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Sting 25

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CD, aufwendiges Boxset und kostenlose App, die sich Sting zum 25 Geburtstag seiner Solo-Karrire selbst oder seinem Publikum schenkt ist ein seltsamer Trip in die Vergangenheit. Sting ist seit mindestens einer Dekade ein Künstler geworden, dessen aktuelle Platten man sich kaum noch wirklich anhören kann, zu irrlichternd und oft zu aufgesetzt wirkt die Musik, abgesehen von wenigen Highlights, und es ist zumindest für mich immer schwer vereinbar mit der Energie und Subversion, die ich mit The Police in der ursprünglichen Version verbinde, als die Band New Wave, Punk, Jazz und Dub nahtlos zusammenbrachte und über alle Genres hinweg einen ganz eigenen, bis heute unkopierbaren Sound etablierte.

Gordon Sumner – inzwischen runde 60 Jahre alt – feiert sich natürlich auch selbst hier, das ist der Anlass, mit Boxset-Veröffentlichung, App und anderem gewinnversprechenden Gedöns, sicher gefolgt von einem neuen Album und einer neuen Tour, und das ist auch absolut okay. Und ich muss zugeben, ein wenig zeigt gerade die iPad-App auch kondensiert den musikalischen Weg des Briten, der sich vor allen in den letzten Jahren zunehmend aus dem Pop-Schlamassel und dem Niedergang der Musikbranche geflüchtet hat und mit Klassik-Projekten auftrat, oder mit Autobiographie und einem Lyrics-Band am eigenen Vermächtnis zimmerte, was in dem Alter und nach der Karriere wahrscheinlich verständlich ist, dieses Bauen am eigenen Monument. In den Interviews der App tritt der «Jetzt»-Sting ruhig und gereift auf, selbstironisch und humorvoll, immer noch gutaussehend, aber nicht mehr dieser stets einen hauch zu glatte Mix aus Straßenjunge und Aristokrat, der einem im «Damals»-Sting entgegenkommt, etwa bei den Interviews zu Beginn der Solokarriere.

Und es wird klar, wie bedeutsam «The Dream of the Blue Turtles» musikalisch und biographisch war, ein smartes, selbst für einen Riesenstar wie Sting es damals noch war mutiges Album, das aus heutiger Sicht zwar kaum noch wirklich endlos starke Songs hat (absurderweise primär das Selbst-Cover «Shadows in the Rain», das am wenigsten totproduziert wirkt) und mit «Russians» bereits einen Vorgeschmack gab auf das leicht süßliche Zeug, das Sumner später produzierte («Fields of Gold», «Shape of your heart», usw). Dennoch ist in der Retrospektive die Energie und die Freude, die die Befreiung aus der Triostruktur bedeutet, absolut greifbar und macht dieses Album absurderweise ungeachtet der wirklichen kompositorischen Arbeit zu dem vielleicht spannendsten Sting-Album und «Bring on the Night» zu dem besten Live-Album, einfach, weil die Qualität der Musiker so unfassbar ist und sie nicht nur Miet-Mucker für den großen weißen Helden sind, sondern sich entfalten können. Ich habe Sting auf der letzten Police-Tour und auf der Dream-Tour gesehen und es war live greifbar, wieviel intensiver die erste Solo-Tour für Sting war, selbst wenn er als Vollprofi natürlich in Dortmund die gleichen Publikums-Gags macht wie in Milan oder in London oder sonstwo. Die Spontaneität kam nicht von dem Frontmann, sondern aus den Musikern um ihn herum, Kenny Kirkland, Omar Hakim, die den schwächelnden Balladen Herz und Energie einhauchten.

