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Star Trek

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Ich bin kein besonderer Trekkie, außer ein paar Folgen der Original-Serie mit Kirk und Spock und dem ersten Kinofilm aus den 80er Jahren habe ich keinen blassen Schimmer von dem inzwischen durch zig Serien, Spin-Offs, Comics, Bücher und andere Weiterentwicklungen zu einem komplexen «Kanon» verdichteten Universum, in das Normalsterbliche eigentlich keinen Zugang mehr haben. Wie jede serielle Erzählung ist auch der Star Trek-Mythos über die Dekaden seit den Sechzigern von einem relativ naiven Eskapismus zu einem von Fanboys besiedelten geheimnisvollen Schloss geworden, dessen Geheimgänge und Zugbrückencodes nur noch wenige Geeks kennen. Dabei war Star Trek ursprünglich wenig mehr als Bonanza im Weltraum, eine internationale-aber-doch-eindeutig-amerikanische-Crew, die für Freiheit und Apfelkuchen durchs All pioniert und den Kalten Krieg in ferne Galaxien verfrachtete. Wie die Comics jener Zeit – allen vorweg Marvel – war das SF-Setting der Serie ideal geeignet, um ein wenig Propaganda zu machen und auf leicht verfremdete Russen und Chinesen und andere Unamerikaner einzuschlagen, GI Joe in Space eben. Jenseits der etwas platten Abenteuer-der-Woche-Plots lebte die Serie aber immens von der familiären Chemie der Hauptfiguren – Kirk, Spock, Bones als engem Kern, gefolgt von Scotty, Chekov, Sulu, Uhura. Die oft auf Buzzwords reduzierte Charakterisierung schien der Magie dieser TV-Comicfiguren wenig Abbruch zu tun und passte perfekt in die von billigen Trickeffekten und zum Teil platten Moralgeschichten geprägte Serie, die für die Verhältnisse ihrer Zeit mit einer internationalen Crew, einer grundsätzlich humanitären Grundhaltung und teilweise herausragenden Episoden (Ellisons frühes The City on the edge of forever, trotz aller Kontroverse) zumindest Kultpotential besaß und für die damalige Zeit durchaus mutig (wenn auch oft grundpatriotisch) war.

Aus diesem recht simplen, trashigen Silver-Age-Kern ist über die Jahre ein irgendwie zu erwachsener, zu pompöser Baum gewachsen, in denen sich der naive Spaß der frühen Jahre kaum mehr wiederfindet – ein Universum, dass sich mehr für Cosplay und Internet-Flamewars auf Fanforen eignet. TNG, Deep Space Nine, Voyager, Enterprise, 10 Filme, zahllose Comics stellen eine mächtige Franchise dar – die aber zugleich jeden Neuzugängling verschreckt. Kein Wunder also, dass Paramount, nachdem jede nur denkbare Ausschlachtung des Materials eigentlich vollzogen ist, zurück zu den Wurzeln der lukrativen Franchise will. Relaunches, eigentlich ebenfalls ein Comic-Phänomen, wo DC etwa in den 80er Jahren die Uhr für Helden wie Superman oder Batman zurück auf das Jahr Eins stellte, sind inzwischen im Kino ja durchaus auch möglich und erfolgreich, wie Bond und Batman beweisen. Das vertraute Grundsetting bleibt erhalten – und damit die Hardcore-Fans, die ja bei allem Meckern immer doch sehen wollen, was mit ihren Helden weiter geschieht und insofern nahezu schmerzunempfindlich sind – , zugleich wird aber genug Reboot angeboten, um neue Zielgruppen anzulocken und die Figuren wieder «up to date» zu haben. So konnte aus Tim Burtons zuckrigdüsterem Goth-Batman eine Art urbaner Ultimate Fighter, ein Special-FX-Actionheld, werden oder aus dem süffisant-langweiligen Brosnan-Bond ein durch Elemente von Bond-Weiterentwicklungen wie Bauer und Bourne revitalisierter zynischerer Supersoldat. Es war wahrscheinlich also nur eine Frage der Zeit, nachdem fast jede alte TV-Serie als Remake auf die große Leinwand gebracht wurde, bis Star Trek an die Reihe kam.

