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SELL YOURSELF

Die erste von Chip Kidds The Cheese Monkeys entlehnte «Koan»-Aufgabe für den Konzeption & Layout-Kurs im Wintersemester 2006 war:

Ihr erstellt in Form eines A1-Plakates eine Gestaltung, die EUCH SELBST verkauft. Es muss nicht schön sein, es muss nicht smart sein, es muss nur funktionieren.
Die Gestaltungsmittel sind völlig frei, aber: das Plakat ist nur schwarzweiß und nur typographisch angelegt. Die Plakate werden dem Kurs vorgestellt und dann praktisch getestet.

ZUSÄTZLICH MITBRINGEN: Ein weiteres weißes A1 Blatt. Schwarzer dicker Edding. Bei schlechtem Wetter wetterfeste Kleidung.

Mysteriös, mysteriös.


Wichtig bei den Aufgaben ist mir, dass man daran scheitern kann, darf und vielleicht sogar muss. Es geht nicht um das schönste Plakat der Woche, sondern um die Auseinandersetzung mit der Aufgabenstellung, ihren Freiheiten und Einschränkungen und ihrer Bedeutung. Ähnlich wie die Aufgabe Helges Leben im letzten 3. Semester geht es gar nicht so sehr ums Gestalten, als vielmehr ums Denken.

Die Photos sind von Johannes, der unfairerweise mit der kleinen Leica bei recht miesem Licht hantieren mußte und das beste draus gemacht hat. es sind nicht alle Photos von allen Studenten etwas geworden, aber trotzdem macht es Spaß, noch einmal draufzuschauen. Vielen Dank.

Anna B. ist unsicher und kommt mit einem Fragezeichen und vielen Adjektiven, ebenfalls mit Fragezeichen. Ob man sich so etwas unsicher ideal verkauft?

Anna K. kommt mit sehr viel Text, der gut ist, aber nicht so richtig plakativ.

HD ist so schnell, dass er auf jedem Bild unscharf ist.

Christine ist auch unscharf schnell. ICH BIN ICH ist ihre These, selbstbewusst. Aber der Kurs fand, es sagt nicht viel aus, oder?

Wer das Lesen konnte, durfte dem kleinem Buchstabengesicht von Chris einen Kuss geben. Auch wenn das Gesicht hier etwas uncharmant positioniert ist. Sehr schöne, ganz schlichte Idee, die ihn zwar nicht wirklich selbst verkauft, aber einiges über seinen Witz und Charme aussagt. Und sein Bedürfnis nach Erotik…

Daniel baut aus Text sein Gesicht und sieht dabei etwas aus wie der junge Marc Almond.

Fanny präsentiert sich als unverkäufliches Muster, eine der vielen, die sich der Aufgabe eigentlich verweigern und sich weder verkaufen wollen noch so etwas wie ein Plakat mt Fernwirkung produzieren.


Noch einmal jede Menge Adjektive, diesmal von Judith. Eigentlich eine Web-2-Tagwolke, oder? Ich finde, die Typo passt nicht immer sonderlich zum Inhalt. Da muß man echt mal sensibilisieren. Aber jeder, der ernsthaft kuschelbedürftig auf ein Blatt Papier bringt und es vor 35 Leuten an die Wand hängt, hat Respekt verdient.


Johannes tritt selbstsicher auf, attestiert sich aber Selbstzweifel. Seltsam, dass gerade das Wort ZWEIFEL so selbstsicher, in Versalien und Schmalfett daherkommt. Wie viele andere Motive wirkt auch dieses insgesamt etwas ungestaltet. Eine Gestaltung nur mit Schrift, ohne Bild, scheint im dritten Semester (nach zwei Semester Typographie, immerhin) für die Studenten ungewohnt zu sein.

Katharina baut aus handgezeichneter Schrift ein Smiley-Face.

