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SIN CITY

Ob es an der Übermüdung liegt oder den zu hohen Erwartungen: absolut überzeugt hat mich Sin City als Film nicht. Und zwar tatsächlich wegen des Dick-Tracy-Problems. Rodriguez und Miller versuchen so nahe am Comic zu bleiben, daß es mitunter in der Hyperstilisierung nah am lachhaften ist. Bei Marv hätte Mickey O’Rourkes eigene, real ja auch durch zahlreiche OPs und Prügeleien ganz ansehnlich mutilierte Visage eigentlich auch getan, all das Silikon an Kinn und Nase wirkte eher unfreiwillig komisch. Das Farblose, wie Plakafarbe wirkende Blut, der überzogene Pathos… der Film strengt sich einfach zu sehr an. Die zahlreichen digitalen Effekte und Hintergründe sind dabei mal durchaus hoch beeindruckend (wie etwa direkt am Start des Films beim Zoom über die Stadt oder in den Regen- und Schnee-Szenen, mal eher billig (wie nahezu jeder Mix aus Schwarzweiß und Farbe, ein Effekt, der mich immer an den Chic billiger 80er-Jahre-Musikvideos erinnert). Man ist am Ende des Films, in der Aufzugsequenz, fast erschrocken, wenn einfach einmal etwas in der Realität gedreht ist, weil man sich im Laufe dieses Trips in die digitale Welt an die verzerrten unnatürlichen Perspektiven und Texturen einfach bereits gewöhnt hat.

Ich frage mich zudem ernsthaft, wieviel Leute, die den Film sehen ohne die drei Sin-City-Comicserien zu kennen, auf denen er basiert, von dem Inhalt haben. Die komplex verschachtelte Zeitstruktur etwa, in denen bereits tote Charaktere wieder auftauchen, die winzigen, aber nicht unwichtigen Details , die reine Flut an Charakteren und komplexen Zusammenhängen. Einer der drei Protagonisten – Dwight – etwa hat eine ganze Vorgeschichte, erzählt im Comic A Dame to kill for, die im Film ausgespart bleibt, aber angerissen wird. Für Fans grandios, aber für den casual watcher stelle ich mir das ein wenig verwirrend vor. Miller bombardiert uns mit zehn oder zwanzig zentralen Figuren und Zusammenhängen, die sich in Printform langsam und genußvoll entfalten… aber im Film habe ich Angst, daß sich die Zusammenhänge zwischen den Roarke-Brüdern nicht entfalten, daß man Manutes Background und Motivation nicht versteht, nicht weiß, von wem The Man beauftragt ist… daß vieles einfach eben vorbeirauscht.


Das wird nicht besser durch die Tatsache, daß eines der Markenzeichen von Millers Sin City – die das Krimi-Pulp-Genre der 40er bis 60er persiflierenden massiven inneren tough-guy-Monologe à la Hammett und Chandler – im Comic einen grandiosen Kontrapunkt zu Millers epischen Bildern schaffen, filmisch aber etwas langatmig wirken. Im Film sind solche Monologe selten gesäht, dienen der Exposition oder dem spärlichen Einblick in Zusammenhänge, die die Regie anders nicht erklären kann. Hier, zumal in einem Actionfilm (und nicht in einer Irving-Verfilmung) wirken sie, vor allem in Marvs Kapitel, eher ermüdend. Sie rauschen irgendwann auch einfach an einem vorbei. Ein Film erklärt sich in Handlung, Dialogen, Bildern. Nicht in seitenlangem Text. Dazu kommt vernichtend hinzu, daß der Text sehr unter der Übersetzung leidet. Die bemüht sich zwar redlich, kriegt aber den taffen Ton von Millers Figuren nicht in den Griff. Im Comic wirkt es nie wirklich irritierend, daß ein wirklich nicht gerade als Denker erscheinender einfacher Vierschröter wie Marv die ganze Zeit grübelt. Im Film nervts. Wie es besser geht merkt man immer dann, wenn der Film dialoggetriebener wird und die Sachen einfach besser zusammenpassen.


Die im Deutschen etwas fußlahm uncoole und vor allem arg ironiefreie Übersetzung, die arg pseudo-taffen Männerstimmen… der Eindruck von Monotonie, der sich hier ergibt, wird unterstrichen durch die Tatsache, daß Sin City als Comic immer wieder im Kern eine gleiche Geschichte erzählt. Strukturell finden in den Comics immer wieder ähnliche noir-genregerechte, wenn auch absolut überzeichnete Handlungen statt, deren Pattern so fest bestimmt sind wie der Verlauf eines Spaghetti-Western. Bei Comics, die Miller mal alle ein oder zwei Jahre veröffentlicht, ist das wie der Besuch einer netten alten Tante. Man weiß schon ziemlich genau, was gesagt und passieren wird, aber man hat sich lange nicht gesehen und dann ist es irgendwie ja trotzdem nett und vertraut und familiär. Wenn im Film nun aber drei längere Stories und zwei Shorts miteinander verwoben sind, kommt halt nicht eine Tante zu Besuch, sondern fünf. Und das knirscht mitunter schon gewaltig. Die Geschichte von Marv und die von Hartigan verlaufen fast spiegelbildlich und diese Ähnlichkeit ist binnen einer Filmgestalt von zwei Stunden Länge schon spürbar.