JJ Abrams geht diese Mission verhältnismäßig entspannt an, scheint es. Dem Trend, Helden düsterer zu machen und «realer», widersteht er. Mit seinem kleinen vertrauten Team, mit dem er auch Serien wie Alias, Lost oder Fringe und Filme wie Mission Impossible III oder Cloverfield entwickelte, hat sich Abrams den Stoff zu eigen gemacht wie selten ein Produzent zuvor – Bad Robot koproduziert Star Trek komplett – und sich damit souverän gegen die Gene-Rodenberry-Gedächtnisverwaltungs-Mafia durchgesetzt und zugleich persönlich zur Zielscheibe der Hardcore-Fans gemacht, die schon beim ersten Teaser-Trailer Wutanfälle kriegten, weil Abrams gegen den Kanon verstieß. Auch Abrams Sakrileg-Bekenntnisse, dass er ja eher Star Wars möge (was man dem fertigen Film streckenweise ziemlich ansieht… ) und kein besonderer Trekkie sei, sind wahrscheinlich eher als Message an die bisher von dem ultradichten Trek-Kosmos abgeschreckte Kinobesucher gerichtet gewesen: This is not your Daddy’s Star Trek.  Abrams Fassung, so die Botschaft, ist ein neuer Start, ein frischer Relaunch ohne den Ballast von über 40 Jahren Franchise-Geschichte. Und, dafür steht sein Name ebenso wie der von Orci, Kurtzmann und Lindeloff, mit dem Versprechen von Action und Mystery eines der derzeit erfolgreichsten Produzententeams.

Und tatsächlich fühlt sich Star Trek enorm nach JJ Abrams an. Abrams ist wahrscheinlich der erste Produzent/Regisseur/Autor, der erfolgreich eine Art Corporate Identity, ein Gesamtfeeling über seine Arbeit legt, sowohl narrativ als auch in Sachen Look&Feel. Mehr noch als Hitchcock oder John Woo, die auch mit sehr verlässlichen Erkennungsmerkmalen arbeiteten, ist bei Abrams bis hin zu Designelementen eine gestalterische Handschrift zu erkennen, die auch in Star Trek klar (fast aufdringlich) präsent ist. Da sind kleine Insidergags wie der aus Cloverfield und Alias bekannte Slusho-Drink oder der rote Ball aus Alias, da ist aber vor allem visuell die 3D-Windows-Bildschirmschonerschrift, die man schon aus den Openern von Lost und Fringe kennt, die in Fringe auch Ortswechsel markiert und die in Star Trek für genau diesen Zweck – wenn auch dezenter – verwendet wird. Auch die Lichtreflektionen aus Fringe tauchen in Star Trek ad nauseam auf – vielleicht gleichzeitig zur TV-Serie entstanden, wenn man die Produktionszeiträume von TV versus Film bedenkt. Während die Lensflares bei Fringe noch halbwegs selten auftreten und in der Serie ein smartes visuelles Gimmick darstellen, das den essentiellen Touch Surrealität einbringt, wirken die permanenten Lichteinstreuungen bei Star Trek nach einer Weile nur noch anstrengend – selten hat ein Film so gestrahlt, so geblitzt, so geblendet, als ginge es Abrams darum, auch visuell klarzustellen, dass hier alles blitzblank neu und shiny ist, auf hochglanz poliert. Zugleich suggerieren die permanenten Lichtreflexionen nicht nur eine hypertechnoide Ästhetik, sondern auch permanente Handlung, eine Art ständiges Lichtgefecht – sparsam eingesetzt ein großartiges Mittel um an sich relativ langweiligen Expositions-Szenen auf der Designebene einen Adrenalinrush zu verleihen, in dem hier angewendeten Maße ist es dann aber irgendwann auch nur noch anstrengend und ablenkend.

