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SCHAUSPIEL ESSEN: DIE HEILIGE JOHANNA DER SCHLACHTHÖFE

Vorweg: Das eigentliche Stück von Berthold Brecht ist wunderbar. Ein zeitloses Stück und deshalb ein Stück zur Zeit. Ein wutschnaubendes, unverbrämt ideologisches Stück Polemik, die Faust nicht in der Tasche, sondern fleißig im Gesicht des Gegners. Wie der Galilei, wie der Ui, ein Stück, das die historischen Anklänge an Jeanne D’Arc und das Setting an den Fleischmärkten in Chicago nur missbraucht, um Brechts stets gleiche, im Rahmen des Systems aber eben zutreffende Aussage zu kommunizieren. Ich habe das Stück so vor vier Jahren noch einmal gelesen und war verblüfft, wie bei so vielen Texten aus den zwanziger Jahren, wie ungemein es auf die heutige Lage zutrifft. Manager, die den Markt künstlich manipulieren, sich aus Gier verzocken, mal eben en passant ihre Menschlichkeit verlieren, pleite gehen und Arbeiter, die das alles ausbaden, die gegen die Ausbeutung rebellieren und am Ende dann doch froh sind, für noch weniger Geld doch noch einen Rest von Arbeit abzubekommen, eine moderne Art von Vieh, das ebenso ausgeblutet wird wie die Ochsen, immer gegeneinander ausspielbar bleiben; eine Religion, die sich andienert und ausverkauft, und mitten drin die eine unwahrscheinliche Idealistin, die sich im letzten Moment von der wohlmeinenden Pazifistin zur tragischen Befürworterin der Gewalt wandelt, zu spät zu spät, und deshalb und trotzdem untergeht, vereinnahmt wird, mundtot gemacht wird. Es ist glasklar ein frontales Klassenkampf-Stück, atmet durch die gebleckten Zähne den unhöflichen Geist der Weltwirtschaftskrise-Zeit, es lädt nicht zur eskapistischen Unterhaltung und zur fröhlichen Identifikation ein, sondern zur Erkenntnis, zur Wut, zum Aufstand. Brecht will aufklären, nicht narkotisieren. Wenn es gelingen kann, aus Marx’ Kapital ein Drama zu machen, ist Brecht hier nah dran, auch wenn die mitunter naiv-plakative Umsetzung wirtschaftlicher Prozesse nicht immer allzu packend gelingt. Die Mechanismen sind heute noch die gleichen – erschreckend präzise sogar – aber BWL und ein Theaterstück kommen nicht immer so glücklich zusammen, mitunter ist auch im Dramatext der gehobene Zeigefinger deshalb arg angestaubt. Dessen ungeachtet ist die Johanna ein brennendes, atemberaubendes Stück, ein mutiges, böses Drama, das so lange ins Fleisch prügelt, bis Blut spritzt. Nichts, aber gar nichts an diesem Stück sollte dazu einladen, eine harmlose Inszenierung daraus zu machen.

