
Seite Eins ist mir von Marc Benthaus zugeschickt worden (Merci!!!) und dient als jährliche Leistungsschau des Designsbereichs der FH Dortmund. Ich finde das besonders spannend, da ich der Ruhrakademie seit zwei Jahren in den Ohren liege, ein solches «Annual» zu produzieren. Die Gestaltung von SeiteEins erinnert leider frappant an die schon vom Namen her ähnliche BrandEins und hat insofern einen deutlichen Meiré-Touch. Was ja nichts schlechtes ist, die neosachliche Eleganz der BrandEins ist ja rundum gelungen und per se zeitlos schön, auch wenn man sich an diesem Look vielleicht etwas sattgesehen hat. Die Seite Eins hat dem tschicholdschen Look von Mike Meiré aber leider auch nicht viel neues abgewinnen können, bleibt ganz im Gegenteil eher braver als das Vorbild. Da finde ich ja immer eher, studentische Arbeit sollte die Freiheit haben, sich zu blamieren. Lieber laut und mutig auf die Nase fallen als elegant langweilen. Stilvoll und solide kann man dann noch im Alterswerk werden, aber die verlängerte Jugend um Mitte 20 sollte der Revolution gehören.


Von Revolution ist hier nur nichts zu merken, wie bei so vielen studentischen Arbeiten zur Zeit. Künstlerische Wut, Neuaufbruch, Reaktion auf die Anforderungen unserer Zeit oder gar ein Nachdenken über neues Design finden nicht statt. Wie an fast allen Schulen zeigen die präsentieren Arbeiten ein Sich-Bedienen in den Stilistiken der vergangenen Dekaden und eine weite Bandbreite von ultrakühlem Editorial Design über sehr handfeste Anwendungslösungen bis zu freieren Arbeiten in Photographie und Illustration. Das Heft ist durch die Bank so gemacht, dass man es sich unbedingt besorgen sollte, eine Leistung, auf die alle Beteiligten zu Recht stolz sein können. Außerdem freue ich mir ein Loch in den Bauch, dass eine Arbeit von Annette Bohn drin ist ;-).




Viele der Beispiele in SeiteEins sind sehr praxisnah gestaltet, wie etwa das gelungene Erscheinungsbild für das FletchBizzel-Theater, es wimmelt von Corporate Design und Plakaten, und die Qualität ist fast durchgehend solide bis sehr schön.


Durch die Bank besonders sauber sind die Arbeiten, die Professor Xuyen Dam betreut hat, die – wie etwa beim Erscheinungsbild fürs Remarque Museum – eine sehr gelungene Fusion von Typographie und eleganten modernen Umgang mit Bildelementen oder Grafik zeigen. Das sind überwiegend Ergebnisse, die so auch in Design-Annuals à la Red Dot oder TDC stehen könnten. Es gibt auch grässliche Ausrutscher (wie etwa das Cat Stevens Buch) – auf fast 180 Seiten unausweichlich -, aber (zum Beispiel in den Photoarbeiten unter Caroline Dlugos) auch wirklich berührendes. Interviews und ausgiebige Texte runden das Magazin, das keins ist, ab und erklären die Arbeiten oder die Denkweise der Dozenten. Die FH Dortmund zeigt sich hier als sehr bodenständige, sehr handwerklich orientierte Designschule, die den Standard heutigen Arbeitens solide abdeckt und sehr pragmatisch «funktionierende» Designer hervorbringt.




Aber das ist natürlich zweischneidiges Lob. So gelungen ich zum Beispiel das Theaterlabor-Erscheinungsbild von Stephan Becker finde, so sehr habe ich es auch schon mal gesehen. Der Geruch von Uwe Loesch, von alten TDC-Annuals. Und so mischt sich in den großen Respekt vor den einzelnen Leistungen – wie schon beim Sichtwerk – die etwas bange Frage, ob Design (zumal an den Schulen) stehengeblieben ist. Wie bei der Architektur, wie im Produktdesign schaut man sich die Arbeiten der Youngster an und denkt: Wo bleibt die nächste Stufe? Man mag argumentieren, dass Kommunikationsdesign in einem Endstadium angekommen ist, wo es nur noch abarbeiten kann, nur noch «funktioniert». Aber das glaube ich nicht.