Dennoch… Abrams macht sich, eindeutig und ohne Umschweife, die Trek-Franchise zu eigen. Das ist ein Mut, eine Zuspitzung, ein Rütteln an Rodenberrys Erbe, der beachtenswert ist, und vielleicht auch der einzige denkbare Weg, sich dem Star-Trek-Monstrum zu nähern: Mit einer ganz und gar nicht dummen Mischung aus Größenwahn und Liebe zur Idee hinter dem ursprünglichen Trek-Konzept. Abrams stürzt sich auf den Trek-Canon wie sich Kirk in ein Weltraumgefecht stürzen würde, alle Schilde hoch und phasernd aus allen Rohren, lebensmüde und großartig zugleich in die Auswegslosigkeit. Eine Mischung aus Größenwahn und Nerdismus ist es, die Abrams erlaubt, «seine» Trek-Realität neu zu schaffen und zugleich die bisherige Historie intakt zu lassen: Durch ein Zeitreise-Paradox, dass den alten Spock und den extrem übel gelaunten Romulaner Nero in die Vergangenheit schleudert, entsteht ein neues Parallel-Universum. Ein bisschen Quantenphysik, das für  Alias/Fringe und vor allem Lost-Fans nicht zu komplex sein sollte und für Trek-Fans ein alter Hut gemessen an den eher komplizierteren SF-Konzepten der Serie und Filme, und zugleich ein eleganter Kunstgriff, mit dem Abrams Carte Blanche hat – die Zukunft von Spock und Kirk ist nicht mehr sicher, anything can happen. Auch hier merkt man, dass die bekennenden Comic-Nerds Orci, Kurtzmann und Abrams aus dieser Art von Comic-Langzeit-Erzählung kommende Konzepte wie Ultimate Spider-Man oder Infinite Crises bei DC kennen und wissen, mit welchen Kniffen man sich relativ sauber durch den nie ganz schönen Prozess eines kompletten Reboots mogeln kann. Der Year-One-Ansatz, das Herzstück des Films, um den die Handlung eigentlich nur drapiert ist, stellt die Basis weiterer Filme dar, erlaubt neue Charakterkonstellationen, einen neuen Mix aus vertrauten und frischen Elementen und radiert zugleich elegant jegliche Kontinuitätsfehler weg, weil es ja eben alles «neu» ist. Wenn sich Fans aufregen, dass die Enterprise zum Teil auf der Erde gebaut wurde – hey, it’s a new universe, fanboys, get used to it. Die Tabula Rasa, auch das hat der Comicmarkt belegt, zieht die alten Fans ebenso an wie neue und selten hat ein Film so deutlich im Stile eines Comicbooks eine Häutung hingelegt. Was Man of Steel für Superman war, ist Star Trek für Kirk und Co: Everything old is new again.

Beachtenswert ist dabei, dass es Abrams und dem von Ryan Church geleiteten Designteam gelingt, die etwas campige Grundstimmung der Serie aus den sechziger Jahren in die Jetztzeit zu versetzen, ohne dabei allzuweit von den vertrauten Konzepten entfernt zu sein oder aber altbacken zu wirken. Das an sich ist eine enorme Leistung – allein der Spagat, sich an den trashigen Kostümen der Originalserie zu orientieren, bis ins Detail, und diese durch kleine Kniffe aber strukturierter und moderner wirken zu lassen, ist enorm gelungen. Liebevoll werden Geräusche, Effekte, Gerätschaften, Kostüme, Figuren und auch die Enterprise selbst dekonstruiert und wieder zusammengesetzt, absolut wiedererkennbar, aber dezent für heutige Sehgewohnheiten aufpoliert. So bleibt einerseits die Nostalgie erhalten – die legendäre Soundscape der Enterprise, der Communicator, der Tricorder, die Phaser, das Beamen – andererseits machen dezente Eingriffe die Elemente phantastischer, retrofuturistischer. So haben die Phaser, nur ein Beispiel, ein an ein High-Tech-Repetiergerät erinnerndes bewegliches Element, das zwischen Stun und Kill-Einstellung wechselt und wirken somit nicht mehr wie einfache Plastikspielzeuge, sondern sind animiert. Die Kostüme haben mehr Textur, der Beam-Effekt ist etwas modernisiert. In einem Hochdrahtseilbalanceakt gelingt es Abrams und seiner Crew durchgehend, den Flash-Gordon-Faktor der Originalserie beizubehalten, die Naivität, die Cold-War-SF-Ästhetik billigster TV-Produktion (im Gegensatz zu dem ja fast zeitgleich entstanden und eher konrapunktisch zu Trek zu verstehenden 2001, dessen Ästhetik bis heute zeitlos modern und makellos wirkt), und zugleich eine moderne 3D-animierte Textur über diese Ästhetik zu legen, die kommerziell funktioniert. Man kann am Kostümdesign und dem Umgang mit Props en miniature die Philosophie des gesamten Films nachvollziehen: Star Trek ist die präzise die alte Serie, mit all ihren Fehlern, aber produziert mit den Mitteln von heute. Abrams lässt nahezu kein Markenzeichen von Classic Star Trek aus, von den Erkennungsprüchen der Figuren bis hin zur legendären Wackelkamera bei Angriffen auf die Enterprise. Auch der Plot ist – wahrscheinlich mit Absicht – ein gnadenlos einfacher Action-Plot ohne großen Tiefgang, eine relativ einfache Gut-gegen-Böse-Story mit einigen oft gewagt montierten Kampf- und Actionsequenzen, die sich sicher ganz bewusst etwas campy anfühlen und irgendwie allzu überdramatisiert sind… wie Fernsehen eben, nur hypertroph, mutiert. Abrams versucht anders als seine Vorgänger nicht, aus dem simplen Trek-Rezept eine zerebrale Übung zu machen, einen intellektuellen Film für Erwachsene SF-Insider, sondern einen grellen, schnellen, oft auch einfach dummen Popcorn-Film zu machen, der sich weder durch tiefschürfende Charakteranalyse noch durch einen sonderlich komplexen Plot auszeichnet. Selbst die «Moral von der Geschichte» ist so platt, dass die Originalserie dagegen fast doppelbödig und clever wirken mag (was aber wahrscheinlich täuscht – im Rückblick wirkt ja alles etwas besser). Abrams Star Trek lässt keine Sekunde Zweifel daran, Actionkino für Teens zu sein – und das ist auch gut so. Niemand braucht wirklich eine Enterprise-Crew, die noch mal versucht die Wale zu retten.

