
Durch die Pressekonferenz am Montag zu Stuttgart 21 – dem von Christoph Ingenhoven (und ursprünglich Frei Otto mit-) entworfenen neuen Stuttgarter unterirdischen Bahnhof, dessen Bauarbeiten Anfang August begannen – und die zum Teil ja heftigen öffentlichen Reaktionen darauf, kommt mir in den Sinn, wie schwer es heute für Architekten und Designer ist, das Neue und vor allem das Nicht-Mittelmäßige, das Nicht-Gewohnte zu kommunizieren. Die bornierten und populistischen Kommentare zum Bahnhof – bei denen man das Gefühl nicht loswird, als würden hier recht viele Dinge, politischer Filz, DB-Geschäftemachereien und eben ein neues Gebäude, das mit all dem letztenendes nicht ursächlich verbunden ist, sondern nur zum Symbol der Aufregung hochgejazzt wird – machen deutlich, wie gemütlich sich viele Menschen im Vertrauten und im Bekannten eingerichtet haben. Alles, was diese Tapetenhaftigkeit verändert, wird in Zeiten, in denen ja ohnehin alles im Flux ist, umso vehementer angegriffen, oft in einer verwirrenden pseudoökologisch-neokonservativen Rückwärtsgewandtheit, in der sich eine oberlehrerhafte Modernisierungsangst artikuliert, wie man sie ansonsten bestenfalls aus den Kundenbriefen von Manufaktum kennt.
Ob Elbphilharmonie oder Stuttgart – natürlich ist es falsch, wenn Architekturprojekte zu Bereicherungsmaschinerien für Privatiers und Fianziers, aber auch Baufirmen oder Politikern mutieren… aber dieser Prozess, das inzwischen nahezu jede öffentliche Vergabe einem Labyrinth gleicht, in dem am Ende eben doch egoistische Interessen oft obsiegen, kennen wir auch vom Autobahnausbau – aber wir würden wegen der Privatisierung von Teilstrecken, endlosen Baustellen und kafkaesken Absurditäten nun nicht die Autobahnen als solche in Frage stellen (obwohl das mehr Sinn macht, als einen modernen Bahnhof zu verhindern, finde ich).
Ich war letztens selbst im schönen Stuttgart und konnte selbst sehen, dass der Stadtkern durch die Idee eines unterirdischen, infrastrukturell nahezu unsichtbaren Bahnhof, der oben einfach urbanen Freiraum schenkt, nur gewinnen kann. Man mag argumentieren, dass sie in der Mitte oft hochgradig zugebaute Stadt dadurch auch nicht mehr zu retten ist, aber jedes bisschen zählt. Man hat in Essen beim Abriss am Limbecker Platz gut gesehen, wie wunderbar ein großer Freiraum in der urbanen Mitte sein kann, eine Lunge, ein Park, ein Ausblick ohne Hochhäuser – bis dann ein riesiges Shoppingcenter den freien Ausblick gegen eine graue Gitterwand mit Konsumlogos austauschte und damit erst unfreiwillig umso deutlicher machte, wie wichtig ungestörter, ruhiger Blick ist.
Insofern wirkt es gerade etwas verstörend, wenn eine Mixtur aus «Unser-Dorf-soll-schöner-bleiben»-Gestrigen und einem seltsam falsch verstanden konservativen Ökologismus nun in einer anti-modernen Haltung schockgefroren verharren, wo wir eine Zweite Moderne nicht nur dringend brauchen, sondern in neuer, weniger dogmatischer Form, doch längst auch ansatzweise deutlich erleben. Es wirkt seltsam, wenn ein Architekt, der fast als Pionier einer offenen, hypermodernen und zugleich deutlich am Menschen orientierten durchlässigen Architektur nun ausgerechnet von den Grünen angegriffen wird, die in der Rolle der Bestandsverwalter seltsam deplaciert wirken und mit der Totalverhinderungsmentalität auch die sinnvollere Mit-Gestaltungsoption verzichten, S21 zu einem «grüneren», also zukunftstechnologischeren Projekt zu machen.
Wir kennen das selbst als Designer – die Mühsal der Veränderung. Was immer du machst, wenn es einen wirklichen grundlegenden Wandel nicht nur oberflächlich sondern im Denken und Handeln bewirkt, wenn es ungewohnt oder etwas «anders» ist, kannst du darauf wetten, es werden sich die die Bestandswahrer melden, die ihre Formulare im «gewohnten» Look haben wollen und die die «Das-war-doch-immer-so-warum-ist-das-jetzt-anders»-Melodie anstimmen. Nach 15 Jahren Erfahrung kann man den Text dieser Menschen, deren Bedenken man trotz allem natürlich ernst nehmen muss, fast lippensynchron mitsingen. Der Clou ist freilich, dass man genau weiß, in zwei Jahren meckern die gleichen Leute, wenn das dann «vertraute» neuere Design weiterentwickelt und verändert wird. Es gibt einfach Menschen – durchaus viele -, denen jede Veränderung, jeder Fortschritt, jede Unsicherheit Angst macht, denen die Mehrarbeit, sich auf neue Prozesse… selbst wenn diese, einmal verarbeitet, unweigerlich vorteilhafter sein mögen… einzulassen, nicht vermittelbar scheint. :-D Erik Spiekermann hat hieran einmal begründet, dass sich das Mittelmaß deshalb so oft durchsetzt (und nicht das «Beste»), weil es am wenigsten begründet werden muss, am leichtesten auch vom Mittelmaß selbst wieder verstanden wird, weil die Nomenklatura am wenigsten für «schwierige» Ideen kämpfen muss, weil man nichts hat, woran man sich reiben kann. Aber: «Nur wo die Dinge sich reiben, entsteht Glanz» (dank an Karin Schmidt-Friderichs ;-D).