Gesellschaft verändert sich und Design wächst damit. Vom Jugendstil als Reaktion gegen Empire, über Bauhaus als Reaktion auf die neuen technischen Gegebenheiten, über Schweiz/Ulm, das Design endgültig als modularen Systemprozess deutete, andererseits emotional vom völkischen Corporate Design der Nationalsozialisten über FlowerPower und Memphis und Punk und NewWave bis hin zu Grunge und Carson… Design reagiert, Design ist Amalgam von Vergangenheit und Zukunft, Design ist greifbar gewordene ScienceFiction. Design sollte nicht illustrieren, was ist, sondern glaubhaft darüber lügen, was sein könnte. Ich kann verstehen, dass junge Studenten heute zunächst an ihre Berufe und an ein Funktionieren bei FactorDesign oder Springer/Jacoby oder auch als eigenes kleines Unternehmen nachdenken – aber wie groß sind diese Chancen, wenn in den Arbeiten, die zunehmend aus den Universitäten kommen, keinen eigene Stimme mehr zu hören ist? Hochschularbeiten sollten sich nicht wirklich anfühlen wie Jobs, die aus einem Designbüro kommen, sondern tiefer, weiter, höher gehen, die Werkzeuge des Designs ausreizen, Grenzen ausloten, eigene Stilistiken entwickeln und letztlich wieder die etablierten Büros neu mit Ideen aufladen. So wie es derzeit ist, kommen junge Designer an den Markt, die alls aussehen wie Klone des Flavour-of-the-day-Designers. Sieht man Kommunikationsdesign als reinen Beruf ist das sicherlich eine solide Leistung und okay. Sieht man Kommunikationsdesign als medial-gesellschaftliche Funktion, wie Architektur, wie Kunst, wie Film… dann ist das ein Alptraum. Und es passt erschreckend gut in eine Gesellschaft, in der 80% der aktuellen Charts aus Splittern alter Songs bestehen. Und selbst die Indieszene nur die 80s und 90s aufkocht.



Es ist interessant, das wir rein technologisch in vieler Hinsicht da stehen, wo das ursprüngliche Bauhaus stand. Fast überwältigt von neuen Techniken, neuen Möglichkeiten, neuen Impressionen. Damals war es Flugzeug, Film, Radio, TV, die zweite Welle der Industrialisierung, der Traum vom Weltall… heute ist es Nanotech, Gentechnologie, der Traum von der Teleportation. Wo das Bauhaus auf diese technische Renaissance mit einer neuen Ästhetik, mit einem gestalterischen Quantensprung in fast jedem Bereich zu reagieren versuchte (und mitunter drastisch scheiterte), reagieren wir allerdings mit Verunsicherung, mit Stillstand. In den 20ern, in den 60ern, in den 80ern war die Welt wütender und mutiger als heute.

Ganz im Ernst, ich gäbe etwas drum, wenn ein paar Designer wieder die Boxhandschuhe anziehen und mit der Wut des jungen Jan Tschichold, mit dem Brandeifer eines Schwitter oder Moholy-Nagy vorgehen. Oder meinethalber mit der burschikosen DIY-Naivität des jungen David Carson. Ob man das Bauhaus 2.0 nennen will, eine gestalterische Antwort auf die technologische und politische Revolution unserer Zeit, die den zwanziger Jahren so frappierend ähnelt, oder wie auch immer, aber ich werde das Gefühl nicht los:
Design sollte wieder brennen. Und das betrifft weniger die arrivierten Designer wie mich, sondern vor allem die heute 19-24-jährigen an den Hochschulen, die doch den Eifer haben sollten, nicht nur einen soliden Job zu erledigen und Pantone von HKS unterscheiden zu können, nicht blosse Anwender zu sein, sondern die eigentlich, wie alle Youngster, ganz unbescheiden mehr wollen sollten: Die Welt ein Stück verschieben. Futuristen sein, Terroristen sein.


