nächste Album zeigen.

22. Oktober 2010 10:52 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

Caribou: Swim

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Es liegt vielleicht am kreisrunden Album-Artwork, dass mich «Swim» so sehr an Hot Chip erinnert. Vielleicht liegt es auch an Dan Snaiths nasal-nonchalantem Gesang, den der Kanadier so relaxt über seine kleinen hypnotischen, schichtweise anwachsenden Popsongs legt. Und tatsächlich ist «Swim» leider das Hot-Chip-Album, das ich mir in diesem Jahr gewünscht hätte, womit ich wahrscheinlich Hot Chip ebenso wie Snaith Unrecht tue, aber sei’s drum. Wo «One Life Stand» eher ein Rückschritt für Alexis Taylor und Co war, ist Caribou ein grandioses Post-Pop-Pop-Album gelungen, das tänzerisch über die Genregrenzen elektronischer Musik springt, Electronica-Nerdsounds in absolut tanzbare Nummern einbaut, diese Tracks erbarmungslos zusammenbrechen lässt, großartig simple Sequencerlines und wunderbare Melodien anschleppt und dabei – anders als Hot Chip – scheinbar nie wirklich ins reine Zitat abrutscht, sondern immer eine ganz eigene Stimme behält. Snaith erreicht dabei diese seltsame unnahbare Qualität von wunderbar zeitgemäßer, glatter Produktion und schiefen Tönen, eingestreuten Samples, seltsamen Störfeuern, zu großen Hallräumen usw…, die sein Album davor bewahren, den Zuhörer zu langweilen. So legt Snaith hier – mehr noch als bei «Andorra« – ein atemberaubendes Album hin, das Synthiepop-Konzepte emphatisch umarmt und zugleich hinterrücks ersticht. Die Aufnahmen sind einerseits recht «slick», teilweise fast an der Grenze zur echten Glattheit, andererseits haben fast alle zugleich ein surrealistisches, kippeliges Element, eine Verlorenheit oder Einsamkeit. Auch wenn mal einzelne Songs wie «Leave House» sehr klar auf die Tanzfläche schielen, ist Caribou hier eine sehr bemerkenswerte Balance gelungen, die Hot Chip einmal für sich gebucht und irgendwie inzwischen verloren haben. Wie Swaith auf «Jamilia» die Balance zwischen großem Gefühl und großer Leere hält, ist einzigartig.

Seltsamerweise entpuppt sich «Swim» so als eine Art Soundtrack oder Konzeptalbum, das trotz der einzelnen kurzen Tracks, die für sich genommen auch allein bestehen, doch klangliche Brücken, Sounds, Melodien, Sequencer-Motive zwischen den Stücken austauscht und als Ganzes deutlich mehr beeindruckt als in den Einzelteilen. Caribou gelingt eine Art Krautpop, komplex, verpeilt, gefühlig, detuned-melancholisch, funkyjazzygroovy, irgendwo zwischen Memphis, London und Berlin zuhause und doch unverortbar, eine neue Weltmusik, komplett aus der Retorte. Dabei mesmerisiert die Platte genauso wie der zu lange Blick auf das Covermotiv, begeistert mit völlig unerwarteten Synthklängen, stampft und pumpt mit Beats wie aus einer nächtlichen Fabrikhalle, und erzeugt auf ganz eigene Art eine musikalische Poesie, die man nur noch selten findet im Grenzbereich des Pop.

13. Oktober 2010 17:32 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

New Young Pony Club: The Optimist

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Und hier ist wieder eins von diesen «zweiten» Alben. Die so furchtbar in die Hose gehen können. Oder die zeigen können, wie der Schmetterling aus dem Kokon schlüpft und aus der Vielzahl von Ansätzen des Debuts etwas mit schärferen Konturen wird. Im Fall des Londoner Duos/Quartetts New Young Pony Club, deren Debut «Fantastic Playground» nun wirklich ein greller Wirbelwind verschiedenster Einflüsse und Ideen war, durfte man mehr als gespannt sein, was es wird – Flop oder Pop. Es ist Pop geworden, grandioser, perfekter Pop voller Anspielungen undZitate wie der Erstling, aber ungleich fokussierter, ernster, größer.

Die Einflüsse aus den Achtzigern sind natürlich unüberhörbar, fast permanent erinnert hier eine Basslinie an New Order/Joy Division, kommen wirre Drums und ein leicht gegen den Beat versetzter 4/4-Bass so wunderbar zusammen wie bei den frühen Trisomie 21, hallt eine vernichtende Bassdrum wie zu Cures «Pornography»-Zeiten, erinnern Snare Sounds an «Faith», sind Keyboard-Sounds so dünn und cheesy wie bei alten Roland und Yamaha-Synths. Das bemerkenswerteste Instrument, alles in allem, ist der von Andy Spence selbst eingespielte Bass – der immer wieder an Peter Hook erinnert oder an Simon Gallup und der teilweise doppelt und dreifach überlagert in den Songs auftaucht. Der Bass bringt die Stücke zum Grooven, bringt Seele und Funk in die ansonsten etwas sterile Komposition, belebt die Arrangements spürbar.

Und so werden die ersten drei Songs des Albums, «Lost a Girl», «Chaos» und vor allem «The Optimist» zu absoluten Hits – vor allem der Titelsong des Albums ist von wunderbaren Störungen und Details durchzogen, eine perfekte Popnummer, die sich zugleich selbst dekonstruiert und dabei streckenweise wirklich wunderbar an die frühe Naivität der ersten T21-Einspielungen erinnert, eine New-Wave-Naivität und Einfachkeit, die es schafft, über die reine Kopie hinauszugehen und etwas von der Unschuld dieser Mixtur aus Punk und früher elektronischer Musik zurückzugewinnen. Auch «Stone» gelingt, auf ganz andere Art, eine Aufschichtung von Störmomenten, von Loops und flirrenden Synthsequenzen, die einen zarten Hauch von Dub in den Track injizieren.

Das Album ist nicht durchgehend brillant – einige Nummern sind einfach etwas zu simpel und zu dreckig rausgehauen und es fehlt ihnen etwas an Doppelbödigkeit -, aber es macht auf jeden Fall durchgehend Spaß. «Dolls» hat sicher nicht die Kraft der ersten Nummern des Albums, wirkt skizzenhafter, aber geht natürlich trotzdem massiv nach vorn. Obwohl es auch durchaus liebeskranke Songs gibt («Before The Light») und Tabitha Bulmers Stimme immer etwas off klingt, immer etwas schief und allein an der Bar steht, während schon das Licht angeht, ist «The Optimist» passend zum Titel ein kontrastreiches, bemerkenswertes fröhliches Album geworden. Die Mannschaft um Bulmer probiert sich zwar nicht mehr so irrwitzig alle Richtunge aus wie auf «Playground», gelangt dafür aber umso entschiedener zu einem makellosen (aber nicht langweiligen) Popkonzept, in dem Disco, 80s, UK-Charts und Indie sich fröhlich an den Händen haltend um die letzten Stühle auf der überfüllten Geburtstagsparty streiten. Den Ponys gelingt so die Quadratur des Kreises, ein zweites Album das die Essenz des Debuts vertieft und behält – und zugleich in eine völlig andere Richtung geht. Wenn doch nur jeder neuen Fave-Band aus Großbritannien dieser Sprung so souverän gelänge.

11. Oktober 2010 08:04 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

MGMT: Congratulations

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Dem Fluch des zweiten Albums, das zwischen kommerziellem Leistungsdruck und Fanerwartungen zerrieben wird, sind MGMT mit «Congratulations» atemberaubend entkommen. Als müssten sie nach dem Erfolg von «Kids» förmlich beweisen, dass sie keine Popband sind, taucht der neue Longplayer noch tiefer in den Psychedelia-Sound ab, der schon denn Erstling prägte. Mit der Klanggeste der sechziger und siebziger Jahre, handgemachten Sounds, unendlichen Hallwolken, grandiosen Orgelklängen und verkifft-vertrackten Kompositionen flüchten die New Yorker in einen Klangkosmos, der so verdrogt, so doppelbödig und surrealistisch ist, wie das Cover von Anthony Ausgang es verspricht. Rockgesten, Neopsychedelia, traumhafter Federhall, verzerrte Bässe, sprunghaftes Schlagzeug und Gesang, der zu keinem Moment aus der wirklichen Welt zu kommen scheint verwandeln «Congratulations» in eine schrille Musicalnummer, vielleicht seelenverwandt mit Brian de Palmas «Phantom of the Paradise».

Schon «Flash Delirium» ist eine grandiose Mischung aus Sixties, Rock, Pop, Indie und Punk – und ähnlich vielschichtig ist auch die Melange des gesamten Albums, das munter unter dem Tarnmantel des Zitatepops in ein drogenschwurbeliges Musikwunderland abdriftet, voller grandioser Brüche und Experimente, und vor allem voller Humor. Anders als mit genialem, wilden Spaß ist ein Track wie «Siberian Breaks» nicht zu erklären, ein 12-Minüter, der klingt, als hätten sich die Beach Boys nach Pet Sounds weiter in Richtung Pink-Floydiger LSD-Musik entwickelt – produktionstechnisch und musikalisch ein seltsamer Trip in ein Alternativuniversum, in dem die psychedelische Folkrockmusik nicht mit dem Punk gestorben ist, sondern sich unbeirrt weiter in unsere Zeit entwickelt hat. VanWyngarden und Goldwasser ist ein wirsch-ambitioniertes, bonbonbuntes und dennoch melancholisches Album gelungen, das nach mehrfachem Hören förmlich schreit, das musikalisches und künstlerisches Statement grandios fusioniert und eine fast beängstigende Fluchtreaktion auf den Erfolg von «Kids» und «Time to pretend» darstellt, als wolle die Band diesmal sicherstellen, das sich nicht auf einen Teilaspekt ihrer Arbeit reduziert wird… denn der psychedelische Sound prägte ja auch schon das erste Album, nur halt nicht die beiden Singles. Und so wird fast jeder der neun Songs bereits zu einem Acidtrip durch musikalische Vorlieben, durch eine phantastisch ausgefeilte Produktion, entlang hypnotischen Klanglandschaften, in denen die Monkees sich mit Spinal Tap, Prince, R.E.M, dem jungen Bowie und zig anderen Gesichern prügeln. Die kreative Energie, die Lust an der Zerstörung des eigenen Erfolgs, das massive dadaistische Fuck-You-Feeling, sind in jeder Note, jedem Drumbeat, jedem Keyboardsound hörbar. Surrealistisch, ambitioniert, wütend, verliebt – «Congratulations» ist wie eine Wundertüte von Adjektiven, die man fast beliebig hervorzaubern kann und sie sind alle korrekt. Natürlich gibt es trotzdem potentielle Hits auf dem Album – wenn auch nicht so fröhlich-verspielt wie auf Oracular Spectacular – aber es wird eben doch deutlich, wie sinnfällig das Cover ist, auf dem die zu einer Figur verschmolzenen naiven Surferjungs vom ersten Album von der Katzenmonsterwelle gefressen werden. Der Druck in diesem Album ist eben nicht der, sich kommerziell zu beweisen, sondern künstlerisch. Als kämpften sie um ihre Seele, wollen MGMT beweisen, dass sie Antikonsumeristisch sind und keinen Soundtrack zum Werbeclip produzieren, dass sie relevant sind. Ganz ohne Grund sind die Bezüge auf Brian Eno und Dan Treacy ja nicht – VanWyngarden und Goldwasser kämpfen um ihren Platz im Pantheon ambitioniert Popmusik. Das mündet bisweilen in einer auch mal recht angestrengten Kratzbürstigkeit und Verkopftheit, die bei den gerade wegen ihrer Unruhe oft etwas gleichförmig wirkenden Lieder auch mal ermüden kann, weil klar ist, dass es MGMT eben nie um den Zuhörer geht und die Band sich selbst bei allem Humor manchmal einfach zu verdammt ernst nimmt. Trotzdem: «Congratulations» ist eine grandiose, wunderbar prall gefüllte Wundertüte, aus der die seltsamsten Plastic-Junk-Schmuckstücke heraus purzeln, eine Platte, die Beatles-Fans ebenso begeistern dürfte wie die Alternative-Zielgruppe. Und es scheint den beiden Herren und ihren Musikern enorm Spaß gemacht zu haben, die Platte einzuspielen, das hört man. Und allein das ist selten genug geworden, um sich mit MGMT einfach ein bisschen zu freuen und unter den Kopfhörern mitzuschaukeln.   

29. September 2010 11:13 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Serena Maneesh: S-M 2 – Abyss in in B-Minor

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Gigantisch fängt es an, das zweite Album der Norweger, mit einem düster pulsierenden Groove von «Ayisha Abyss», der direkt aus dem Soundtrack einer postapokalyptischen Zukunft zu kommen scheint, mit bedrohlichen Stimmfetzen, verzerrten Bassnoise, und Klangfetzen, die dich aus dem Hallnebel anzuspringen drohen. Aber der erste Eindruck täuscht, das Album führt nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit, denn schon der zweite Track schenkt das Fernrohr zurück, erinnert an verschrammelte Gitarrensounds, die aus irgendwelchen New Yorker Hinterhofgaragen der Siebziger zu dröhnen scheinen, ein Wall of Noise, gegen den sich die wispernde Gesangsstimme von Emil Nikolaisen kaum durchsetzen kann. Die Mischung an verdrogte Gitarren, die My Bloody Valentine oder Sonic Youth kaum kratziger hinbekommen hätten, sprunghaft-nervösen Drums und satt perlenden melodischen Bassläufen, die alles irgendwie zusammenhalten, gekrönt von fast unverständlich hingenuscheltem Gesang prägtdas gesamte Album, das alles andere als eingängigen Indiepop liefert.

Wenn Lina Holmstrom bei «D.I.W.S.W.T.T.D.» das Mikrophon erobert, wird deutlich, wie lebendig dieses Konzept ist – hier trifft eine der naive, warme,fast an die Cardigans erinnernde Gesang und eine an Japanretrojazz angelehnte poppige Melodie auf dekonstruktive Noises, hektische Beats und gerät so zu einer Art perfektem Popsong, der brutal durchs Säurebad gezogen wird. Ob hyperaktiv oder schleppend langsam – jeder Song von Serena Maneesh wirkt wie verwundet, angeschossen, zerstochen, verprügelt. Mit grandiosem Mut nimmt das Quartett die eigenen Kompositionen auseinander und verbirgt die Autorenschaften hinter Arrangements und Produktion, die sich wie Stacheldraht um die Songs legen, sie schützen und zugleich wundkratzen. Gerade wenn Holmstroms Gesang dann wie Sonnenschein hinter düster aufgetürmten Klangwolken durchblitzt, durch reverse postindustrielle Krachorgien scheint, erkennst du, wie lohnend dieses Experiment ist, wie schön der Mut, die eigene Musik so zu zerlegen und etwa bei «Just want to see your face» bei einer ganz wunderbaren neuen Popästhetik anzukommen, der Sorte zerbrechlicher Schönheit, die eben das Säurebad überleben kann. Die auch zerfressen und blutig noch umwirft.

So ist «S-M 2 Abyss in B-Minor» ein großartiges Album mit einer seltsamen Grunge-Cyber-Hippie-Stimmung, einem unfassbaren Mix aus Unschuld und Brutalität, als wäre man in die Hände einer Bande von kriminellen Kids gefallen, Unschuldgesichtern mit Knarren. Schönheit und Abgrund halten sich auf diesem Album wunderbar die Balance und nur durch den Abgrund, so scheint es, kann man die Schönheit wirklich erkennen und würdigen, vielleicht weil sie permanent bedroht ist, im Distortion-Klangkrieg um sie herum zerrissen zu werden. «S-M 2» ist ein Album für Kopfhörer und Ruhe, nichts zum beiläufigen Weghören, es ist ein paradoxes, wunderbares, belohnendes, verwirrendes, frustrierendes Stück Musik ohne große Kompromisse, ein direkter Lichtstrahl von der Vergangenheit in die Zukunft.   

28. September 2010 14:35 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Melissa auf der Maur: Out of our Minds

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Sechs Jahre nach ihrem beeindruckenden Debüt bringt die Ex-Hole und Ex-Smashing-Pumpkins Bassfrau ein neues Album auf den Markt, das mit gleich vier hochkarätigen Produzenten, multimedialem Film- und Comic-Schnickschnack und namhaften Gästen förmlich in klassischer Westküsten-Manier larger than life hätte ausfallen können oder vielleicht sogar müssen. Seltsamerweise, vergisst man die Superlative, merkt man dem Album selbst nichts davon an, ganz im Gegenteil – die Platte wirkt wie eine der besten straighten Rockplatten der letzten Monate. Auf der Maur knüpft scheinbar mühelos an die Energie ihres Erstlings an, greift sogar fast 1:1 den Riff von «Lightning is my Girl» auf und entwickelt sich doch weiter. Nachdem das Album fast unhörbar, mit einer Art unruhigem Herzschlag-Beat bei «The Hunt» eröffnet wird, einer Instrumental-Nummer, die sich in nur drei Minuten in höchste Höhen aufschwingt, zeigt der namensgebende Track des Albums, das MADM den perfekten Shuffle-Pop mit etwas angehärteten Gitarren durchaus noch draufhat. Und so geht das Schlag auf Schlag – «Isis Speaks» zählt zu den besten Tracks des Albums, mit einem glasklaren, nervös die 1 wechselnden Drumbeat, druckvollen Gitarren, halsbrecherischen Ups and Downs, eine sechsminütige Miniaturoper, mit dem ganzen Melodrama, das dazugehört. «Follow the Map» klingt ein wenig nach Kaki Kings Junior-Album – seltsamerweise -, eine entspannte Indie-Nummer mit grandiosem Refrain. «Father’s Grave», das Duett mit Glenn Danzig, klingt großartig nach dem Garagesound à la Jack White, mit einem grandios stampfenden Bass. Und so geht das weiter – jeder Track ist bis ins letzte durchkomponiert, melodramatisch, vertrackt, perfekt gespielt und dennoch nie so sperrig, dass man als Zuhörer keinen Zugang mehr hat. Auf der Maur zieht alle Rock-Register von sanften Tönen bis zu einer fast an Paramore erinnernder Mixtur aus Pop und Metal. AM ehrlichsten darf man wohl sagen, dass MADM im Bereich der Prog-Rocks angekommen ist und hier ein Konzeptalbum rund um – seltsamerweise – die Wikingerwelt vorlegt, dass nicht nur verschiedene Geisteszustände austarieren will, sondern auch das eigene Rockmusik-Genre so prügelt, dass dabei interessante Beulen entstehen. Es ist selten, dass ein Album zugleich an U2, Interpol, Porcupine Tree, White Stripes und viele andere erinnert, ohne auch nur jemals nach einer dieser Bands zu klingen – es scheint vielmehr so, als wären all diese Einflüsse in Ideen, nicht in konkrete Töne eingeflossen. Das Ergebnis ist ein Album, das die Genres Rock und Pop fusioniert und zugleich transzendiert, das hörbar und tanzbar ist, ohne blöd zu sein, das smart ist, ohne klugscheißen zu müssen. Mitunter kippt ihr das Album zu sehr ins Melodrama, zu sehr ins verkopfte und ohne Zweifel gibt es Momente, in denen die Platte auch mal etwas krampfig eklektisch klingen will, und ab und zu wird auch deutlich, dass Auf der Maur eben auch ein bisschen im Westküsten-Hardrock der 90er verhaftet ist (ganz zu schweigen von dem musikalischen Größenwahn eines Billy Corgan, der hier, in anderer Form, durchaus auch greifbar ist) Aber als Comeback nach sechs Jahren ist bemerkenswert, dass dieses Album so vertrackt, so psychedelisch, so straight und alles in allem so gut ist, dass man durchaus begreift, wie hart und verbissen MADM an diesem Projekt gearbeitet hat und wie viel Ideen sie investiert hat. Allein diese monomanische Energie, die jeder Song ausstrahlt, macht «Out of Our Minds» herausragend.

21. September 2010 20:20 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Jónsi: Go

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Es ist bei jeder erfolgreichen Band nur eine Frage der Zeit, bis unweigerlich meist der Sänger ein Soloalbum rausbringt. Egal, ob es eher finanzielle Anreize sind oder der kreative Wunsch, ohne Gruppen-Kompromisse oder in einem neuen Kontext arbeiten zu können, die die Bandleader auf Solopfade treiben, meist sind die Ergebnisse eher enttäuschend. Sei es, weil die Band ohnehin mitunter schon ziemlich so klingt wie das Soloprojekt oder sie es, weil die interne Reibung und Kommunikation überhaupt erst das ist, was das musikalische Produkt am Ende so einzigartig macht – den meisten Soloexkursen fehlt irgendeine wichtige Zutat, eine Art von Magie, die die Band hatte. Dieses Album ist tatsächlich eine der wenigen Ausnahmen. Auf Go gelingt es dem Frontmann von Sigur Rós, dem ja immanent von ihm mitgeprägten Grundsound der Band weiterhin gewachsen zu sein und doch eine dezidiert eigene Note einzubringen. Man wäre wahrscheinlich nicht überrascht gewesen, wenn Go ein reines Pianoalbum geworden wäre oder 75 Minuten nackter Gitarren-Whitenoise, beides würde das Spektrum der Musik von Jón Þór Birgisson und seinen Mitstreitern hergeben, beides wäre konsequent gewesen – und ebenso richtig ist dieses Album, das überraschend leicht, poppig und offen daherkommt, den optimistischeren Klang des letzten Rós-Albums weiterträgt, die stärkere perkussive Note, die Tendenz, auch mal außerhalb des rein Isländischen zu singen, die Öffnung, die Schwerelosigkeit bei aller Vertracktheit. Während ein Track wie «Hengilás» oder «Grow Till Tall» absolut problemlos auch auf jede SR-Veröffentlichung passen würde, und auch der sich auftürmende Wall of Sound, der Streicher Bläser, Glockenspiel, Percussion und endlose andere Instrumente übereinanderstapelt wirkt vertraut. Neu ist aber der stark nach vorn gehende Beat, die Bündigkeit der Stücke, die Disziplin, sich nicht in endlosen Gitarrenorgien zu verlieren, der zumindest streckenweise Verzicht auf die große Geste und den großen Pathos. Vereinfacht gesagt machen Sigur Herbstmusik und dieses Soloalbum klingt nach Frühling, nach Auftauen, nach Wachstum – Jónsis Spiritualität wirkt weniger märtyrerhaft, weniger schmerzverzerrt. Auf Songs wie «Around Us», «Go Do», «Sinking Friendships» oder «Tornado» geht es sogar regelrecht druckvoll zu, bei denen Jónsis Falsett zum Teil hummelhaft energiegeladen-optimistisch durch psychdelische Klanglandschaften springt, während man den klassischeren Arrangements immer wieder anhört, dass Produzent Peter Katis eben auch bei The National Erfahrungen gesammelt hat, wenn es darum geht, große Gefühle zu erzeugen («Kolniður»). Mitunter wirken die Arrangements von Nico Muhly vielleicht einen Hauch zu empathisch, zu wuchtig, zu viel, aber gerade diese Attacke auf die Ohren lässt die minimalistischeren, ruhigeren Stücke umso besser zur Geltung kommen. Dass Birgisson sich auf dem Cover-Artwork scheinbar LSD-bunte Engelsflügel anlegen lässt und und uns als mythische Figur kann kaum davon ablenken, dass dies das tatsächlichste weltlichste Album aus der Feder des Sigur Rós-Frontmanns ist, weit weniger rätselhaft und vernebelt als bisher, heller und einfacher. Dabei ist es zugleich die konsequente Weiterentwicklung von Trends des letzten Rós-Albums, was der Band vielleicht auch selbst Spielraum gibt, sich auf dem nächsten Album (wieder) neu zu erfinden, zu redefinieren, weil Birgisson einen Evolutionsschritt für sich selbst bereits weiter abgeschlossen hat. In das ohnehin durch viele Abschweifungen und Projekte gezeichnete Oevre von Sigur Rós passt insofern – fast analog zum Modell von Porcupine Tree – diese Exkursion von Jónsi nahtlos ins Ganze und hat dennoch genug eigene Nuancen, um den Status als Soloalbum zu rechtfertigen… more of the same, but different.

15. September 2010 07:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

Ingrid Chavez: a flutter and some words

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Die einstige Muse, Lebensgefährtin und Co-Vokalistin von David Syvlvian, die unter anderem Heartbeat ihre enigmatische Stimme lieh, hat sich unfassbar Zeit mit ihrem Soloalbum gelassen. Seit ihrem 1992er Album, das noch gemeinsam mit Prince entstand, hat sie zwar einige Tracks aufgenommen, unter anderem gemeinsam mit Sylvian diese aber nie wirklich veröffentlicht. Insofern ist «a flutter and some words» eine große Sache für die Spoken-Word-Künstlerin, die sozusagen zwei Dekaden zu spät mit ihrem ersten gänzlich eigenem Debut antritt. Dass man dem Album die Spuren von David Sylvian noch anhört (der wohl auch beim Mixdown und der Songreihenfolge assistierte), ist die fast größte Überraschung – die introvertierten und klugen Songs aus der Feder von Lorenzo Scopelliti tanzen auf dem dünnen Eis zwischen den Ufern von Pop und Jazz, und Chavez unterkühlte, aber nie kalte Stimme verhindert unweigerlich jedes Abrutschen ins Beliebige oder gar Kitschige (das man bei dem Artwork auf ihrer Site ja durchaus erwarten dürfte). Die sparsame, natürliche Instrumentierung dominiert das Album, nur unterbrochen von der unweigerlichen Single «By the water» und dem schleppenden, an Tom Waits erinnernden Beat bei Tightrope – die Intimität der Einspielung und die Weite, die Offenheit der Klangstrukturen verleiht dem Album eine fast poetische, cinematographische Qualität. Ruhig, meditativ und durch und durch bescheiden ist «a flutter» ein seltsames Phänomen – das Debut einer gereiften Künstlerin mit jahrzehntelanger Erfahrung. So, als würde ein Autor sein erstes «echtes» Buch veröffentlichen, nachdem er zwanzig Jahre immer wieder erfolgreich geschrieben, aber niemals ernsthaft publiziert hätte, wirkt Chavez hier fast altersweise und gesetzt, von Sturm und Drang keine Spur, jede Phrase, jeder Ton sitzt, jede Geste ist bedacht und gekonnt, jeder Atemzug ist kalkuliert, hypnotisch. So entsteht Song um Song eine Art Poesiealbum, ein Gedichtband, dem man anhört, dass der Autorin relativ egal sein kann, ob sich kommerzieller Erfolg einstellt oder nicht.

