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Super 8

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Nerd-o-calypse Now
Keine Frage, wir leben in Zeiten, in denen die Geeks und Nerds längst das kulturelle Steuer übernommen haben. J.J. Abrams hat nie ein Problem damit gehabt, ob in Vorträgen oder als Wired-Ersatzchefredakteur, Ideen aus seinen Kindheitsvorlieben zu schöpfen, und tatsächlich stecken fast alle Produktionen, an denen er als Autor, Regisseur oder auch nur Produzent beteiligt war, stets voller liebevoller Anspielungen für die Fanboys – wie etwa den «falschen» DC Comics in Fringe. Bei Super 8 belässt Abrams es nicht bei Anspielungen oder Entlehnungen, der ganze Film ist eine Zeitreise in die Kindheit des 1966 geborenen Regisseurs und nicht ganz ohne Grund von Steven Spielberg co-produziert. Filme wie Goonies, Close Encounters oder E.T. sind hier überdeutlich referenziert, aber auch Poltergeist, Gremlins, Stand by Me und viele andere Filme und Medien der späten Siebziger werden deutlich angeführt. Dazu – vielleicht unweigerlich, wenn man den frühen Spielberg zitiert – kommt ein starkes Feeling älterer Stephen-King-Bücher auf, in denen der Autor noch primär Kinder als Unschuldssymbole in die Arena seiner zunehmend mythischen Kampfes zwischen Gut und Böse schickt, wie etwa in It oder The Shining. Dazu kommen ungezählte 70s/80s-Andeutungen, oft etwas anachronistisch gemischt und nicht ganz in der Timeline des Filmes, die man als Echos aus Abrams subjektiver Kindheit deuten darf – Modellfiguren, Big Jim, Space Shuttle, Zombiefilme… Super 8 ist das wehmütige Wiederaufleben einer untergegangenen amerikanischen Jugend. In Zeiten von iMovie darf man sicher die Super-8-Kamera, die Kodakfilme, das dreitägige Warten auf die Entwicklung als Zeitreise in eine Welt ohne Google und Twitter, Mobiltelefone und GPS deuten. Ein Amerika ohne Tea Party und Haushaltsdefizite, das noch an Weltraumbahnhöfe und endloses Wachstum glauben durfte, das von China oder Afghanistan nur wenig kannte geschweige sich bedroht davon fühlen mochte. Es ist das seltsam zu bunte, zu sorgenfreie Amerika, mit dem die TV-Serie Mad Men kokettiert, das uns aber in Filmen aus den 70er-90er Jahren ungebrochen und völlig ironiefrei entgegenkommt. Selbst vor der Folie eines doppelten Generationenkonfliktes und mit einem berechenbar generisch-intrigantem Militärapparat wirkt Super 8 gegenüber der heutigen Zeit ungemein unschuldig und wide-eyed, und vielleicht ist es kein Zufall, dass uns Abrams immer wieder die staunenden Augen seiner jungen Darsteller zeigt, vielleicht sehnt sich der Nerd Mitte 40 zurück in die entschleunigte Kleinstadt, die er ja nicht ohne Grund nach seiner Großmutter benannt hat.