Leonard Nimoys Abgesang auf seine Rolle des Spock in Star Trek allerdings macht zugleich klar, dass hier ein respektvoller und durchaus auch ernst gemeinter Übergang der Generationen vorgenommen werden soll. Was man anderenfalls vielleicht als Experiment – wenn es nicht klappt, kann man ja jederzeit zum «echten» Prä-Zeitsprung-Taschenuniversum zurückkehren – abtun könnte, gewinnt durch Nimoys rosinengesichtige Ernsthaftigkeit einen anderen Stellenwert. Es ist ein wenig rührend, selbst als nicht Trek-Fan, Nimoy hier vielleicht ein letztes Mal in der Rolle zu sehen, die sein Leben bestimmt hat und zugleich einen Kreis zu schließen von einem Spock am Ende seines Weges zu einem neuen Spock, dessen Reise unter ganz anderen Vorzeichen überhaupt erst beginnt. Nimoys Mitwirkung – ebenso vernünftig war es übrigens, auf Shatner zu verzichten, dem auch die visuelle Würde von Nimoy gefehlt hätte – holt den Reboot ganz offiziell in den Trek-Kanon und authetifiziert damit die Überschreibung von allem, was bisher geschehen ist. Man ist fast körperlich geschockt von dem Mut, einer globalen Fangemeinschaft hier so offiziell aus dem Munde der vielleicht legendärsten Trek-Figur persönlich zu verkünden, dass TNG, DS9 und und und so einfach nie passiert sind, überschrieben von einer neuen Zeitrechnung. Burn your old movies, my friends. Aus dem Munde von Nimoy – Spock persönlich!  Das darf man sich wahrscheinlich  denken, als würde der Papst verkünden, man habe sich bei dieser ganzen Jesus-Sache furchtbar getäuscht und die Bibel sei ab morgen nicht mehr gültig. Abrams bemüht die höchste Autorität im Trek-Kosmos, um seinen Reboot offiziell zu machen. Was einerseits für das Überleben, die Revitalisierung, der Marke Star Trek unumgehbar ist, zugleich aber einer ganzen Horde eingefleischter Fans wahrscheinlich schrecklich weh tun dürfte. Die Message von Abrams  Trek ist die Message, die Shatner persönlich schon vor Jahren bei Saturday Night Live für die Fanboys parat hatte: Get a life!