14. September 2010 16:03 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Kaki King: Junior

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Es ist inzwischen ja fast der Normalfall, dass es da draußen irgendwo einen großartigen Act schon seit Jahren gibt und man nie von ihm gehört hat. So wie man oft einen Autor erst beim dritten Buch entdeckt, eine Serie erst bei der fünften Folge oder in der dritten Staffel, einen Maler, wenn er schon fast tot ist, eine Comicserie erst ein Jahr nach ihrem Debüt und so weiter. Dieses späte «Entdecken» gehört eigentlich zu den größten Freuden, weil man das bestehende bisherige Werk in einem großen Rutsch komplett genießen kann.

Kaki King war für mich Anfang 2010 so ein Fall. Trotz des eher an 90er Retrodesign erinnernden schlechten Covers ist «Junior» eine musikalische Offenbarung, hinter der sich vor allem der viel umfassendere Schatz der vier vorhergegangenen Alben der New Yorker Gitarristin, die sich in ihren Releases langsam und glaubhaft von einer umwerfenden Akustik-Gitarren-Virtuosin mit einer ganz eigenen und wunderbaren Tapping-Technik zu einer Vollblutmusikerin entwickelt, deren aktuelles Album das spürbare Ende einer langen und spannenden Reise ist. Nach den introvertierten Sologitarrenstücken auf Everybody Loves you und Legs to make us longer hat sich King ja bereits auf Until we Felt Red und vor allem auf Dreaming of Revenge mit einer minimalistischen Bandstruktur präsentiert und eine einzigartige explorative Suche nach der eigenen musikalischen Identität offenbart. Auf Junior aber hat die gerade 30jährige Ausnahmemusikerin eine überraschende Wendung hingelegt – weg von den unfassbaren perkussiven Slap-Klängen, weg von der reinen Saiten-Virtuosität, hin zu modernem Indie-Songwriting und einem Album, auf dem sie als Musikerin, nicht als Solistin brilliert. Eine lupenreine Indie-Einspielung mit einem seltsamen Spy-Theme, eine Art Konzeptalbum, das streckenweise nach einer filigraneren Melissa auf der Maur klingt, auf dem sich King mehr als zuvor auf den Trompeter Dan Brantigan, der hier Bass und andere Synth-Instrumente beisteuert und den phantastischen Schlagzeuger Jordan Perlson verlässt. Das Ergebnis ist eine Platte, die sich deutlich mehr nach Liveeinspielung anfühlt, teilweise geradezu unterproduziert im Verhältnis zu den Vorgängern und die King in ungewohnter Breite als Sängerin agieren lässt. Auch wenn sie sich noch hinter endlosen Hallwänden zu verbergen versucht, gelingt dieser Neustart herausragend – King bringt sich aus der Sackgasse des Gitarrentalents in die Einflugschneise für eine Pop/Alternative-Karriere à la Teagan and Sara … und beweist zugleich ihr kompositorisches Händchen für Songs mit klassischen Hooklines und Refrains, ohne für eine Sekunde ihre Herkunft von der Gitarre zu verleugnen. Malcolm Burn, der erfahren in einem «erdigen» Sound ist und unter anderem schon regelmäßig Daniel Lanois co-produziert hat (und das letzte KK-Album), nimmt die Stimme mitunter etwas zurück, schafft aber trotzdem einen geräumigen, ehrlichen Klangteppich, der nach New Yorker Kellerkonzerten klingt und nicht mehr verspricht, als das Trio live halten kann. Songs wie der 7/4-Kracher Falling Day oder The Betrayer zeigen eine Musikerin, die druckvolle Powersongs kann, während ihr das Konzept des Albums genug Cinemascope-Spielraum gibt, um auch hypnotischere Songs unterzubringen (Everything has an End, even Sadness) oder Experimente wie My Nerves that commited suicide. In den Tracks kann man viele Anklänge und Inspirationen entdecken – von Sonic Youth über PJ Harvey bis hin zu The Cure -, aber durch ihr einzigartiges Gitarrenspiel und den sirenenhaften Gesang bleibt Kaki King ganz klar eine Liga für sich. Junior ist insofern hoffentlich nur der Auftakt für eine ganz große weitere Karriere.

8. September 2010 12:42 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

Delphic: Acolyte

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Delphic bieten auf ihrem Debut Acolyte eine seltsame Mischung von Musik, die irgendwo zwischen Dancefloor und Indiepop zuhause ist, zwischen den Chemical Brothers und Bloc Party, Hot Chip und Klaxxons, New Order und Echo&The Bunnymen, gut durchgerührte Pop-Hymnen in der Hoffnung auf einen Chartserfolg, Das wenig nach Manchester klingende Quartett aus Manchester. Das Ergebnis ist ein trotz der exzellenten Produktion und der fast zahllosen musikalischen Schichten, die die Band auftürmt, bisweilen etwas blutarmer Sound, der einen Hauch zu kantenlos, einen Hauch zu «metropolitan» ist, etwas hilflos zwischen Druck und Entspannung schlingert. Unter den vielen Bands, die ähnlichen Dancerock anbieten, gelingt es Delphic dennoch, einen mitunter hypnotischen Pop zu produzieren, der vor allen in den Instrumentalphasen Spaß macht, wenn sich die Tracks zu turmhohen Klanggebilden hochschrauben und deutlich machen, wie gut Delphic sein könnten, wenn sie weniger nach den Charts schielen würden. Aber selbst dann sind Songs wie die Opener Clarion Call und Doubt definitiv niemals schlechte Popmusik, auch wenn man als Zuhörer vielleicht bei all dem inszenierten Wall of Sound so etwas wie eine echte innere Haltung vermisst oder zumindest eine authentische Coolness. Trotzdem: Pop darf synthetisch sein und Pop darf synthetisieren, und die Leichtigkeit, mit der Delphic ihren Cocktail mixen und in Red Light einen samtigen Ohrschmeichler hinlegen, oder in Halcyon mitten in schwebenden Soundwolken auf einmal die Drums loslegen lassen, das hat schon was. Delphic haben mit ihrem Debut sicher nicht die hochgezüchteten Erwartungen erfüllt, die 2009 auf ihre Schultern gelastet wurden, aber eine völlige Enttäuschung ist das Album beileibe auch nicht – es ist lupenreiner britischer Zitatepop, ohne sichtbare Nähte und Kanten produziert, wunderbares Handwerk, so federleicht wie kalkulierend und damit vielleicht eben auch quintessentiell für die Popmusik der letzten Jahre.

7. September 2010 16:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Keine Antwort.

Black Rebel Motorcycle Club: Beat the Devil’s Tattoo

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Hinter grandios verrocktem Artwork verbirgt sich ein weiteres grandios verrocktes Album der kalifornischen Combo, das dem gegenwärtigen Swampgarage-Trend, der für BRMC ja beileibe kein Trend ist und niemals war, perfekt Tribut zollt. Tight und sparsam produziert, brillieren Hayes und Been mit ihrer neuen Drummerin Leah Shapiro in Songs, die mal an dozilere Jesus and The Mary Chain, mal an eine düstere Version von The Verve erinnern, und die nicht selten in den Refrains am Mainstream kratzen (Bad Blood). Vom nasal hingerotzen Folk-Opener Beat the Devils Tattoo, der mit einem Jack-White-Stampf-Beat überzeugt bis zum Schlußtrack Anabell Lee, einer verdrogten Pianonummer, die die perfekte Coda für dieses Album abgibt – BRMC zeigen sich vielseitig wie selten, fächern in ihrem ja relativ engem Genre ein Maximum an Möglichkeiten auf. BRMC gehörten mit zu den Bands, die Ende der 90er dem Biker-Neo-Bluesrock fröhnten, Indieeinflüsse und Südstaaten-Hitze zusammenmixten zu einer bei allen Referenzen immer eigenständigen Mischung – und Tattoo bringt sie, modern gewandelt, zu diesen Anfängen zurück, ist ein straightes, dreckiges Rockalbum mit Gitarre, Bass, Drums und Gesang, ohne verkopfte Spielerei, mit simplen Riffs und geraden Beats. Straighter als der Stomper Conscience Killer geht es kaum. Und ganz klar: Dieses Album hat nichts neues zu bieten, nichts neues zu sagen, es ist so retro und abgespeckt wie das Cover vermuten lässt, ein Album ganz in schwarzgrau, mit all den Schattierungen, die hierbei möglich sind. Mal folkiger, mal tief in 90s neopsychedelischen Sounds à la Verve oder The Ride, immer mit meterweit entferntem Gesang, ist Tattoo ein Album als Pose, als inszenierte Coolness, alte Männer in Leder, die sich an ihren Instrumenten festhalten und im Drogenrausch auf der Bühne ihr Ding tun – reinster RocknRoll also. Das diese Coolness mitunter etwas aufgesetzt wirkt und die fast chartstauglicheren Songs den dreckigeren Nummern wie Evol oder das John-Lennon-filtered-through-Jimi-Hendrix-Stück War Machine, bei denen die Band aufblüht, irgendwie die Glaubhaftigkeit nehmen, trüben den Gesamteindruck irgendwie, machen Tattoo mitunter auch zu einem Nummernkabinett, mit dem die Band nach den Instrumental-Experimenten des letzten Albums anscheinend zeigen will, was sie (noch) kann, eine Art eigenes Best-of-Album mit neuen Tracks. So als wäre die Band von selbst oder durch die Plattenfirma auf die Idee gekommen, kommerziell einfach wieder funktionieren zu müssen, liefern BRMC hier eine schillernde Landschaft verschiedenster Sounds an, vom schnörkellosen Upbeat-Rock bis zu grandiosen Noisenummern, immer herzzerreissend direkt, immer mit der bloßen Faust aufs Fleisch.

6. September 2010 10:03 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Lou Rhodes: One Good Thing

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Back to the Basics – Lou Rhodes inzwischen drittes Soloalbum fühlt sich in vielerlei Hinsicht wie eine Rückkehr an. Nicht nur zu Andy Barlow, ihrem alten Lamb-Partner, der hier nahezu unsichtbar als Co-Produzent mitwirkt, sondern auch zu dem reduzierten Klang ihres ersten Albums, zu einer fast völlig von Gitarre und Stimme getragenen Produktion, die nur durch dezente Streicher gesättigt ist. Rhodes entwickelt in der essentiellen Reduktion eine melancholische Kraft, die auch die sehr persönlichen Texte widerspiegeln, die sich mit Abschied, Tod, Einsamkeit und anderen, für Rhodes fast ungewöhnlich dunklen Themen auseinandersetzen, die weniger esoterisch, weniger lyrisch wirken als sonst, sondern direkter, weniger durchdacht – auch wenn Rhodes eben nicht Rhodes wäre, wenn nicht Optimismus und eine fast etwas naiv wirkende Selbsthilfe-Ebene in die Texte einfließen würde. Das war schon bei Lamb so (Bonfire, Little Things) und ist auch hier so (One Good Thing…) und schafft auch ein gesundes Gegengewicht, verleiht dem Album ein Gefühl davon, dass Rhodes hier in der Musik und den Texten ihre eigenen Probleme in den Griff zu kriegen versucht. Musikalisch ist das Erblühen von «Bloom», das mitunter ja fast wieder nach einer Band zu klingen versuchte, wieder einer reinen Singer-Songwriter-Einsamkeit gewichen. Das ist teilweise natürlich grandios, weil Rhodes hier fast eine an Joni Mitchell erinnernde Intensität erreicht, eine Nahaufnahme von Stimme und Seele, die persönlicher und minimalistischer nur denkbar wäre, wenn auch noch die gelegentliche minimalistischen Pulsbeats und Streicher verschwinden würde, die ein bisschen kammermusikalische Ummalung und Tiefe geben. Dieser Fokus auf Rhodes gibt dem Album eine Nacktheit, eine Intensität, die auch in Zeiten von flutartig erscheinenden Neo-Folk-Album selten ist. Die sogar etwas zu viel ist, mitunter. Man spürt, dass Rhodes jeder Abstand zu sich selbst, jede Selbstironie, abhand gekommen ist – One Good Thing nimmt sich selbst einen Hauch zu ernst, und muss leider ohne die musikalischen Kontrapunkte auskommen, die Lamb immer so einzigartig gemacht hat – wo Rhodes tiefe Ernsthaftigkeit und Über-Selbstreflexion auf Barlows humorige Klangkonstruktionen und überbordende Kreativität und Lebensfreude prallten. Rhodes überzeugt als Solo-Künstlerin absolut, aber mit dem dritten Album wird klar, dass ihre weitere Karriere Gefahr läuft, in der ehrlichen Einfachheit zu stagnieren. Was insofern schade wäre, als dass Rhodes als Komponistin und Instrumentalistin einen sehr beschränkten Horizont hat, den sie abwandert. Ihre Songs, selbst ihre Zupftechnik, das klingt alles sehr gleich und kann schon über ein Album kaum Spannung aufbauen, geschweige denn über drei. Und so klingt ein Lied ziemlich wie das andere, tatsächlich so gleich, dass man das Album stundenlang auf Repeat hören kann, ohne überhaupt zu bemerken, dass es sich wiederholt, weil man ohnehin einen durchgehenden Klangteppich sehr gleich strukturierter Songs hört, die sich in Textur und Stimmung kaum ändern. Und auch als Vokalistin hat es sich Rhodes in einer bestimmten Art von Stimmlage und Phrasierung bequem gemacht, diesem halsig hingehauchten Timbre und der immer gleichen Art, Strophen zu setzen. Und dieser Baukasten, so grandios er sein mag, endet immer in der gleichen Architektur, man mag das Stil nennen und mögen, man mag das auf Dauer aber auch so empfinden, dass man keine neuen Songs braucht, die unverwechselbar wie die vor drei Jahren klingen. Rhodes schreibt ein musikalisches Tagebuch – und vielleicht lenkt die kompositorische Iteration immer gleicher Harmonien und Läufe ja auch den Blick mehr auf die Texte -, aber dafür wieder fehlt es den Texten an der letzten inneren Tragik, der Größe, der Würde, die ich dann erwarte, wenn sie nicht mehr Beiwerk sind, sondern nackt im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Lou Rhodes ist eine grandiose Künstlerin, One Good Thing ein absolut kaufenswertes Album, und sie heute mit dem Ausnahmeprojekt Lamb zu vergleichen wäre sicher unfair. Aber es fällt auf, wie sehr Lamb von Neuerfindung, von innerer Unruhe, von der kreativen Spannung zwischen zwei Protagonisten gelebt hat, wie sehr Reibung, Eitelkeiten, Streit und Harmonie, Wechsel und individuelle Suchprozesse, die nicht zusammenzukommen scheinen, am Ende eben ein mehr als überzeugendes Gesamtbild ergeben, eine Gestalt, die eine einzelne Person nicht produzieren kann. Es ist die Krankheit zahlloser Soloalben von Künstlern, die entnervt den ständigen Abstimmungsprozessen und Reibungen ihrer Bands zu entkommen versuchen, um dann am Ende, bei sich selbst angekommen und auf sich selbst zurückgeworfen, irgendwie langweilig zu sein, ohne dass man genau festnageln könnte, was wie wo warum eigentlich fehlt, zumal es so homöopathisch wenig ist. Aber es fehlt eben etwas.

10. August 2010 08:54 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . 4 Antworten.

Die Sterne: 24/7

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Aus der Ferne des nachtschwarzen Covers blinkt dir unscharf wie Neonreklame der Bandname entgegen, aus etwas wie einer Neonskyline oder dem trüben LED-Licht eines Mischpultes. Es scheint, als wollte das Cover die Unschärfe der Band vorwegnehmen, ebenso wie das zackige 24/7-rundumdieUhr-versprechen der Dienstleistungsgesellschaft, deren Muzakbeats die Sterne sich hier aneignen. Nach vier Jahren Pause ist vom Livesound der Band zwischen Deutschrock und -funkindiesouldpsychedelia wenig geblieben, die Songs sind (wie bei so vielen Bands in letzter Zeit) elektronisch, klingen nach Laptop und klingen oft so, als hätten Leute Sounds ausgesucht aus zu großem Angebot mit zu wenig Sicherheit, welche Klänge denn nun wirklich «Disco» sind und welche nur zweitklassig. Trotz der nicht immer ganz treffsicheren Soundauswahl gelingt das seltsame kulturelle Crossover zwischen Hamburger Schule und Dancefloor überraschend gut. Zwar sind die Tracks nie wirklich discotauglich, zu glatt und zu brav und eben doch zu songorientiert, aber als Erweiterung des Sterne-Klangkosmos ist 24/7 überaus gelungen.

Denn das Durchfeiern, die Lichter, die Drogen, der Noise, die Stroboskopen, die postindustrielle Servicegesellschaft, zuviel Fernsehen und Computer, Tag und Nacht ohne Übergang, das Treiben im Alltag sind ein thematische Fäden, die das Netz des Albums aufspannen. «Ich geh in die Disco, ich will da wohnen», singt Spilker in Wohin zur Hölle mit den Depressionen, dem Song mit dem dezenten The-Clash-Drumfill. Und so wie hier ist 24/7 beileibe kein Album für die dezente Andeutung oder ein mühevolles Aufarbeiten von kryptischen Textbotschaften. In-your-face wie immer haut der Frontmann Texte raus, die das Lebensgefühl der digitalen Boheme beschreiben, das Teilsein und das Wüten gegen die Verwertungsmaschine, die Müdigkeit, die kleine Flucht, den eigenen Hedonismus und die Orientierungslosigkeit in der ganzen Feierei. Die Texte können smart sein, ohne peinlich zu werden, aber sind auch weitab der Lyrikbemühungen, die viele andere deutsche Bands angestrengt versuchen. Die Sterne können (und wollen wahrscheinlich) das Niveau der Texte der Goldenen Zitronen nie ganz erreichen, aber die Fusion von nichtsagend-elektrischgroovender Musik, die oft viel zu softneosoulig aus den Boxen quillt, und Spilkers widerborstigen Texten, macht durchweg Spaß, schafft eine doppelbödige breitgrinsende Boshaftigkeit zwischen der Zuckerwatteverpackung und dem Giftkern darin. Da die Sterne immer mit ihrer Musik experimentiert haben und nie durchweg «die» Gitarrenband waren, ist der Wechsel von Gitarren zu Filtern und Oszillatoren glaubhaft und auch wenn das Ergebnis keinen Höhepunkt elektronischer Musik darstellt, ist es ein durchweg gutes Album im Katalog dieser Band, mit an sich sehr typischen und wiedererkennbarem Songwriting (die Bassläufe der Sterne waren doch immer schon discotauglich, oder?), dass sozusagen nur ein anderes Finish bekommen hat, funky und glitzernd, und eben am Ende durchaus auch oft ein klassisches Sterne-Album (Wie ein Schwein, Himmel).

Der Trick des Albums aber ist, einen fast beiläufigen Sound zu entwickeln, wie gemacht für die gebückte Attitude, die Spilker in Convenience Shop aufgreift, Musik von einer verlogenen Sanftheit und Freundlichkeit, mit breiten Flächen und sphärischen Appregiators und entspannten Bässen, die wie gemacht scheint für die Fahrstühle der Gesellschaft, über die die Texte sich mokieren und als deren Opfer/Täter sich Spilker zugleich erkennt. Es ist eine seltsame, bewundernswerte Fusion von Klang und Text zu einem Ganzen, die über die Frage, ob die Musik «gut» ist, hinausgeht, der lapidar dahinfließende Elektrofunk ist vor allem unglaublich angemessen. «Blasse Gesichter, sie können nicht tanzen, sie müssen den ganzen Tag funktionieren…» und dazu dieser Angestelltendiscofunk – das ist (ob beabsichtigt oder nicht) ein Klanggewand als ironischer Kommentar zu den Texten. So entfaltet sich 24/7 zu einem überzeugenden Gesamtkonzept, zu einem Hörspiel. Dass es vielleicht eitel ist, wie sich Frank Spilker in seiner Discokugel am Ende immer nur selbst spiegelt, dass die Texte mitunter den gleichen Nährwert haben wie Hipster-Großstadtblogs, dass sie oft unentschieden zwischen selbstverliebter Affirmation und Rebellenpose irrlichtern – alles wahr, alles egal, alles eben richtig so.

4. August 2010 14:53 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Band of Skulls: Baby Darling Doll Face Honey

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I blame it on Jack White – es gibt inzwischen ungezählte Bands, die sich in einer Art rauchig-erdiger Dschungel-Rock mit minimaler Instrumentierung versuchen und den Sound der White Stripes nachahmen oder weiterentwickeln, nicht immer treffsicher (und ungeachtet der Tatsache, dass White’s Projekte fast ausnahmslos auch nur bestehende Quellen zitieren oder ummontieren). Die Band of Skulls aus London – ein übersichtliches klassisches Rocktrio bestehend aus Russell Marsden, Matt Hayward und Emma Richardson – versuchen sich ebenfalls an diesen Garage-70s-Neo-Bluesrock, der für eine britische Band fast unverschämt amerikanisch angehaucht klingt und auf dem Album sehr viel psychedelischer geraten kann als bei der Erfolgssingle I know What I am. Light of the Morning macht schnell klar, dass es auch hier weniger die instrumentale Virtuosität ist, die im Vordergrund steht, sondern die Energie, der Lärm, der cannabisschwangere Sound, die schleppenden Grooves. Und so klingen Skulls wie eine aufgeräumtere Fassung der Dead Weather, die mit Bass, Gitarre, Drums und zwei Vocals (meist Marsden, zu dessen bissigen Halsgesang Emma Richardson einen weicheren Gegenpart bildet) einen Hit nach dem anderen abfeuert. Death by Diamonds and Pearls und Fires sind auskopplungsreife Nummern, aggressiv, hochtourig schleppend, sauber rockende Kopfnicker-Songs. Dass es auch anders geht, zeigt Honest, eine softere Folknummer, die zwar auch einen Südstaaten-Touch hat, aber in eine ganz andere Richtung geht, nicht nur, weil Richardson hier dominiert und die Melodik insofern eine andere ist. Patterns und Bomb kehren zu dem Vierviertel-Stampfrock zurück, durch den immer mal wieder gern ein Hauch Altrock à la AC/DC oder Led Zeppelin oder Beats à la Queens of the Stone-Ages-Beats durchblitzen. Die Melange, die die Band of Skulls auf ihrem Debut anbietet ist so vielseitig wie man sich eine Rockessenz nur wünschen kann, energetisch und dreckig produziert und tatsächlich fast ohne Durchhänger – was heute bei diesem Sound eben die Ausnahme ist – und ohne immer wieder gleich zu klingen. Aus der kleinen Bandbesetzung, dem limitierten spielerischen Können und der stilistischen Richtung melken die Skulls eine überraschende Vielfalt und eine dynamische Klangtextur, die mehrfaches Hören des Albums belohnt. Die Tracks schwingen sich achterbahnfahrend zu enormen Höhen auf, um im nächsten Moment sensibel in die Tiefe zu rauschen und sanfte Swamp-Gitarrensoli abzuliefern, immer eingebettet in ein fast improvisiert wirkendes Exoskelett, das auch bei ausufernden Gitarrensoli (Blood) flexibel und federnd den Hörer mitnimmt und nie langweilig wird, weil Bass und Schlagzeug wunderbar nuanciert und kontrolliert funktionieren. Das Ergebnis ist ein grandioses Rock-Debut, das nicht nur neben den White Stripes bestehen kann, sondern diese mitunter fast alt aussehen lässt, weil die Musik weniger kopflastig ist, sondern den Hörer in ein grandioses opernhaftes und doch ultratightes Rock’n'Roll-Vakuum prügelt, in dem man sich schnell verlieren kann und in dem Überraschungen dennoch immer auf der Reise möglich sind (wie der Drumcomputer bei Stun Me All Wonderful, das straight aus dem Abspann eines ungedrehten Tarantino-Films zu kommen scheint.) So unwahrscheinlich es ist, die Fusion von britischem Indiefeeling und US-Garagebluesrock, die mutige und gekonnte Blutgrätsche über einen wahren Ozean stilistischer Feinheiten, ohne dabei auch nur ansatzweise den eigentlichen Kern des eigenen Sounds zu verraten, gelingt dem Trio so leicht und elegant, dass es beängstigend wirkt. Wer nach dem Hype um I know What I am ein Album mit ein zwei Wall-of-Sound-Hits und Füllmaterial befürchtet hat, darf umdenken: Die Band of Skulls sind (hoffentlich) keine Eintagsfliege.