Nun geht es mir weniger um die Frage, ob S21 ein gelungener Entwurf ist – ich persönlich finde, allein die Tatsache, dass so viele Menschen einen doch inzwischen recht alten, durch zig Kompromisse und bürokratische Mühlen gegangenen Ansatz immer noch als «futuristisch» bezeichnen, spricht fast für sich und die Qualität der Idee, ebenso wie mich eine Architektur anspricht, die uneitel genug ist, sich nahezu unsichtbar zu machen und unter der Erde zu verstecken. Würden wir von Koolhaas, Hadid, Foster oder Libeskind diese Art von Zurückhaltung erwarten dürfen, deren Ästhetik sich fast nur noch technologisch-teleologisch artikuliert, in Form von Lichtaugen, deren Form der Funktionalität folgt, an deren klarer Gestalt sich Designer wie Aicher oder Rams kaum würden reiben können. Obwohl ich die Elbphilharmonie von HdM als «Signature Architecture» deutlich weniger mag – das Gebäude ist ungleich eitler als S21 -, geht es aber darum, dass wir Projekte wie Stuttgart oder Hamburg brauchen. Trotz absurder Mehrkosten (die es einzudämmen und zu kontrollieren, zu demokratisieren gilt), trotz aller Bedenken. Wir brauchen eine Kultur der Zukunft in unserer Architektur, unserer Technologie, unserem Design – eine Idee von einem «Morgen», auf das unsere Architekten hinbauen, auf die wir Designer zugestalten – in Form von Produkten und Bauten, die die Zukunft vorwegträumen, die eine Fuller-esque Entschlossenheit zum Anderen haben. Das Wichtige an S21 ist nicht ein Lichtschacht oder die Frage, ob man einen alten Bahnhof abreisst oder nicht – sondern der futuristische Gestus, der Mut, nicht eine U-Bahn, sondern einen ganzen Bahnhof unter die Erde zu verlegen, eine komplexe, unsichtbare Maschinerie unter die Stadt zu legen in einem technologischen Zauberstreich, der Bevölkerung einen Open Space zurückzugeben, einen Ort zum Flanieren oder Entspannen, und zugleich eine fast magische Aufwertung von Technik zu ermöglichen, die elegant und leicht zu verschwinden scheint. Es ist die Idee von Apples altem OS X, von einem neuen Interface, dass der Blackbox Binärcode ein menschliches Antlitz gab, übertragen auf ein technisches Konzept von Mobilität. Natürlich gebrochen – wir sind nicht so weit, von weißen, sauberen, reinen Bahnhöfen träumen zu dürfen… aber die Idee verdient Applaus. Aus den ehemaligen Kathedralen der Moderne, die sich eitel in den Skylines wie platte Würmer breitmachten, sind inzwischen reine Schmuddelorte geworden. Und wenn auch S21 auf Dauer sicher eben doch auch wie jeder Bahnhof ganz banal ein Ort für Bäckereien und Drogeriemärkte, Dönerstände und Junkies, Pissoirs und Abgase sein dürfte – wer mag bei den Renderings und Zeichnungen aus dem Büro Ingenhoven nicht von einer Zukunft träumen, in der wir umweltfreundlich mit blitzschnellen Zügen sauber und effizient von einem unterirdischen Terminal zum nächsten Sausen, ohne die Welt darüber mit Gleisen zu vernarben?
Tatsache ist, wir brauchen solche Objekte des Träumens, die uns ermöglichen, Reisen und Verkehr anders zu denken, eine an Stanley Kubrick gemahnende Ästhetik in die Profanität des ICE-Alltags zu suggerieren. Ein Projekt wie S21 – mit allen Fehlern und allen Kompromissen – ist das Versprechen einer Zukunft, in der Bahnfahren sexy ist. Und ebenso wie wir Bike-Designer brauchen, die das Fahrrad zum «coolen» Objekt machen, zum dem Auto vorzuziehenden, besseren Fortbewegungsmittel, so brauchen wir eben auch Architekten, die unterirdische Zukunftswelten denken, in denen Reisen zu einer futuristischen Vision wird. Auch wenn der reale Bahnhof unweigerlich dieser Vision nie gerecht werden kann.
Es ist an dieser Stelle nicht meine Aufgabe, über die komplexe und widersprüchliche Sinn- oder Sinnlosigkeit einer Untertunnelung zu sinnieren, das Thema finde ich auch denkbar langweilig, zumal es die Architektur nicht tangiert. Wer glaubt, ein Architekt könne solche Entscheidungen maßgeblich beeinflussen, sollte überlegen, warum das Büro Ingenhoven seit ewiger Zeit um diesen Bahnhof kämpft – ein Architekt hat denkbar wenig Einfluss auf Entscheidungen eines Bahn- oder Landeschefs. Auch als Designer habe ich bestenfalls absolut indirekt Einfluss auf die Wege, die ein von uns betrautes Unternehmen geht – man kann zureden und einflüstern, inspirieren und anregen, aber man hat keinerlei Macht, man ist ja Dienstleister.
Die Angst, die man haben muss, ist, dass die Kommunen unter der Negativ-PR, wie wir sie in Hamburg und Stuttgart gerade erleben, unter dem Hype von Bürgerbefragungen und Protesten und Pressespektakel in Zukunft falsch reagieren. Richtig wäre, ganzheitlicher und transparenter zu planen und Verfilzungen und Geschäftemacherei zu unterbinden (so unmöglich das in der Baubranche meist ist). Falsch wäre, in einer Art Schreckstarre gegenüber der Öffentlichkeit zu verharren und auf stadtplanerischen Mut zu pfeifen. Denn eins muss klar sein: Am Anfang sind meist immer alle dagegen. Es gibt einen Impuls bei den meisten Menschen, der das Neue ablehnt – selbst dann, wenn das «Alte» offenbar kaum noch richtig funktioniert, umso mehr, wenn es noch passabel zu laufen scheint – und lieber in gewohnten Bahnen bleiben möchte.