Licht Kamera Action
Es ist etwas erschreckend, wenn der Film-im-Film bei Super 8 deutlich besser gelungen ist als der eigentlich Kinofilm drumherum. Charles, Joe, Alice und die anderen Kids zaubern einen (im Abspann komplett gezeigten) unfassbar schlechten, aber herzensguten Film zusammen, der ähnlich wie Abrams Metafilm drumherum voller Anspielungen steckt (Romero Chemicals), ebenfalls ein im Wortsinne angeklebtes Happy End aufweist, aber insgesamt mehr Spaß macht, weil er weniger will. So wie die Kids Romeros Vorbild nacheifern, kopiert auch Abrams bei Spielberg, Columbus, Hooper und Konsortien, nur kann man das Kindern vielleicht eher nachsehen. Und anstelle von billigen Modellzügen werden bei Abrams für Millionenbudgets CGI-Züge in die Luft gesprengt. Die Idee, dem Film-Machen als Eskapismus aus Kleinstadtmuff und Elternvorschriften ein Denkmal zu setzen, wirkt fast autobiographisch, selbst wenn Abrams nicht in der typischen Kleinstadt aufgewachsen ist, sondern in LA. Der magische Moment von Super 8 ist insofern nicht das Erscheinen des Monsters, sondern Ellen Fannings erster echter Auftritt vor der Kamera. Ihre Figur Alice wirkt zunächst unnahbar und zickig, aber da ist dieser magische Moment – der erste Probedreh – wo sie nicht nur ihren Text perfekt beherrscht, sondern sich vor der (nicht laufenden) Kamera hundertprozentig in ihre Rolle verwandelt und sich in dieser Verwandlung selbst offenbart, der Moment (spätestens), in dem sich Charles und Joe in Alice verlieben und wir Zuschauer auch… und natürlich ein Moment, der im späteren Take vor laufender Kamera nicht wieder rekonstruierbar ist, wie immer ist die Probe besser als das finale Ergebnis. Die Transfiguration der pubertierenden Teenie-Göre durch die Bühne zu einem Lustobjekt, die heimliche Liebe des unförmigen Hauptdarstellers zu seinem Star, all das klingt ungemein echt und glaubhaft und zart und macht den Beginn des Films so wertvoll.

