Wenn man inmitten mehrerer schwerer Jobs steckt, ist es, als wäre man unter Wasser. Die Arbeit beginnt sehr früh morgens, meist stehst du um fünf oder sechs auf und hast schon einen halben regulären Arbeitstag hinter dir, wenn die ersten Leute im Büro eintrudeln, meist endet er irgendwo zwischen 23:00 und 3:00 Uhr, vier bis acht Stunden nach Büroschluß. Da bleibt in den ganz harten Phasen (zu) wenig Zeit für Presse, der Spiegel und die Zeit bleiben ausnahmsweise ungelesen, Bücher werden nur stockend weiter gelesen, TV und Radio werden wegignoriert, man bloggt nicht, liest weniger online. Man ist unter Wasser, in der ja auch wunderbaren Zielstrebigkeit eines Jobs, der deine volle Konzentration braucht, in der Verantwortung für mehrere simultan laufende Projekte. Wenn man dann kurz an die Wasseroberfläche kommt, um Sauerstoff zu tanken, blickt man in die Nachrichten, in eine Zeitung, Online-News und entdeckt, daß die Welt anders wirkt, wenn man kurz aus ihr heraus war. Es ist wie mit Leuten, die man lange nicht gesehen hat, die sich nicht graduell Tag um Tag verändern, sondern die man nur einmal im Jahr trifft und dann deutlicher Veränderungen wahrnimmt… das klassische «Du bist aber groß geworden»-Syndrom. In diesem Fall brennen in Paris die Vorstädte (die Zukunft des Ruhrgebiets), in Mar de Plata toben die Demonstrationen gegen den spätkapitalistischen Kurs der USA, die zeitgleich überlegen, daß Folter doch eigentlich eine denkbare Sache ist; die Politik in Berlin ist in der Kernschmelze. Alles also wie immer, wie auch New Orleans einfach nur passiert ist, wird würden heute ja auch achselzuckend und spendenquittungschreibend wegstecken, wenn in Indien ein zweites Chenobyl passieren würde. Unvermittelt aus dem Wasser kommend, ist das aber alles ordentlich absurd, zu grell und direkt, eine Welt wie aus einem schlechten Buch, Cabaret Bizarre. Die Vororte von Paris, wie stets, zeigen die Zukunft. Die Sequel der Rassenunruhen von LA, in einem Land, daß sich seiner multikulturellen Politik stets offiziell rühmt, zeigen ein grandioses politisches Scheitern.. und die einzige Antwort des Staates auf die sich Weg bahnende Frustration ist Gegengewalt. Law-and-Order, Druck, Kontrolle, Angst und irgendwann eben doch RFID für alle. Sarkozey und Villepin setzen auf die Methoden der Ungeziefervernichtung, und machen wir uns nichts vor, würde sich in Deutschland sozialer Druck so energetisch ausdrücken wie in Frankreich (wo es in diesen Dingen ja seit eh und je etwas schwungvoller zur Sache geht), die deutsche Politik würde nicht anders reagieren. Paris ist die Zukunft von Dortmund und Gelsenkirchen. Und so kommt alles zusammen: Die Unruhen in Paris, der Politik-Sepukku der Berliner Republik, die die gleichen Züge von Hilflosigkeit offenbart wie die Grande Nation, der Ex-Grüne Otto Schily, der Chips in Ausweise und Sammellager in Nordafrika befürwortet, Cheneys Wunsch nach mehr Foltermöglichkeiten für Systemabweichler (und wie groß ist der Unterschied zwischen randalierenden Jugendlichen, die Autos in Brand stecken und Jugendlichen, die sich mit Suizid-Bomben in die Luft jagen? Es ist nur eine Frage des Bodycounts und der politischen Windlage), die Abgrenzung der USA gegen jede Kritik von außen, egal wie berechtigt sie sein mag. Wenn du aus dem Wasser nach oben kommst, ist das für einen kurzen Moment eben nicht insulär, sondern eine Momentaufnahme.
Und dann wieder ins Wasser, in die Ruhe, für eine Woche noch
5. November 2005 06:25 Uhr. Kategorie Leben. Keine Antwort.