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SEBASTIAN: REMIXES

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Die Hochzeit des französischen Edbanger-Elektrogeknarrze ist ja mittlerweile abgeebbt, aber diese Collection mit einigen Indietronic-Remixen des französischen DJ Sebastian Akchoté ist mehr als gelungener Anlass, ein paar Tracks endlich in bester Qualität auf der Platte zu haben. Und SebastiAN zeigt mustergültig, wie ElektroIndie gehen muss: Da wird gehackt und gesliced, die 1 nach Belieben verschoben, verzergelte Bässe durch die Boxen geprügelt, ultrahohe Noisefiepser losgelassen und von den Originalsongs im Idealfall nur noch Schnipsel übrig gelassen. Das alles im brutal stampfenden, martialischen Beat, der eine eingebaute Brutalität und Selbstvergessenheit mit sich bringt und neben dem nahezu alles andere auf dem Dancefloor blass aussieht. Nahtlos an den brutalen Front-242-Beats aus Brüssel anknüpfend, aber den Härtegrad spielerisch weiter nach oben drehend, bleibt sich SebastiAN im Querschnitt seiner Remixe überraschend bis hin zu einzelnen Sounds treu, die er in seiner bekannten Cut-Up-Technique zerfetzt, zerschneidet und neu zusammenpastet, dass Burroughs seine helle Freude dran hätte. Wenn ein Sound die Möglichkeiten des Laptop-Remixes auf die Spitze treibt, die reine Freude am Effekt, am schieren Sound, am Filtern, am Timeslice und am Glitch, dann das hier. Atmosphärisch nach wie vor die perfekte Endzeitmusik, ein düsterer Terminator-Soundtrack wildgewordener Maschinenparks, in denen Menschenstimmen nur noch als hilfloses Flirren vorkommen, Die hier versammelten Remixe sind ein durchaus erträglicher Ersatz für mehr eigene Kompositionen, die man bei einem DJ vielleicht gar nicht so erwarten darf, und vor allem erspart Akchoté uns die eher übelgrottigen Stuff wie etwa sein Killing In The Name of  für Rage Against The Machine – die hier versammelten Arbeiten sind größtenteils spannend und nicht schon durchgehend in der Studentendisko angekommen.

F.M. Einheit hat zum Sound der frühen Einstürzenden Neubauten erklärt, der scheppernde Industrial der Band sei die Musik zur Zeit,  es mache  keinen Sinn mehr, Ende des 20.Jahrhunderts auf den Fellen toter Tiere zu trommeln, sondern vielmehr müssten Industrieabfälle, Autowracks, Alltagsgegenstände für einen modernen Tribalismus-Sound sorgen. Schon damals war das nicht ganz richtig, denn das zeitalter der Industrie ging auch in den 80ern bereits greifbar dem Ende entgegen, und die Neubauten haben quasi  auf die Leiche eingetrommelt, den Stahl geprügelt, der in Duisburg allmählich nicht mehr hergestellt wurde. Konsequenter fortgesetzt – und paradoxerweise primitiver, weil man für das Trommeln auf Autodächern mehr Equipment braucht als für das reine Samplen von Klangschnipseln – haben das immer Acts wie die frühen Test Dept., Mark Stewart oder auch Adrian Sherwood, die fast nur noch mit Hilfe der immer preiswerteren Sampling- und MIDItechnik das taten, was Steve Reich noch aufwendig mit Bandmaschinen und Orchestern erreichte – eine technologische Dekonstruktion von Worten, Klängen, Geräuschen, die die Grenze zwischen Noise und Musik aufhob. Wo die Neubauten noch das Industriezeitalter (und dessen Untergang) zelebrierten, waren diese Acts mit ihren Samplern und Synthesizern längst in der Postmoderne angekommen, wo jedes Geräuch zuMelodie und jede Melodie zu Krach gemacht werden konnte, Musik nur noch Knetmasse war. Sherwoods Remixe für Depeche Mode brachten dieses Flair in den Mainstream- Rekonstruktionen, in denen die Originalmusik, auf denen Sherwoods Tracks basierten, kaum wiederzufinden war, abgesehen von einigen wenigen leuchtturmähnlichen Klängen, die eine Brücke zum ursprünglichen Material bauten. Und mit welcher Freude Sherwood Dave Gahan zum stammelnden Chor umgeschnipselt haben muss.

