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SPIDER-MAN 3

Comicverfilmungen, zumal von «Superhelden»-Comics, sind stets schwierig. Was zweidimensional in einem Medium, das von Pausen lebt, bestens funktioniert, scheitert an der Übersetzung in reale fließende Bilder. Die CGI-Technologie hat dem Genre einen Höhenflug beschert, weil jedes nur denkbare Bild heute im Film realisierbar geworden ist. Die Handschrift von Zeichern und Inkern, die Dynamik von Seitenlayout und Panels, die gesamte Syntax des Mediums, fehlt dem Film aber. Und… mal ehrlich: Ein Kostüm, das gezeichnet völlig akzeptabel ist, wirkt im «echten» Leben einfach albern.

Das allein kann aber nicht begründen, warum Spider-Man 3 ein solch gigantischer Flop ist. Sam Raimis Finale seiner Spider-Trilogie fällt selbst hinter die beiden ersten Teile zurück. War Teil II – wie so oft bei Trilogien – der erwachsenste, komplexeste und überzeugendeste Teil, so ist das Finale, wie eben auch bei Star Wars, erschreckend schwach. Dabei hält sich Raimi an die aus Scream 3 bekannten Regeln eines Trilogiefinales – mehr Budget, mehr Effekte, mehr Gegner, mehr Blut und nichts ist so wie es scheint. Spider-Man 3 gilt mit atemberaubenden 250 Millionen Dollar als eine der bisher teuersten Filmproduktionen. Und man fragt sich schon, wo das Geld geblieben ist. Denn außer der aber durchaus schon aus anderen Produktionen bekannten Computerperfektion bietet der Film wenig Neues. War das Drehbuch von Teil II immerhin partiell von Michael Chabon mit verfasst und hatte somit einen Anflug von Tiefgang, präsentiert der dritte Teil ein Sammelsurium abgegriffener Motiven aus Raimis eigener Spider-Man-Serie und anderen Genrefilmen.

Denn das Spider-Man gegen sein eigenes «inneres» sublimiertes Böses antritt, das durch einen außerirdischen Symbioten, der zu Peter Parkers neuem schwarzen Outfit mutiert und Peters egoistische und eitle Seite zum Vorschein bringt, das kennt man schon aus Superman 3 und auch aus der Serie Smallville. Harry Osborn als Goblin hebt sich kaum nennenswert von seinem Vater in Teil I ab. Und die Neuankömmlinge Sandman und Venom (der im Film nie so genannt wird) bleiben unscharfe Figuren ohne jede Tiefe, deren Background bestenfalls klischeehaft abgerissen wird.

Tatsächlich erweckt der Film durchgehend den Eindruck, zugleich langweilig und gehetzt zu sein. Die Wandlung von Harry Osborn vom Bösewicht zum Freund (Gedächtnisverlust durch Kopfstoß, wie originell), wieder zum Bösewicht, der schließlich als echter Freund an Peers Seite kämpft… so etwas würde im Rahmen einer Serienstaffel, mit entsprechender Zeit, möglicherweise einen brauchbaren Soap-Opera-Subplot abgeben, aber in den etwas mehr als zwei Stunden des Films wirkt es einfach albern, wenn Osborn völlig unmotiviert durch immer neue Metamorphosen jagt und jede Entwicklung (wie etwa sein Anbändeln mit MJ) durch aberwitzige neue Ereignisse völlig irrelevant wird.

Auch für das Alien-Kostüm ist anscheinend keine echte Zeit. Die schwarze Masse wird nur en passant kurz erklärt, die Schwäche des Symbiots gegenüber Lärm geht fast unter, sämtliche Hintergründe (WO kommt das schwarze Alienwesen eigentlich her? Was will es auf der Erde? Warum verwandelt es sich in ein Gummikostüm, anstatt direkt mit Peter zu fusionieren wie später mit Brock? Mimikry? Warum sieht es auch bei Brock später immer noch nach Spider-Man aus und und und…) bleiben offen. Was in den Comic über Jahre langsam etabliert wurde, wird hier hopplahopp über die Leinwand geschossen, keine Zeit, keine Zeit (© C. Deckert).