Zurück zu den einfachen Wurzeln einer naiven TV-Serie, befreit vom Ballast dekadenlanger Feinziselierung eines Tolkien-komplexen Universums, fühlt sich Star Trek ungemein frisch und blitzeblank an, alles an dem Film sagt: Hey, this is FUN. Manchmal auch zu laut – aber man merkt als Zuschauer, mit welcher Begeisterung die Crew den alten Mythos mit allen Klischees wiederaufleben lassen will und zugleich nicht in einem reinen Nostalgie-Fanfiction-Sumpf steckenbleiben will. Dazu gehört reichlich Fanservice für die Freunde der ersten Serie, wenn etwa kurz ein Tribble im Bild erscheint, Scotty in den Eingeweiden der Enterprise steckt (inklusive einem fast Monthy-Pythons genialen meterhoch mit EMERGENY HATCH beschrifteten Notausgang in der Wasserleitung) oder bei der ersten Mission ein waschechtes Red Shirt mit dabei ist – da ist Insider-Kopfnicken vorprogrammiert… Dazu gehört aber auch die Ahnung, dass wir nicht mehr die Sechziger haben und neue Konstellationen denkbar sind, etwa wenn Uhura und Spock im Lift rumknutschen wie Teenager. Spock, so die überdeutliche Botschaft, ist nicht mehr die verkörperte Rationalität, ein wandelnder Computer, sondern ein Stranger in a Strange Land, ein Mischling, ein Einwanderer, der nirgends zuhause ist, halb Mensch, halb Vulkanier, zwischen Emotion und Logik hin- und hergerissen und damit durchaus  Sinnbild für den entwurzelten Menschen heute, der zwischen Verstand und Gefühl schwankt, zwischen Können und Wollen, zwischen Genetik und Träumen. Auch wenn man argumentieren kann, dass es der Einzigartigkeit der Figur, der Kälte von Spock, Abbruch tut – der späte Spock ist menschlicher, aber der frühe ist gerade durch seine meist entnervende Distanziertheit und Rationalität interessant gewesen… ob ein knutschender, sich prügelnder Emo-Vulkanier auf Dauer diese Art von Magie besitzt oder nicht doch zu alltäglich wird, bleibt abzuwarten. Auch dass Kirk und Spock à la 08/15-Buddy-Movie erst zueinander finden müssen wie Han und Luke und das Kirk vom jugendlichen Draufgänger, Schlägertypen und Womanizer zum… äh.. erwachsenen Draufgänger, Schlägertypen und Womanizer reift, sind moderne (wenn auch nicht sonderlich neuartige) Charakterentwicklungen, die in einer Serie keinen Platz hatten, in den 80er/90er-Filmen der Originalcrew aber als bereits abgeschlossene Prozesse beendet waren. Im sentimentalen Rückgriff haben Abrams und Co nun die Chance zu zeigen, wie die Crew zusammen geschmiedet wurde und wie Spock, Kirk und Bones den oft grummelnden Respekt voreinander gefunden haben, der die Chemie der drei Figuren determiniert. Es wird sich zeigen, wie die auf den ersten Blick hervorragend gecastete, aber leider im Drehbuch oft auf Klischees (Scotty! – wobei Pegg den Klischeeschotten ja anscheinend voller Genuss spielt) simplifizierte neue Crew dieser Freiheit, Charaktertiefen auszuloten, gerecht wird in folgenden Filmen oder inwieweit die Figuren nur Pappenheimer in Action-Drehbüchern bleiben dürfen.

