
Woyzeck ist für mich ein schwieriges Stück als Zuschauer, einfach, weil ich es zu gut kenne, es war mein Abiturstoff (Hallo Helga Tranelis ;-)) und, wenn ich mich nicht ganz irre, musste/durfte ich in der Schule in einer Aufführung entweder Woyzeck selbst oder den Arzt geben, ich weiß ich es nicht mehr. Entsprechend habe ich ein sehr klares eigenes Bild des Stückes und die Inszenierung in meinem Kopf ist eine sehr karge, leere, klare, weiße und minimalistische. David Böschs Version im Essener Grillo könnte also gar nicht weiter von dem Stück, wie es in meinem Kopf existiert, verortet sein. Böschs Stück ist grell und laut, er versetzt Büchners Textfragment in eine schrille Welt die direkt aus Clockwork-Orange, Rocky Horror Picture Show und Dawn of the Dead geschält zu sein scheint. Sein Franz Woyzeck ist ein Verwundeter in einer verwundeten Welt, die postapokalyptisch wirkt, in der die Experimente seines Arztes, mit denen Woyzeck sich den Unterhalt für Marie und sein uneheliches Kind verdient, larger than life wirken, Woyzeck als eine elektrogeschockte Puppenmarionette auftritt. Der Hauptmann, den Woyzeck hier nicht rasiert, sondern dessen Urineimer er wechselt, ist ein Krüppel, der seinen Untergebenen immer noch sadistisch verhöhnt. Der Tambourmajor und seine Militärkapelle mutieren zu Skinheads, die lauten Punk herunterzimmern, während der Major Woyzeck verprügelt. Es mag einigen Leuten leicht fallen, diese Eingriffe von Regie und Dramaturgie als typisches modernistisches Regietheater abzutun und die üblichen Verdächtigen haben so auch das Stück an den entsprechenden Schock-Stellen verlassen. Aber Bösch und Dramaturg Olaf Kröck bleiben der Stimmung – oder vielmehr einer möglichen Stimmung – des Textes treu. Das dreckige, rotzige, für die damalige Zeit schockierende des Stückes, wird erweitert und ausgedehnt auf Bühnenbild und Kostüme von Patrick Bannwart. Bannwart zaubert in den kargen, kammerspielartigen Grillo-Saal eine grobe Konstruktion, die zunächst simpel und brualistisch wirkt, im Laufe des Stückes aber immer lebendiger und überraschender wird, die in wunderbaren Lichtstimmungen ihren Charakter ändert, mit kirmeshafter Birnenbeleuchtung, mit Schnee, mit Sternenhimmel für großartiges Effekttheater sorgt.