Die Handlung, die Raimi in einen Film komprimiert, würde langsamer und im Rahmen einer TV-Serie sicher besser wirken, zumal sie so oberflächlich bleibt, dass es für einen echten Film einfach an Tiefgang mangelt. Bei einer TV-Serie hängt der Anspruch ja eben doch etwas tiefer. Auch die Trickeffekte sind keineswegs so spektakulär, dass man deswegen allein ins Kino müsste, sie bewegen sich im Rahmen dessen, was heute Standard geworden ist. Und zugleich fehlt ihnen eben deshalb an Magie. Was zu Zeiten von Matrix I noch atemberaubend war – ein Helikopter rammt ein Hochhaus – wirkt heute abgenudelt, zu oft gesehen. CGI macht alles möglich, aber zugleich gewöhnen wir uns an diese Technologie und beginnen, von ihr gelangweilt zu sein, weil sie allein nicht mehr als Argument für einen Film ausreicht. Sie bleibt steril, kalt, anti-emotional. Je mehr Filme auf Computerbilderwelten setzen, je mehr sie die Ästhetik eines Videospiels annehmen, umso weniger identifizieren wir uns mit den Themen dieser Filme.
Und auch narrativ enttäuscht Spider-Man 3, zumal er einen wichtigen Kern des Mythos ad absurdum führt. Peter Parker, im Comic wie im ersten Teil der Filmserie, lässt aus Eigennutz einen Räuber entkommen, der später seinen Onkel Ben umbringt, wodurch Peter lernt, dass mit großer Macht große Verantwortung einhergehen muss. Simple moralische Botschaft, aber einer der absoluten Essentials des Spider-Man-Universums. Hätte er den kleinen Dieb aufgehalten, würde sein Onkel noch leben. Im dritten Teil weicht Raimi ohne dramaturgische Not von diesem Kernmythos der Figur ab, um den Sandman zum wahren Mörder von Ben Parker zu machen. Und entkernt so die moralische Konstruktion seines Helden. Denn egal, ob Spider-Man den Dieb nun aufgehalten hätte oder nicht… Ben wäre so oder so ermordet worden. Raimi exkulpiert Peter Parker hier, indem er die kausale Kette trennt. Spidey ist im dritten Teil NICHT mehr (mit)schuldig an Bens Tod. Was etwa so ist, als würden im nächsten Batman-Film Bruce Waynes Eltern wieder auferstehen.

Wäre dieser seltsame und störende Eingriff in die Origin von Spider-Man wenigstens nötig, man könnte es verzeihen… aber für den weiteren Film hat die ganze Sache eigentlich keinerlei Bedeutung. Raimi geht es augenscheinlich nur darum, Peter gänzlich unschuldig und rein zu haben. Was aber eigentlich gegen die inhärente Struktur aller Marvel-Helden geht, die immer Everyday People sind, immer menschliche Makel haben. Raimis Spider-Man ist insofern, im Kern, Superman. In Teil III ist Spider-Man dementsprechend ein von der ganzen Stadt gefeierter Held, in den Comics aber seit jeher eine zwielichtige, von der Polizei nicht selten gejagte, von der Öffentlichkeit eher mit Misstrauen beobachtete Figur. Spinnen sind halt ekelig. Es gibt für den «echten» Spider-Man keine Ticker-Tape-Parade in den Straßen von NYC. Und der «echte» Spider-Man würde auch nicht in eine der dümmsten Szenen des Films (und das heißt bei diesem Film schon einiges) vor einer US-Flagge posieren. Ein All-American-Hero ist Peter Parker aber eben eigentlich nicht. Die Spinne ist kein strahlender Held. und verträgt solchen Kitsch, anders als Superman, eben absolut nicht. Raimi, kurzum, hat seinen Protagonisten offenbar nicht verstanden und fröhnt auch in Teil III – wie schon im Vorgänger – dem Wunsch, endlich mal einen Superman-Film drehen zu dürfen.

