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SAISONHEFTE

Seit letzter Woche sind zwei Muster der Saisonhefte von Theater und Philharmonie Bielefeld hier. 144 und 128 Seiten stark, beide zeitgleich gemacht. Aufgrund des knappen Budgets im Kulturbereich sind beide Hefte vom Papier und auch vom Druck her Kompromisse, trotz aller Anstrengungen und der zum Teil phantastischen Leistungen aller Beteiligten. So wie es ist, haben wir mit einem sehr begrenzten Geldeinsatz zwei Spielzeithefte geschaffen, die im Kern deutlich teurer wirken als sie sind. Ich hätte mir sicher gern dickeres Papier, Broschurumschläge, eine Veredelung am Cover und so weiter gewünscht, aber bereits so haben wir gemeinsam mit Buschdruck und dem Verhandlungsgeschick von Susanne Wissen, die der Dreh- und Angelpunkt zwischen der Stadt, mir und den Druckern war, in einigen Punkten deutliche Schritte nach vorn gemacht. Die Werbe-Anzeigen, die Saisonhefte visuell ja immer etwas auf Stadtanzeiger-Niveau herabziehen, sind im Innenteil weitestgehend heraus, auch wenn U2 bis U4 für Hauptpartner verwendet wurden. Die Sponsorenlogos sind dezenter, so daß die Partner weniger störend, integrierter wirken. Wir zeigen, nachdem die an sich tollen Photos von Wolfgang Zurborn in den letzten Jahren eher künstlerisch-poetisch waren, aber eben einfach weit weg vom Theater als lebendes, pulsierendes Ganzes, einfach einmal das Ensemble als solches, als Stars des hauses und somit Heftes, in den wunderbaren Photos von Philipp Ottendörfer. Ich bin sonst immer eher für thematisch gebundene Hefte, aber hier kam einfach die historische Einzigartigkeit der gigantischen Baustelle zusammen mit der Tatsache, daß ein tolles Ensemble jahrlang fast unsichtbar in den Heften war. Und da ich immer gern das Gegenteil von dem mache, was vorher passiert ist…. :-D. Das Heft ist ansonsten fast unbunt, auch hier nach all den recht cyanorangegrünrot farbig unterlegten Heften der Vorjahre ein Detail, das einfach etwas mehr Ruhe schafft, den Blick auf die Bilder lenkt, nicht auf sich selbst verweist. Mein erstes Ziel ist hier, mit der neuen Intendanz einen soliden, ruhigen Auftritt zu etablieren, der weniger werberisch wirkt und eher auf Bilder setzt, in dem wir selbst als Designer fast unsichtbar sind. Das Heft ist mit einigen Ausnahmen im Grunde recht neokonservativ gehalten und somit Trendsetter für meine Phase 1 in Bielefeld, nämlich einen ruhigen, etwas britischen Look zu etablieren, um dann in späteren Phasen nach und nach den Takt zu ändern und etwas tougher zu werden… die zweite Saison stelle ich mir zum Beispiel bereits deutlich opulenter im Look vor, passend zum Wiedereinzug ins wunderschöne Stadttheater.

Bei den Philharmonikern ist mein Glücksfaktor die 32-seitige Strecke mit den Mozart-Paraphernalien. Welcher Kunde erlaubt dir schon, so einen Irrsinn zu machen? Völlig wertlose Artikel derart hintereinander zu reihen, in der Hoffnung, daß diese Duchamp’sche Verkettung von Kommerztrash bei den Betrachtern irgend etwas auslöst. Der Rest des Heftes ist – budgetbudgetbudget– schwarz-weiß, was aber auch gut harmoniert mit den wie stets wunderschön querdenkenden Bildern von Thomas Bogdan, der den klassischen Look von Orchesterphotos trifft und in den Motiven doch so völlig anders arbeitet, weg von der Pinguin-an-Geige-Ästhetik, hin zu einem intimen Insiderlook, den er als Oboist des Orchesters eben wie kein zweiter haben kann, mit einem Auge für Fläche, ruhe und Detail, das beneidenswert ist. Quasi als «Wiedergutmachung» für das sehr abgefahrene (und inzwischen zweimal preisgekrönte) Heft letztes Jahr und den auch hier nicht ganz unkontroversen Startteil (oh, ich höre schon die Anrufe bei Tilman Böttcher), auch relativ buchartig und brav gestaltet, was sich bei s/w auch einfach eher anbietet. Auch eine schöne Gelegenheit, mit Frank Heines Tribute etwas Spaß zu haben. Die nicht wirklich hochwertig anmutende Realisierung der Hefte wird sie als Wettbewerbsteilnehmer wahrscheinlich für uns disqualifizieren, und sie waren auch nicht als solche gedacht, sondern ganz hart auf das Publikum und auf eine konkrete Problemlösung zugeschnitten, als seriöse Balance zwischen neuen Impulsen und einer sehr designfreien, pragmatischen Gestaltung. Mich stört, daß so viele Theater und Orchester inzwischen Saisonhefte machen, die ausshene wie Magazine, wie Imagebroschüren von Mittelständlern, bei denen es nur ums Verkaufen, Verkaufen, Verkaufen geht. Wichtiger finde ich die Schaffung von Metakontexten und Stories, von einem Gewebe, das sich durch die Saison zieht und dann in der nächsten Saison neu erfunden werden kann. Solche Hefte sollten sein wie Bücher von Autoren. Irgendwie schon wiedererkennbar, aber immer mit einer neuen Story, einem neuen Ansatz. Und sie sollten eine Ausrede sein, die künstlerische Arbeit vor dem Publikum im Printmedium fortzusetzen, zu reflektieren, zu inszenieren, zu spielen. Nicht einfahc nur als Werbeträger. Werbung gibts genug… und die funktioniert schon bei den großen Firmen nicht, wie soll sie dann für die kleinen Kulturhäuser funktionieren, die kein Budget für Spending haben? Besser klein, anti-werberisch und einfach im Rahmen des Machbaren auch provokant. In dieser Hinsicht bin ich mit beiden Heften unter den gegebenen Umständen hochzufrieden im Vergleich mit anderen Saisonheften. Allein die Ruhe der beiden Umschläge ist ein schönes Ding geworden. Das Daumenkino. Die komischen Pfeile, die die Stücke (für den, der es verstehen mag) in eine chronolgische Ordnung bringen. Die Mozart-Artikel, die tollen Erinnerungs-Texte. Beide Hefte haben ihre Kompromisse, ich hätte mir beide etwas besser vorstellen können, aber damn… wenn ich bedenke, daß andere Häuser mit dem dreifachen Geld nicht den Mut und die Vision haben, die mir Heicks und Kuhn, Wissen und Boettcher in Bielefeld entgegenbringen, ist das vielleicht eben auch egal. Ziel des Marketings in beiden Häusern ist ja, sie im Auftritt gleichzusetzen mit Häusern, die deutlich besser budgetiert sind, nicht zuletzt, um so auch etwas überregionales Interesse für das Theater und die Philharmonie zu wecken. Nicht auszudenken, was man machen könnte, wenn man in Bielefeld und den tollen Partnern dort das Budget von Hamburg oder Berlin hätte :-D.Und hier die lange Bilderflut…
















































27. Juli 2005 12:16 Uhr. Kategorie Arbeit. Eine Antwort.

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