
Als vor einigen Jahren die große Debatte über Regietheater in Deutschland lief, wurde Elmar Goerdens Bochumer Haus als Hort eines «respektvollen» Umgangs mit Theaterstoffen und -vorlagen gefeiert. Dieses Lob der Biederkeit war damals schon nicht ganz zutreffend, aber es scheint, als wolle Goerden dieses ja eher schmerzhaft zweischneidige Lob in seiner letzten Saison endgültig widerlegen. Tatsächlich fühlt sich Leonce und Lena , inszeniert von der ebenso jungen wie weit gereisten und erfahrenen Regisseurin Anna Bergmann, an, als sei Weber bereits angekommen, es erinnert vielleicht nicht zufällig stark an David Böschs Woyzeck-Remix aus Essen. Wo Bösch allerdings Büchners Moritat in einen postapokalyptischen Horrorthriller zu verwandeln vorzog, zieht Bergmann ein anderes Register und verpflanzt Büchners gallende Satire über das kleinstaatlerisch-feudale Deutschland seiner Zeit in die Jetztzeit. Der beliebte, aber nicht immer gute Kunstgriff, den Bergmann auch nur halbherzig durchzieht, besteht darin, aus dem König Peter von Popo und seinem Sohn Leonce sowie aus der Prinzessin Lena von Pipi Marketing-Label, Modekunstfiguren zu machen, das ganze zumindest ansatzweise in die Welt des modernen Kapitalismus zu verschieben, auch wenn dieser im dritten Akt unverhofft trotzdem plötzlich als Hofstaat auftritt. So wie Büchner ein faules, nichtsnutziges und parasitäres Feudalsystem skizziert, das von innerer Leere, Langeweile und Dummheit ebenso geprägt ist wie von Sadismus untereinander und gegen die Bauernschaft und Angestellten, gelingt Bergmann in Streiflichtern der Entwurf einer ganz anderen Postapokalypse – der Stillstand der Zeit in einer übersättigten Wohlstandsgesellschaft, die aus dem melancholischen Prinzen frappierend gelungen einen Kurt-Cobain-Emo macht, der selbstmitleidig in seiner Designerloft zur seiner Gitarre singt und sich nach der perfekt aussehenden, perfekt dummen Frau verzehrt. Im ersten Akt lassen Matthias Werners Bühnenbild und das wuchtige Sounddesign von Heiko Schnurpel eine dekadente Everybody-fucks-everybody-Dekadenz entstehen, die ebenso gut aus Brett Easton Ellis Less than Zero entsprungen sein könnten, nur bemüht, den eigenen Selbstekel und den Horror Vacuii zu betäuben.
Wie in der Vorlage entflieht Leonce (Ronny Miersch) gemeinsam mit dem Hallodri Valerio (Sebastian Kuschmann) der drohenden «Fusion» der beiden Marken Leonce und Lena qua Hochzeit, nur statt nach Italien verfrachtet Bergmann die beiden ins kalte Eis, wo sie nicht nur Lena (bis zur Unkenntlichkeit umgestylt: Sina Kießling) und ihre überaus maskuline Gouvernante (Michael Lippold) mit Schlittschuhen über das (echte) Eis schlittern und fallen, sondern auch ein großartig sinnfreier Eskimo einen Iglu baut, in dem es im weiteren Verlauf der Handlung noch etwas zur Sache geht und der – Natural Born Killers zitierend – schlagartig auch als Schamane funktioniert. Das die ganze Inszenierung durchziehende Transgender-Thema findet hier auch in einem fast wörtlichen Billy-Wilder-Zitat (Jerry und Osgood aus Manche mögen’s heiß) einen Niederschlag, das Bergmanns Methode der postmodernen Entleihung deutlich macht – aus Büchners Originaltext werden ebenso die Rosinen genommen wie aus Filmen, Popkultur, Magazinen, Pornographie, Popmusik, Architektur, Politik. Das Ergebnis ist ein mitunter alberner, mitunter wunderbarer Mix aus Elementen, die zwar nicht immer so auf der Höhe sind wie Büchners rasiermesserscharfe Wortspiele, die aber gemeinsam in der Juxtaposition ein neues Bild ergeben. Leonce und Lena wird hier von der derben Comédie Humaine zur hysterischen hypergrellen Farce, die umso besser funktioniert je sinnloser und bedrogter die Protagonisten erscheinen, weil hinter ihrer Abgebrühtheit, dem romantischen Selbstmitleid und der Sinnlosigkeit des Daseins ein seltsam erfolgreiches Update von Büchners kleinem Stück entsteht, das den Ideen des jungen Autors weitgehend gerecht wird, zugleich bricht und kommentiert und poliert – und somit seltsame Parallelen zeigt zwischen den Jahrhunderten. Bergmann seziert smart die philosophischen und historischen Bezüge, ohne das Stück dabei tumb zu machen, und bereichert es mit neuem Interpretationsfutter, und plötzlich sieht ein eher historisch zu deutender Text über kleinstversprengte absolutistische Hofstaaten hochmodern aus. Nicht nur, weil Bergmann die beim Autor bezeichnet blasse und nichtssagende Lena, die eigentlich nur Rezipient und Sichwortgeber für Leonces endlose Monologe zu sein scheint, deutlich ausbaut und selbstbewusster macht. Nicht nur, weil das Stück Büchners frivole Anspielungen großartig zu kaltem, gefühllosen Sex überspitzt. Nicht nur, weil die meisten modernen Gags zwar nicht an Büchners Text herankommen, diesen aber bestens erden und rahmen. Sondern vor allem, weil deutlich wird, wie grundlegend die Zivilisationskrankheit, die Georg Büchner beschäftigte ist, wie sie mit den Jahrhunderten bestenfalls endomorpher geworden ist.
