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Slumdog Millionaire

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In Deutschland läuft Danny Boyles Indien-Epos Slumdog Millionaire mit dem Bleigewicht eines achtfachen Oskar-Gewinns in den Taschen an. Das bringt sicher Publikum in die Kinos, schraubt aber vielleicht die Erwartungen an den Film zu hoch. Während er sich in den Vereinigten Staaten vom kleinen Arthouse-Film zum Megaerfolg hochschrauben, seine eigene Märchengeschichte schreiben konnte, läuft er hier bereits als der Film der Saison an. Und diesem Anspruch wird Boyle nicht ganz gerecht.

Der auf Vikas Swarups Buch Q&A basierende Film ist zunächst ein gelungenes Trojanisches Pferd, das dem westlichen Publikum einen Film mit unbekannten indischen Darstellern mithilfe des globalen Phänomens Who wants to be a millionaire? unterschiebt. Die Gameshow – und der Film macht sich zunutze, wie absolut gleich diese Franchise weltweit gehabt wird, wie sie über kulturelle und nationale Grenzen hinweggeht und eine klare Bild/Tonwelt vorschreibt, Farben, Abläufe – ist für diesen Film, was McDonalds vielleicht für einen Indientouristen sein mag: Einerseits Störfaktor, seltsamer Bruch in der exotischen Fremde, andererseits ein Stück Vertrautheit, mit sicheren klaren Abläufen – der vertraute rote Faden, an dem Boyle sein Publikum in seinen wilden Mix aus indischer Realität und Bollywood-Kitsch hineinlockt. Zugleich hat die Show selbst in der dramaturgisch nicht aufgepeppten Variante ja bereits einen gewissen Spannungsbogen, so kann sich der Regisseur auf die Dramatik der Gameshow verlassen, um sein Publikum zu fesseln. Nicht, dass dieser Kunstgriff aufdringlich oder völlig nötig wäre, aber es ist bewundernswert clever, und auch subtextuell sinnvoll, ist doch das Millionärsspiel das zum Showkonzept geronnene Märchengefühl – der Traum vom schnellen Geld und kurzem Ruhm, ohne viel Anstrengung, nur weil man ein paar multiple choice Fragen richtig wusste, der Lottogewinn – und damit die perfekte Folie nicht nur für die märchenhafte Geschichte der beiden ungleichen Brüder Jamal und Salim, sondern auch für die Entwicklung von Indien in den letzten Dekaden, ein Land, das sich ja selbst vom Slumkind zum Millionär wandelt. Die Show bringt insofern nicht nur dem Publikum einen vom Fernsehen vertrauten Rahmen und einen noch deutlicheren Kontrast zwischen westlicher  und indischer Kultur (und dem Clash bzw der Fusion dieser beiden), sondern ist zugleich Motiv, Symbol für die auf drei Ebenen zugleich verlaufende Erzählung.

Was heavy-handed klingt, ist im Film aber tatsächlich mit bewundernswerter Leichtigkeit zusammengeführt, mit der von Boyle gewohnten sicheren Präzision in Sachen Bildästhetik, Tempo und Humor. Der gesamte Film ist in kräftigen Blau- und Gelbtönen gehalten, Verbeugung vor der farbenfrohen, optimistischen Ästhetik indischen Kinos, vor der Farbmagie Indiens, aber zugleich auch der richtige Touch Surrealität und nicht zuletzt eine visuelle Ankopplung an die gelbblaugrellen Farben von Wer wird Millionär?  Die Geschichte Jamals wird in einer doppelten Rückblende erzählt, eine fast leichtfüßig hingeworfene Schikane, die Boyle ermöglicht, von Anfang an in situ zu gehen, Show (live im Studio, aber immer wieder auch auf Fernsehbildschirmen), das Verhör des dem Betrugs verdächtigten Jamal, der für einen Chai-Wallah (Teebringer) auffallend viele Antworten parat hatte, und die verschiedenen Zeitebenen der Vergangenheit souverän und energetisch zu verknüpfen, die ganze Lebensgeschichte von Jamal und Salim komplett auf das Finale zuzuspitzen. Jamals Vergangenheit wird zunächst anhand der Fragen im Verhör entblättert – die stets schicksalshaft zu zentralen Momenten in seinem Leben zu passen scheinen, zum Tod seiner Mutter bei einer antimuslimischen Hinduattacke etwa oder seiner Zeit in einer organisierten Kinderbettelbande. Jamal und Salim schlagen sich durch – und der Film wird in Indien wegen der harten Darstellung der Slums stark kritisiert – und Boyle versteht es, einen perfekten Mix aus der zynischen Härte seiner Trainspotting-Bildsprache mit einer kindlichen Alles-wird-gut-Erzählung zu koppeln, die bei aller Realität stets den polychromen Farbstich eines Märchens hat.