Umso absurder inszeniert Raimi die «dunkle» Seite von Parker. Die nur möglich, nur nötig wird, weil Raimi selbst zuvor Spider-Man so nahtlos glatt auf Hochglanz poliert hat, dass er plötzlich eine «dunkle Seite» braucht. Raimi entfernt zunächst die gebrochene, reale, alltägliche Struktur des Comic-Book-Helden zugunsten einer zu strahlenden Version, um diese dann wieder zu negieren. Was für Superman aber durchaus funktioniert – diese hassliebende Urangst, die der Rest der Welt vor den USA hat: Was passiert eigentlich, wenn ein übermächtiges Wesen plötzlich böse wird? -, ist für Spider-Man komplett falsch. Spider-Man IST das Ventil des ohne Maske stets verpeilten und lieben irgendwie weichen aber liebenswerten Losers Peter Parker, Spider-Man ist das «Es» für Parkers «Über-Ich». Bei Superman ist es umgekehrt: Clark ist die Maske, die dem gottähnlichen Überwesen Superman die Chance gibt, unerkannt unter Sterblichen zu leben. Clark ist nur deshalb so ein Weichei, weil Superman nicht erkannt werden will. Bei Parker ist dies völlig überflüssig, weil Spider-Man eine Maske trägt und seine Geheimidentität dadurch nicht schützen muss. Spider-Man IST die Maske, bei Superman ist Kent die Maske. Die Struktur des Protagonisten ist also derart anders als die von Superman, dass Raimi seinen Helden völlig sinnlos und aufwendig verbiegen muss, um einen Superman-Plot in diesen Film zu drücken. Und so wirkt es eben abstrus, wenn Peter Parker über Nacht «cool» wird. Weil Parker nie cool war, nie cool sein wollte. Spider-Man ist cool (und muß es nicht sein). Peter ist nicht cool und auch ganz zufrieden damit. Aus dem Nichts tauchen hier aber nun plötzlich maskaraverschmierte Augen und dunkel gefärbte Haare auf (damit auch der Allerletzte noch versteht, dass unser Peter jetzt plötzlich böse ist….) und Parker hat auf einmal einen Emo-Haarschnitt und einen teuren Anzug (wovon hat der notorisch klamme Peter, der nicht mal die Miete zusammenkriegt, den eigentlich bezahlt?). Das ganze ist so platt, so offensichtlich, so albern… es knirscht im Gebälk des Filmes. Das Parker auch in dieser bösen Version immer noch ein Nerd ist, der affektiert-albern stolziert, der Frauen dämlich anflirtet und dabei nur seltsame Blicke erntet, der eben immer noch kein «Jock» ist… das ist von Maguire sicherlich richtig angelegt, untergräbt aber unpassenderweise den Versuch, Parker cooler wirken zu lassen. Der Nerd Clark Kent mutiert ungebrochen zum harten Typen, wenn er seine Moral abstreift, weil wir alle wissen, dass Kent nur die Maske des Übermenschen ist, Parker aber wird nur zum aufgeblasenen Möchtegern, der sich selbst nicht entkommen kann. Raimi kann sich hier zudem nicht entscheiden, in manchen Sequenzen kommt Parker wirklich lässig rüber, in anderen wirkt er wie eine Witzfigur. Diese Ambivalenz verrät, wie unsicher Raimi anscheinend mit der eigenen Idee war, wie unpassend sie in diesen Film wirkt – und eben auch wieder zu schnell, zu hastig. In einer Serie, über mehrere Folgen gezogen, wäre eine langsame Wandlung des Milchbubis Parker zu einer erst cooleren und dann unangenehm großkotzigen Variante sicherlich spannend gewesen… aber hier fühlt man sich, als würde man den Plot im Fast Forward durchhecheln müssen.

Auch die Wandlung vom Übernerd Parker zum Möchtegern-Fiesling ist übrigens, wie nahezu jedes einzelne Element des Films, auf das Ganze betrachtet völlig konsequenzenlos. Im Kontext des gesamten Films kann man dieses Morphing vom Guten Peter zum Bösen Peter und zurück einfach überspringen. Die einzelnen Plot-Elemente kommen nie wirklich zusammen, bleiben überflüssig. Im grunde hätte auch gleich Brock den Symbioten finden können und man hätte sich 30 Minuten unnötigen Ballast gespart. Hochgerechnet kann man den Film so allerdings auf 15 Minuten verkürzen, da ausnahmslos alle Elemente der Handlung einfach vorbeistreifen, ohne Spuren zu hinterlassen. Auch der Konflikt zwischen MJ und Peter ist völlig überflüssig und endet zyklisch am Ausgangspunkt. Während laut E.A. Poe die Essenz einer guten Short Story ist, das nichts überflüssig ist, alles zur ganzen Erzählung beiträgt, besteht Spider-Man 3 nur aus nichts führt zu nichts.