Wir leben, vereinfacht gesagt, in anti-idealistischen, anti-utopistischen Zeiten. Das ist, gegenüber den Zwanziger Jahren, ein großer Verlust. Man mag sagen, dass aus den großen Utopien jener Zeit die Monster von Stalinismus und Faschismus geboren wurden, aber schaut man sich den Beginn des letzten Jahrhunderts an, ist man verblüfft über die künstlerische und soziale, literarische und musikalische Energie, die sich an der Gegenwart (auf)reibt, die in die wildesten Richtungen gegen die Wirklichkeit fabuliert und weit entfernt ist von dem traurigen Realpolitik-Umgang, den Kultur heute mit der Gesellschaft pflegt. Wir sind eine Welt, in der das kleine Rad wichtiger scheint als der große Wurf, in der Reform einen schlechten Beigeschmack bekommen hat, in der schon die Idee einer anderen Gesellschafts- oder Wirtschaftsorganisation selbst angesichts massiver Wirtschaftskrisen so unvorstellbar scheint wie die Idee eines anderen Umgangs mit Energie und Ressourcen, selbst wenn die halbe Welt im Sturm versinkt.
Stuttgart ist, so banal das klingt, das Opfer schlechter Planung und schlechter Öffentlichkeitsarbeit, einer antibürgerlichen Politik, die jetzt wahrscheinlich zurecht das Echo zu spüren bekommt. Es ist verständlich, den sichtbaren Ausfluss dieser Politik – den Bahnhof – zum Prügelknaben zu machen, aber es ist dumm. Die Reaktion der Politik wird sein, weiter business as usual zu machen, weiter hinter verschlossenen Türen zu dealen – aber in Zukunft auf städtebaulichen Mut zu verzichten und auch architektonisch im Kleinklein zu bleiben. Es wird immer und ausnahmslos schwer sein, die Öffentlichkeit von Gebäudeentwürfen à la Morphosis und Sauerbruch Hutton zu überzeugen, so wie es nicht einfach war, die sperrige Ästhetik des Eisenmann-Mahnmal zu kommunizieren. Halbwegs mutige Architektur ist nichts für den kleinsten gemeinsamen Nenner, sie begeistert erst mit etwas Abstand und muss überzeugen dürfen. Selbst vernünftige, zukunftsweisende, wenig symbolische Architektur wie die eines Christoph Ingenhoven, der ja eher dazu tendiert, seine Gebäude fast unsichtbar in die Natur einzubetten, sind noch anders genug – futuristisch genug -, um offenbar den Mob von der Kette zu lassen. Der sich offenbar anstatt eines unterirdischen Bahnhofs, der Raum für die Stadt freigibt, immer noch eine hochherrschaftliche Kirchen des Verkehrs wünscht, eine altbackene Architektur der Macht, die sich nicht sanft zurücknimmt, sondern nur gebaut ist, um zu beeindrucken.
Es ist insofern der öffentliche Protest, der selbst unweigerlich den Weg des kleinsten geringen Nenners gehen muss und vereinfacht, der die bestehenden Strukturen nicht hinterfragt, sondern verfestigt. Die Verfilzung von Politik und Wirtschaft wird eher nach Wegen suchen, noch verborgener, noch sicherer im Untergrund zu werkeln, ohne negative öffentliche Meinungsäußerungen zu provozieren, bestenfalls werden PR-Profis versuchen, in Zukunft Großprojekte vorzukommunzieren und die Citoyens zu steuern. So verständlich und richtig der Protest der Bürgerschaft gegen eine Politik ist, die scheinbar losgelöst und machtvergessen in die eigene Tasche wirtschaftet und dafür selbst infrastrukturellen Unsinn in Kauf nimmt, so falsch ist der Wir-sind-das-Volk-Komplettprotest. Wichtiger und zentraler wäre, die aktiven Bürger mehr in die Politik zu bringen, stärker zu involvieren und zu gestaltenden Kräften der Stadt zu machen – sprich, ein komplett anderes Denken über Politik einzufordern anstatt einen Kopfbahnhof. Aber vielleicht ist es einfach einfacher, gegen etwas zu sein, als für etwas. Gegen braucht noch keine Antworten, keine Utopien, keine Ziele, für ist schon deutlich schwieriger. Zentral aber wäre, dass sich Bürger, Politiker, Unternehmen und auch Architekten an einen Tisch setzen und über die Städte, das Zusammenleben von morgen nachdenken. Während der jetzige Protest den Status-Quo zementieren will, nur gegen den Wandel an sich zu sein scheint, wäre es deutlich spannender, offene Netzwerke zu spannen, in denen der ja unhaltbare Status Quo hinterfragt, durch das Säurebad der Zukunft gejagt wird und mit Mut und Energie an der Urbanität von morgen gewerkelt wird. Stuttgart könnte dafür ein guter Einstieg sein, Hamburg ebenso. Wichtig ist, den berechtigten Unmut der Bürger zu etwas positivem zu formen und die Protestler zu fordern, mehr als nur ein «Nein» zu liefern, sondern eine positive, langfristige, zukunftsgerichtete Energie zu stiften, die uns endlich aus dem postmodernen Permafrost befreit.
Bild: Ingenhoven Architects.
27. August 2010 10:06 Uhr. Kategorie Design. Tag Architektur, Denken. 23 Antworten.
YES! so unterschrieben. zu wenig utopien in unserer gesellschaft … leider.
atomkraft hat versagt. gesellschaftssystem sind kollabiert. was bleibt? das »traute heim«, dass ich kenne, in dem ich der herr bin. das ist alles sehr sehr schade, dass es so ist.
also eigentlich brauchen wir wieder ein atom-äquivalent und eine ganze welt träumt ein zweites space-age …
Atomkraft war eine Utopie??
das, was mit atomkraft denkbar war. so habe ich zumindest diese komplette euphorie verstanden. vielleicht ist es besser zu sagen: die energie, die zur verfügung stand unter dem symbol des atoms.
