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SPEKTAKEL

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Spektakel war eine Veranstaltung, die Studierende der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart von übrig gebliebenen Studiengebühren organisiert haben. Für Konzept und Organisation des Ganzen war die kleine, aber feine Mannschaft um Leonie Hosoda, Carolin Lintl, Katrin Koch, Jonas Beuchert und Wolfgang Koppensteiner zuständig, die eine ganze Crew von Studenten zu den verschiedensten Events inspirierte. So entstand nicht nur live während der Veranstaltung durch Benjamin Kivikoski und Michael Allocca eine eigene Dokumentationsbroschüre, sondern es gab auch eigens angefertigte Möbel, die den Flair des Tangram-Logo von Spektakel aufgriffen, es gab eine liebevoll gemachte Trendmaschine, in der die Besucher selbst kreativ werden konnten und neue Trends basteln konnten, die dann sofort in der Fotobox festgehalten und per Beamer projiziert wurden, es gab ein großartiges Dinner für die Redner als Kick-Off und eine ziemlich dicke Party am Schluss. Mehr geht nicht. Und obwohl die Spektakel-Crew permanent mit Terminänderungen, eilends abreisenden Gästen und allerlei anderen außerfahrplanmäßigen Sachen konfrontiert war, lief der Event für die Gäste so smooth und professionell ab, als würden die Stuttgarter die Sache schon seit Jahren machen – dabei war Spektakel ein Debut.


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Die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart ist architektonisch ein Hingucker, hypermoderner Beton/Glas/Stahl-Airport-Flair der Neunziger, hell und geräumig, ungewohnt frisch und neu gegen die meisten FHs, die ich kenne. Angenehm ist, dass die Akademie keine FH ist, sondern trotz der staatlichen Anerkennung und der langen Historie der Schule und trotz der Tatsache, dass man hier seinen BA/MA in European Design ablegen kann, ein längeres Studium und ein Diplom noch zur Tagesordnung gehören. Völlig unabhängig voneinander haben mehrere Studenten die Akademie als «Oase» bezeichnet – und obwohl ich kaum Zeit hatte, um mit den Professoren zu plaudern, kann man allein anhand der hochrangigen Dozenten dort (im Kommunikationsdesignbereich unter andere Niklaus Troxler, HG Pospischil und Gerwin Schmid) schon klar sehen, dass das keine Übertreibung ist. Genius Loci, engagierte Studenten und Dozenten, kreativer Freiraum, interdisziplinärer Ansatz und Meisterklassen-System – wenn ich mir eine Akademie backen könnte, sähe sie nicht viel anders aus :-D.

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Die Spektakel-Crew bei den letzten Vorbereitungen bevor es losgeht. Die Schals – in neon-orangem Fleece -  haben weniger mit den vielen niederländischen Gästen zu tun, sondern gehören zum Corporate Design des Symposiums, das vom Brief über die Bildschirmanimation bis hin zur Tischdeko liebevoll durchgestaltet war – ich hoffe ja immer noch, dass die Macher von ihrer Schule dafür einen Ehren-Schein bekommen ;-).

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Der Moderator. Das Wochenende durchgearbeitet, Grippe im Anflug und die Nacht davor bis um drei an den Texten gesessen – und so habe ich mich auch gefühlt. Trotzdem ein Riesenspass, hier die Gäste ansagen zu dürfen und ein bisschen gegen die herkömmliche Art von Moderation zu spielen. Dass ich zu viel geredet habe, ist dabei ja fast selbstverständlich, oder?

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Prof. Dr. Ingrid Loschek ist im besten Sinne eine Grande Dame, klug elegant und herzlich – und sie eröffnet das Symposium punktgenau mit einer sicheren Analyse der Begriffe Innovation und Spektakel in der Mode, zeigt die Bedeutung neuer Technologien in der Haute Couture auf und zeigt an griffigen Beispielen – etwa von Viktor&Rolf – wie sich im Grenzbereich zwischen Kunst und Mode die Trends hin entwickeln und wie diese Trends langsam aber sicher dann auch in den Streetwear-Bereich einfließen. Im Gespräch nach ihrem Vortrag macht sie auf Science Fashion aufmerksam, auf hoch technologisierte Kleidung, die etwa im Bereich Gesundheit und Altenpflege, aber natürlich auch im militärischen Bereich entwickelt wird, und deren Auswirkungen wir in einigen Jahren sicher auch im Alltag spüren werden.

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Ein Blick in die Trendmaschine, in der mit allerlei skurrilen Materialien ziemlich witzige und versponnene Objekte entstanden. Die Sorte Idee, die auf einer Veranstaltung angenommen wird oder floppt, und insofern wirklich ein Risiko, dass die Spektakel-Macher da aufwendig inszeniert haben – und das wirklich super lief, im Graben der Trendmaschine wurde eigentlich den ganzen Tag lang experimentiert.

