
Ich hab den anonymen, seltsamen Look von Tabletten immer schon geliebt und war mehr als verblüfft, zu sehen, daß Damien Hirst dem Ganzen tatsächlich eine eigene Ästhetik abgewinnen konnte. Medizin ist wunderschön, weil matter of fact. Ich finde es entsprechend schlimm, wenn die Pharmaindustrie sich dem Alltagsdesign in der Form öffnet, daß DayMed zum Beispiel jetzt aussieht wie ein Konsumprodukt und immer mehr Firmen Print- und TV-Anzeigen schalten. Kontraproduktiv. Medizin muß nach Medizin aussehen, nicht nach Waschmittel oder Coke .
31. Mai 2006 22:33 Uhr. Kategorie Stuff. 5 Antworten.
«Medizin muß nach Medizin aussehen»
was im Gegenzug heißt: Waschmittel muß nach Waschmittel aussehen! Das schwingt mir zuviel marketingtypische faulheit im subtext mit ;-)
Zwischen waschmittel und Medizin gibts schon Unterschiede, finde ich. Aber zugegeben, ich würde auch was drum geben, wenn Waschmittel wie Waschmittel verkauft wird. Nämlich als Waschmittel. Dann gäbe es schlagartig viel weniger, weil sie eh alle gleich sind und uns würden weisser-als-weiss-Psychopathien erspart bleiben.
Und Jesus, wäre es schön, wenn das Marketing mal faul wäre. Die Probleme sind ja da, wenn das Marketing im Overdrive ist. Und mit Zielgruppen und USP und was weiß ich was für nen Mist kommt… statt einfach die Marke Marke sein zu lassen. In den 60ern war das Marketing schwach und die Werbung gut. Woran liegts wohl?
da hole ich doch gerne wieder einmal einen alten nzz folio artikel hervor ;)
«Krieg der Bürsten»: http://www-x.nzz.ch/folio/archiv/2005/04/articles/zimmermann.html
die marketer sind faul. genau diese worte wie «usp», «tonality», «reason-why», ach diese ganzen leeren worthülsen sollen den marketer doch vom nachdenken befreien. der marketer (ich bin furchtbar pauschal – ich weiß) versteckt sich hinter seiner pseudo-zielgruppe, damit er ja keine ECHTE lösung finden muss. das wäre ja arbeit. «die waschmittelkäufer (oder auch hausfrauen) sind dumm, wir müssen babies zeigen, das wirkt bei denen» – wo ist da der overdrive? ich durfte bis jetzt keinen marketingwirt kennen lernen, der in irgendeiner form von «veränderung», oder «etwas wagen» gesprochen hat. kein drive und schon gar nicht over. höchstens beim schuh-kauf :-D
die marketer sind aber vor allem so, weil sie damit durchkommen. die angst der unternehmen verlangt ja förmlich nach einem «usp» und dem «consumer benefit». das ist wie mit schlechten soaps: die leute kriegen nur das, was sie wollen, so erbärmlich es auch sei. die jungs in der chefetage stehen auf den gegeelten anzugträger, der mit anglizismen um sich schmeißt und sie einlullt mit längst überholten marketingweisheiten.
Was das Fehldenken von Marketing betrifft, müßte ich dich eigentlich an Jens weitervermitteln, der kann da wunderbar von erzählen. Es gibt Firmen, die machen sehr viel sehr richtig (Apple/BMW-Mini) und es gibt Marketing-Leute, die machen alles verkehrt. Die glauben, einer (meist fiktiven) dummen Zielgruppe (über die sie oft in dem Ton eines Kindergärtners anläßlich eines schwer erziehbaren Kindes sprechen), der man mit Gewalt und allerlei faulen Tricks beibringen muß, doch bitte endlich Produkt X zu kaufen. Das Produkt X wivlleicht AN SICH gar nicht kaufenswert ist und das Marketing bei den klassischen Designqualitäten, also bei der realen Faszination von Produkt und Marke, ansetzen sollte, kommt denen nicht mal in den Sinn.