Wann gab es jemals Euphorie um Atomkraft, außer in den Portemonnaies der Energieunternehmen? Selbst in den fünfzigern, als man noch eine gewissen Naivität mit Atomstrom haben durfte, waren fast alle Filme im SF/Horrorgenre von einer massiven Angst vor nuklearer Strahlung usw.geprägt. The Incredible Shrinking Man, Them! und so weiter… selbst die X-Men sind ja «Children of the Atom», also Mutationen.
Utopie ist anders ;-D.
Aber ich weiß was du meinst – die Vorstellung einer Energiequelle, die HighTech ist und scheinbar unerschöpflich und eine SF-Welt in Wohlstand und Wachstum sichert, der American Dream der Jetson-Family. In etwa das, was wir uns heute von der Solarenergie versprechen würden.
naja das design der autos zum beispiel. aber ich glaube ich schmeiss hier zwei sachen zusammen, die nicht so recht zusammen gehören. »space age« also designrichtung und atomkraft.
wobei ich denke, dass eins das andere hervorgebracht hat. die energie lieferte immerhin den traum vom kraftvollen antrieb für raketen. der aufbruch ins all dann wiederum das design dazu.
die jetsons sind eine funny bejahung des themas. diese ganzen filme zu dem thema sind sicherlich eher kritisch damit umgegangen, was ja auch eine aufgabe von film ist.
aber mal zum thema zurück: dienstleistungsarchitektur im öffentlichen raum wird sicher selten kritisch zu irgend etwas sein. sie kann aber sehr wohl der ausdruck eines bestrebens nach einer ideellen zukunft sein. zumindest wäre es das, was ich mir wünschen würde. ich sehe das ja ähnlich wie du, dass wir mehr leuchttumprojekte in den städten brauchen, damit meine ich keine überdimensionierten phallussymbole ala foster und co. :)
GENAU! Du hast sehr gute Worte für das ganze Thema gefunden.
Ist die Homöostase dem Menschsein nicht eigen? Es gibt sicher einen oder mehrere Gründe dafür warum empfindungsgemäß früher alles besser war, es lohnenswerter erscheint zu erhalten statt zu verändern. Gefährlich für das System wird es immer dann, wenn konserviert und zementiert wird, es also immer engere Grenzen für Mutationen gibt.
In Systemen in denen jeder eine Meinung zu allem haben darf ist für extreme, radikale Lösungen und wären sie rückblickend auch noch so sinnvoll gewesen kein Platz. Da kommt einer soll für Tausende festlegen wie urbaner Lebensraum gestaltet wird. Da ist der Konflikt vorprogrammiert, weil Zusammenleben so noch nie funktioniert hat. So mag Design funktionieren aber Zusammenleben is etwas anderes. Wo sich hier Dinge reiben entsteht Spannung und Hitze aber kein Glanz.
Politik kann Utopien heute kaum noch leisten, da sie nur noch damit beschäfftigt ist, den vagen politischen Ist-Zustand zu bewaren um die nächste Wahl zu gewinnen. Es gibt keine gesellschaftliche Fantasie in dieser Zwischenwelt der Ratlosigkeit. Ideen für zukünftiges haben es schwer in Zeiten des krisenhaften Umbruchs. Auch wenn sie und deren Umsetzung bitter nötig wären.
Ein kleiner Trost bleibt uns, dass irgendwann auch die fantastischsten Gedanken sich in einer breiten Öffentlichkeit ausgebreitet haben um Realität zu werden. Siehe Windkraft, Solarenergie oder Magnetschwebebahnen. Alle Sci-Fi aus den 50er 60er Jahren. Selbst Architektur braucht eine Nachfrage.
Eine Alternative wäre es natürlich den Bahnhof als Forschungsobjekt auszuschreiben und ihn parallel zum alten Bahnhof zu betreiben. :-)
Irgendwie scheint in der Diskussion komplett unterzugehen, daß der Bahnhof, ungeachtet seines architektonischen Designs ein paar technische Probleme hat: Anlage in einem starken Gefälle, und die Unterdimensionierung zwecks Finanzierbarkeit, die später nur mit *sehr* viel Geld korrigiert werden könnte und daher auf lange Zeit lähmen wird.
Nichts gegen Utopien und modernes Design, aber bitte nicht auf Kosten der Funktionalität.
>Da kommt einer soll für Tausende festlegen wie urbaner Lebensraum >gestaltet wird.
Das ist seit jeher die Aufgabe von Architekten und Stadtplanern. Genauso wie ein Produktdesigner für Tausende von Menschen festlegt, wie ein Stuhl oder ein Telefon aussieht.
Schön wäre, würde man solche öffentlichen Bauten nicht in Wettbewerben ausschreiben, sondern vom ersten Moment an in einer Art Partnerschaft mit einem ausgewählten Architekten die Bürgerschaft einbeziehen, in Workshops Ideen sammeln. Ich mag es immer sehr, wenn mir ein Kunde bei der Erstehung eines CD die Chance gibt, mit möglichst vielen Mitarbeitern zu sprechen, um ein Gefühl für die Firma an sich zu kriegen – das hier wäre ein ähnlicher Fall. Am Ende aber muss es jemanden geben, der entwirft und fertig.
>Magnetschwebebahnen. Alle Sci-Fi aus den 50er 60er
Die MSchwebebahn ist (glaueb ich mich zu erinnern) eigentlich ja fast schon SF aus dem 19. Jahrhundert, Jules Verne, ebenso wie übrigens das Fax. Das Ding ist aber: wenn wir heute in der Science Fiction von GESTERN leben, wer schreibt dann heute eigentlich die SF für die Gegenwart von Morgen? Keiner mehr, oder?