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In der Fotobox konnten die fertigen Objekte dann festgehalten werden und wurden sofort per Beamer dem gesamten Publikum in der Halle oben gezeigt. Sehr coole Installation.

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Die multifunktionalen Tangram-Möbel, die sich in immer neuen Konfigurationen multifunktional einsetzen ließen,  tauchen überall auf.

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Daniel van der Velden gibt in seinem Vortrag einen Einblick in verschiedene Projekte von MetaHaven,sowohl selbst-initiierte als auch Auftragsarbeiten. Design entpuppt sich bei ihm als kontextuelle, soziophilosophische Detektivarbeit, bei der weniger ein ansehnliches Endergebnis im Vordergrund steht als vielmehr ein prozessualer Diskurs mit dem Auftrag. Ob die One-World-Flage für Adbusters, ein fiktionales Logo für die Sealand-Mikronation, Plakate oder Buchcover – die Designs gehen mit Geschmacksvorstellungen so streng ins Gericht wie einst die Cranbrook-Dekonstruktivisten in den 90s und offenbaren einen cleveren historischen Umgang mit den Zitaten und Möglichkeiten von Design als Autoren-Tätigkeit. Selbstironisch, humorvoll, klug und schnell., mit einem erschreckenden Background an Designwissen und Literatur, liefert van der Velden einen mitreißenden Vortrag, der ihn klar als einen der kommenden wichtigen Denker im Designbereich qualifiziert, der Themen von Bruce Mau oder Tibor Kalman weiterdenkt. Ich denke in letzter Zeit, dass die Zukunft des Designs nicht mehr in reinen Grafik-Designern liegt, sondern in Slash-Kombinationen, also Designer-Slash-Irgendwas. Daniel ist defintiv Designer/Philosoph oder Designer/Autor – und das ist eine ansteckende Kombination. Außerdem verdanke ich ihm den Tip, Slavoj Zizek zu lesen, den ich bisher erschreckenderweise nicht kannte und von dem ich prompt drei Bücher geordert habe :-D.

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Kleine improvisierte Runde mit van der Velden, Jonathan Puckey und Ingrid Loschek, im HIntergrund sitzt Jonas, der sich den ganzen Tag hindurch als really nice guy erwies.

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Hier einer der Gründe, warum Ingrid Loschek so großartig ist. Die Dame ist eine Größe in ihrem Fach, mit zahllosen Standardwerken und Artikeln und einem enzyklopädischem Wissen, und sie strahlt diese Kompetenz auch ohne jeden Zweifel aus – und ist sich trotzdem nicht zu fein, mit Erbsensuppe auf einer Kiste zu hocken oder sich diesen wunderbaren Hut zu basteln. Würdevolle große Lady und dabei völlig in der Lage, über sich selbst zu lachen – großartig.

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Noch mehr Eindrücke aus der Trendmaschine :-D.

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Ben Wilson aus Großbritannien, der sich als Industriedesigner vor allem mit DIY-Möbeln und wunderbaren Fahrrädern einen Namen gemacht hat. Ben arbeitet für Marken wie Stussy, Nike oder Issey Miyake, aber viele seiner Ideen entstehen in seinem Workshop, sind handgemacht, individuell, sinnlich und sinnvoll. Seine besondere Leistung ist, dass er dem Bike seine eigene Begeisterung, die er als BMXer für das Radfahren empfindet,  aufprägt und im einfachsten Sinne den Sexappeal des Fahrrads für eine neue, urbane Zielgruppe pusht. Wenn man darüber diskutiert, ob Design ökologisch sinnvoll sein kann, beweist Bens Arbeit, es geht absolut: Indem man vernünftige Produkte unvernünftig macht. Zudem ist auch Ben Wilson ein Slash-Designer, der seine eigenen Entwürfe selbst umsetzt und in seiner kleinen Werkstatt zeitnah Ideen und Konzepte nachweisen kann, der aber auch eigene Designs direkt selbst vertreibt – wie etwa seinen Chairfix. Die Personalunion von Entwerfen und Vertreiben der eigenen Designs, von Kreativität und Kaufmännischem, st dabei wegweisend. Ben ist sein eigener Auftraggeber, stellt sich selbst die zu lösenden Probleme und sucht erst im zweiten Schritt nach möglichen Käufern und Zielgruppen – ein im Grunde aus der Kunst stammender Vermarktungsansatz (wenn auch hier nicht für Unikate), der im Design mehr und mehr Fuß fassen dürfte.

