
Oh, dieser Film müsste eigentlich Dreck sein. Nicht nur, weil er von den Machern von Little Miss Sunshine stammt und auch noch – winkwink – das Sunshine in den Titel dieses Films geprügelt wurde, sondern vor allem, weil der Trailer dir einen lustigen kleinen Film über zwei Mädels vorgaukelt, die sich bei Tarantino’s Pulp Fiction eine Scheibe abschneiden und die blutigen Überreste von Toten beseitigen. Well, that’s funny, isn’t it?
Tatsache ist aber, dass der Trailer eine reine Mogelpackung ist – und in dem Versuch, komisch zu sein sogar eine wichtige Wendung des Films verrät. Sunshine Cleaning ist absolut ein witziger Film, aber kein lustiger. Tatsächlich ist Sunshine eigentlich ein Film über nichts, und das macht ihn so wunderbar. Im Grunde passiert wenig, fast nichts in diesem Film. Christine Jeffs erzählt subtil konstruierteine Geschichte der Enttäuschungen, und legt fast überdeutlich Wert darauf, bestimmte gewohnte Zuschauererwartungen eben nicht zu erfüllen. Jeder kitschige Moment – wie etwa die weinenden Amy Adams und Emily Blunt im Bad – wird im richtigen Moment abgewendet, jede vorhersehbare Wendung – wie etwa die Frage, ob Adams mit dem von Clifton Collins Jr. wunderbar ruhig gespielten einarmigen Reinigungszubehör-Verkäufer Winston zusammenkommt. Es bleibt viel offen in diesem Film, ganz wie im richtigen Leben, und so wie die durch zig standardsierte Filmverläufe behaviouristisch herangezüchteten Erwartungen des Publikums enttäuscht werden, so werden auch die Protagonisten im Film eigentlich permanent enttäuscht. Der von Jason Spevack gespielte Sohn der inzwischen zur Putzfrau mutierten Ex-Cheerleader-Queen Rose Lorkowski (Amy Adams) wünscht sich zum Geburtstag ein High-Tech-Superfernglas… bekommt aber am Ende ein altes Zeiss-Fernglas, woraufhin ihm Winston erklärt, im Grunde sei das alte Fernglas doch viel toller, da hänge jede Menge Geschichte dran. Die Szene hat Schlüsselcharakter – nicht nur, weil Winston, der einarmige, introvertierte Flugzeugbastler-Geek, nur zu genau weiß, wie man Erfahrungen kanalisiert: Du kriegst nie das, was du zu wollen glaubst, also mach das Beste aus dem, was du kriegst. Diese Bescheidenheit zieht sich durch den gesamten Film und seine Fehlschläge. Roses Affäre mit dem Cop Mac, Roses Wiedersehen mit ihren schnepfigen Ex-Klassenkameradinen, das komische Mißverständnis von Lynn (Mary Lynn Rajskub aus 24, hier keinen Deut weniger vergrätzt als in ihrer Rolle als Chloe), die sich unbeholfen in Norah verliebt, Norahs eigene Suche nach Frieden mit dem Tod ihrer Mutter… all diese Enttäuschungen präsentiert Megan Holleys Drehbuch meist trocken, in groben Bleistiftskizzen, die gottseidank auf allzu viele Details verzichten. Mit nur einem Hauch mehr Erklärung, mehr Detail, mehr Mehr wäre der Film eine schlimme Kitschorgie geworden, aber so distanziert und ruhig, mit den sparsamen Bildern und dem fast britisch/Skandinavischen Underdog-Flair funktioniert die Geschichte ausgezeichnet, weil sie (fast) nie zu viel will. Oft überlassen die Autorin und die Regisseurin die Schlussfolgerungen ihrem Publikum und vertrauen darauf, nicht alles erklären zu müssen, und das gibt dem Film seine Kraft. Ein beindruckendes Beispiel hierfür ist eine Szene, in der Norah und Rose die Überreste eines Selbstmörders, der Alzheimer hatte, beseitigen. Den gesamten Background, soweit man ihn braucht, gibt der Film mit Hilfe kleiner Post-It-Notes, mit denen das Haus gespickt ist und mit denen der Kranke sich offenbar an die banalsten Dinge des Lebens – «Close Door» – erinnerte. Nicht nur, dass sich so ein ganzer Kosmos von Leid eröffnet und der Suizid als solcher erschlossen wird, sondern auch hier spiegelt sich die Grundthematik des Films wieder. Was sich im Trailer als Sitcom verkauft, ist in Wirklichkeit eine kernsolide Charakterstudie – und das nicht zuletzt dank der exzellenten Besetzung.
Amy Adams und Emily Blunt sind eine Traumbesetzung für den Film. Adams nimmt man die Rolle der Ex-Beauty-Queen absolut ab. Da ist die aristokratische Nicole-Kidman-Nasenspitze, der sommersprossige Teint, die rote Mähne einerseits, andererseits sind da Müdigkeit, Augenringe, ein paar Gramm zuviel am Bauch, und auch Emily Blunt ist keine Schönheit – bis sie komisch ihr Gesicht verzieht oder lacht und plötzlich die Leinwand beherrscht. Selbst in anderen Filmen eventuell aufgesetzt wirkende Momente, wenn etwa Rose mit ihrer toten Mutter über ein CB-Funkgerät spricht oder Norah unter den Gleisen einer Zugbrücke im Funkenflug für einen Moment glücklich ist, werden von den Darstellerinnen als glaubhafte Oasen in einem weitestgehend dysfunktionalen Alltags gespielt, Teil einer seltsam melancholisch-magisch-humorigen Mischung, die dieser dunklen Komödie den Drive verleiht. Aber auch die Nebenrollen, von Alan Arkin, der die Stehaufmännchen-Philosophie des Films bis an die abstruse Grenze verkörpert oder Judith Jones, die als Paula Datzman-Mead die hässliche Seite des einfachen Erfolges aufzeigt, sind perfekt besetzt und spielen mit minimalem Aufwand ihre Figuren auf den Punkt, ohne sich je in den Vordergrund zu drängen. So seltsam es klingt, die Stärke des Films ist, dass er weitestgehend unambitioniert und low-key ist und insofern seiner eigenen Botschaft gerecht bleibt. Sunshine Cleaning ist ein wohltuend unaufgeregter Film, der ohne tiefschürfende Erkenntnisse, ohne große Gesten auskommt, der nicht aufdringlich witzig oder traurig oder sonst überhaupt irgend etwas ist. Böse gesagt, plätschert der Film ganz und gar unspannend daher und liefert nicht einmal ein versöhnliches Ende – aber gerade diese Normalität macht das Ganze sehenswert. Die Dialoge und die Handlung sind niemals (ganz) vorhersehbar und laufen bis zum Schluss bockig gegen jede Art von Hollywood-Drehbuchlogik, was an und für sich eigentlich schon eine Wohltat ist, selbst wenn der Film nicht mit guten Darstellern, hervorragender Kameraarbeit und vielen sympathischen Touches gespickt wäre. Warum es allerdings ein «Sunshine» im Titel braucht, um auf Little Miss Sunshine zu verweisen, einen Film, der in keiner Hinsicht etwas mit diesem hier zu tun hat und völlig anders funktioniert, ist mir ein Rätsel.
1. Juni 2009 14:31 Uhr. Kategorie Film. Tag Comedy. Eine Antwort.
[...] dahinter steckt. Vielleicht auch nur, weil es so schön an die kleinen Alzheimer-Zettelchen in Sunshine Cleaning erinnert… und weil die Vorstellung eines Demenzkranken am Steuer eines Fahrzeugs so surreal [...]