////
Andreas:
>Unterdimensionierung zwecks Finanzierbarkeit
Ich glaube, dass man dafür aber nicht die Architektur verantwortlich machen kann. Würden 30.000 Menschen skandieren: Mehr Geld für einen besseren Bahnhof – etwa mit den ursprünglich geplanten drei Lichtkehlen pro Reihe oder mit zukunftstauglicheren Trassen, das wäre ja mal super. Man stelle sich vor, Protestler, die nicht gegen, sondern für etwas wären. Gefälle und Untergrund halte ich für Lösbar, was Sobek anpackt ist meist solide, der Mann kommt aus Stuttgart und weiß ja, was er tut. Lieber jetzt gleich richtig machen und dann später nicht nachkorrigieren – finde ich auch. Gefahr ist aber groß, dass man eben jetzt unter dem Druck der Proteste symbolpolitisch einknickt und Budgets erneut kürzt, was dann die nächste Generation bereuen dürfte.
Ich kenne nur zu gut, wie es ist, wenn ein an sich gut durchdachtes Konzept vom Aufttraggeber aus Geldgründen so zusammengestrichen ist, dass die Funktionalität fast in Frage gestellt wird, weil am Ende fast eher imageschädigende Medien entstehen anstelle der liebevollen Publikationsobjekte, die das Büro hier mal geplant hatte – ähnlich ist es auch bei S21 und das wäre fatal. Das Problem ist insofern nicht, dass Stuttgart 21 weg muss, sondern, dass man auf die Gestalter und Planer mehr hören sollte und es gleich richtig und angemessen machen könnte anstatt die übliche maue Kompromissnummer zu machen.
Das ist das Ding: Aus einem Nein muss immer ein Ja für etwas besseres werden können. Aus dem Nein zum Atomstrom musste ein Ja zu erneuerbaren Energien und den entsprechenden Technologien werden.
In Stuttgart gibt es eine Gemengelage durchaus vernünftiger Kritik an dem Projekt in der Planung durch Land und Bahn, aber eben auch von Grundsatzverweigerern und von Menschen, die – durchaus verständlich – gegen einen massiven Baustellenkrater quer durch die Stadt sind.
Da sehe ich oftmals das eigentliche Problem: Durchdachte Konzepte werden von konzeptionell Ahnungslosen auf Grund finanzieller Kürzungen an Stellen beschnitten, die im Sinne des Konzepts und seiner Nachhaltigkeit gravierende Mängel auf lange Sicht entstehen lassen.
Bisher habe ich hier viel gelesen, was ich richtig finde.
Der Text ist sehr schwach. Hier werden alle Gegenargumente (die sich größtenteils nicht mit dem Design befassen) mit einem diktatorischen “der Designer hat Recht, der Pöbel erkennt es nur nicht” vom Tisch gefegt.
Bei einem Projekt in der Größenordnung von 7 Milliarden müssen aber mehr Faktoren in die Entscheidungsfindung einbezogen werden, als “Das ist ein tolles und wegweisendes Design”.
Und die gesamte “Die faulen Protestler entwickeln keine Ideen, sondern sind nur dagegen”-Schiene: fuck off, die werden doch überhaupt nicht in den Entscheidungsprozess einbezogen. Und sowohl in Hamburg, als auch in Stuttgart wird es bestimmt eine Menge alternativer Konzepte geben. Nur basieren die nicht auf: viele Steuergelder in die Investition eines Privatunternehmens pumpen, um dann ein Wahnsinnsprestigeobjekt hinzustellen, mit dem das Privatunternehmen dann Geld verdienen kann.
Du sagst es doch selbst: “Und wenn auch S21 auf Dauer sicher eben doch auch wie jeder Bahnhof ganz banal ein Ort für Bäckereien und Drogeriemärkte, Dönerstände und Junkies, Pissoirs und Abgase sein dürfte…”. Wozu dann also Milliarden ausgeben und eine ewige Baustelle schaffen?
Danke @Till Terschüren.
HD Schellnacks Text geht m.E. leider völlig an der verkehrspolitischen Dimension vorbei: Die Kritik wendet sich nicht gegen die neue Architektur. Sie zielt auf die allein am Prestige orientierte Planung von Bahn und Politik. Statt den Güterverkehr wieder auf die Schiene zu bringen (eine Verdoppelung der Leistungsgrenzen des Schienennetzes sind laut einer Studie des Umweltbundesamts für schlappe elf Millarden in den kommenden 20 Jahren zu haben) werden unsinnige Hochgeschwindigkeitstrassen gebaut (die nicht für Nah- oder Güterverkehr nutzbar sind) oder eben für Millarden ein Bahnhof versenkt.
Leider ist die oben skizzierte Vision doch hier nur ein Bruchteil der anvisierten Wirklichkeit. Nicht mal ein Fünftel der freiwerdenden Fläche soll nicht bebaut werden. Die Skizze von Ingenhoven ist irreführend. Ein Ende der Geschichte wie am Limbecker Platz ist doch geplant. Die dazu kommende Aussicht auf einen modernen, reinen Bahnhofs mit Bäckereien und Drogeriemärkte führt eine solche Planung ad absurdum. Statt grüner Parks mit futuristischen Lichtschächten erwarten uns Millionen Quadratmeter Geschossfläche.
Schade, dass so ein rückwärtsgewandtes Beispiel für die Zweite Moderne herhalten soll. Der Vergleich zu den abgespeckten Erneuerungsprojekten im Bereich Corporate Design scheint mir verfehlt.