Apropos Drehbuch: Der Plot des Films ist streckenweise an Dummheit kaum zu überbieten. Das Spock in einem Anfall von Mordlust Kirk auf einem Eisplaneten aussetzt, auf dem – SURPRISE – ausgerechnet auch Spock Prime aus der Zukunft ist, ist schon ein starkes Stück. Es gibt vieles, worüber man sich trefflich aufregen kann. Der absolut fehlgeleitete Humor des Films – was soll die Szene mit Kirks angeschwollenen Händen? Die wirklich nur in einem ersten Teil akzeptable Überbetonung von charakterdefinierenden Sätzen oder Gesten (Augenbraue Spock…). Die an Fanfiction erinnernden Elemente der Handlung (Uhura/Spock, Kirk und die grünhäutige Kadettin). Die unsagbar platte Kirk-ist-ein-Held-Sequenz am Ende, die in ihrer Banalität eigentlich eine Traumsequenz hätte sein müssen. Kirks an Jack Bauer erinnernde permante Rechthaberei. Kirk weiß alles, kann alles, gewinnt immer – spannend sind solche Figuren an sich selten, weil Entwicklung und Handlung nur noch um sie herum möglich ist, die Figuren selbst sind zu geronnenen Katalysatoren geworden, die an sich zu keiner Veränderung mehr fähig sind, sie sind feste berechenbare Parameter, die man nur noch in verschiedene Konstellationen eintauchen kann (weswegen 24 ja eine so grundlangweilige Serie geworden ist, da sich niemand traut, die Konstellation zu ändern und so die immer gleiche Figur in die immer mit Ausnahme von Details gleiche Situation kommt, was völlig unter dem Potential der Serie bleibt.) Aber die flache Handlung, die oft etwas aufdringlichen Verbeugungen vor der Originalserie, die mit Ausnahme von Uhura noch etwas pappig wirkenden Charaktere deuten auf eine tiefere Wahrheit des Reboots hin: Er ist nicht für Erwachsene. Star Trek ist ein Film für 11-jährige, denen die Handlung zu recht weitestgehend egal ist, solange die Kamera nur heftig genug wackelt, wenn etwas explodiert, die sich in den unterm Bett liegenden und Uhura ansabbernden Kirk hineinversetzen können, die die simple Bart/Millhouse/Kirk/Spock-Freundschaft bestens verstehen, denen GEH DA RAUS UND ERLEB EIN PAAR ABENTEUER ein Begriff ist, denen grelle Lensflareeffekte nicht auf den Nerv gehen und die mit frischen Augen an den Mythos gehen, alles zum ersten Mal erleben. Star Trek ist eben nicht Teil 11, sondern ein neuer, erster Film, eigentlich eher ein NULL-Film, ein Reset vor einem ersten Teil…, der umso besser wird, je naiver man ihn sieht. Anders ist dieser Film nicht denkbar – die Serie war naiv und kindlich, der Reboot muss es weitestgehend zunächst auch sein. Es ist beileibe kein großartiger, vielleicht nicht einmal ein guter Film – und als Reboot nicht näherungsweise so ambitioniert wie Campbells Casino Royal. Aber er versteht die Campyness, den Trashfaktor, den Spaß am Schlechten, der die Originalserie im Herzen auszeichnet – Abrams Sinn für comicartige Over-the-Top-Inszenierung ergibt eine bonbonbunte, unlogische Melange, die weder großartige Charaktermomente noch hervorragende Action bietet und trotzdem Spaß macht. Denn machen wir uns nichts vor: Star Trek war niemals gut. Es war eine kleine B-Serie, die aus gutem Grund früh abgesetzt war, ein seltsamer Hybrid aus SF-Geekdom und Frühzeit-Fernsehkultur. Echte Star-Trek-Fans des auf dieses kleine Häuslein der Originalserie aufgebauten Hochhauskomplexes werden den Film (eventuell zurecht) aus ganzem Herzen hassen, weil er wieder das alte hässliche Häuslein hervorkramt, das Hichhaus einreisst und nur etwas Farbe auf die Wände des kleinen alten und irgendwie so simpel wirkenden Häuleins pinselt -  und Paramount wird es (ebenso zurecht) völlig egal sein, solange der Rest der Welt nur bitte genügend Kinotickets und DVDs und Merchandise kauft – denn darum geht es schließlich. Dem Space-Western-Aspekt der Serie wird Abrams glatter, professioneller, oberflächlicher und trotzdem oft liebevoll nerdiger Fluorecent-SF durchaus gerecht. Die zahlreichen Fehler des Films gehören sogar fast zwingend dazu. Abrams Film, keine Frage, ist einfach eine Art Doppelfolge aus den 60s, gemacht mit der ganzen neuzeitlichen Digitalpower von ILM. Eine Mischung aus Nostalgie und Kind-im-Süßigkeitenladen-der-Spezialeffekte, ein reiner Spaßfilm, mit einer Besetzung, die gut funktioniert. Muss auch mal sein. Dem naiven Eskapismus der Serie kommt Abrams mit seiner Re-Interpretation auf jeden Fall unbedingt nahe.

