
Ich denke, Shopping Center King wäre nicht in den deutschen Kinos gelandet, wenn Observe and Report – so der deutlich schönere Originaltitel – nicht marketingseits an die simple Komödie Shopping Center Cop andocken könnte. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum der Trailer so tut, als sei Observe eine normale Komödie… was dem Film Unrecht tut.
Denn obwohl Jody Hills Farce streckenweise brüllkomisch ist – ich selbst hätte den gesamten Trailer nur auf Basis der wunderbaren FUCKYOU-Scene gemacht – ist der Film beileibe nicht harmlos. Allein schon, weil Hill bei keiner seiner Figuren Sympathie aufkommen lässt. Seth Rogen brilliert als der bipolare Mall-Sicherheitsangestellte Roggie Barnhardt, der zunehmend jede Kontrolle über sich verliert. Anna Faris white-trashige Brandi ist jenseits der Karikatur mit ihren aufgespritzten Lippen und Brüsten, der Quieckstimme und dem zweistelligen IQ, und der von Ray Liotta narbengesichtig-müde gegebene Detective Harrison ist zwar einerseits Stimme der Vernunft und des eigenen Verzweifelns an Ronnies Größenwahn, aber irgendwie selbst eben auch ein Arschloch. Identifizieren magst du dich hier mit niemanden. Roggie geht nicht einmal als Anti-Held durch, er ist einfach ein durch und durch übergeschnappter Loser, der jeden Anflug von Sympathie zu seiner Situation sofort vernichtet. Ab der ersten Sekunde ist die Antipathie zum Protagonisten im Raum, selbst DeNiro in Taxi Driver war dagegen charmant. Hölle, selbst Nicholson in The Shining war gegen Seth Rogen hier ein Nice Guy. Dass Jody Hill dabei scheinbar ganze Passagen aus Taxi Driver übernimmt und 180° dreht, zu einer geschmacklosen überspitzten Perfidie bringt, macht die erste Hälfte des Films so brillant. Jede einzelne Figur – mit Ausnahme von Collette Wolfs Figur Nell, die mit gebrochenem Bein an einem Coffee-Tresen sitzt - ist entweder dumm oder böse oder idealerweise beides, und der Film lässt keine Geschmacklosigkeit aus, um dies zu beweisen… bis hin zum Apex des Films, dem Moment, in dem Roggie am Ziel seiner Träume ist und mit Brandy vögelt – die allerdings bewusstlos in ihrem eigenen Erbrochenen halbschläft, während er irgendwo zwischen Erbärmlichkeit und Vergewaltigung auf ihr herumschubbert.
Diese negative Energie aufrechtzuerhalten schafft Observe and Report als Film, der eigentlich auf einem einzigen Gag basiert, eben leider nicht – der zweite Akt des Films verliert sich in unnötigen Nebenhandlungen, die zwar lustig anzusehen sind, aber den Film seltsam albern machen und ihm etwas seiner Entschiedenheit nehmen, um dann relativ unerwartet in eine Art psychotische Episode umzukippen, in der Roggie plötzlich in einer surrealen Sequenz zum Helden des Films mutiert – absolut realistisch abgefilmt, ohne jeden Bruch in der Wahrnehmung, nur dezent gekontert durch den (stets exzellenten) Soundtrack, der keinen Zweifel am Geisteszustand unseres Anti-Antihelden lässt.
Observe and Report ist ein Film mit vielen Schwächen, beileibe kein wirklich guter Film – es gibt bessere kleine böse Offbeat-Filme (Very Bad Things zum Beispiel), und das vor allem, weil Hill die Chance vertut, böser zu sein, klarer in die Psyche von Roggie einzutauchen, weniger oberflächlich zu bleiben. Es ist eine seltsame, eben prekäre Balance, die der Film zu halten versucht, zwischen Abstrusität und Tragik, zwischen Ekel und Mitleid, zwischen Comedy und Indie, und das alles bei voller Geschwindigkeit und das gelingt Hill beileibe nicht immer, geschweige denn immer elegant. Insofern lebt der Film von grandiosen Passagen, von einem seltsamen Wes-Anderson-on-LSD-Feeling, was über müde Kompromisse und ein vielleicht zu lasches Ende hinwegtrösten kann. Vielleicht ist das Ende aber auch gerade so perfekt, unerwartet, unabsehbar, eine überzogene Abrechnung mit Hollywood-Happy-End-Strategien, mit Männerträumen, mit unseren eigenen Erwartungen an Film, die Hill keine Sekunde zu erfüllen bereit scheint, außer unter dem Vorzeichen des Wahnsinns. Seltsamerweise ist Observe so am Ende kein wirklich komischer Film, aber auch kein wirklich dunkler oder ernster Film, sondern ein Zwitter, der vielleicht keinen wirklich glücklich macht… aber vielleicht eben deshalb allein schon schön sein kann. Ein Film zwischen allen Stühlen, der es niemanden gerecht machen will oder kann. Und zugleich IST der Film sehr komisch und sehr düster und einzigartig.
Die seltsame, tatsächliche Archillesferse des Films aber entblösst sich seltsamerweise im Rückblick wahrscheinlich direkt zu Beginn. Hill folgt während des Vorspanns mit voyeuristischer Kamera den (echten oder gespielten) Einkäufern im Shopping-Center mit der Kamera, bleibt eine Sekunde zu lang am Hintern eines Mädchens kleben, in deren Hosentasche sich die Hand ihres Freundes schlängelt, lugt zwischen Warenüberfluss den Leuten ins Gesicht, zeigt müde Rentner auf der Bank in der Kunstwelt der Mall. Der Vorspann ist so kraftvoll, so gelungen in seiner (pseudo)dokumentarischen Kraft, dass der Rest des Films dagegen überinszeniert und etwas ermüdend wirkt, zu laut, zu grell ausgeleuchtet, zu gewollt. Diese Clairvoyance der ersten Minten des Films erreicht Hill zu keinem Moment mehr, diese stille klare Größe geht im Gewummer der Eskalationsstrategie seines Plots unter – und doch zeigt der Vorspann besser als der Rest des Films den Abgrund, die Langeweile, die Nichtigkeit von Junk Spaces, diesen Anti-Orten, diesen Mikrokosmen, an denen keine Zeit vergeht, in denen für die Angestellten wie für die Stammkunden das Leben in winzigen, zugleich zeitlupenartig ausgedehnten Miniaturdramen aus Träumen, Hoffnungen und Enttäuschungen verpufft, wie erbärmlich diese Kokons eigentlich sind. Allein für den Vorspann also – und natürlich für die Fuckyou-Nofuckyou-Nofuckyou-Szene – lohnt sich unbedingt ein Ansehen dieser seltsamen Nicht-Komödie.
29. Juni 2009 20:46 Uhr. Kategorie Film. Tag Comedy. Keine Antwort.