>der Designer hat Recht, der Pöbel erkennt es nur nicht
Das wäre sicher nicht meine Haltung. Gegenargumente einzubeziehen wäre aus meiner Sicht sogar essentieller Teil des Designprozesses, der von vornherein kommunikativer hätte sein können. Ich glaube zwar, dass Design letzten Endes kein gesamtdemokratischer Prozess sein kann, aber im Vorfeld ist essentiell, Meinungen einzuholen, Stimmungen aufzufangen und Konsens herbeizuführen. An den runden Tisch gehören bei solchen Projekten immer auch Bürgervertreter. Inwieweit das stattgefunden hat kann und muss ich nicht beurteilen. Denn ich habe ja keinen Zweifel dran gelassen, dass ich den politischen Gestaltungsprozess seitens DB/Land/Stadt für … verbesserungsbedürftig halte. Ich weiß nur leider auch, dass Dienstleister in solchen Projekten gern nach mehr Transparenz und Kommunikation rufen mögen, aber keinerlei Macht haben, diesen Wunsch auch durchzusetzen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wenig Einfluß man als Designer/Architekt mitunter gerade bei großen Organisationen hat.
Darum geht es aber nicht – es geht vielmehr darum, dass Bürgerproteste derzeit eher, das liegt in ihrer Natur, nur sehr einfache Ja/Nein-Strukturen haben, meist eher «Nein». Und sie geben durchaus nicht «Volkes Willen» wider – die bayrische Antiraucherabstimmung reflektiert eher einen geringen Teil der Bevölkerung, und 30.000 Anti-Stuttgart21-Protestierende nehmen sich gegen 600.000 Einwohner auch nicht als «Mehrheit» aus. Wir haben hier also nur die Illusion einer «öffentlichen» Meinung (ohne gleich die Straußsche Schweigende Mehrheit bemühen zu wollen).
Worum es geht: Sowohl Politik als auch Bürger sind antiutopistisch geworden, die Politik verharrt in einer Art Stasis und versucht nur noch, Balancezustände beizubehalten, egal wie unwirklich fragil sie sein mögen, die Bürger versuchen nur noch, einen Status Quo oder gar einen reaktionären «früher war alles besser» Zustand. Das ist eine generelle Tendenz, die ich hier an S21 nur induktiv betrachte. Dazu kommt: Masse hat keine Vision, keinen Traum, keine Utopie. Die hat das Individuum, der Autor, der Künstler, meinethalber auch Designer oder Architekten, Filmemacher oder Intendanten. Aber aus 20, 200, 20.000 Leuten wirst du keine «Idee» bekommen, mission impossible.
/////////
>Die Kritik wendet sich nicht gegen die neue Architektur
Ich beziehe mich auf Kommentare, die ich online gelesen habe und die sich in übelster Weise gegen den Architekten und das Bauwerk – als Symbol des Vorhabens – wenden. Irgendetwas muss man ja angreifen, und der neue Bahnhof ist halt das «greifbare».
>Statt den Güterverkehr wieder auf die Schiene zu bringen
Was ein absolutes Essential wäre. Aber da hat die Bundespolitik sich mit der Privatisierung von Autobahn(teil)strecken, die den Investoren durch LKW-Maut refinanziert werden, natürlich selbst einen Riegel vorgeschoben, da für die Investoren möglichst viel Güterverkehr auf der Straße stattfinden muss. Zum heulen! Aber gut, das Thema Bahn/ÖPNV/Straßenverkehr ist ein viel viel größerer Komplex, bei dem meine bescheidene einfache Meinung ist, dass wir als Land möglichst weit aus dem «normalen» Straßenverkehr aussteigen müssen und die Bahnalternative eben nicht privatisieren, sondern im Gegenteil massiv steuersubventioniert und «free for everybody» machen müssten. Freie Fahrt für freie Bürger sollte bedeuten, dass ich anytime anywhere in eine Bahn oder einen Bus steigen kann und gratis fahre. Dafür würde ich gernstens Steuern zahlen.
>Statt grüner Parks mit futuristischen Lichtschächten erwarten uns >Millionen Quadratmeter Geschossfläche
Ich bin wie du gegen solche Bahnhof-Shopping-Malls und habe einen Nervenkrise gekriegt, als ich vor einigen Jahren wieder im Leipziger HbF war, der zu einem einzigen Einkaufszentrum verschandelt wurde. Solche Entscheidungen liegen aber nicht beim Architekten, der nur sein bestes tun kann, seine Auftraggeber von einem guten Design zu überzeugen.
Aber nochmal: Es geht im Text nicht darum, ob S21 nun der nächste große Wurf ist (ich mag den Entwurf tatsächlich sehr, die Realität ist durch den Auftraggeber leider aber über die Jahrzehnte stark verwässert und man darf gespannt sein, wie das gebaut aussehen wird) oder JunkSpace – es geht um den Mut, der unserer Gesellschaft ausgeht. Um die fehlende ScienceFiction, um die Realpolitik, die alles umkrakt. Und die – so muss man das ja sehen – das tatsächliche Problem bei S21 ist, nicht der architektonische Entwurf, sondern seine Abschleifung in den Niederungen der Verflechtung von politischen und wirtschaftlichen Interessen. Wobei genau diese Strukturen durch öffentlichen Protest eher gestärkt werden, weil dann noch mehr Deals im Hinterzimmer abgeschlossen werden, noch weniger am Licht, weil die Politiker Angst vor ihren Subjekten bekommen :-D.
Und es geht um die Frage, wie man eine aktive Bürgerpolitik hinbekommt – weil ich direkte Bürgerpatizipation sehr wichtig finde – die strukturell mehr leistet als eine Art «Nicht vor meinem Haus»-Reaktion.
Ich will die Architektur (fast) nicht schlechtmachen; wenn sie sich angegriffen fühlt, hat sie nicht verstanden, worum es in diesem Protest geht. (AFAIK ruft die Elbphilharmonie auch nicht wochenlang tausende Demonstranten auf die Straße.) Nur dürfen sich hier die Architekten bewußt machen, daß sie vor den Karren eines Projekt gespannt werden, bei dem von vornherein gespart werden mußte, um es überhaupt finanzierbar zu bekommen. Es sollte sich ja mal aus dem Flächenverkauf selbst tragen.
