
Vielleicht habe ich zuviel erwartet.
Botho Strauß ist einer meiner bevorzugten deutschsprachigen «großen» Autoren und der Züricher Bruno Ganz ist ohne jeden Zweifel einer der ganz großartigen Bühnendarsteller, den ins Schauspielhaus Bochum zu ziehen schon fast Eventcharakter besitzt. Dazu kommt, daß Luc Bondys Inszenierung von Strauß’ Viol – Schändung (und der vorhergegangene Zwist zwischen Peymann und Ganz) in Paris für größte mediale Aufmerksamkeit sorgte, man also bei einer deutschen Premiere eigentlich versuchen sollte, Bondy gleichzuziehen oder besser zu überbieten. Und daß Goerden durchaus der richtige Mann für den Stoff ist, der das Thema durchziehen kann, nicht zuletzt, weil er Strauß’ Vorlage bereits gut kennt. Da darf, kann doch eigentlich nicht schiefgehen.
Im Stück selbst, einer Fortschreibung von Shakespeares Titus Andronicus, hat Strauß viel Reichtum angelegt. Schon in den Figuren gibt es wunderbare Parallelen, zwischen Lavine und ihrem Mund, ihrem Metatron, ihrem Zwilling Monika, die ja nicht ohne Grund an ihrer statt erneut vergewaltigt wird, zwischen Lavine und Tamora, die beide einen tiefen Fall erleben (von der Gotenfürstin zur Gefangenen Roms, von der Tochter des Generals zum verstümmelten Ding) und im Sex ihren Trost, ihren Lebenssinn finden, um schlußendlich beide unterzugehen. Zwischen Titus, dem Feldherrn und Ordnungsfanatiker, diesem Technokraten des Todes, dessen Söhne in der Schlacht fielen und der ohne Regung Tamoras Sohn verbrennen läßt, der seiner Tochter nie wirklich nahe kommt, und dem Mohren Aaron, dem Zyniker, dem Intriganten, dem Diabolischen dem größten Regelverstoß in Titus Welt, der am Ende die Liebe zu seinem Kind entdeckt und so findet, was Titus verloren ging, auch wenn es Aaron das Leben kostet.
Dazu kommen die üblichen Straußschen Sprengsel von Zeitgeist, wie etwa die Rahmenhandlung in der Shopping Mall, die Lukas/Lucius einführt, die Medienkritik, die fast unvermeidliche und insofern schon nahezu langweilige Folterthematik, die die Übermalung von Shakespeares Urgewalt zu einer Fabel für die Neuzeit machen oder doch zumindest machen wollen , über die Gewalttätigkeit des Menschen und das fragile Ordnungswerk, das wir über diesem Barbarismus errichten. Titus wirft es in den Wahn, als diese Ordnung, die er als Soldat in den Regeln und Bräuchen des alten Römischen Reichs liebt, zugrunde geht und sich Geilheit und Gewalt in seine Welt drängen. Es ist ein Sinnbild für die Dekadenz des Westens, den möglichen Niedergang der geschichtslos gewordenen westlichen Hemisphäre, diesem Kristallpalast, in dem wir alle leben und ficken und sterben. Es ist also schon einiges drin an hermeneutischem Lego in diesem Stück, viel Botho trotz oder wegen William, genug um das Stück lieben oder hassen zu dürfen, genug, um mit einigen Änderungen, einen grandiosen Bühnenabend hinzulegen.