Die SeiteEins zeigt eine junge Kohorte von Designern, die sich postmodern in den verschiedensten Stilmitteln bewegt, von grellen Pop zu schlichter Duotone-Ästhetik, aber die keine Inhalte hat, auf die es sich diese Mittel anzuwenden lohnt. Eine Generation, der das rechnerbasierte aufkochen alter Ansätze von Müller-Brockmann bis zu Fons Hickmann genügt. Die, in der Flut betrachtet, sehr brav nach den Regeln spielen.

Es mag an den Hochschulen liegen, es mag daran liegen, dass man Design lieber nicht studieren sollte, wo dir jemand erzählt, was du zu tun hast, wo du Scheine machst und brav funktionieren musst, anstatt dich selbst zu entdecken. Vielleicht ist eine Hochschule der falsche Ort für Design, vielleicht fehlt da das Lebensgefühl, der Lust auf Revolte. Vielleicht sind die YoungFolks heute auch so, dass sie einfach nur brav funktionieren wollen. Job, Auto, Urlaub, Familie und der Rest ein bisschen Lifestyle-Pose. Und wem will man das verdenken???


Das Ding ist nur… wenn ihr euch die Star-Designer der Vergangenheit anschaut, Saville, Brody, Oliver, Sagmeister. Wie viele von denen haben einfach brav nach den Regeln gespielt??? Wie viele Photographen, die ihr bewundert, haben einfach nur den Stil ihrer Vorbilder emuliert? Wie viele Rockmusiker, die legendär geworden sind, haben sich damit begnügt, einfach nur so ganz passabel ihr Instrument im Griff zu haben?
Genau. Nicht einer.
10. November 2007 11:20 Uhr. Kategorie Design. 16 Antworten.
Ich glaube es ist oft und bei vielen der fehlende Drang und die Angst sich völlig auf die Fresse zu legen, weil halt eben doch immer was auf dem spiel steht und die wenigsten das riskieren wollen.
Sehr solide, aber doch alles ziemlich kühl.
Die Angst ist verständlich.
Aber ich glaube, nur handwerklich mehr oder minder solide den Standard zu bedienen, führt in der Branche über mittlere Sicht in die Arbeitslosigkeit. Der Markt ist überfüllt (schau dir mal Berlin an), und wie in jedem saturierten Markt fällt nur auf, wer bigger and bolder and better ist, wer einen USP hat. Die Probleme fangen vielleicht schon damit an, das die nächste Generation noch viel zu sehr auf Papier denkt und arbeitet – während ICH mir schon Sorgen mache, als jemand der ja doch primär Print macht (auch wenn wir mit Marian als Partner sicher in den nächsten Jahren extrem in Sachen Web and Interactive Design aufstocken werden), noch in den nächsten 20 Jahren genug zu tun habe. Papier wird sterben. Und das ist auch okay.
»Design sollte wieder brennen. Und das betrifft weniger die arrivierten Designer wie mich, sondern vor allem die heute 19-24-jährigen an den Hochschulen, die doch den Eifer haben sollten, nicht nur einen soliden Job zu erledigen …«
Aber denkst du du nicht, dass gerade die arrivierten Designer diesen Stilstand vorrantreiben? All dieser glatten Designer die ein bißchen Bekanntheitsgrad in der Szene haben sind oft auch an Hochschulen und besitzen Lehraufträge. Ich glaube, da stelltst du wirklich eine Ausnahme dar und wenn es dir gelingt einige deiner Studenten zum “brennen” zu bringen ist das der beste Weg. Aus sich selbst heraus ist die junge Generation scheinbar nicht mehr in der Lage dazu.
Wenn ich nicht so einen Professor gehabt hätte, der mir geradezu eingeimpft hat Design zu einer Lebensaufgabe zu machen, würde ich jetzt vielleicht auch bei Metadesign sitzen und geregeltes Geld verdienen ;-)
Marco, als Designer mache ich ganz normal meinen Job, ziemlich so wie die Arbeiten, die ich oben hervorgehoben habe. Ich kann meine Kreativität am besten in Zusammenarbeit mit einem Kunden ausleben, ich bin keine Künstlernatur. Aber ich mache mir mit Ende 30 inzwischen schon Gedanken, ob für MICH die Zeit der Printkommunikation noch reicht, ob es den Job des Grafik-Designers noch geben wird in 2025. Es mag absurd klingen, dem Papier in den nächsten 20 Jahren einen Tod vorherzusagen, aber wenn man bedenkt, dass es VOR 20 Jahren noch kein weitverbreitetes Internet gab, keine Mobiltelefone, das Nano und Gentech in den Kinderschuhen steckten… in 20 Jahren kann viel passieren. Wir sind zwar mit Marian als Partner gut für eine Online-Zukunft vorbereitet, aber selbst die sehe ich nur als Zwischenschritt. Dem Internet in der heutigen Form sage ich den Tod ebenso voraus wie dem Papier (wobei Tod nicht heißt: Verschwindet ganz… es wird nur unwichtiger, die medialen Ausfromungen der gleichen Inhalte werden sich ändern. Etwa wie Vinyl zu mp3).
