
Nach dem Konzert in Köln war der Sigur-Auftritt in Essen ein Kontrastprogramm. In Köln in der dritten Reihe stehend, inmitten hypnotisierter Menschen, saß ich dagegen in Essen im Rang, weniger eingebunden in den Wall of Sound der Band, eher wie ein Besucher eines klassischen Konzertes. Die meisten Bands scheitern bei mir, an dieser Form des entspannteren konzentrierteren Hören, aber Sigur schafft den Sprung vom mitreißenden Rock-Gig zum audiophilen Konzert spielerisch. Nach der stets grandiosen Vorband Anima – dem Mädchenquartett, das bei Sigur selbst die Streicherparts übernimmt und als Soloact durch einen Múm-artig vertrackten Mix aus Elektronica und verspielten Akustikinstrumenten überzeugt – betreten die Isländer die Bühne und präsentieren Setlist, die einen homogenen und dennoch abwechslungsreichen Bogen durch das Werk der Band schlägt. Der Sound in der Lichtburg ist absolut überzeugend. Druckvolle Bässe, klare Höhen, nie zu laut oder dröhnend, immer transparent – was bei dem enormen Schalldruck, den Sigur Ros hier entfalten, und dem ja nicht unbedingt für Konzerte gebauten Raum der Lichtburg, eine beachtliche Leistung ist. Der Sound hat durchgehend CD-Qualität.
Live berzeugen Sigur Ros wieder durch den inbrünstig-predigenden Gesang und insbesondere durch die einzigartigen Klangwelten, die trotz aller Mogwai-artigen Wucht mit absoluter Konzentration, häufigen Instrumentenwechseln und schier unglaublicher Präzision und Zurückhaltung gespielt sind. Ein absolutes Plus gegenüber dem Gig in Köln ist die eingebundene Bläsersatz-Gruppe, die dem Soundkosmos noch den letzten Hauch Perfektion gibt, egal ob sie einfach nur die Streicher ergänzt und Sigur so auf fast orchestrale Ebene hievt oder ob sie als Polka-Kapelle kurz durch die Lichtburg wandert, in einem Moment von ungewohnter Lässigkeit und Selbstironie dieser sonst so ernst und verinnerlicht wirkenden Band. Die Stücke wachsen gegenüber (den per se ja schon stets beeindruckenden) Albumfassungen zu enormen Klangreisen heran, wobei insbesondere die letzte Zugabe (Popplagió von ()) an epischer Kraft kaum zu überbieten ist. Im Lichtgewitter von Film-Projektionen und Varilights verschwindet die Band dabei langsam hinter dem Vorhang optisch wie akustisch hinter einer unfaßbaren Soundwand, die einem mit ihrer schieren Kraft nahezu die Adern zudrückt, die zwingend und verzweifelt ist und nach der kein Zweifel bestehen kann, das nach diesem Song einfach nichts mehr an Zugaben kommen kann. Wortkarg und introvertiert-konzentriert wie immer während des Konzertes, kommt die Truppe nach dem Konzert gemeinsam auf die Bühne und spendet dem Publikum erlösten Applaus.
PS: Ein supergutes Photo von Julia gibt es HIER. Und hier. Vielleicht sollte man nächstes Mal doch mehr als nur ein Handy mit zum Konzert nehmen :-D






26. Juni 2006 13:46 Uhr. Kategorie Live. 18 Antworten.
aus einem forum habe ich folgendes zitat, weiss nicht obs stimmt, soll jedenfalls vom sänger stammen: «es braucht einen ganzen mann, um wie eine frau zu singen.»
sigur ros ist für mich mit zu starken (traurigen) emotionen verbunden, sonst würde ich ans schweizer konzert gehen. wundervolle musik auf jeden fall. vielleicht in ein paar jahren mal..
Ich selbst finde die ja gar nicht traurig, sondern eher elegisch. Oder verbindest du mit deren Musik ein persönliches – trauriges – Erlebnis und ich verstehe dich gerade falsch?
ja, ich verbinde sigur ros mit einer trennung, mag das jetzt aber hier nicht weiter ausbreiten.
die musik an sich ist für mich, wie du schon sagtest, traurig, und doch auf eine gewisse art und weise wunderschön, schon nicht mehr menschlich, eher der natur zugehörig.
>Vielleicht sollte man nächstes Mal doch mehr als nur ein Handy mit zum Konzert nehmen :-D
Und weiter vorne sitzen. ;-)
Ich hatte wegen meiner Kamera aber ehrlich gesagt auch schon etwas Angst, der Securtiy-Mann am Eingang hat nämlich alle Leute vor mir gefragt, ob sie ‘ne Kamera in der Tasche haben. Nur mich nicht. :-)
Das letzte Bild ist toll, wo sie alle Arm in Arm auf der Bühne stehen!
Womit hast du deine Photos gemacht? Mit der EOS?
Kinosäle haben wegen des Filmtons meist eine recht gute, trockene Akustik und sind somit hervorragend für verstärkte Konzerte geeignet. Viel besser übrigens, als die ganzen klassischen Konzertsäle, die akustisch bei verstärkten Konzerten oft überfordert sind.
> Womit hast du deine Photos gemacht? Mit der EOS?