Und dennoch: was dem Film leider völlig fehlt, ist… Science Fiction. Roddenberry hat mit Classic Trek nicht nur Gegenwartspolitik der Sechziger ins Weltall verfrachtet, und nicht nur eine platte Actionserie billig produziert, sondern auch nach vorne gedacht. Die aus heutiger Sicht naiv wirkenden Plots waren für das damalige TV-Publikum oft bahnbrechend, nicht umsonst war die Serie ein Kult bei Studenten, unter dem Deckmantel des Science Fiction konnten die Autoren teilweise banal, teilweise clever, die Gegenwart reflektieren und über Xenophobie, Religion, Politik sinnieren … immer eine Funktion von SF, spekulativer Spiegel der Realität zu sein. Schon die Tatsache, dass ein Russe an Bord ist – wenn auch gebrochen durch die Linse des Kalten Krieges offensichtlich in einer nach amerikanischen Wertvorstellungen lebenden Zukunft – dürfte seinerzeit ein gutes Stück mindfuck gewesen sein.

Das Abrams und Lindeloff durchaus zu ähnlichen Leistungen in der Lage sind, beweist seit fünf Staffeln Lost, die vielleicht ambitionierteste Serie, die es jemals im amerikanischen TV seit Twin Peaks gab. Es ist insofern schade, dass nicht etwas von dem Mut und der Intelligenz von Lost oder Cloverfield zu Star Trek abgeflossen ist,  um mehr zu liefern als einen handwerklich geschickten Popcornfilm. Es wäre sehenswert gewesen, was passieren würde, wenn man nicht einfach nur leicht aufpolierte Nostalgie präsentieren würde, sondern das SF-Konstrukt als Trägerrakete für komplexere Botschaften «missbrauchen» würde. Dass das nicht schwerfällig und moralintriefend sein muss, sondern smart und unterhaltsam sein kann, beweist Lost ja durchaus (wobei die Komplexität einer solchen TV-Serie kaum noch in einen einzelnen Film zu übertragen wäre, gutes Fernsehen kann heute erzählerisch viel mehr leisten als Kino). So wie die Dinge stehen, knüpft Abrams aber eher an das Flair von Alias an und verzichtet auf Überraschungen oder Tiefgang zugunsten eines spektakulär restaurierten Retromöbels. Was dabei verloren geht ist die Chance, Alt und Neu ernsthaft zu verknüpfen, über die Zukunft – und ergo die Gegenwart – nachzudenken. Ohne die Schwerfälligkeit von NextGen, aber vielleicht nicht ganz so platt bleibend wie dieser erste Film. Es wird sich zeigen, inwieweit die Sequels, die sich nicht mehr darauf verlassen können, dass es reicht, einfach Figuren einzuführen und neu zu definieren und dem Publikum ein erstes «Fascinating» zu verfüttern, dieser Aufgabenstellung gerecht werden. Denn ob es für einen erfolgreichen Relaunch langfristig reicht, die neue Crew jährlich in ein Abenteuer-der-Woche fliegen zu lassen, ist mehr als fraglich. Die Chance wäre da, die alte Trek-Crew, die jetzt den Luxus einer Carte Blanche besitzt, zu einem Spiegel der Neuzeit zu machen, so wie die alte Serie ein (verzerrter und eben deshalb ja so brauchbarer) Spiegel der US-Mentalität der 60er war. Es mag für einen ersten Film reichen, dass er an sich (durch seine reine Existenz, nicht im Inhalt) den gegenwärtigen Geist des Neuanfangs und die Sehnsucht nach einer Prä-Bush-Vergangenheit, nach einem neuen bürgerlichen 60er-Amerika à la JFK, aufkocht, denn das dürfte den Geist der Obama-Wahl gut wiedergeben. Man darf aber gespannt sein, ob die nächsten Teile in nichtssagendem Phaser-Geballer untergehen oder an Substanz gewinnen und mehr wollen als nur neue Merchandise verkaufen. Die Ansätze für beide Wege sind in diesem ersten Teil gegeben – der Weg zur  Selbstparodie à la Galaxy Quest ebenso wie der Weg zu einer wirklich neuen Enterprise, die einen neuen Mythos begründet. Und allein diese Ambivalenz macht Abrams Star Trek sehenswert.

8. Mai 2009 08:03 Uhr. Kategorie Film. Tag . 2 Antworten.

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