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Salt

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Der pornographische Actionfilm
Im finalen Moment des Films, in dem die kurzhaarig androgyne Angelina Jolie ihren teigigen Gegenspieler Winter mit ihren Handfesseln erdrosselt, erschallt zwei Reihen hinter mir im Kino ein lautes «Boah! Geil!«, als habe er gerade einen Orgasmus. Was durchaus nicht so unpassend ist, funktioniert «Salt» doch hauptsächlich nach dem pornographischen Prinzip: Wenig Handlung, viel Action. Nahezu unberührt von Logik oder Charakterisation, türmt der Film von Philip Noyce (der mit der damals noch am Karriereanfang stehenden Jolie immerhin auch The Bone Collector drehte) Verfolgsjagd auf Verfolgungsjagd, Schießerei auf Schießerei und schafft so einen Film, mit dem die Actionbranche der Eskalationsstrategie der Pornoindustrie folgt. Figuren, Wendungen, Handlung im tieferen Sinne – jegliche Nuancen einer normalen Erzählung werden hier bestenfalls zum Kitt degradiert, mit dem sich der Film von einer exploitativen Actionsequenz zur nächsten hangelt, in einer Art und Weise, die das Großhirn total umgeht und sich bestenfalls direkt an das Stammhirn wendet – «Boah! Geil!» eben. Obwohl «Salt» beileibe nicht der härteste oder brutalste Actionfilm ist – Gewalt und Blut halten sich sogar verhältnismäßig konservativ in Grenzen – gehört er zu den mit stumpfsten und es ist fast verblüffend, Jolie in einer Rolle zu sehen, die zwar für Tom Cruise geplant, aber wahrscheinlich besser von Jean Claude van Damme besetzt gewesen wäre. Denn tatsächlich sind für den Film weitgehend egal, welche Motive und welchen Background die Figur «Evelyn Salt» hat, selbst wenn uns halbherzige Rückblenden etwas anderes suggerieren wollen – wichtig ist nur der lokomotivenartige Impetus nach vorn, vorn, vorn. Selbst andere Genre-Filme wie solche aus der Bond-Serie sind weniger zustoßend, weniger atemlos – ganz im Gegenteil, «Casino Royale» wirkt nahezu wie eine Charakterstudie gegenüber «Salt». und das obwohl Jolies Film eine ganz neue, unbekannte und im Ansatz her durchaus interessante Figur vorstellt. Denn obwohl die Idee der doppelten Doppelagentin und Russland-USA-Überläuferin alles andere als neu ist, ließe sich aus der Protagonistin ohne Zweifel eine Menge Charakterisierung und Zerrissenheit melken – aber dafür haben Noyce und sein Drehbuchautor Kurt Wimmer keine Zeit.