Es ist traurigerweise erst die komplette Ignoranz der Projektbetreiber gegenüber den Gegnern, die die Massenmobilisierung möglich gemacht hat, und dann auch zu einer Ablehnung auf der anderen Seite führt. Ich zweifle, daß eine Schiene ‘werft noch mehr Geld in das Projekt, damit es wenigstens ordentlich wird’ den Hauch einer Chance auf Resonanz oder gar Durchführung hat. Wichtig für den Protest sind nicht mehr die technischen Mängel oder die Kosten, sondern das Gefühl, nicht ernstgenommen zu werden. Richtig, das hat nichts mehr mit Architektur zu tun.
Wegen ‘fast’: Ich fürchte da eine leichte Tendenz, Architektur auf die primäre Funktion eines Bauwerks zu reduzieren. Für einen Bahnhof mögen Einkaufsgelegenheiten nicht notwendig sein, sinnvoll sind Bäcker, Restaurants, Pissoirs und die vielgeschmähten Dönerstände schon.
Ich finde auch hier wird ein wenig viel miteinander vermischt um dann ein These daraus zu machen. Das einte ist was ist gute Architektur? Das andere ist für was sollen wir unsere gemeinsamen Ressourcen einsetzen? Und wieviel sollen wir für was einsetzen? Und das dritte ist Informationspolitik.Es gibt also einige Gründe um auf die Strasse zu gehen man darf also ruhig für moderene Architektur sein aber gegen den Einsatz von 7 Milliarden Euro.
Das die Welt plötzlich anti Utopistisch geworden ist, scheint ja nichts neues zu sein. Seit den Retortenstädte der 60ziger ist die Architektur sicher bescheidener geworden. Radikale Architektur sieht man heute oft nur noch bei Prestige Bauten wie Fussballstadien, Museen oder eben Bahnhöfen und Flughafen. Architektur erlebe ich persönlich immer mehr als Dienstleistung.
Andreas:
>Elbphilharmonie auch nicht wochenlang tausende Demonstranten auf die >Straße
Obwohl es hier fast mehr Sinn machen würde – die Sache ist politisch nämlich echt richtig fies.
>das Gefühl, nicht ernstgenommen zu werden
Was ein ganz und gar grundsätzliches Gefühl ist, oder? Schau dir die Reaktionen auf Gauck an, den Anti-Politiker, versus Wulff. Schau dir an, wie selbst arrivierte Politiker wie Beust oder Koch anscheinend Politikverdrossenheit zu erleben scheinen und in die Wirtschaft flüchten – durch die Drehtür, versteht sich. Wir sind Politikmüde – und das ist durchaus (ohne eine einfache Antwort zu kennen) auch eine enorme Gefahr für das bisschen Demokratie, was wir haben.
>sinnvoll sind Bäcker, Restaurants, Pissoirs und die vielgeschmähten >Dönerstände
Ich bin ja alt genug, Bahnhöfe zu kennen, die primär Bahnhöfe waren und nicht JunkSpaces, die nur dem Konsum dienten, sondern Orte des Reisens. Natürlich ist das Bahnfahren inzwischen nicht nur säkularisiert, sondern vor die Hunde gekommen, entzaubert bis aufs ärgste – aber manchmal würde ich mir halt wünschen, es gäbe Orte, ohne Bäckerei- und Fastfood-Verkauf. Die Toiletten sind natürlich schon ein Essential. Aber ich würde was drum geben, wenn sich Bahnhöfe nicht anfühlen wie drittklassige Shopping Malls, sondern mehr wie … Bahnhöfe. Aber gut, da ist inzwischen ja selbst in den Flughäfen nichts mehr zu retten.
///////////
Jamie:
>hier wird ein wenig viel miteinander vermischt
Ja. Wobei es eben auch vermisch ist.
>also ruhig für moderene Architektur sein aber gegen den Einsatz von 7 >Milliarden Euro
Ich dachte immer, es sind 4 – laut Zeit von letzter Woche ist das die Summe – Vier Millionen für vier Minuten. Man muss anmerken, dass diese Summe vernichtend klein ist gemessen an dem Geld, dass in Deutschland sonst für Unsinn ausgegeben wird. Das Schlimme ist: Der Bahnhof hätte eine infrastrukturelle Chance sein können, der hektarweise Grund freisetzt und Ruhe in die Innenstadt bringt, es ist nur nicht genutzt worden.
>Architektur erlebe ich persönlich immer mehr als Dienstleistung
Verstehe ich nicht – erlebst du sie *persönlich* als Dienstleistung, d.h. ein Hochhaus oder ein Theater ist nur eine Dienstleistung eines Architekten DIR gegenüber… oder meinst du, dass Architekten immer mehr zu wenig visionären Dienstleistern geworden sind, die brav erledigen, was die Bauherren und Konsortien bestellen?
LyJmjx http://djb3jDdmjckow30cnjcmd61l0dy.com
S21 ist ein Zukunftsprojekt mit großen Chancen für die Stadt und Umgebung, welche sich eben sehr langfristig auswirken. Als Bürger will ich auf eine professionelle Planung vertrauen. Die Projektierung ist in einem demokratischen Ordnungsprozess zustande gekommen. Große Chancen beinhalten immer auch Risiken, vor denen wir nicht zurückschrecken dürfen. Auch der heutige Bahnhof konnte in seiner Projektierung damals nicht ohne Risiken entstehen.
Die Demonstranten teilen sich in “alte Säcke”, zu denen ich mich auch zähle, und jungen Profis. Die Alten wollen Nostalgie bewahren und die sicherlich langwierigen Baubelästigungen / Projektrisiken vermeiden. Die Jungen sind Demo-Profis. Bislang gelingt es erstaunlich gut, die beiden Lager im Einklang zu halten. Den Bauarbeitern zuzurufen: “Schämt euch” halte ich für sehr verwerflich. Körperlich harte Arbeit, 8 Stunden am Tag, 5 Tage die Woche und das über das ganze Jahr / evtl. Berufsleben bei jedem Wetter, halte ich für eine respektable Leistung. Ich möchte die Rufer lieber nicht nach ihrer eigenen Arbeitsleistung befragen.
