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Schauraum 4

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Gestern war ich kurz auf der Diplomschau der FH Dortmund. Leider ohne so richtig Zeit, mich in die Sachen zu vertiefen – was bei 80 gezeigten Abschlussarbeiten (Diplom und Bachelor) auch völlig unmöglich war, zumal die Komplexität der Abschlüsse teilweise enorm ist. In die harte Kreativität eines halben oder ganzen Jahres, die sich in multimedialen Installationen, dicken Büchern, vertiefenswerten Photos und Illustrationen niederschlägt, kann man nicht in einer Viertelstunde, einer halben Stunde eintauchen. Und – schrecklicherweise – auf Erklärungen des Absolventen und hermeneutische Hilfestellung durch den Dschungel der Referenzen jeder einzelnen Arbeit hat man bei 80 Studenten eigentlich auch keine Lust. Und so führen Abschluß-Zeigungen heute eine seltsame Krux des Designs vor, indem sie einerseits zeigen, wie wenig der Arbeiten sozial sind, sofort verständlich, einfach, klar zugänglich und wie viele an der Grenze der Kunst laborieren, für die gute Note noch mehr beeindrucken müssen, spektakulärer, andersartiger sein wollen, und wie das in der Masse dann oft langweilend und verkopft wirken kann (in der Masse – die einzelne Arbeit für sich ist meist toll). Design wird so selbstreferentiell – und wenn man sich die Plakate ansieht, die in und an der Uni hängen, wird schnell deutlich, dass die Designer nur noch dann zeigen können, was sie wollen, wenn sie für sich selbst und Gleichgesinnte arbeiten, weil nur diese ihren Stil noch begreifen… und das ist eine bedrohliche Tendenz. Andererseits wird schon in diesem Mikrokosmos klar, dass wir eine gesunde Grenze in der Ausbildung überschritten haben – es gibt schon hier zu viele Arbeiten, um sie erfassen, gewichten, vergleichen, kennenlernen zu mögen. Wenn wir über die Übersättigung des Designmarktes sprechen, hier wird sie greifbar, hier greift sie sogar tatsächlich an – die Flut guten Designs wird geballt zur Attacke, der man am Ende durchaus auch entkommen möchte, aus dem Vakuum gutgestalteter Egozentrik zurück in die Welt häßlicher Plakate und Flyer, die aber wenigstens aus realem Auftrag kommen.

Wie gesagt, die einzelnen Arbeiten sind oft gut und sehr gut – würde man nur die besten zehn Arbeiten sehen, man wäre wahrscheinlich begeistert -, und wie im Vorjahr zeigt sich eine zwar sehr durchwachsene Qualität, die aber am oberen Ende, sofern sie nicht endlos Mario Lombardo kopiert, viel viel besser ist als die FH noch vor fünf Jahren war und die ein unglaubliches Potential zeigt. Es ist die schiere Masse, die dich erdrückt – das Zuviel an Bildern, Büchern, Gewolltem und Gutgemeinten. Und natürlich die Frage, was diese 80 (!!!) Absolventen eigentlich am Kreativmarkt machen werden. Laß es nur 30 oder 40 Designer sein, oder 20 Photographen… wo kommen die Aufträge dafür her? Und das ist nur eine FH, während drumherum in Essen, Wuppertal, Krefeld, Münster, Düsseldorf, Bielefeld etc. in ganz NRW mit der Umsetzung von Bologna und dem hohen Aufnahmedruck des Landes (der mit der ansonsten etwas populistisch-kurzsichtigen Abschaffung von Studiengebühren vielleicht wieder zurückgeht) ganz ähnliche Zahlen emergieren. Dass Designer ein neues Lumpenproletariat werden, Freelancer und Büros in einen selbstzerfleischenden Wettbewerb geschleudert sind, wird beim Gang durch die so herrlich bürokratischen und zugleich verrockten Gänge von Dortmund absolut greifbar – es ist, als würdest du als Auftraggeber plötzlich einen Pitch mit 50 Büros haben. Mein Mitleid gilt den Dozenten, die sich durch diese Flut voranschwimmen müssen und anders als die Kollegen in Jura und BWL nicht ein Fach haben, in dem klare Tests, hartes Absägen und nücherne Wissensorientiertheit als Werkzeuge zur Benotung zur Verfügung stehen, sondern eigentlich der individuelle Diskurs, die kleine Gruppe, das persönliche Vermitteln von Handwerk und Vision und einer ganz erschreckend vielseitigen Kulturleistung im Vordergrund stehen müssen.