Leider ist genau das im Grillo passiert. Denn schon die erste Szene von Regisseur Jan Philip Gloger macht leider klar, wo es langgehen wird. Das Stück ist – vorhersehbar – in die Jetztzeit versetzt und wir kriegen minutenlang mit dem Vorschlaghammer gezeigt, wie Wirtschaft präsentiert. Zu maschinell stumpfer ASCII-Musik aus dem Midi-Alptraum-Repertoire werden Schweine gekauft, verarbeitet und dann als Büchsenfleisch teurer weiterverhökert. Ja, da lacht der BWL-Student. Der Mauler wird zum graumelierten Edel-Manager, die Johanna Dark zur etwas nervigen Ökobratze, die zur Akustikgitarre Besinnungslieder trällert. Und so wird aus dem Stück, das genug Zündstoff hatte, 1931 auf nahezu keiner deutschen Bühne gespielt zu werden, eine öde Boulevard-Fabel. Da gehen die Manager im Kreis nach links, und wenn die Meinung sich ändert, gehen sie nach rechts. Sie liegen tot am Boden, wenn sie pleite sind. Statt der im Boulevard-Theater klappernden Türen fahren halt die Rolltore des an sich gelungenen, aber nicht gut genutzten Bühnenbildes auf und zu, aber das Prinzip bleibt halt doch das gleiche, klappklapp. Jedes Stück, so scheint das neue urbane Theater zu glauben, kann man dahin biegen, auf Gedeih und Verderb lustig zu sein. Und so müssen sich halt Mauler und Slift vor Begeisterung über ihre eigene Gewitzheit mit fiktiven Pistolen in Cowboymanier beballern – hauptsache lustig. Ist ja prima, wenn das im Dorftheater oder bei Schulinszenierungen passiert, nicht so prima im professionellen Theater einer großen Stadt, das wohl nur ungern so provinziell und unbeleckt wirken will. Brechts Stück wird zu einer braven, possierlichen Kuschelnummer kastriert, die fast gelangweilt mit Versatzstücken von Theater hantiert – was sich er kleine Klaus halt so unter Theater vorstellt -  und mit fast müder Geste versucht, auf Teufel komm raus zu unterhalten. Die Arbeit mit Beamern ist beispielsweise nun nicht neu am Theater und sollte deshalb eben kein rein effekthaschender Selbstzweck sein wie eben hier – die Nutzung elektronischer Bilder sollte etwas sagen. Hier aber ist die multimediale Untermalung, ebenso wie der Wischwaschi-Soundtrack, nur eine abgegriffene, müde Kopie von anderem Theater, eine Selbstkopie, Mimikri. Es schaut aus und klingt wie modernes Theater – aber es ist natürlich weder modern noch wirklich Theater. Es sind nur Leute, die rastlos auf einer Bühne stehen und Text aufsagen. Nicht mehr als Choreographie also. Dieses Stück ist nur niedlich, will nur spielen. Es ist fast unglaublich, wie es hier gelingt, dem Stück derart die Zähne zu ziehen, vielleicht muss das auch sein heute, in den Schauspielhäusern mit ihren Cocktailbars, den Büchershops, den Sponsorenanzeigen, die längst keine Inseln mehr sind, sondern von den Regeln der Konsumgesellschaft längst eingeholt. Theater ist längst Teil des Systems geworden, das Brecht 1929/30 noch mit Gewalt weghaben will. Das ist vielleicht das Fazit dieser Inszenierung: Früher wurde Brecht einfach gar nicht gespielt, boykottiert, heute wird er viel smarter so weichgespült, so postmodern zum Streichelzoo degradiert, dass das graumelierte Publikum nicht wütend gegen den Kapitalismus auf die Barrikaden geht, sondern höflichen Schlussapplaus gibt und dann narkotisiert zurück nach Hause taumelt, um vielleicht noch etwas fernzusehen und dann ab ins Bett. Denn besser als TV ist dieses Theater so eben nicht mehr. Es gibt keinen Willen, keine Aussage, keine Wut, kein Blut und keine Tränen in dieser Inszenierung, die ich meinem schlimmsten Feind nicht gönnen würde. Ich habe schon schlimmere Inszenierungen gesehen, sicher – Arsen und Spitzenhäubchen in Bochum zum Beispiel, wobei das wenigstens per se eine Komödie sein sollte – , und es gibt Momente, die durchaus nicht völlig mißlungen sind … aber zu keiner Sekunde wird die Aufführung dem Stück, dem Autor und seiner Sicht auf Theater gerecht. Wenn du Brecht inszenierst, kannst du entweder nach seinen Regeln spielen, die sind so mies ja nie gewesen, oder du gehst mit Gewalt gegen die Idee des epischen Theaters an, aber einfach maues, mittelmäßiges, langweiliges Kleinbühnenschauspiel zu machen, das tut weh. Vor allem, wenn der Woyzeck  nur wenige Tage vorher zeigt, was im Grillo ansatzweise gehen kann, in Sachen Dramaturgie, Regie und Bühne (von Paradies ganz zu schweigen). Brechts Wut verdampft zu einem Puppentheater, das bar jeder Emotionalität einfach heruntergenudelt wirkt. Da ist kein Abgrund, keine Wut, da werden 50.000 Arbeiter unsichtbar, da wird Gloomb zum am Handy herumspielenden Fetzenjeans tragenden Hartz-IV-Klischee, Mauler zum fast liebenswerten Anchormann-Manager, Johanna, die am Ende des Stückes Inbegriff des Ausgemergelten sein sollte, wirkt wohlgenährt wie eine brave Mittelstands-Studentin, die mit ihrem grünen Vegetarier-Look eher nerviges Klischee als glaubhafte Figur ist und die ihre Texte so naiv rausperlt als wäre sie auf dem Grünen-Parteitag. Da ist alles nur Oberfläche, ohne jeden Widerhaken, ohne jeden doppelten Boden, ohne Spiegelkabinett, alles konsumierbar, aalglatt und ermüdend wie ein Stück im Ohnsorg-Theater. So wie die Fleischmanager hinterher Johanna zur Märtyrerin machen, um sie mundtot zu bekommen, so macht leider auch diese Inszenierung den Text zahnlos. Man würde sich fast wünschen, die Sparkasse hätte das Stück gesponsort – das wäre zumindest ein wunderbarer Brocken Realsatire. Aber es ist wohl einfach so, dass die Anpassung schon gar keinen Sponsor mehr braucht, sie ist einfach unfreiwillige Grundhaltung geworden, vorauseilender Gehorsam. Aber wenn man ein Stück entzahnen will, warum es dann überhaupt auf die Bühne schleifen?

Es ist einfach schade. Ich meine, es ist ja nicht so, dass Dramaturgie, Regie und Darsteller absichtlich so danebengreifen – und sicher stehe ich mit meiner Ansicht auch eher alleine dar. Aber bei allem immer gegebenen Respekt vor der Leistung der Macher…. die heilige Johanna der Schlachthöfe ist ein Lehrtheater-Stück, das in seiner mitunter eben auch bleiernen Besserwisserei und andererseits seinem unzeitgemäßen maschinenstürmenden Wutschaum vor dem Mund einem engagierten modernen experimentellen und mutigen Theater zig Angriffsflächen geboten hätte, das man auf unterschiedlicheste Weise zu einem schmerzhaften, spannenden, schockierenden, fesselnden Stück hätte machen können. Das man genauso dekonstruieren und zum Regietheater hätte wenden können, wie einen Schiller oder Shakespeare, wie der Text es eben verdient und auch hergibt. Die lauwarme Essener Sprechblasen-Inszenierung ist davon leider soweit entfernt, dass man es kaum fassen kann. Schade.

20. Januar 2008 19:14 Uhr. Kategorie Live.
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