
The Quantum Leap
Für die deutschen Zuschauer kommt ein Aha-Moment erst am Ende des Films, wenn im Abspann als Stimme des Vaters von Colter Stevens Vater, obwohl niemals im Bild zu sehen, Scott Bakulas Name erscheint. Bakula gab in der Frühneunziger-TV-Serie «Quantum Leap» den Wissenschaftler Sam Beckett, der zwar nicht auf Godot wartet, aber durch die Zeit reist, indem er in den Körper eines anderen Menschen in einer anderen Zeit springt. Der Zuschauer sieht stets Bakula als Hauptfigur, egal in welchem Körper er steckt, erst ein Blick in den Siegel enthüllt in welchem Körper sich der parasitäre Zeitreisende eingenistet hat. Die Verbeugung vor dieser Vorlage, Die Bakula eben auch im übertragenem Sinne zum «Vater» von Duncan Kölns Protagonisten macht, lässt den phantastischen Ideenraub von «Source Code» einen Hauch weniger unsympathisch erscheinen – tatsächlich befreit die Tatsache, dass der technische Mumbojumbo des Films durch eine populäre TV-Serie und zig andere ums Thema Zeitreisen angelegte Popkultur-Meme (Star Wars, Lost, Dr Who und und und) längst vertraut ist, den Autor und Regisseur von der Aufgabe, sich auch nur ansatzweise mit der harten Technik hinter der Flmidee befassen zu müssen.
Umso beachtlicher ist es gerade angesichts der Vertrautheit der Thematik, wie zielsicher Jones es schafft, den Zuschauer im ersten Akt des Films weitestgehend zu verunsichern und ebenso aus dem Gleichgewicht zu bringen wie Coulter Stevens, den Gyllenhaal gerade zu Beginn des Films mit einer beachtlichen Mischung aus Verwirrung und Gereiztheit glaubhaft als «Man out of time» in jeder Hinsicht spielt. Diesen Balanceakt à la Hitchcock, in Situation anfangen, desorientieren, ein kafkaeskes Gefühl von Verlorenheit kommunizieren, kann man freilich aber nicht übe r einen ganzen Film durchhalten und so wird «Source Code» in dem Maße schlechter, in dem Gyllenhaals Figur selbstsicherer und routinierter wird. Wo der ja nicht ganz unähnlich angelegte «Groundog Day» besser wird, je länger der wunderbar stoische Bill Murray in seiner Zeitschleife lebt und sich ausprobiert, improvisiert, spielt, verliert «Source Code» zunehmend an Spielfreude und verkommt zu einem am Ende fast unerträglich berechenbaren Thriller ohne jede Spannung. Obwohl es phantastische Details gibt – wie etwa die Tatsache, dass Jones uns faktisch ganz fair zu Anfang des Films einen realen, plausiblen Hinweis auf die Lösung gibt und seinen Täter nicht völlig beliebig aus dem Hut zaubert – ist der Film am Ende so brutal auf Happy End gebürstet, dass man sich unwillkürlich fragt, ob ein derart unverschämt dreistes Drücken auf alle Knöpfe des Publikums nicht schon wieder eine besonders hinterfotzige Art ist, mit den Erwartungshaltungen des Publikums zu spielen. Es ist ein seltsamer Dreisprung – der Regisseur weiss, dass das Publikum bei einem Blockbuster meist. Ein Happy End erwartet, weiss, dass dass Publikum genau deshalb eben kein Happy End bei ihm erwartet und überrascht dann eben mit einer Standard-Lösung, die die Zuschauer so simpel nicht erwartet hätten. Es mag für den Film an sich enttäuschend sein, aber den Regisseur als solchen macht es unberechenbarer, freier. Vielleicht hat das Happy End aber auch einen tieferen Grund…
Strangers on a Train
«Source Code» erinnert visuell aber auch strukturell stark an klassische Hitchcock-Thriller. Stevens ist der klassische Hitchcock-Protagonist, der zunächst ohne Begründung in einem laufenden Plot gefangen ist, durch eine Verwechslung etwa, und der in diesem Kontext seine wahren Werte zeigen kann und muss. «North by Northwest» von 1959 – seinerzeit ein Inbegriff von Blockbuster-Kino – ist ein Paradebeispiel für diesen Typus Thriller und so ist es nicht nur die Handlung in einem Zug, sondern auch die gesamte narrative Struktur, die an den grossen Meisterregisseur erinnert. Und dazu gehört, selbst wenn Hitchcock damit selbst nicht immer glücklich war, eben auch ein positives, affirmatives Filmende ebenso wie die Grace Kellys kühlen Charme mühelos überbietende Vera Farmiga.
«Source Code» zeigt Jones als makellosen Stylisten mit einer allerdings schwachen Story, der ab der Mitte des Films zusehends die Luft ausgeht und die zu einem eher schwachen TV-Thriller degeneriert. Selbst das Finale des Films wirkt wenig überraschend, obwohl es wohl so gedacht ist… das Stevens’ Eingriff in den Lauf der Dinge eine parallele Realität ergibt, sozusagen dien Art Dimensionenwechsel, in der er paradoxerweise jetzt zweimal existiert, dürfte jedem SF-Leser, aber auch dem beiläufigen Lost-Zuschauer nicht aus den Pantinen kippen, zumal Jones dieses Ende bereits quasi per SMS vorwegnimmt und damit berechenbar macht. Dennoch – stilistisch und handwerklich ist die erste Hälfte des Films ein ebenso makel- wie atemloses Stück Thriller und das Ende zwar eher brave Hollywood-Kost, aber dennoch nicht unter dem Niveau vergleichbarer anderer Filme. An die morbide, wunderbare Perfektion von Moon kommt Duncan Ones hier nicht wirklich heran, zeigt dafür aber vielleicht auch eine sehr grundlegende Vielseitigkeit und Einsetzbarkeit als Regisseur auch für Mainstreamfilme, insofern erinnert «Source Code» vielleicht gar nicht zufällig an «The Game» mit diesem Flair eines hochkreativen Regisseurs, der hier einfach mal einen Film nach den Regeln dreht und der eben auch wie andere etablierten Namen wie Fincher, Abrams oder Cuaron in Zukunft zwischen Mainstream-Projekten und kleineren eigenen Filmen pendeln könnte. Hoffentlich mit Erfolg, den Jones ist genau die Sorte Regisseur von dem ich gern eine Verfilmung von «The Man in the High Castle» sähe.
9. Juni 2011 09:26 Uhr. Kategorie Film. Tag ScienceFiction. Keine Antwort.