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Schauspielhaus Bochum: Superstars

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Don’t fall in love with a marketing man…
Manchmal ist es gut, unvorbereitet in ein Theaterstück zu gehen – denn wie so oft hätte ich «Superstars» im Schauspielhaus Bochum allein aufgrund der Beschreibung im Spielplan wahrscheinlich tatsächlich eher gemieden – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass einem die Bochum-Homepage den Kartenkauf nun wirklich nicht gerade einfach macht, wenn man etwa bis zu einer Stunde warten muss, bis das miserabel laufende Java-System von Eventim ein einfaches Passwort mailt. Umso schöner, trotzdem in den Kammerspielen Frank Abts aktuelles Stück gesehen zu haben.

Nach der Vorankündigung hätte ich eine Parodie auf die Casting-Gesellschaft, ein kurzzeitiges, bissiges Parodiestück erwartet, und um die Wahrheit zu sagen, ist Coldplay nicht wirklich das, was mich in einen Theatersaal zieht. Wie so oft auch hier das Phänomen, dass Dramaturgen intern ihre Stücke unglaublich gut kommunizieren können, in der Außendarstellung aber die tatsächliche Kraft des Stücks in den Worten, im Marketing, untergeht. Rückblickend also gut, dass ich im Grunde die Vorankündigung kaum gelesen habe…

Alles, nur nicht Musical
Und tatsächlich beginnt Abts Inszenierung mit einem Flair von TV-Superstar-Casting-Shows, wenn die Hauptdarsteller Jele Brückner, Stephanie Schadeweg, Marco Massafra, Cornelius Schwalm und Torsten Kindermann im weißen Bühnenbild auf großen TFT-Displays in die Videokamera blinzeln, scheinbar unbeholfen, und über ihre Gefühle vor den Proben zu diesem Stück zu berichten scheinen. Was so unbeholfen und naiv wirkt wie, tatsächlich sogar ehrlicher und purer als ein Casting bei DSDS und Co, schafft aber zugleich subkutan den Rahmen des Stücks, wenn die Darsteller über ihre letzte Saison am Bochumer Haus berichten – Jele Brückner geht nach einer Dekade unter Hartmann und Goerden – und Hoffnungen, große Ziele und ein bisschen Versagensangst offenlegen. Wer angesichts der aufgebauten Instrumente auf der kahlen aber wunderbar mibil bespielbaren Bühne, die zugleich die «Backstage» in das Stück einbezieht, einen Musikabend erwartet, wie ihn all zu viele Theater immer öfter im Repertoire haben, darf sich getäuscht fühlen. Im Gegenteil: Dies ist keine Musiknummer mit etwas Schauspiel, kein Musical, sondern umgekehrt, ein waschechtes Schauspiel, dass die Musik als Stilmittel einbezieht und mit der Handlung verzahnt. Tatsächlich findet erstaunlich wenig Musik auf der Bühne statt, und wenn, dann mit Effet.

Musiktherapie
Denn Superstars fühlt sich weniger wie eine Casting-Parodie an, sondern mehr wie eine Musik-Therapiegruppe für gescheiterte Existenzen. In einem grandiosen Bluff betritt zunächst Thorsten Kindermann die Bühne, bei dessen persönlichen Background man zunächst glauben mag, er berichte authentisch aus seinem Leben, und dessen Monolog tatsächlich noch die Castingthematik aufgreift. Schnell und hart nimmt Abt die Träume dieser Figur auseinander, die von den hochfliegenden Castingträumen beim Gesangsunterricht für Schulkinder angekommen ist, und die jede Niederlage noch zum Sieg umzumünzen versucht, sich vergeblich an die rutschige Stange klammert, an der sie herabsaust in die Bedeutungslosigkeit. Kindermanns Figur setzt dabei den Standard für die weiteren Protagonisten, für Brückners zweifelnde Schauspielerin in der frühen Midlife-Karriereknick-Krise (die sich immer noch semi-authentisch anfühlt und von Brückner beängstigend dreidimensional gespielt ist), für Cornelius Schwalms grandios überzeichneten, aber niemals klischeehaften Ruhrgebiets-Taubenzüchter, der in seinem bizarren Mikrokosmos immer mehr Erfolg will und am Ende nur noch Mittelmaß hat, für Marco Massafras Versicherungs-Vorständler, der in die Kasse des eigenen Konzerns greift, um seinen Lifestyle und seine teure Frau finanziert, und hinter Gitter landet wo er berechenbarerweise zu Gott findet und der so von der einen Illusion in die andere wandert, und für Stephanie Schadeweg, die ihre Figur zunächst bizarr in einem Schwimmbad beginnt und ihren Monolog dann so tieftraurig und ergreifend enden lässt, dass sie nicht ohne Grund am Ende des Stücks gesetzt ist mit ihrer umwerfenden Performance.