Aber wenn ich mir schon Gedanken mache, ob ich in 20 Jahren noch Plakate und Broschüren und Visitenkarten und Buchcover gestalten kann/darf… wie sehr muss man sich diese Frage denn als Student stellen? Ich meine, da geht es um 40 Jahre in die Zukunft denken. Und dann würde ich mich als Student fragen, ob ich auf ein sterbendes Medium setzen will oder ob ich Design nicht GANZHEITLICHER betrachten möchte.
Denn Design an sich wird wichtiger denn je sein, Design prägt die gesamte Textur unserer Gesellschaft im Sinne eines planerischen, gestaltenden Umgangs mit Ressourcen, Ideen und Chancen. Das Denken, dass man als Kommunikationsdesigner lernen sollte, muss sich also keineswegs darin verpuffen, Konzertplakate zu entwerfen.
Wobei das zugegeben sehr grundsätzliche Gedanken sind, die in keiner Form als Kritik an der FH Dortmund, den Studenten oder den Dozenten dort zu deuten ist. Es geht mehr um den Weg der Ausbildung als Ganzes, die aus meiner Sicht zu einer Monokultur führt. Aber da hat keine FH oder Schule die Nase vorn, wir machen an der RA weitestgehend ähnliche «Fehler». Ich glaube, Cranbrook war da in den 80s weiter vorne, überhaupt waren in den 80ern die Grafik-Designer insgesamt weiter vorne, vielleicht weil die im Umbruch eines hybriden Mediums gearbeitet haben und die kruden, unfertigen Werkzeuge und die sehr lebendige Zeit die Ideen haben sprudeln lassen. Ich finde Emigre bis heute im Ansatz des aktiven gestalterischen Nachdenkens über neue Medien überzeugender, in der Fusion von Theorie und Praxis, als vieles, was in den letzten fünf Jahren entstanden ist. Es ist wie mit elektronischer Musik, die auch aufregender und frischer war, als die ersten Geräte an den Massenmarkt kamen. Heute klingt eine Band wie ADULT aber IMMER noch nach 1982 und es gibt kaum Bands, die – und zwar nicht als völlige Außenseiter, sondern als Teil des Mainstreams – weiter an der Grenzen der Zukunft arbeiten.
Anders gesagt: Es gab immer wieder Phasen, in denen wir unsere Zukunft geträumt haben, in denen Science Fiction nicht nur in Büchern stattfand, sondern auch in den Köpfen und Herzen von Gestaltern und Ingenieuren. Die 20er in Deutschland, die 50/60s in den Vereinigten Staaten. Die 80s mit ihrer Cyberpunk-Düsterheit. Seitdem – ich mag mich irren – ist wenig neues in Sinne einer Zukunftsvision entstanden. Es ist, als hätte die Dystopia der 80s den Deckel auf die Zukunft geschraubt. Was etwas schade ist,d en unsere Wirklichkeit orientiert sich an den Designideen der Vergangenheit, an den Träumen der Männer und Frauen, die ScienceFiction gedacht und gebaut haben, an den Neutras und Moholy-Nagys. Und die Technologie, die gerade emergiert, braucht eine neue Generation von solchen Träumern, die die latenten Möglichkeiten von Technologie entdecken, gesellschaftlich aufladen, Form geben, auf morgen projiziert weiterdenken. Das ist Design – konkret von morgen träumen. Städte planen, Energiesysteme planen, Verkehrsströme designen. Städte in der Luft und unter Wasser, Kolonien auf dem Mars. Die papierlose Gesellschaft. Ein grünes Afrika.
