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SIMULACRA

Künstliche Welten faszinieren mich seit jeher. Seit Erlers Blauem Palais oder Fassbinders Welt am Draht, die in den 70ern im TV die Virtual-Reality-Ideen des Cyberpunks und später von The Matrix vorwegnahmen. Solche Simulacra sind aber längst kein SF-Konstrukt mehr, sondern Alltag, wenn auch in einem etwas anderen Sinne. Wir leben längst in virtuellen Welten, in künstlich geschaffenen urbanen Umwelten, die in jeder Hinsicht naturfern sind. Und dieser Prozeß bezieht sich nicht nur auf unser gewöhnliches Stadtleben, in dem Vegetation nur in den von den Stadtplanern vorgesehenen Flächen vorkommen darf, sondern er ist forschreitend. Wir verwandeln echten Lebensraum in das, was Rem Koolhaas treffend als JUNK SPACE bezeichnet, das, was übrig bleibt, wenn die Modernisierung ihren Lauf genommen hat, überreif und unterernährend, nahtloses Flickwerk der Zusammenhangslosigkeit. Flugplätze, Einkaufszentren, Innenstädte… Koolhaas konstatiert einen Wildwuchs dieser simulierten Ordnung dieses ästhetischen Vakuums, in dem das Design zum Wiederkäuen mutiert, aus Gestaltung Manipulation wird, wo nur Stil-Recycling betrieben wird, um Substanz zu simulieren, bis wir post-existentiell sind, bis es keine Rolle mehr spielt, WER man ist und vor allem, WO man ist. Alle Shopping Malls, alle Airports, alle Fußballstadien… sie sind eine breiige Masse der Globalisierung. Auf Kyushu Island bauen sich so die Japaner die Westküste der Vereinigten Staaten nach, in Bottrop entstehen Skipisten, im Oberhausener Centro entsteht eine künstliche Wasserwelt.

Mag sein, daß dieser Trend zum Junk Space unaufhaltsam ist, schmerzhaft und nervig bleibt er allemal. Vor allem dann, wenn man den direkten Vorher/Nachher-Vergleich so deutlich sieht wie in ZOOM, dem neuen Erlebniszoo in Gelsenkirchen. Nun werde ich bei Worten, die mit Erlebnis oder Event beginnen, ohnehin kribbelig, aber selbst wenn man unbefangen an die Sache herangeht, wird schnell klar, wie falsch dieser Ansatz ist.

Nun bin ich der letzte, der Tiere in alten, klassischen, zu engen Zoos sehen mag. Die Affenkäfige im alten Teil des Zoos, der brav-bräsig Ruhr-Zoo hieß, bevor ein Gremium sicherlich unglaublich kreativer Menschen das viel modernere, sportivere ZOOM daraus machte, macht deutlich, daß die herkömmliche Art von Tierhaltung auch nicht immer das Wahre ist:


Die Alternative in Gelsenkirchen ist aber nicht beglückender: Eine komplett aus dem Nichts geschaffene, künstliche Welt, die Natur nur noch simuliert. Steine aus Pappmaché, künstliche Wasserflächen, eingeflogene Flora, die in der Sommerwärme von Deutschland (die so gar nicht zu Alaska passen will) bereits wieder eingeht, und motorgesteuerte Wasserfälle.



Was auf Photos noch halbwegs natürlich wirken mag, entpuppt sich als billige Kopie, sobald man die Steine berührt. Und unweigerlich gibt es bauliche, naturferne Details, die die Illusion nachhaltig stören.

Lautsprecher in der freien Wildbahn.

Beleuchtete Exit-Schilder in Papp-Tropfsteinhöhlen.

Türen in Steinwänden.

Gitter und Plexiglasscheiben im Gestein?

Der falsche, naturferne, transistorischen Zustand des Ganzen wird noch unterstrichen durch die laufenden Bauarbeiten. Man ahnt schon, daß der Alaska-Teil bereits verfallen sein wird, wenn 2007 der Asien-Teil eröffnet.

Wasserlache im Unterseeteil.

Absperrungen und improvisierte Zettel.