S21 braucht ein gutes Stück Mut und vorallem Begeisterung für die Zukunft unserer Kinder.
Deine Worte in Gottes Ohr, Anton, du sprichst mir aus der Seele!!! Wir brauchen Fortschritte und keinen Stillstand!
Ich denke ebenfalls, dass das größte Problem bei solchen Großprojekten immer eine schlechte, bisweilen gar nicht vorhandene, Kommunikationsstrategie ist. Die Bürger haben ein Recht darauf mit in’s Boot geholt zu werden und mitzugestalten. Die jetzt neu angelaufene Kampagne empfinde ich als überaus schlecht. Viele Bürger haben das Gefühl nicht gefragt worden zu sein. In Wirklichkeit haben sie aber, über viele Jahre hinweg, immer wieder demokratisch entschieden und gewählt.
Topographisch gesehen muss Stuttgart neue Wege gehen und Akzente setzen. Deutsche und insbesondere schwäbische Architekten und Ingenieure zählen mit zu den Besten. Sie werden für die Unwegsamkeiten eines außergewöhnlichen Projektes auch die passenden Lösungen finden.
Für den Flughafen und die Messe Stuttgart haben wir von den Bürgern in Leinfelden-Echterdingen und auf den gesamten Fildern verlangt, das große Ganze zu sehen und die Ausdehnung über die Stadtgrenzen hinaus zu akzeptieren – was inzwischen auch eingetreten ist. Nun müssen die Stuttgarter auch bereit sein, Veränderungen im Stadtkern und eine jahrelange Großbaustelle mitzutragen, damit die Stadt auch im Kern neue Strukturen entwickeln kann.
Solche “utopischen” Großprojekte sind immer auch eine große Chance und Bereicherung für eine Stadt.
>Kommunikationsstrategie
Das Problem ist auch, dass Politik seit jeher PR als Manipulation begreift, und diese auch noch so blatant betreibt, dass es einfach zu auffällig ist. Es wäre wahrscheinlich ein leichtes gewesen – zig Bahnchefs zuvor – wie in Wien eine Welle der Begeisterung für das Projekt zu erzeugen, wenn man es mit einer klaren sozialen und positiven urbanen Komponente geplant, durchgeführt und kommuniziert hätte. Und dabei die Bürger als Mitgestalter eingeladen hätte. Ich lese z.B. sehr heterogene Argumente gegen S21, vom Baumbestand über die Unterdimensionierung der Trassenanzahl bis hin zu einer Angst vor einem unterirdischen «dunklen» Bahnhof. Die Unterdimensionierung ist ein tatsächliches Problem – wenn man sowas angeht, sollte man es ohne faule Kompromisse machen -, die meisten anderen Sachen gehören mit den Citoyens ausgehandelt, ausgetauscht, in einem gegenseitigen Lernprozess austariert. Anstelle eines Stolzes auf ein grünes kompromißloses High-Tech-Projekt, mit denen die Stuttgarter Grünen sich in der Fusion von Ökologie und Ökonomie (Green schafft Arbeit) widerspiegeln können, mit einem Projekt, dass die Stadt als inbegriff «schwäbischer» Qualitäten versteht, sozusagen den Porsche unter den Bahnhöfen ;-) – hat man jetzt eine Front völlig zurecht wütender Bürger gegen sich, die sich natürlich an der eigenen Gestaltungskraft zur Verhinderung immer weiter hochschaukeln dürfte und die an sich aber mitunter auch nur eine Art extremsportliche Ausprägung des St-Florian-Prinzips ist. «Verschon mein Haus / Zünd andre an!»
Man sollte jetzt sehen, welche Argumente vernünftig sind, noch umsetzbar sind, wie man das Projekt zu einem gemeinsamen macht, beflügelt, besser finanziert und komplett implementiert, wie man zusammenkommt – obwohl ich befürchte, die politischen Partikularinteressen sind gegen eine solche Vernunftlösung gestrickt, da geht es jetzt schon um den März 2011.
Konfuzius: “Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern.”
Ich war wohl zu müde um einen brauchbaren Kommentar zu verfassen. Es sind selbstverständlich nur 4 Milliarden.
Was ich mit Dienstleistung meinte ist folgendes. Es gibt Architektur die den Menschen in seinem Lebensraum mehr Wert vermitteln. Das mag ein einfache Grünfläche sein oder raffinierte Siedlungsbauten oder auch nur ein einfacher Tunnel. Der Wert kann Zufriedenheit sein, Geld- Platz- oder Zeitersparnis sein und damit eine Mehrwert schaffen für jeden einzelnen. Und dann gibt es Architektur die nicht als Dienst für die Gesellschaft ausgelegt ist sondern ganz andere Ziele hegt. Z.B ein Prestigebau der dazu dient die Gegend, ein Unternehmen oder ein Stadt bekannt zu machen und zu beeindrucken, oder es wird eine idee oder Philosophie eines Architekten verwirklicht ohne Rücksicht einen Mehrwert für viele Menschen zu schaffen.
Natürlich wird beides gerne miteinander vermischt und es ist auch möglich beides unter einen Hut zu bringen. Das ist die Kunst und was ich unter Dienstleistung verstehe. Architektur entstand lokal, wurde mit lokalen Materialen gefertigt. Es war von und für die Gemeinschaft. Ich finde Bauten sollte keine Selbstverwirklichung von Architekten oder Poliktiker sein. Und bei Stuttgart 21 habe ich das Gefühl dieser Bau scheint nicht für die Menschen gedacht. Nicht so. Der Mehrwert scheint den 10 000 Menschen die auf der Strasse sind nicht klar ersichtlich zu sein. Ob mir persönlich die Idee gefällt oder nicht. Für mich ist diese Projekt so kein Bau für die Allgemeinheit.