China plant gerade eine komplette virtuelle Welt – eine Art Second Life in groß. Das ist Design.
Und – ausgehend von solchen zugegeben etwas abgehobenen Grundgedanken – ich frage mich halt manchmal, wie verantwortungsbewusst es ist, Studenten nur als GRAFIK-Designer zu betrachten, nicht als KOMMUNIKATIONS-Designer. Kommunikation ist MEHR als nur Bücher und Plakate. Wir machen das alles etwas falsch, nicht zuletzt, weil die Lehraufträge, der Staat, die Schulleiter und die Gesellschaft das derzeit so fordern.
Aber ich werde die Angst nicht los, das wir Rädermacher ausbilden. Du weisst schon… die Leute, die die Räder für Kutschen gebaut haben. Und die man auch noch ausbildete, als das Ford-T-Modell auf den Straßen war und sich abzeichnete, dass es bald keine Kutschen mehr geben würde. Was nur keiner geglaubt hat. Wenn man sich ansieht, wie sich die Branche seit erst 1984 (als Erik Spiekermann noch ausgelacht wurde, weil er begann, mit Mac und Laserdrucker zu arbeiten) entwickelt hat, braucht es nicht viel Phantasie um sich die nächsten (beschleunigten) 20 Jahre vorzustellen. 1984 hatten viele Leute noch ein Telefon groß wie ein Brikett IM FLUR, am Kabel, mit Wählscheibe und eingepackt in so einen komischen Stoffüberzug, damit das gute Teil nicht Fingerabdrücke bekommt, wenn der Nachbar mal vorbeikommt, um zu wählen (deswegen stand das Telefon ja im Flur auf der Telefonbank). Guck dir Telefonieren HEUTE an. (Obwohl man das gute Teil ja oft immer noch in Stoff oder Leder oder Gummihülen packe, people are people). Technologie entwickelt sich, das Designertum sollte sich MITentwickelt, oder besser noch, Taktgeber sein. Im Industriedesign ist das selbstverständlicher Teil des Denkens. Im Kommunikationsdesign abstruserweise nicht. Da streitet man sich lieber über Details von Schriften, die 500 Jahre alt sind.
Es geht also weniger um die konkreten Professoren und Studenten von heute, als vielmehr um den Stillstand der gesamten Branche. Die sich teilweise zu eng definiert. Und das ist durchaus keine «Kritik», ich selbst bin ja Teil davon. Es ist nur lautes Nachdenken…
mhhh…
da bin ich leider überhaupt nicht deiner meinung!
in einer zeit wo immer nur alle laut, wild und ohne tiefergehende überzeugung durcheinander schreien – nur um des schreiens willen und nur um unbedingt gesehen und wahrgenommen zu werden – ist das gute stück eine wohltat und ein vielversprechender lichtblick!
der sinn des ganzen (der sich dir scheinbar nicht ganz erschlossen hat) ist die präsentation von studentischen arbeiten und eben nicht die laut schreiende selbstdarstellung eines magazinteams!
es kommt immer auf den zweck an, den man erreichen will – das sollte dir eigentlich klar sein! und ‘rocken’ in dem sinne wie du es verstehst, war hier leider nie das thema. und vielleicht ist es ja auch eine reaktion auf die veränderten anforderungen unserer zeit und ein nachdenken über ‘neues’ design – und besser gesagt: einen weg den design beschreiten könnte… nämlich eine konzentration auf konsequente und dem zweck angepasste informationsvermittlung. eine sinnvolle einheit von inhalt und form. und nicht schreien um jeden preis! du solltest also deiner rezension in hinblick auf diesen sachverhalt vielleicht noch einmal überdenken und dich nicht zu sehr von deinen subjektiven vorstellungen von ‘revolution’ und ‘künstlerischer wut’ beeinflussen lassen!
und: papier wird niemals sterben! gewöhn’ dich an den gedanken… ;)
viele grüße,
peter
Papier sollte aber durchaus sterben, es ist unökonomisch und unökologisch. Und das sage ich als Buchleser. Es wird sterben und der Prozess hat längst begonnen. Wie gesagt, es wird sicher noch lange Zeit Bücher und Zeitungen geben – so wie es auch Vinyl und sogar C60-Cassetten noch gibt und sicher auch noch Menschen VHS-Cassetten benutzen (wer weiß, vielleicht sogar BetaMax oder Video2000?) – aber sie werden ein Randmedium sein. Und wenn man bedenkt, wie begrenzt die narrativen Möglichkeiten von Büchern sind (und ich LIEBE Bücher), dann ist das auch nicht unbedingt schlecht so.