3. August 2010 10:57 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Shout Out Louds: Work

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Drei Jahre nach dem letzten Album und bei Universal untergekommen, legen die Schweden um Adam Olenius mit Work hinter einem denkbar nichtssagenden Cover ein neues Album vor – und auch wenn der Gesang immer noch ein wenig nach Robert Smith klingt, ist von dem leichten Feeling, einen Cure-Nachbau zu hören, nahezu nichts mehr da. Der Opener 1999 legt Wert auf einen geraden Schlagzeug-Bass-Beat, wenig Frickelei und macht klar, dass das Cure-Plagiat von Out Ill Will hier scheinbar überwunden ist, und Fall Hard klingt fast nach einer ganz anderen Band, mit softerem Gesang, der immer noch typisch ist, aber eine eigenere Linie hat, getragen von einem Groove, der eher an modernen Britpop erinnert als an Robert Smith. Und so zeigt fast jeder Track eine andere Facette der Band, mal klar und reduziert, mal poppig, mal erdig, aber immer relativ straight im sauberen Bandsound, aber ohne Glockenspiel und die kindliche Naivität, die so «typisch» schwedisch ist, das Hopsalaspringdochauchinsgras-Feeling ist komplett verschwunden. Geblieben ist ein sehr trocken produziertes, sattes, von den Beats her mitunter an Joy Division erinnerndes Album, das aber nie melancholisch oder düster klingt, sondern immer optimistisch und geradeaus, bei aller mitschwingender Melancholie im Gesang – sauberer Gitarrenpop eben, der unweigerlich auch etwas vorbeifließendes hat, austauschbarer geworden ist als die beiden Vorgänger. Olenius klingt vielseitiger – mal maskulin-dunkel, mal die Smithsche Nöhlstimme, mal fast im Kopfstimmenbereich – und zugleich kontrollierter als zuvor, und man ist beim Hören nie ganz sicher, ob hier die Plattenfirma die Ecken und Kanten einfach weggebügelt hat, oder ob die Band einfach gereift ist und keine Lust hatte, in einer Nische zu verenden. Und so zitieren sie links und recht frei Schnauze Pop- und Indie-Vorbilder und bauen überraschend einfache, straighte kurze Songs, die schlanker und direkter klingen als der mitunter produzierte Vorläufer. Es mag seltsam klingen, aber anstelle der schwedische Destillats einer britischen Soundwelt, liefert Works einen amerikanischeren, rockigeren Sound, in dem die alten Stilelemente der Shout Out Louds bestenfalls noch aufblitzen, dominiert von einer fast Proberaum-artigen Livequalität, die mitunter (Too Late Too Slow) auch mal gehörig langweilen kann. Work ist ein seltsames Album, das einerseits so klingt, als habe die Band endlich einen relativ eigenen Sound gefunden, und zugleich so, als habe sie ihn schon wieder verloren und versuche unbedingt, kommerzieller zu klingen, reifer, besser weghörbar. Du bist nie ganz sicher, ob die Band einfach aus dem Emulieren anderer Bands zu einem originäreren, eigeneren Klang gefunden hat – oder ob sie einfach nur versucht, Hits zu produzieren, straighte saubere Beats mit anstreckenden Hooks und eingängigen Refrains. In dieser seltsamen Schwebe ist das Album einerseits mitunter freudlos, weil es an Kanten und Sprüngen fehlt, andererseits klang die Band selten zuvor so «bei sich». Es ist so, als würde aus einem begabten Nachwuchsschauspieler mit einem mal ein «Profi», der routiniert seine Register zieht und seine Tricks anwendet, um im Betrachter Emotionen zu wecken – irgendetwas ist handwerklich besser geworden, das meiste funktioniert besser… aber es ist eben auch etwas dabei verloren gegangen, eine Unsicherheit, Spontaneität, sympathische Unerklärlichkeit, die mit einem Mal verschwunden ist und du erkennst erst durch dieses Verschwinden, wie wichtig genau diese Qualität, die dich vielleicht vorher immer etwas gestört hat, eigentlich doch war.

1. August 2010 14:49 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

The XX: XX

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Immer noch fünf Monate hinterher, beängstigend. Und ich lass schon alle Platten vor 2009, die man so zwischendurch kauft, weg. Niemals darf ich durchrechnen, wieviel Geld ich eigentlich so bei iTunes lasse – das Model fair bepreister, leicht verfügbarer und halbwegs DRM-freier Musik zum legalen Download funktioniert bei mir jedenfalls bestens :-D. (Kleiner Hinweis an Apple: Gäbe es bei iBooks auch US-Bücher würde das bei mir auch mit dem Bücherkauf klappen).

Jedenfalls, the XX – in den fünf Monaten seit Veröffentlichung des Debuts ist die Band so erfolgreich geworden, dass ihr fast beim Wiederhören mit Vorsicht begegnen möchte (so wie es auch bei The National oder Bonaparte usw der Fall ist – Hype ist nicht immer gut für eine Band). Aber in Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall, bei erneutem Hören entdeckt man eher Details, die den ersten Eindruck einer sehr angenehmen Popband, die ein wenig wie Jack und Megan White auf Tranquilizern klingt, widerlegen und vertiefen. Von kleinen, wahrscheinlich ja gar nicht geplanten Spliff-Reminiszenzen bei VCR bis zu Romy Madley Crofts Gesang, der in seiner ans hörspielartige grenzenden Laszivität à la Hope Sandoval die Grenzen dessen, was man noch guten Herzens Gesang nennen mag, abtastet – das Album schält sich aus den Superlativen der Kritiken heraus und kann auf eigenen Beinen gehen. Gerade, vielleicht, weil die Musik so gar nichts besonderes ist, sondern von einer einnehmenden Schlichtheit und Naivität ist, weder kompositorisch noch spielerisch jemals überzeugen kann. Das Phantastische an The XX ist, wie schlecht sie eigentlich sind, wie simpel die echolastigen Gitarrenmelodien gestrickt sind, die über herzergreifend schlecht klingende, Casio-esque Drumbeats gelegt sind. Und trotzdem kommt das alles enorm gut zusammen, so wie dreckiges Wasser und ein dreckiger Schwamm Schweben möglich ist. Es ist die Naivität, die Frische, die Einfachheit, die der Musik von The XX eine authentische, auch leicht zu durchdringende Transparenz verleiht – die Songs sind wie Tweets, kurz und unkompliziert und insofern auch (zu?) leicht wegkonsumiertbar. Dazu passt, dass The XX reichlich Re-Tweeten und in der Musik deutliche Heroes-Zitate und weniger deutliche andere Rock-Standards auftauchen – das aber das aufs nötigste reduzierte Exoskelett gibt den vertrauten Melodien eine neue Verletzlichkeit und nervöse Dünnhäutigkeit, die selbst abgegriffene Riffs plötzlich wieder berührbar macht. Mag sein, dass der sparsame Sound gut zur Zeit passt und deshalb eine Renaissance hat – aber XX gewinnt selbst im dürrsten Gewand den Songs des Albums einen seltsam Schimmer ab, einen modernen Soul. Vielleicht kann gerade im Asketischen viel Vielzahl von Einflüssen aus 80s Pop, Indie, Folk, R&B umso besser scheinen, vielleicht ist es auch der seltsam unpassende Clash von Crofts Stimme und Oliver Sims Duett-Gesang, der ein wenig an Ballad of the Broken Sea von Isobell Campbell und Mark Lanegan erinnert… aneinanderreibend, laid-back. fast uninteressiert-gelangweilt und doch völlig da, völlig rund, ohne sichtbare Nähte oder Konstruktionslinien. Alles unnötige ist weggeschliffen, übrig bleibt ein Minimalkonsens davon, was Indiepop sein kann, so klar und einfach und zeitlos wie vielleicht das erste Cure-Album und ebenso naiv-charmant-durchtrieben.

Wenn man überhaupt etwas kritisieren mag an XX, dann ist es die Zukunft. Dies ist ein so ausgereiftes und rundes Album, man fürchtet sich schon jetzt vor dem Nachfolger. Die Bass-Gitarre-Drumcomputer-Reduktion lässt sich nicht endlos fortführen und eigentlich mit diesem Album bereits ausgereizt und perfekt abgeschlossen. Die chamante Unfertigkeit kauft man einem zweiten Album auch nicht mehr so ohne weiteres ab – und nicht zuletzt wird das Plattenlabel schlimmstenfalls nach dem Erfolg des Erstlings mehr Produktion, mehr Hits, mehr von allem eben haben wollen. XX macht eigentlich nur eine Sache – und die so phantastisch – dass man sich unwillkürlich fragt, was schlimmer ist: Ein Album, das noch einmal genauso wird, oder eins, das völlig anders klingt…

27. Juli 2010 09:02 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Get Well Soon: Vexations

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Das – abgesehen von dem schrecklichen Rahmeneffekt – gelungene Artwork von Vexations erinnert bewusst oder unbewusst an Peter Gabriel, vielleicht auch an Pink Floyd und damit sicher an große Vorbilder der Art von klugem Pop, die Konstantin Gropper schon auf seinem Debut souverän vorlegte. Vexations ist eine Art Konzeptalbum, in dem Gropper Seneca, Nietzsche, Marx zitiert, philosophisch aufgeladen, überproduziert, überbordend, mit genialischer Geste – insofern vielleicht weniger ein Album und mehr eine Theaterproduktion. Der Überfrachtung des Albums mit angelesenen Ideen, das Namedropping – man mag das für eine Geste fast teenagerhafter Intelligenzia-Pose halten, das schicksalsschwangere, das durchaus auch etwas eitle, gewollt-kluge, das ebenso wie die Thom-Yorke-Anflüge im Gesang und in den Kompositionen mitunter auch einen Hauch unsympathisch wirken können. Es ist Groppers Verdienst, dass er all diese Faktoren in Zaum hält und unter Kontrolle hat und – so unmöglich das scheinen mag – zu einem glaubhaften Ganzen vermengt. Was du anderen Musikern als eitles Emo-Gepose und eifernde Klugscheißerei übelnimmst, frisst du ihm aus der Hand, weil dieses Album, dass so ganz anders entstanden ist als Rest Now… und dennoch so konsequent an den Erstling anschließt, dich als Zuhörer sehr souverän in den inneren Kosmos des Autoren bringt, der hier zugleich völlig allein und isoliert wirkt und zugleich wie ein manischer Dirigent, der ein riesiges Orchester lenkt, Auteur und Diktator zugleich. Das Gropper sich in einem Titel auf Werner Herzog bezieht, ist sicherlich kein Zufall, sondern Ehrerbietung.

Mehr als je zuvor errichtet Gropper Klangburgen, die zwar erkennbare Vorbilder haben, deren Baumeister er aber ganz alleine ist, und in deren Verließen er sich scheinbar im Dunklen wohlzufühlen scheint. Obwohl stilistisch nahtlos an Rest Now… angeknüpft, ist Vexations noch introvertierter und düsterer, epischer und dramatischer als der Vorgänger, neoromantisch, barock, theatralisch und unironisch bis zum geht-nicht-mehr. Das Album posiert bis zur Dandyhaftigkeit als «erwachsen und tief» und wäre man böse, man könnte der Platte eine gewisse Manieriertheit nicht absprechen – Gropper gelingt aber die nicht ganz einfache Balance, dieses Poseurtum glaubhaft und mitunter tatsächlich ergreifend, zugreifend zu inszenieren. Die Stücke sind millimetergenau arrangiert, jeder Ton auf der Goldwaage, vieles erinnert an die manische Gelöstheit später TalkTalk-Alben, vieles ist am Rande eines Soundkosmos, der nur noch Gropper allein zu eigen ist, ein kleiner Singer/Songwriter-Spiralnebel, den kein anderer vorher betreten hat. Karg und langsam wie eine Landschaft, pathetisch wie eine New-Orleans-Beerdigung, tiefschwarz und doch polkagepunktet, ist das Album trotz der zahlreichen Gastmusiker, trotz Bläser und Streicher noch solipsistischer geworden, eine Festung der Einsamkeit. Die Deluxe-Version wartet mit Filmmusiken und Auftragsarbeiten auf, darunter eine kongeniale Coverversion von David Bowies I’m Deranged und Romy Schneiders La Chanson d’Hélène.   

Wie Brian Sweeney Fitzgerald zieht Gropper hier sein Boot über den Berg und die Schwere der Last ist jedem Track anzuhören. Das Ergebnis ist den Schweiß aber mehr als wert – Vexations ist eines der vielleicht letzten Alben, die noch komplett als eben «Album» gedacht sind, nicht als Auskopplungswüste, als Roman, nicht als Essaysammlung. Vexations ist eine Meditation, die man nicht immer mögen und deren Ergebnisse man nicht immer teilen mag, die aber als Solitär herausragend funktioniert.

10. Juni 2010 23:28 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Foals Köln Luxor

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Es ist eins dieser Konzerte bei denen Bier und Schweiß von der zu niedrigen Decke tropfen, weil zu viele Leute in einem zu engen Raum zu viel Bewegung machen, bei denen du irgendwann aufhörst mitzusingen, weil sich die Angst einschleicht, was eigentlich mit deiner Zunge passiert, wenn dir plötzlich ein Ellenbogen unters Kinn schlägt, bei dem die Besucher am Ende verschwitzt und müde und glücklich wirken wie nach einem Besuch im «Fight Club». Die Foals hätten in Köln offensichtlich auch eine deutlich größere Venue gefüllt und verwandeln das Luxor in einen Käfig, der zu einem Drittel nur noch aus Mosh Pit besteht.

Und verdientermaßen – die Band, die schon auf den Alben einen bisher unerreichten Sound abliefert, ist live noch um einiges präsenter. Härter, schneller, sehr viel lauter, mit einem Sound, den ich so im Luxor bisher nicht gehört habe und der gegen Ende des Konzerts auch sicher bis an die oberste Leistungsgrenze der PA geht, und der vor allem psychedelischer, experimenteller, freier wirkt als im Studio. Einerseits werden so die etwas sanfteren Songs von Total Life Forever deutlich näher an die Songs des Debutalbums herangerückt, zackiger, tanzbarer, tougher – andererseits wächst ein Liveklassiker wie Two Steps Twice so zu einem Wall-of-Sound-Monster heran, das gegen Ende genauso gut aus dem Frankensteinlabor von Mogwai hätte kommen können. Und so wird der Mix aus alten und neuen Songs zu einer überzeugenden Reise durch die massiven Upbeatgefühle von Hits wie Olympic Arirays oder French Open einerseits und der unfassbaren Euphorie, die Tracks wie Spanish Sahara beim Hören auslösen andererseits. Es ist beeindruckend, wie Jimmy Smith live den unglaublich dichten Gitarren- und Delayteppich der Studioaufnahmen scheinbar lückenlos nachbildet, und Drummer Jack Bevan wirkt auf der Bühne fast wie entfesselt, bringt die Stücke mit seiner Energie auf eine völlig neue Ebene, kleidet die bei allem Tempo eben doch stets leicht krautigen, trancigen, cannabisschwangeren Produktionen in neue, geradlinigere Rhythmusarchitekturen, denen der hallfreiere, direktere Sound tatsächlich gut steht. Eine Band, die schon im Studio so großartig ist wie die Foals und die ihre Livefähigkeiten in einer gnadenlosen Ochsentour durch Festivals und Clubs geschliffen hat, hätte mit dem zweiten Album eigentlich einen deutlich größeren Club als das Luxor verdient und angesichts des rammelvollen Ladens wohl auch relaxt etwa die Live Music Hall gefüllt. Auf der anderen Seite, nach zwei verpassten Konzerten in Köln und Amsterdam, für die ich zwar Tickets, aber keine Zeit hatte, ist es natürlich auch großartig, die Band endlich nah und direkt gesehen zu haben, in einer kleinen Venue die authentische, echte und intensive Konzerte garantiert, bei denen dir noch drei Tage später jeder Knochen im Leib wehtut.

30. Mai 2010 12:41 Uhr. Kategorie Live. Tag . Keine Antwort.

Ulrike Haage: Le Pianoscope

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Was ich zunächst an diesem Album absolut nicht verstehe ist das Artwork. Ulrike Haage hat vor gut 12 Jahren mit dem grandiosen Cover von Hunger (zusammen mit Katharina Franck) so guten Geschmack bewiesen, warum ist Le Pianoscope jetzt die Sorte Kitschbild, die ich eher mit einer Meditations-CD für 4,99 € assoziieren würde? Niemals hätte ich diese Platte nach dem Cover gekauft. Dabei ist das 2009er Album von Haage keineswegs so spoken-poetry-meets-samples-modern wie Hunger oder andere Alben von ihr, aber auch keineswegs der Kaffee-und-Kuchen-Kitsch, den das Cover befürchten lässt. Die 27 für Film erstellte Skizzen auf dem Album, allesamt zwischen kaum einer bis zu drei Minuten lang, sind so großartig wie man das von einer der kreativsten deutschen Musikerinnen und Komponistinnen erwarten würde – und vor allem wieder anders und unerwartet. Da flirrt eine Harmonie aus Casablanca durch den Raum, da greifen einsame Töne nach Luft, da flirrt eine jazzige Hookline an dich heran und ist wieder weg – alles wirkt luftig, lyrisch, ein bisschen allein. Haage, die von Mainstream-Pop bis zum fast unzugänglichen Alternative alle Stilarten durchhat, Hörspiele produziert hat, kommt hier mit einem angenehm an Keith Jarrett erinnernden Sound, der von sorgsam gefügten Kompositionen bis zu fast frei improvisierten Fragmenten reicht, die weder so recht echt Klassik noch Jazz sein wollen, die mal am einsam im Raum stehenden Klavier eingespielt scheinen, mal elektronisch-minimalistisch, mit Spieluhren und E-Piano-Sounds. So gelingt ihr der Balanceakt eines abwechslungsreichen und durchaus spannenden Albums, das zugleich fast stillzustehen scheint, fast meditativ ruhig ist. Wie viele Pianoalben von Musikern, die nicht vollwertige Klassik-Solisten sind, ist auch Le Pianoscope keine Parforcejagd durch die Möglichkeiten des Instrumentes, ganz im Gegenteil scheint das spielerische Können fast unwichtig, zentral ist die Lässigkeit, die Leere, die Stille zwischen den Tönen. Es gibt sicher Alben, in denen sich der Musiker noch mehr zurücknimmt als hier, aber es sind nicht viele. Anders, aber im Endeffekt ähnlich wie David Sylvian bei Approaching Silence, erfindet Haage hier eine Form, in der sie zugleich unsichtbar, oder doch transluzent zu werden scheint und dabei gleichzeitig intensiver denn je im Mittelpunkt steht. Sie entdeckt in der Naivität die Weisheit, im Schweigen die Andeutung von Vielsagendem – und nähert sich so, ohne jemals Kitsch zu produzieren, einer wirklich lyrischen Erzählform, einer Klangpoesie – so abgegriffen der Begriff ist -, die mehrfaches Hören belohnt und wieder eine neue und doch vertraute Facette dieses Multitalents zeigt.

18. Mai 2010 10:07 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . 5 Antworten.

Kasabian: West Ryder Pauper Lunatic Asylum

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Das dritte Album von Kasabian kündigt bereits mit den ersten Tönen an, dass sich einiges geändert hat und man sich doch treu geblieben ist– der Gitarrenriff klingt gnadenlos nach Primal Scream, der Track an sich nach einer Triphop-beeinflußten besseren Gallagher-Nummer. Keine Frage, Kasabian sind immer noch Oasis für Leute, die Oasis nicht mögen. West Ryder Pauper Lunatic Asylum ist eine Art Konzeptalbum über ein (tatsächlich exitierendes) psychatrisches Obdachlosenasyl, und so sind die Tracks immer wieder durch Soundtrack-artige Einlagen gestört, die zu den spannenderen Elementen des Albums gehören, dass – Konzept hin oder her – vor allen aus guten Popnummern besteht, die man gnadenlos auskoppeln könnte. Where did all the Love go, Underdog, Fast Fuse sind die Hauptkandidaten, aber nahezu jeder Song hat etwas treibendes, selbst eher ambitionierte Nummern wie das sperrigsparsame Swarfiga, das wie Vlad the Impaler einen Trip in elektronische Dancegrooves macht, während andere Arrangements wie etwa West Ryder Silver Bullet etwas in Richtung Country und Folf driften. Wenn man so will, versuchen Kasabian – erfolgreich – Soundtrack-Einflüsse in ihre Musik einzusaugen, hier ein wenig Dust Brothers, dort ein bisschen Ennio Morricone, man sieht Serge Pizzorno und Tom Meighan förmlich vorm Fernseher sitzen, seltsame Filme schauen und komponieren. Musikalisch fließen dabei ordentlich 60s-Inspirationen mit ein, und alles in allem dürften auch ein paar Drogen im Spiel gewesen sein – das Ergebnis ist auf doppelte Art Retro, eine Mischung aus Screamadelica-60s und eben 90s, und doch eine ganz eigene Sache, sicher das spannendste, was Kasabian bis dato abgeliefert haben. Obwohl immer noch straighte Rockmusik, tänzelt das Quartett hier fast auf dem gleichen schmalen Grat, auf dem Radiohead mit OK Computer waren (wenn auch nicht ganz so grandios und zeitlos wie Radiohead), ein Nachgeschmack des Vertrauten und ein Vorgeschmack von etwas gänzlich Neuem. Kasabian hätten sich für immer auf ihrem Me-too-Status als Gallagher-Epigonen ausruhen können, zeigen hier aber entspannt (und durchaus immer noch Mainstream-kompatibel), dass das dritte Album auch dafür da sein kann, seine eigene Nische zu finden. Andere Bands versinken hier in Langeweile und «ihrem» Sound, aber Kasabian schaffen das Kunststück, sich neu zu erfinden und ein Art Zitate-Anthologie-Album zu schaffen (was durchaus zu der Konzeptidee des Albums passt), ohne bei allem Pop-Eklektizismus dabei wirklich allzu anders zu wirken oder ihre Herkunft zu verleugnen. Die Stärke des Albums ist die Zusammenschau der Songs, von denen einzeln keiner wirklich herausragend ist, aber die Art und Weise, wie sich die verschiedenen Stile aneinander reiben, bringt die Platte eben doch zum Glänzen.

12. Mai 2010 11:16 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Erland and the Carnival

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Der Ex-Verve-Gitarrist Simon Tong hat eine bunte Karriere hinter sich und sein Handwerk unter anderem bei Damon-Albarn-Projekten wie Blur, Gorillaz und The Good, The Bad & The Queen gelernt. Da darf nicht verwundern, dass sein eigenes Projekt Erland & The Carnival ähnlich konzeptionell seltsam ist wie die von Albarn. Die Musik, die Tock zusammen mit dem Ex-The-Fireman-Drummer Nick Tong produziert, lässt sich am ehesten noch als ein Mix aus Mogwai-Psychedelia mit Folkelementen, 60s Einflüssen und schweren Drogenexzessen beschreiben. Der Ansatz, alte britische Folksongs, Gedichtfragmente und andere Einflüsse neu zu interpretieren, zu remixen, zu verschmelzen und auseinanderzunehmen ist in der fast schon nicht mehr ganz gegenwärtigen Neo-Folk-Welle schon fast mit einem ironischen Unterton zu sehen, die tatsächlich an reisende Kirmesmusiker erinnert – im Grunde der perfekte Soundtrack zu einem Film wie Das Kabinett des Dr. Parnassus . Prächtig produziert, sind die Songs abwechslungsreich, trocken-humorig, und auch jenseits des wahrscheinlich nur für Briten voll verständlichen bizarren Experiments einfach wunderbar anzuhören, torkelnde, hypnotische Kompositionen und Arrangements, die mal sparsam, mal hyperpsychedelisch daherkommen und dabei deutlich weniger bierernst in den Folktopf gucken als etwa Bands wie The Decemberists. Wenn etwa Disturbed this Morning gegen Ende in einen grandiosen leisen Noise untergeht, oder Love is a Killing Thing sich zu postrock-artigen Soundtürmen hocharbeitet, schafft das ein grandioses Gegengewicht zu den etwas geradlinigeren Songs des Albums, die zum Teil eine mehr als kuriose Mischung aus 80s/90s Alternative und 60s-The-Doors-on-Stereoids-Flair haben, manchmal gar White-Stripes-Momente oder Einflüsse von den Kinks bis zu Clash aufblitzen, stets mit wechselnden Gefühlen, Beats, Instrumenten, Gesangsflairs, musikalischen Einflüssen – man hat selten eine Platte gehört, die so postmodern einen Hexenkessel von Einflüssen und Ideen zu einem Zaubertrank verrührt, in den jeder kleine Gallier nur zu gerne reinhopsen würde. Langweilig, wie so viele neuere Indiefolk-Sachen, ist diese Zirkustruppe jedenfalls keine Sekunde.

4. Mai 2010 09:46 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Friska Viljor: For New Beginnings

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Schweden ist in Sachen Indie-Folk stets stark vertreten und das Sextett um Daniel Johansson und Joakim Sveningsson macht da keine Ausnahme. Das dritte Album von Friska Viljor hat zwar den Neuanfang im Titel, setzt aber im Grunde die vielinstrumentale Musik zwischen Kinderzimmer und Ausnüchertungszelle fort, ein seltsam zwielichtiges Album zwischem Polkarhythmen und Bluesgefühl, mit einem mitunter etwas nervig gequetscht-schiefgezimmerten Gesang, der die grandios irrlichternden Songs zusammenhält, die wie Road-Movie-Songs aus dem Album kullern und danach betteln, entweder unter kopfhörern feinst gewendet und gedreht zu werden, oder aber im Vollrausch ausgetanzt zu werden. Wenn Kaizers Orchestra morgen eine Jazzband würde (und Janove Ottesen eine schreckliche Stimmbandkrankheit bekäme) , könnte der Sound nicht anders sein. Wohlwill, Hamburgische Suffhymne, ist ein wunderbare, explosiver Gute-Laune-Song, der aufs feinste die feine Balance zwischen Sonnenschein (Manwhore) und Wehmut (Should I Apologize)in diesem Album fast – ob es Zufall ist, dass ausgerechnet der «deutsche» Song auch ein klein wenig nach alten Element of Crime klingt? Beim Hören des Albums fragt man sich, wieso eigentlich so viele skandinavische Bands bei aller Verschiedenheit im Detail doch sehr deutlich eine Art gemeinsamen Nenner haben sei es eine gewisse naive Verspieltheit oder einen Hang zu bestimmten «handmade» Sounds oder bestimmte Harmoniefolgen… und ob es so eine stilistische Klammer auch etwa bei deutschen Bands gibt, man aber zu nahe dran ist und nicht merkt, wie diese Gemeinsamkeit sich wohl anhören mag. For new Beginnings schliddert mitunter gefährlich am Kneipen-Folkrock (Sunny Day), und torkelt auch mal unelegant in Richtung von Upbeat-Mainstream-Poprock (Lakes of Steep und das fast an The Cure erinnernde If I Die Now), macht aber zwischen diesen Polen vielleicht gerade wegen des schlingernden Kurses verdammt viel Spaß. Bleibt zu hoffen, dass die Leber von Johansson und Sveningsson auch ein viertes und fünftes Album hergibt.