Marcel zeigt, dass er zwar sexuell bewandert ist, aber mit der Rechtschreibung ein Problem hat. In Versalbuchstaben gibt es kein ß und BLÄST schreibt sich ohnehin nur mit einem S, nicht mit SS. Auch hier eher eine Nicht-Gestaltung. Eine Zeile Text auf Weiß kann cool sein, kann aber auch einfach nur Word sein :-D.

Maren macht eine seriös wirkende Großanzeige als Extra-Auge.

Die Gruppe bewertet die Arbeiten, je drei kritische Stimmen je gezeigter Arbeit. Bei über 30 Arbeiten eine Menge Arbeit.

Simpel und volksnah, kam Karols Idee bei allen gut an.

Mascha gibt ehrlich zu, daß sie 1000 Ideen hat, sie aber nicht umgesetzt bekam. Bonuspunkte für Ehrlichkeit und Handarbeit, aaaaaber… :-D


Nochmal Adjektive, diesmal von Kirsten, diesmal mit Fragezeichen UND Ausrufezeichen. Vorteil: Gut lesbare Headline. Aber schrecklicher Blocksatz mit klaren Bächen. Und: Verkauft man sich so wirklich? Mit einer beliebigen Vielzahl von teils widersprüchlichen Adjektiven? Die Kunst des Designs ist zuspitzen, dramatisieren, greifbar machen. Und dann ordentlich gestalten.

Der dezente Hinweis von HD, das wir inzwischen drei Entwürfe mit exakt der gleichen Idee haben. Es sollte alle besorgen, wenn zu viele Leute in der Rubrik VERKAUFE-DICH-SELBST mit deutlich den gleichen Ideen kommen. DER Wink mit dem Zaunpfahl, sich selbst einzigartiger und unverwechselbarer im Denken zu machen. Jeder Mensch ist etwas besonderes und sollte in seinen Ideen auch so herüberkommen. Diese drei Plakate sind insofern etwas wie Gedichte, in denen Worte wie ROSE, MOND, HERZ und SCHMERZ vorkommen. Austauschbar. Einer der Gründe für diese Übung ist, genau das festzuhalten. Wenn deine Ideen nicht einzigartig sind, musst du daran arbeiten, dass sie es werden, dass sie mehr sind als Ideen, die andere vor dir auch schon hatten.

(Bild und Text hier auf Wunsch der Studentin gelöscht)

Das genaue Gegenteil von Manuela, die sich als Generation Praktikum auf den Punkt bringt. Minimalistische Gestaltung, vielleicht ein bisschen zu sehr Richtung Todesanzeige, aber in Sachen Text schön knackig Punkt :-D. Man merkt, dass die Studenten mit großer Überzahl Systemschriften benutzen. Wundert sich jetzt jemand, warum ich für eigene Laptops und Schriftpakete für Studenten plädiere? Typographie ist eben nicht nur Theorie, sondern Anwendung. Routine. Aber wie soll man etwas routiniert anwenden, wenn man nur Tahoma und Arial hat?



Milka präsentiert Feminismus dritter Generation. Was man leider auf dem Photo nicht sieht: In dem schwarzen Fond verstecken sich weitere assoziative Begriffe (leider, wie erschreckend oft heute, mit Schreibfehlern), die die dreiste Behauptung kontern. Hat mir gut gefallen. Vor allem, weil danach die gesamte Diskussion über das Plakat irgendwie schlüpfrig wirkte. Begriffe wie «herausragend» klangen selten so deplaciert :-D. Völlig falscher Apostroph, übrigens. Und Wortabstand Kerning verbesserungsbedürftig.
Aber schön, dass dieses Strange Statement aus meiner Sicht wirklich die beste Selbstverkaufe war. Nicht wegen dem offensichtlichem Sex-Gag, sondern weil hier eine ganz prima Selbstironie durchkommt.

Karol mag’s jedenfalls.