Was ich teilweise bei Pitches über die «Kundschaft» höre, ist etwas erschreckend. Wenn du als Marketingmann nicht bereit bist, deine Klientel zu lieben, hast du ein Problem.
Es gibt immer Ausnahmen, es gibt grandiose Leute im Marketing, mit denen zusammenzusarbeiten eine Wucht ist, die ihre Marke lieben, denen klar ist, daß man keine Zielgruppe bespielen soll (wenn man auch schon an den potentiellen Empfänger einer Botschaft denken sollte), sondern einen Marken-Magnetismus aufbaut. Das ist nach wie vor alles, was man tun kann. Das und eine Menge reale Arbeit. Gutes Marketing füttert dich mit realen Daten. Umfragen, Statistiken, User-Auswertungen. Fakten, die helfen, das Design wirksamer zu machen.Die strategische Entscheidungen mögliuch machen – machst du besser eine Plakatkampagne oder lieber Direktmarketing, welche Angebote lassen sich sinnvoll für welche bisherigen Nutzer schnüren, wer nutzt wie gezielt was. NEUE, unbekannte Nutzer erreicht man so natürlich nicht, ihier braucht man nach wie vor ablatives Denken. Und vor allem: Die Zahlen haben nichts mit der tatsächlichen Ansprache zu tun. Nur, weil du 60% Publikum um 55 hast, solltest du noch lange nicht so auftreten, wenn es nicht zur eigentlichen Marke paßt. Ansonsten würden bei Marlboro längst Frauen auf den Pferden sitzen.
Das Problem an schlechten Soaps, freilich, ist: Als halbwegs gescheiter Mensch sagt man: Oh Gott, was für ein Müll. Aber der Müll läuft, erfolgreich, seit Jahren. Wie die Bild-Zeitung. Es dürfte keinen ansatzweisen Grund fßr die Existenz des Blattes geben. Aber die lebt und lebt und lebt. Geschmack ist keien Garantie für Erfolg. Klar ist aber, daß man selbst nicht an Sachen arbeiten kann, die einem nicht »schmecken«, Deshalb könnte Nina für GZSZ sicher schneller und effektiver eine Kampagne bauen als ich, der ich die Serie nicht sonderlich kenne und nicht mag. Mit dem im Hinterkopf: Das Beste an der Bild ist die Werbung von JvM.
Was wir brauchen, als Designer, als Kunden, als Unternehmen, als Markt, ist ein neues Denken im Marketing, das ganzheitlich ist, das weniger von abstraktem BWL geprägt ist, das zwar durchaus Marktdaten verarbeiten und integrieren kann, aber zugleich auch in der Lage ist, das Bauchgefühl, den Drive, den Enthusiasmus und Druck von Firmengründern wiederzubeleben. Arbeit in kleinen Teams, Hochdruck, Mut, Vertrauen in die Kraft der eigenen Marke. Ungewöhnlich denken, dem Kundenkreis ein zwei Schritt voraus denken, provozieren, verführen, informieren, überzeugen. Einfach gut sein. Gute Produkte ersinnen, schon bei der Planung an das Marketing denken, integriert und vernetzt arbeiten, kreativ sein. Die Nr. 1 sein. Die wenigsten Firmenmachen das, weil die Firmenkultur genau gegen ein solches Arbeiten funktioniert. Es wird, unter dem Druck des Marktes und des Erfolges von Firmen, die Design-Management-Strukturen aufgreifen, sicher Veränderung geben. Die virtuellen kleinen Strukturen, das Experimentelle, der Mut, den kriegst du so mirnixdirnix in die Deutsche Bahn. Der Unterschied zwischen Benz und BMW (bei denen dieProbleme aber spürbar auch hinter den Kulissen losgehen) ist das ein Beispiel dafür, daß müdes Marketing ein Ergebnis ridiger, demnach ermüdeter Firmenstrukturen war.
Ich lese gerade die Biographie von Howard Hughes. DER Mann war ein Marketing-Genie :-D.
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Thierry: Von den wunderbaren Little-Nemo-Artwork bis zum Artikel. Danke, grandios!!