Bei aller grotesken Überzeichnung, bei allem Hang zum Effekt, bleibt Bösch stets eng an der Vorlage. Er füllt Lücken im Text mit wortloser Zusatzhandlung, er nimmt manche Abkürzungen und erstellt so eine Art Extended Club Dance Remix des Woyzecks, aber die Eingriffe wirken gekonnt und werden dem Geist des Werkes, der Derbheit von Büchners Sprache, der heruntergerotzten Geschichte, dem Schockmoment, den das stük seinerzeit gehabt haben muss, absolut gerecht. Selbst das Mädchen Käthe, im Fragment eher eine schematische Figur, gewinnt hier an Größe und wird zum lyrisch delirierenden Freak, die nahtlos der Phantasie von Sam Raimi entsprungen sein könnte. Bösch verleiht dem Stück die wütende Energie des jungen Autors, entstaubt es kräftig und tritt dem allzu vertrauten Text in den Hintern. Bei soviel Chuzpe gibt es auch mal Fehlgriffe. Ich bin mir nicht sicher, ob es glücklich ist, die Umgebung des Franz Woyzeck so in ein stereotypes Freakabinett zu verwandeln. Der Tambourmajor ist als arme Wurst gegeben, mit Machoallüren, Erektionsstörungen und verfrühter Ejakulation. Er kann gut prügeln, aber er wirkt feige und klein, ist insofern als Fascho etwas zum Klischee angelegt. Da fragt man sich unwillkürlich, was Marie an dem findet, wieso der Typ als Konkurrent zum Woyzeck dienen kann. Die Entscheidung, aus dem Major einen Hanswurst zu machen, aus dem Doktor einen Frankenstein, aus dem Hauptmann einen nörgelnden Kriegsveteranen, ist sicher nachvollziehbar (und sagt vielleicht etwas über die heute gewandelte Sicht auf Wissenschaft und Militär aus), nimmt aber etwas von der permanenten Demütigung Woyzecks. Er ist nur ein weiterer Freak unter seinesgleichen, der Mord als revolutionärer Ausbruch aus der Unterdrückung funktioniert weniger gut, wenn seine Umgebung genauso beschädigte Ware ist wie er selbst. Das nimmt dem Stück etwas Dimension, reduziert es eher auf Eifersucht und schlichten Irrsinn. Der Woyzeck ist, wie in der Szene mit dem Arzt symbolisiert, eine Puppe an den Fäden unsichtbarer Kräfte, die nicht ohne Grund später wie Dämonen über ihn sitzen und anleiten. Die soziale Indikation verwischt in Böschs Zombiewelt – für mich persönlich zumindest -, wird als etwas belanglos heruntergespielt. Büchners Determismus, auf Textebene noch klar greifbar, verwäscht sich in der Inszenierung zugunsten emotionaler Bilder, die nahtlos aus der Medienwelt entlehnt sind. Da bleibt wenig Raum für Mitleid mit der Kreatur Woyzeck. Auf der anderen Seite gelingt Bösch ein sauberes Stück Popkultur, Georg Büchner remixed by Stephen King, eine seltsam neonhelle und doch rabenschwarze Moralgeschichte, die in ihrer SuperRTL-Bildsprache und mit lauter Popmusik (Wicked Game) auch jede Abiturklasse begeistern dürfte, und das ist immer an sich auch schon etwas wert. Karsten Riedels Musikcollage zwischen Pop, Punk und osteuropäischer Melancholie tut das ihre dazu, die Musik wird wie das Bühnenbild und die Darsteller zu einem lebendigen Teil der Aufführung, nicht wegzudenken.

Böschs Woyzeck ist ein mutiges Experiment, das zwar nicht in jeder Absicht gelingt, aber doch immer wieder magische Momente erzeugt und selbst den Randfiguren Größe einhaucht. Es ist – unerwartet bei diesem Stück – eine Inszenierung, in der nicht der Starcharakter im Mittelpunkt leuchtet, sondern eher die Nebenrollen, eher die Ensembleleistung überzeugt. Sierk Radzei gibt einen überzeugenden Post-Kinski-Woyzeck, aber mehr als eine klassisch auf die Bühne gestemmte, aber eben sehr vertraute Wut- und Wahn-Nummer zwischen geschlagener Kreatur und stimmenhörenden Killer liefert auch er nicht ab, er hat keinen Gegenentwurf zu der Art, wie die Rolle meist interpretiert wird. Nein, in Böschs Hartz-IV-Schattenwelt spielt der einzelne keine Rolle, kann also auch der Star nicht allein das Stück tragen, Franz Woyzeck geht nahtlos in den beachtlichen Leistungen der Nebenrollen auf, ist nur einer der vielen Insassen in Böschs Freakshow. Der Grillo-Woyzeck ist insofern eine burleske Trash-Oper, wunderbar grell und brutal und zugleich doch oft überraschend fragil und fast, fast poetisch, eine wunderbare Auseinandersetzung und Modernisierung des Stoffes, beileibe nicht die einzig denkbare Interpretation des Stoffes, beileibe nicht «meine» Interpretation, aber eine, die Herz und Wut hat, und die man alleine für ihre Energie und für ihren Mut zu Trash und Dunkelheit lieben darf.

13. Januar 2008 02:11 Uhr. Kategorie Live. 3 Antworten.
du knippst nicht wirklich während der vorstellung oder?
Das ist sowieso verboten, beim Schauspielhaus Bochum hatte ich wegen des Versuches, während der Vorstellung Bilder zu machen, wirklich einmal Ärger bekommen. Zudem wären meine Photos nicht so gut, allein schon, weil man als Theaterphotograph nicht fest auf einem Stuhl sitzt :-D.
Leider weiß ich nicht, wer der Photograph ist, auf der Site des Essener Grillo habe ich keinen Namen bei den (ausgezeichneten) Bildern gefunden.
[...] an, als sei Weber bereits angekommen, es erinnert vielleicht nicht zufällig stark an David Böschs Woyzeck-Remix aus Essen. Wo Bösch allerdings Büchners Moritat in einen postapokalyptischen Horrorthriller [...]