
Everything is connected – alles ist miteinander verbunden. Für Regisseur und Drehbuchautor Stephen Gaghan, der schon bei Traffic seine Gabe bewies, komplexe soziale Zusammenhänge aufs menschliche Maß herunterzubrechen, beginnt mit dieser Erkenntnis eine tour de force durch die Verwicklungen des amerikanischen Ölgeschäfts mit dem Mittleren Osten. Syriana verwebt die Schicksale des abgehalfterten, von George Clooney weit jenseits der sonstigen Smartassness gegebenen, CIA-Agent Bob Barnes, des für die Kanzlei Sloan Whiting arbeitenden schwarzen Anwalts Bennet Holiday, des Finanzberater Bryan Woodman, des Prinzen Nasir und seiner Familie sowie von zwei jungen pakistanischen Koranschülern und zahllosen Nebenfiguren zu einem grandiosen Erzählung rund um die Geschäfte einer Ölfirma, einer Anwaltskanzlei und einem Ölstaat im Nahen Osten. Bis in die kleinsten Nebenfiguren – Bobs Sohn, sein Ex-CIA-Freund (William Hurt) oder Bryans Frau (Amanda Peet) – exzellent besetzt und realistisch aufgezogen, überzeugt Gaghans Regieerstling mit einer fast überwältigen Dichte, in die einzusteigen sich absolut lohnt. Die Verwebung von Kasachstan, Europa, dem Nahen/Mittleren Osten, China und Washington wird perfekt aufgelöst – und ohne dabei übermäßig moralinsauer zu wirken, läßt Syriana keinen Zweifel daran, daß die (hier amerikanischen) Ölgeschäfte korrupt und dreckig sind und hinter der sozialen und wirtschaftlichen Misere im Nahen Osten stecken, daß folglich der daraus resultierende Terror Wirkung und nicht Ursache ist. Der Kapitalismus frißt seine Kinder.
Im Film wirken dabei ein oder zwei Figuren vielleicht etwas grobgeschnitzt – wie etwa der leicht eindimensionale Reformer Nasir, gespielt von Alexander Siddig – aber solche Klischees sind fast als Leuchttürme nötig, um die mitunter verwirrende, oft nur durch Andeutungen getragene Handlung des Films voranzutreiben. Die von Bennet durchleuchtete Connex-Killian-Fusion, der Zusammenhang zwischen deren Öldeal in Kasachstan und dem anderen Ölgeschäft in Iran, zwischen Bobs Auftrag, Nasir auszuschalten und eben diesem Öl-Deal, bei dem sich der Nachfolger dem Emirs, Nasirs Vater, zwischen China und den USA zu entscheiden hat, laufen präzise wie ein Uhrwerk parallel zu einer furchtbaren Climax, die fast tragisches Format hat.
An die Erzählstrukturen amerikanischen Kinos gewohnt, rechnet man fest damit, daß Bob – ganz Held wider Willen bei seinem traditionellen letzten Auftrag – den Mord an Nasir wird verhindern können, aber Gaghan präsentiert uns statt dessen eine Wendung, in der beide denkbar zynisch und anonym von Anzugträgern eine halbe Welt entfernt via Joystick eliminiert werden, die eine ganze Familie auslöschen und sich danach fröhlich dazu gratulieren – gruseliger geht es kaum. Kein Zufall, daß die beiden Selbstmordterroristen am Ende des Films dagegen nahezu mutig wirken, da ihre Tat intimer ist, das höhere Opfer fordert. Wie kleine Fische einen Wal, so attackieren die beiden Pakistani am Ende die Tanks der großen Ölkonzerne, eine Tat die so verzweifelt wie aussichtslos erscheint.
Das am Ende eines so bösen Films eine Rückkehr zur Normalität aufgezeigt wird – Woodman, vom Ehrgeizling zum Idealisten gewandelt, kehrt zu seiner Frau und dem verbliebenen Kind zurück, Bennet kümmert sich um seinen alkoholkranken Vater – hat mich zuerst irritiert, aber tatsächlich zeigt der Film hier doch nur das globale Schulterzucken, die Alltäglichkeit des Kriegs um Öl und Macht im Mittleren Osten, den Rückzug ins Private innerhalb einer korrupten und beschmutzenden Welt, mit der die Protagonisten möglichst nichts mehr zu tun haben wollen. Situation normal – all fucked up.
26. Februar 2006 12:16 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.