Zu diesem Fairy-Tale-for-Grownups-Konzept gehört natürlich auch die vom ersten Moment als übernatürlich definierte Liebe zwischen Jamal und Latika, die von der Kinderfreundschaft über alle Unbill hinweg zum großen Happy End führt, was dem Film endgültig und auch mit offensichtlicher Wonne in den Kitsch führt. Das Ende, das immer noch nicht 100% Bollywood sein will, aber doch eine breitbackig grinsende, liebevolle und doch britisch-ironische Verbeugung vor dem Megakitsch des indischen Kinos darstellt, ist ein im halbwegs ernst zu nehmenden westlichen Film fast undenkbar gewordene Verquickung: Jamal kriegt das Geld UND das Mädchen. Dass Boyle dafür in einem seit Gattaca etwas abgegriffenen Gegenschnitt den Untergang von Jamals Bruder Salim setzt, der sich in dem Moment, da Jamal den Jackpot knackt und 20 Millionen gewinnt, in einer Badewanne voller Geld das Leben nimmt, scheint dieses Happy End seltsamerweise nicht zu trüben. Dabei ist es durchaus so, dass Salims Gesichte der dunkle Zwilling, der gebrochene Spiegel von Jamals Lebenslauf ist. Wo Jamal seinen kleinen Teenager-Verbrechen abschwört und sich als Chai-Wallah ehrlich durchschlägt, bleibt Salim auf der dunklen Seite, wird zum Killer und zur rechten Hand des Kriminellen Javed, vergewaltgt und foltert Latika, bis er am Ende ein Einsehen hat, Latike die Flucht aus dem goldenen Käfig ermöglicht und sich das Leben nimmt. An dem pathosdicken, der Tragödie entlehnten Bruderzwist zwischen dem ehrlichen Jamal, der später durch Glück und Schicksal ehrlich zu Reichtum findet und dem verbrecherischen Salim, der sich hat verbiegen lassen und seine Ideale aufgegeben hat, um zu Geld zu kommen, und der dafür am Ende den ultimativen Preis zu zahlen hat, exerziert Boyle natürlich Indiens Meta-Story, die Geschichte eines Landes zwischen Callcenter und Atombombenfanatismus, mafiösem Turbokapitalismus und überschäumender Lebensfreude. Die wunderbare Leistung des Films liegt also weniger in der (denkbar platten) Grundgeschichte, sondern in der Art, wie Boyle daraus nahtlos einen kompakten und dennoch komplexen Film macht, der eine Neugier und eine Beschäftigung mit Indien verrät und die Faszination des Regisseurs für die Energie dieses Landes. Zugleich bringt Slumdog Millionaire einen Indian Chic in westliche Kinos, einen weiteren Mosaikstein in dem schon seit einiger Zeit laufenden Prozess, über Film und Werbung neue mediale, globalisierte Schönheitsbilder zu etablieren. Das Freida Pinto ursprünglich Model und nicht Schauspielerin ist, aber sofort von Woody Allen – der ja bekanntlich ein Gespür für weibliche Ikonen besitzt – für einen Film verpflichtet wurde, ist dabei kein reiner Zufall, sondern Teil einer sich scheinbar von selbst verrückenden globalen Ästhetik, die sich abwendet von der rein angloamerikanischen Ästhetik und öffnet für einen seltsamen Mash-Up dieser Ästhetik, gefiltert und remixed durch ihre fern- und nahöstliche Reflektion. Bei aller Kritik aus Indien selbst, ist Slumdog Millionaire insofern Prälude, vielleicht sogar schon Hymne der neuen, globalisierten Welt, in der wir indischen oder südafrikanischen Stars ebenso zujubeln wie früher Hollywood-Größen, in der Filme weltweit entstehen können, aber einer weltweit verständlichen Ästhetik folgen, einer Art zurückgespiegelter und angereicherter Fassung eben der vertrauten Hollywood-Ästhetik, wo der andere Oscar-Favorit Benjamin Button (der rein sachlich betrachtet die Oscars deutlich eher verdient hätte) eher der Abgesang auf das amerikanische Jahrhundert ist.

Insofern ist Slumdog Millionaire ein großartiger Film, ein Aufbruchsfilm, der nur leider unter einer vielleicht zu eindimensionalen Love-conquers-all-Geschichte leidet, die Boyles dynamischen, stilsicheren und vielschichtigen Umgang nicht genug Futter bietet. Slumdog ist brillantes Augenfutter, umwerfendes Entertainment und hat durchaus Tiefgang – aber wer hier die Sorte Film erwartet, die eigentlich acht Oscars verdient hätte, wird vielleicht von der Story ein wenig enttäuscht sein… denn unterm Strich ist Slumdog nicht viel mehr als eine unglaublich gut gemachte romantische Komödie.

28. März 2009 10:19 Uhr. Kategorie Film. Tag . 3 Antworten.

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