Doch die Inszenierung in Bochum läßt mich, fast unerwartet, kalt. Obwohl es immer wieder Szenen gibt, die ich ansprechend finde – wie die Meta-Pressekonferenz, in der die Figuren aus sich heraustreten, oder wie die an Bowies Outside-Tour erinnenden Neonröhren von der Decke herabfallenden in der Folterszene zwischen Aaron und Titus. Es gibt den Moment, da die geschändete Lavinia still wimmernd am Boden liegt, den man hätte ausdehnen können, die Zeit bremsen, um ein wirkliches Unwohlsein zu erzeugen. Und es gibt bei Ganz Momente, wo seine Figur tatsächlich Textur gewinnt und funktioniert, mehr wird als Klischee.Vielleicht hätte ich mehr erwartet als einen Hauptdarsteller, der das Stück mißbraucht, der sich durch den Irrsinn von Titus eher woyzeckt als alles andere, sich von einer Hitlerparodie des brutalen siegreichen Generals zu einer Art «Hannibal-Lector-meets-Louis-de-Funes» wandelt, dessen Irrsinn so wenig durch den Darsteller kommuniziert wird, daß man ihm eine Hand auf die Schulter klebt, vielleicht um zu zeigen, daß Titus jemanden neben sich stehen hat. Ganz schnarrt, schreit und komödiert wie ein routinierter Bühnendarsteller, aber die Essenz der Figur bleibt unter diesem Kunstgewerbe seltsam vergraben. Zur Stille unfähig, mutiert sein Titus zur Witzfigur, zur Parodie der Parodie. Ein ruhigerer, stillerer, fokussierter Irrsinn hätte vielleicht mehr Gefühl in mir ausgelöst, hätte Empathie geschafften. Ein nach innen verdorrender, schwelender, brennender Irrsinn, der sich schließlich Bahn bricht, der hätte mich mehr begeistert als all der spritzende Speichel und die geschwollenen Adern. Auch bei Lavinia, gespielt von Lisa Stroux, wäre weniger einfach mehr gewesen. Verzeiht Freunde, wenn ich die krächzende stammelnde Figur nicht armselig (no pun intended) und mitleidsheischend fand, sondern nur albern. Auch Strauß Schuld, der konsequent die Stumme hätte stumm sein lassen müssen, ohne ihr ein menschliches Mundwerk zur Seite zu stellen. Die zuckenden Bewegungen, die gutturalen Laute, all das soll das Elend der Unkommunikation greifbar machen und ist doch zuviel Kommunikation. – = + wäre hier ein Weg gewesen, die größere Herausforderung für Autor, Regie, Darsteller. So ist es absurd, die stumme Tochter wird zum Plappermaul, zur geil krächzenden Lachnummer, die eher in eine Talkshow gehört. Was an sich auch ein Ansatz ist, aber das tragische wicht dem (unfreiwillig? gewollt?) Komischen, ohne wirklich jemals ganz eins von beiden zu sein. Vielleicht fehlt Stroux auch die Gnadenlosigkeit, der ungebremste Bühnennarzismus von Dörte Lyssewski, der ich schon zutraue, die Balance des lebenshungigren Torsos zwischen Albernheit und Trauer, zu stemmen. Stroux, durchaus ein Talent, scheitert hier vielleicht noch. Die finale Auflösung, in der Tamora ihren von Monika und Titus, inzwischen in wunderbarem Elektra-Komplex zum Paar mutiert, gekochten Sohn verzehrt, ist so abgegriffen und so mau, daß man ihn bitte hätte entweder nie so schreiben dürfen oder in der Dramaturgie komplett hätte ändern müssen.Das ausgerechnet Ganz nahtlos das Ende von Hannibal nachspielt (ganz zu schweigen davon, daß die Idee bereits in unzähligen Filmen, sorry, eben verwurstet wurde), das hätte nicht sein dürfen. Es ist nicht grausig, es ist banal und langweilig, es ist die Wiederholung eines Medienklischees, das bildgewordene Hinterherhinken des Theaters.

Apropos Bild: Das Bühnenbild, mich seltsam an Hartmanns Handschrift erinnernd, macht aus Rom ein Spinnennetz, umgeben von komplex wuselnden Linienkonstruktionen, gekrönt von dem Logo «Amor», das – eine doch etwas platte – Brücke zwischen dem fiktiven Shoppingcentre und Rom(a) schlägt. Wobei man Amor eben vergebens in Strauß Stück sucht, denn niemand hier findet Liebe – außer vielleicht Aaron, übrigens phantastisch gegeben von Martin Rentzsch, der mich neben Ulli Maier am ehesten mitreißt – der Rest der Figuren landet eher in den Armen von Eros und Thanatos den beiden Trieben, die fast ausnahmslos die seltsamen Wandlungen der Handlung bestimmen. Geilheit und Zorn. Das Bühnenbild an sich ist… so zeitgemäß, wie eine Cocktailbarlounge. Dunkles Holz, illuminiertes transluzentes Plastik, schwarze und weiße Lederinseln. Es ist ein Wohnzimmer und so relaxt plätschert auch das Stück hin.
