
Achtung – Spoiler!
«Scream» ragte bereits in seinen frühen Teilen aus den endlosen Slasher-Film-Serien heraus, vielleicht einfach, weil die Filme im Kern am Horror kein Interesse haben und selbst das Whodunnit-Element bestenfalls nachlässig behandeln und eigentlich zu jeder Zeit beliebig einen Täter aus dem Hut zaubern können, da in bester Edgar-Wallace-Manier jederzeit jeder irgendwie verdächtig wirkt. Statt dessen waren vor allem Teil 1 und 2 selbstreferentielle Selbstgespräche eines versierten Genrefilmers über die Grenzen und Möglichkeiten des Horrorfilms und über die Vermarktungsstrategien von Hollywood im Allgemeinen. So wie es Bands gibt, die zugleich eine reale Band sind und eben aber auch als (vielleicht unfreiwillige) Parodie auf das Musikbusiness funktionieren – Scooter oder die Bloodhound Gang kämen in den Sinn -, so ist die Kunst von Wes Cravens Scream-Serie seit jeher, als Horrorfilm eher schlecht denn recht zu funktionieren, vor allem aber eine Art Metabetrachtung zu sein, ein Film, in dem sich Film spiegelt.
Auf der Wippe, auf der Kippe…
Im Grunde ist das natürlich nichts besonderes mehr – Film und Fernsehen sind längst sich permanent selbst fütternde Maschinen geworden, die sich gegenseitig widerspiegeln, nicht nur durch eine Art visuelle Sprache und durch konsistente stilistische «Looks», sondern auch durch Zitate, Parodien, Kommentare. Filme sind Dialoge zwischen Filmen, Filmemachern und natürlich Zuschauern – man denke nur daran, wie sich die Matrix-Bullet-Time in zig anderen Filmen als Zitat wiederfindet. Aber kaum eine Serie hat dieses Spiel so dreist getrieben wie die «Scream»-Serie, die dabei zugleich niemals die Grenze zur Parodie oder Satire völlig überschreitet und zum reinen «spoof» wird. Das Kunststück des vierten Teils, der elf Jahre nach dem eher schlechten Ende der Trilogie erscheint, ist, dass der Film dem eigenen Mythos treu bleibt, sich keinen Millimeter aus dem eigenen Pattern herausbewegt, ergo völlig ernsthaft «funktioniert», zugleich aber diese eigene Funktion völlig aushebelt, indem selbst die eigenen Metakommentare auf eine weitere, höhergelegene Ebene, in der genau diese Eigenart von «Scream» wieder kommentiert wird, gehoben ist. Abstrakt schwer zu fassen, gelingt Craven und seinem Hauüt-Drehbuchautor Williamson diese Übung federleicht, wenn etwa eine Protagonistin plötzlich ausruft «Wie meta ist das denn bitte jetzt?» oder wenn bereits zu Anfang des Films die klassische Ghostface-Anruf-Sequenz gleich dreimal als Dream-within-a-Dream inszeniert ist, wo uns Zuschauern immer wieder der Teppich weggezogen wird, um erneut von einer Filmebene in die nächste zu stolpern, weil wir als reale Zuschauer von «Scream4» den fiktiven Darstellerinnen der Film-im-Film-Serie «Stab7» dabei zusehen, wie sie den fiktiven Darstellerinnen des Films-im-Film-im-Film «Stab6» dabei zusehen, umgebracht zu werden und dabei über Horrorserien herziehen. Alles klar? In seinen besten Momenten liefert sich der Film unentwegt solche selbstironischen Eiertänze und zeigt einen Autoren, der sich offenbar bestens mit den Filmnerds auf der Leinwand identifizieren kann, in Höchstform.