Es gibt nur noch ein Album, dass diese Energie erreicht, aber introspektiver, leiser ist und das die vielleicht besten Kompositionen von Sumner leistet – »Soul Cages», für Stings Verhältnisse vielleicht am ehesten so etwas wie ein Konzeptalbum, nicht nur eine Ansammlung verschiedener Songs. Die Zusammenarbeit mit Miller und Katché und das vielleicht beste Songwriting seiner Karriere setzen sich selbst gegen die etwas zu glatte Produktion des Albums durch und beweisen, das Sting auch «ruhig» sein kann, ohne zu glatt und kalkuliert zu wirken. Folgealben wie «Twelve Summoners Tales» oder «Mercury Falling» wirken dagegen unfokussiert, und obwohl gerade «Summoners» teilweise wunderbare Rhythmusarbeit und Genrefusionen bietet und unter den kommerzielleren Alben das souveränste ist, hat Sting nie wieder die Authentizität als Songwriter erreicht, die «Soul Cages» verspricht, ist zurückgefallen auf die formellen Spielereien, die schon õthing like the sun» so auszeichneten. Er ist, unterm Strich – obwohl handwerklich sicher ein Könner -, einfach nicht sonderlich ehrlich oder glaubhaft. Es ist fast seltsam, dass ein Sänger mit dieser Stimme nicht mehr Seele in seine Produktionen zu legen vermag, nackter, ehrlicher sein kann. Da wirken neue Experimente wie «Symphonicities», «Winter Tales» und «Songs from the Labyrinth» fast wie der Versuch, durch Genreflucht oder den Bombast eines großen Orchesters von dieser Vakanz in der tatsächlichen Musik abzulenken. Was schade ist, denn die Suche nach Inhalt wie auch die schiere handwerkliche Freude am Komponieren und Singen, an der Live-Performance und der Zusammenarbeit mit anderen Musikern, ist Sting in der Rückschau anzumerken. Vor allen in den vielen dokumentarischen Videos, die deutlich mehr Spaß machen als die Promo-Photos. Weil sie etwa körpersprachlich offenlegen, wie unwohl Sting sich mit den Black Eyed Peas fühlt und wie wenig er – seinen Worten zum Trotz – den jungen Rappern abgewinnen kann. Oder wie wenig die umgekehrt mit seiner britischen Arroganz anfangen können. Und weil die Clips aber auch sichtbar machen, wie sehr Sting im gemeinsamen Spiel mit seiner eigenen musikalischen «Familie» verloren gehen kann, so dass ihn nicht einmal ein umfallender Kontrabass oder eine durch das Schloss, in dem die Proben zu Blue Turtles liefen, schlurfende Rentnergang aus dem Konzept bringen können.

Und so wird diese multimediale Show – obwohl sie dies sicher nicht will – nicht so sehr zum Abbild einer erfolgreichen Musikerlaufbahn, sondern auch zur Kurvendiskussion eines Lebens als Profimusiker, der mit Police klein anfing, sich kühl kalkulierend auf dem Höhepunkt des globalen Ruhms zur eigenen Marke ausbaut und auf Solopfade begibt, eine Weltkarriere hinlegt und irgendwann den Punkt hat, wo es ihn spürbar langweilt, als Produkt in der Post-MTV-Welt zu funktionieren und alljährlich eine mehr oder minder ähnliche Jukebox-Platte zu produzieren, um sein mit ihm alterndes Publikum zu bespielen und noch eine Welttournee zu rechtfertigen… der aber eben auch lange genug im Geschäft ist um zu wissen, dass die Branche brutal ist und es am Ende auch um Geld, Charts, volle oder eben leere Säle geht. Sting braucht sich nur zu Andy Summers und Steward Copeland umzusehen, um zu wissen, wie flüchtig Ruhm sein kann.

Letzten Endes darf man eben nie vergessen, das es bei Musikern nie allein um «heute» geht. Dass die Simple Minds heute nahezu unerträglich sind, macht «Cacophony», «Empires» und «Sons» nicht minder zu exzellenten Alben, dass Cure eine Art Selbstparodie geworden sind mit den Jahren, macht das Duo «Faith/Pornography» nicht weniger phantastisch und Robert Smith nicht minder zu einem wichtigen Musiker. Und erst vor kurzen habe ich angesichts der frisch veröffentlichten U2-Deluxe-Alben entdeckt, wie gut sich gerade die unfassbaren naiven, unfertigen Steve-Lillywhite-Stücke anhören, obwohl oder gerade weil sie so unfassbar mies produziert sind, wie phantastisch dieses Unfertige, Rohe bei Edges Gitarrenspiel ist. Bei Sting ist es ähnlich: Man möchte bei jedem neuen Album ein wenig fremdschämen (ist aber dennoch neugierig genug, um es sich zumindest anzuhören, guilty pleasure halt), aber man darf nicht vergessen – und diese Quarter-of-a-Century-Rückschau ruft das ins Gedächtnis -, dass der Mann hier und da und vor allem nun mal leider früher stellare, wichtige Songs geschrieben hat. Lieder, die große Klasse und große Klassiker sind, und wie schwer muss es sein, damit zu leben, dass man vor vielleicht 30 oder 20 Jahren den kreativen Apex hatte und seitdem öffentlich aber eben auch in den stillen Stunden damit leben muss, nurmehr das eigene Erbe zu verwalten. Dieses Spiel mitzuspielen, sich dabei nicht völlig zu verlieren, den Kopf über Wasser zu halten und vielleicht nicht mehr wirklich gut, aber eben auch nicht völlig mies zu werden oder ganz das Handtuch zu werfen, ist vielleicht allein schon eine bemerkenswerte Leistung angesichts der Haifisch-Branche, in der Sting arbeitet. Insofern Glückwunsch zum Geburtstag zum Jubiläum … und ich warte weiter auf ein großes Alterswerk, das nicht mehr in stilistische Spielereien und Grenemasups flieht, sondern tief und ehrlich ist und mich aufrichtig zum Weinen bringt. Auf die nächsten 25 Jahre, Mr. Sumner. Und darauf, dass die Queen endlich den «Sir»-Title rausrückt, verdammt.

22. November 2011 19:40 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

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