Fett, im doppelten Wortsinne, ist auch die Bühnenpräsentation. Wo Goerden am Anfang seiner Spielzeit durch den Lagerbrand bedingt eher karge Bühnen präsentieren musste, ist Leonce und Lena für ein relativ kleines Schauspielhaus eine Wundertüte dessen, was auf der Bühne derzeit geht. Matthias Werner und die Kostümdesignerin Claudia González Espíndola erschaffen mit Bergmann und dem Ensemble eine Bilderflut, deren sarkastische wie romantische Note ein Film so direkt kaum erreichen kann. Es ist die Stärke von Theater, nicht real, sondern hyperreal zu sein – und so auch hier. Ob die kleine Drehbühne mit wenigen Handgriffen vom Versammlungsraum zur Yuppieluft mutiert, oder ob mit echtem Eis eine kreisförmige Schlittschuhfläche entsteht, ob silberne Vorhangstreifen wie gigantische Alupapier-Fetzen ein minimalistisches und zugleich doch gefährlich glitzerndes Bühnenbild ergeben, ob es minutenlang zu schneien scheint oder Ballons fliegen, ob die beiden Hauptdarsteller in riesigen Plastikbällen umeinander kreisen, ob es ohrenbetäubende Musik gibt oder einen ironischen Werbeclip für L&L – Leonce und Lena ist ein Sturm von großen Bildern, Tönen, Farben und Eindrücken, die in ihrer Leibhaftigkeit Theater so eindrucksvoll und einzigartig machen, weil der Zuschauer in der unperfekten, CGI-freien Theaterwelt die Arbeit der «Suspension of Disbelief» noch selbst leisten muss, was die Effekte und Kunstgriffe tatsächlich erst wirksam macht. Nur, was nicht perfekt ist, wird glaubhaft.
Dabei sind die Effekte nur selten als reine Aufmerksamkeitshascherei oder Spielerei zu entlarven – die Idee, die beiden nur schwer zueinander findenden Liebenden in Plastikbälle zu stecken, wo sie sich zwar sehen und hören, aber nie wirklich berühren können, gefangen in ihren eignen sozialen Cocoonings wie in riesigen rollenden Kondomen, schnatternd aber eben doch wortlos, ist so treffend wie visuell poetisch – und es spricht für das Fingerspitzengefühl aller Beteiligten, dass solche Szenen nicht ins Kitschige driften, ebenso wie der Slapstick nie bodenlos albern wird. Die einzelnen Teile, die so gar nicht passen wollen, kommen gut zusammen. Auch dass Bergmann und ihre Crew das Happy End in die Ästhetik von Parfüm- und Schmuckwerbung packen, mit der Musik und der Bildsprache des modernen Kitsches spielen, ist großartig: Bergmann gibt uns das glückliche Ende, das wir wollen, aber sie gibt es uns vergiftet, verlogen – und der Clip, von dem man sich als Zuschauer denkbar betrogen fühlt, weil er die Liebe von Leonce und Lena für Produktwerbung platt verzuckert, wird so nicht nur zum Seitenhieb gegen die glatte und insofern falsche Werbeästhetik, sondern auch zum Metakommentar zu Theater-versus-Film, zu Dreidimensionalität versus Plattheit im Wortsinne. Die Bochumer Fassung von Leonce und Lena schafft so den schwierigen Salto zwischen publikumswirksamer Inszenierung mit allen Mätzchen, die man im Stadttheater heute so braucht – und einer vor allem im ersten Akt kalten nihilistischen Analyse der übersatten, dekadenten, weichen Mischung aus Selbstzufriedenheit und Selbsthass, die nicht mehr den Feudalherrschern vorenthalten bleibt, sondern die uns alle langsam aber sicher umfasst, weil wir ja alle der grundlegenden Langeweile unserer Selbst gerade angesichts der vielseitigen Zerstreuungen nicht entkommen können.
Grandios ist, dass Bergmann das nicht als borniert verkopftes Smartass-Theater präsentiert, sondern vergleichsweise leichtfüßig und zugänglich. Ihre Inszenierung beweist, dass urbane Theater nicht immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen (obwohl Büchner natürlich auch nicht gerade Avantgarde ist, im Gegenteil), und mit immer mehr Boulevard ankommen müssen, sondern eher versuchen können, komplexe Ideen und widersprüchliche Deutungsideen sexy zu verpacken. Das gelingt nicht immer, ist auch nur eine dünne Klinge, auf der man hier erfolgreich balancieren kann und schnell ist man zu clever oder zu plump – aber Bergmann gelingt der Hochseilakt zwischen Showtheater und Substanz verblüffend gut.
14. April 2010 00:43 Uhr. Kategorie Live. Tag Theater. Keine Antwort.