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SEITE EINS

Seite Eins ist mir von Marc Benthaus zugeschickt worden (Merci!!!) und dient als jährliche Leistungsschau des Designsbereichs der FH Dortmund. Ich finde das besonders spannend, da ich der Ruhrakademie seit zwei Jahren in den Ohren liege, ein solches «Annual» zu produzieren. Die Gestaltung von SeiteEins erinnert leider frappant an die schon vom Namen her ähnliche BrandEins und hat insofern einen deutlichen Meiré-Touch. Was ja nichts schlechtes ist, die neosachliche Eleganz der BrandEins ist ja rundum gelungen und per se zeitlos schön, auch wenn man sich an diesem Look vielleicht etwas sattgesehen hat. Die Seite Eins hat dem tschicholdschen Look von Mike Meiré aber leider auch nicht viel neues abgewinnen können, bleibt ganz im Gegenteil eher braver als das Vorbild. Da finde ich ja immer eher, studentische Arbeit sollte die Freiheit haben, sich zu blamieren. Lieber laut und mutig auf die Nase fallen als elegant langweilen. Stilvoll und solide kann man dann noch im Alterswerk werden, aber die verlängerte Jugend um Mitte 20 sollte der Revolution gehören.


Von Revolution ist hier nur nichts zu merken, wie bei so vielen studentischen Arbeiten zur Zeit. Künstlerische Wut, Neuaufbruch, Reaktion auf die Anforderungen unserer Zeit oder gar ein Nachdenken über neues Design finden nicht statt. Wie an fast allen Schulen zeigen die präsentieren Arbeiten ein Sich-Bedienen in den Stilistiken der vergangenen Dekaden und eine weite Bandbreite von ultrakühlem Editorial Design über sehr handfeste Anwendungslösungen bis zu freieren Arbeiten in Photographie und Illustration. Das Heft ist durch die Bank so gemacht, dass man es sich unbedingt besorgen sollte, eine Leistung, auf die alle Beteiligten zu Recht stolz sein können. Außerdem freue ich mir ein Loch in den Bauch, dass eine Arbeit von Annette Bohn drin ist ;-).




Viele der Beispiele in SeiteEins sind sehr praxisnah gestaltet, wie etwa das gelungene Erscheinungsbild für das FletchBizzel-Theater, es wimmelt von Corporate Design und Plakaten, und die Qualität ist fast durchgehend solide bis sehr schön.


Durch die Bank besonders sauber sind die Arbeiten, die Professor Xuyen Dam betreut hat, die – wie etwa beim Erscheinungsbild fürs Remarque Museum – eine sehr gelungene Fusion von Typographie und eleganten modernen Umgang mit Bildelementen oder Grafik zeigen. Das sind überwiegend Ergebnisse, die so auch in Design-Annuals à la Red Dot oder TDC stehen könnten. Es gibt auch grässliche Ausrutscher (wie etwa das Cat Stevens Buch) – auf fast 180 Seiten unausweichlich -, aber (zum Beispiel in den Photoarbeiten unter Caroline Dlugos) auch wirklich berührendes. Interviews und ausgiebige Texte runden das Magazin, das keins ist, ab und erklären die Arbeiten oder die Denkweise der Dozenten. Die FH Dortmund zeigt sich hier als sehr bodenständige, sehr handwerklich orientierte Designschule, die den Standard heutigen Arbeitens solide abdeckt und sehr pragmatisch «funktionierende» Designer hervorbringt.




Aber das ist natürlich zweischneidiges Lob. So gelungen ich zum Beispiel das Theaterlabor-Erscheinungsbild von Stephan Becker finde, so sehr habe ich es auch schon mal gesehen. Der Geruch von Uwe Loesch, von alten TDC-Annuals. Und so mischt sich in den großen Respekt vor den einzelnen Leistungen – wie schon beim Sichtwerk – die etwas bange Frage, ob Design (zumal an den Schulen) stehengeblieben ist. Wie bei der Architektur, wie im Produktdesign schaut man sich die Arbeiten der Youngster an und denkt: Wo bleibt die nächste Stufe? Man mag argumentieren, dass Kommunikationsdesign in einem Endstadium angekommen ist, wo es nur noch abarbeiten kann, nur noch «funktioniert». Aber das glaube ich nicht.