Nee, die hätt ich glaub ich wirklich nicht mit reinbekommen. Mit der kleinen Minolta.
Echt mal Schelli – ich lese deinen Bericht und sage nur: “Ja, genau so war’s!”
sorry noch mal wegen der dummen und wohl etwas unüberlegten Beratung zu den Preiskategorien – gelobe Besserung.
Kein Problem, ich hätte es ja wissen sollen, daß im Kino der Rang teurer ist, beim Konzert aber eben nicht. My own fault.
Vielleicht noch mal ein Tip zum Thema “Kamera bei Konzerten”: auch wenn viele (gerade amerikanische) Künstler das Photographieren während eines Konzeres verbieten, so ist das in Deutschland (wir sind ja keine US – Enklave) gar nicht so einfach möglich. Bei einer Person der Zeitgeschichte, also einem prominenten Einzelkünstler oder einer prominenten Band, kann man das Photographieren in einer öffentlichen Situation (und das ist ein Konzert ja wohl) rechtlich nicht unterbinden. Zwar darf man das Blitzen verbieten, nicht aber das Photographieren.
Anders ist das bei einem Musical beispielsweise. Da spielt der einzelne Schauspieler ja keine wirkliche Rolle, er ist nur Mittel zum Zweck. Und da keine Person öffentlichen Interesses mitspielt kann man das Photographieren verbieten.
Nun weiß ich, daß sich an den Türen oft nicht an diese Regelung gehalten wird; Kameras werden gnadenlos eingesammelt. Oft hilft aber in solchen Situationen der eindeutige Hinweis auf’s Gesetz und darauf, daß es Diebstahl, oder zumindest Nötigung ist, wenn einem die Kamera abgenommen wird (auch darüber gibt es übrigens Urteile).
Du glaubst mir wohl auch jeden Scheiß, den ich dir erzähle, wie?
…schuldigung…
wenn ich was hasse dann leute mit ‘nem handy auf konzerten.
…schuldigung…
Geht mir eigentlich auch so, die ganzen leuchtenden Displays sind heute so wie früher die kitschigen Feuerzeuge bei Balladen :-D. Ich frage mich, wann eine Band mal einen Gag draus macht und alle auffordert, die Displays GLEICHZEITIG anzumachen… das dürfte nämlich recht beeindruckend aussehen.
Andererseits finde ich ein paar Photos ganz schön als Erinnerung, wenn ich über den Gig schreibe. Das hier sind ja keine Konzertkritiken, sondern Eselsohren für mein schwaches Gedächtnis und da sind Photos eine große Hilfe.
mich nerven weniger die displays.
das dumme herumstehen und hochhalten nervt mehr.
ICH WILL TANZEN! und meine kleine sieht nix. blöd.
eselsohr ist für mich mein schuhkarton mit allen tickets
wo ich je war. kino, oper, konzert, festival, event etc …
Für mich eigentlich auch, aber ich finde das Blog hilft mir extrem, mich an Filme, Konzerte, Bücher, Platten usw zu erinnern. Obandere mit meinen Reviews was anfangen können, weiß ich gar nicht so sehr, aber für mich ist es ein sehr lebendes «Tagebuch» mit Suchfunktion, was echt nicht zu unterschätzen ist.
Und da ich nur 1,72 bin, sind bei Konzerten weniger die hochgehaltenen Kameras das Problem als vielmehr die 1,90 großen Heinies VOR MIR :-D.
Ja, Essen war wunderbar, auch wenn sie zwei geplante Songs, E-Bow und Dauðalagið von der ( ), wegen Soundproblemen weggelassen haben. Mir persönlich hat noch Viðrar Vel Til Loftárása gefehlt, aber das habe ich bei den 3 zuvor besuchten Konzerten immer bekommen, also will ich mich nicht beschweren. :)
Sigur Rós hat für mich nichts elfenhaftes, nichts entrücktes, wie oft geschrieben wird, sondern es ist reine Naturgewalt, Bilderflut die so ursprünglich ist, dass man in seinem heutigen, verweltlichen Zustand damit gar nicht klarkommt und es daher für außerirdisch hält. Dabei ist man selbst außerirdischer als diese Kunst. Naja, will nicht zu viel schwafeln, hab hier ein paar (leider mistige) Bilder vom Konzert und Treffen der Band danach online gestellt: http://www.flickr.com/photos/fragilehalo/sets/72157594178351139/
Und falls Interesse an einem sehr gelungenen Mitschnitt des Konzertes besteht, kann ich auch weiterhelfen. ;)
Hey, tolle Bilder.
Ich finde den Gesang vielleicht schon etwas ungewöhnlich, ehrlich gesagt, aber im besten Sinne. Was SR für mich sind: Eine hochkonzentrierte. sehr ernsthafte Band, die ihren klaren Stil seit dem ersten Album konsequent erweitern, ohne sich dabei untreu zu werden. Wenn man bedenkt, wie jung die sind, darf man da sicher noch einiges erwarten: Ich finde die Band aber an sich nicht mehr oder weniger «abgehoben» als zB die frühen Pink Floyd, die späten TalkTalk oder die späten Radiohead.
[...] soll man über Sigur Ros noch sagen, was man nicht schon bei anderen Konzerten geschrieben hat? Das Epische, fast Religiöse der Musik, der stets etwas gleiche [...]