In Wuppertal ließ Andreas Uebele, selbst Professor in Düsseldorf, keinen Zweifel daran aufkommen, dass seiner Meinung nach zu viele (und zum Teil wohl auch nicht immer die bestqualifizierten) Studenten Design studieren und es ging ein Raunen durch den Raum einer Fachhochschule, deren Designbereich gerade geschlossen wird. Aber generell hat er unbedingt recht… nicht einmal nur, weil am Ende zu viele Leute mit zu leicht verdienten 1,3er BAs durch den Markt gehen, sondern vor allem, weil niemand sich die Mühe macht, den Studenten zu erklären, dass sie in eine möglicherweise prekäre Berufssituation hineinstudieren. Es ist stets die Krux des scheinbar im späteren Leben Erfolg versprechenden Studiums, dass es durch die eigene Beliebtheit dann irgendwann so überlaufen ist, dass der versprochene Erfolg für viele Studenten ausbleiben wird. Dieses universale Glücksversprechen eines verworrenen und weichgespülten Bildungssystems, in dem der Staat allen Eltern das perfekte Glück für ihre Kinder versprechen will – möglichst jeder kann Abitur machen, möglichst jeder kann studieren, möglichst jeder kann Kanzler werden – ist an sich wunderbar, nur leider ist es nicht gerecht, weil es immer schon gelogen war. Es gibt in jeder Branche Effekte von Mangel und Überflutung, von Angebot und Nachfrage… und wenn das Bildungssystem nicht sorgfältig auf solche Tendenzen reagiert, wenn es so gar kein Konzept dahinter gibt, was wer wie wo studiert oder studieren kann, wenn anything goes die Maxime ist und wenn Unterschiede im Können durch eine zunehmend egalitäre Notenvergabe ausgeschliffen werden, dann greifen eben andere Mechanismen, die leider viel härter sind, später im Leben kommen und die in ihrer Gnadenlosigkeit viel ungerechter sind als eine frühe pädagogisch ernsthafte Härte. Nur kann dem Staat es dann eben etwas egal sein, denn den Rest regelt der böse Arbeitsmarkt, und für den kannst du als Politiker nichts, du kannst die Opfer dann mit Sozialleistungen abfedern – und die sind dann perfiderweise im Haushalt höher, viel höher, als die Bildungsausgaben. Nur – sinnvoller wäre es eben anders herum.

Und so gehst du in Dortmund an teilweise ausgezeichneten Arbeiten vorbei, bist traurig, in der Flut keine Zeit für das Einzelne zu haben, durch die Masse innerlich unruhig zu werden und nur kursorisch hier zu blättern und dort zu schauen, weil es so ist, als würden in einem Plattenladen fünfzig Alben gleichzeitig laufen. Das Zuviel, an dem die Gesellschaft ja insgesamt leidet, wird hier erstickend deutlich. Und wo es einerseits enorm Freude bereitet und Stolz macht, dass so viele junge Menschen so kreativ auf die Reise gehen, sich entdecken und testen und finden, wo es toll ist, wie jeder individuell sein Ding macht… so zynisch wird man in der Gesamtschau, wenn man sich betrachtet, wie in der Design-, Photo-, Architektur- und Filmbranche gerade Aufträge vergeben werden und wie schon die bestehende Struktur kaum noch ernsthaft aufrechterhalten werden kann. Und gerade da wirst du traurig, wegen des Missverhältnises zwischen den guten Arbeiten und den tollen Leuten hier, die mit Herzblut und Energie bei der Sache sind, und der harten Realität, die diese Leute zwingt, sich härter und schneller zu prostituieren oder unter Wert zu verkaufen, als gesund ist. Ich jedenfalls drücke den Absolventen, die hier teilweise großartige Arbeiten gezeigt habe, beide Daumen…

So, genug geredet, her mit ein paar lose geschossenen Eindrücken:

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18. Juli 2010 09:12 Uhr. Kategorie Design. Tag . 10 Antworten.

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