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SCHAUSPIELHAUS BOCHUM: DIE ZIEGE ODER WER IST SYLVIA

Steffi kannte das Stück Die Ziege oder Wer ist Sylvia? aus Köln und hat es wärmstens empfohlen, also kurzentschlossen und ausnahmsweise mal ohne großen Stau nach Bochum und in die Kammerspiele, wo eine Produktion der Hamburger Kammerspiele zu Gast ist. Die es in sich hat an Prominenz. Regie führt der Schauspieler Burghardt Klaußner (der u.a. in Die fetten Jahre sind vorbei die absolut nennenswerteste Leistung des Films abgab), die Hauptrollen haben Catrin Striebeck (u.a. Gegen die Wand), Guntbert Warns (Die Bastarde, zusammen mit Striebeck auch im TV-Melodram Der zweite Blick), Sven Fricke (Das Duo) und Stefan Jürgens (Samstag Nacht und zahllose TV/Filmjobs, sicher das bekannteste Gesicht der Darsteller). Soviel Prominenz erklärt auch, wieso die Kammerspiele auch bei einer normalen Aufführung nahezu ausverkauft sind. Und soviel TV-Prominenz, da mache man sich nichts vor, bedeutet sehr sehr oft Boulevard. Zumal das Stück auch dazu einlädt.

Denn Die Ziege oder Wer ist Sylvia von Edward Albee, das bereits 2002 als bestes neues Stück den Tony Award gewann, bietet sich oberflächlich betrachtet durchaus zur Comedy an. Star-Architekt Martin Gray, frisch preisgekrönt, frisch 50 geworden, wirkt zunächst wie sein Nachname vermuten lässt – relativ alltäglicher Vertreter einer neuen Oberschicht, Star-Architekt, glücklich verheiratet, ein Sohn, der natürlich schwul ist. Bis Martin sich in eine Ziege verliebt. Und sein Familienleben in die Brüche geht. Albee, der schon mit Wer hat Angst vor Virgina Woolf 1962 sein Händchen für die Zerrüttung scheinbar sicherer höherer Bürgermilieus bewiesen hat, zerlegt auch in seinem neuen Stück wieder Freundschaften und Beziehungen. Die Männerfreundschaft zwischen Martin und TV-Mann Ross, der Martins Ehefrau Stevie (auffallend maskuliner Name, oder?) von Martins tête à tête mit der Ziege beichtet, zerbricht ebenso wie das Geschirr der Grays im darauf folgenden Ehezwist. Die ohnehin eher kaputte Beziehung zwischen Vater und Sohn wird durch einen Zungenkuss besiegelt und Stevie macht schließlich kurzen Prozess mit Sylvia. Nicht gerade ein Happy-go-lucky-Plot, sieht man einmal von dem surrealen Element ab, dass Martin sich im Zuge seiner Midlife-Crisis ausgerechnet in die milden Augen einer Ziege verliebt.

Tatsächlich aber gibt das Ensemble der Hamburger Kammerspiele den Stoff als puren Boulevard, wenn auch der Oberliga. Da wird rechts und links vom Bühnenrand gestampft, das man im Geiste die Türen knallen hört, da wird geschrieben und Porzellan zerdeppert, da wird viel gelacht im Publikum. Es ist auch schon interessant, dass die Leute im Rahmen einer ernsten Aufführung auf nackte Penise und künstliche Kacke auf der Bühne pikiert reagieren, hier aber bei «Ziegenficker» und «Arschficker» und küssenden Männern und Andeutungen von Inzest und Zoophilie auf die Schenkel klopfen vor Lachen. Comedy darf eben mehr. Die Demontage als Persiflage, das ist eine der Möglichkeiten, dieses Stück anzugehen. Ich bin sicher, man hätte es auch ruhig und düster angehen können, den Zerfall einer scheinbar funktionierenden Ehe als Ergebnis eines kruden Zwischenfalls. Man kann in den Zwischentönen Albees viel finden über (Homo)Sexualität und ihre Einengung in gesellschaftliche Zwänge, über die Leere bürgerlichen Familienlebens, über nicht funktionierende Kommunikation, die Ziege eignet sich natürlich perfekt als Metapher nahezu jeder individuell denkbaren Sehnsucht nach «dem anderen» (Sex), der von der Normalität schließlich erstickt, umgebracht werden muss. Eingewickelt in eine Woody-Allen-esque Farce, spielt Albee mit unseren Normen und Vorstellungen, mit der Frage, was eigentlich «Perversion» bedeuten kann. Martin Gray kommuniziert seine Verwirrung, seine gemischten Gefühle, seine Sehnsüchte so sauber, dass er für alle spricht, die sich außerhalb des Normalen bewegen, während Albee auch glasklar erkennt, dass Homosexualität längst schon in den Kanon des Normalen, ja Berechenbaren aufgenommen ist, das Schwulsein des Sohnes besprechen seine Eltern fast gelangweilt als Phase. Umso spaßiger, dass der Sohn den Vater als sexuellen Perversling attackiert, und so von Albee noch zusätzlich in den Mainstream gestellt wird. Umso spaßiger, dass man in der Ziege ja durchaus ein kryptohomosexuelles Coming Out, hätte sehen können. Neben der Farce und neben der – am Theater langweiliger Standard gewordenen – Vivisektion bürgerlicher Spießerehe, finden sich in Albees Text reichlich Ansätze, ein bedrückendes, leises, über die Frage individueller Erfüllung und Freiheit gegenüber gesellschaftlichen Stereotypen nachsinnendes Stück zu inszenieren. Bei einer Komödie anzulangen ist fast ein Kunststück. Vielleicht wil das Publikum aber auch so. Steffi sagte mir, dass das Bochumer Publikum selbst bei Fosses Todesvariationen lachte – einem Stück, das nun wirklich an keiner Stelle humorig wird, sondern karg und schwarz bleibt wie eine nahtlose Granitplatte. Vielleicht nimmt man im Ruhrgebiet eben inzwischen jeden Anlaß war, mal lachen zu dürfen.

