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SUNSHINE

Rund 60 Jahre in der Zukunft ist die Erde ein Frostplanet, weil die Sonne erlischt. Nachdem die Mission des Raumschiffes Ikarus I, die Sonne durch eine gezielte Nuklearsprengladung wieder zu entfachen, anscheinend gescheitert ist, macht sich eine zweite Crew mit dem gleichen Ziel auf den Weg. Aus diesem denkbar einfachen Plot, der in den Händen eines anderen Regisseurs wahrscheinlich zu einem drittklassigen Weltuntergangsfilm verkommen wäre, zaubert Trainspotting-Regisseur Danny Boyle einen opulenten Pop-Zitatenschatz des SF-Kinos der letzten drei Dekaden.

Bemerkenswert daran ist, dass der Film nicht auf der Erde beginnt und sich sämtliche Katastrophenszenarien spart. Wir beginnen den Film mit den beiden heimlichen Protagonisten des Films, dem mechanischen, goldglänzenden Facetten-Schutzschirm der Ikarus und der Sonne, die sich darin spiegelt. Noch bevor wir die internationale Crew kennenlernen, inszeniert Boyle einen prägenden Moment des Films, wenn die Kamera schwerelos an dem gigantischen Sonnenschirm vorbeigleitet in die Schattenzone dahinter, in die kalte schwarze Stille des Weltalls und der Raumstation, die nur der fragile Schutzschild vor der unmenschlichen Hitze der Sonne bewahrt. Boyle gibt sich alle Mühe, die Urgewalt, der die Menschen hier ausgesetzt sind, zu verdeutlichen. Bordpsychologe Searle (was sich wahrscheinlich nicht ganz zufällig fast wie «Sol» ausspricht), fasziniert vom Anblick der Sonne, erfährt vom Bordcomputer, dass er das ungefilterte Sonnenlicht im Observatoriumsraum nicht überleben würde wohl aber eine auf 3,1% herabgefilterte Dosis für knapp 30 Sekunden. Und das, obwohl die Ikarus II noch Millionen Kilometer entfernt von dem sterbenden Stern ist. Gegenüber dieser Urgewalt verblasst die Crew etwas, die Boyle als den inzwischen fast üblichen ethnischen Mix präsentiert – eine Crew von Wissenschaftlern, die auf einer Selbstmordmission sind, um die Erde zu retten und langsam Bordkoller bekommen.

Alex Garland (The Beach) hat hier ein Drehbuch erarbeitet, dass nicht allzu originell daherkommt und mitunter sogar schwach ist und auch weit entfernt von aller physikalischer Logik operiert. Es ist ein routiniert wirkender SF-Plot, der zahlreiche vertraute Versatzstücke rearrangiert und auch in den Figuren nichts wirklich neues präsentiert. Die wahre Stärke des Films ist, was Danny Boyle aus dieser Vorlage macht. Ebenso sphärisch und stimmungsvoll, retro und zugleich futuristisch wie die Musik von Underworld und John Murphy, gelingt Boyle über weite strecken ein eleganter, wagneresker Film. Er zitiert ungeniert zahlreiche Vorlagen – 2001, Event Horizon, Silent Running, Alien, Pitch Black sind nur einige wenige Beispiele -, schafft es aber, wie ein guter DJ, aus diesen Samples etwas recht eigenständiges zu zaubern. Der erste Teil des Films ist sicherlich der stärkere – Boyle schafft hier eine einfachen Ausgangsituation zwischen Mensch und Weltall, die für enorme Spannung einfach ausreicht. Nachdem das Schiff etwas eher als erwartet den Funkkontakt zur Erde verliert, entdecken die Astronauten, dass die Ikarus I noch existiert und in einem Orbit um die Sonne kreist, das etwas neben der Stelle liegt, an der die Ikarus II ihre stellares Nuklearstreichholz abliefern soll. Die Crew entscheidet nach einigem Hin und Her, die an Bord der Ikarus befindliche zweite Bombe abzukoppeln, so dass man ZWEI letzte Chancen hätte, die Sonne neu zu entfachen. Two last chances are better than one. Nur leider vergisst der von Bernard Wong intensivst gegebenen Navigator Trey beim Kurswechsel, den überlebenswichtigen Sonnenschirm neu auszurichten. Kleine Ursache – große Wirkung. Das Schiff nimmt beträchtlichen Schaden davon, der Schirm muss repariert werden und die Sauerstoff erzeugende Biosphäre im Schiff selbst verbrennt total, so dass der Crew nicht einmal mehr genügend Sauerstoff bleibt, um die Bombe am richtigen Ort abzusetzen. Es sei denn, sie erreichen die Ikarus I. Ganz wie bei Rotkäppchen beginnt also die Tragödie der Ikarus II damit, dass die Mannschaft vom Weg abkommt. Bordphysiker Cava will die doppelte Sicherheit, will es – ganz Ingenieur – perfekt machen und setzt dafür alles auf Spiel. Am Ende wird also der scheinbare Sturkopf Mace recht behalten. Der Plot des Films begingt sich also selbst: Hätte die Crew einfach ihre Mission wie geplant durchgezogen, wäre alles gut ausgegangen.
Die Szenen auf dem Sonnenschirm sind großartig gelungen, deutlich an 2001 orientiert, in den klobigen entmenschlichenden Raumanzügen, aber gänzlich von einer eigenen, goldenen Ästhetik durchpulst, die gesamte Sequenz hat eine Größe, ein Gespür für Timing und eine sich entsetzlich langsam entfaltende Spannung, die mehr als gelungen ist. Obwohl das Opfer des Capitains Kaneda vorhersehbar ist, ist die Umsetzung eine virtuose Bilderorigie. Boyle produziert in diesem ersten Teil großes Kino, das die narrative Ruhe und die Charaktermomente eines Stanley Kubrick in die Blockbuster-Neuzeit rettet. Es gelingt Boyle, die beeindruckende Leere des Weltalls und der Technik, der die Crew ausgesetzt ist, exzellent zu vermitteln. Der extreme Gegensatz von Sonnenhitze, die einen ungeschützten Menschen sofort pulverisiert einerseits, und der bei minus 300 Grad liegenden Kälte des Weltalls, die ihre Opfer wie Glas zerspringen lässt, andererseits, und die Menschen die dieser Umgebung ausgesetzt sind, das würde eigentlich für einen hochexplosiven Thriller gereicht haben.