Trotz Umbau geht der Verkauf weiter, liebe Kundschaft…

Die am Reißbrett der Marketingstrategen entstandene lustige Westernwelt Alaskas, die die Besucher zum fleißigen Konsum anregen soll, ist ebenfalls noch eine Baustelle. Das hat fast etwas tröstliches, fertiggestellt wäre diese Disney-Zuckergußwelt kaum erträglich. Anstatt Naturnähe zu dokumentieren, wird die reale Welt zum Zeichentrick-Event verklärt.

Wobei die Tiere kaum weniger neurotisch und verhaltensgestört wirken als in den herkömmlichen, beengten Zookonzepten auch.

Schon typographisch merkt man hier, daß die Fake-Erlebniswelt kein zukunftsweisendes Konzept hat. Die Mischung aus Meta und FF-Righthand spricht den visuellen Code der 80er und frühen 90er, eine sichere Konsens-Typographie, die modern wirken will, aber nicht mehr modern ist, eine Otto-Katalog-kompatible Breitenschriftwahl aus dem Gruselkabinett der Werbeindustrie. Und dann auch noch handwerklich unsauber gemacht…
Am Ausgang erwartet uns dann der unumgängliche Museums…äh Zoo-Shop, inzwischen derart pandemisch in jedem Museum verbreitet, daß man Brandbomben mitnehmen möchte. Die perfide Mischung aus mehr oder weniger «passender» Merchandise, die jeden Museumsbesuch, jedes Konzert, jedes Erlebnis auf den Kauf von Souvenirs reduzieren will, auf die Befriedigung des Konsumswunsch von kreischenden Kindern, die einen Eisbär mit nach Hause nehmen wollen…


Gegenüber diesem durchgeplanten, seelenlosen und zu allem Übel auch noch schlecht gemachtem Zoo-Imitat wirkt der «altes, spießige, bräsige, demnächst komplett abgeschaffte Ruhr-Zoo viel angenehmer. Die Flora ist einheimisch und dicht gewachsen, an die Stelle der sengenden Sonne im Alaska-Park tritt ein angenehmes kühles Spazieren unter gigantischen Bäumen (die wahrscheinlich bald alle gerodet werden, um Platz zu machen für eingeflogene Afrika- und Asien-Bäume…), die alten Käfige sind sicher nicht meine Idee von artgerechter Tierhaltung, aber ehrlich gesagt, die bietet der Alaska-Part auch nicht wirklich… und hier sieht man als Besucher wenigstens mal ein Tier. Denn der ZOOM-Effekt, der direkte Kontakt mit Tieren, den die PR-Abteilung so wortreich verspricht, den bietet nicht der neue Junk-Space-Park, sondern die alte Einrichtung. Wo mal eben ein Zicklein auf den Zaun springt, um sich von Kindern streicheln zu lassen.


Der Vergleich zwischen dem alten Ruhr-Zoo und der neuen Erlebniswelt Zoom fällt aus meiner Sicht vernichtend aus… und er sagt einiges aus über das Ruhrgebiet. Dieser Vergleich liegt ja nahe, schließlich ist Gelsenkirchen ein Symbol für das Ruhrgebiet. Hohe Arbeitslosigkeit, hoher Ausländeranteil, die Stadt pleite, visionslos, als Loser abgestempelt. Diesen Inbegriff des Ruhrgebiets zu beobachten und zu sehen, welche Lösungen hier entstehen, kann heißen, die Zukunft von Essen, Bochum, Dortmund, Duisburg et al zu beobachten. Und da zeigt sich: Der alte Zoo mag renovierungsbedüftig sein, sicher, aber wenigstens hat er in seiner Verkommenheit einen natürlichen, authentischen Charme. Der neue Erlebnis-Zoom, am Reißbrett von Verkaufsstrategen erfunden, mittelmäßig aufgemacht wie ein Einkaufszentrum mit zufälliger Tierhaltung… er ist unbefriedigend und hohl, viel Getöse ohne wirklichen Mehrwert, nur Styling ohne Content, Luftverschmutzung. Die Neukonfiguration eines Zoos macht durchaus Sinn, aber hier sind die falschen Ziele im Vordergrund, hier entsteht keine Wirklichkeit, sondern nur ein Simulacrum einer entfernten Welt, die mit Gelsenkirchen nichts zu tun hat. Für die Gelsenkirchenals Surrounding sogar störend wirkt. Hier manifestiert sich die Verlogenheit der Junk Spaces, die sich im Endeffekt immer der Verortung, der Heimat entziehen wollen, die sich für sich selbst spürbar schämen. Was hier entsteht, könnte nahtlos auch in Duisburg, München, London, zu finden sein. Es verhält sich zum echten Zoo so wie ein Stella-Musical zur Oper, Kaufhausmuzak zu Miles Davis. Es ist die Illusion von Natur, die ein echter, klassische Zoo wenigstens so gar nicht erst nicht vorzutäuschen versucht, ehrlicher und offener zugibt, daß er Tiere schlichtweg einsperrt. Ein paar Pappsteine ändern wenig an diesem Umstand, die Virtualität von Natur und Freiheit schafft diese ja nun nicht wirklich herbei. Ob das tiergerecht ist, kann ich nicht beurteilen. Als USP versagt es jedenfalls komplett, schafft sogar eher Austauschbarkeit, wo Einzigartigkeit herrschen sollte. Man sieht förmlich schon die anderen Zoos mit ähnlich substituierbaren Konzepten gleichziehen. O brave new world…