3. Mai 2010 20:41 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Florence and the Machine: Lungs

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Allmählich wird schmerzhaft deutlich, dass ich mit den Alben hier schwer der Zeit hinterher hänge und aufholen muss, und dass obwohl ich nicht-aktuelle Alben schon alle weglasse. Seufz. Lungs jedenfalls ist von Mitte des letzten Jahres und gehört zu den großen Entdeckungen von 2009, wurde im Grunde schon vor dem Release (wie in den UK üblich) mit einem Wahnsinns-Hype bedeckt. Und wird den Vorschusslorbeeren mehr als gerecht. Das ungeschliffene Kiss with a Fist war die erfolgreiche Auskopplung, aber der Rest des Albums wirkt deutlich weniger White-Stripes-inspiriert, vielschichtiger, abwechslungsreicher, eine Mischung aus Kate Bush, Toyah Wilcox der frühen Siouxie und Joanna Newsom, gekreuzt mit wilden Drumbeats und einer mal märchenhaften, mal treibenden flirrenden Südstaaten-Surrealität, die unmittelbar aus der Welt von Stephen King Büchern oder True Blood zu kommen scheint und meilenweit entfernt ist von den Retroelektrosounds, mit denen uns die meisten britischen Sängerinnen dieser Tage kommen, ganz im Gegenteil – obwohl alle Tracks von Florence Welchs nasalem Gesang eindeutig zusammengehalten sind, ist die musikalische Bandbreite durchaus greifbar. So ist Cosmic Love eine wuchtige, etwas an Hounds of Love erinnernde, Orgie aus Harfentönen und Voodoodrums (die auf Blinding und zahlreichen anderen Tracks ebenfalls dominant sind), während My Boy builds Coffins, Rabbit Heart oder auch die etwas aus dem Albumrahmen fallende Coverversion von You got the Love eher herkömmlicher sauberer Pop ist, und etwa der Drumming Song eine Fusion beider Richtungen aufzeigt. Wenn es so etwas wie GarageFolkSoul gibt, liefert Florence hier genau dieses Feeling ab – jeder Track wirkt irgendwie dreckig und ein bisschen punky, ist aber zugleich in einer an das Goth-Genre erinnernden Geste operettenhaft überinszeniert, so dass man unwillkürlich auch an den frühen Marc Almond und seine Mambas denken muss. Böse gesagt ist Lungs der Versuch, aus der undurchdringlichen Skurrilität von Newsoms Ys ein Pop-Album zu melken – weniger böse ist, dass dieser Ansatz absolut gelingt. Lungs ist durch den stets etwas gleichförmigen und zu oft exaltierten Gesang (mitunter kennt Welch nur zwei Ausdrucksweisen: Laut und Lauter) mitunter etwas anstrengend, aber insgesamt ist versinkt man nach einer Weile in der hypnotischen, sirenenhaften Intensität der Stimme, der Texte und der Musik, die zusammen eine düstere Oper ergeben, deren Intensität nicht einmal durch die oft greifbare Überproduktion gemildert wird (das Intro von Girl with One Eye und viele der Demos der Deluxe-Version machen deutlich, dass Florence Gesang auch mit weniger opulenter Produktion strahlen kann). Lungs ist ambitioniert, fast angestrengt überambitioniert, und während der Hörens ist die spannendste Frage oft die, wie gut Florence Welch erst sein könnte, wenn sie sich einmal entspannen würde.

26. April 2010 07:45 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Hearts No Static: Motif

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Das Stockholmer Trio Hearts No Static liefert mit Motif ein Debut an, das sich anhört wie bei anderen Bands die vielleicht zehnte Veröffentlichung, wenn die Band sich blind kennt und vertraut, so nahtlos greifen die drei Musiker in den ausgedehnt wirkenden, tatsächlich aber sehr kompakten Kompositionen ineinander. Was John Roger Olsson, Jens Pettersson und Otto Johansson an Improvisation mit zahlreichen Gitarren, Schlagzeug, Bass und einem Minimum an anderen Instrumententupfern an Postrock fabrizieren, erinnert nicht von ungefähr an die Soundmalereien von Mogwai oder an die Red Sparrows – wenn auch die verhallten, krautigen und in endlosen Schleifen variierten Monsterakkord-Tracks deutlich kürzer ausfallen. In tiefen düsteren Hallgewölben erzeugen Hearts No Static etwa auf dem Titelstück einen auf einer langsam dahintreibenden Drumsynkope fundierten Wall of Sound, der hypnotisch und berührend ist, zeigen aber bei Strait of Malacca sofort, dass sie auch kaltblütig genug für eine zeitlupigen Art von Minimal Music sind. Es ist sehr schwer, aus dem epischen Post-Progrock noch etwas neues zu gewinnen, aber Hearts no Static schaffen eine seltsame Fusion von Vielseitigkeit im Gestus, verbunden mit einem dennoch sehr homogenen Flair der Musik, so dass das Album niemals nervt und immer angenehm zwischen Rock und Fast-schon-Jazz oszilliert, mal konkret fast groovy daherkommt, mal zu bewegungsloser Stille gerinnt, um dann gegen Ende der Platte doch für drei Tracks die Effektgeräte auszupacken und mit Happy Holidays, Hovering und Knick-Knacks die große laute Geste zu feiern, gekontert von einem akustisch eingespielten Epilog, der fast ländlich-ruhig, zugleich aber kaum weniger raumgreifend und ausladend-sperrig wirkt.

Motif ist so anstrengend wie lohnend, nicht unbedingt die Platte für den Frühling (wir sind auch immer noch bei meinen Alben von 2009 ;-)), war aber perfekt für die Kopfhörer, um tanzenden Schneeflocken zuzusehen und durch verschneite Straßen zu stapfen. Und der nächste Winter kommt ja bestimmt.

30. März 2010 18:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Canterbury: Thank you

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Seltsamerweise habe ich dieses Album tatsächlich gekauft – obwohl es online gratis zum Download verfügbar ist, wie ich später erfahren habe. Das Geld ist dieses Debut der Band aus Hampshire aber allemal wert, auch wenn die Produktion von Track zu Track nicht immer überzeugt. Canterbury mischen verschiedene Gitarren-Indie-Pop-Genres durcheinander, klingen dabei mal garage-härter, mal etwas radioorientierter, bis hin zu psychedelischen Tracks (Accident) und lupenreinem Pop wie Diver. Es wirkt, als würde die Band mit ungezähmter Energie verschiedenste Strömungen und Möglichkeiten durchspielen, um sich selbst zu entdecken. Wie so oft bei Debütalben – und gerade hier, auf einer Zusammenstellung die klingt, als sei sie aus Monaten und Jahren von Demomaterial zusammengestellt – macht gerade diese Inkohärenz die Platte an sich spannend, weil die verschiedenen Stimmungen in einer Band greifbar sind, die Diskussionen im Proberaum über die Identität zwischen härteren Sounds einerseits und Massenappeal andererseits. Das die Band dabei so jung ist, dass manche der Songs noch aus Schultagen stammen, hört man dabei keine Sekunde – das Album wirkt vom Fleck weg so ausgereift und gekonnt, dass man eher das Gefühl hat, das dritte oder vierte Album einer Band zu hören, die sich auf langen Touren zu einer festen Gang zusammengeschmiedet hat, die anscheinend Freude daran hat, mal swingenden Groove à la The Kooks rauszuhauen, um in der nächsten Sekunde wie Screamo-Garage zu klingen – die Jungs klingen so, als würden sie einfach ihre eigene Playlist durchgehen und fröhlich ihren Helden nacheifern – und das so gut, dass sie mit dem Erstling schon reifer klingen als manche Band, die seit Jahren dabei ist. Thank You ist in mehr als einer Hinsicht ein seltsames Album – geschmacklich völlig frei flottierend, aber in jedem Song dabei überzeugend, unpoliert, aber energiegeladen… und völlig gratis, was nicht nur cleveres Marketing ist, sondern auch zeigen wird, ob sich ein solcher Schritt nur für Bands wie Radiohead lohnt oder auch für unbekanntere Acts einen Gewinn abwirft. Bleibt zu hoffen, dass der Schritt zu «verschenkter» Musik Canterbury jede Menge Konzerte, Fans und genügend Geld für ein zweites Album beschert.

29. März 2010 09:57 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Memory Tapes: Seek Magic

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Obwohl Seek Magic Dayve Hawks erstes volles Soloalbum ist, hat der aus New Jersey kommende Musiker schon in reichlich Projekten unter ständig wechselnden Namen Erfahrung gesammelt – und das hört man dem seltsamen Psychofolkelektronik -Mix des Debüts auch mehr als an. Da zitiert er in Bicycle nach einem mehr als abwechslungsreichen Track gegen Ende in fast in einer hingeworfenen Geste großartige New-Order-Hooks, die sich zu einem fulminanten Ende formen. Dass der Song in seinen fünf Minuten gleich mehrfach die Form wechselt und wie ein Chameleon in immer neue Farbstimmungen übergeht, fällt vor lauter Freude über die gelungene Popnummer kaum auf. Überhaupt ist das permanente Morphing der Songs ein Markenzeichen des Albums, das fast unstet wirkt, den Gesang in weiten Hallräumen versteckt und dafür Drums und Bass trocken nach vorne schiebt, die in immer neuen Iterationen die Thematik der Arrangements ändern, sich umschichten, unruhig neue Formationen annehmen und den Tracks etwas von einem hyperaktiven Homerecorder verleihen, der sich nicht auf eine finale Form einigen konnte und seine eigenen Songs sozusagen schon remixt, während sie noch entstehen.

Dabei überschüttet Hawks seine Zuhörer förmlich mit weiten, psychedelischen Klängen, naiven Folksong-Melodien und tanzbaren Rhythmen. Das Ergebnis ist eine seltsam verschrobene Schlafzimmer-Produktion voller kleiner Überraschungen, wie etwa dem fast vier Minuten langen hochverdrogten Pink Stones oder der seltsamen Rock-Dekonstruktion Plain Material, in dem die Logik normaler Produktionen auf den Kopf gedreht scheint und das nahtlos von zuckrigem Pop zu seltsamen Rockriffs und zurück flirrt, und oft meilenweit vom Hörer entfernt scheint, nebulös, ungreifbar wirkt, eine Popwolke, in der Hi-Hats klarer sind als Vocals, deren Texte mehr wie ein entferntes Instrument wirken, unwichtig in der Melange von Klängen und Eindrücken, nur eine weitere Zutat, nur ein Hauch von Idee.

So wirkt Seek Magic weitestgehend hochgradig fröhlich, aber auf eine entfernte, distanzierte Art, erinnert hier an dieses, dort an jenes, zitiert, verfremdet, entlehnt, ohne je greifbar zu sein. Am ehesten ließe sich diese Platte passend zum Cover-Artwork sicher als holographisch bezeichnen, als Fata Morgana, als eine Art musikalischer Zuckerwatte, die doch absolut sättigend ist, bei der man als Hörer kaum sagen kann, ob diese Platte nun traurig oder fröhlich machen soll oder will. Es ist, in vieler Hinsicht, Musik gewordene Unentschiedenheit, Unsicherheit – und dabei doch so treffsicher wie wenig andere elektronische Pop-Produktionen der letzten Zeit.

26. März 2010 19:40 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . Eine Antwort.

Tegan and Sara: Sainthood

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Die kanadischen Zwillinge traumwandeln seit Jahren zwischen Pop und Alternative, so auch auf dem sechsten Longplayer, dem man durch die erneute Unterstützung von Howard Redekopp und Chris Walla (von Death Cab for Cutie) eine beschwingtere, mainstreamtauglichere Note gegeben hat. Mit Hell und Alligator sind sogar zwei hochgradig radiotaugliche Auskopplungen, wobei insbesondere Hell die etwas kraftvollere Grundrichtung des Albums unterstreicht, das einen straighten Band-Charakter aufweist, über dessen strammes Bass-Schlagzeug-Gerüst, poppigen Gitarren und gelegentlichen Analogsynthesizer-Sounds die Quinn-Schwestern ihren gewohnten energetisch-nasalen Gesang legen. Die Zeiten des ätherisch-fragilen sind bei Tegan and Sara schon seit längerem vorbei, aber das flott-sportive Sainthood lässt endgültig wenig Zweifel daran, dass das Duo die großen Hallen füllen will und kann. Dabei ist das Album insgesamt rockiger, heavier geworden, klingt mehr nach einer guten 90ies Girlie-Alternativeband – ein Sound, der durch andere Bands ähnlicher Bauart inzwischen ja auch durchaus mehr als Mainstream-kompatibel geworden ist. Dabei gelingt den Schwestern der Kunstgriff, gleichzeitig lupenreinen Gitarrenpop zu produzieren und diesen simultan zu dekonstruieren, und in seine Einzelteile zerlegt gegen sich zu wenden. Über den Tracks schwebt bei aller Tanzbarkeit immer eine an Roxy Music erinnernde gewollte Lässigkeit, eine betonte, fast schwüle Kälte, die gemeinsam mit den intensiven Texten weit über das normale Frauenpop-Ding hinausreicht. Der seltsame Gesamteffekt ist, dass Tegan and Sara einerseits zugänglicher, sogar tanzbarer geworden sind und gleichzeitig andererseits sperriger, dorniger, strenger, härter, künstlerischer, reifer, mutiger. Sainthood vereint alles, was man vor allen an den beiden letzten Alben der Quinns gut finden durfte und konzentriert es zu einem Album ohne Durchhänger, ohne Fett, das auch in zehn Jahren noch exzellent hörbar sein dürfte. Und mich würde nicht wundern, wenn nach dieser Energieexplosion das nächste Lebenszeichen der beiden eine ganz andere Orientierung haben dürfte…

23. März 2010 16:22 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

Steven Wilson: Insurgentes

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Die Arbeitswut von Steve Wilson muss unendlich sein. Neben Procupine Tree und zahllosen Nebenprojekten wie Blackfield oder No-Man, die ohnehin markant seinen Stempel tragen, publizierte er fast zeitgleich mit dem letzten Porcupine Tree-Album auch noch ein erstes «echtes» Soloalbum, dass sich nicht von ungefähr wie ein siamesischer Zwilling zu The Incident anhört, was vielleicht daran liegt, dass zum einen Gavin Harrisons hyperpräsentes Drumming auch diese Platte mit prägt, zum anderen daran, dass selbst hypernamhafte Gastmusiker wie Jordan Rudess recht wenig am Grundsound von Wilson ändern. Der Opener Harmony Korine könnte sogar fast nahtlos auf jedem PT-Album seinen Platz finden, ansonsten aber schafft sich Wilson – ohne seinen üblichen Rahmen völlig zu verlassen – ein breiteres Spielfeld, das seiner Hauptband eigentlich auch gut zu Gesicht stehen würde. Abandoner ist so ruhig wie düster, eher gemalte Musik, Soundtrack ohne Film. Die Mischung aus Introvertiertheit und fast selbstverletzender, wütender Härte prägt auch das acht Minuten lange Salvaging, das nach 4:40 aufs wunderbarste episch zusammenbricht und sich vom stoischen Gitarre-Drum-Dialog in eine bitterweiche Streicherwolke verwandelt. Mit ähnlichem Mut zur Abwechslung geht es weiter: Veneno Para Las Hadas ist ein sechs Minuten langes Instrumental mit minimaler Bewegung, No Twilight Within the Courts of the Sun könnte stilistisch hingegen am ehesten von PTs Metanoia-Album stammen und geht in eine improvisierte Jazz/Pro-Rock-Fusionsecke, mit einem schier atemberaubenden Aufbau. Insgesamt klingen die meisten Tracks nicht so, dass man das Gefühl hat, Wilson müsse etwas grundsätzlich anderes machen … Significant Other beispielsweise könnte fast nahtlos aus einem der letzten drei Alben von Porcupine Tree stammen – aber innerhalb seiner eben doch gleich gebliebenen Farbpalette fügt Wilson auf Insurgentes einige Farbtupfer hinzu, die seine Bandbreite erweitern, die ambitionierter und intimer wirken als die inzwischen hart an der Grenze zum musikalischen Bombast schiffenden Tracks der Hauptband selbst. Twilight Coda ist so eine verletzliche kleine Komposition. Natürlich ist Wilson nicht die Sorte Musiker, die wirklich «weniger» macht, auch die ruhigeren Tracks wie der Titelsong Insurgentes sind fast überproduziert perfekt atmosphärisch, und der manische vorletzte Track Get All You Deserve treibt das Spiel mit dem Crescendo sogar bis auf die undenkbare Spitze, in einem immer intensiver, bis zur Unerträglichkeit gesteigerten Track, aber Insurgentes wirkt zugleich reicher und sparsamer als das letzte PT-Album, wütender und experimenteller und zugleich intimer und trauriger. In vielerlei Hinsicht kehrt der «Aufständige» Wilson hier zu seinen psychedelischen Sky-Moves-Sideways/Up the Downstairs/Voyage 34-Floyd-Wurzeln zurück, aber mit den kompositorischen und musikalischen Muskeln, die er sich in den letzten Dekaden erarbeitet hat. Obwohl von einer weltweiten Suche nach Inspiration geprägt, scheint das Album introspektiver zu sein als viele PT-Veröffentlichungen der letzten Jahre, und zugleich auf eine fast verzweifelte Art wütend, noisy, die für einen Mann von Wilsons Alter fast ungewöhnliche Haltung des Albums ist die eines Nietzsche-esquen Teenagers, der zwischen arroganten Wutanfällen und Depression zu schwanken scheint, zwischen erschlagenden Noisewänden und kleinlauten Pianoechos. Es scheint nicht ganz einfach, Steve Wilson zu sein – auf brillante Art und Weise ist Insurgentes der Soundtrack zum manisch-depressiven Lifestyle.

Insgesamt fühlt sich Insurgentes an, als sei es eine Art persönliche Coda zu The Incident – nicht nur, weil die Cover farblich so schön zusammenpassen, sondern auch weil sich die Alben wie bei der Geburt getrennte Zwillinge anfühlen. Es mag überinterpretiert sein, aber nach der Stagnation von Fear of a Blank Planet wirken The Incident und Insurgentes frisch und lebendig, gefährlich schillernd und giftig, wobei vor allem das Berg-und-Tal-Abenteuer des Soloalbums zwar nicht den Druck der Musikermusik von Porcupine Tree entfaltet, dafür aber länger und nachhaltiger im Kopf bleibt. Wilson reizt hier seine bisherige Arbeit in verschiedenen Bands, seine eigenen verschiedenen Ansätze, bis ins letzte aus, rekonstruiert sich selbst mit dem Mut zum Scheitern, und schafft so ein Fazit, eine Standortbestimmung und womöglich eine Neuorientierung in seinem Schaffen, das so sperrig wie wohltuend, so schwierig wie hoffnungsvoll ist. Vor der Folie von Wilsons ohnehin unglaublichem Gesamtoutput ist dieses Album eine Art Manifest, ein Konzentrat – und zugleich voller Extreme, die so kompromisslos noch auf keinem anderen Wilson-Album zu hören waren, wenn etwa klare Noiserock-Anklänge oder Ambient- und Shoegaze-Elemente durchscheinen. Wollen wir hoffen, dass es nicht das letzte Soloalbum des Angry Man Wilson ist.

2. März 2010 05:43 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Porcupine Tree: The Incident

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Nachdem das letzte Porcupine-Tree-Album insgesamt eher enttäuschend war, ist The Incident umso besser. Natürlich bleiben Wilson und seine Premiummusiker ihrem seit Mitte der Dekade gefundenen härterem Sound treu, mischen diesen hier aber mit mehr psychedelischen Sounds, ohne dabei gleich so weich zu werden wie auf Fear of a blank Planet. Eher an Deadwing und In Absentia anschließend, brilliert das Album mit kurzen Notizen unter zwei Minuten einerseits, ausgedehnten Tracks bis zu 11 Minuten andererseits, und ebenso seltsam mutet die Porcupine-typische Balance zwischen Metal-Sounds und einem nur noch latent als Pink-Floyd-inspiriert erkennbaren Psychedelia-Flair. Eingängig sind die Tracks längst nicht mehr und die Leichtigkeit, den Pop, von Lightbulb Sun oder Stupid Dream, sucht man hier meist vergebens, auch wenn Wilson diesmal wieder die Akustikgitarren (Great Expectations) auspackt und generell etwas leichter, unbeschwerter klingt als auf den letzten beiden Alben. Man wird das Gefühl nicht los, dass es bei Porcupine Tree mehr und mehr um die Suche nach dem perfekten Song geht, weswegen viele Tracks auf verschiedenen Alben auch zunehmend ähnlicher werden, Wilson feilt im Detail, die Zeit der großen Umbrüche im Sound der Band – meist bedingt durch Umbesetzungen – scheint vorerst vorbei. Wobei dieser Eindruck nicht zuletzt am Drumming von Gavin Harrison liegt, der die Band inzwischen wie kein zweiter dominiert und dessen monströse, fein ziselierte, vertrackte und dennoch extrem druckvolle Schlagzeugarbeit jedem Song einen klaren Stempel aufdrückt. Sperrig und faszinierend wie die Drums ist das ganze Album, musikalisch eine seltsame Melange – für die Meshuggah-Fans sicherlich zu soft, für die Floydianer dürften die brutalen Metal-Brocken vielleicht zu anstrengend sein… aber unter den Musik-Edelnerds dürfte Porcupine reichlich Fans finden, kaum eine Band reizt die Möglichkeiten des Rockspektrums so signifikant aus und brilliert dabei musikalisch zugleich instrumental so. Dass Porcupine dabei nie so anstrengend ist wie etwa Mars Volta oder andere, extremere Metal/Prog-Rock-Combos, mag man kritisch oder wohlwollend betrachten – aber es bleibt klar, dass Wilson die brettharten Sounds (Circle of Manias)mit chirurgischer Präzision ansetzt, um ein bestimmtes Gefühl in einem Song zu erzeugen, um zwischen dem einsamen Pathos seiner Strophen und dem wütenden Stampfen von Refrains und ellenlangen brachialen Instrumentals ein Gefälle zu erzeugen. Die Bandbreite wird deutlich im Bruch zwischen dem recht geraden Drawing the Line und dem bitterschwarzen Titeltrack The Incident, der mehr nach Elektronik und Industrial klingt und erst spät zu einer Porcupine-Nummer wird, streckenweise sogar nach einem Update der ganz alten Wilson-Solosongs klingt, wie übrigens auch die minimalistische Skizze The Yellow Windows of the Evening Train.

Wie hoch der Output von Wilson ist, machen die 1:50-kurzen Notizen klar, die an sich wie ausgereifte Songs klingen, keineswegs wie Sprengsel, sondern wie Outtakes aus Stücken, wie problemlos hätten länger sein können. Solche Ideen derart rauszuschleudern ist ein Luxus, den sich kaum ein Songwriter nach so vielen Jahren leistet, und es passt gut zu dem generellen Mega-Veröffentlichungsdrang von Wilson, der sich anscheinend vor Einfällen nicht retten kann und insofern nicht geizen muss. Auf der anderen Seite ist Time Flies mit 11 Minuten offensichtlich für die Live-Bühne geschrieben, ein groovend-hypnotischer Fluss von wie Zugräder vorbeiratternden Staccato-Gitarren, ein Song, der immer in Bewegung ist und doch stillzustehen scheint.

Etwas angepappt wirken hingegen die letzten fünf Songs des Albums, die seltsam harmlos-fröhlich klingen und eher nach Resten eines älteren Albums. An sich genommen absolut großartige Tracks, wirken Sie nach der Power der vorhergegangenen Songs seltsam anämisch, wie benommen, verkatert – und dass, obwohl Bonnie The Cat eine wirklich durchaus grandiose Nummer ist. Es spricht für The Incident, dass Songs, die auf einem früheren Porcupine-Album Highlights gewesen wären, hier fast untergehen. Black Dahlia macht deutlich, wie sehr Wilson sich gewandelt hat in den letzten Jahren. Mit Ausnahme von Bonnie wirkt das Ende des Albums wie ein Morning-After, wie der vernebelte Restrausch nach einer ordentlich durchgemachten Nacht.

Die Special Edition wartet zudem mit zwei Live-Tracks auf, Way Out of Here und What Happens Next? Beide klingen absolut famos, nach wenigen Sekunden vergisst man, dass die Band hier eigentlich live zu hören ist,Harrison dreht noch einen Tick mehr auf als üblich und gerät bei Way Out of Here förmlich außer Kontrolle, während What Happens Next eine der fast üblichen Studien in synkopischen Riffs ist, mit einem grandiosen Solo im letzten Drittel.

The Incident zeigt Porcupine auf der Höhe Ihres Schaffens, ein düsteres, bewegendes, unglaulich gekonntes Album, das nie so smart oder geleckt wird, dass es nicht mehr berührend wäre. Die Perfektion der Band ist fast beängstigend und pusht Wilsons an sich etwas begrenztes Songwriting auf ein beängstigendes Niveau. Im Grunde ist The Incident wie die TV-Serie Lost – vertrackt, böse, düster, spirituell, oft unzugänglich und sperrig, manchmal albern, manchmal grenzüberschreitend, ein bisschen selbstverliebt, ein bisschen zu lang, übervoll mit Ideen und Anspielungen und vor allem derzeit absolut konkurrenzlos. Porcupine Tree sind längst aus allen Genreschubladen heraus und ein Genre für sich geworden, an dem andere sich messen können.

26. Februar 2010 08:59 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

Mew: No More Stories/Are Told Today/…

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Das fünfte Album der Vorzeigedänen Mew, No More Stories, knüpft einerseits nahtlos an And the Glass-Handed Kite an, öffnet aber andererseits den Horizont für eine hellere Version der psychedelischen, fast progrock-haften Einflüsse in den Sound der Band. Mit rund 17 Tracks auf 60 Minuten sind die Tracks tatsächlich kürzer als sie sich anfühlen, gehen weg von der Länge von Songs wie etwa White Lips Kissed auf Kite, sind aber keinen Deut weniger weird. Bereits der erste Track, New Terrain, birgt einen rückwärts laufenden zweiten Song, und Introducing Palace Players steckt voller sperriger Rhythmen, die nur scheinbar ein ganzes ergeben, sogar fast poppig wirken, aber im Kern scharfkantig bleiben. Mit Beach (und später mit Hawaii) gelingt der Band ein unerwartet lupenreiner, fast an Phoenix erinnender Gutelaunesong, und auch Repeaterbeater ist oberflächlich deutlich geradliniger und positiver als man es von Mew in der Vergangenheit gewöhnt war. Unter der zugänglicheren Oberfläche passieren aber böse Dinge in Sachen Takt und Instrumentierung, unter dem stillen Wasser schwimmen die Haie einer großartig dekonstuierten und re-assemblierten Popmusik, die wie eine Fata Morgana, wie ein Hologramm verschleift und unsicher wird, je mehr man sich ihr nähert. Da laufen Elemente rückwärts, wird die 1 des Taktes hinter den Kulissen permanent verschoben, wirbeln seltsame Effekte in den Untiefen des Liedes, brechen Tracks unerwartet in sich zusammen, schaffen surreale Intermezzi einen Einblick in das Spiegelkabinett der Band. Das Alles kann mitunter auch mal etwas verkrampft wirken und zu selbst-bewußt – schon angefangen mit dem Albumtitel, dessen Länge selbst Morrissey erblassen lassen würde – und tatsächlich tragen Mew kompositorisch die Ernsthaftigkeit, die sie hier teilweise in der Produktion vorgeben möchten, nicht wirklich, was sie vielleicht in eine Reihe mit Muse stellt, die dem eigenen Bombast ja auch nie ganz 100%ig gerecht werden. Aber es ist natürlich eigentlich eine feine Sache, zuzusehen, wie eine Band, versucht mehr zu liefern als nur etwas Popmusik und Vorbildern wie Radiohead nacheifert, einen ganz eigenen weg zu progressiveren Tönen sucht und in den engen Grenzen dessen, was man noch halbwegs als Populärmusik abliefern kann, einen eigenen Weg zu finden. Tatsächlich ist No More Stories nach Kite eher ein Schritt zurück in die Radiotauglichkeit, zu weniger sperrigen Tracks, auch wenn Cartoons and Macramé Wounds und das soundtrackartige Reprise durchaus zeigen, dass die Dänen noch elegant ausufernd sein können und auch auf sieben Minuten Länge nicht langweilen. Alles in allem ist No More Stories eine großartig abwechslungsreiche, fast zu smarte Platte, deren fröhlicher Größenwahn absolut ansteckend ist und die man – gerade über Kopfhörer – immer und immer wieder hören kann. Übrigens unbedingt die Bonus-Track-Version besorgen, die drei sehr unterschiedlichen und etwas schmaler produzierten Songs Owl, Start und das recht Mew-typische Swimmer’s Chant sind an sich den Kauf bereits wert.

