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SIGUR ROS: Með suð í eyrum við spilum endalaust

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With a buzz in our ear we play endlessly, so lautet grob übersetzt der Titel des fünften Studioalbums von Sigur Rós, von U2/Depeche-Mode-Starproduzenten Flood auf die Wege gebracht und in vieler Hinsicht auch das kommerziellste, was man seit einiger Zeit von Jon Thor und seinen Mannen gehört hat. Vielleicht sinnvoll, hatten die Isländer ihren vertrauten Sound doch schon auf Takk in eine Form gebracht, die sich kaum weiter voran treiben ließe. Obwohl Tracks wie Festival sicherlich an den hymnischen Sound von Sigur anknüpfen, wirkt das Album insgesamt – immer im Kontcxt des Soundkosmos der Band – etwas kraftvoller, rockiger und zugleich frickeliger, weniger episch. Schon am Cover, das mit Ryan McGinleys Highway-Photo und einer hingerotzt wirkenden Handschrift weniger ätherisch, verspielter wirkt und sogar deutlich lesbar den Bandnamen preisgibt, statt sich in Pink-Floyd-Ästhetik zu hüllen, scheint eine Umorientierung ablesbar.

Ob diese Kurskorrektur nun gut oder schlecht ist, weg vom gravitätischen, hin zum fast humorvoll beschwingten, raus aus den Winterwäldern, rein in den Swimmingpool – wer weiß? Nach dem eher introvertierten Hvarf-Heim ist dieses Album jedenfalls beschwingter, kippt oft in stampfende Beats, die fast etwas polkahaftes haben, einen Hauch Dorffest, dieses emporziehende, mitreissende, euphorisierende Feeling von Volksmusik. Selbst Tracks we das entsetzlich U2-geschädigte Gódan daginn wirken in diesem Kontext nicht so deplaciert, wie sie auf wirklich jedem anderen Sigur-Album gewesen wären. Oft hat die Platte die Kraft des ersten Polyphonic-Spree-Albums, eine energetische Explosion aus Farben und Tönen, die man mehrfach hören muss, um sie überhaupt sortieren und verarbeiten zu können, eine Lautmalerei, dir nur oberflächlich kakophonisch anmutet. Obwohl schneller produziert als alle Sigur-Alben zuvor wirkt die Produktion zwar luftiger, aber keineswegs weniger tief als zuvor. Nur sind die Schattierungen heller, pastelliger, oft ekstatischer.

Und doch: Kein Track auf diesem Album bleibt kleben. Nun schreiben Sigur Rós keine glatten Mitsing-Hits, aber es gab auf jedem der bisherigen Alben Melodien und Songs, die so subkutan wirkten, dass sie unvergesslich sind – diese monomanische Emotionalität bringt hier kein einzelne Song, auch nicht bei mehrfachen Hören. Mit einem Bein verdächtig oft im seichten Wasser stehend, plätschern die Songs dahin, oft schrecklich nah an postmoderner Fahrstuhlmusik, am Esoterischen. Vielleicht ist mir das Album einfach zu fröhlich.

Alles in allem ist Með suð í eyrum við spilum endalaust der unbedingte Wunsch nach Wachstum, nach Evolution anzuhören. Andere Produktionsbedingungen, anderer Producer, anderes Land. Das hier ist eine Band, die mit allen Mitteln versucht, sich neu zu erfinden, ohne sich gänzlich untreu zu werden, die sich ins Fast-Nichts (Straumnes) ebenso vorwagt wie ins Fast-Zuviel (�?ra bátur) und sich neu konfiguriert, sich mutiger an den Mainstream-Appeal heranwagt, ohne dabei jemals aber eine Coldplay-hafte Kommerzialität zu entwickeln. Fast jeder Song hat – stets zusammengehalten durch eine endogene Melancholie – einen anderen Touch, untersucht andere Gefühle. Es wirkt als hätten Sigur sich auf dem Weg in die kreative Sackgasse gefühlt und einfach einmal mit Lust etwas komplett Neues machen wollen. Ob besser oder schlechter als andere Alben, dieser Impuls ist sicher der richtige und begrüßenswert. Und so ist das fünfte Album der Isländer Testament einer Band, die international angekommen, musikalisch an ihre Grenzen und darüber hinaus gegangen ist – ganz sicher die Sorte Platte, die man wieder und wieder hören und entdecken kann.

29. Juli 2008 12:07 Uhr. Kategorie Musik. 2 Antworten.

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