
Deutsche Filme machen mir meist Angst, wenn ich hineingehe. Egal, wie gelobt – deutsche Produktionen stecken oft in einem Dickicht aus Hype-Netzwerken, die man als Außenstehender kaum durchschaut, nicht jeder hochgelobte Film wird gelobt, weil er wirklich GUT ist -, manche Filme sind so schlecht, dass einem der Atem stockt.
Insofern hält man bei Shoppen den Atem an, wenn es dunkel im Eulenspiegel wird. Waren die Trailer mal wieder das Beste am Abend?
Tatsächlich aber startet Ralf Westhoff seinen Ensemblefilm sanft ironisch mit vor dem Spiegel geübten Anmachsprüchen, mit dem Macho, der sich fürs Selbst-Verkaufen fit macht. Wie bei einem guten Katastophenfilm – und nichts anderes ist Shoppen – stellt der Autor und Regisseur sein insgesamt 19-köpfiges Kernensemble (18 Singles plus Wilm Roil als den Stoppuhr-Mann) peu à peu vor, bevor er sie ins Inferno jagt. Und das Inferno ist in diesem Fall ein Speed-Dating-Event, bei dem sich die einzelnen Personen kennen lernen, im Fünf-Minuten-Takt der Stoppuhr. Die hier zusammenkommende Runde ist weniger «authentisch» als vielmehr ein bunter Mix von Single-Typen – Die Nymphomane, Der Schüchterne, der Planer, die Verpeilte, die Quasselstrippe, die Hysterische, der Dummficktgut, der Frauenflüsterer und und und -, aber was schnell hätte peinlich und platt werden können, gelingt hier, weil die Darsteller-Crew all diesen Stereotypen entgegenspielt und ihren Figuren in aller Regel eine Dimension gibt, die das Klischee treffsicher kontert oder doch zumindest ins Wanken bringt.
Zudem ist Shoppen – trotz des ungewohnten Doku-Formats, das recht trocken die Speed-Dating-Situation beleuchtet – eine Komödie und da gehört eine Prise Klischee dazu. Und die Konfrontation der verschiedenen Mann/Frau-Typen in schneller Abfolge, das oft fast explosive, rapide Aufeinandertreffen eben dieser Stereotypen – die es ja im Alltag tatsächlich so gibt – schafft eine Menge urkomischer Situationen, die recht kurzweilig zwischen neurotische-loriotesquem Humor und etwas platterer SitCom schwanken und so für jeden Geschmack etwas liefern. Die Dialoge kommen oft so ungeschliffen und direkt, dass es spannend wäre, zu sehen, wie diese Idee komplett als Dokumentationsfilm funktioniert hätte – anstatt mit Darstellern. Aber die Darsteller, größtenteils junge Bühnentalente, schaffen es meist, ihre Figuren ohne Overacting zum leben zu erwecken. Es gibt die ein oder anderen zu gewollten, zu «geschauspielerten» Momente, aber alles in allem meistert das Ensemble die Sache wunderbar, wenn man bedenkt, wie unglaublich dünn das Eis in diesem Film ist und wie schnell Shoppen jeweils in Richtung Albernheit oder Zeigefinger hätte ausrutschen können, fast müssen.
Umso bewundernswerter, dass bei aller Spritzigkeit der Dialoge, die schon hier und da das Brigitte-Lebensgefühl aufgreifen und mitunter dicht an der Grenze zur etwas platten Botschaft entlangschliddern, die verschiedenen Figuren dafür sorgen, dass eine eventuelle Botschaft nie zu platt wird. Das der Film (leider) fast so etwas wie ein unnötiges Happy End bietet, im Großen oder Ganzen aber seine Protagonisten nach der Dating-Katastrophe eben doch wieder in die Gefühlsverwirrung entlässt, rettet Shoppen vor dem Kitsch. Die schnellen Schnitte, das solide Tempo, die sorgfältige Kameraarbeit und die oft großartigen Einzelleistungen der Darsteller garantieren einen ebenso unterhaltsamen wie eben auch nicht doofen Abend vor der Leinwand. Denn allein der Titel – Shoppen – spielt ja auf die Darwinisierung der Romantik an, die im Film öfter auch mehr oder minder deutlich angerissen und gespiegelt, kommentiert und diskutiert wird. Wenn der pseudohipnasengepiercte Anmacher Patrick mit dem offenen pinkfarbenen Hemd ausgerechnet derjenige ist, der die Gesellschaftskritik absondert (Liebe wird mehr und mehr als Konsumprozess betrachtet), dann ist das ein cleveres kleines Ironie-Schattenboxen, das Westhoff hier präsentiert, und solche feinen Shifts zwischen den Rollen, solche kleinen Brüche, machen die Figuren (und damit den Film) liebenswert. Vielleicht hätte etwas weniger erklären-wollen, etwas weniger Psychologie-Potpurri den Film stärker gemacht, mehr Dreck eben, weniger Absicht… aber wenn ich nach dem Film gefragt werden, warum er denn nun Shoppen heißt… vielleicht auch eben nicht. Das Westhoff etwas Tiefgang und «Message» reinbringen will kann man ihm nicht verübeln und der Film ist ja trotzdem insgesamt schnell, überraschend und vor allem immer wieder brüllkomisch. Ein bisschen Pop-Psychologie und Händeübermkopfzusammenschlagen-über-die-Probleme-modernen-Balzens kannst du da also irgendwie schon als Zuschauer auch gut verpacken.
Das Shoppen sich zudem ganz unhip als Münchener Film durch und durch zu erkennen gibt und mit breitem Akzent daherkommt, macht die Sache grundsympathisch und betont das authentische Flair des Ganzen. Ob als Pärchen oder Single – Shoppen ist ein flockiger, unterhaltsamer Film, der vielleicht ein bisschen zum Diskutieren über die Liebe einlädt, aber nicht gleich den bretterdicken Diskurswalzer tanzt. Eher so wie die andere wunderbare deutsche Produktion Full Metal Village ein zuckerwatterleichter Film mit einem – allerdings nicht ganz so bitteren – Cyanidkern. Wenn das so weitergeht, kann ich bald ohne angstschweißpatschnasse Hände ins Kino, wenn ein Film made in germany läuft…
21. Mai 2007 19:31 Uhr. Kategorie Film. 5 Antworten.
Und der dritte Tag auf der Typo – nix dabei? Alles fit?
Ich hab am dritten Tag das Hotel gar nicht verlassen, Steffi war etwas allein auf der Typo und hat sich u.a. Psyop angesehen, und bin an Tag vier recht früh – Checkout war um 12 – mit der Bahn zurückgefahren.
ja, genau – brüllkomisch
man(n) hat es schwer mich ins kino zu bewegen, mit diesem film wurde ich belohnt
sehr witzig
[...] eine Symbiose eingegangen. Der Akt der Suche nach einem Partner zwischen 13 und 30 wird zum «Shopping Around», zum Kauf von romantischen Gefühlen, wie wir sie in Filmen, die man eben auch konsumiert, [...]
welche Marke ist denn die Stoppuhr bitte?