Ich glaube, du hast meinen Text mißverstanden. Es geht mir nicht darum, dass diese Publikation mehr «schreien» soll, die äußere Form der SeiteEins ist, wiewohl halt massiv von BrandEins et al inspiriert, sehr okay.
Design als Transmissionsriemen der Information ist beileibe nicht eine «Anforderung unserer Zeit», sondern so alt wie phönizische Alphabet. Es ist der Sinn der Sache. Daran ist mal so gar nichts neu, im Gegenteil, es wäre ein Rückschritt auf die Aichersche Verknappung von Design als Systemmodul, auf ein braves Funktionieren.
Design aber ist mehr. Das hat wenig mit künstlerischer Wut zu tun, aber sehr viel mit mehr sein wollen als Plakatgestalter oder Textsetzer. Design verleiht Black Boxes ein Interface. Autobahnen sind Design, Fleischindustrie ist Design, Atomkraftwerke sind Design. Alles, was uns umgibt ist Ubiquitous Design. Design ist längst Textur von Welt geworden. Nur wir Kommunikationsdesigner tun noch so, als wäre es weiß gott was besonderes. Design wird in der Regel nur noch sichtbar, wenn es scheitert. Stau, Unfall, Chernobyl. Michael Jackson ist der Systemfehler im Design moderner Schönheitsdeale.
Es geht nicht um lauter schreien, es geht überhaupt nicht um VOLUMEN.
Es geht um Richtung.
Grafik Design wird sterben, ist eigentlich schon tot. Wer wirklich vor Indesign sitzt und glaubt, ein DESIGNER zu sein, irrt. Der Designer sitzt bei Adobe und entwirft Software-Interfaces. Sitzt bei Apple oder Microsoft und entwirft ein OS. Sitzt bei Logitech oder Wacom und Entwirft Human Interface Devices. Der Kommunkationsdesigner, gehen wir weiter den bisherigen Weg, wird reiner Anwender. Sekretärin, die mit mehr oder weniger Geschick die ewig gleichen Word/Excel-Dokumente macht. Und damit völlig ersetzbar.
Im Bauhaus, abgeschwächt in Ulm, in den USA der 50s und 60s… dachten Designer aus den verschiedensten Bereichen über Zukunft nach. Sprangen über Zäune, entwarfen ein Morgen, entwickelten das, was wir heute als Paleo-Future kennen. Das hat in den 90ern schlagartig aufgehört, vielleicht weil die Zukunft uns eingeholt hat.
Insofern – und da schließe ich meine eigene Arbeit als Dozent ein – steht die Lehre, steht die Branche insgesamt derzeit still. Ist zu einem Baudrillardschen System geworden, in dem viel passiert, aber nix geschieht. Kommunikationsdesign ist insgesamt zu einem Simulacra geworden – und nicht wie zuvor im positive Sinne als Abbild der Welt (jede Kommunikation ist unweigerlich ein Simulacrum), sondern eher negativ, als Lichtdouble ihrer Selbst. Schaut gut aus, steht aber nur doof herum.
Es geht nicht ums Schreien, um Wut, um solche Sachen. Obwohl ich froh wäre, wenn die Leute mal wieder schreien würden, weil sie etwas haben, wofür es sich zu schreien lohnt.
Es geht um die Inhalte. Es geht um die Richtung.
Und es geht für jeden einzelnen um die Zukunft im Beruf. Wenn du dir FFFOUND ansiehst, weisst du, das die Branche übervoll mit Talenten ist. Die alle seeeeehr ähnliche Dinge produzieren – und das global. Wenn also 90% aller Arbeiten, die man so sieht aussieht wie die jeweils letzte Publikation des Gestalten-Verlags, wenn Design mehr und mehr zum subsumierbaren Gut wird, dann soll das wohl mal über kurz oder lang ein Problem werden. Frag mal die Druckereien, wie die damit klar kommen, dass einzig und allein der Preis zählt, weil die Leistung austauschbar geworden ist.