Wir sind alle Verlierer
Denn mehr noch als alle anderen Figuren macht Schadewegs Doppelrolle als Demenzärztin, die fast nahtlos übergeht in die Frau eines Demenzkranken, dessen letzter Sieg im Alltag der Weg zum Briefkasten ist, klar, wie hoffnungslos das Stück am Ende ist. Wir mögen lachen über die Loser-Parade von mehr oder minder charmanten Figuren, die zu hoch hinauswollen und sich die Flügel verbrennen, die leeren Träumen wie Schmetterlingen hinterher jagen und sich dabei im Dschungel verirren… aber mit Schadewegs Figur(en) macht Abt klar, dass man im Spiel des Lebens mit steigender Wahrscheinlichkeit am Ende immer der Verlierer ist, dass Verlust ein Grundpattern des Lebens ist, auswegslos, rätselhaft, unkontrollierbar. Ruhig und endgültig hämmert Schadeweg herzergreifend den Verlust von Liebe, das Verschwinden eines ganzen Menschen auf die Bühne, mit einem schlichten Understatement, das ein gekonnter und wohltuender Kontrast zu Schwalms phantastischem Hamming ist. Dass die Monologe von Abt auf echten Interviews des Journalisten Dirk Schneider basieren, eine bittere Montage von Selbstbetrug und Trauer darstellen, macht sie um so ergreifender zu Minikosmen, zu einem Panoptikum gescheiterter Existenzen, in denen wir alle uns nur zu gut widerspiegeln können, und in die Abt geschickt die Ängste und Unsicherheiten einer Darstellermannschaft vorm Intendanzwechsel einwebt und so die Idee nahelegt, dass sich in jeder Biographie die jeweils eigene reflektiert, dass die Darsteller sich in in ihren Figuren wieder entdecken und die Zuschauer in den Darstellern, in einer Art kaleidoskopischer Wirklichkeitsmaschine.