Ein weiterer gekonnter Aspekt ist, dass es «Scream4» gelingt, nicht «moderner» als die immerhin über eine Dekade alten Vorgänger zu wirken und dennoch moderner zu sein. Das grobkörnige, analog wirkende Filmmaterial, die fast hingeschludert wirkende Kameraarbeit, die handwerklichen Erschreckungsmechaniken eines unschuldigeren Horrorkinos aus den 80er/90er Jahren vor Saw und Japan-Boom (ein Umstand, auf den der Film selbstverständlich selbst ganz explizit eingeht), die vor Nachwuchstalenten aus allen Nähten berstende Teenie-Film-Besetzung, das alles ist nahtlos «classic». Zugleich aber haben Williamson und Craven – oft eher der Form halber – Facebook,Twitter, iPhone und Blogs in den Film integriert, oft etwas unelegant, oft etwas überflüssig, aber es ist immerhin der Versuch erkennbar. Sicher, ob die Teenager kurz vor ihrem Tod nun ein iPhone oder ein altes Festnetz-Wireless am Ohr haben ist weitestgehend egal und ob der Slasher nun via Telefon oder per Facebook seinen Opfern nachsetzt, ist wahrscheinlich auch nur ein kosmetisches Detail – aber es ist fast wohltuend, wie unwichtig für den Horrorfilm solche kleinen technologischen Unterschiede eigentlich sind, wenn man sie nur souverän genug so einbaut, dass sie keine Rolle mehr spielen. Was verblüffend ist, denn «Scream» war immer schon ein Film, der ja seinen Reiz darin hat, des Teenagers liebstes Spielzeug – das Telefon und heute eben Smartphones und Social Media – zu «vergiften» und zum Mordwerkzeug umzudichten, wie ja generell in dieser Serie die klassisch-reaktionäre Moral des Genres noch ihren Kopf stolz hoch hält und Teenies für sexuelle und andere Freiheiten gnadenlos abstraft. Insofern sind moderne Gadgets nur eine Art Dekoration, die Autor und Regisseur recht lose um eine im Kern sehr zeitlose Fabel von der verdorbenen Jugend gelegt haben, die vielleicht gerade zwei alten Männern so gut von der Hand gehen kann wie hier. Die Kunst hier ist freilich, diese so widersprüchlichen Zutaten – modern und reaktionär, selbstironisch und dead(pan)-serious – in einer vernünftigen «postmodernen» Balance zu halten. Was «Scream» freilich nicht immer (und fast immer entgleitet, sobald Courtney Cox ins Bild kommt), aber für einen immerhin vierten Teil doch vergnüglich genug für einen Popcorn-Film gelingt.
Deine fünfzehn Sekunden Ruhm sind vorbei…
Zu diesen Doppelbödigkeiten gehört beispielsweise, dass Neve Campbell, die post-«Scream» ja nun keinerlei nennenswerte Karriere hingelegt hat, im Film sozusagen ein doppeltes Comeback hinlegt, die Darstellerin, aber eben auch die Figur, die nach Woodsboro als Autorin nach 15 Jahren zurückkehrt und zu einer seltsamen Berühmtheit gekommen ist, eine Agentin hat und wie ein B-Sternchen ihre Lesereise macht, von Interview zu Interview , kleiner Buchhandlung zu kleiner Buchhandlung. Kein Leben, auf das neidisch zu sein sich lohnen würde – aber dennoch reicht bereits der Neid auf dieses Quentchen «fame», um die Ereignisse des Films in Gang zu treten. Williamson (und Kruger) schaffen eine Tragödie aus Neid, Liebe und Familienzwist im Gewande der Teenie-Horrorkomödie, die sich zutiefst um zerbrochene Träume dreht. Von Dewey Riley, dem Kleinstadt-Cop mit der zickigen Frau Gale Weathers, die ihrerseits vor den Trümmern ihrer Autoren- und Journalistenkarriere steht bis hin zu Charlie Walkers nicht (oder tragisch zu spät) erwiderter Liebe zu Kirby Reed (großartig postfeministisch-nerdy gespielt von Hayden Panettiere) hin zu Jill Roberts Neid auf den «Opferruhm» ihrer Cousine Sidney – «Scream4» liefert ein Panoptikum von zerbrochenen American Dreams. Gewalt als kürzester Weg zu Liebe oder