13. Januar 2010 20:58 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Lucky Elephant: Starsign Trampoline

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Die gar nicht mehr so jungen Briten Lucky Elephant ihrem Debut mit einem entspannt-kinderliedigen Instrumental (dem später mit Burn Down The Acres eine Art Kontrapunkt folgt) beginnen, das die beschwingte Grundstimmung des folkig-poppigen Albums vorgibt, das karamellweiche Gutelaunemusik liefert. Surrealistische Instrumentenwolken, entspannter Gesang mit wunderbar französischem Akzent von Emmanuel Labescat, fast an Múm gemahnende leichte Hooks – ein bisschen klingen Lucky Elephant wie das uneheliche Kind der Flaming Lips und Arcade Fire, das auf sehr glücklich machenden Drogen in die Musikecke im Kindergarten gestellt wurde. Zwar zeigt Red Ties vs. the Bees (und der Titel klingt doch schon sehr nach den Lips, oder?) durchaus auch eine düstere Seite der Band, die plötzlich auch mal kurz nach den Red Sparrows klingen kann, aber im großen und ganzen ist der Abgrund unter der guten Laune des Albums nur selten spürbar – aber irgendwie durchaus immer da, die Musik wird nie banal oder oberflächlich. Auch  Modern Life zeigt die musikalische Spannbreite der bühnenerfahrenen Combo, die man bei einem Debut in dieser Form kaum erwarten dürfte, die Spielfreude und die völlige Souveränität, mit der eben auch brütende Tracks hingelegt werden. Die altmodisch und oft kurios klingenden Instrumente, die das Quartett virtuos bedient, tragen zu einer fast zeitlosen Stimmung bei, die treffsicher die Grenze zwischen Licht und Schatten demarkiert, die fast kein Song so gut auf den Punkt bringt wie Call It The End (The Beginning), der zunächst fröhlich vor sich hinhoppelt, um dann plötzlich zu einer düsteren Akustikwolke zu mutieren – und zurück in einen nur knapp an der Belanglosigkeit entlangschrappenden Schmuseblues, den dann aber wieder eine ähnlich Múm-artige Instrumentalnummer kontert. Die Band, mit anderen Worten, reißt immer wieder das Steuer herum, zaubert Regenwolken und Sonnenschein auf die transluzenten Projektionsflächen und scheint tatsächlich munter (und absolut erfahren) auf einer Art inneren Trampolin durch die Stimmungsregister zu hüpfen. Es ist eine großartig unschuldig-melancholische-glückliche Platte, facettenreich und schimmernd, die sich mehrfach anzuhören absolut lohnt.

12. Januar 2010 05:41 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

The Temper Trap: Conditions

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Wie international Popmusik geworden ist, beweist das Debut von The Temper Trap. Die australische Band könnte ebenso gut aus New York oder London kommen, wo sie ihr Album auch final produziert hat. Für ein Debut ungewöhnlich geschliffen und trotzdem vielseitig, zeigt das Album wie so viele Erstlinge die Suche des Quartetts nach einer musikalischen Identität und zugleich die Chancen und Gefahren im Sound dieser Band. Im schlimmste Falle klingen The Temper Trap wie ein schlechtes U2-Derivat, mit einem für immer im Falsett stecken gebliebenen Bono, und auch sehr typische Coldplay-Liedstrukturen blitzen immer mal wieder durch… diese gitarrenschrammelnde Rhythmik, die von den Drums 1:1 unterstrichen wird (bum-tata-bum-tata-bum), dazu simpler Bass und epische Vocals – ein ziemlich abschreckendes Instantrezept, wie bereits der erste Track Love Lost nahelegt. Und seltsamerweise zeigt schon der zweite Song Rest, der oberflächlich ja kaum anders aufgebaut ist, schlagartig die Sonnenseite der Band, eine kraftvolle, aggressivere Seite, die eher im besten, heute ja fast vergessenen Sinne an U2 erinnert oder an die besseren (bissigeren) Tracks der späten Bloc Party, eine wütende und trotzdem schwerelose Nummer, die sich gnadenlos nach oben schraubt und dabei nicht einen Moment die Eleganz, die Pose verliert. Dass danach mit Sweet Disposition direkt die schwächste Nummer des Albums folgt (und zugleich natürlich die Auskoppelung), zeigt die schiere Wechselhaftigkeit von Conditions, die nur durch Dougy Mandagis nöhlenden Gesang zusammengehalten ist. Die Kompositionen sind in Aufbau und Harmonik zwar durchaus etwas selbstähnlich, Arrangement und Produktion bewahren die Tracks aber vor jeder Langeweile und decken die Bandbreite von rotzigem Rockdreck (Soldier On) und leichtem Pop (Fools oder das abgesehen vom etwas arg bratigem Ende herausragende Ressurection) ab, immer zusammengehalten für Mandagis feinem Gespür für fast soulig-hypnotische, oft seltsam an Donna Summer erinnernde Gesang-Hooks. Eine Stärke der Band ist dabei das Hochstapeln – immer wenn du denkst, jetzt hat ein Song sein höchstes Level erreicht, legt die Band noch eine Schicht drauf, am besten dokumentiert auf der ersten Single Science of Fear, die seltsam flirrend an Oasis erinnert.

Ausschweifend und wirsch zwischen Rock, Pop und seltsamen Experimenten wabernd ist Conditions eine sehr viel bessere Platte als Sweet Disposition vermuten lassen würde, mit einigen echten Durchhängern und auch einigen mehr als hörenswerten Tracks. Wie so viele Debuts guter neuer Bands zeigt Conditions diesen schimmernden Zustand einer Band, die noch nicht von Plattenfirma und Management, Produzenten und Styleberatern festgenagelt und verortbar ist, radiotauglich und soundbyte-kompatibel, die zwar schon ganz klar in Richtung Durchbruch will und sich zunächst an vielen Vorbildern versucht, aber gerade in dieser Unsicherheit und Suche eine ganz eigene Stimme entwickelt und einfach ein abwechslungsreiches, pulsierendes, lebendes Album schafft, bei dem man schon beim ersten Hören befürchtet, dass bereits der Nachfolger diese phantastische Naivität und Orientierungslosigkeit verloren haben könnte. Enjoy it while it lasts.

22. Dezember 2009 09:49 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Antlers: Hospice

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In der unruhigen Geschichte von Peter Silbermans Antlers ist Hospice ein Meilenstein. Narativ um eine Krebskrankheit und eine Liebe im Sterben gewoben, gibt der filmartig-düstere Prolog die Stimmung vor – Hospice ist auf eine fast schon wieder bombastische Art minimalistisch und intim. Selbst wenn im Hintergrund grandiose Mogwai-Soundwogen aufbranden, bleibt das Album seltsam distanziert, entfernt, Silbermans falsettiger Gesang zugleich persönlich und mitnehmend, und doch befremdlich isoliert. Sylvia etwa erinnert ein wenig an alte Sigur Ros mit aufbrandender musikalischer Hysterie und zugleich beklemmender poetischer Geste, während Atrophy dem Titel musikalisch alle Gerechtigkeit tut und fast im Nichts verschwindet,um dann wieder von dem fast fröhlich vorwärts sprudelnden Bear gekontert zu werden, eine dieser großen melancholisch schnellen Nummern, die du für immer lieben kannst, um kurz darauf in dem schleppenden Beats von Shiva zu versinken, bevor dich das hymnisch-hypnotische Crescendo von Wake wieder an das Tageslicht zerrt und eine finale Coda der Harmonien von Bear als Epilog einen surrealistischen Touch Hoffnung erweckt. In diesem Wechselbad der Gefühle gelingt Silberman ein Erzählung, eine Fiktion, die literarische Dichte gewinnt und wie ein gesungenes Hörspiel funktioniert, das in einer seltsamen Mischung aus kammermusikalischer Stille und Postrock-Gitarrennoise vertont ist. Scharfkantig und schwarz, depressiv und selbstironisch, voller gemischter Gefühle von Schuld, Liebe, Wut, Hoffnung und Abschied wirkt Hospice wie eines der persönlichsten und intimsten Alben von 2009 – was nicht zuletzt an Silbermans geqetschtem Gesang klingt, der wikt, als wolle er eigentlich schreien, müsse aber möglichst leise singen -, und erweckt zugleich den Anschein einer rein erfundenden Erzählung, die kein gutes Ende nimmt… im Gegensatz zu dem Album, das in einer Welt voller Singles und Random-Mode-Songs endlich mal wieder eine Platte ist, die man unbedingt und ausschließlich in der richtigen Reihenfolge hören kann und darf.

13. Dezember 2009 10:10 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

The Maccabees: Wall of Arms

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Das zweite Maccabees-Album gefällt wie der Erstling mit zackigem Britpop-Riffs, treibenden Grooves irgendwo zwischen den üblichen Verdächtigen Foals, Maximo Park und Bloc Party, flirrenden Drums, gekrönt von Orlando Weeks nörgelndem Gesang. Produziert von Arcade-Fire-Macher Markus Dravs gelingt der Band einer der besten Songs von 2009, das wütend-verzweifelte No Kind Words, das schon zu Anfang kaum zügelbaren Druck besitzt, den die Drums immer wieder in Zaum zu halten versuchen, bis der Song schließlich fast monoton stumpf nach vorn geht und sich in pure Energie verwandelt. So kurz und auf den Punkt muss Popmusik sein. Die Auskopplung Can You Give it wirkt dagegen zahnlos und brav, aber Tracks wie Young Lions oder Kiss and Resolve schaffen eine schöne Balance zwischen krachendem Tempo und einer fast paradox entspannten Folk-Harmonik. Die fünf Herren aus Brighton produzieren insgesamt sehr saubere Music to be drunk to, während Orlando mit Neo-Morrissey-equen Texten und mal introspektiv-nuschelndem Genöhle, mal mit hymnischen Chorals dem fröhlich düsteren Mix der Musik seinen eigenen Stempel aufdrückt. Alles in allem sind die Tracks des Albums ein wenig selbstähnlich, trotz oder vielleicht gerade wegen der teilweise komplexen Arrangements, deren wildes Geschrammel dem Album oft die nötige Ruhe nimmt, so dass man am Ende bei Bag of Bones fast entspannt ausatmen will, weil endlich etwas weniger passiert. Wall of Arms ist in erster Linie ein Wall of Sound, ein oft angestrengter und anstrengender HierHierHier-Dschungel von Instrumenten und Ideen, durch den nur ein mehrfaches Hören des Albums hilft, wobei die Platte zunehmend angenehm wird und an Tiefe gewinnt. Wall of Arms ist sicher kein großes, aber ein wirklich gelungenes zweites Album, mit dem die Maccabees zumindest beweisen, dass mehr in ihnen steckt als fröhlicher Indiepop.

10. Dezember 2009 08:10 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . 4 Antworten.

Trisomie 21: Black Label

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Nach fünf Jahren Pause ist Black Label das zweite «neue» Album der französischen Ausnahme-New-Wave-Band Trisomie 21. Die Gebrüder Lomprez bestachen vor allem Mitte der achtziger durch bestechend kalte, entrückte, später oft hochgradig vielschichtige und unberechenbare Tracks, die stets von Philippes schwebend-nöhligen Gesang gerade eben ein melodisches Gerüst verliehen bekamen. Anders als viele andere Mid-80s-Kapellen waren T21 nicht unbedingt aggressiv oder tanzbar, nicht vorhersehbar, sondern präsentierten Alben, die oft seltsam vage, analog, experimentiell und offen wirkten – und die gerade wegen dieser Unschärfe ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Zeitgenossen bis heute ausgezeichnet hörbar geblieben sind.

Es ist schade, dass gerade dieses Kennzeichen der Musik – das Oszillierende, die flirrenden, unsicheren Drummachine-Beats, die fast unkontrolliert über die mitunter an New Order erinnernden Bass/Gitarre-Hooks liefen, der tastend-autistische Gesang, die Verweigerung herkömmlicher Strophe-Refrain-Strukturen, das oft rein Skizzenhafte der Songs – auf Black Label völlig verloren ist. Statt dessen wirken die Tracks berechnet, sauber, herkömmlich, fast band-artig arrangiert. The Camp, der Opener-Track, weist zwar einen gerade zu magischen Retro-Bass-Sound von T21, der fast an Logical Animals erinnert, auf, aber insgesamt wirkt die Sache zu gerade, zu linear, zu gekonnt, und gerade in Sachen Drums zu langweilig – es klingt fast, als würden da nur zwei Pattern laufen. Auch bei den folgenden Tracks wirkt die Musik zu fett, zu unelektronisch und – so paradox es klingen mag – mitunter zu trip-hoppig in den Beats. In fast jedem Lied wird Philipps ätherischer Gesang von digital verzerrten Gitarren erdrückt, die Drums versuchen immer dick zu klingen – der Sache fehlt die Unschuld, das Unfertige, das absonderlich naive der alten Tracks. Was man, zugegeben, vielleicht auch nicht mehr einfangen kann, nach über 30 Bandgeschichte ist man einfach nicht mehr naiv. Und so wundert es vielleicht nicht, wenn T21 mitunter dem Eigenzitat anfallen, aber auch mal seltsam nach den Sisters of Mercy klingen (Shakespeare) und die Platte irgendwann eher langweilig wird. T21 haben nie eine große Ausdrucksbandbreite gehabt, aber immer den Mut, auf kompositorische Konventionen zu pfeifen. Von der spielerischen Leichtigkeit, der fast gelangweilten Spielerei mit den eigenen Möglichkeiten, die Plays The Pictures noch aufwies, ist auf Black Label nichts zu finden, hier wird eher stramm altherrendurchgerockt, so sehr, dass teilweise nur doch das monoton stampfende Schlagzeug elektrisch klingt. Es ist etwas seltsam, dass eine so leichte und federnde, stets eher elektrische Band sich zu einer Art GothRock-Kapelle versteigt, andererseits ist dieser Wechsel an sich bei einer experimentellen Band wie  Trisomie 21 nur sinnfällig. Insofern mag man hoffen, das die Lomprez-Brüder bald wieder Lust auf modernere, offenere Sounds haben und sich nicht an düsteren Gitarren und sturen Drumbeats verbeissen. Black Label ist an sich keine schlechte Platte, erreicht aber nicht näherungsweise die Komplexität und Tiefe alter Werke.

19. Oktober 2009 08:03 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Yeah Yeah Yeahs: It’s Blitz

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Das dritte Album des New Yorker Trios um Karen Orzolek schiebt die schon auf Show Your Bones spürbare Anpassung an eine Art Mainstream weiter voran in Richtung Dancefloor. Vom Garagegewitter der ersten EPs und Fever to Tell ist wenig zu spüren, zugleich verschwindet aber auch der (gesanglich allerdings nach wie vor nahezu unvermeidbare) Vergleich zu Siouxie Sioux. Glamouröser, discoglitteriger treten die YYYs auf, von der Produktion herspürbar elektronischer, deutlich nicht mehr auf den Spuren von 80er Gitarren-Goth, sondern eher bei Heaven 17 und französischem Elektro angelangt. Was vielleicht nur schlüssig ist – Show Your Bones war sicherlich das Ende der Gitarre/Schlagzeug/Vocals-Schiene, ein neues Album wäre nur Selbstplagiat geworden. Stattdessen bleibt die Band ihrem vertrackten Grundsound erkenntbar treu und wechselt lediglich die Instrumente. Es bleibt die große Geste, es bleibt der Pathos, es bleibt die grandiose Stimme von Karen O, aber hinzu kommt ein neues Spektrum von Werkzeugen zum Ausdruck musikalischer Idee. Entsprechend etwas tanzbarer, mitunter auch etwas sanfter, ist Blitz geworden, weniger explosiv, dafür mitunter ehrlicher und verletzlicher (Skeletons) und große Pop-Musik. Tracks wie Dull Life oder das noisige Shame and Fortune bezeugen unzweifelhaft, dass die Band immer noch zickige Beats und ordentliche Verweigerungshaltung kann, aber selbst hier überwiegt ein weniger stacheliges, insgesamt positiveres Feeling, mehr Party, weniger Düsterheit. Die neue Komplexität der Produktion – nicht zuletzt TV-on-the-Radio-Gitarrist Dave Sitek zu verdanken, der auch beim letzten Album die Finger am Mischpult hatte – bringt die Band an die Vorderfront der ja nicht wenigen New Yorker Discowave-Bands, mit einem Mix aus Krach und Melodik, Softness und Härte, der bemerkenswert ist. Kein Track des Albums ist wirklich jemals glatt, aber zugleich ist die Eingängigkeit, der emotionale Zugang zu den Liedern, deutlich erhöht, vielleicht weil die Band – wie jede Combo – mit zunehmenden Alter mehr ruhige Songs produziert (Runaway). Insgesamt gibt es eine fast erschreckende Dichte potentieller Auskopplungs-Kandidaten auf dem Album (das Blondie-esque Zero, Heads will Roll, Dull Life, Dragon Queen, das vielleicht etwas flache Faces) und wäre It’s Blitz nicht trotzdem insgesamt ein sehr erwachsenes und sperriges Album, könnte man vermuten, die Band wolle endlich mal einen großen Dancefloor-Kracher haben. Mit dem dritten Album zeigt sich Karen O eigentlich auf dem Sprung zum Soloalbum und zur Pop-Diva. Auf der hauchdünnen Rasierklinge zwischen melodisch sperrigem Independent und affirmativer Spaßdisco ist die Platte aber sicher eine der spannenderen Popproduktionen der letzten Zeit – und unter der glitzernden Oberfläche vielleicht sogar unangepasster als Songs wie Gold Lion oder Way Out.

17. September 2009 05:53 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Late of the Pier: Fantasy Black Channel

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Die vierköpfige britische Combo um Sam Eastgate bringt auf ihrem Debutalbum einen epischen Cocktail aus jedem, aber wirklich jedem nur denkbaren Einfluss. Als ginge es darum, das definitive postmoderne Album rauszuklotzen, wird von Gary Newman bis Queen alles wegzitiert, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist, und zu einem seltsamen Gemisch aus Britpop und Electro püriert, der hysterisch und verschroben wirkt. Nicht von ungefähr erinnert das punkigtrashige Gitarren-Synth-Gebräu etwas an die Klaxon, ist aber deutlich nervöser, collagierter, zappt hyperaktiv von einer Idee zur nächsten und ist dabei so voller exzellenter Momente, dass man das Album ohnehin mehrfach hören muss, zumal in der Produktion permanent winzige Details versteckt sind, die sich bestenfalls über Kopfhörer extrahieren lassen. So verwandelt sich der NewWave-Sound der bereits bekannten Single Space and the Woods im Cenzo Townshend Mix zu einer schnelleren, härteren Dancepunknummer vom feinsten, der letzte Track Dose A erinnert an eine Art deutlich härtere The Faint, eine fast pure dreckige Rocknummer, Bathroom Gurgle lässt alte Nik Kershaw-Erinnerungen aufkommen, The Enemy are the Future erinnert ein wenig an goldene Roxy-Music-Zeiten, Focker ist einfach nur musikalischer 8-bit-Wahnsinn, das Instrumental VW ist das gitarrenlastige Gegenstück und klingt nach der Titelmelodie einer nie gedrehten MTV-Serie, Random Firl ist Schunkel-Britpop, Broken ist eine fast dreiste Math-Rock-Kopie, Hot Tent Blues klingt nach Queen via Chemical Romance und so weiter. Es mag auf diesem Album wenig ganz eigene Ideen geben, aber selten hat eine Band so im Sinne von Tarantino ihre Einflüsse zugleich offen gelegt und doch weiterentwickelt. Fantasy Black Channel klingt dadurch seltsamerweise sehr wenig nach einer Band, sondern wie eine Compilation, auf der wie zufällig der Gesang immer ein wenig gleich bleibt, eine Compilation, die mal tanzbar, mal atemberaubend schön, mal abwegig wirsch wird, aber immer makellos bleibt. Wo die Klaxons noch Durchhänger hatten, ist Late of the Pier in jedem Song auf der Höhe, leichtfüssig durch die Genre hüpfend und doch stets mit der Hand an der Gurgel des Zuhörers, der mit wummernden Bässen, verschlungenen Melodien, Uptempo-Beats und Eastgates mal falsettigen mal fast atemlos-tonlosen Gesang gefügig gemacht wird. Es ist eine pornographische Platte, auf der die Band fast gnadenlos zeigt, was sie kann, sich ausbreitet, sich überproduziert und sich keine Sekunde zurücknimmt, von einem Highlight zum nächsten hechelt, ein Album mit dem die Band den durch die zuvor erschienen EPs bereits angemeldeten Anspruch auf eine der spannendsten UK-Neuerscheinungen definitiv zementiert. Man darf gespannt sein, wie man diesem 2008er Debüt noch eine zweite CD folgen lassen will, was es hier noch hinzuzufügen geben kann, zumal man sich eine so seltsame, ausgedehnte Produktion wohl kaum noch wird leisten können… aber 2009 soll ja das zweite Album bringen und man darf gespannt sein. Fantasy Black Channel jedenfalls darf getrost als Meisterwerk gefeiert werden, lässt seine NuRave-Wurzeln weit hinter sich und präsentiert eine der besten Bands der letzten Jahre.

25. August 2009 07:44 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 2 Antworten.

Ghost of Tom Joad: Matterhorn

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Das zweite Album zeigt Ghost of Tom Joad deutlich gereift, weniger punky, näher bei Indie und sogar mitunter sehr radiotauglich. Was dem einen der Ausverkauf nach dem Ostkreuz-Album sein mag, ist für mich ein fast überraschender Sprung zu einer der besten deutschen Bands zur Zeit. Abwechslungsreich, aber immer mit klarem eigenen Sound, mit markanten, aber niemals nervendem Gesang, fühlen die Herren aus Münster sich mitunter an wie die ganz frühen (sprich guten) Bloc Party, kraftvoll bis in die Backen, aber zugleich filiran und spielerisch absolut Herr der Lage, niemals Opfer der eigenen Musik. Der zweite Track The Body of Lord Francis Douglas lässt keine Fragen offen, dass diese Combo den Internationalen Durchbruch absolut verdient hätte. Die Strophen wirken oft tighter und atmosphärischer als die Refrains, die mitunter den Druck rausnehmen (statt hochzuputschen), aber fuck it, bei Strophen wie diesen ist das okay. A Place where you belong zeigt mit einem brutalen Bass-Synth und abgehackt zackigen New-Wave-Gitarren eine so wuchtige Strophenarbeit, da kommst du als Refrain eben schlecht mit. The Waves Call your Name ist der nächste unglaublich kraftvoll, von Henrik Roger, Jens Mehring und Christoph Scheider förmlich durch die Wand geprügelte Song, vielleicht die beste Nummer unter einem Album, dass eigentlich nur gute Tracks unter einem fast konzeptalbumartigen Dach versammelt und zeigt, wie elegant und wütend zugleich Post-Punk sein kann. Mit der klassischen Drums/Gitarre/Bass-Besetzung ist es schwer, über die lange Strecke eines Albums zu fesseln, aber Ghost of Tom Joad schaffen diesen Trek mit wenigen Durchhängern bravourös, man würde sich von Bands wie Death Cab for Cutie, Placebo oder Jimmy Eat World (die  immer mal wieder durchblitzen) Alben wünschen, die so frisch sind. This Bed is a fortress zeigt einen seltsam gebrochenen Police-Flair, nicht nur im Titel, und ist doch ganz im Stil dieses neuen Tom-Joad-Sounds, bei dem man fast bei jedem zweiten Track zuerst checkt, ob das noch die gleiche Besetzung wie auf dem Debüt ist und sich dann vorstellt, wie der  A&R beim Hören der ersten Demos durch sein Büro getanzt haben muss… fast jede Nummer hier ist auskoppelbar, nicht schlecht für eine erst 2006 gegründete Band. Es mag sicherlich zu Hauf Kritik wegen Ausverkauf, verlorener Toughness und der etwas britisch-emohaften Musik des zweiten Albums geben, dem sich Anschmiegen an internationale Vorbilder (ganz zu schweigen von Muff Potter (deren Gitarrist ja nicht ohne Grund für dieses Album als Produzent zeichnet) oder Gods of Blitz usw.). Kann ich alles sehr gut verstehen, auch wenn ich mich frage, wie man sich bitte «deutschen» Indie vorzustellen hat – die Musik kommt aus den UK und wird auch immer danach klingen, und das ist auch okay so. Nur kann man ein Album wie Ostkreuz nicht endlos selbstkopieren, und Matterhorn ist kaum weniger getrieben, kaum weniger bissig als Ostkreuz, im Gegenteil, entgegen der Ausverkauf-Kritik finde ich es härter, weniger naiv, dunkler als den Erstling und insofern um einiges ernsthafter. Trio-Rock ist immer ein sehr sehr enges musikalisches Genre und nicht jede Band hat einen Andy Summers oder Stewart Copelandan Bord, und so ist es eher erfreulich, wenn hier ein sehr auf straighte Bauchmusik programmierte Band es schafft, sich treu zu bleiben und dennoch klar neue Akzente in die Musik zu bringen. Der Größenwahn scheint ja eingebaut: Nachdem man sich im ersten Albumtitel direkt an dem Hammersmith-Album einer anderen namhaften Triocombo vergreift, ist es nun der Aufstieg zu unbezwingbaren Bergen. So viel Pioniergeist macht Spaß. Aber: Viel weiter in Richtung Pop darf man vielleicht eben nicht gehen, bevor man irgendwann klingt wie Fury In The Slaughterhouse Light, Kap Farvel, der Schlusstrack, kippelt da für einige Sekunden in diese Richtung, bevor er von Red-Sparrows-artigem Krach gerettet wird. Es gibt ein paar Tracks, die etwas wie Füller wirken (Back to School), andere überraschen mit zusätzlichen Keyboards und mehr Experiment (Hibernation is over), aber kein Track kann verschleiern, dass Ghost of Toam Joad sich in Komposition und Arrangement auf trotz aller Lust am Spiel immer noch sehr engem Terrain bewegen – die meisten Refrains klingen etwas gleich. Der Trick zum dritten Album dürfte also vielleicht sein, weniger an der Produktion zu spielen als vielmehr an den individuellen grundsätzlichen Ausdrucksmöglichkeiten als Musiker. Wenn der Sprung zwischen zweiten und dritten Album so positiv ausfallen würde wie zwischen Matterhorn und No Sleep until Ostkreuz, darf man sich jetzt schon freuen. Ghost of Tom Joad machen nichts wirklich Neues, nichts wirklich Einzigartiges und Niedagewesenes… aber was sie machen, nämlich einfach soliden zeitlosen Mosh-Uptempo-Rock, das machen sie verdammt gut. Mehr muss doch nicht.