As seen on TV
Es spricht vielleicht für die Qualität selbst zweitklassigeren US-Fernsehens, wenn das Kino sich so unverblümt seiner Ideen annimmt. «Salt» erinnert bereits in der allerersten Minute an «24» und Jack Bauers Foltererlebnisse in China, auch die generelle Getriebenheit und Ruhelosigkeit des Films sowie der nahezu unweigerliche nukleare McGuffin erinnern an «24» zu seinen besseren Zeiten. Neben Elementen, die an «Mission Impossible», die Bourne-Filmserie oder die Comicfigur Black Widow erinnern, bedient sich der Film aber vor allem bei J.J. Abrams Fernsehserie Alias, nicht nur visuell, sondern bis in Plotdetails hinein. Deep-Undercover-Spionage, wirsche Wendungen, Freunde, die zu Feinden werden und nicht zuletzt die Idee von Kindern, die gezielt zu Superspionen herangezüchtet werden – alles bereits (besser) in Jennifer Garners Serie abgehandelt. Tatsächlich wird «Salt» deutlich erträglicher, wenn man ihn mental umcastet und als «Alias – The Movie» zu sehen versucht. Denn der Hang zu abstrusen, völlig unsinnigen Plotwendungen, zu ständiger Verkleidung, zu sinnloser Action und zu unsinnigen, veralteten Feindbildern prägte ja auch die Fernsehserie – allerdings eingebettet in eine feine augenzwinkernde Ironie, und mit einer Hauptfigur, die zumindest in den ersten Staffeln noch so etwas wie eine Dreidimensionalität durch Privatleben und Supporting Cast hatte, so dass man als Zuschauer zur Protagonistin eine Art Bindung aufbauen konnte, selbst wenn der Rest der Serie eine völlig groteske Überzeichnung war –, ein Comic, eine postmodern gewandelte Hommage an die 60s-Agentenserien aus Abrams Kindheit. «Salt» verzichtet auf den Luxus von Humor und Charakterisierung, und weil der Film zugunsten von plötzlichen Wendungen versucht, den Zuschauer streckenweise über die Motivation der Hauptfigur im Unklaren zu sein, versinkt Evelyn Salt schon nach kürzester Zeit in das Klischee der harten schweigenden Kämpferin, die der Kamera bestenfalls mal einen schmerzvollen Blick schenkt, der auf innere Qualen hindeuten soll. Wobei man dieses Harte-Schale-weicher-Kern-Syndrom wiederum nur zu gut eben von Kiefer Sutherland kennt, der dieses Klischee als Jack Bauer in «24» zu Tode geritten hat. Das einzig bemerkenswerte ist, dass die Rolle, die ansonsten die übliche Männer-Position wäre, hier von einer Frau gespielt wird…