Auf der anderen Seite ist dies die Kritik unter dem Aspekt, daß man Sin City wie einen normalen Film sieht. Aber es ist natürlich kein Film, sondern die nahezu rein digitale 1:1-Umsetzung der surrealen und überzeichneten Welt, die in Millers Comics regiert. Und als solche ist sie nahezu makellos. Das Casting ist nicht nur hochkarätig, sondern auch absolut treffsicher, jede noch so kleine Rolle ideal besetzt. Die Bauten, ob real oder digital, schaffen das unmögliche, ein rein schwarz-weißes Comic, das nur von Kontrasten und nahezu expressionistischer Formensprache zu leben, wie ein Gemälde auf die Leinwand zu übertragen. Das Gefühl, das man als Leser hat, wenn die Bilder aus dem Comic nahezu unverändert auftauchen, ist schon ein Hammer. Die Ästhetik einer Welt, in der alles überzeichnet, alles verzerrt, alles ein Trip ist, kriegt das Regieduo, den Comic wie einem Storyboard folgend, mit der Präzision einer Maschine hin. Unter diesem Aspekt legt der Film Maßstäbe, beweist ein für allemal, daß sich ein Comic eben tatsächlich originalgetreu abbilden läßt, verlustfrei. Wer den Film mag, wird die Comics lieben, wer die Comics mag, wird auch den Film mögen. Hier herrscht völlige mediale Kongruenz. Bis hin zu den Ohrringen der Prostituierten von Oldtown, bis hin zu den Fliesen im Bad, jedes Detail ist Miller pur.


Was auch nicht ganz kritikfrei stehen soll. Man hat das Gefühl, als besuche man ein perfektes Livekonzert einer Band, die technisch so perfekt ist, daß sie ihre Songs nahezu unverändert, in makelloser Studioqualität auf die Bühne bringt. Jede Geste, jeder Beat sitzt da, wo man ihn erwartet. Keine Überraschungen. Der WOW-Effekt kommt aus der Perfektion, aber nicht aus der Spontaneität, der Lebendigkeit. Miller fügt seinem eigenen Werk hier nichts hinzu, der Film hat einen musealen Charakter. Er beweist, daß die mediale Transplantation erfolgreich sein kann, aber zugleich verweigert er sich dem Medium Film als solches. Was also an Cinematographie und Kinetik bereits im Comic ist (und da ist reichlich), wird übernommen, aber ansonsten wird wenig hinzugefügt. Die Lust am statischen Bild, am gefrorenen Panel, ist oft greifbar. Das ist nicht unproblematisch, denn Scott McCloud hat natürlich recht, wenn er sagt, daß die Handlung im Comic zwischen den Panels stattfindet. Das ist medial etwa so wichtig wie die Tatsache, daß man in Sitcoms auf dem Höhepunkt einer peinlichen Situation einfach einen Cut machen kann, die Protagonisten also nicht stammeln und erklären… das wäre nämlich not funny. Im Film aber gibt es keine Panelborders, er ist ein zeitlicher, erzählerischer Strom nach vorne. Hier funktioniert die Übersetzung dann eben doch nicht, weil die narrative Struktur beider Medien so grundverschieden ist.


Unterm Strich ist Sin City ein Film, der wahrhaft anders ist. Vielleicht einzigartig. Eine grandiose Persiflage, ein zutiefst brutaler, zutiefst humorvoller Film, mit einer genuinen Liebe zu seinen schillernden Figuren und ihrer Stadt. Morbide und doch schief grinsend, schwarzweiß und doch grellbunt, ein Film der sich so grundlegend von allen anderen unterscheidet, daß er nahezu ungreifbar ist, daß man nach einer Weile in seiner seltsamen unwirklichen Optik versinkt und fast schockiert ist, wenn der Film (nach einer schönen erzählerischen Doppelklammer) beendet ist. Es ist ein Film, den man sich bedenkenlos mehrfach ansehen kann und immer mehr Details finden wird, weil er nahezu vollgestopft damit. Dazu Millers wilde Charaktere, die zur Auseinandersetzung geradezu einladen, weil sie voll ins Klischee steuern und dann immer ganz knapp vorbei, die phantastischen Kleinigkeiten im Setdesign und in den Kostümen, wie etwa Mihos Swastika-Shuriken, die Fetisch-Elemente, die halluzinatorische futuristische Retrowelt, die hier glaubhaft aus den Seiten eine Pulp-Comics entsteigt. De reine Dichte, die reine Wucht und Kraft dieses Films verlangt nahezu ein mehrfaches Ansehen und das ist selten genug heutzutage. Sin City ist ohne Ende ein Liebeswerk von Rodriguez, Miller und Tarantino… und das merkt man jeder Sekunde an. Er ist eine harte, brutale Orgie, die sich gegen alle herkömmlichen Sex&Gewalt-Kritiken sperrt, er ist eine Klasse für sich. Ob man Sin City als Simultanübersetzung eines Comics betrachtet oder als Film per se, bei allen Fehlern und allen Irritationen ist der Film auf eine seltsame Art makellos und so neu und eigenständig wie lange kein Film mehr ist, eine kompromißfreie, anarchistische Vision. Und das allein zählt vielleicht.

13. August 2005 08:36 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.

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