5. Juni 2009 08:02 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Friendly Fires: Friendly Fires

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Die drei Briten von Friendly Fires verdienen den Hype der letzten Monate etwas mehr als die White Lines. Das erste Album nach drei EPs wartet nicht nur mit zwei großartigen Disco-Hits – Paris und Jump in the Pool – auf, sondern überzeugt auch als Longplayer mit einer fast klassischen Mischung aus elektronischen und «echten» Instrumenten. Das erinnert an zahlreiche Vorbilder, nicht zuletzt an schaumgebremste ChkChkChk, an Late of the pier, natürlich LCD Soundsystem oder etwas rockigere Hot Chip, ist aber so liebevoll und energetisch umgesetzt, dass sich hier alle Vergleiche schnell in der Partylaune vergessen. Einer Band, die sich angeblich bei Section 25 ihren Namen geklaut hat, kann man sowieso nichts haben. Die Tracks sind, hört man mit Kopfhörern tiefer hinein, so nervös überproduziert als kämen sie von TV on the Radio, aus lauten Boxen bleibt ein so treibender Groove, dass sie trotzdem treibend und tanzbar sind. Songs wie In the Hospital zeigen eine klare Prince-Affinität und lehren Franz Ferdinand zugleich, wie ein NeoDisco-Groove richtig entspannt geht. Nahezu jeder Track des Albums ist auf Tanzbarkeit TÜV-geprüft und zeigt zugleich eine musikalische Bandbreite, da blitzt mal ein stumpfer Larry-Mullen-Bass auf, mal ein bretternder Gary-Glitter-Shuffle, aber stets eingebettet in einen komplexen und doch fast steril sauber produzierten eigenen Sound, über den Ed MacFarlane mal in in britischer kühler splendid isolation seine Texte legt, mal fast im hysterischen Falsetto zur Sache geht (On Board). Friendly Fires schnüren einen knochentrockenen Smasher an den anderen und dürften live für reichlich Freude sorgen, der gesamte Erstling ist auf gut Laune getrimmt, gerade so, als wollte die Band allein mit ihrem Album einen ganzen Abend Indiedisco bestreiten. Jeder Track ist tanzbar, jeder Track zitiert clever Einflüsse von Techno bis Soul bis Electro, ist abwechslungsreich und trotzdem mit fast monomanischer Energie auf die Beine gezielt – so sehr, dass es faktisch keinen Anspieltipp geben kann, jeder Song hat Singlequalität. Das gibt dem Album absurderweise fast eine ermüdende Qualität, eine Art Best-Of-Malaise – jeder der 11 Songs hat perfekte Hooklines, ist gnadenlos auf Hochglanz poliert, funky, stylish, fast zu makellos. So viel Perfektion geht oft auf Kosten echter Emotion und wer Tiefgang und Introspektion sucht, ist hier sicher grundverkehrt – Friendly Fires ist nicht die Morning-After-Platte, sondern Musik für 5 a.m., für zuviel Alkohol und verklebte Shirts. Und in dieser Rubrik gehört die Platte zu den smartesten Produktionen der letzten Monate.

31. März 2009 07:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

White Lies: To lose my Life…

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Bei den White Lies aus London ist nicht nur das Cover dezent im 80er-Jahre-Stil gehalten – auch die Musik erinnert stark an die Eighties und selbst die Videos wirken wie aus den Frühzeiten von U2. Der leicht an Franz Ferdinand erinnernde Titeltrack To Lose My Life wartet insofern nicht umsonst mit dem dekade-typischen 4/4-Drums mit dem primitiven aus drei Snareschlägen bestehenden Fill am Patternende auf und auch der Gesang wälzt sich unverschämt im vokaldehnenden Pathos von Bands wie Tears for Fears oder der späten Ultravox. Die White Lies stehen insofern auf dem gleichen Kriegsschauplatz wiezahlreiche andere Bands - A Place to Hide klingt nicht ohne grund wie etwas poppigere Editors oder nicht ganz so exaltierte Killers – aber Harry McVeighs mitunter an Dredg erinnernder Gesang hat genug eigene Nuancen, um das Album über die reine Retrosound-Karikatur (an die die Synths nun tatsächlich ständig heranreichen) hinaus zu tragen, auch wenn ein Track wie E.S.T. schon geradezu dreist Joy Division und Tears for Fears fusioniert. Wahrlich neues haben die White Lies tatsächlich nicht zu sagen, bewegen sich im sicheren Hafen zwischen Pathos Rock und recht chartstauglichem Indie, wo Bands wie die spürbar trockeneren Interpol oder die Jesus-and-Mary-Chain-lärmenderen Glasvegas (deren producer auch To Lose My Life mitproduzierte) auch ihre Boote am Kai haben. Es ist mitunter die Kopie der Kopie, von Ian Curtis zu Paul Banks zu Harry McVeigh -  die Leistung von White Lies ist dabei ein unverschämter symphonischer Cinemascope-Pop-Breitband-Bigband-Sound, der sich scheinbar keine Sekunde dafür schämt, hochgradig emotional und uncool daherzukommen. Wobei das bei einem 4-Minuten-Miniepos wie das nur zu treffend betitelte Nothing to Give durchaus auch mal anstrengend sein kann, wenn der Gesang ohne greifbare Songstruktur durch Synthesizerwolken hindurch auf- und abmoduliert wie ein verrückt gewordener Pitchbender. Die White Lies sind eine Sounds-like-XXX… Band, über die man wenig schreiben kann ohne Bezugnahme auf andere Musiker, sie haben selbst wenig Neues zu sagen und sind in keiner Hinsicht eine «wichtige» Band, sondern wahrscheinlich eine Eintagsfliege, es sei denn die Band kann ihr Gespür für großartige Hooklines und klare Refrains am Tipping Point von Radiokompatibilität und Dark Disco ausbauen und aus dem reinen 80s-Pastiche befreien. Man muss sich förmlich zwingen, die sch anbietenden Referenzen und Vergleiche aus dem Kopf zu kriegen, um Songs wie Farewell to the Fairground genießen zu können. Nostalgia ist gut für ein Album, für eine Post-Hype-Karriere werden die White Lies nicht darauf aufbauen können.

30. März 2009 08:04 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Lykke Li: Youth Novels

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Immer noch bei den Alben aus 2008, gotta be faster… Das Debutalbum der Schwedin Lykke Li ist völlig zu Recht einer der großen Erfolge des letzten Jahres geworden, und nicht ganz ohne Grund ist sie auch auf dem neuen Royksopp-Album vertreten, neben den beiden anderen Star-Vokalistinnen Robyn und Karin Dreijer Andersson. Li fällt in das inzwischen unübersichtlich groß gewordene Feld von etwas ätherischem NuFolk-Sängerinnen, die mit simplen akustischen und elektronischen Sounds und einen oft eher fragilen Gesang auffallen. Früher waren Sängerinnen wie Stine Nordenham fast die Ausnahme, heute kannst du jede Woche drei Alben dieser Sorte kaufen. Youth Novels gehört in dieser Sparte aber zum einen Dank der spannenden Produktion (Peter von Peter Björn & John), zum anderen weil die Musik sich zwar sicher in der von Feist&Co (ein Vergleich, der sich aufdrängt, wenn man einen Track Let it Fall nennt…) geprägten Ecke verorten lässt, aber durchaus ordentlich eigenständig ist. Die Tracks des Albums sind hoch unterschiedlich, vom zirpendblubbernden Melodies&Desires zum stampfenden I’m Good I’m Gone, aber dennoch im Arrangement ausreichend gestrafft, um aus einem Guß zu wirken. Li Lykke Timotej Zachrisson hat diese typische unschuldige, helle skandinavische Gesangsstimme, der man sich schwer entziehen kann, egal ob sie nun von Anna Ternheim oder Kristín Anna Valtysdóttir kommt – was einerseits Falle ist, weil es einige Tracks eben doch sehr verwechselbar mit anderen Acts macht, zum anderen aber auch das Album zusammenhält, während die Musik sich im Hintergrund an Ballade (Tonight, My Love), dezentem Dancefloor (Complaint Department, Breaking it up) oder Folkblueselementen (Window Blues) versucht. Obwohl die Platte generell schon sehr eindeutig in die melancholische Richtung geht und obwohl sie sehr eindeutig an andere Sängerinnen erinnert – intensivst etwa auch an die schwedische Kollegin Sarah Assbring von El Perro des Mar – ist sie ausdrucksstark und experimentell genug, um nicht berechenbar oder langweilig oder völlig introspektiv im Sumpf der Bauchnabelbetrachtung unterzugehen und vielseitiger als manche andere Sängerinnen ähnlicher Bauart. Lykke Li fehlt zwar die Laszivität von Robyn oder die psychotische Energie einer Karin Dreijer Andersson, ihre eher niedliche Kleinmädchenstimme ist weniger markant, weniger individuell, so dass der Hype um Youth Novels nicht völlig gerechtfertigt ist – aber es ist allemal ein Album, dass seinen Preis wert ist, zumal die Deluxe Version drei Remixe mit in den Ring wirft.

29. März 2009 08:47 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

TV on the Radio: Dear Science

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Zeit, ein paar Platten abzuarbeiten, bevor ich kaum noch weiß, wie sie klingen. TV on the Radio war nicht ohne Grund eine der angesagtesten Bands 2008 – die US-Alternativeband um Tunde Adebimpe lässt das aktuelle Schaffen von Bloc Party bei aller Mühe der Briten im Vergleich seltsam farblos aussehen. Ein wahres Dschungeldickicht übereinander gelagerter Loops und Sounds gibt einen fast pointillistisch verwirrenden Background, den nur Tundes smoother Gesang zusammenhält. Die Musik zitiert ungeniert bei Britpop (Halfway Home), bei US-Pop und Soul à la dem frühen Prince (Crying), bei Lofi-Electronica, ohne jemals beliebig oder unentschieden zu klingen. TV on the Radio lieben die Verwirrung, das Spiel, das chamäleonartige. Viel heller und niedlicher, sogar eingängiger, als der Vorgänger – und damit musikalisch oft völlig konträr zu den skizzenhaften, oft düsteren Texten – ist Dear Science ein Schritt für die Band, den nicht jeder mögen wird und der nach Ausverkauf riechen könnte, wäre er nicht in wirklichkeit eine großartige Zuwendung zur Popmusik, die Geschichte dieses Genres durchschreitend, vorbei an Bowie und Gabriel, vorbei an Michael Jackson, vorbei an den Smiths und den Beatles, vorbei an Gospel und Jazz und Marching Bands, vorbei Bombast und Pomp und großer Geste, aber auch am Minimalismus und den Klängen der frühen elektronischen Musik, vorbei an zackigen Discobeats, vorbei an Radiohead, vorbei an DnB-Klängen.  Wie Bloc Party auf Intimacy scheint die Band die eigene Plattensammlung durchzugehen, sprunghaft Sounds auszuprobieren, wie kichernde Teeniemädchen, die vorm Spiegel die Klamotten ihrer Mutter anprobieren. Und dabei sexy genug sind, in jedem alten Fummel unverschämt gut dazustehen – ähnlich wie Hot Chip auf Made In The Dark -, weil in dem Oszillieren der Stimmungen und Richtungen stehts das Exoskelett von musikalischer Komplexität und Gesang ohne zu wanken steht, der rote Faden nie ganz im Labyrinth aus dem Blick gerät.

Dear Science ist eine Platte, die wie viele andere aktuelle Veröffentlichungen auf eine Art Postmodernen Collage-Stil setzt, eine Art Appropriation Music, die ihren Sound aus Stilzitaten und Layering von Objets Trouvée zusammensetzt, wie man Pixel in Photoshop arrangieren würde, zu digitalen Kunstwerken aus Samples und Sounds, deren Konsum tatsächlich Konzentration verlangt. Bei vielen Bands gerät diese Art, Musik zu generieren, zur ermüdenden Fingerübung für Musiknerds, TV On The Radio aber machen sich den Mash-Up zueigen und gelangen tatsächlich zu einem eigenen Ergebnis, das eine Standalone-Qualität hat, auch wenn man nicht über Quellen und Zitate nachdenken mag. Vielleicht weil die Juxtaposition der Elemente – die der Bandname ja bereits vorwegnimmt – konsequenter und zugleich leichtfertiger betrieben wird als bei vielen anderen Bands, mit unerhört selbstbewusstem Gestus und zugleich doch suchend, Pop-Musik mit der dreisten Lässigkeit von HipHop, in der düstere Beats und rumpelnde Bass-Synthphrasen auf seltsam unpassenden Lalala-Gesang treffen (DLZ), und in nahezu jedem Song ähniche Sollbruchstellen integriert sind, das Eis nur trügerisch trägt und man immer Gefahr läuft, von der Band unter Wasser getrieben zu werden. Wo der Vorgänger Cookie Mountain eine fast nicht zu stürmende Festung war, ist Dear Science as der Weite gesehen strassbesetztglitzernder Pop, der aber umso psychedelischer und fraktaler wird, je mehr man sich ihm annähert, ohne je die Qualität des Vorläufers zu verlieren. Wo sich andere Band in der Erweiterung ihrer musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten verirren, stecken sich TV on the radio souverän scheinbar nur weitere Pfeile in den Köcher. Das Ergebnis ist lupenreiner ArtPop, den man beim ersten Kontakt liebt und in dem mit jedem weiteren Hören neue Nuancen und Ideen offenbar werden, Musik, die über Kopfhörer also eine ganz andere Welt ergibt als laut aufgedreht nachts über Boxen. Und viel mehr kann man doch kaum erwarten wollen.

23. Januar 2009 09:11 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Perfect As Cats: A Tribute To The Cure

Tribute-Alben sind ja immer so eine Sache. Mal sind sie grandios – ich erinnere mich an eine italienische Vinyl mit Joy-Division-Coverversionen, die grandios waren -, mal sind sie wenig mehr als drittklassige Bands, die mit ihren eigenen Songs keinen Erfolg haben und deshalb in einer seltsamen Form von Rache die Songs größerer Künstler foltern.

Perfect as Cats, interessanterweise, ist beides. Mit 20 Tracks ist das Album eine breite Spielwiese, in der verschiedene Alternative-Artists (von denen die meisten eher unbekannt sind, Bat for Lashes und The Dandy Warhols sind die wohl bekanntesten) sich durch die gesamte Schaffensperiode von Robert Smith & Co werkeln. Die Ergebnisse sind dabei, freundlich gesagt, heterogen und wechseln von schlechten Homerecording-Nachahmungen ohne eigenen Mehrwert (The Walk 2 von Geneva Jacuzzi oder auch Six Different Ways von Rainbow Arabia oder auch One Hundred Years von The Holy Kiss) zu grandiosen Re-Interpretationen (10:15 Saturday Night von Aquaserge, The Drowning Man von Caroline Weeks, Love Song von Mariee Sioux). Manche der Bands spielen die Songs relativ straight nach, wie etwa The Muslims, manche arbeiten hart gegen den bekannten Song  an (Hecuba, Indian Jewelry, We Are The World), und in diesem Spannungsfeld von kühner Dekonstruktion und zu devoter Verbeugung  entstehen tatsächlich extrem hörbare Songs. Es gibt Songs, die man besser sofort vergisst, aber im Durchschnitt schaffen die kleinen Indie-Acts es, den allzu vertrauten Classics einer der dienstältesten NewWave-Bands tatsächlich so etwas wie aktuelle Relevanz zu entlocken, die weit über bloße Nostalgie hinausgeht. Gitarren-Noise, Neofolk, Elektrogeschranze und straighte Updates, die zwar unbemerkenswert, aber trotzdem hörbar sind. Manche Songs erreichen nicht die epische Bandbreite der Originale, ganz zu schweigen von Smiths eigenwillig nöhlender Melancholie, aber das Gros der Songs steht deutlich über dem suppigen Approach von Nouvelle Vague, denn bei den guten Tracks hört man das größte Kompliment heraus: Bands, die Tracks nicht nachspielen un als Tribute unsichtbar werden, sondern sich komplett zu eigen machen. Bei keiner Cover-Compilation kann man aber erwarten, dass jeder Song auch gelingt. Die 60:40-Qutoe von Perfect as Cats ist da durchaus schon in Ordnung.

Das Album, dessen Erlöse dem Invisible-Children-Charity-Projekt im Sudan zufließen, gibt es bei Amazon übrigens einen Euro preiswerter als rein digital :-D.

7. Januar 2009 13:28 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 3 Antworten.

Sigur Ros: Palladium Köln

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Was soll man über Sigur Ros noch sagen, was man nicht schon bei anderen Konzerten geschrieben hat? Das Epische, fast Religiöse der Musik, der stets etwas gleiche hypnotische Crescendo-Aufbau von Harmonien und Arrangement, der die monotone Emotionalität der Wiederholung eines Gorecki in die Pop-Rock-Welt hinüberrettet, gebrochen durch die vertrauten frickeligen Uhrspiel-Melodien, die ihre Fugen in das monumentale Gerüst der Musik ziehen.

In Köln überraschen Sigur damit, dass sie extrem wenig Material des neuen Albums präsentieren. Ich hätte gedacht, eine CD die so sehr nach Neu-Definition klingt, nacht Re-Orientierung, hätte auch ein deutlich anderes Konzert bedeutet. Aber keineswegs, Sigur präsentieren vielmehr das vertraute Best-of-Set (Svefn-g-englar, Glosoli, Sé Lest usw), dass man mit leichten Abwandlungen schon von vorherigen Konzerten kennt. Es gibt viele Höhepunkte an diesem Abend, eine simple, aber geschmackvolle Lichtshow, die nicht von der Musik ablenkt, ein minimalistisches Bühnenbild, und kleine wunderbare Gimmicks – wie die bei Sé Lest erstmals auftauchende Bläserkapelle (wie bei der letzten Tour), oder den nicht enden wollenden Konfettiregen, der so simpel ist und doch für einen Moment fast magische Stimmung schafft.

Die Band spielt unprätentiös, wie gewohnt, ohne große Ansagen, ohne großen Pathos (der steckt ja reichlich in der Musik), multiinstrumental, sehr live und mit viel Spaß. Es macht Freude zuzusehen, wie Keyboarder Kjartan Sveinsson den Beat der Stücke massiv mittrampelt, wie Drummer Orri Dyrason den Abend mit einer aufblasbaren Plastikkrone herumläuft und alle sichtloich Spaß haben – und das obwohl die Halle beileibe nicht ausverkauft ist und das Publikum zwar sehr intensiv klatscht, bei den Songs an sich aber kaum mitgeht… was bei der Musik von Sigur sicherlich auch nicht immer möglich ist. Die Zugabe, Popplagið,  ist wie immer ein Epos, ein Gewaltakt, und setzt dem schon phantastischen Gobbledigook, das den egentlichen Konzertteil beendete und von zig Trommeln und dem klatschenden Publikum getragen wurde, noch einmal die Krone auf. Wunderbar brachial sprengt der achte Track des () Albums alle Grenzen des live machbaren und vielleicht erwartet man nach dieser Monumental-Rock-Zugabe einfach, dass die Band Ende macht – Ende machen muss. Hiernach geht nichts mehr. Weswegen eine Menge Leute bereits den Saal verlassen haben, als Jón Þór mit den Bläsern, Bassist Georg Hólm, Keyboard und Bläser noch einmal die Bühne betreten. Ohne sein David-Bowie-esques Bühnenoutfit, seltsam nackt und verletztlich, mit riesig wirkenden Händen an dünnen Armen, die die Noten zu kneten und formen scheinen, singt Jón den Track All Allright, den kontemplativen Schlußtitel des neuen Albums. Und siehe da, nach der Wucht von Popplagið geht eben doch noch etwas – ruhige Einkehr nach dem Wall of Sound. Nach fast zwei Stunden ist dann Schluss und alles ist tatsächlich gut.

Nach dem Break ein paar Pix von Steff…

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12. August 2008 12:47 Uhr. Kategorie Live. Tag . Eine Antwort.

David & The Citizens: Until the Sadness is Gone

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David Fridlunds 2002 erschienene CD Until the Sadness is Gone bringt einen fröhlichen EthnoPop, mit leichten Klezmer-Anklängen, englischen Texten und einem relativ durchgehenden Mix aus Gute-Laune-Sommerfeeling und Songs mit mehr als einer guten Prise Melancholie. Trompete, Klarinette und seltsame Percussioninstrumente halten die an sich sehr bandorientierte Indie-Mixtur spannend und lebhaft. Vieles hört sich an wie Get Well Soon mit sehr viel mehr mehr Adrenalin (Graycoated Mornings) oder wie straightere Kaizers Orchestra (Long Days). Es ist fast seltsam, dass der Musik so wenig von ihrer schwedischen Heimat anhaftet, die Musik wirkt global, vermischt die verschiedensten Einflüsse und wird so unverortbar. Wie silbrige Fische durchgleiten die verschiedensten musikalischen Vorbilder und Einflüsse (Belle & Sebastian, Violent Femmes, Jam, Nick Cave und und und) den Soundmix von David & The Citiziens, werden aber nie so dominant, dass es störend wirkt und von dem unverschämten Gute-Laune-Effekt der Band ablenkt, der seinerseits nicht den Blick dafür verstellen sollte, das die Band mehr hergibt als nur fröhliche Power-Pop-Hooklines, sondern auch die eher dramatische Tonlagen bedienen kann (As You Fall). Obwohl die Songs sich in einem klaren konzeptionellen Gerüst bewegen – schrammelnde Akustikgitarren, treibende Schlagzeuge, tanzende Bässe und darüber jede Menge Ethno-Akzente, zusammengehalten von einem unglaublichen Gespür für glasklare Strophen und eingängige Refrains – wird das Album nie langweilig, jeder Song treibt in eine etwas andere Ecke des Folkpop-Spielfeldes und bereichert die Platte, ohne jemals aus dem Ruder zu laufen. Aus jedem Song perlt Lebensfreude – und das obwohl die exzellenten Texte durchaus ernst zur Sache kommen und mit ihrem Schwermut häufig fast kontrapunktisch zur Musik laufen. Keine neue, aber eine extrem feine Platte, die heute so aktuell und frisch klingt wie vor sechs Jahren, jenseits allen Hipstertums, und perfekt in die Jahreszeit passt.

3. August 2008 14:49 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

The Ting Tings: We Started Nothing

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Das Debutalbum von Drummer Jules de Martino und Sängerin/Gitarristin Katie White erinnert bereits vom Cover her an Blondie. Zeitgemäß übertragen wirken die Ting Tings ebenso wie das NewWave-Pop-Crossover, dass in den Siebzigern Deborah Harry und Chris Stein in New York lostraten. Spätestens seit dem EM-Erfolg des White-Stripes- Seven Nation Army und Bands wie den YeahYeahYeahs dürfte klar sein, das Musik, die nahezu minimalistisch an die Basics von Drums/Guitar/Bass zurückkehrt, absolut charts-tauglich sein kann. Während Jack & Meg White aber zu verstrahlt sind, um wirklich den großen Durchbruch zu wollen und die YeahYeahYeahs zu sperrig für den Mainstream, scheinen die Ting Tings klar auf den Chartserfolg programmiert. Great DJ, That’s not my Name und der iPod-Werbejingle Shut Up and Let me Go sind absolut radiotauglich und sitzen so präzise an der Schnittstelle von Indie, Hipstertum und Mainstream, wie eben auch Blondies Denis (oder später vor allem Heart of Glass) den New Wave für die breite Masse aufkochten. Man kann nur hoffen, dass uns ein Call me-Gegenstück im weiteren Verlauf der Bandkarriere erspart bleiben möge.

