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STRANGER THAN FICTION

Der Finanzbeamte Harold Crick (Will Ferrell) ist im Dasein eines manischen Pedanten gefangen, der seine Schritte, seine Zahnputzbewegungen und die einsamen Minuten zählt. Ein langweiliger Nobody, der seine Träume vergessen hat. Bis er eines Tages eine Stimme hört, die sein Leben kommentiert. Mit Hilfe des koffeinsüchtigen Literaturprofessors Jules Hilbert findet Crick heraus, dass er lediglich ein Protagonist in einem Roman ist, den die ehemalige Starautorin Kay Eiffel schreibt. Während Crick durch die Handlung des Romanes getrieben wird und sich dabei in die steuerhinterziehende aber niedliche Bäckerin Ana Pascal verliebt, entdeckt er den Wert des Lebens und versucht, die Autorin von ihrem Plan, Harold am Ende ihres Romanes sterben zu lassen, abzubringen. Bis er das Ende seiner eigenen Geschichte liest und versteht, dass er vielleicht sterben muss

Stranger Than Fiction
ist ein Amalgam-Film. Marc Forster, unter dessen Regie zuvor unter anderem das ermüdende Finding Neverland entstand, hat hier einen Stoff, der sich anfühlt, als habe jemand versucht, aus Charlie Kaufmanns großartigem Adaption einen etwas massenkompatibleren Film zu schneidern. Die Story weist zudem genug Elemente eines typischen Tom-Hanks-meets-Meg-Ryan-Films auf, so dass Stranger than fiction durchaus auch ein absolut gesichtsloser Romanzenschmonzes hätte werden können. Ästhetisch erinnern die eingeblendeten Zahlen und Grafiken an Fight Club, auch Filme wie The Truman Show, ein Hauch Amelie, reichlich Being John Malkovitch  und so weiter lassen sich entdecken. Aber bei all diesen Quellen bleibt Stranger kein bloßer Zitatenschatz, sondern vermengt all diese Zutaten zu einem unterhaltsamen, aber nie wirklich plumpen Streifen. Und auch wenn der Film am Ende ein Happy End hat – und natürlich als Hollywood-Streifen haben muss - kommentiert Dustin Hoffman dies in seiner Rolle als Literaturprof auch prompt mokant und schafft so einen schönen Subtext. Anna Thompson als ausgebrannte Autorin auf der Suche nach der geeigneten Todesart für ihren Helden ist großartig trocken, Hoffman spielt seine Rolle mit liebevoller kleiner Skurrilität, Ferrell schafft es als Hauptdarsteller, sein übliches Over-the-top-Acting um subtile Zwischentöne zu erweitern und überzeugend in eine Rolle zu schlüpfen, die fernab seiner üblichen Comedy-Schiene liegt.

Und die Frage Komödie oder Tragödie, die sich durch den Film zieht, bleibt nicht zuletzt durch die Qualität der einzelnen Darsteller, bis in die Nebenrollen hinein ausgezeichnet besetzt, eine solide Zeit lang in der Schwebe. Auch das reine Design des Filmes verleiht Stranger einen Hauch von Tiefe, der die Komödie deutlich aufwertet. Da wären erwähnenswert vor allem die Art wie in Zach Helms Story bereits zu Beginn die Elemente von Harold Cricks Untergang gesäht werden, der narrative Gag mit den eingeblendeten Zahlen und Formularen, der uns als visueller Shortcut schnell in Cricks Weltbild einlädt und vor allem die wunderbaren Setbauten, an denen man sich kaum satt sehen kann, weil jeder Raum eine Inszenierung ist, seine eigene Geschichte erzählt und zugleich den Plot vorwärtstreibt, egal ob Aktenlager, Bäckerei, Gitarrenshop oder das umwerfende Arbeitszimmer von Jules Hilbert, in dem herumliegende Bücher und sich stapelnde Kaffeetassen den gesamten Charakter ebenso abbilden wie Hoffmans Darstellung selbst. Es ist selten, dass bei einem Film das Setdesign so bescheiden aber so umwerfend effektiv die Figuren und die Story ergänzt, ohne dabei jeweils aufgesetzt oder künstlich zu wirken. Man kann sich an dem Film kaum sattsehen. Die extrem guten darstellerischen Einzelleistungen, das liebevolle Design, die warmherzige Ironie und das Quentchen Metakontext, das die Erzählerstimme von Anna Thompson in den Film bringt, machen Stranger zu einem Film, der ganz deutlich über die üblichen romantischen Hollywood-Komödien herausragt. Und das, obwohl er nahezu alle dafür nötigen Elemente mit sich bringt, eine Kitsch-Katastrophe zu sein (die Wandlung von Crick vom Loser zum Lover und die Romanze zwischen Harold und Ana sind natürlich geradezu unausstehlich platt, ebenso das Happy End), macht der Film eigentlich von Anfang bis Ende Spaß, weil er ganz postmodern mit dem eigenen Kitschfaktor jongliert. Selbst der Abspann ist noch ein liebevoll gestaltetes Fest für die Augen.

Es ist interessant zu sehen, wie viele Filme sich in den letzten Jahren mit Surrealismus befassen. Ob Purple Rose of Cairo, Nirvana, Truman Show, Memento, Matrix oder A Scanner Darkly, mehr und mehr Streifen bohren Wurmlöcher in die Realität und machen die fiktionale Wirklichkeit im Film seltsam wankend, durchscheinend. Das Kino stellt sich hier selbst in Frage. Stranger than fiction baut auf dieser cineastischen Existenzialismus-Vorarbeit auf und bemüht sich keine Sekunde, verkrampft die Grundvoraussetzung des Plots zu erklären – wie kann die Romanfigur Harold Crick eigentlich lebendig sein und in der gleichen Welt existieren wie seine eigene Autorin? Das Kommerzkino hat von den Independants und von mutigen TV-Konzepten gelernt, wie man das immer schleppender verkaufende eigene Material aufpeppen kann und das man dem Publikum mehr Komplexität anbieten darf und muss als ein Nora-Ephron-Film. Stranger packt so eine per se allzu vertraute Geschichte in wunderbare Bilder und denkt die ganze alte Boy-meets-Girl-Story einfach einmal weiter um die Ecke… und heraus kommen 110 Minuten wirklich solides Entertainment. Mit Einfällen und Momenten, die man in einem Mainstream-Film so nicht erwarten würde (wenn auch lange nicht so abgedreht wie Eternal Sunshine of the Spotless Mind, Zach Helm ist eben doch KEIN neuer Charlie Kaufman). Aber der Diskurs über Vorbestimmung und Freiheit einer fiktionalen Figur bleibt unterschwellig, eingebettet in den schnellen und skurrillen Handlungsverlauf, der immer wieder neue bizarre Wendungen produziert.  Harolds Begegnung mit dem Schicksal in Form eines Baggers ist allein schon das Eintrittsgeld wert.

Das einzig wirklich schreckliche ist also die Eindeutschung des Us-TItels zu Schräger als Fiktion. Das tut schon weh.

16. Februar 2007 10:31 Uhr. Kategorie Film.
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