zu Ruhm, das gnadenlose Abmetzeln der Konkurrenz – das spannende an diesem Film ist, dass sich unter dem offensichtlichen Subtext – Horrorfilm als Spiegel von Genreregeln und -abstrusitäten – eine weitere hermeneutische Schicht finden lässt, in der sich wie in jedem guten Horrorfilm latente Zustände der Gegenwart tummeln, der giftige Kern in der Zuckerwatte. Nichts, aber nichts ist in diesem Film beängstigender als das geliftete, verzerrte Gesicht von Courtney Cox, die leibhaftige Fratze der Sehnsucht nach ewiger Jugend und ewigem Erfolg… dich gefolgt von dem leicht müden, aufgedunsenem Gesicht von Neve Campbell, die mit Scream 1 als junges Talent viel versprach und von der nie wieder bedeutendes gehört wurde, die in Hollywood, an Hollywood gescheitert ist, was ihre Rolle in diesem Teil so wunderbar hungrig und echt macht. Die Tatsache, dass die fiktive Meta-Ebene im Film inzwischen zu einer realen wird, und die Filmbranche als Mechanismus, die Gier nach Star-Sein so direkt körperlich sichtbar wird, ist ein phantastischer Bonus. Denn als Slasher-Film ist «Scream4» trotz eines höheren Härtegrades, der sich etwas den in der letzten Dekade eskalierten Sehgewohnheiten angepasst hat, natürlich eher milde und bei weitem kein wirklicher «Horror».
Die Angst vor der Angst…
Zumal der Film am Ende Angst vor dem eigenen Mut bekommt. Indem Jill Sidney und ihren Mordsgefährten Charlie scheinbar umgebracht und sich selbst in einer wunderbar kraftvollen Sequenz selbst zum Opfer von Ghostface zerschunden hat und sozusagen als Opfer und Täterin zugleich auf der Bahre in den weißen Fade hinausgeschoben wird, hat der Film ein unverschämt kraftvolles und mutiges Ende gewagt, das mit dem Alten abschließt und ein phantastischer Neuanfang der Serie gewesen wäre, eine Verschiebung des Fokus, die man ganz klar als für das Genre einzigartig bezeichnen darf. Es wäre sicher spannend gewesen, «Scream5» mit Jill als «Heldin» zu sehen, es wäre eine Neudefinition im Wortsinne gewesen, ein Rollenwechsel, weg vom vertrauten Pattern der Serie hin zu einer neuen Form, mit Ghostface als zentraler Figur, der Täter im Mittelpunkt, nicht mehr das/die Opfer. Zu mutig offenbar, denn kurz darauf entscheidet sich der Film für ein im höchsten Maße angepappt wirkendes Ende, das den ersten Showdown zwischen Jill und Sidney umkehrt und die Protofamilie Sidney/Gale/Dewey in die Siegerrolle hievt – the empire strikes back, die Überalterungsgesellschaft schafft sich quasi die Jugend vom Hals. Traurigerweise besiegelt Wes Craven hier die Berechenbarkeit seiner Serie, friert das Gut/Böse-Schema ein und gewährleistet damit, das «Scream» nie mehr werden kann als ein mäßiger Whodunit-Thriller mit sanften Horrormomenten und etwas Comedy. Es ist fast schade, dass der Film sich offenbar an die Marketingmechanismen halten muss, die er selbst permanent verspottet, und sich nicht zutraut, das Star-Trio zugunsten einer neuen Besetzung zu opfern, geschweige denn das eigene Konzept so drastisch zu redefinieren. Wobei gerade solche Salto-Mortale-Momente die Qualität von Serien und Filmen ausmachen, der Mut, die Zuschauererwartungen auf großartige Art in die Irre zu führen, zu unterlaufen, zu enttäuschen und zu überbieten. «Scream4» scheitert an dieser Stelle und bleibt so trotz vieler schöner Ansätze und einer sehr soliden Darstellerleistung eben doch nur solides Popcorn-Kino, das vor allem deshalb als intelligenter Horrorfilm auffällt, weil es von diesen so verblüffend wenig gibt. Von einer «neuen Dekade» und «neuen Regeln» aber ist nichts zu merken, leider.
11. Mai 2011 15:47 Uhr. Kategorie Film. Tag Horror. Keine Antwort.