Aber auch wenn man bei Shut up and let me go unfreiwillig an Rapture denken muss: Wo Blondie einen fast überbordenden Wall of Sound fuhren, wirken die TingTings sehr aufgeräumt, rauher, direkter, weniger überproduziert, zumal Katie Whites Stimme nicht die honigweiche Qualtät von Debbie Harry hat, sondern eher eine moderne Kühle und Kratzbürstigkeit an den Tisch bringt. Simple, gerade Beats, zackige Gitarren und eine GoGo-Straightness verleihen der Musik eine direkte, fast naive Fröhlichkeit. Songs wie Traffic Light oder Be the One, die sich etwas von diesem Konzept entfernen, zeigen dann auch schnell die musikalischen Grenzen der Band auf – jenseits des Neo-Brit-Wave trägt das Konzept der Ting Tings nicht wirklich, die Musik wirkt dann schnell weich und beliebig. Insgesamt spielt das Album verschiedenste Stile durch, nicht immer überzeugend, aber immer gutgelaunt und nie wirklich langweilig, was bei den reduzierten Möglichkeiten der Band zu vermuten gewesen wäre. The Ting Tings bringen die Rohheit der White Stripes und der YeahYeahYeahs durch einen Gang-of-Four-Fröhlichkeitsfilter in die Charts – und das kann so schlecht nicht sein. Das man mit Bass, Gitarre und Schlagzeug natürlich sehr viel mehr machen könnte – man denke an den dichten Sound, den The Police aus der gleichen Besetzung melkten – ist wohl wahr, aber bei der durchgehend guten Laune, die We Started Nothing verbreitet, irgendwie auch vernachlässigbar. Natürlich sind die Ting Tings ein Reißbrettprodukt – ein Mix aus Indie-Edginess und stoischem Garage-Rock-Minimalismus, ein paar hippe Analogsounds, ein bisschen Girlpower, ein bisschen 80s-Nostalgia und vor allem jede Menge Tanzbarkeit.  Insofern keine Platte, die man haben muss, aber sicher eine, die man haben kann, weil sie ein nettes Stück Pop ist. Zumal ich recht sicher bin, dass sich niemand für das zweite Album interessieren wird.

2. August 2008 10:28 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

The Notwist: The Devil, You + Me

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Die Pause nach Neon Golden scheint ewig, und doch scheint keine Zeit vergangen zu sein. Die Indie-Titanen haben sich auf The Devil, You & Me weiterentwickelt, ohne sich verändert zu haben. Die Songs wirken weniger console-like, sind trotz Marzin Gretschmanns klarer Präsenz wieder akustischer, homogener, weniger zerfrickelt. Markus Achers Stimme trägt die Songs wie eh und je, mit jedem Album mehr von der «Stimme» zum Sänger wachsend. Die große Überraschung ist, dass The Notwist mehr als zuvor auf klassische Instrumente setzen, sogar auf Streicherkaskaden, die gegen Gretschmanns gewohnt wunderbar dekonstruierte elektronische Klangwelten ankämpfen und die Musik teilweise an die Grenze von Múm vs. Sigur Ros bringen, ohne jemals wirklich an eine dieser beiden Bands zu erinnern. Es mag daran liegen, dass Drummer Mecki Messerschidt die Band verlassen hat, aber die Songs wirken (noch) introvertierter, von jedem harten klar verortbaren Groove befreit, eine Mischung aus akustischen Gitarren, Glockenspielen, Streichern, Pianos, Trompeten und den unverwechselbaren Elektroklangwolken, eine Art sphärischer Neo-Folk. Jeder Song ist zugleich in seiner harmonischen Struktur von verblüffender, hypnotischer Einfachheit, in der Strukturierung, den Klangfragmenten, die die Musiker wie Pixel arrangieren, jedoch verblüffend.

Insgesamt wird deutlich, dass Notwist weg wollen von der digitalen Hyperperfektion des Vorgängers und bei allem dekonstruktivstischen Umgang mit Tonschnipseln im Hintergrund mehr von den Lagerfeuer-Folktönen eines José Gonzales oder von der Leichtigkeit vieler neuer FolkPop-Produktionen fasziniert scheinen, in denen eine Gitarre, etwas Rhythmus und Ambience und eine faszinierende Stimme einen ganzen Song tragen können. So entsteht eine seltsame Melange, eine Platte, die man über Boxen durchweg als softes Popalbum hören kann, die über Kopfhörer aber eine Welt hinter den einfachen Melodien eröffnet und mit großer Detailliebe verblüfft, die aber – anders als beim Vorgänger – niemals so weit nach vorne dringt, dass die Kompositon davon überwältigt werden könnte. So gesehen ist The Devil, You + Me eine aufwendigst unterproduzierte Platte, die alles tut um bloß nicht «designed» zu wirken, was – wie wir alle wissen – der schwerste aller Tricks ist. So perlt eine fröhliche Naivität aus den Boxen, ein fast improvisiert wirkendes Flair, das bei aller Melancholie der Songs durchkommt. Nach den zahlreichen Soloprojekten (Console, Ms John Soda usw. ) und einem nur inoffiziell veröffentlichtem Zwischenalbum 13 &  God kommen Notwist zum Kern der Sache zurück. Es fehlt das Flair eine Hits wie Chemicals oder Pilot, sicher, aber dafür ist die Platte vielseitiger, erwachsener und profitiert hörbar von den Erfahrungen, die die einzelnen drei Mitglieder in den vergangenen sechs Jahren gesammelt haben. Das Album dokumentiert die ruhige Unruhe, die das ganze Oevre der Band durchströmt, und könnte kaum besser ausgefallen sein. Kein Meisterwerk, aber eine ruhige, souveräne Evolution – man darf nur hoffen, dass die nächste Scheibe nicht wieder sechs Jahre auf sich warten lässt.

30. Juli 2008 10:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Sigur Ros: Með suð í eyrum við spilum endalaust

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With a buzz in our ear we play endlessly, so lautet grob übersetzt der Titel des fünften Studioalbums von Sigur Rós, von U2/Depeche-Mode-Starproduzenten Flood auf die Wege gebracht und in vieler Hinsicht auch das kommerziellste, was man seit einiger Zeit von Jon Thor und seinen Mannen gehört hat. Vielleicht sinnvoll, hatten die Isländer ihren vertrauten Sound doch schon auf Takk in eine Form gebracht, die sich kaum weiter voran treiben ließe. Obwohl Tracks wie Festival sicherlich an den hymnischen Sound von Sigur anknüpfen, wirkt das Album insgesamt – immer im Kontcxt des Soundkosmos der Band – etwas kraftvoller, rockiger und zugleich frickeliger, weniger episch. Schon am Cover, das mit Ryan McGinleys Highway-Photo und einer hingerotzt wirkenden Handschrift weniger ätherisch, verspielter wirkt und sogar deutlich lesbar den Bandnamen preisgibt, statt sich in Pink-Floyd-Ästhetik zu hüllen, scheint eine Umorientierung ablesbar.

Ob diese Kurskorrektur nun gut oder schlecht ist, weg vom gravitätischen, hin zum fast humorvoll beschwingten, raus aus den Winterwäldern, rein in den Swimmingpool – wer weiß? Nach dem eher introvertierten Hvarf-Heim ist dieses Album jedenfalls beschwingter, kippt oft in stampfende Beats, die fast etwas polkahaftes haben, einen Hauch Dorffest, dieses emporziehende, mitreissende, euphorisierende Feeling von Volksmusik. Selbst Tracks we das entsetzlich U2-geschädigte Gódan daginn wirken in diesem Kontext nicht so deplaciert, wie sie auf wirklich jedem anderen Sigur-Album gewesen wären. Oft hat die Platte die Kraft des ersten Polyphonic-Spree-Albums, eine energetische Explosion aus Farben und Tönen, die man mehrfach hören muss, um sie überhaupt sortieren und verarbeiten zu können, eine Lautmalerei, dir nur oberflächlich kakophonisch anmutet. Obwohl schneller produziert als alle Sigur-Alben zuvor wirkt die Produktion zwar luftiger, aber keineswegs weniger tief als zuvor. Nur sind die Schattierungen heller, pastelliger, oft ekstatischer.

Und doch: Kein Track auf diesem Album bleibt kleben. Nun schreiben Sigur Rós keine glatten Mitsing-Hits, aber es gab auf jedem der bisherigen Alben Melodien und Songs, die so subkutan wirkten, dass sie unvergesslich sind – diese monomanische Emotionalität bringt hier kein einzelne Song, auch nicht bei mehrfachen Hören. Mit einem Bein verdächtig oft im seichten Wasser stehend, plätschern die Songs dahin, oft schrecklich nah an postmoderner Fahrstuhlmusik, am Esoterischen. Vielleicht ist mir das Album einfach zu fröhlich.

Alles in allem ist Með suð í eyrum við spilum endalaust der unbedingte Wunsch nach Wachstum, nach Evolution anzuhören. Andere Produktionsbedingungen, anderer Producer, anderes Land. Das hier ist eine Band, die mit allen Mitteln versucht, sich neu zu erfinden, ohne sich gänzlich untreu zu werden, die sich ins Fast-Nichts (Straumnes) ebenso vorwagt wie ins Fast-Zuviel (�?ra bátur) und sich neu konfiguriert, sich mutiger an den Mainstream-Appeal heranwagt, ohne dabei jemals aber eine Coldplay-hafte Kommerzialität zu entwickeln. Fast jeder Song hat – stets zusammengehalten durch eine endogene Melancholie – einen anderen Touch, untersucht andere Gefühle. Es wirkt als hätten Sigur sich auf dem Weg in die kreative Sackgasse gefühlt und einfach einmal mit Lust etwas komplett Neues machen wollen. Ob besser oder schlechter als andere Alben, dieser Impuls ist sicher der richtige und begrüßenswert. Und so ist das fünfte Album der Isländer Testament einer Band, die international angekommen, musikalisch an ihre Grenzen und darüber hinaus gegangen ist – ganz sicher die Sorte Platte, die man wieder und wieder hören und entdecken kann.

29. Juli 2008 12:07 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 2 Antworten.

Beirut: The Flying Club Cup

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Das (relativ) neue Album von Folk-Alternative-Multiinstrumentalist Zach Condon macht da eiter, wo das alte aufhört. Jedes der Lieder soll eine andere Stadt, über die sozusagen fiktional der im Titel angedeutete Heißluftballon-Wettbewerb hinwegschwebt, thematisieren, und tatsächlich kann man in der überbordendenden Instrumentarisierung einen stärkeren Hang zu schunkelwalzernden 3/4-Takten heraushören, weniger aber, dass Conden sich vor der Aufnahme des Albums Brel und andere Chansongrößen angehört haben will. Denn alles in allem klingt The Flying Club Cup eben zuerst und vor allem nach Beirut. Nur… ausgebremster. Die wilde, unglaubliche Energie des ersten Albums ist weg, der Dreck ist rausgeschliffen. Was die neue Scheibe zugleich hörbarer und langweiliger werden lässt – was vielleicht auch nur daran liegt, dassman sich an den ungwohnten Soundmix von Beirut einfach auch gewöhnt hat und es inzwischen auch zahlreiche populär gewordene Vorbilder und Nachahmer gibt. Der Alternative-Balkansound von Beirut ist einfach im Mainstream angekommen.

Umso konsequenter von Zach Conden vielleicht, sich weiterzuentwickeln. Die Abkehr von der tambourinschwangeren Volksmusik Osteuropas und eine Hinwendung zu den filigraneren Strukturen von Westeuropa im 19. Jahrhundert ist dezent, aber sie ist da. Unter den Marschtrommeln, den Tambourines, dem Händeklatschen ist die Musik sparsamer, ruhiger geworden. Conden rührt einen melancholischen, bittersüßen Cocktail aus den verschiedensten ethischen und historischen Zitatquellen, und es ist nach wie vor surreal-lustig, dass diese Musik irgendwo in Albuquerqe entstanden ist.

Es mag daran liegen, dass ich gerade Austerlitz lese und Condens Musik ein nahezu perfekter Soundtrack zu diesem mäandernden Buch ist – aber The Flying Club Cup ist ein seltsam paneuropäisches Album, wie es vielleicht wirklich nur aus der Sicht eines amerikanischen Ausnahmemanikers auf Europas Vergangenheit entstehen kann, ein  folkloristischer Zitatenstadel, an den sich andere in dieser Naivität und mit solcher Verve nicht herantrauen würden. Auch wenn das neue Album brütender, dumpfer ist als der Vorgänger, ist es immer noch ein brodelnder musikalischer Hexenkessel, der beispielswese am Anfang von The Mausoleum schnell ein Jazz-Zitat einwirft, bevor Condens exotisch nöhlend-wunderbarer Gesang ihn wieder in den Kontext des Albums zieht. Der Schmelztiegel, das Crossover ist die Stärke von Beirut und man darf gespannt sein, ob Conden auf kommenden Alben mehr aus dem musikalischen Balkansound-Ghetto herauskommen wird und seine Flügel ausbreitet.

7. Juli 2008 10:00 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Panther: 14 kt. Gold

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Unter dem Titel Panther präsentieren Joe Kelly, Ex-Drummer von 31 Knots,  und Multiinstrumentalist und Sänger Carlie Salas-Humara ein dicht verfrickeltes Album, das von tanzbare Grooves und seltsamen Worldmusic-Funk lebt. Die Songs haben eine drogenvernebelt wirkende Seventies-Atmosphäre, gemixt mit frühen Talking-Heads-Anflügen (Her Past are the Trees), die aber niemals altbacken wirkt, im Gegenteil, das Album wirkt perfekt für derzeitigen Balkan-/Afrobeat, obwohl die Musiker das sicher nicht im Sinne hatten. Jazzig, funkig, global und auch mal ganz schon nerdig kommen Panther ohne klassische Songstrukturen aus, die Songs scheinen einfach zu fließen, wirken fast an der Grenze zur Improvisation. Einiges erinnert hier im besten Sinne an ChkChkChk, nicht nur vom Coverartwork her, sondern auch von der überbordenden, überproduzierten Freude an Musik, die aus jedem Song quillt. Der gesang, diese seltsame Mixtur aus Lässigkeit, 70s-Falsett-Sexappeal und Hysterie, das David-Byrne-Nöhlen, die tighte Gang-of-Four-Funkyness und dazu eine deutliche klare Dancefloorausrichtung machen 14 Kt. Gold zu einer seltsamen die Genre und Jahrzehnte durcheinander wirbelnden, rundum sympathischen Platte,die mit ihren synkopischen Beats, multiethnischen Wurzeln und wirren Instrumentexerimenten im Hintergrund durchaus anspruchsvoll ist und zugleich aber absolut fürs Tanzen geeignet ist. Chaos, das von Kopfnicker-Grooves klar gebändigt bleibt, Musik für Headphones und Ghettoblaster gleichermaßen. Feine Sache also.

3. Juli 2008 10:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Foals: Antidotes

Wie immer frühwarniger Tipp von Christoph, der die Foals lange kannte, bevor sie explodierten (und in diesem Sommer auch deutsche Festivals mit ihrer exzessiven Show rocken werden). Die Combo aus Oxford verbindet zickigen BritPop à la BlocParty mit afrobeat-insirierten Takten und Gitarren – das Ergebnis ist ein hochgradig tanzbarer Punkbeat, der klingt als hätten die Talking Heads kiloweise Ketamin geworfen. Die Band nennt das, was sie macht Math-Pop und im Grunde ist es ein verdächtig postmoderner Zitatenstadl aus Funk, Pop und Rock und Ethno, der an sich nervig sein sollte, aber keine Sekunde ist, weil die Foals alle Verdachtsmomente gegen sie energisch egen die Wand spielen und mit reiner, nackter Energie alle Zeifel wegblasen, die knackigen NewWave3.0-Drums halten die Sache kompakt zusammen, egal wieviel innerhalb der Songs experimentiert wird. Irritierend hohe Gitarrensounds, seltsame Brüche, reichlich geheimnisvolle Songtexte – alles an den Foals schreit «Kult». Schon der Opener mit dem schönen Wortspiel «French Open» macht klar, was die Foals prägt – grandioses Gitarrenzusammenspiel mit flirrenden Melodien, dezente Überproduktion mit grandiosen Bläsern, ein Beat, der das beste von Dancefloor und Afrobeat kombiniert, um im nächsten Moment wie straighter Indierock zu klingen. Explodierende, überbordende, energetische, tobende, schäumende Songs. Komplexe Arrangements, die trügerisch simpel klingen. Die lose Songstruktur die die erste BlocParty so grandios machte, übernommen und weiterentwickelt. Traumhafte Bläsersätze, die nie so nahtlos zu Punkbeats zu passen schienen wie hier. Kleine Experimente in der Produktion, die das Album nicht nur zum Brenner auf der Tanzfläche machen, sondern auch kopfhörertauglich. Das Gute an den Foals ist, dass sie trotz des Hype eine sehr solide Band sind, wie ja in letzter Zeit recht viele Hype-Bands, die sich deutlich aus dem engen NuPop-Korsett herausschälen und uns hoffentlich über die Jahre noch grandiose Platten bescheren wird. Weil nicht nur das Artwork des Albums verrät, das hier (mal wieder) jemand antritt, um den Thron von Radiohead zu erobern.

16. Juni 2008 08:05 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Scott Matthew

Scott Matthew ist schon rein optisch der Inbegriff des Bohéme, des Künstlers. Und die Musik des geborenen Australiers ist entsprechend: kompromißlos, zeitlos, groß. Trügerisch einfache Kompositionen, simpel instrumentiert, fast kammerspielartig, leicht und elegant und trotzdem schwerblütig, dramatisch. Die Arrangements wirken retro, ein Rückgriff in prä-digitale Zeiten, immer mit acht Zehen im Folk-Becken, immer gerettet durch die unglaubliche Stimme des Singer/Songwriters. Denn es ist Matthews unglaubliche Stimme, die mehr als ein wenig an den jungen Bowie erinnert, die die Songs in ein seltsames Limbo zerrt, in dem eine düster glühende Traurigkeit herrscht, ein permanenter Herbst mit rotgoldenen Farben, im Wind wehenden Blättern – und ständigem Trennungsschmerz. Matthews Debut wirkt wie eine Platte, die aus den frühen Siebzigern zu uns kommt, wie eine vergessene Unplugged-Platte von David Bowie, mit reifem Understatement produziert – etwas Piano, Streicher, Gitarre, dezente Bläser, mal eine Ukulele – und stimmlich, in der Art, wie Matthews introvertiert, androgyn-verführerisch in sein Mikrophon flüstert und haucht, überzeugend persönlich und authentisch geraten, Klangkurve gewordene Melancholie. Aber bei aller Weinerlichkeit, blitzt da immer wieder ein Hauch Humor, eine Ironie durch, eine Lässigkeit, die einnehmend alle Vergleiche mit Bowie, Morrissey oder Hegarty beiseite wischen – die Platte hat Pathos, aber sie hat auch Distanz, sie biedert sich in ihrer traurigen Schönheit nicht an, du darfst Matthews Gefühle erleben, aber er will dich nicht einwickeln und springt statt dessen etwa in Upside Down in sympathisch verschwurbelte Chorpassagen, die das romantische Flair eines Songs plötzlich auflösen und kippen. Matthew ist eine Klasse für sich – und sein Debut die Sorte Platte, die andere Musiker erst als Spätwerk produzieren. Es ist eine warme Platte, die so ausgezeichnet in das emotionale Lebensgefühl der seelenwunden Neon-Generation passt, dass an sich schon fast wieder vor ihr hüten muss, weil sie wahrscheinlich mehr als Potential zur Konsensmusik hat. Die emotionale Bandbreite von Matthews Stimme und die zeitlose Qualität des Debüts machen diesen Verdacht der zeitgeistigkeit aber irgendwie weg – auch wenn es erschreckend ist, wie sehr eine so alt klingende Platte zur Zeit passen will. Unbedingt kaufen!

13. Juni 2008 09:46 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Eine Antwort.

Gustav: Verlass die Stadt

Nach dem grandiosen ersten Album war ich mehr als gespannt auf das zweite Album von Eva Jantschisch alias Gustav. Die Multiinstrumentalistin und Sängerin kommt auf dem neuen Album mit weniger Laptronica-Sound daher, alles wirkt ein wenig akustischer, und bereits die erste heimorgelige Nummer Abgesang (wie schön, das Album mit dem Abgesang zu eröffnen) erinnert zunächst an Bontempi-Klänge. Es ist seltsam, aber ich empfinde die von mehr Samplkig, von professionelleren Sounds getränkte Produktion eher als Nachteil – bei Rettet die Wale gaben sich die Naivität der Sound und die Stimme von Eva einfach schöner die Hand. Auf Verlass die Stadt wirkt alles inszeniert, gewollt, gekonnt. Ukulelen, Blasinstrumente, Gitarren, Bässe, echte Drums wirbeln durch die grandiosen Texte und machen einen seltsamen Pop, der klassisch und zugleich modern ist und dessen Harmonien absolut an das erste Album erinnern, aber nicht mehr so einzigartig sind – es klingt vieles vielleicht einen Hauch überproduziert, gut gemeint halt.Was keine echte Kritik ist: Das Album ist detailveressen produziert und steht dem Debut in seiner einzigartigen Mischung aus Humor und ja durchaus bei allem Augenzwinkern immer tiefgehenden Texten. Mehr Chanson-Feeling kommthier auf, als wäre der Electronica-Sound nur eine Notlösung gewesen und jetzt – mit hoffentlich mehr Budget – wird ernst gemacht, und die Frage, ob diese Musik immer durchgehend ernst gemeint ist oder nur akustischer Dada ist.

Abgesehen von dem im guten wie im schlechteren Reiferen Sound hat Eva Jantschisch eigentlich wenig neues zu sagen. Die Songs erinnern strukturell und harmonisch an das erste Album – Verlass die Stadt an Genua, Alles renkt sich wieder ein an Rettet die Wale. Und so weiter – nur mit mehr Klnagfrickelei und mit mehr 3/4-Takten. Dessen ungeachtet ist das Album eine grandiose Platte, die man ganz ganz wunderbar hören kann und muß. Eine traurige Platte, die trotzdem Spaß macht. Ein Endzeitsoundtrack zum Mitschunkeln. Ein resigniertes Protestalbum. Ein (un)klares Statement, eine Platte zur Zeit, was immer das heißt, und doch dummerweise zeitlos – die Scheibe wird auch in zehn Jahren noch gut sein. Und wie schön, dass eine Platte, die dich aufruft, die Stadt zu verlassen, so volksmusikalisch daherkommt. Nicht ganz so titanisch wie das Debut, nicht ganz so deutsch (mehr englische Texte), nicht mehr so solipsistisch, sondern lebendiger, vernetzter, internationaler. Da bereitet sich jemand auf den Sprung in die Oberliga vor – und ich kann nur die Daumen drücken und mich auf den nächsten Release freuen.

5. Juni 2008 16:06 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

Niels Frevert: Gebäude 9 Köln

«Na, denkt ihr schon darüber nach, was ihr gleich im Internet schreiben wollt?», fragt Frevert mitten im Konzert das Publikum und überlegt, dass wahrscheinlich alle darüber schreiben, wie oft er seine Gitarre stimmt im Laufe des Konzerts. Live 2.0, wo du als Künstler schon immer das im Internet geronnene Feedback deines Publikums vorwegfürchten oder besser einfach ignorieren musst, die endlos hochgereckten Mobiltelephone und die Besucher, die zu Kritikern mutiert sind.

Und das sind nicht wenige, in der Konzerthalle vom Gebäude 9 ist es angenehm voll, obwohl man eigentlich vermuten sollte, dass kein Mensch Niels Frevert noch kennt, der sechs Jahre nach seinem letzten Album – und über zehn Jahre nach Nationalgalerie – wieder nicht nur mit einer Gitarre, sondern mit einer ganzen Band. Und obwohl die mit Stefan Will am Piano, Stephan Gade am Bass, und Tim Lorenz an den Drumseingespielte kurze CD eher besinnlich daherkommt, ist das Konzert nur teilweise ruhig. Vor allem gegen Ende wird es kraftvoller, energetischer – mit Dopppelgänger sogar kurz richtig rockig. Im Großen und Ganzen geht es, wie bei der Paul Dimmer Band, die den Abend einleitet und deren Track Pausen Nils fürs Tapete Label ja vor einem jahr erst gecovert hat, irgendwie moderat zu…ein gemütlicher Mitsingabend für Menschen, die ein wenig zu verdächtig nach abgeschlossenem Pädagogikstudium aussehen und die schon die Songs vom neuen Album auswendig können. Es ist ein bisschen Wohnküchenflair, und das klingt vielleicht böser, als es gemeint ist. Aber es ist befremdlich, dass Freverst Publikum so eine freundliche Gemütlichkeit ausstrahlt, fast so als wäre man bei einem Element of Crime Konzert, ein Vergleich zu dem die Musik teilweise inzwischen einlädt, wo dich seine Texte viel zu sperrig fürs kuschelfeeling sind, nicht mitgesungen, sondern gehört werden wollen. Aber vielleicht geht es darum live nicht – also schwingen die Pärchen im oft jazzig verwaschenen Groove des Abends und auf der Bühne steht dieser Mann, nach 20 Jahren immer noch so seltsam am Anfang seiner Karriere zu stehen scheint, in kleinen Clubs, mit einer Musik und  Kapelle, die nicht sooo anders klingt als Nationalgalerie, mit dem gleichen – gealterten – studentischen Wuschelflair, der gleichen Unsicherheit als Frontmann, die andere nach der langen Erfahrung längst abgelegt haben müssten und die im Laufe des Abends gottseidank etwas aufweicht, bis so etwas wie Kommunikation zwischen Sänger und Publikum und Sänger und Band stattfindet. Vielleicht tatsächlich bedingt durch die langen Stimmpausen, die von Niels und dem hervorragend smoothen Basser Stephan Gade ausführlich selbst zum Running Gag gemacht werden – früher war alles anders, da gabs nur eine Gitarre. Aber selbst wenn Frevert heute mehr Gitarren hat als 1995, so würde man ihm doch auch einen Roadie gönnen, der die Gitarre stimmt, und eine größere Bühne, und mehr Publikum, und mehr Ruhm und Ehre und all that shit. Aber wahrscheinlich funktioniert das so einfach nicht, wahrscheinlich kann man dankbar sein, dass Frevert nach all der Zeit immer noch da ist und nicht Websites programmiert oder sowas. Insofern schaut man irgendwie einem gealterten Boxer zu, der sich durch ein Best-of der letzten drei Soloalben maneuvriert, oft zu großer Form aufläuft, mitunter nah am Schlager vorbeischrammt – aber gut, «Du musst zu Hause sein» war auch 1997 schon ein Song, den ich nicht verstehen konnte. Muss an mir liegen. Auf der anderen Seite gibts Polyacryl, Einbahnstraßen, Einwegfeuerzeugstichflamme und andere Songs, mit denen ich nicht unbedingt gerechnet habe und um so besser, dass die kommen. Wenn ich mich nicht irre, gibt es nichts von der Galerie und das ist seltsam, aber wirklich gut – Evelyn hätte mir vielleicht den Abend verdorben. Die Band verleiht den alten Tracks ein neues Flair, ohne sie entstellen oder zu Coverversionen zu mutieren, bettet aber auch die lauteren Songs sanft in den relaxten Grundtonus des Konzertes ein. Vor diesem nivellierenden Grundsound wird klar, wie bündig Freverts Werk eigentlich ist – das durch die sehr unterschiedlichen Produktionen der Alben sehr unterschiedlich wirkt, wobei ich Seltsam öffne mich als das gelungenste unter drei exzellenten Alben betrachte – wie logisch die Entwicklung von dem noch sehr krachenden Nationalgalerie-Sound (der ja auch zunehmend introspektiver wurde) zu den Miniaturen von heute.

