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SWEENEY TODD

Das Unerwartete an Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street ist eigentlich, dass der Film so gut funktioniert. Man sollte denken, dass ein Film, in dem zu 95% gesungen wird und der auf einem Musical von 1979 basiert, absolut Crapville sein würde, aber im Gegenteil. Burton fährt seine leider inzwischen etwas gewohnt wirkende Gothic-Chic-Schiene, die hier weniger ernst wirkt als in Sleepy Hollow. Es mag daran liegen, dass Burton wieder mit Depp und seiner Lebensgefährtin Helena Bonham-Carter arbeitet, aber irgendwie hat man bei Sweeney Todd streckenweise ein starkes Gefühl von Deja Vu, zumal die Handlung an sich über weite Strecken ganz im Stile griechischer Tragödien verläuft und insofern denkbar vorhersehbar ist, insbesondere, was die Bettlerin angeht… und dennoch schafft Burton einige Twists, die unerwartet und frisch daherkommen.

Die Tatsache, dass Depp und Bonham-Carter keine ausgebildeten Sänger sind, kommt dem Film dabei absolut zugute, zumal Sondheims befremdliche Kurt-Weill-Melodien umso besser wirken, wenn sie etwas windschief gesungen präsentiert sind. Es ist großartzig, wenn Bonham Carter von Vertrauen singt und zugleich eine atonale Violine ihre Worte Lügen straft. Depp selbst klingt dabei überraschenderweise ein bisschen wie David Bowie, ein seltsam geknurrter Sprechgesang, der dem Material durchaus Modernität verleiht, und auch wenn die deutschen Untertitel dem doppelbödigen schwarzen Humor von Sondheims Texten nicht ganz gerecht werden, funktioniert der OmU-Ansatz sehr viel besser als etwa eingedeutschte Texte. Schon die ersten Textzeilen lassen wenig Zweifel daran aufkommen, dass dies hier kein Stella-Musical wird, sondern eine bittere, blutrot glitzernde Orgie aus Klang und Bild, reiner und wunderbarer Over-the-Top-Camp. Es wäre sogar eigentlich besser gewesen, auch zwischen den Songs einfach weiter unterzutiteln. Insofern ist Sweeney Todd das erste verfilmte Musical, das tatsächlich funktioniert und bei dem es nicht bei einem abgefilmten StageAct bleibMorbide und düster wie die Geschichte des Barbiers, der ganz à la  Der Graf von Monte Christo aus dem Exil zurückkehrt, um seine Peiniger zu meucheln. Anders als bei Dumas allerdings ist Benjamin Barker alias Sweeney Todd kein strahlender Held, sondern mutiert rasch zum munteren Serienkiller, der in seinem Barbershop einen Kunden nach dem anderen meuchelt, damit Mrs. Lovett delikate Fleischpastete daraus machen kann. Der Mensch als des Menschen Wolf. Seit Delicatessen (und Sweeney Tod ist natürlich älter) war Kannibalismus so schick.

Depp und Bonham-Carter spielen ihre Rollen mit jeder Menge Spaß und Mascara, inmitten eines Sets, das Burtons Vorliebe fürs Grell-Verspielte in monochrome Farben taucht und bei dem man oft nicht sicher ist, was real und was digital animiert ist. Nicht auszudenken, was Burton aus Alan Moores From Hell geholt hätte. Elegant und minimalistisch zitiert Burton sich hier selbst, wird aber zugleich dem Bühnenfeeling des Musicals in der dunklen Kunstwelt, die er hier schafft gerecht. Das weniger Szenenwechsel als in einem normalen Film stattfinden, fällt so kaum negativ ins Gewicht. Mitunter strengt der permanent schlecht gelaunte Sweeney Todd, stets in düsteres blaues Licht getaucht, etwas an, aber selbst hier gelingt Burton ein spielerischer Umgang, etwa wenn Mrs. Lovett von einem schönen Ruhestand am Strand singt und Depp das grellbunte Spektakel, das Burtons FX-Abteilung hier abfeuert, wunderbar komisch-misanthrophisch über sich ergehen lässt. Überhaupt ist der Film randvoll mit Gags der bösesten Sorte, wobei manche Wortspiele in der deutschen Übersetzung elend krepieren. Alan Rickman und Sacha «Ali G» Baron «Borat» Cohen brillieren in ihren Nebenrollen als ekelige Schmucks, denen man den Tod bestens gönnt, bis Todd schließlich in einem tragischen Moment vom Rächer zum Mörder wird und – ganz à la Poe blutüberströmt – zum wahren Bösewicht des Films wird.

Nach der neonpsychedelischen Kubrik-Schokoladenfabrik kehrt Burton ästhetisch zur Daguerreotypie-Ästhetik des Finales von Edward Scissorhands zurück, und präsentiert Depp wieder einmal in einer Ausnahmerolle als seltsam distanziert wirkende, unwirkliche Figur, die sich – wie so oft bei Depp – ausserhalb des Erfahrungshorizontes des Betrachters bewegt, die in Kleidung, Gestus und Sprache fremd wirkt, wie eine Comicfigur. In niemanden findet Burton so den perfekten Außenseiter wie in Depp, der in allen Filmen Burtons den Marginal Man gespielt hat, den Missverstandenen, den Freak. Und während Depps Rolle einen Hauch oberflächlich wirkt (was zur Figur passt, die ideal ein Cyphermen bleiben muss), beweist Bonham Carter mit einem Minimum an Blicken und Gesten eine schauspielerische Tiefe, die den Film über die in oder andere Länge hinwegkatapuliert. Blutrünstig und dabei doch abstrakt, inszeniert, niemals wirklich «real» ist Sweeney Todd alles andere als ein moderner Horrorfilm, sondern wirkt wie eine Verbeugung vor Poe, vor den Hammer Studios, vor Vincent Price, vor dem Pulp.

25. Februar 2008 16:14 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.

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