Leider sind Garland und Boyle damit im zweiten Teil des Films wohl nicht mehr zufrieden. Ob als Zugeständnis an Hollywood und heutige Sehgewohnheiten, ob man einfach nur das Filmbudget von 30 Millioen Euro wieder sicher einspielen wollte, oder ob Boyle wirklich einfach Lust hatte, in seine 2001-Hommage auch noch mehr als deutlich Ridley Scotts Alien einzubauen… wer weiß. Aber nachdem die Ikarus II Crew an Bord der Ikarus I ist und das Raumschiff völlig intakt, die Crew aber zu Asche verbrannt vorfindet, schleicht sich der ehemalige Captain der Ikarus I, Pinbacker, inzwischen zu einem Monster aus versengtem Fleisch gweworden und in sieben Jahren Einsamkeit endgültig verrückt, an Bord der Ikarus II, das die drei Astronauten nur noch unter großen Opfern erreichen. Pinbacker, scheinbar nahezu unverwundbar geworden, hält sich für einen Abgesandten Gottes und versucht, die ohnehin nur noch wenigen Überlebenden der Ikarus II ganz im Stil des Alien-Monsters einen nach dem anderen umzubringen. Die wunderbare Rose Byrne als Cassie gibt hier eine kaum zu übersehende Sigourney-Weaver-Kopie, auch optisch fast identisch. Und mit einem Mal verlässt Boyle durchaus elegant die sphärische Sauberheit des ersten Teils und springt in die dreckige, schummrige Weltall-Trucker-Atmosphäre von Scotts Alien-Meisterwerk. Dunkle Tunnel, flackernde Lichter, Blut… die ganze Bandbreite des klassischen Horrorfilms bricht in die antiseptische Perfektion von Kubricks 2001. Der Gegner ist hier nicht ein Computer oder ein Alien, sondern der Mensch selbst. Um die Wahrheit zu sagen, so sehr ich die Alien-Zitate mag (wie etwa die an die Geburtsszene des Alienwesens erinnernde Bauchverletzung von Corazon), so sehr hätte ich auch auf dieses Monster verzichten können. Denn ab hier wandelt sich der Film vom Autorenkino mehr und mehr zum relativ berechenbaren Blockbuster, auch auf Kosten aller narrativen Logik, während der Physiker Capa (Cillian Murphy) versucht, die Bombe doch noch ins Herz der Sonne zu bringen und der optisch etwas zu sehr an Freddie Krueger erinnernde Pinbacker versucht, ihn aufzuhalten. Der zweite Teil baut eine enorme Spannung auf und man leidet eindeutig mit der Crew mit, die nach und nach geopfert wird (oder sich, wie der von Chris Evans gegebene Unsympath Mace, der sich hoch glaubhaft für Capa und die Mission im Kältebad des Bordcomputers, selbst opfert… einer der vielen Fälle, wo ein Crewmitglied an Kälte oder Hitze stirbt). Aber es fühlt sich deutlich mehr nach normaler Hollywood-Kost an als der erste Teil, auch wenn Boyle ganz am Ede sehr innovativ mit der Idee spielt, dass Zeit und Raum durch die enorme Anziehungskraft der Sonne «verbogen» werden, so daß die Handlung immer wieder einfriert oder springt.