Frevert und die Band werden von dem kleinen aber feinen Publikum der Seltenheit solcher Auftritte und der Bedeutung von Frevert entsprechend gebührend und ausgiebig abgefeiert, zu Recht, bevor nach drei Zugaben Schluss ist, damit die Leute noch die letzte U-Bahn nach Hause kriegen und darüer nachdenken können, was sie in ihr Blog schreiben und die ersten Vdeos zu YouTube laden…

10. April 2008 00:07 Uhr. Kategorie Live. Tag . 2 Antworten.

Niels Frevert: Du kannst mich an der Ecke rauslassen

Eine neue Platte von Niels Frevert ist jedesmal eine Ausnahmeerscheinung, publiziert der Hamburger doch mit der Geschwindigkeit des Kontinentaldrifts. Seltsam öffne mich, seine brillante letzte Scheibe, ist immerhin schon von  2003, der Vorgänger, Freverts erstes Soloalbum nach der Zeit mit Nationalgalerie von 1997. Nils erklärt die langen Pausen in einem aktuellen Spex-Interview mit der Zeit, die er braucht, um seine Texte zu verdichten zu kürzen und zu streichen, bis die Essenz bleibt. Und das Ergebnis ist ein Album, das gerade einmal eine halbe Stunde umfasst – eine hochintrospektive Platte, die kammermusikartig konzentriert ist, ein jazziges Minimum an Schlagzeug/Bass, dezente Streicher … eigentlich ein Mann und seine Gitarre mit einem Minimum an Produktion drumherum. Alles sehr akustisch, sehr unplugged, sehr viel weniger eingängig, sehr viel weniger Pop als die beiden Vorgänger. Eine Nummer wie Doppelgänger oder Einwegfeuerzeugstichflamme suchst du hier vergebens. Wie so viele andere Singer/Songwriter kommt auch Frevert an den Punkt, wo er seine Musik so pur wie möglich präsentiert, ohne viel Blingbling. Das macht Du kannst mich an der Ecke rauslassen zu dem Intimsten , was Niels bisher publiziert hat. Zugleich wirkt das Album leider so nach innen gewandt, dass es nie wirklich aus dem Quark kommt, eine irgendwie eben nette Platte, die so vor sich hinperlt, die aber niemals wirklich Druck entwickelt oder an die Größe herankommt, die man von Frevert gewohnt ist. Das Album wächst von Hören zu hören, die Songs haben unter der simplen Oberfläche einen schönen Tiefgang und sind – im besten Sinne – eher Chanson als Popmusik, und das ist nur konsequent für Niels Freverts Entwicklung, die ihn zunehmend in die Richtung von Nick Drake, Neil Halstead und anderen Songwritern bringt. Du kannst mich an der Ecke rauslassen ist eine Platte, die Frevert in Rohform zeigt, kondensiert, geronnen, ein perfektes, fast kantenloses Juwel, das danach verlangt, in Ruhe gehört und verstanden zu werden. Frevert erzählt in einzelnen Zeilen seiner Texte so viel wie andere Musiker auf drei Konzeptalben, die fragmentarischen, seltsam alltäglichen Texte, die sich bei ihm immer wieder um die gleichen Dinge drehen und diesen immer näher kommen, nur minimalistischer, klarer. Frevert ist auf dem Weg zum Alterswerk, zum dieser luziden Reinheit, wo du alles weglässt, was nicht mehr wichtig ist.

Diesem Purismus wird leider das musikalische Feeling, der Spaß am Pop, an der Inszenierung, etwas geopfert, und so ist Niels weiuter auf dem Weg weg vom Mainstream – und das paradoxerweise in einr Zeit, in der die Nachfolger von Nationalgalerie (Kettcar, Tomte et al) die Charts erobern. Anstatt diesen Erfolg mitzunehmen, ist Frevert auf seiner ganz eigenen Reise längst schonan der nächsten Haltestellen – mit zum Sterben schönen Texten, und einer Musik, die irgendwie seltsam melancholisch und berührend ist, manchmal fast hauchzart an der Grenze zum Kitsch herumstolpert. Die neuen Songs werden nicht jedem gefallen, der den «alten» Niels mochte, aber nach sechs Jahren Pause wirkt diese Platte nur zwangsläufig, unausweichlich. Umso trauriger, dass man eventuell bis 2014 warten wird müssen, bis wieder etwas Neues kommt…

7. April 2008 11:44 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 3 Antworten.

Kaizers Orchestra E-Werk Köln

So leer habe ich das E-Werk selten gesehen – die Herren Kaizer haben offenbar treue, aber leider nicht wirklich so überragend viele Fans in der Region. Nachdem der großartige Warm-Up Geoff Berner nach einem furioswitzigen Set von der Bühne tritt, kommen die sechs Herren in schwarzen Anzügen und weißen Hemden auf die Bühne und spielen sich sauber durch ein fast nahtloses Set von neuen Maskineri-Tracks und Classics, fast schon zu routiniert. Die wenigen Pausen füllt Janove Ottensen mit etwas Small Talk mit dem Publikum, der teilweise auch klingt wie eine Marketing-Umfage (Woher kennt ihr uns? Radio, TV oder Freunde?). Insgesamt unterscheidet sich dieser Gig gegenüber dem vor zwei Jahren in Bochum durch eine gewisse Blutarmut. Die Band ist super, das Publikum gegen Ende völlig aus dem Häuschen, ich hab selten eine 3/4 volle Halle so abgehen sehen (und zu Recht), aber die Show wirkt irgendwie einen Hauch professioneller, geschliffener, weniger überdreht. Die Sache ist ingesamt nüchtener, etwas inszenierter und kalkulierter – vielleicht eine logische Folge, wenn man eine Band mehrfach sieht. Du achtest enfach auf andere Dinge. Auf Øyvind Storesund beispielsweise, der am Kontrabass wunderbare Arbeit leistet. Die Musik ist der übliche MarchingGypsySwampSouthRockEastFolkPunk-Mix – nicht ohne Grund läuft Beirut beim Rausgehen – wobei die Band die neuen Songs fast nahtlos in das bestehende Material zu integrieren versteht… und live dabei sehr viel mehr überzeugt als auf dem tatsächlichen Album.

Auf Wunsch einer einzelnen Dame, die 320 Photos gemacht hat, kommen nach dem Break… ein paaaaar Photos…  die sich hauptsächlich auf ein Bandmitglied konzentrieren. Lalala…

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6. April 2008 17:02 Uhr. Kategorie Live. Tag . 6 Antworten.

Mars Volta: Palladium Köln

Angenommen, T-Rex hätten sich irgendwo in Mexico verirrt und im Mescalin-Rausch entschieden, ihre Musik auf Salsa umzustricken und außerdem Tomas Haake als Drummer zu engagieren und ausschließlich in Fusion-Jazz-Takten zu spielen. So ungefähr darf man sich The Mars Volta vorstellen. Cedric Bixler-Zavala und Omar Rodriguez-Lopez haben die Band nach der Trennung von At The Drive-In zu einem schillernden, gefährlichen Kunstwerk gebaut, das kaum ausufernder und extremer denkbar wäre. Die Einflüsse sind so vielseitig und so nahtlos zu einer Art perfektem Fusion-Rock verdrillt, dass man live fast nur noch die Wahl hat, sich auf einzelne Instrumente und Segmente zu konzentrieren, weil die volle Wucht der musikalischen Dichte kaum begreifbar ist.

Ähnlich ausufernd wie die Musik an sich sind Mars Volta live auf der Bühne. Die Band spielt siebenachtköpfig ein Set von gut zweieinhalb Stunden herunter, ein ausschweifender atemberaubender Jam, in dem die Stücke der vier Alben nahtlos ineinanderschwappen, in der lange, psychedelisch ruhige Phasen mit schleifenden Sampleloops und Omars atemberaubender, meditativer Gitarrenarbeit brachial abgelöst wird durch Schlagzeug-Gitarre-Orgien jenseits der Hörgrenze, sprunghaft-atemlose Takte, bretternde Bassdrum, überlagert von Bixler-Zavalas Falsetto. Cedric inszeniert sich als Wiederauferstehung von Marc Bolan und Robert Plant, rotiert sein dazuperfekt passendes Old-School-Microphon am Kabel wie einst Roger Daltrey bei The Who. Diese Show, über den brettharten, schnellen, hyperkinetischen Riffs der Musik, macht eindeutig klar, das sonst niemand so absolut Anspruch auf den Erbthron des Psychedelic Rock haben wie derzeit Mars Volta. Anstrengend, brachial, zartfühlig, vielschichtig, klug – ein Zitatenschatz, der niemals bloß kupfert, sondern einfach bis an die nächste logische Grenze – und sei es auch die Schmerzgrenze – vordringt. Man hat manchmal das Gefühl, es ist zu viel des Guten, das die reine Performance – insbesondere des Drummers und wer hätte gesagt, dass ich sowas mal schreibe – die Musik verdrängt. Das permanent wuselnde, ultraschnelle, ultrahart Spiel von dem jungen Ausnahmetalent Thomas Pridgen, der wie ein schwarzer Gott hinter seinen Acrylkit thront und die Fusion von Jazz und Hyperrock absolut perfekt bringt, sich scheinbar mühelos durch härteste Drumsoli und komplexeste Taktstrukturen rudert. Streckenweise mutiert das Konzert so etwas zu einem Drumworkshop- oder, mit Rodriguez-Lopez wunderbaren Solieinlagen zu einem Gitarrenworkshop. Hektisch, mitunter chaotisch arbeitet sich das Septett durch endlose, mit Improvisationen angereicherte Strukturvariationen und erreicht so im Verlauf des Konzertes einen Zustand, den man sonst eher bei frickeligen FreeJazz-Konzerten erwartet – eine frei flottierende, interaktive Kommunikation zwischen den Musikern. Was im gediegeneren Jazz schon anstrengend und atonal für den Zuhörer sein kann, wird hier ums Hundertfache multipliziert, mit weiteren Zutaten angereichert und laut, laut, laut gespielt. Gegen Ende des Gigs hat die Band die obere Leistungsgrenze ihrer eigenen PA überschritten und der Sound matscht leider etwas, was der Musik nicht gut tut, dem Spaß am Sound aber wenig nimmt.

Es ist fast überrraschend, das eine Band dieser Ausnahmequalität und -extremität so ein großes Publikum erreicht. Für die Live-Station gebucht, wurde das Konzert in das Palladium verlegt, das fast aus den Nähten platzte. Etwas überraschend war, wie ruhig es eigentlich in der MoshPit abging, vielleicht, weil die Musik von Mars Volta so schnell ist, dass man irgendwann nur noch dazu zucken kann, aber nicht mehr pogen, oder weil  man irgendwann die Augen zumacht und einfach versucht, den ultradichten Soundbrei zu durchdringen und zu hören. Selbst in der dritten Reihe in der Mitte war es eigentlich noch sehr human auszuhalten, und das, obwohl es wirklich packenvoll war. Und anders als bei den meisten ProgRock-Combos war hier eben nicht nur ein überwiegend aus Musikern bestehendes Publikum vor Ort, sondern ein komplett wilder Haufen, der jeglicher Genre-Einordnung widerspricht. Schlußendlich nur passend, lässt sich ja auch die Band selbst nicht verorten – The Mars Volta ist ein irgendwie selbstverliebter, ausufernder, hyperkomplexer und wunderbar irrer Haufen von Musik, die man wahrscheinlich nur lieben oder hassen kann, und die vor allem eins nicht ist: Mittelmaß.

9. März 2008 14:18 Uhr. Kategorie Live. Tag . 11 Antworten.

Shellac: Excellent Italian Greyhound



Eine Band mit dem Namen «Shellac» muss ich natürlich mögen. Excellent Italian Greyhound, das vierte Album (nach sieben jahren Pause zwischen 2000 und 2007) der US-Band um Steve Albini, ist so verstörend und bezaubernd, wie der Titel vermuten lässt. Unter dem Artwork, das neben den most fabulous gezeichneten Greyhounds auch mit einem Hund mitten in einem Obstarrangement aufwarten kann, verbirgt sich eine minimalistische Noisegitarrenmusik, die von einem fast Solo-artig gespielten Schlagzeug (Ex-Big Black-Drummer Todd Tainer), treibenden Bässen und einer fast unbeschreiblich obskuren Gitarre getragen wird – und auf diesem schmalen Skelettgerüst wirbeln die in bester The-Fall-Manier genuschelten und gar nicht so Mark-E-Smith-kompatibel gebrüllten Texte von Albini. Das Gesamtergebnis ist weit entfernt von allem, was man an Rock oder Indie kennt, eine sparsame, boshafte Musik, die man dann goutiert, wenn man anfängt, sich mit den Strokes zu langweilen. Shellac ist nicht eingängig, obwohl etwa der Groove von Steady as She Goes durchaus an die Tanzbarkeit ganz früher Joy Division erinnert. Der Sound klingt wie frisch aus dem Proberaum, under-produced und fast nackt, sehr direkt und ungeschliffen. Shellac machen die Sorte Musik, die irgendwie immer deplaciert wirkt, zu uneingängig für Pop, zu soft für Metal, zu strange für Alternative und insgesamt komplett radiountauglich. Sperrig, unbequem, passiv-aggressiv und frontal passen Shellac aber sicher in jedes Plattenregal, in denen etwa die Pixies oder Sonic Youth schon versammelt sind. Excellent Italian Greyhound ist weder schnell noch grau, aber durchaus exzellent, wenn auch keine Platte die man in jeder Stimmung hören kann, da sie ein hohes Maß an Beschäftigung voraussetzt. Zum Nebenbeihören ist dieser wilde Postgrunge-Crossover aus dem kreativen Kopf von Produzent Albini nun wirklich nicht.

1. März 2008 20:40 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 5 Antworten.

Get Well Soon: Rest Now, Weary Head, You’ll Get Well Soon!

Was will man zu diesem Album noch sagen? Es ist das meistgehypte deutsche Album des jungen 2008 und das zu Recht. Jeder betont, dass es ast unglaublich, dass solche Musik ausgerechnet aus Deutschland kommt – und das zu Recht. Jeder ist verblüfft, dass Konstantin Gropper quasi aus dem Nichts binnen vier Jahren ein atemberaubendes, vielschichtiges, sanftes, gefühliges, unverschämtes Meisterwerk produziert hat, das sich problemlos an Acts wie Radiohead, Broken Social Scene oder Beirut, IAMX, Calexico oder Nick Cave und Arcade Fire messen kann, ohne jemals nach Kopie zu klingen? Und dem ist wenig hinzuzufügen. Abgesehen von einem der übelsten unnötigen Polygonlasso-Freisteller, mit dem Gropper sich selbst in sein (eigenes!) Artwork hineingefrickelt hat, ist nichts an diesem Album schlecht. Nichts. Es ist geradezu eine Frechheit, wie absolut unglaublich dicht, atmosphärisch und opulent diese Platte ist, wie weltschmerzig, wie durchflutet von fast Morriseyschem Pathos Konstantin Gropper sein Debut produziert (ohne dabei allerdings auch nur näherungsweise wie Moz zu jaulen, auch wenn die ausufernden Songtitel schon in die Richtung weisen). Das Schreckliche an Get Well Soon ist: Jeder Millimeter des Hype, jeder Fetzen Propaganda ist absolut berechtigt. Jeder Song des Albums ist gut, wird bei wiederholtem Hören nur besser und auch wenn es zutiefst melancholische, melodramatische Musik ist, wird es niemals oberflächlich kitschig oder verlogen, egal wie sehr Gropper die Geigen und Chöre hervorholt. Schwermütig und leichtfüssig zugleich – und so klischeebesetzt das klingt, so schwer ist es wirklich, damit davonzukommen – überbordend, überladen, überfrachtet. So ein Album dürfte keine Sekunde funktionieren, dieser komische Südstaatentwang, der morbide Kitsch, der noch jenseits von Philip Boa dahergenuschelte Gesang (der übrigens von den Guestvocals hervorragend gekontert ist, unter anderem von der ja stets umwerfenden Maike Rosa Vogel («let go»), die hoffentlich bald mal ihr eigenes Album rausbringt, please). Und es klappt trotzdem. Nicht nur überzeugend, sondern überragend. Es gibt selbst international nur wenige Bands, die diesen Standard so elegant hinlegen. Das erschreckende ist tatsächlich die Erkenntnis, das so eine Platte, wie man sie aus den Vereinigten Staaten oder Großbritannien ja durchaus vergleichbar kennt, wirklich und wahrhaft in dieser Form nicht zuvor in Deutschland gedacht und gemacht wurde. Es ist der Soundtrack der Globalisierung, eine Musik die völlig unverortbar ist, keinen geographischen Standpunkt mehr hat außer dem, den der Musiker in sich trägt. In dieser Form musikalischen Mimikrys zumindest gleicht Get Well Soon Beirut erschreckend, beide Bands zitieren musikalische Chiffre, die andere Wurzeln als die eigenen nahelegen. Verdammt dumm, schon im Januar das Gefühl haben zu müssen, dass so eine Platte schwer zu toppen sein wird. Get well soon ist völlig eigen und eben daher vielleicht auch Konsensmusik und wird sich in atemberaubendem Tempo vom Breakthrough zum Bestseller entwickeln. Völlig verdient, denn jede Sekunde des Albums verströmt die Liebe und das Herzblut von Gropper, Get Well Soon verdienen jeden Erfolg, den sie nur bekommen können.

29. Januar 2008 17:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . 3 Antworten.

Porcupine Tree: Fear Of A Blank Planet


Mal wieder Zeit, ein paar Alben abzuarbeiten.
Das Porcupine-Konzert in Köln habe ich ja letztens verpasst, weil wir bis spät abends eine akute Rechner-Krise zu lösen hatten (Danke Acronis True Image, danke, danke, danke), aber immerhin kurz ein paar Worte zum aktuellen Album von Porcupine Tree. Fear of a blank Planet schließt nahtlos da an, wo Deadwing aufhört – aus dem psychedelischen Pink-Floyd-Kopisten Steve Wilson ist, da die Band inzwischen zum festen All-Star-Gefüge gewachsen ist, eine der handwerklich besten Progressive-Rock-Bands auf dem Planeten geworden. Musicians’ Musicians, die ihre Instrumente so beängstigend perfekt im Griff haben, dass jeder Track ebenso zum Showcase individuellen Könnens gerät wie zugleich eben auch Wilsons Händchen für seine eigenartige Mischung aus fast NuMetal-artigem Druck und ruhigen Akustikpassagen aufzuzeigen. Leider ist diese Mischung zunehmend statisch. Deadwing, In Absentia und auch Fear of a blank Planet folgen einer festen Rezeptur, die sich zunehmend weniger weiterentwickelt, die vielleicht hier an Pathos, dort an Härte gewinnt, aber im Kern etwas auf der Stelle tritt. Es ist etwas bezeichnend, dass Metanoia, immerhin nur eine reine Studiosession, zu den beeindruckendsten Porcupine-Alben der letzten Jahre gehört. In Absentia war bereits ein Musterstück an Pop-Pomp, handwerklich grandiose Mini-Spektakel, die den Trend von In Absentia zu deutlich härteren Klängen weiterentwickelten und Fear hat dem eigentlich nichts Neues hinzuzufügen, im Gegenteil. Fear of a blank planet, der Opener, ist die übliche Uptempo-Nummer, My Ashes der gewohnte ruhige, orchestral-schwelgende Track, der diesmal bedenklich nahe am Kitsch entlangschrammt. Herausragend ist Anethesize, eine mit 17 Minuten episch lange Nummer, die früher mal eine eigene Vinylseite beansprucht haben dürfte und die den Kern des Albums bildet. Aber auch hier wiederholen Porcupine altgewohnte Tricks, die Übergänge zwischen Ruhe und Power, das hypermonströse, alles an die Wand bretternde Schlagzeug, die vertrackten Rhythmen, die furiosen Wechsel, die den Song zu einer kleinen Rockoper mutieren. Anethesize verkörpert und summiert alles, was an den Porcupine der letzten Jahre herausragend ist… und schafft so hoffentlich als Apex einen Anlass, etwas neues zu beginnen. Nach diesem Track gibt es nur noch Selbstkopie oder einen Aufbruch zu neuen Ufern. Und tatsächlich dümpeln Sentimental und Way Out of Here spürbar vor sich hin, wirken wie ermüdet nach dem fast 20-minütigen Monster, nur Sleep Together bekommt noch einmal so etwas wie eine bedrohliche Atmosphäre, einen düsteren Wall of Sound hin.

Fear of a blank Planet liefert zuwenig Neues von einer Band, die uns in den letzten Jahren vielleicht zu sehr mit Experimenten und kreativer Sprunghaftig verwöhnt hat… die Scheibe klingt nach konservativen, soliden Tracks, die live den ein oder anderen Song ersetzen können, inhaltlich aber klingt alles ein wenig zu vorhersehbar, berechenbar. Mag sein, dass Porcupine jetzt einen klaren, kalkulierbaren, vermarktbaren Zielgruppensound entwickeln, um in immer grösseren Hallen spielen zu können, raus aus der Nische, rein in den Markt. Was etwas schade wäre. Denn vielleicht sollten Wilson und Co. Porcupine weniger als schon fast kommerzielles Allstar-Projekt sehen und ihre kreative Energie weniger in Nebenprojekte schaufeln und sich wieder einfach mehr austoben, neue Ziele anvisieren. Nachdem die letzten drei Alben die Band weitgehend redefiniert haben, wäre musikalisch ein neuer Quantensprung vielleicht wieder an der Zeit.

2. Juli 2007 13:42 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

Gonzales: Solo Piano

Diese 2004 in Paris von dem Exil-Kanadier Jason Beck alias Gonzales nach seinem Umzug von Berlin nach Paris (und von Kitty Yo zu Universal) aufgenommene Platte ist ein seltsames Stück. Nicht nur weit weg von dem gewohnten Sound von «Chilly Gonzales». Nachdem er mit seltsamen Hiphop-Crossover, Remixes, Produzent und als Multiinstrumentalist bei verschiedenen Projekten mitwirkte, ist Solo Piano eine Studie in Sachen Minimalismus. Aus einem normalen Klavier eingespielt, nicht Flügel, mit einer eher bescheidenen analogen Aufnahmequalität, wirkt das Album wie eine bewusste Kehrtwende weg vom elektronischen Sound. Mit dieser Mischung ist er nicht ohne Grund in diesem Jahr sowohl solo als auch mit Freund Mocky einer der vielen mehr als hörenswerten Gäste beim Donaufestival.

Solo Piano dürfte die Geister scheiden. Nicht nur wegen des mulligen, sehr warmen Klangs, dem es an Obertönen und Klarheit fehlt – auch weil die Musik ebenso warm und einlullend ist. Gonzales hat wenig Scheu, auf diesem Album oberflächlich etwas süßlich-belanglos zwischen Satie, Keith Jarret, Yanni Tiersen und vielleicht auch noch Richard Claydermann zu irrlichtern. Die Kompositionen sind niemals wirklich bissig, immer eher naiv, und das Tastenspiel hat eine langsame, suchende Qualität, die Lichtjahre hinter der Virtuosität anderer Pianisten zurückliegt. Auf der anderen Seite haben die Stücke eine beiläufige Ruhe, eine Introvertiertheit, einen naiven Charme, der glaubhaft ist. Wie bei Piano-CDs so oft und so oft unvermeidlich, ist die Platte etwas an der Grenze zur Entspannungsmusik, Rotweinsound, dieses traurigschöne melancholische Ding, das so schnell ins süßliche kippen kann. Aber die lo-fi-Aufnahme und die offenbare Suche nach Klängen, die Gonzales betreibt, machen die Sache glaubhaft, ebenso die augenzwinkernden Titel, deren leiser, urbaner Humor sich in die Songs schummelt. Es ist Gonzales gelungen, tatsächlich eine Platte zu machen, die Heimweh und zugleich einen Hauch Pariser Nachtflair einfängt, einen Soundtrack ohne Film zu machen.

Die Stücke klingen zackig durchgeplant, kleine Miniaturen, Stilleben. Grenzwandelnd zwischen jazzigen und klassischen Anschlägen, oft mit fast kleinkindartigen Melodiebögen, oft nur noch einen Hauch vom Kitsch, vom Allzuharmlosen entfernt. Die Kompositionen sind so irreführend leicht und eingängig, dass man sie allzuschnell unterschätzen kann, allzu schnell in den Amélie-Topf werfen würde. Dabei ist es nur eine neue Form der Bescheidenheit, die hier Regiment führt. Von «Gonzales über alles», wie Chilly sein Debut nannte, ist hier nicht mehr viel zu spüren. Solo Piano folgt stockenden Akkorden und perlenden Melodien, durch ein Flair von Herbstwind und Stummfilm-Grauschleier, durch Rotwein in der Nacht und Kaffee und Toast zum Frühstück. Die Sorte Musik, die dich dazu bringt, über die wichtigen Dinge reden zu wollen oder einfach zu schweigen und zuzuhören.  Es ist eine unerhört intime Platte, deren Bittersweetness man sich nach einigem Hören einfach ergeben muss, die wenig von Jarrets intellektueller Schärfe aufweist, sondern eher wie persönlich für dich kurz eingespielt klingt, die eine unerhörte Ehrlichkeit hat, wie ein Liebesbrief von Jason Beck an dich.  Jedes Stück ist ein, wie das Inlay-Poster nahelegt, kleiner Schattenriss eines größeren Songs, eine minimale Skizze, ein Blueprint, in dem alles wichtige gesagt und angelegt ist. Solo Piano ist eine bescheidene, Genregrenzen überschreitende Aufnahme, die man unbedingt haben sollte.

28. März 2007 07:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . 3 Antworten.


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