Lost in Androgynity
Es ist ja bekannt, dass ursprünglich Tom Cruise die Hauptrolle in Salt übernehmen sollte. Wie unbemerkenswert der Film erst mit einer männlichen Hauptrolle sein würde, ist kaum auszumalen – man darf davon ausgehen, das Jolies Status als globaler Superstar den Film vor den Direct-to-DVD-Schicksal bewahrt hat, denn selbst ein Tom Cruise hätte keinen Film retten können, der ein solch plattest Testosteron-Spektakel ist. «Salt» ist beileibe nicht der erste Film, in dem die männliche Hauptrolle ohne große Eingriffe in das Drehbuch gegen eine weibliche ausgetauscht wurde – berühmtestes Beispiel ist Ridley Scotts Alien, in dem die Figur Ripley (Ripley/Ridley…) im Drehbuch zur Frau umdeklariert wurde und somit zu einem der drei Filme wurde, in dem Sigourney Weaver als Frau einen Job für Männer erledigt. Was in Alien bahnbrechend war – eine Frau als Clint-Eastwoodesque harte, schweigsame Fighter-Persönlichkeit (die nur einmal typisch weiblich wird als sie die Bordkatze Jones rettet) – ist heute längst nichts Neues mehr. Und obwohl auch Jolie den Film beileibe nicht retten kann, gibt sie der voyeuristischen Härte des Films eine seltsame Note, einen Bruch, der allein in ihr als Schauspielerin begründet liegt. Jolie hat sich in der letzten Dekade von der üppigen Lara-Croft-Figur zu einer ultramodernen, fast anorektisch anmutenden neuen Verkörperung des modernen Körperwahns gewandelt. Fast ohne Oberweite, mit dünnen Armen mit stark sichtbaren Adern, dagegen gigantisch wirkenden Händen und Füßen, an jeder Actionszene (angeblich) ohne Stuntfrau beteiligt, personifiziert sie hier eine neue Androgynität, die nichts mit der weichen 80s-Austauschbarkeit der Geschlechter zu tun hat, in der die Männer weich und schlaksig wurden und die Frauen etwas lesbian chic mit kurzen Haaren abgelichtet wurden… Jolie tritt das Erbe der späten Sigourney Weaver an, die in Drillich, mit Glatze und muskulösen Armen auf Monsterjagd ging, und verpackt diesen Look mit einem neuen Glamour. In ihrer Welt sind die Männer teigige Weicheier – ihr Mann ein blasser Insektenforscher, ihr Gegenspieler Liev Schreiber ein übergewichtiger Verlierer (der grandiosesweise, kaum als Russe getarnt, einen russischen Akzent annimmt, ohne das dies im geringsten ironisch gemeint wäre). Während Jolie (als Amerikanerin blond, als Russin schwarzhaarig) sich scheinbar in ihrer weiblichen Rolle, unter zu langen Perücken stets unwohl fühlt, und nur aufzublühen scheint, wenn große Mützen ihre Haare verbergen und nur noch ein Hauch Make-Up ihrem perfekt asexuellem Gesicht mit den markenten Wagenknochen so etwas wie Feminität einhaucht. Am Ende des Films verkleidet sich Jolie als Mann (noch ein Alias-Anklang) und scheint hier als Salt endgültig bei sich angekommen zu sein. Wenn auch unter einer erneut albernen Perücke, die huthoch auf den aufgetürmten echten Haaren der Darstellerin sitzt als wäre man in einer sechziger-Jahre-Klamotte – als gefühllose, eben männliche Killermaschine mit kalten Augen und ohne Bindungen läuft Salt am Ende des Films ihrer eigenen Freiheit entgegen. Es darf bei einem solchen Film als unfreiwillige Metapher verstanden werden, dass die (übrigens einzige) weibliche Hauptfigur in einer Männeruniform ihre wahre Bestimmung findet, härter und männlicher wird als ihre maskulinen Widersacher, und diese ohne jede Spur weiblicher Softness umbringt. «Boah! Geil!» eben. Wie in dem feministischen Klischee, nach dem du härter werden musst als die Männergesellschaft, um als Frau darin nach oben zu kommen, findet Salt erst zu sich, nachdem ihr Ehemann umgebracht, ihre Vergangenheit ausgelöscht, ihr Beruf hinfällig ist und sie als Tabula Rasa in den Wald (und die unweigerliche Fortsetzung) flieht. Die Frau-in-Hosenrolle-Wendung ist nun beileibe nicht neu, GI Jane wäre ja auch so ein Beispiel, aber selten ist sie so geschlechts- und erotikfrei, so asexuell, abgeliefert worden wie von Jolie, die hier zwar enigmatisch, aber nie erregend inszeniert ist, die immer kühl und fremd bleibt und die auch nie «one of the guys» ist wie etwa Demi Moore. Im Gegenteil: Jolie, trotz aller Kampfszenen, trotz Schweiß und Nahaufnahmen, entpuppt sich im Verlauf des Films als wundersam fremder Alien in diesem Film, als Android. Ob Sie Amerikanerin ist, oder Russin, gut oder böse, ob sie fühlt oder nur einer tief verankerten Programmierung folgt – das bleibt uns als Zuschauer meist ebenso egal, wie dem Regisseur. «Salt» liefert uns in Form des Insektenforschers Krause nicht ohne Grund eine Metapher für das Entpuppen, für die Verwandlung – Evelyn Salt bricht in diesem Film aus dem Kokon eines normalen Lebens als arbeitende Hausfrau, die als Agentin ihren anscheinend zu Hause arbeitenden Mann erträgt und ihre männlichen Vorgesetzten, und wandelt sich zurück zu dem, was sie in Gefangenschaft zu Beginn des Films scheinbar schon einmal war… eine kalte, harte, in sich versunkene Maschine, eine Art weiblicher Terminator. Als glücklich darf man diese Wandlung wohl kaum betrachten, und so ist es bemerkenswert, dass Jolies Wandlung zum stereotypen Actionhelden eher Mitleid als Begeisterung auslöst. Was vielleicht nur denkbar ist, weil wir bei einer weiblichen Hauptrolle diese Wendung zum stumpfen Killer – die wir bei männlichen Protagonisten als Standard akzeptieren – noch wenigstens etwas verstörend finden. Schade ist nur, dass das schon das einzig Gute ist, was man zu diesem Film schreiben kann.

20. September 2010 09:37 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

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