
Eigentlich komme ich denkbar unvorbereitet in diesen Film, da ich weder Donnie Darko, Richard Kellys gefeiertes Kultdebut gesehen habe, noch die dreiteilige Comic-Serie gelesen habe, die sozusagen das Prequel zu Southland Tales darstellen, weswegen der Film mysteriöserweise mit dem viertel Kapitel beginnt. So bin ich weder an Kellys «Stil» gewohnt, noch habe ich die Vorgeschichte um die Apokalypse, den Messiah, die Treer-Company und andere Sachen im Kopf. Und, zugegeben, irgendwann im letzten Drittel des Films hab ich bei Wikipedia nachgeschaut, worum zur Hölle es überhaupt gehen soll. Was tatsächlich etwas geholfen hat.
Abgesehen davon und eben trotzdem ist der Film ein Meisterwerk, vielleicht mit mehr Mut als Können, aber allein dieser Mut gehört beachtet. Die Geschichte des Films bewegt sich eindeutig in Philipp-K.-Dick-Gewässern, dreht sich um Doppelgänger, Identität, Präkognition und weist auch die vielen wirschen Ungereimtheiten und Idiosynkrasien auf, für die Dick legendär geworden ist. Vor allem aber ist Southland Tales der vielleicht perfekte Los-Angeles-Film, eine brillante schwarzhumorige Endzeit-Satire, die den Californian Way of Life dreist mit der biblischen Apocalypse verquickt, den War on Terror und Homeland-Security-Paranoia mit in den Cocktail wirft, und das ganze mit einigen Unzen LSD verrührt. Der Film funktioniert dabei auf so vielen verschiedenen Ebenen, dass es eine Freude ist, dem Regisseur dabei zuzusehen, wie er seine Fäden wirr verstreut.
Nur in LA ist es denkbar, dass eine Pornodarstellerin nicht nur eine ganze Merchandise-Maschine, mit Energydrink, CD, TV-Show anschiebt, sondern nebenher auch noch seherische Fähigkeiten entwickeln, die sich darin äußern, dass sie ein eher etwas naives Drehbuch über den Untergang der Welt schreibt, das leider absolut treffend den tatsächlich bevorstehenden Weltuntergang vorhersagt und im Verlauf des Filmes mehr und mehr die Handlung (mit)bestimmt. Nur in LA ist es denkbar, dass ein hünenhafter tattoo-übersähter Schauspieler nicht nur zugleich konservativer Politiker sein soll, sondern vor allem auch der Messias eines neuen Zeitalters sein könnte. Nur in Kalifornien sind die abstrusen bekifften politischen Underground-Bewegungen in dieser Form mit ihren hanebüchenen Plänen absolut 100% denkbar. Nur in Hollywood macht es Sinn, fast jeden Darsteller so gezielt gegen seine spezifische Schublade einzusetzen, aus dem American-Pie-Clown Sean William Scott einen protofaschistischen Cop zu machen, oder aus dem Saturday-Night-Live Komiker Jon Lovitz einen anderen Killer-Polizisten – ein Unterfangen, das nicht immer gelingt, da Dwayne «The Rock» Johnson die Nuancen seiner schizoiden Figur, die immer zwischen Actionhed und zögerndem Opfer wankt, nicht ganz gelingen wollen und auch Sarah Michelle Gellar eigentlich nur die nervigsten Aspekte ihrer Buffy-Rolle hervorkramt. Die Tatsache, dass manche Darsteller ihren Text oft hölzern Selten hat ein Film die Abstrusitäten der amerikanischen Westküste so elegant und zugleich so überspitzt erfasst wie Southland Tales – die Lunch-Kultur, die alternativen Buchläden, die Hightech-Ökobewegung, die allgegenwärtigen Cops, die Filmproduktionsmaschine, die Deals, die absurde Politik, in der ein Arnold Schwarzenegger zum Gouverneur werden kann – und dabei das Ganze so wunderbar zu einem Gonzo-Cocktail verrührt, der wild und an allen Ecken und Enden überschwappend einen Dreck auf konventionelle Erzählstrukturen oder gar das Fassungsvermögen der Zuschauer gibt, der so gekonnt Charlie Kaufmann und David Lynch verquickt. Southland Tales will viel, ist ein fast monomanischer Block von einem Multimedia-Projekt, und wie es sich für solchen Größenwahn gehört, scheitert es streckenweise auch ordentlich. Wobei man nie weiß, ob es an Kelly liegt oder ob der Film in seiner ursprünglichen, längeren Version vielleicht weniger Lücken hätte, das Epos weniger überzogen wirkt. Aber auch in der um 20 Minuten gekürzten finalen Kinofassung gelingt Kelly ein visionärer, bildgewaltiger Film, der sich selbst keine Sekunde ernst nimmt und der im Endeffekt natürlich alles andere ist als SF, sondern – wie sich das gehört – eine erschreckend clairvoyante Reflexion des American Way of Life in Kalifornien. Southland Tales ist ein wunderbar postmoderner Meta-Film, ein pulsierendes Bündel von Einflüssen und Zitaten, gespickt mit grandios absurdem Humor, einem brillanten Soundtrack, sicher kein Film für die Ewigkeit, aber ebenso ein Film, den man gesehen haben muss.
16. August 2009 11:49 Uhr. Kategorie Film. Tag ScienceFiction. 3 Antworten.
danke für die empfehlung. nichts desto trotz ist es mittlweile unentschuldbar, donnie darko verpasst zu haben. unbedingt nachholen!
Auf jeden Fall ;-)
oh ja, donnie darko muss man gesehen haben … mehrmals :-)
auch sei dir cypher von Vincenzo Natali ampfohlen. ist auch eine sehr verstrickte handlung, die einige kopfarbeit verlangt.