
Émilie Jeanne-Sophie Welti Hunger bringt ihre dritte CD auf den Markt – feinst von Stéphane Briat produziert -, und die Schweizer SInger-Songwriter-Kultur zeigt damit erneut der deutschen Szene, wie es gemacht wird. International und zugleich sehr lokal klingt das Album, große Geste und große Intimität nahtlos beieinander, Kunst und Kommerz fast bruchlos in einer WG Tür an Tür einquartiert. In Schweizer Grenzenlosigkeit zwischen Deutsch, Englisch, Französisch und Schwyzerdütsch wechselnd und ebenso flink die Genres anprobierend, flirrt «1983» zwischen trockenem Almost-Triphop, makellosem Pop, Jazz, und intensiven Kammermusik-Songs, die sie mit ihrer nie ganz sicher, immer gegen die eigenen Grenzen ankämpfenden Stimme und minimaler Instrumentierung stemmt. 1983 wirkt weniger introvertiert als «Monday’s Ghost», weniger abgeklärt, sogar wütend – und ist trotzdem in der Schweiz auf Platz Eins der Charts geschossen. Da darf man gern neidisch werden, wenn Erfolg und Qualität so nahtlos zusammengehen und man schlucken muss, dass es niemand von diesem Format in Deutschland gäbe, der sich in den Umsatzzahlen so durchsetzen könnte, und dabei doch so sperrig, trotzköpfig bleibt. Denn 1983 mag beim ersten Hören ein wenig zu glatt, zu jazzy produziert erscheinen, und es ist vielleicht auch so, dass Hunger ein bisschen mehr Dreck gebrauchen könnte, die Platte entpuppt sich aber mit jedem weiteren Hören als Treibsand, in dem du als Zuhörer ganz makellos-international versinken darfst. «1983» ist schlicht, ist perfektionistisch, ist angenehm, aber nicht pflegeleicht, ist samtig, aber nicht samtpfotig. Mitunter wird man das Gefühl nicht los, dass Hunger ihre Sache und sich etwas zu ernst nimmt, zu unbedingt «Kunst» produzieren will, zu sehr an ihrer Botschaft hängt und dann ist da wieder dieser Moment, wo man das auch ganz okay finden kann, solange nicht jeder Musiker so drauf kommt. Wobei aber auch nicht jeder Musiker 15 Tracks in 45 Minuten quetschen kann, nicht jede Sängerin hierzulande (außer vielleicht Katherina Franck) so entschlossen musikalisches Mimikri betreibt. Am Ende bleibt eine Platte, die Spaß macht, zwischen den Stühlen kommt, vielleicht nicht immer ankommt, aber auf jeden Fall ordentlich herumreist und losgeht, die Mut hat und die vor allem berauschend gut klingt, die du dir immer und immer wieder anhören wirst, weil sie gerade nicht eingängig genug ist, um mit der Zeit wachsen zu können.
18. Oktober 2010 18:20 Uhr. Kategorie Musik. Tag Pop. 4 Antworten.
Sag mir bitte, dass du in dem Fall nicht nach dem Cover gekauft hast :-D
Laut Wikipedia ist das Cover hiervon inspiriert (NSFW!):
http://www.instant-happening.com/wp-content/uploads/2010/01/ML_du_oder_ich.jpg
Du weißt genau so gut wie ich, dass das Foto mal gar nicht geht.
Da könntest du genauso gut beim nächsten Projekt die Gesichter mit dem Schmierfilter aus Photoshop verzerren, den Relieffilter drüber legen und sagen du hast dich von Picasso inspirieren lassen :-D
Ja, photographisch rockt das nicht zu sehr, da gebe ich dir recht. Diese Art von Bild hätte eher so eine Rotzigkeit verdient, weniger Sepia-Look. Ändert aber nichts daran, dass das Album super ist :-D