Ende schlecht, alles schlecht
Sieht man Abrams Film als Neubesuch der 70/80er-Jahre-Jugendfilme mit der Sensibilität von heute, so ist die erste Hälfte des Films ein großer Erfolg. Abrams vermag auf ein smartes Publikum zu setzen, das die Semantik von Kino versteht und nicht geführt werden muss. So sind die ersten Minuten des Films so stark, weil sie ein visuelles Klischee nutzen und dieses dann gegen den Zuschauer wenden. Von der Fabrik, die ihre im Werk ausgehängte Tage-ohne-Unfall-Statistik auf 1 zurücksetzen muss schneidet der Film auf den einsamen schwarz gekleideten Jungen auf der Schaukel mit einem Pendant in der Hand – und als Zuschauer glaubst du, alles verstanden zu haben, bis Abrams enthüllt, dass die Mutter, nicht der Vater gestorben ist in der Fabrik. Ein netter kleiner Twist, der zeigt, wie souverän Abrams mit der Semantik von Kino und den Erwartungen seiner Zuschauer spielen kann, wenn er will – und wie glaubhaft er auch im Genrekino menschliche Momente schaffen kann. Entsprechend ist der erste Akt des Films – bis etwa zum Zugunglück – wunderbar gemacht, mit etwas altklugen, aber durchaus glaubhaften Kindern, solide gezeichneten Konflikten, liebevollen Details und großartigen Kinderdarstellern. Der fulminant pyromanisch inszenierte Zugcrash leitet Akt II ein, in dem – ganz in Stephen Kings Manier – das Grauen in die Alltagswelt eindringt, Hunde verschwinden, Motoren aus Autos gerissen und Tankstellen verwüstet werden. Dieses Segment fühlt sich – insbesondere die arg schwachen Militär-Szenen mit einem fast einer schlechten TV-Serie entsprungen wirkenden Noah Emmerich – sehr generisch an, als habe Abrams versucht, den frühen Tobe Hooper mit der ersten Hälfte von Cloverfield zu versöhnen. Das Ergebnis ist ein bisschen Been-there-Done-that, aber trotzdem spannend genug. Akt III zeigt uns das Space-Monster, das anders als ET und die Gremlins alles andere als niedlich ist, lehrt und das Erwachsene gefressen werden, mutige kleine Jungen aber nicht und gleitet mirnixdirnix in eines der schlechtesten Filmenden seit langem ab. Nicht nur verwandelt sich Joes bisher eher etwas überforderter Vater im Handumdrehen in Chuck Norris und schießt sich seinen Weg aus der Militäranlage heraus, nicht nur kann Joe anscheinend mit dem Monster kommunizieren und ihm erklären dass das Leben halt manchmal böse ist (Alien gefangen, Joes Mutter tot…), aber alles wieder besser wird. Nein, als wäre die Botschaft vielleicht wider Erwarten doch noch nicht klar geworden, muss es noch eine Szene geben, in der das Monster mit Magnetismus sämtliche Autos, Gewehre und sonstige Metallteile an den Wasserturm der Stadt zieht, um – anscheinend – das Metall als Startenergie für die Flucht von der Erde zu nutzen. Erst Minuten nachdem wir eine X-Men-vertraute Szene von fliegenden Autos und Soldaten, die von der Magnetkraft meterhoch in die Luft gezerrt werden sehen, fällt Joes Anhänger mit dem Photo seiner Mum ein, dass er ja auch aus Metall ist. Während sonst anscheinend nichts mehr angezogen wird, hält Joe das Pendant fest, während symbolisch sein Vater ihm die Hand auf die Schulter legt und Alice seine Hand hält und versteht – Holzhammersymbolik aktiviert – dass auch er loslassen muss, um weiterkommen zu können. Die Kette fliegt als letztes Puzzleteil zum Wasserturm und Boom startet das Alien ab nach Hause, wir sehen nur noch den Abrams-üblichen Lensflare-Effekt. Ich habe wirklich nichts gegen kitschige Enden, wenn sie passen und ich habe auch nichts gegen Filme, die Handlung und eine «Message» verbinden oder ähnliche narrative Strukturen auf verschiedenen Ebenen aufweisen. Aber so Holzhammer, so platt und so käsig darf es heute nicht mal mehr sein, wenn man sich auf die 80s zurückbezieht. Das in Sülze eingelegte Ende vergiftet den Film, der so subtil und nostalgisch anfing, mit seinem angepappt wirkenden Hollywood-Mainstream-Kitsch. Ich habe selten einen Film gesehen, der so vielversprechend begann und so abgrundtief enttäuschend endet wie diesen. Die meisten Filme sind von vorn bis hinten mies oder steigern sich sogar zum Guten – aber Super 8 wirkt, als habe in den letzten 15 Minuten jemand anderes im Regiestuhl Platz genommen. In einem Film, der ohnehin gefährlich zwischen Hommage und Plagiat lustwandelt, ist ein solches Ende vielleicht die ultimative Verbeugung vor Spielberg (der ja seinerseits Kubricks grandioses A.I.-Konzept zu einem ausgesprochen idiotischen Ende verwurstet hat) und dessen Hang zum larger-than-life-Filmende. Aber Abrams bricht dieses Ende durch keine Ironie, durch kein Augenzwinkern… nichts lässt uns als Zuschauer eine Hoffnung, dass wir inzwischen einfach auf einer wirschen Meta-Ebene angekommen sind und eben in Hollywood-Klischees bewegen, was ja völlig okay sein kann, wenn man es richtig anpackt. Aber richtig anpacken bedeutet eben nicht, dass die Filmemacherei der Kids am Ende keinerlei sinnvolle Rolle mehr spielt, der Konflikt zwischen Joe und Charles vergessen wird und die Eltern wie durch Magie auf einmal zuckrig-lieb zu ihren Kindern sind, denn in US-Filmen muss immer klar sein, dass am Ende die Familie wichtig ist und «was uns nicht umbringt, macht uns stärker…» immer Trumpf ist. Abrams hätte einen sehr starken Genre-sprengenden Film machen können, der Teendrama, Horror und SF auf innovative und kluge Weise vermengt und einen persönlichen Bogen von Felicity zu Cloverfield schlägt. Seine Darsteller – eher die Kinder als die Erwachsenen – sind an einem richtigen Entwicklungspunkt und meist glaubhaft, der Humor funktioniert, die Konflikte mit Eltern und untereinander wirken nachvollziehbar – und in all das knallt ein Alien mit seinen ganz eigenen Problemen. Super 8 hätte ein Film sein können, der uns daran erinnert, warum die alten Spielberg-Filme kraftvoller, phantasievoller und ikonischer waren als die CGI-Blockbuster von heute. Statt dessen ist es ein pathetischer Film über einen kleinen Jungen, der rund 130 Minuten braucht, um eine Kette loszulassen.

4. August 2011 16:34 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

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