Ich finde immer noch, das sieht etwas nach einem Cover für einen Schmonzettenroman aus, oder? Und natürlich ist ein Schlüsselloch ein graphisches, kein TYPOgraphisches Element. Ansonsten auch hier die Adjektivwüste und die unsichere Schriftwahl. .

Mochte ich vom Ansatz. Peter Löhrs Idee. Über den falschen Zeilenabstand, das fehlende Kerning und die Tatsache, dass man auf die InterCaps hätte verzichten sollen, rege ich mich mal gar nicht erst auf. Aber hier ist eine uns bereits sehr bekannte Idee– Adjektive – wenigstens mit einem klaren Hang zur Gestaltung angegangen worden. Und mal nicht mit reiner Systemtypo, wenn die Trajan sicher auch eine recht abgegriffenen Typo ist.

Sex scheint, nebenbei, ein wichtiges Thema zu sein.

Woher kennen wir die Idee…? Adjektive, die in der Senkrechten ein neues Wort ergeben…?

HD guckt kritisch, ist aber alles ganz egal, den Ramona hat heute Geburtstag. Happy Birthday to you…

Minimalistischer Erpresserbrief? «fotodesign» und eine Adresse stehen darauf. Noch ein Antiplakat. Schon ab 10 cm unlesbar. Ein bisschen mehr «design» wäre einfach super gewesen.

Nö, können wir alle nicht lesen, Sebastian, sorry…


Fabian hingegen hat aus allen Buchstaben, die Bitstream jemals hergestellt hat, ein Selbstportrait seines wirren Geistes gezaubert. Schaut gut aus, aber ob es ihn auch verkauft? Bonuspunkte für die Verwendung von etwa 40 Schriften, die ich im Leben nie mehr wieder sehen wollte. Jede Menge Info, erkennbar mehr Know-How mit Satzprogrammen als andere Leute im Kurs (praktische Arbeit ist Gold wert) und ein typischer Fabse. Bonuspinkte dafür, daß es nicht geklebt, sondern real ausgedruckt und an einem Stück ist. No patchwork, please.

Ähnlicher Dada-Ansatz, aber eben komplett handgemacht. Auch keinerlei Selbst-Verkaufe, weil eigentlich nur ein komplexeres Namensschild, aber für selbst gemalt eine schöne Tendenz zum Graphischen.

Whoa, Adjektive. Diesmal von Daniela.

Kennen wir Adjektive nicht irgendwoher?

Jana macht eine Art Homepage auf Papier, deren Fernwirkung auch zweifelhaft ist, die aber schon cool und ruhig gestaltet ist. Auch mit Adjektivflut, aber anstelle der Fragezeichen kommen hier Widersprüchlichkeiten auf wie tiefsinnige Oberflächlichkeit. ich finds hier eigentlich ganz cool, dass ein Student mal souverän underdesigned, ohne dass es gänzlich willkürlich oder hingeknallt wirkt. Es hat aber noch etwas zu sehr den Charme von Textverarbeitung. Tipp: Noch mehr das vorhandene Feeling für Seitenaufteilung schulen. Trotzdem. Irgendwas klickt hier. Klar, es ist auch keine Selbst-Verkaufe. Aber irgendwas hat die Sache… es ist schwer zu erklären, warum eine Sache unfertig wirkt und die andere, fast ebenso ungestaltete, die richtige Menge an Ruhe und Dynamik vereint, ergo gestalteter, beabsichtigter wirkt.


Sebastian hat auch Adjektive, mit t. Seltsam femininer Entwurf für einen Mann, ebenso wie Janas Entwurf recht maskulin für eine Frau war.

Kritische Blicke.

Wanda verkauft sich als Titel eines Musicals. Ich hab hier ein paar sehr derbe Kerningprobleme (aber seien wir ehrlich, an diesem Punkt ist Unterschneidung das geringste Problem, oder), aber mag den Mix aus Pinselstrich und Druckschrift. Es verkauft auch nicht wirklich, aber trotzdem wird etwas Persönlichkeit rübergebracht. Und damn, das N sieht einfach super aus.