Die Ed Rec-Crew steht in gewisser Weise als Epigone dieser frühen Musikatomisierer da. Heute sind es nicht mehr Akai-Sampler und Fairlights, auf denen die Sounds noch etwas simpel geschreddert, detuned und gestackt werden können, sondern ganz einfache Laptops und preiswerte Software. Der Sound von Justice, Setaban Akchoté et al ist der ultimative Laptronica-Pop. Ob man auf einem Laptop Pixel verzerrt, Vektoren verknotet oder eben Klänge glitcht – völlig egal, der Prozessor ist der ultimative Gleichmacher. Und so entstehen hier auf den nächtlichen Schreibtischen nicht nur völlig irreale Bilderwelten, sondern auch Möbeldesign, Filme und eben Musik. Die Denkweise von längst im Mainstream angekommenen Kreativen wie Gehry und den Bouroullecs kommt auf diesem Wege natürlich unweigerlich irgendwann auch in der Musik zur Anwendung – und das Ergebnis ist eine stachelige, organische, hyperkomplexe bildhafte Klangskulptur, die nur rein zufällig auch extrem tanzbar ist, in allererster Linie aber ein schillerndes, metallisch glitzerndes Kunstwerk, das auch über eine nicht zu verachtende Eitelkeit verfügt. Hier zeigt jemand, wie er sein Werkzeug im Griff hat – nicht viel anders als die Metal-Gitarristen der 90er, die permanent  Tempo und  Virtuosität ihres Können unter Beweis stellen mussten. Und so ist der französische Klangsturm vielleicht die einzige akte Musik zur Zeit, inmitten von Revivals und Rückbesinnungen, eine dekadente Klangfrivolität, die völlig im digitalen Zeitalter angekommen ist und die kulturell vielleicht wichtigste Metapher seit den 80ern – den Remix – in die vorläufige Reinform bringt, und dabei Elemente aus Metal, Pop, House, Industrial und Dub nahtlos fusioniert. Es ist die perfekte Popmusik eines globalen, etwas selbstverliebten Hipsterism, mehr Pose als Inhalt, Designmusik – und insofern der legitime Nachfolger von NewWave und Techno als Ausdruck eines Lebensgefühls. Pop war immer schon mehr Image als Content, und insofern ist die Musik der EdRec-Crew der perfekte, glitternde Pop des 21. Jahrhunderts. Es verblüfft fast, dass diese Musik aus einer Alten Stadt wie Paris kommt, nicht irgendwo aus den neuen Metropolen wie Shanghai. SebastiANs Remix-CD zeigt den derzeitigen Apex einer Kultur, die sich von dem eigentlichen, handgemachten Lied über drei Dekaden zu einer maschinell zerlegbaren Musik entwickelt hat, von den primitiven analogen Remix-Ansätzen der frühen 80er bis zu den volldigitalen Noisescapes von heute, in denen die Plug-Ins der Software halbautomatisch für den richtigen angefrästen Sound sorgen, so wie die Photoshop-Plug-Ins für zerrauschte, versuppte Holga-Imitatbilder sorgen. Das diese Art von Musik zunehmend auch spielerisch auf dem iPhone zu generieren ist, zeigt einen wichtigen kulturellen Shift in der Musikproduktion – Musik machen, Musik auflegen, Musik erfahren hat die Ernsthaftigkeit verloren, Musik ist Spiel geworden. Guitar Hero ist da nur ein Symptom, Beatmaker fürs iPhone ein anderes. Musik ist vom kulturellen Ausdrucksmedium zum Digital Toy geworden – nicht durchgehend, vielleicht (kein Trend ohne Gegentrend), aber als solches sicher im Mainstream angekommen. Jeder wird ein Kreativer. Und Sebastian zeigt, inwieweit der Laptop-DJ inzwischen nicht nur den normalen DJ, sondern eben auch den herkömmlichen Musiker abgelöst hat. Wenn man neben der Justice-CD ein Album im Sinne von Musik als Zeitsymptom im Schrank stehen haben sollte, dann sicher diese.

5. November 2008 18:41 Uhr. Kategorie Musik. Keine Antwort.

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