Für meine Generation vielleicht noch egal – für Leute, die heute 20 sind, ist es eine Lebensnotwendigkeit, Kommunikationsdesign deutlich über den Status von Plakatmaler hinaus zu definieren.
wir drehen uns im kreis HD, egal ob wir über musik reden, schriften oder design als solches. wenn ich das extrem verkürze kann man sagen: du bist mit der situation nicht zufrieden, die fehlt der fortschritt, der mut. okay, das ist deine meinung, die so auch sicherlich richtig ist. das blöde daran ist nur, dass du das zu 1 % deinen kunden sagst, zu 90 % deinen studenten und zu 100 % dir selbst. deine bescheidenheit in allen ehren, aber du hast so einen starken standpunkt und du bist eine persönlichkeit, warum beginnst du das nicht auch nach aussen so zu verkaufen. mach die welle mann! es gibt sicherlich genug möglichkeiten dich meinungstechnisch auszutoben, auf konferenzen. es muss ja nicht so ein (toller) hokuspokus werden, wie die jungs und bären von underware immer veranstalten, aber du tust dir ja auch keinen gefallen, wenn deine gedanken immer so realtiv ungehört verhallen. ich denke nämlich schon, das deine seite zwar gelesen wird, es aber durchaus andere möglichkeiten gibt die leute aufzurütteln.
also schreib ein buch, bitte auf papier um es den leuten um die ohren zu hauen oder oder oder …
Der Thomas ist klug und er hat sooo Recht. Aber HD, wenn du ein Buch schreibst, such dir einen guten proof reader:-))
…und auf Worte folgten Taten. Habe Deinem Vortrag in Dessau ja beiwohnen können. Das, was Du hier schreibst, konntest du sicherlich den vielen jungen Studenten vermitteln – das hab ich zumindest im Gespräch später mit einigen raushören können. Ich kanns auch nur unterstreichen, man muss viele Designstudenten aus ihrem Dornröschenschlaf reißen. Denn was momentan als klasse, “trendy” und deluxe gilt, ist doch leider oft in meinen Augen austauschbar bis fast inhaltslos.
Du hast mich am Morgen in der Mensa am Frühstückstisch ja noch gewarnt, dass ich mir nicht zu viel erhoffen sollte von den Vorträgen (zumal meine Erwartungen durch mein Diplomthema natürlich hoch getrieben wurden). Das hat sich teilweise bestätigt – enttäuschend finde ich so beispielsweise, dass Konferenzen/Symposien (wie auch z.B. zuletzt die dere in Regensburg) von einigen Gestaltern dazu missbraucht werden, ihr Portfolio zu präsentieren. Das ist nicht Sinn und Zweck von solchen Veranstaltungen. Dazu klick ich mir die entsprechenden websites der Agenturen durch. Deswegen noch im Nachhinein ein Lob aus Würzburg, dass Du dich dem Thema adäquat angenommen hast – natürlich mit einer gehörigen Prise Selbstinszenierung, aber das gehört zu! lg, jo
dann hoffe ich mal, das marian, falls er mit war auch genug fotos gemacht hat, vielleicht gibts ja auch eine nette zusammenfassung in worten von HD selber. schöne wärs ja. :-D
Jo, ich meinte nicht, dass man sich von den Vorträgen AN SICH nicht allzu viel erhoffen dürfte – die fand ich durch die Bank sehr okay und einige wirklich hoch inspirierend – , sondern dass es konkret für dein Thema nicht so den Input bringen würde, vor alle nicht angesichts des Fahrtaufwands von Würzburg (noch einmal Respekt vor so viel Einsatz!). Übrigens sehr schade dass ich dich nicht noch einmal gefunden habe, wir sind am Tag nach der Konferenz von Stefan, einem der die Veranstaltungen durchführenden Studenten, wunderbarerweise wegen des Bahnstreiks nach Leipzig gefahren worden – und hätten dich sicher gern mitgenommen. Ich hoffe, du bist auch so gut angekommen.