Angesichts der völligen Überflüssigkeit von ganzen Handlungssträngen wirken andere ärgerliche Momente fast nur noch wie Details am Rande. Mein einziges Highlight bleibt der Sandman, der eine – wenn auch schwache – Motivation hat, der zwar übertrieben agiert, aber immerhin überhaupt ewas Tiefe bekommt und rein optisch einfach solide umgesetzt ist, ausgezeichnet nahe am Comic und trotzdem visuell anfangs mitreissend. Das – ganz Hollywood eben – am Ende ein haushohes Sandmonster nötig ist, langweilt allerdings eher. Solche CGI-Monster hat man seit Man in Black jetzt ungezählte Male gesehen, es nervt. Nicht alles, was machbar ist, muss auch gemacht werden. Die extreme Zerstörungswut des Riesen-Sandmännchens geht auch von der erzählerischen Logik her gegen das Ende des Films. Ein gigantischer Nervmoment ist Aunt May. Die jedesmal- wie es Zufall und Drehbuch wohl so wollen – genau das sagt, was uns der Autor über den «tieferen» Konflikt von Peter Parker sagen will. Diese ständige Rolle als Jiminy Grille ist entsetzlich. May kann nerven oder eine wichtige Supporting-Cast-Figur sein. Die Film-May gehört erschossen, so überflüssig und anstrengend ist sie. Apropos anstrengend: Das Peter und auch jeder der maskierten Schurken nahezu pausenlos die Maske vom Gesicht nimmt oder – wie Parker ja in allen drei Teilen – die Maske zerfetzt wird (sinnvolle Maske, die nach etwas Action nur noch aus drei Stück Gummi besteht)… das strengt auf Dauer einfach enorm an. Natürlich ist es für einen FIlm schwer, Emotion zu vermitteln, wenn man das Gesicht des Darstellers nicht sehen kann. Film ist da visueller als Comic. Aber genau das ist ja die Kunst. Es erscheint surreal, wenn die Protagonisten zunächst das Bedürfnis zu haben sich zu maskieren (wie es in Comics nun mal traditionell ist), sich dann aber in allen Dialogmomenten immer und immer wieder demaskieren. Dann doch gleich ganz weg mit den Masken, oder? Diesen Spagat, den Raimi schon im ersten Film entnervend darbot, kann man sich einfach nicht einen ganzen Film lang ansehen. Auch das Raimi eine an sich blonde Darstellerin zur an sich rothaarigen MJ macht und eine rothaarige zur blonden Gwen Stacy… überflüssig. Schön ist, dass Gwen fast John-Romita-artige Augenbrauen und den klasischen Haarreif hat, auch wenn dieser Look heute etwas altbacken wirkt. Bryce Dallas Howard macht einen soliden Job als Gwen, auch wenn sie etwas naiv und oberflächlich wirkt und somit meilenweit vorbei an der Charakterisierung der warmherzigen und smarten Comic-Gwen vorbeischießt. Aber gut, Kirsten Dunst MJ ist ja auch denkbar weit weg von der «echten» smart-and-sassy-MJ. Dunsts MJ ist eine selbstmitleidige weinerliche und durch und durch egoistische Person, eine völlig andere Figur als die Comic-MJ. Aber das macht ja Sinn, wenn auch Maguires Peter Parker nicht auch nur näherungsweise mit der von Stan Lee etablierten Comicbook-Figur kongruent ist.

Solche Divergenzen zwischen Vorlage und Hollywood-Interpretation ist man ja gewohnt und sie sind und bleiben so überflüssig wie ärgerlich… immerhin hat Raimi Spider-Man noch kein Kind angedreht wie Bryan Singer Superman. Aber leider ist Spider-Man 3 auch rein als Film genommen, wenn man alle vergleiche mit der Vorlage weglässt, ein leichtgewichtiger, extrem dümmlicher Film, der sich bestenfalls für Zwölfjährige eignet, weil Narration und visuelle Umsetzung für einen Erwachsenen oft eher unfreiwillig komisch wirken. Wer Spider-Man kennt, wird in diesem Film ziemlich leiden, wer unbedarft an den Stoff herumgeht, wird sich bestenfalls langweilen. Spider-Man 3 ist ein Film, der nichts Neues zu sagen hat und dies auch noch kläglich und ohne echten Respekt vor dem Ursprungsmaterial tut.

Also einfach lieber einen Abend grillen gehen bei dem guten Wetter ;-).

2. Mai 2007 18:22 Uhr. Kategorie Film, Stuff. 29 Antworten.

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