Die letzten Momente zwischen Capa und der Sonne erinnern wieder deutlich an die psychedelischen Endsequenzen von Kubricks Space Oddity. Ich persönlich wäre sehr sehr viel zufriedener aus diesem Film gegangen, wenn wir mit diesen Momenten, mit einem leztzten Fade-to-White geendet hätten. Statt dessen liefert Boyle ein Postskriptum, von dem ich nur hoffen kann, dass es ihm vom Studium aufgezwungen wurde. Denn mehr Roland Emmerich geht kaum. Nach Capas Suizidmission finden wir uns auf der schneebedeckten Erde wieder – obwohl der Film bisher tunlichst und zu Recht auf genau diesen Schauplatz verzichtet hat – wo ausgerechnet Capas Schwester seine letzte Videobotschaft, zu Beginn des Films aufgezeichnet, abspielt. Das ist zu passend, zu flach. Und fast unerträglich ist es, wie dann über der Erde die Sonne aufgeht und wir wissen, dass die Mission ein Erfolg war. Diese Sorte Happy End, wiewohl von Boyle immer noch dezent und elegant präsentiert, ist einfach too much. Es entwürdigt die Eleganz und Smartness, die der Film am Anfang ausstrahlt und die selbst das Slasher-im-Weltall-Finale nicht ganz ruiniert. Aber ein kitschiges Happy End? Please…!!!

Insofern ist Sunshine durchwachsen. Einerseits der beste, eleganteste Science Fiction Film seit… seit ewig. Und ich meine, richtig SF. Nicht Space-Opera à la Star Wars, nicht Franchise-Vehikel wie Star Trek und nicht Neo-Cyberpunk wie Matrix, sondern richtig klassische Science Fiction, die fast nahtlos an die Tradition der späten 70er Jahre anknüpft, als die Zukunft noch denkbar erschien. Darüber hinaus verleiht Boyle seiner Crew, obwohl sie vom Drehbuh her etwas 08/15 wirkt, durch die feinen Nuancen der Darsteller, eine Tiefe und Glaubhaftigkeit, die einen schnell dazu bringt, Empathie mit den Mitgliedern zu entwickeln… und nicht nur mit den ein zwei klassischen Helden, sondern auch mit den Nebenrollen. Wenn die Crew über den Tod eines Mitgliedes abstimmen muss, damit der Sauerstoff für die Mission reicht – solche Momente leben von den Darstellern und die entfalten ihre Rollen hier exzellent. Das macht das typische Zehn-kleine-Negerlein-Wegsterben der Crew im weiteren Verlauf so packend… hier sterben Leute, von denen man eigentlich möchte, dass sie durchkommen, weil man sie mag. Die Protagonisten sind alles andere als eindimensional, sondern kriegen im Rahmen des in der kurzen Zeit Möglichen eine Multivalenz und eine Motivationstiefe, die beeindruckt für einen Film dieser Sorte. Auch Boyles Sinn für Pop-Ästhetik, für starke Bilder, den er in Trainspotting, 28 Days Later und sogar in A Life Less Ordinary bewiesen hat, überträgt sich in dieses wieder neue Genreexperiment des ruhelosen Regisseurs. Es gab selten seit 2001: Odyssee im Weltraum einen eleganteren SF-Film, der die schiere Unvorstellbarkeit, die Über-Menschlichkeit des Weltalls besser, schöner, atemberaubender kommunizierte. Die Art wie Staub schwerelos aus einer Luke dringt, die surrealen Dimensionen zwischen Mensch und Maschinen, die Weite, die Sonne als permanente Präsenz, magisch, lebensbringend, tödlich, metaphorisch… das ist definitiv makellos gemacht.

Auf der anderen Seite kippt der Film irgendwann gnadenlos in die Erzählstrukturen eines relativ normalen Hollywoodthrillers. Was durchaus spannend ist und als Zuschauer fiebert man ja durchaus auch gerne mit, wenn Boyles Kamera in immer hektischeren Bildern den Kampf zwischen Capa und Pinbacker erzählt… aber ein wenig enttäuschend ist diese aus zig Alien-Filmen allzu vertraute Konstellation dann doch. Die ohnehin nie zu stringente Logik verlässt den Film am Ende vollends, ebenso wie der Mut, einen «kleinen» Film zu machen. Einen klassischen SF-Film zu produzieren, ist ein enormes Risiko, wahrscheinlich wollte Boyle sich da nach dem eher gefloppten Kinderfilm Millions keinen Patzer erlauben. Aber selbst mit diesem Einknicken am Ende, selbst als allzu offensichtlicher Zitate-Film ohne wirklich große eigene Leistung und selbst mit dem aufgepappten Happy End ist Sunshine bereits jetzt ein moderner SF-Klassiker, der die Eleganz und Elegie alter 70er-SF mit dem Grim’n'Gritty der 80er und der digitalen Leistungsshow von heute zu einem überraschend homogenen Gesamtwerk kombiniert, das bei aller klassischen Spannungserzeugung durchaus auch Tiefgang unterbringt. Mehr Mut zur eigenen Aussage, mehr Mut zum Autorenfilm und ergo eben ein besseres Drehbuch hätten aus Sunshine einen wirklich wichtigen Meilenstein gemacht und Boyle einen Schritt näher an den Thron des wie er Genregrenzen sprengenden Vorbildes Kubrick gebracht… so ist es eben einfach nur ein sehr guter moderner Film geworden ;-D.

19. April 2007 10:21 Uhr. Kategorie Film. 3 Antworten.

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