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In jeder Hinsicht herausragend ist Prof. Dr. Thomas Friedrich mit seinem Vortrag. Keine Beamer-Bilderflut, Licht an, und abgelesen. Und direkt zu Beginn der Vergleich christlich-jüdischer und griechischer Kultur des Neues und des Immergleichen. Eigentlich ein todsicheres Rezept, um einen Saal zum Einschlafen zu bringen, erweist sich der Vortrag als humorvoll, tief, vielseitig, faszinierend. Der Phänomenologe Friedrich attackiert Design im engeren Sinne als Fehlentwicklung des späten Kapitalismus, als Vermäntelung von Realzuständen, die als Innovations-Silumulation nur noch Kuscheltiere und Kriegsvorbereitung hervorbringen kann. Pointiert und zielsicher schießt Friedrich Löcher in die Selbstgewissheit der Designer, um erst zu Schluss in einem flammenden Appell an die jungen angehenden Designer im Publikum, eine Neudefinition von Gesellschaft und Arbeitsbegriff zu entwickeln und den Weg zu einer nicht auf Wachstum und dem Glauben an eine bessere Zukunft getrimmten Welt, sondern einer Welt der Wiederkehr des Gleichen, der Balance und der Gelassenheit zu bahnen.

Da ich ja nicht gelernter Designer bin, sondern eher Kommunikationswissenschaften/Soziologie/Psychologie gelernt habe, war dieser Vortrag natürlich ein Highlight, auch wenn die meisten Thesen nicht wirklich neu waren  – umso wichtiger, den Designern immer wieder und klar zu sagen, dass trendige Surfaces und Sphären eben nicht alles sind. Nach seinem Vortrag musste Friedrich leider sofort weg, was sehr schade war, denn die Diskussionslust war zu diesem Zeitpunkt im Raum förmlich greifbar.

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Nach dem vernichtenden Urteil über den Status Quo von Design kommt ein weiterer Aspekt der Zukunft als Finale. Jonathan Puckey aus den Niederlanden ist ebenfalls ein Slash-Designer, in diesem Fall Designer/Programmer, jemand, der gegebene Technik nicht fraglos übernimmt, sondern dreht, biegt, modifiziert, shanghait, bis sie seinen Absichten folgt. Da werden billige Digitalkameras zu Himmels-Zeitraffern, da werden ganze Züge zu Scannern, da wird Illustrator mit Java zum graphischen Programmierumfeld, und selbst Workshops und Spiele laufen nach der Logik von Programmen ab – und das alles mit visuell hinreißenden, humorvollen und rundum überzeugenden Ergebnissen, die die Frage, ob man im Design noch etwas Neues leisten kann, eindeutig und vehement bejahen. Wie van der Velden – aber doch ganz anders – gehört Puckey zu einer neuen Generation von Designern, die theoretisches Fundament, Nachdenken ebenso wichtig erachten wie Experiment, Spiel und ganz einfach Spaß. Beide beweisen, dass der Marginal Designer, als interdisziplinärer Denker und Macher zwischen den Bereichen, der zunehmend auch aus eigenem Antrieb und ohne Briefing (ergo im Ansatz künstlerisch) arbeitet, den man eventuell eher im Museum oder eine Galerie als in der Marketingsitzung antrifft, zumindest ein Aspekt der Zukunft von Design ist. Kreative, die mit lebendigem Geist und Beherrschung der digitalen Tools über herkömmliche Abgrenzungen zwischen Schreiben, Musizieren, Bauen, Filmen, Print,Online und und und hinwegsteigen.

Ob bewusst oder unbewusst, ist es der Spektakel-Crew so gelungen, der theoretischen Kritik von Friedrich und dem Fundament von Loschek drei lebendige Beispiele gegenüber zu stellen, dass die Branche keineswegs stagniert oder nur noch Kuscheldesign produziert, sondern dass jenseits des Mainstreams (wie immer) etwas passiert.Designer-slash-Produzent Designer-slash-Philosoph oder Designer-slash-Programmierer sind dabei keineswegs neue Phänomene, und vielleicht ist der hybride, sich durchwurstelnde Kreative auch nur eine Reaktion auf die ökonomische Krise im herkömmlichen Designbereich, aber dass sich hier gleich dreimal in solchen Misch-Konstellationen Zukunftsmodelle von Design und individuellerLebensstrategie offenbaren, ist sicher kein Zufall.

Mit Spektakel ist den Stuttgarter Studenten ein glückliches Debut gelungen, mit herausragenden Sprechern, mit einem überzeugenden Mix aus Theorie und Praxisbeispielen, mit Beiträgen,die tatsächlich etwas mit dem Thema zu tun hatten – und die das Publikum im randvollen Saal bis zu letzt fesselten. Da kann sich so mancher kommerzieller Event eine Scheibe von abschneiden. Besonders schön ist die Kombination der Sprecher, die sich – ob Glück oder Absicht – einfach perfekt zusammenfügte, da es immer wieder Schnittstellen zu Zukunftsmodellen und Science Fiction ergaben, so dass die an sich unergründbare Thematik «Was ist neu?» zwar sicher nicht ausgiebig diskutiert wurde, aber doch mehr als genug food for thought geliefert wurde.  Dass Studenten, die so liebevoll eine Veranstaltung bis ins Detail planen, selbst eine große Zukunft vor sich haben, dürfte dabei als ziemlich sicher gelten – ich denke, wir werden von den Stuttgartern noch einiges hören :-D.

2. Dezember 2008 20:16 Uhr. Kategorie Design.
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