Um die Wahrheit zu sagen, ich bin kein Sigur-Ros-Connaisseur. Es ist für mich schwer, eine Band zu kennen, deren Songs Worte wie Svefn-G-Englar, Vaka oder Hafsol und Heysatan verwenden, deren Mitglieder sich auf Alben anonymisieren, auf Tracklistings, Photos und das ganze übliche Marketing-Pipapo verzichten. Sigur sind, wie Joy Division und davor Pink Floyd, in vieler Hinsicht eine Band der Verweigerung. Dennoch liebt man natürlich eine Band, deren Sound – wie der von Polyphonic Spree – seinerzeit etwas zwar nicht ganz neuartiges, aber eine überraschende neue Synthese darstellt und die den Brückenschlag zwischen Kunst und Pop mit ungewohnter Lässigkeit meistert. Sigur steckt irgendwo in dem Gerüst zahlloser Bands, die sich gegenseitig beeinflußen, hat die lineare Crescendo-Methodik, die wir bei Mogwai und Explosions in the Sky auch finden, den nöhlenden Gesang und die texturartigen Musikschichten der (neuen) Radiohead, die eindeutig von Sigur beeinflußt sind, und natürlich Múms Hang zu dieser Mischung aus naiven, kindlichen Melodie-Sequenzen, die gegeneinander aufgestapelt werden und auch deren Liebe zur seltsam maschinellen Samplerhythmen, die immer klingen, als wäre ein Kühlschrank kaputt. Im Baßbereich jede Menge bewährte Harmonielogik von U2 und Coldplay, die das ganze zusammenhält.
Es ist selten, daß ich ein Konzert nicht sehe, sondern höre, weil man eigentlich zwangsläufig nur mit geschlossenen Augen dasteht und sich konzentriert (es gibt auch nicht allzuviel zu sehen, eine handvoll studentisch wirkender dürrer Jungs, wenig Licht, etwas Backdrop-Projektion). Die Musik funktioniert besser, wenn du nicht hinschaust. Nicht weißt, wie sie gemacht wird. Es stellt sich beim konzentrierten Hören wieder heraus, daß Sigur Ros eigentlich eine Form spiritueller Musik machen, jeder Song in dem seltsamen elfischen Falsett von Jón Thór Birgisson wirkt wie ein Gebet, inbrünstig und leidend. Die Harmonien, der Einsatz von grandios durch den Leslie gedrückter Orgel und Streicherflächen, der stete Wechsel zwischen fast lautloser Andacht (live etwas nervend, weil die Geräte natürlich brummen) und furiosem wütenden Lärm (live etwas nervend, weil das letzte Quentchen Baß und Power im Sound fehlten)… da ist keine Frage das die Musik direkt an dein Herz will. Entsprechend stehen im Publikum Leute, überraschend oft die Augen geschlossen, leicht wippend, entweder ein entrücktes Lächeln auf dem Gesicht oder einen konzentrierten, fast mitleidenden Ausdruck.
Das Set irrlichtert grandios zwischen «Hits» und unbekanntem, neuem Material vom Takk-Album, die Band hat hier und da Timingprobleme, der Baßmann den wohl langweiligsten Job der Welt, der Schlagzeuger ist hier und da eher schlecht, der Sound nicht differenziert, aber letzteres soll wohl auch so sein. Wall of Sound olé.
Weniger schön ist, daß mich bei der Zugabe mein Kreislauf im Stich läßt, mir speiübel wird und ich an die frische Luft muß. Nicht die beste Art, einen Abend zu beenden. Ich sitze draußen vor dem Palladium auf den Treppen, während sich Sigur Ros durch ein manisches Crescendo im letzten Song kämpft. Jedesmal, wenn Jón den immer wieder gleichen Ton anstimmt, bekommt einer der Security-Leute einen Lachanfall.
7. November 2005 06:34 Uhr. Kategorie Live. Eine Antwort.
[...] Nach dem Konzert in Köln war der Sigur-Auftritt in Essen ein Kontrastprogramm. In Köln in der dritten Reihe stehend, inmitten hypnotisierter Menschen, saß ich dagegen in Essen im Rang, weniger eingebunden in den Wall of Sound der Band, eher wie ein Besucher eines klassischen Konzertes. Die meisten Bands scheitern bei mir, an dieser Form des entspannteren konzentrierteren Hören, aber Sigur schafft den Sprung vom mitreißenden Rock-Gig zum audiophilen Konzert spielerisch. Nach der stets grandiosen Vorband Anima – dem Mädchenquartett, das bei Sigur selbst die Streicherparts übernimmt und als Soloact durch einen Múm-artig vertrackten Mix aus Elektronica und verspielten Akustikinstrumenten überzeugt – betreten die Isländer die Bühne und präsentieren Setlist, die einen homogenen und dennoch abwechslungsreichen Bogen durch das Werk der Band schlägt. Der Sound in der Lichtburg ist absolut überzeugend. Druckvolle Bässe, klare Höhen, nie zu laut oder dröhnend, immer transparent – was bei dem enormen Schalldruck, den Sigur Ros hier entfalten, und dem ja nicht unbedingt für Konzerte gebauten Raum der Lichtburg, eine beachtliche Leistung ist. Der Sound hat durchgehend CD-Qualität. Live berzeugen Sigur Ros wieder durch den inbrünstig-predigenden Gesang und insbesondere durch die einzigartigen Klangwelten, die trotz aller Mogwai-artigen Wucht mit absoluter Konzentration, häufigen Instrumentenwechseln und schier unglaublicher Präzision und Zurückhaltung gespielt sind. Ein absolutes Plus gegenüber dem Gig in Köln ist die eingebundene Bläsersatz-Gruppe, die dem Soundkosmos noch den letzten Hauch Perfektion gibt, egal ob sie einfach nur die Streicher ergänzt und Sigur so auf fast orchestrale Ebene hievt oder ob sie als Polka-Kapelle kurz durch die Lichtburg wandert, in einem Moment von ungewohnter Lässigkeit und Selbstironie dieser sonst so ernst und verinnerlicht wirkenden Band. Die Stücke wachsen gegenüber (den per se ja schon stets beeindruckenden) Albumfassungen zu enormen Klangreisen heran, wobei insbesondere die letzte Zugabe (Popplagió von ()) an epischer Kraft kaum zu überbieten ist. Im Lichtgewitter von Film-Projektionen und Varilights verschwindet die Band dabei langsam hinter dem Vorhang optisch wie akustisch hinter einer unfaßbaren Soundwand, die einem mit ihrer schieren Kraft nahezu die Adern zudrückt, die zwingend und verzweifelt ist und nach der kein Zweifel bestehen kann, das nach diesem Song einfach nichts mehr an Zugaben kommen kann. Wortkarg und introvertiert-konzentriert wie immer während des Konzertes, kommt die Truppe nach dem Konzert gemeinsam auf die Bühne und spendet dem Publikum erlösten Applaus. Beitrag vom 26. Juni 2006 aus der Kategorie LEBEN. // Kommentare durch RSS 2.0 Feed verfolgen. // Kommentar schreiben // Trackback // // zurück zum Blog [...]