Ohne Umschweife. Der richtig große Designwurf ist nicht dabei, oder? Härter arbeiten, mehr lesen, mehr anschauen, mehr eigene Power entwickeln.
Aber: Es ging ja gar nicht nur um Design und Ästhetik, sondern um Verkaufe. Wie testet man das in der Praxis?
Wir halten ein Auto an. Wer mit seinem Schild ein Auto stoppt, hat gewonnen.

Leider war dann irgendwann Johannes Akku leer, so daß es keine Bilder von Daniela Brands Aktion gibt, die kurzerhand auf eine Tempo-70-Landstraße geht, ihr Plakat in der Hand und ein Auto tatsächlich ausbremst und so zum Anhalten bringt. Und uns zeigt. Funktionierendes Design braucht nicht immer nur gute Etepetete-Gestaltung, sondern manchmal einfach nur den Mut, sich vor ein heranrasendes Fahrzeug zu werfen. Während die meisten Leute unsicher mit ihrem Zettel am Straßenrand standen. Aber Gestaltung findet solange nicht statt, wie sie nicht mutig in der Straßenmitte steht. Der beste Entwurf ist wertlos, wenn er keine Energie hat, wenn er nicht mit voller Leidenschaft gebracht wird.













Das Fazit ist wie immer am Anfang des dritten Semesters: beflügelnd und ernüchternd. Den Studenten fehlt es am Know-How in DTP und am Computer, an gestalterischen und typographischen Grundregeln und man möchte sofort den eigentlichen Beruf aufgeben und 24 Stunden am Tag unterrichten. Es ernüchtert mich jedesmal, auf einer Privatakademie im dritten Semester so wenig Können zu sehen. Das war an der WAM oft ähnlich, ist an FHs oft auch so und trotzdem jedesmal schockierend. Wir müssen an der Ruhrakademie sehen, dass die Studenten ab dem ersten Semester mit den richtigen Werkzeugen arbeiten und auf der anderen Seite sollten die Studenten härter und engagierter daran arbeiten, sich selbst fortzuentwickeln und Wissen anzueignen, ihr Auge und ihre Hand trainieren. Wie ein guter Musiker, der täglich an seinem Instrument übt. Gut wird man nicht von allein, es ist das ergebnis harter Arbeit und trotziger Disziplin. Plus Talent. Plus Kreativität. Es gibt viele Wurstfachverkäufer und wenig wirklich gute Designer. Und dafür gibt es einen Grund. Design ist ein verdammt anstrengender Beruf, am besten vergleichbar mit einem Musikerjob in Jazz oder Klassik, bei dem Handwerklichkeit, Routine und mentale Beweglichkeit, Kreativität, Energie und Disziplin, Hunger und Können, gleichermaßen zusammenfließen müssen.

Beflügelnd ist, und das können die Photos ja nie so gut wiedergeben, der Geist und der Spaß (die hatten mich ja noch nicht lange als Dozent) der Studenten, die in diesem Kurs bisher großartige Diskussionskultur (bin ich viel schlechteres gewohnt) und die Leute, die du sofort magst. Die den Humor haben, sich wirklich an die Straße zu stellen und die mitspielen und offen sind, neugierig bleiben, wo man ja einfach «Was’n das für’n Mist» sagen könnte. Die lernen WOLLEN. Man möchte nur wirklich statt 14 x einmal die Woche 3 Stunden viel mehr Zeit haben.

Was übrigens unterstrichen wurde, heute, von der sehr spannenden Projekt- und Diplomberatung bis 18:30. Ich hoffe echt, ein paar Leute machen die angesprochenen Themen im Oktober. Das könnte spannend werden.

25. Oktober 2006 00:09 Uhr. Kategorie Stuff. 47 Antworten.

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