Die im Text deutlichen Zwischentöne gehen nahezu unter in der geräuschvollen Konzentration auf den Rosenkrieg zwischen Stevie und Martin. Striebeck ist dabei von der ersten Sekunde so betont sexy, dass die Regie das Publikum zu fragen scheint: Wie zur Hölle kann sich ein Kerl bei so einer Ehefrau in eine Ziege verknallen? Diese Körperlichkeit durchzieht ihre gesamte Rolle, die die Darstellerin sehnig, markant spielt, in ein einem bemerkenswerten Wechselspiel von Overacting und sehr leisen Zwischentönen, die ihrer Figur die nötige Authentizität geben. Überhaupt: Die extremen Gefühlsausbrüche auf der Bühne, die nicht immer 100% überzeugen, wirken meist glaubhaft und gewinnen Kraft durch die darauf folgenden Pausen. Diese Ruhe, diese Breaks, lassen das Stück eben doch immer wieder aus dem Boulevard herausragen, mischen unter die Comedy-Spitzenhäubchen stets einen soliden Hauch Arsen. Warns, allen vorweg, ackert sich durch den undankbaren Part des Goatfuckers und verleiht Martin Gray so einen Hauch von Tragik. Es ist die Leistung des Stücks, witzig zu sein, ohne allzu platt zu werden, sich als Boulevard selbst im Verlauf des Abends zu sezieren, witzig anfangen, unkomisch enden, ohne aber jemals allzu scharfkantig zu enden. Am Ende will der Regisseur und das Ensemble geliebt werden, nicht verstören. Was vielleicht manchmal schade ist, aber doch nachvollziehbar. Insofern – nicht im allerbesten Sinne, aber doch im soliden Sinne – ist Klaußners Inszenierung Pop. Anklänge von Tiefe, von Mehr, von möglicher Unruhe unter einer gefälligen Popcorn-Decke. Die Frage ist allerdings, ob man dem Publikum so nun mehr mitgibt als bloß einen unterhaltsamen Abend ohne Nachhall, aber komm… die Frage MUSS man ja nicht immer stellen.

Diese Hamburg/Bochumer Inszenierung will eigentlich wenig mehr als nur spielen und das wird auch nach den ersten Minuten deutlich klar, die verkaufen keine Katze im Sack. Selbst das durch einen seltsam nichtig wirkenden Tabubruch ausgelöste Abrutschen der Familie Gray in die Neurose bleibt meist eher Spielfläche für Zoten, selbst der verzweifelt zurückbleibende Sohn («Mami? Papi?») wird nicht Symbol von Verlassenheit, sondern auch noch zum Lacher gewendet. Aber im Zweifelsfall nehme ich lieber 90 Minuten Theater, das nur unterhalten will und dabei aber handwerklich wie inhaltlich erfolgreich und nicht allzu dämlich ist, als verkopfte Inszenierungen, die dem eigenen Anspruch nicht gerecht werden.

Die Bochumer Ziege ist ein charmantes Stück Popkultur, das man sich im doppelten und besten Sinne gedankenlos anschauen kann.

16. November 2006 10:31 Uhr. Kategorie Live. 2 Antworten.

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