Gesellschaft verändert sich und Design wächst damit. Vom Jugendstil als Reaktion gegen Empire, über Bauhaus als Reaktion auf die neuen technischen Gegebenheiten, über Schweiz/Ulm, das Design endgültig als modularen Systemprozess deutete, andererseits emotional vom völkischen Corporate Design der Nationalsozialisten über FlowerPower und Memphis und Punk und NewWave bis hin zu Grunge und Carson… Design reagiert, Design ist Amalgam von Vergangenheit und Zukunft, Design ist greifbar gewordene ScienceFiction. Design sollte nicht illustrieren, was ist, sondern glaubhaft darüber lügen, was sein könnte. Ich kann verstehen, dass junge Studenten heute zunächst an ihre Berufe und an ein Funktionieren bei FactorDesign oder Springer/Jacoby oder auch als eigenes kleines Unternehmen nachdenken – aber wie groß sind diese Chancen, wenn in den Arbeiten, die zunehmend aus den Universitäten kommen, keinen eigene Stimme mehr zu hören ist? Hochschularbeiten sollten sich nicht wirklich anfühlen wie Jobs, die aus einem Designbüro kommen, sondern tiefer, weiter, höher gehen, die Werkzeuge des Designs ausreizen, Grenzen ausloten, eigene Stilistiken entwickeln und letztlich wieder die etablierten Büros neu mit Ideen aufladen. So wie es derzeit ist, kommen junge Designer an den Markt, die alls aussehen wie Klone des Flavour-of-the-day-Designers. Sieht man Kommunikationsdesign als reinen Beruf ist das sicherlich eine solide Leistung und okay. Sieht man Kommunikationsdesign als medial-gesellschaftliche Funktion, wie Architektur, wie Kunst, wie Film… dann ist das ein Alptraum. Und es passt erschreckend gut in eine Gesellschaft, in der 80% der aktuellen Charts aus Splittern alter Songs bestehen. Und selbst die Indieszene nur die 80s und 90s aufkocht.



Es ist interessant, das wir rein technologisch in vieler Hinsicht da stehen, wo das ursprüngliche Bauhaus stand. Fast überwältigt von neuen Techniken, neuen Möglichkeiten, neuen Impressionen. Damals war es Flugzeug, Film, Radio, TV, die zweite Welle der Industrialisierung, der Traum vom Weltall… heute ist es Nanotech, Gentechnologie, der Traum von der Teleportation. Wo das Bauhaus auf diese technische Renaissance mit einer neuen Ästhetik, mit einem gestalterischen Quantensprung in fast jedem Bereich zu reagieren versuchte (und mitunter drastisch scheiterte), reagieren wir allerdings mit Verunsicherung, mit Stillstand. In den 20ern, in den 60ern, in den 80ern war die Welt wütender und mutiger als heute.

Ganz im Ernst, ich gäbe etwas drum, wenn ein paar Designer wieder die Boxhandschuhe anziehen und mit der Wut des jungen Jan Tschichold, mit dem Brandeifer eines Schwitter oder Moholy-Nagy vorgehen. Oder meinethalber mit der burschikosen DIY-Naivität des jungen David Carson. Ob man das Bauhaus 2.0 nennen will, eine gestalterische Antwort auf die technologische und politische Revolution unserer Zeit, die den zwanziger Jahren so frappierend ähnelt, oder wie auch immer, aber ich werde das Gefühl nicht los:

Design sollte wieder brennen. Und das betrifft weniger die arrivierten Designer wie mich, sondern vor allem die heute 19-24-jährigen an den Hochschulen, die doch den Eifer haben sollten, nicht nur einen soliden Job zu erledigen und Pantone von HKS unterscheiden zu können, nicht blosse Anwender zu sein, sondern die eigentlich, wie alle Youngster, ganz unbescheiden mehr wollen sollten: Die Welt ein Stück verschieben. Futuristen sein, Terroristen sein.

Die SeiteEins zeigt eine junge Kohorte von Designern, die sich postmodern in den verschiedensten Stilmitteln bewegt, von grellen Pop zu schlichter Duotone-Ästhetik, aber die keine Inhalte hat, auf die es sich diese Mittel anzuwenden lohnt. Eine Generation, der das rechnerbasierte aufkochen alter Ansätze von Müller-Brockmann bis zu Fons Hickmann genügt. Die, in der Flut betrachtet, sehr brav nach den Regeln spielen.

Es mag an den Hochschulen liegen, es mag daran liegen, dass man Design lieber nicht studieren sollte, wo dir jemand erzählt, was du zu tun hast, wo du Scheine machst und brav funktionieren musst, anstatt dich selbst zu entdecken. Vielleicht ist eine Hochschule der falsche Ort für Design, vielleicht fehlt da das Lebensgefühl, der Lust auf Revolte. Vielleicht sind die YoungFolks heute auch so, dass sie einfach nur brav funktionieren wollen. Job, Auto, Urlaub, Familie und der Rest ein bisschen Lifestyle-Pose. Und wem will man das verdenken???


Das Ding ist nur… wenn ihr euch die Star-Designer der Vergangenheit anschaut, Saville, Brody, Oliver, Sagmeister. Wie viele von denen haben einfach brav nach den Regeln gespielt??? Wie viele Photographen, die ihr bewundert, haben einfach nur den Stil ihrer Vorbilder emuliert? Wie viele Rockmusiker, die legendär geworden sind, haben sich damit begnügt, einfach nur so ganz passabel ihr Instrument im Griff zu haben?

Genau. Nicht einer.

10. November 2007 11:20 Uhr. Kategorie Design. 16 Antworten.

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