Nach Goschs exzessiven Macbeth ist man vielleicht verdorben. Denn wo die Chance zu Radikalität liegt, in dem Stück, wo man – wie in Gaspar Noés Irreversibel – das bürgerliche Publikum hätte verstören können und dürfen und vielleicht auch müssen, da bleibt es in Bochum brav. Brav. Brav. Gewalt findet Off-Screen statt, unsichtbar, und das nicht einmal phantasievoll. Wo der Stoff nach einem Exzeß an Blut und Schock geradezu schreit, ist das schockierndste wohl, einige Millisekunden Maier und Rentzsch nackte Körper zu sehen. Der Rest…? Schweigen. Oder besser: Plappern. Die Vergewaltigungen, oder ihre Ansätze, die man auf der Bühne sieht, haben eher boulevardesken Charakter, sind zugetextet, ohne Intensität, ohne Energie.
Man mag das sehen als Reaktion auf die Welle von «Schocktheater»-Ansätzen, als den Wunsch, sich einem Blut-und-Ekel-Ansatz zu entziehen, zur Essenz zu kommen, der eigenen Abstumpfung zu begegnen. Vielleicht ist man auch müde, noch ein Stück zu 9/11 und Folter und Abu Ghuraib zu machen. Auch wenn genau diese Sachen im Programmheft thematisiert werden, so, als fänden sie auf der Bühne tatsächlich statt, als wäre da mehr als nur Andeutungen und eine allzu vorhersehbare Anspielung auf Folter und Rassismus.
Glasklar. es hat auch etwas mit der Handschrift von Dramaturgie und Regie zu tun und ich respektiere das. Aber es hat auch etwas zu tun, vielleicht, mit der Angst vor dem Publikum, mit dem Versuch, nicht anzuecken, in einer Stadt, die wahrscheinlich für etwas mehr Ecken und Kanten im Theater durchaus empfänglich wäre, weil sie sich – teilweise ja zu Recht – als eine der Spitzenstätten deutschen Theaterschaffens sieht. Leid und Lust, das zentrale Thema des Stückes, bleibt so aber außen vor, der Stoff wirkt entkernt, kastriert.
Was bleibt, und vielleicht habe ich zu viel erwartet, ist Brei. Blendwerk, das versucht, die Entkernung dekorativ zu umfloren. Das Stück ist nicht komisch, aber auch nicht tragisch, nicht politisch, aber auch nicht persönlich, nicht mitreißend, aber eben auch nicht wirklich schlecht. Es tut nicht weh, es reißt nicht mit. Es ist solide, es will nett sein, es will doch nur spielen… es ist das, was halt in deutschem Stadttheater allzu oft so läuft. Aber eben nicht mehr. In nahezu keiner Sekunde wirklich mehr. Es ist ein Bausparvertrag, aber eben kein Theater. Am Ende bleibt mir die Langeweile, wo mir andere Inszenierungen mit durchaus weniger Aufwand nahezu das Herz rausreißen, oder mich begeistert über so viel Mut böse grinsen lassen oder mich wenigstens, wenigstens, klug und ehrlich unterhalten, meinethalben auch nur zum Lachen bringen. Nichts von alledem passiert, das Ganze bleibt so unambitioniert wie auch das Abendprogramm, das nur funktionieren will, nur lieb Text und Bild liefert, ohne einen eigenen Geschmack zu hinterlassen, das nicht anregt oder wenigstens aufregt. Theater, unterm Strich, das farblos bleibt und müde wirkt.
Und das in einer Zeit, in der Theater wie lange nicht mehr brennen könnte. Brennen sollte.
Aber vielleicht erwarte ich ja zuviel.
13. April 2006 11:55 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.