Lights will guide you home
Mag es bittere Ironie sein oder ein Ausdruck menschlichen «Trotz-allem», Abt setzt die Musik im Stück grandios ein, um eine fein dosierte Mischung aus Pathos einzuweben. Es ist ein gelungener Kunstgriff, dass die «Band» das Ergebnis ihrer Proben in der Mitte des Stücks setzt – eine durchaus überraschend gute Version von Coldplays Fix You. Nachdem vorher bereits durch eine deutsche Übersetzung der Texte klar ist, dass dieses Stück das metakontextuelle Gegengewicht ist, die eben immer auch etwas alberne Hoffnung, die zuletzt stirbt, bringen die Darsteller die Nummer effektvoll auf die Bühne, und auf einmal hat der an sich stets etwas herzlose Coldplay-U2-Stadionpathos durch die Unperfektheit der Nummer und durch sicher sitzende Brüche etwas glaubhaftes im Kontext des Stückes, wird zum rettenden Floß für die Figuren auf der Bühne, die zuerst unsicher und dann immer kraftvoller den Song performen, um danach diesen Erfolg, Rückschlag zu den Big-Brother-Shows dieser Welt, selbst vor der Kamera zu kommentieren – wieder auf den Videowänden, endgültig alle Grenzen zwischen Darstellern und ihren Figuren verwischend. Wer spricht da jetzt, der Schauspieler, der sich über eine gelungene Probe vor der Premiere freut, oder der Protagonist, der das gerade gehörte Stück kommentiert? Als es im Stück weitergeht, mit einem kurzen, endgültig alle Regeln brechenden Auftritt der gealterten Jeanne Moreau, wächst die Angst, dass das Highlight des Stückes dann eine zweite Performance auf der Bühne ist, dass Abt uns ein abgeschmacktes Ende gibt – wie ja überhaupt die ganze Zeit die Kunst des Stückes ist, permanent am Rande des Peinlichen zu navigieren und die Fettnäpfchen permanent eleganz zu umtanzen, niemals «zu viel» zu sein. Wie schnell hast du das mit einem beschissenen Ende ruiniert. Und gottseidank – Abt beweist das Fingerspitzengefühl, nicht so offensichtlich zu sein, sondern noch eins drauflegen zu können, das offensichtliche zu umgehen, um zu überraschen und anzurühren. Am Ende tritt die Band, ohne Schlagzeugerin auf, aber auf einer Bühne jenseits der Bühne, während Schadewegs zweitem großen Monolog, bei dem wir durch die geöffnete Bühne und mit den Videowänden die üblichen Vor-dem-Auftritt-Riten beobachten können: Zickigkeiten, Nervosität, dann die große Umarmung vor, schließlich das Sichselbstfeiern nach dem Konzert.

Wortlos, fast beiläufig setzt Abt so Triumph in seiner ganzen Kurzzeitigkeit und Verlust am Lebensende nebeneinander, und anstatt die Band noch einmal Fix You spielen zu lassen, schließt er am Ende den Kreis zum Anfang… die Figuren sitzen auf der Bühne und betrachten ihre Darsteller auf den Displays, die unter Kopfhörern getrennt voneinander zu Fix You mitsingen, schief, pathetisch, nur sparsam begleitet von Kindermann am Klavier. Nach und nach blendet ein Display nach dem anderen ein, aus den einzelnen unsicheren und gebrochenen Stimmen wird unmöglicherweise ein Chor, ein ganzes gemeinsames Lied, das sich durch die reine Überlagerung ergibt. Bis beim Refrain die Bühne abdunkelt und in einer großen Projektion die weißen Wände des Bühnenbilds wieder zur Leinwand umgenutzt werden, auf denen sich langsam Mitarbeiter des Hauses versammeln und wie zum Abschied den Refrain mitsingen, das Stück von dem gebrochenen Headphone-Gesang eines einzelnen Schauspielers zu einem beeindruckenden Choral erheben. Du musst ein Herz aus Stein haben, wenn Abt dich nicht hier spätestens mit einem Kloß im Hals und geröteten Augen erwischt. Der ganze grässliche Pathos von ausgerechnet Coldplay ist hier für wenige Sekunden zum Guten gewandelt und funktioniert, das kalte Plastikgefühl der Band, der plumpe Optimismus bekommt im Kontext von Abts Stück eine Aufwertung, die im Wortsinne ergreifend, pathetisch ist. Dann gehen die Chorleute in ihrer Projektion etwas unsicher in verschiedenen Richtungen von der Bühne, die Darsteller gehen ab, die Bildschirme blenden aus. Abt wirft uns zurück aus seiner montierten Schwindelwirklichkeit in die «echte» echte Welt, die sich nach seinem Stück ein wenig anders anfühlt, anders schmeckt. Mehr kann ein Theaterstück kaum liefern wollen.

Photo: Birgit Hupfeld

28. März 2010 13:36 Uhr. Kategorie Live. Tag . 2 Antworten.

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