Portfolio-Show ist bei vielen Konferenzen einfach der Standard und unter Self.Marketing-Gesichtspunkten auch clever (schnell und effektive Eigenwerbung), und auch nicht jeder Designer hat so unbedingt meinen Mitteilungsdrang :-D oder den kommunikationswissenschaftlichen Background, sondern ist eben eher Gestalter/Grafiker – und da kann man am besten über das Zeigen der eigenen Werke kommunizieren. Das man sich hinsetzt und eine Art Miniatur-Vorlesung wirklich absolkut auf Ort und Veranstaltung komplett maßschneidert ist eher die Ausnahme und wenn ich bedenke, wie anstrengend das war, weiß ich auch wieso :-D.
Von der Selbstinszenierung weiß ich nichts mehr – nach dem ersten Satz (nach dem Harry/Sally-Opener) an, habe ich keine Ahnung mehr, was ich gesagt habe. Ich werde es auch erst auf der DVD sehen. Steffi meinte, ich hätte zu oft über Sex geredet, ansonsten keine Ahnung. Ich glaube, ich kriege ein paar Photos und außerdem eine DVD, das poste ich dann sicher auch.
ach so, thomas… ich plane schon seit einiger weile vage ein buch mit dem grobthema «design und politik». Aber a) hab ich nicht SO viele eigene Gedanken, Mau und Lasse und Kalman haben das alles schon viel besser gesagt. b) kein Verlag c) Keine Zeit d) kein Budget. Alles Ausreden, aber ich hab 2008-2010 eine ganz andere Priorität vor mir.
Gut angekommen bin ich, keine Sorge. Das größte Übel war, um halb 9 nach der Party aus dem Bett zu kriechen. Noch ein letztes Wort zur Konferenz – sicherlich ist es eine gute Möglichkeit, auf Vorträgen eigene Arbeiten zu präsentieren und sicherlich ist es ein gehöriger Aufwand (den ich zu schätzen weiß), wenn man seinen Vortrag auf das Thema der Konferenz zuschneidet. Dennoch habe zumindest ich eine Erwartungshaltung, insbesondere von namhaften Büros mehr mitzunehmen als bloße Portfolioshows.
Man muss kein Designtheoretiker oder Philosoph sein, um Standpunkte zum Design vermitteln zu können. Oft sagt ein Bild eben nicht mehr als 1000 Worte. Mein Fazit für die Vorträge liegt folglich irgendwo zwischen “interessant”, “inspirierend” und “enttäuschend”. War eine gute Bandbreite dabei. Die Fahrt hat sich allemal gelohnt, alleine die Übernachtung im Atelierhaus war’s wert =)
Was ich sehr gut an der Struktur der Sache fand, ist, dass Brigitte, Susann, Matthias und Stefan nicht nur Designer eingeladen haben, sondern eine ganze Bandbreite an Zugängen zum Thema anboten. Das ist ein interdisziplinärer, über den Tellerrand springender Ansatz, den ich mit bei mehr – vor allem themengebundenen – Konferenzen stärker wünschen würde. Mir fallen echt schon noch andere, durchaus größere Konferenzen ein, die zu 80% nur Portfolios zeigen, die dann eher notdürftig auf das offizielle Thema angedengelt wurden. Ist auch so: Je namhafter der Designer, desto geringer die Bereitschaft (und Zeit), sich so ökonomisch sinnlos zu betätigen. Die kommen dann im Zweifelsfall gar nicht, oder zeigen eben ihre Arbeit. Wenn in Dessau also David Carson gekommen wäre, hätte er… Arbeiten gezeigt. Das ist halt so, bei großen wie bei kleinen Konferenzen. Ich war eher erstaunt, dass die FAKE so namhafte Leute gezogen hat und die sich – fand ich – durchaus auf ihre Art mit dem Thema befasst haben.
Das kann ich nur unterstreichen mit der Bandbreite. Finde ich eh klasse, dass Studenten die Sache selbst in die Hand nehmen und so etwas auf die Beine stellen. Nun ja, was Konferenzen angeht: da bin ich noch zu jungfräulich um zu wissen wie der Hase dort läuft. Soviele habe ich leider noch nicht mitnehmen können.