Es ist eine traurige Zukunft, die sich da in Form von Zoom ankündigt. In Form des Centros, in Form der Schalke Arena, in Form des zukünftigen Karstadt Essen, in Form des Innenhafen Duisburg. Eine Zukunft vom Reißbrett, ohne Sinn für Geschichte, ohne organischen Charakter, ohne Echtheit. Eine Zukunft von marketingkompatiblen Eventgebäuden wie dem Marta in Herne, dem (einst geplanten) MultiCasa und dem (einst geplanten) Ei-Bahnhof; Projekte, die von Architekten wie am Fließband herausgespuckt werden, bei denen sich Architekten als Narratoren versuchen, die eine Geschichte erzählen, um eine vermutete Leere zu füllen… und dabei nicht begreifen, daß sich Dreidimensionalität eben nicht herbeiplanen läßt, daß Content wachsen und entstehen, nicht aber via CAD designed werden kann. Gutes Design kann Content kommunizieren, würdigen, gerne auch «Embellishment» betreiben. Schlechtes Design, und nichts anderes ist Junk Space, schafft nur austauschbare Leere, künstlich gestiftete kontextfreie Ödnis, falschen Zauber.

Als wir vor einiger Zeit für NRW liest in der Arena Schalke Photos machten, beschlich mich dieses Gefühl schon einmal… inmitten dieser 90er-Jahre-Glas/Stahl/Betonarchitektur, in der stehend du nur die Augen schließen mußt, um das wohlphrasierte Blablabla während der Präsentation des Entwurfes zu hören, inmitten der multifunktionalen Eventarena mit dem verfahrbaren Rasen und den blitzsauberen Plastiksitzen in Vereinsfaben, den Sponsorenlogos und den nach Geldgebern benannten Rängen… inmitten von alldem gab es keinen «Fußball» mehr, den wir auf die Kamera hätten bannen können. Wir fanden ihn erst wieder im alten Parkstadion, mit den verschwiemelten Bänken, den alten Flutlichtern, dem plattgewetzten Rasen. Hier machst du die Augen zu und bist mitten drin im echten Leben. Nicht im Konstrukt, nicht im Simulacrum.

Das passiert mehr und mehr, jeden Tag. Nicht nur im Ruhrgebiet, überall. Weltweit. Orte, die ihre Geschichte, ihre Herkunft verleugnen und «global» werden. Gesichtslos. Life-Styled. Versatzstücke einer globalisierten Design- und Architektursprache, die sich, aus Magazinen und Büchern genährt, weltweit immer mehr abschleift, angleicht. In der kein Platz mehr für das Bräsige und Bröselige von Gelsenkirchen ist. In der alte Kathedralen der Arbeit zu Kulturorten redefiniert werden müssen. In der vor allem eben alles, aber auch alles konsumierbar gemacht werden muß, nach den Regeln von Kino und TV, nach den Regeln der Sesamstraße als interaktive Erfahrung, nichtzuletzt nach den Regeln des Marktes als kaufbare Erinnerung, als «Geist gegen Geld».

Dabei zeigt ein Blick auf die Kinder im Zoo, daß ein Ziegenbaby zum Anfassen eben immer noch beliebter ist als meterweit entfernte Eisbären hinter Plexiglas.

So einfach kann das sein.

17. Juli 2005 23:09 Uhr. Kategorie Leben. Keine Antwort.

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