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STEPHEN WRIGHT: GOING NATIVE

So verwirrend, lasziv-sexy und zugleich abstoßend wie das Cover ist Stephen Wrights Roman Going Native, in dem der Durchschnitts-Ehemann Wylie Jones aus seiner typisch amerikanischen BBQ-Ehe verschwindet, einen Galaxie 500 stiehlt und wie ein Geist durch rauschhafte Episoden des American Nightmares driftet. Vom Start weg ist jeder Satz wie ein Skalpellschnitt, sauber kalkuliert, meisterhaft durchgeführt, jedes Detail, jedes Wort Gramm für Gramm abgewogen. Wright führt uns elegant und federleicht durch die große Mythologie Amerikas wie durch ein Freakkabinett. Vom Alptraum der Vororte zu Crackjunkies, zum Mythos Hitchhiker-Killer, einen Blick in White-Trash-Motels, in die bizarre Welt der Pornofilm-Produzenten, kurz zu einem Lesbenpaar in einer Wedding Chapel in Las Vegas, im längsten Kapitel – Night of the Long Pigs – bis nach Borneo und zurück in die chromblitzende Einöde einer Neureichenvilla in Los Angeles und schließlich endet Wylie – full circle – bei einer neuen Flucht, die diesmal endgültiger Natur ist. Wrights Figuren sind Loser mit großen Hollywood-Träumen, den American Dream im Kopf, Psychopathen, Freaks, urbane Karrieristen – und der Protagonist des Buches bleibt für uns wie ein Schatten, fast unsichtbar, unter immer neuen Namen, gesichtslos, ein Phantom, das in manchen Kapiteln kaum wahrnehmbar ist, in anderen beinahe beiläufig das Leben der Hauptfiguren dieses Kapitels schlagartig ändert oder beendet. So wird Going Native zu einem halluzinatorischen Episodenroman, zu einer Art postmoderner Anthologie von beiläufigen Kurzgeschichten, die bis hinab zur Stilistik jewells hoch unterschiedlich ausfallen, aber doch durch eine gemeinsame Melodie, ein Thema verbunden sind. Wie eine Art Raymond Carver auf LSD seziert Wright das subkutane soziopathische Gewebe der amerikanischen Seele, jeder Dialog, jede Beschreibung ein subtiler, zugleich grotesk tiefer Schnitt in die dünne Haut der Zivilisation, in die Risse und Dichotomien des westlichen Lifestyles. Dabei niemals offensichtlich, niemals smart-ass, niemals zu clever, immer dicht, sparsam und authentisch in der Wahl seiner Mittel – bis du beim Lesen fast darum bettelst, dass Wright aufhört, weil man so viel Wucht, so viel Brillanz nicht verträgt in so hoher Dichte. Going Native ist das Buch, das Bret Easton Ellis in seinen Träumen gern geschrieben hätte und mit American Psycho fast erreicht hat – nur, das Wright die Wucht von American Psycho hier in einem Kapitel verlustfrei abgearbeitet hätte. Verwirrend, verstörend, echt, erotisch, böse, geschmacklos, dabei wunderbar komisch und auch nach 13 Jahren akut. Der Selbsterfahrungstrip des Hollywood-Paares in Night of the Long Pigs klingt so aktuell, so Brad-and-Angelina, so JETZT…. surreal. Dieses vorletzte Kapitel dieser bizarren Odyssee , das vielleicht seltsamste im Buch, eine lange, kafkaeske, beklemmende Kurvenfahrt, die zu einem furiosen und wunderbar sardonischen Schlusspunkt führt, endet ebenso subtil, leise und grausam wie viele andere Szenen in diesem Buch – niemals wurde ein Serientäter so unsichtbar, so schattenhaft indirekt beschrieben.

Wrights Bücher widmen sich den unterschiedlichsten Themen – Vietnam, der Bürgerkrieg in den USA, UFO-Kult, und die zahlreichen Einflüsse für diese morbide Road Novel und seine literarischen Inspirationen sind deutlich greifbar, aber niemals eindimensional, niemals billig, der Mann steht auf den Schultern von Giganten und greift höher. Mit hyperrealistischer Schärfe und surrealer Grellheit zugleich kombiniert Wright Themen und literarische Qualität scheinbar unvereinbarer Autoren und Genres und bringt all diese Zutaten zu etwas zusammen, was nur selten gelingt: Ein atemberauben brillant geschriebenes (und zugleich leider kommerziell absolut erfolgloses), wuchtiges Meisterwerk, das sich an Drogen, Sex und Gewalt und der Leere des modernen Daseins mit unerbittlicher Eleganz und dekonstruktiver Urgewalt abarbeitet und dich wie jede gute Achterbahnfahrt müde aber absolut glücklich zurücklässt.

21. August 2007 13:53 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

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